VIII. Triumph und Vollendung
Drei Wochen nach Abwurf der amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und
Nagasaki findet am 2. September 1945 mit der offiziellen Kapitulation
Japans der blutigste Krieg der Geschichte sein Ende. Dessen kulturgeschichtlichen
Auswirkungen lassen sich mit denen der Französischen Revolution vergleichen,
nur betreffen sie diesmal nicht bloß Europa, sondern die gesamte
Welt. Diese ist von nun an in zwei Blöcke gespalten; deren Grenze
verläuft mitten durch das verwüstete Europa, das seine politische,
wirtschaftliche und geistige Führungsrolle an die neuen Weltmächte,
die USA und die Sowjetunion, abgetreten hat. Unter den Trümmern der
alten Welt liegt auch deren bisheriges Selbstverständnis begraben.
In wenigen Jahrzehnten haben der Erste Weltkrieg, der Spanische Bürgerkrieg
und schließlich der Zweite Weltkrieg sowohl das zerstörerische
Potential moderner Wissenschaft, Technik und Industrie, als auch das Versagen
menschlicher Vernunft und moralischer Wertstrukturen aufgezeigt. Das Ausmaß
der Zerstörung und des Grauens, das ein so zivilisiertes Land wie
Deutschland, Heimat großer Denker, Dichter und Musiker, über
die Welt gebracht hat, die Entdeckung der Konzentrationslager und die
Kunde von der systematischen Vernichtung von sechs Millionen Juden, die
Bilder der Häftlinge, der Massengräber, Gaskammern und Krematorien
von Auschwitz, Dachau, Treblinka einigen nicht nur die ganze zivilisierte
Welt in der einhelligen Verurteilung der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft,
sondern zerstören auch die letzten Illusionen von der geistigen und
moralischen Ueberlegenheit der abendländischen Zivilisation.
Alle progressiven, liberalen und antibürgerlichen Tendenzen erscheinen
dadurch in einem neuen Licht und gewinnen, obwohl sie untereinander oft
unüberbrückbare Gegensätze aufweisen, eine neue Rechtfertigung
und ein erhöhtes Ansehen. Diese Neubewertung bestimmt das Geistesleben
der westlichen Demokratien und wirkt sich insbesondere auf deren künstlerisches
Bewußtsein aus. Vieles von dem, was der alten Kultur angehört,
wird mit dem Europa der Nationalstaaten, mit dem Machtstreben, den Traditionen
und den Wertstrukturen gleichgesetzt, denen letztlich die Schuld an der
überstandenen Katastrophe zugeschrieben wird. So stellt die davon
unbelastete moderne Kunst eine der wenigen noch idealisierbaren Leistungen
der westlichen Kultur dar. Ihre Verurteilung und Verfolgung durch die
Nazis hat sie zum Sinnbild des geistigen Widerstandes, der Integrität
und der Kontinuität eines liberalen europäischen Bewußtseins
erhoben. In allen westeuropäischen Ländern und in den USA werden
nun die großen Meister der Moderne einzeln oder in großen
Uebersichtsausstellungen einem breiten Publikum vorgestellt. Die Outsider
und Revolutionäre der Vorkriegszeit werden zu etablierten Größen.
Während diese ihren verspäteten Triumph feiern, wobei einzelne
unter ihnen - ich denke an Matisse und Giacometti gerade - jetzt ihre
bedeutendsten Werke schaffen, fehlt es der folgenden, durch den Krieg
psychisch geschädigten europäischen Künstlergeneration
vorerst am Willen und an der Kraft, um die bisherige künstlerische
Entwicklung in schöpferischer und erneuernder Weise fortzuführen.1
Diese Aufgabe fällt den unverbrauchten und unbelasteten amerikanischen
Künstlern zu, welche die moderne Kunst eben erst für sich entdeckt
haben und danach streben, den Werken ihrer bewunderten Vorbilder etwas
Ebenbürtiges, doch Eigenes - Amerikanisches - zur Seite zu stellen.
Schließlich sind sie die Retter der Alten Welt, sie haben Europa
vom Joch der Naziherrschaft befreit; dank ihnen hat die Demokratie gesiegt.
Die differenzierten, meist kleinformatigen Bilder ihrer älteren europäischen
Kollegen sind ihnen zu intim und zu persönlich, zu wenig radikal
und konsequent, als ob sich deren Schöpfer des Wertes und der geschichtlichen
Bedeutung ihrer künstlerischen Leistung nicht sicher wären.
Ihre eigene Malerei soll kompromißloser, offener, direkter, freier
sein. So entnehmen sie dem Vokabular ihrer Vorläufer die elementarsten
Gestaltungsmittel und rekapitulieren damit auf riesigen Bildformaten die
wesentlichen Errungenschaften der europäischen Moderne. Mit ihren
äußerst einfachen, prägnanten und plakativen Ausgestaltungen
schlagen die Amerikaner dabei einen Weg ein, der Schritt für Schritt
zu einer immer unpersönlicher und anonymer wirkenden Kunst führen
sollte. Auch diese, bis Mitte der siebziger Jahre dauernde Entwicklung
verläuft vierspurig und läßt die dem Leser inzwischen
bekannten künstlerischen Grundhaltungen erkennen: die realistische,
die strukturelle, die romantische und die symbolistische.
1. Mystische Verschmelzung durch Rausch und Meditation: die ungegenständliche Romantik
Im veränderten kulturellen Klima der Nachkriegszeit betreten erstmals
die USA die internationale Kunstszene. Jung und mächtig, fortschrittlich
und demokratisch, Zentrum moderner Technik und Industrie, Schmelztiegel
der unterschiedlichsten Völker und Rassen und Heimat der beiden neuesten
und populärsten Kunstformen - des Jazz und des Films - vertreten
die vom Krieg unversehrten Vereinigten Staaten wie kein anderes Land die
Hoffnungen und Ideale der Nachkriegszeit.
Vor und während des Krieges waren unzählige Vertreter der geistigen
Elite Europas auf der Flucht vor der Verfolgung durch den Nationalsozialismus
nach den USA emigriert. Europäische Philosophen und Psychoanalytiker,
Dichter, Musiker und Filmemacher, Künstler und Architekten, sowie
die nach dem Krieg eingereisten Wissenschaftler übten einen enormen
Einfluß auf das amerikanische Geistesleben aus und setzten damit
eine Entwicklung in Gang, dank der die größte Wirtschaftsmacht
der Welt während der folgenden Jahrzehnte auch kulturell eine Führungsrolle
übernehmen sollte.
Im Gefolge der legendären Armory Show, die 1913 die amerikanische
Öffentlichkeit erstmals mit moderner Kunst konfrontiert hatte, nahm
das Interesse der Amerikaner an den neuen Ausdrucksformen ständig
zu. 1929 wurde in New York das Museum of Modern Art eröffnet,
dem die Gründung ähnlicher Institute in anderen amerikanischen
Städten folgte. Kurz darauf trafen die ersten europäischen Künstler
auf der Flucht vor der Naziverfolgung in den USA ein und begannen, als
Lehrer das Gedankengut der Moderne zu verbreiten. Laszlo Moholy Nagy gründete
in Chicago das New Bauhaus, Josef Albers lehrte am Black
Mountain College in North Carolina und Hans Hofmann an der Arts
Student League in New York.
Kurz nach Kriegsausbruch traf die zweite große Welle der europäischen
Auswanderer ein. Unter diesen befanden sich Vertreter aller damals aktuellen
Stilrichtungen. So versammelt ein 1942 in New York aufgenommenes Foto
neben den Surrealisten Matta, Tanguy, Ernst, Masson und Breton auch Chagall,
Zadkine, Lipschitz, Ozenfant, Léger und Mondrian (Abb. 325). Ihre
ersten wichtigen Impulse verdankt die neue amerikanische Malerei jedoch
vor allem den Surrealisten.
Die ersten Amerikaner, die aus diesen Anstößen und Einflüßen
ein eigenes Werk entwickeln, sind William Baziotes und Arshile Gorky.
Sie verschreiben
sich einem zeichenhaften Surrealismus, der mit seinen biomorphen, vegetabilen
Formen und seiner spontanen, kalligraphischen Linienführung an Bilder
von Klee, Miró und Masson gemahnt (Abb. 326, 327). Damit fügen
sie sich trotz ihrer individuellen Eigenart noch widerspruchslos in den
Rahmen des damals bereits Bekannten.
Einer Malerei, die sich in wesentlichen Aspekten von ihren europäischen
Vorbildern unterscheidet, begegnen wir erst im Werk von Jackson Pollock
(1912-1956). Pollock, der 1929 von Kalifornien nach New York übersiedelt,
wo er an der Arts Student League die Kurse Thomas Hart Bentons besucht,
orientiert sich während den dreißiger Jahren vorerst an Picasso
und Diego de Rivera, bis er sich dann unter dem Einfluß der New
Yorker Exileuropäer einem zeichenhaften Surrealismus zuwendet. Dazu
meint er in einem Interview: "[...] wichtig ist es daher, daß
großartige Maler aus Europa jetzt bei uns sind, denn sie bringen
das Verständnis für die Probleme der modernen Malerei mit herüber.
Sehr früh beeindruckt hat mich ihre Auffassung, daß der Ursprung
der Kunst im Unbewußten liege. Diese Vorstellung interessiert mich
mehr als die einzelnen Maler, zumal Picasso und Miró, die ich am
meisten bewundere, noch in Europa sind."2
Den Durchbruch zur eigenen Sprache schafft Pollock kurz nach Kriegsende,
als er eine Arbeitsweise entwickelt, die eher einem dionysischen Tanz
als dem üblichen Handwerk entspricht und die er folgendermaßen
beschreibt: "Meine Malerei geht nicht von der Staffelei aus [...]
Ich ziehe es vor, die ungespannte Leinwand an der Wand oder auf dem Fußboden
zu befestigen. Ich brauche den Widerstand eines harten Untergrunds. Auf
dem Fußboden fühle ich mich wohler. Ich bin dem Bild näher,
mehr ein Teil von ihm, da ich auf diese Weise um es herumgehen, von allen
vier Seiten aus arbeiten und buchstäblich in ihm sein kann. Dies
hat Ähnlichkeit mit der Methode der indianischen Sandmaler des Westens.
Ich komme immer mehr von den üblichen Malutensilien wie Staffelei,
Palette, Pinsel usw. ab und benutze lieber Stöcke, Maurerkellen und
Messer, tropfe flüßige Farbe auf das Bild und trage dicke Farbschichten,
untermischt mit Sand, Glassplittern und anderen Fremdmaterialien, auf.
Wenn ich in meinem Bild bin, nehme ich nicht wahr, was ich tue. Erst nach
einer gewißen Zeit des gleichsam Vertrautwerdens sehe ich, in welche
Richtung ich gegangen bin. Ich scheue mich nicht, Änderungen vorzunehmen,
Ausgeführtes zu vernichten usw., denn das Bild hat sein eigenes Leben,
dem ich zum Durchbruch zu verhelfen versuche. Nur wenn ich den Kontakt
mit dem Bild verliere, kommt nichts dabei heraus. Sonst aber ist es die
reine Harmonie, ein müheloses Geben und Nehmen, und das Bild gelingt."3
Der Photograph Hans Namuth hat 1950 Pollocks Arbeitsweise in einem Film
und in einer inzwischen berühmt gewordenen Serie von Aufnahmen festgehalten
(Abb. 328). Diese zeigen die Direktheit, Konsequenz und extreme Radikalisierung,
mit denen der Amerikaner das surrealistische Postulat des psychischen
Automatismus bildnerisch verwirklicht. Pollock arbeitet mit dünnflüßigen
Farben und Industrielacken, mit Silber- und Aluminiumemulsionen, die er
mit tropfendem Pinsel oder aus einer durchlöcherten Büchse in
schwungvollen, rhythmischen Bewegungen auf die am Boden ausgespannte Leinwand
schleudert.
Derart entsteht auf riesigen Bildformaten ein dichtes polychromes Netz
sich durchdringender Spritzer, explosionsartiger Kleckse und erregter
Arabesken, das weder oben noch unten, weder Zeichnung noch Hintergrund
kennt und sich über den Bildrand hinaus unendlich fortzusetzen scheint
(daher die Bezeichnung Allover-Painting). Die derart aus dem
Raum auf die Leinwand geschleuderte Farbe bildet formale Muster, in denen
sich Absicht und Zufall zum Ausdruck einer intensiven, jedoch unpersönlichen,
ziellosen und anonymen Triebhaftigkeit verbinden (Abb. 329); diese Muster
eKünstler wie rzeugen eine völlig aperspektivische, sphärische
Räumlichkeit, die Pollocks Bildern eine unerhörte Weite und
ein grandioses, überindividuelles und unpsychologisches Pathos verleiht
(Abb. 332).
Die rhythmischen, labyrinthisch verschlungenen und wie im Rausch entstandenen
Drip-Paintings sind die ersten Beispiele einer Kunstrichtung,
für die der amerikanische Kunstkritiker Clement Greenberg den Ausdruck
Abstrakter Expressionismus geprägt hat. Dieser Begriff
schließt im heutigen Sprachgebrauch auch parallele europäische
Strömungen ein, die unter den Begriffen Lyrische Abstraktion,
Informel oder Tachismus bekannt geworden sind.
Sowohl in Amerika als auch in Europa zeichnen sich innerhalb des Abstrakten
Expressionismus zwei Richtungen ab: erstens eine gestische, Action
Painting genannte Malerei, bei der das Bild als Ganzes wie im Fall
von Pollock, zum sichtbaren Zeugnis des impulsiven und improvisierten
Malprozesses wird und als deren wichtigste Vertreter in Amerika neben
Pollock Franz Kline (1910-1962), Willem de Kooning (geb. 1904) und Robert
Motherwell (geb. 1915) zählen (Abb. 330-333), und zweitens eine Malerei,
in der große, unter Verzicht auf spezifische Formstrukturen plan
nebeneinander gesetzte Farbzonen Empfindungen des Unendlichen
und Unsagbaren ausdrücken. Die wichtigsten amerikanischen Vertreter
dieser zweiten Richtung, die sich später zum Color Field Painting
(Farbfeld-Malerei) entwickelt, sind Mark Rothko (1903-1970), Barnett Newman
(1905-1970) und Clifford Still (geb. 1904). Die Übergänge zwischen
den beiden Richtungen sind fließend.
Robert Motherwell, unter den Malern des Abstrakten Expressionismus der
eigentliche Theoretiker, stellt mit seinem zwischen 1948 und 1967 entstandenen,
über hundert Bilder umfassenden Zyklus Elegien an die Spanische Republik
das Bindeglied zwischen den beiden Richtungen dar. Seine Bilder weisen
eine lapidare Komposition auf und sind in ihrem Ausdruck individuell geprägt.
Dicht aneinander gedrängte, meist schwarze, flächig aufgetragene
Balken, Rechtecke, Kreise oder Ovale gliedern mit ihrem schwermütigen
Rhythmus und ihren dunklen Akkorden die großen, quergestellten weißen
Formate (Abb. 333). In der beherrschten Dramatik dieser Kompositionen
verbindet sich der aggressive Gestus von Pollock mit der souveränen
Ruhe Rothkos.
Rothkos Werk zeichnet sich ab 1947 durch die suggestive, hypnotische Wirkung
der Farbe aus; die Bildfläche wird in der Regel durch zwei, höchstens
drei breite, unscharf begrenzte farbige Felder unterteilt, die aus einem
monochromen Grund aufscheinen (Abb. 334). Auf den ersten Blick bilden
diese still in sich ruhenden, von einem geheimnisvollen Licht erleuchteten
Bilder, die aus nichts anderem als aus einem vielschichtigen Farbklang
bestehen, einen starken Gegensatz zur erregten Welt Pollocks; und doch
stimmen die beiden Künstler - und mit ihnen auch die anderen Vertreter
der beiden Richtungen des Abstrakten Expressionismus - in ihrer ideellen
Haltung weitgehend miteinander überein.
Sie kommen alle aus dem zeichenhaften Surrealismus und versuchen nun,
ihn in eine kosmische Dimension überzuführen. Sie streben alle,
jeder auf seine Art, nach einer Form der Selbstaufgabe, nach einer mystischen
Verschmelzung mit dem All (oder mit dem Bild, das dieses vertritt), und
bevorzugen dementsprechend Bildformate, deren immense Größe
alle anderen Einflüße auslöscht und den Betrachter überwältigt.
Ihre Kunst orientiert sich nicht mehr an der magischen Dingerfahrung ihrer
surrealistischen Vorbilder, sondern an den Ritualen der nordamerikanischen
Indianer, an der orientalischen und fernöstlichen Mystik und am Zen-Buddhismus.
Sie gilt nicht mehr der Ambiguität zwischen dem Belebten und dem
Unbelebten, die bei Gorky und Baziotes noch deutlich spürbar ist,
sondern jeweils einer der beiden möglichen Formen der mystischen
Erfahrung: der Ekstase des Rausches oder der mystischen Kontemplation.4
Gleichzeitig gilt diese Kunst dem Ausdruck innerer Befindlichkeit. Durch
die spontane und leidenschaftliche Hingabe an den Malakt suchen diese
Künstler mit der eigenen inneren Empfindung eins zu werden und diese
Einheit gleichzeitig bildnerisch zu verwirklichen. In diesem Sinn sagt
Franz Kline: "Der eigentliche Prüfstein eines Bildes - ob von
Ihnen, von mir oder wem sonst - ist: kommt das, was der Maler empfindet,
zum Ausdruck?"5 In dieser Betonung des Emotionalen, im Streben, eine
innere Befindlichkeit mit der größtmöglichen Unmittelbarkeit
und Authentizität auszudrücken und im unstillbaren Verlangen,
mit dem Weltganzen zu einer Einheit zu verschmelzen, lassen sich ohne
Mühe die Sehnsüchte und Ambitionen der Romantik wiedererkennen.
Dementsprechend schreibt Robert Motherwell in seinem Artikel What
abstract Art means to me: "[...] ich würde sagen, daß
es sich bei dieser um eine im Grunde romantische Reaktion auf das moderne
Leben handelt - rebellisch, individualistisch, unkonventionell, sensibel,
reizbar. Ich würde sagen, daß diese Einstellung aus einem Gefühl
der Unbehaustheit im Universum hervorgegangen ist - der Zusammenbruch
der Religion, der alten, eng verknüpften Gemeinschaft und Familie
mag etwas mit dem Entstehen dieses Gefühls zu tun haben. Ich weiß
es nicht. Aber was immer die Quelle dieser Empfindung des Unvermähltseins
mit dem Universum sein mag, jedenfalls glaube ich, daß man mit seiner
Kunst versucht, sich dem Universum zu vermählen, in dieser Verbindung
sich selbst zusammenzufügen [...] Die abstrakte Kunst ist ein Bemühen
darum, die vom modernen Menschen gefühlte Leere zu schließen."6
Die historische Bedeutung des Abstrakten Expressionismus gründet
darin, daß er der romantischen Lebenshaltung eine spezifisch moderne,
gleichsam unpersönliche Ausgestaltung verleiht. Die Sehnsüchte
und Leidenschaften der amerikanischen Künstler sind nicht mehr in
einem subjektiven Sinn zu verstehen; sie spiegeln sich weder in einer
verklärten Natur noch in der Darstellung exotischer Abenteuer, sondern
im malerischen Gestus und in der bildnerischen Vision, die im Zusammenwirken
reiner, d.h. ungegenständlicher Farben und Formen Gestalt annimmt.
"Die Natur, das bin ich!" sagt Pollock. Das Credo der Moderne
- die universale Geltung anonymer Naturkräfte - wird romantisch überhöht
und mit dem menschlichen Sein gleichgesetzt. Pollock ist der Delacroix,
Rothko der Caspar David Friedrich des 20. Jahrhunderts.7
Es sei noch kurz auf einen Nachfolger dieser Künstler hingewiesen,
der eine Mittelstellung zwischen den beiden Richtungen der ungegenständlichen
Romantik einnimmt. Der 1928 geborene Cy Twombly lernt während seines
Studiums am Black Mountain College (North Carolina) Robert Motherwell
und Franz Kline kennen; ab 1952 entwickelt er in New York eine eigene
gestische Malerei, in der er den Abstrakten Expressionismus seiner Dramatik
entkleidet: Er verzichtet auf die heroischen Gesten seiner Vorgänger
und ersetzt sie durch ein kaum sichtbares, spontanes, doch absichtslos
wirkendes, amorphes Gekritzel (Abb. 336). "Die Qualität des
Sich-Gehen-Lassens in seiner Zeichentechnik gibt uns oft das Gefühl,
daß der Künstler hier sein tiefstes Unbewußtes ausdrückt.",
schreibt Roberta Smith im Katalog zur Twombly-Ausstellung 1987 im Kunsthaus
Zürich, "Sein Werk erscheint so als das am weitesten vorangetriebene
Zeugnis des Automatismus und bringt Wirkungen zur Erfüllung, die
vor ihm bereits Miró und die Surrealisten gesucht haben. Man kann
ihn als den wahrhaftigsten aller Action Painters - wie die
Abstrakten Expressionisten oft genannt werden - nehmen, denn er konzipiert
die Leinwand oder das Blatt Papier wirklich als Arena, in der gehandelt
wird (Harold Rosenberg), in einer vollkommen direkten und unbefangenen
Art. Die jähe Vehemenz einiger Bilder von Twombly läßt
sein Werk sowohl als wilden, expressionistischen Ausbruch, als auch als
Affinität zur Art Brut sehen. Ihre ansprechende Schönheit jedoch
steht in Verbindung mit den Höhepunkten des Tachismus."8
Unter den vielen Nachfolgern des Abstrakten Expressionismus ist Twombly
zweifellos der einzige, dessen Werk dem seiner bedeutendsten Vorläufer,
Pollock und Kline, ebenbürtig ist.
Unter den Bezeichnungen Tachismus, Informel oder Lyrische Abstraktion
treten in Europa ähnliche Tendenzen auf, doch fehlt den Europäern
die unbekümmerte Direktheit, mit der ihre amerikanischen Kollegen
ans Werk gehen. Wir werden auf diese weniger radikale Variante des Abstrakten
Expressionismus in einem der nächsten Kapitel zurückkommen.
2. The medium is the message: der moderne Realismus
Die neue Künstlergeneration nach dem Abstrakten Expressionismus
wendet sich vom Pathos und der Willkür des individuellen Ausdrucks
ab und sucht ihre exhibitorischen Ambitionen an konkret faßbaren
und allgemeinverbindlichen Maßstäben zu orientieren; diese
Suche entwickelt sich in zwei unterschiedlichen Richtungen. Während
die ungegenständliche Kunst in den USA mit der Post Painterly Abstraction
und der Minimal Art, in Europa mit einem mathematisch ausgerichteten Konstruktivismus
auf den anonymen Eigenwert von Farbe, Form und Zahl zurückgreift
und daraus einen modernen Klassizismus entwickelt, vollziehen in New York
zwei junge Künstler, Jasper Johns und Robert Rauschenberg, einen
viel radikaleren Bruch mit der Tradition, indem sie sich wiederum der
sichtbaren Wirklichkeit des urbanen Alltags zuwenden. In ihrem Gefolge
tritt die Moderne mit der amerikanischen Pop Art und deren englischen
und kontinentalen Varianten in ihre realistische Phase.
Bevor wir uns den beiden großen Erneuerern zuwenden, will ich meine
Auffassung des Begriffs Realismus umschreiben und von derjenigen anderer
Autoren abgrenzen.
In seinem Aufsatz Realismus und Naturalismus (1959) wendet
sich Georg Schmidt gegen die Gleichsetzung der beiden Begriffe. Nach Schmidt
bezeichnet der Begriff Naturalismus eine gestalterische Technik, ein Stilmittel,
während unter Realismus in erster Linie eine geistige Haltung zu
verstehen ist, die er folgendermaßen umschreibt: "Der Gegensatz
von Realismus ist Idealismus. Realistische Malerei ist eine Malerei, der
es im weitesten Sinne um Erkenntnis der Wirklichkeit geht, und zwar nicht
nur der äußeren, sichtbaren, sondern auch der inneren, unsichtbaren
Wirklichkeit. Idealistische Malerei ist eine Malerei, der es nicht um
Erkenntnis, sondern um Erhöhung der Wirklichkeit geht. Der Maßstab
der realistischen Malerei ist ihr Wirklichkeitsgehalt im Sinne der sichtbaren
wie der psychischen Wirklichkeit. [...] Die Frage Realismus und Idealismus
ist in jedem Fall eine Frage der geistigen Gesinnung, nicht des künstlerischen
Mittels. Realistisch und idealistisch gesinnte Kunst kann es grundsätzlich
in jeder Zeit, ja im gleichen Künstler nebeneinander geben."9
Setzt man wie Georg Schmidt jede redliche Suche nach Erkenntnis mit Realismus
gleich, so wird dieser Begriff im Rahmen einer kunstgeschichtlichen Betrachtung
über Gebühr erweitert. Dies wird deutlich, wenn Georg Schmidt
die ungegenständliche Kunst des 20. Jahrhunderts - Kandinsky, Mondrian,
Peinture Informelle - lediglich deshalb, weil sie eine innere
Wirklichkeit vertrete, als Realismus bezeichnet, oder wenn er schreibt:
"Realismus ist das Sehen und Aussprechen der Widersprüche in
der gesellschaftlichen Struktur einer Zeit - zu deren Überwindung.
Idealismus ist die Statuierung einer Sphäre jenseits dieser Widersprüche
- zu deren Rechtfertigung und Erhaltung."10 Diese Einstufung geht
von einem positiv definierten Realitätsbegriff aus, der die wahre
Wirklichkeit von einer falschen, unechten Wirklichkeit abgrenzt; sie ist
gewissermaßen ideologisch bestimmt und letzten Endes Ausdruck eines
idealisierenden Denkens.
Demgegenüber gründet meiner Meinung nach die geistige Haltung,
durch die sich realistische Kunst auszeichnet, in der Skepsis gegenüber
jedem verabsolutierenden Wahrheitsanspruch und gegenüber jeder Form
idealisierender Übersteigerung, gleichgültig, ob diese Idealisierung
Prinzipien und Wertstrukturen oder die eigene Innerlichkeit und deren
Exhibition betrifft. Der realistische Künstler interessiert sich
für das Tatsächliche und Gegebene. Er will nicht bewerten, verändern
oder ausdrücken, sondern feststellen. Daß derartiges Feststellen
- man denke an Courbet oder Manet - von den Vertretern etablierter und
idealisierter Werte sehr oft als subversiv empfunden und dementsprechend
bekämpft angegriffen wird, ändert nichts an dessen grundsätzlicher
Sachlichkeit.
Diese Haltung (oder deren Vorherrschen) bildet die entscheidende Konstante
jeder realistischen Kunst, unabhängig davon, was diese jeweils als
tatsächlich und gegeben auffaßt. Jede Wirklichkeit ist relativ,
und läßt sich, auch wenn sie um ihrer selbst willen angegangen
wird, weder zweifelsfrei fassen noch objektiv definieren. Jedes Zeitalter
zeichnet sich durch seine eigene Vorstellung des Wirklichen aus; es ist
diese Vorstellung, die in der realistischen Phase der jeweiligen Entwicklungszyklen
künstlerisch Gestalt und Ausdruck findet. Nach unserer heutigen Auffassung
ist die Realität - und dies gilt für die physikalische Realität
ebenso wie für die psychologische - in ihrer Essenz nicht erkennbar.
Wir können zwar die Formen beschreiben, in der sie erscheint, die
Bestandteile aufzeigen, die sie ausmachen und deren gegenseitige Funktionen
und Beziehungen erklären. Und doch bekommen wir die Essenz dessen,
was wir dabei untersuchen, nicht zu fassen.
Diese Einsicht taucht in ihren Grundzügen bereits bei Immanuel Kant
auf und bildet einen zentralen Aspekt des philosophischen Systems von
Arthur Schopenhauer, der 1819 in seinem Hauptwerk die ganze Welt in ihrem
metaphysischen Gehalt, ihrem eigentlichen Wesen, als Wille, d.h. als sinnfreien
Daseinsdrang deutet, ihre erfahrbare, sichtbare Wirklichkeit jedoch als
Vorstellung oder Erscheinung des Subjekts versteht
(Die Welt als Wille und Vorstellung). Schopenhauers Auffassung
der Wirklichkeit beginnt sich im späten 19. Jahrhundert durchzusetzen
und übt einen nachhaltigen Einfluß auf das Denken des 20. Jahrhunderts
aus (Nietzsche, Freud).
Diese Verschiebung der Perspektive bleibt nicht auf die Geisteswissenschaften
beschränkt. Während Einstein mit seiner Relativitätstheorie
bereits 1906 die wissenschaftliche Hypothese des objektiven Beobachters
erschüttert, stößt die moderne Physik 1927 mit Heisenbergs
Unschärfe-Relation an eine grundsätzliche Grenze
ihrer Erkenntnismöglichkeiten: Der Versuch, gleichzeitig die Masse
und die Richtung beschleunigter Elementarteilchen zu bestimmen, erweist
sich als undurchführbar. Bestimmt man nämlich die Masse, so
verändert man damit die Richtung der Teilchen, und mißt man
deren Richtung, so beeinflußt man damit deren Masse. Um mikrophysikalische
Vorgänge zu bestimmen, muß man in diese eingreifen und verändert
damit deren Verlauf. Mit anderen Worten: Die Frage bestimmt die Antwort,
neutrale Beobachtung ist ein Ding der Unmöglichkeit.11
Diese Grundeinsicht bestimmt auch die künstlerische Entwicklung der
Moderne. Sie spiegelt sich nicht nur im kategorischen Verzicht auf die
objektiv richtige Darstellung der sichtbaren Wirklichkeit und die Ausbildung
einer völlig ungegenständlichen Kunst, sondern äußert
sich seit Duchamp vor allem auch durch das Ausmaß, in dem der Betrachter
in den schöpferischen Prozeß miteinbezogen wird. Diese Tendenz
prägt auch die realistische Kunst, die dem Abstrakten Expressionismus
folgt.
Künstler wie Johns und Rauschenberg oder die Vertreter der Pop Art
und des Nouveau Réalisme versuchen nicht, die Wirklichkeit selbst
wiederzugeben, sondern bemühen sich darum, unsere Wahrnehmung derselben
ins Bewußtsein zu heben und auf ihre (realen) Bedingungen zurückzuführen.
Während Seurat zu Beginn der Moderne die physikalischen Bedingungen
des Wahrnehmungsprozesses analysiert hat, wenden sich die Künstler
der realistischen Endphase der Moderne den psychologischen und geistigen
Aspekten unserer Wahrnehmung zu. Die unsichtbare Wirklichkeit,
um die es ihnen geht - die Wirklichkeit des Wahrnehmungsprozesses - wird
sowohl durch Seurat als auch durch Johns und Rauschenberg und deren Nachfolger
weder verkündet, noch ausgedrückt oder dargestellt, sondern
erfahrbar gemacht. Duchamps Wort "das Sehen sehen" bildet das
leitende Prinzip des modernen Realismus.
Die alltäglich sichtbare Wirklichkeit in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts ist die der großstädtischen Konsumgesellschaft;
ihr Erscheinungsbild wird durch die industriellen Produktionsmittel, durch
Design und Werbung und durch die neuen Kommunikationsmedien geprägt.
Durch diese magischen Kanäle werden unzählige Bilder und Informationen
mit atemraubender Geschwindigkeit über die ganze Welt verbreitet.
Unser Bewußtsein und unsere Wahrnehmungsmodi werden in einem bisher
unbekannten Ausmaß durch Erfahrungen aus zweiter Hand, durch die
Gleichzeitigkeit und Vielschichtigkeit bereits verarbeiteter und manipulierter
Informationen bestimmt. "The medium is the message" - McLuhans
vielzitiertes Schlagwort umschreibt das zentrale Thema der künstlerischen
Versuche, dieser modernen Wirklichkeit habhaft zu werden.
Der moderne Realismus macht sich die Ikonographie der neuen Medien zu
eigen und übernimmt von diesen auch deren gestalterische Grundbedingung,
nämlich die der technischen Reproduzierbarkeit: Sein entscheidendes
Stilmittel ist das Zitat. Diese Kunst überschreitet alle bisherigen
medialen Grenzen. Malerei, Plastik, Fotografie, Schrift, Laut und Bewegung
stellen keine exklusiven gestalterischen Disziplinen mehr dar; sie treten
zueinander in Beziehung und beginnen sich zu überschneiden. Dabei
offenbaren diese Medien ihre zweifache Funktion: Sie sind sowohl Thema
als auch Gestaltungsmittel des neuen Realismus.
Diese Kunst hebt den festen Standpunkt des Betrachters auf; dieser hat
zwischen einer Vielfalt möglicher Betrachtungsweisen zu wählen
und muß selbst versuchen, sie miteinander zu einem sinnvollen Ganzen
zu verbinden. Duchamps Auffassung, es sei der Betrachter, der das Werk
vollende, wird durch den Realismus der Moderne in exemplarischer Weise
veranschaulicht. Dies soll am Werk von Jasper Johns deutlich gemacht werden.
Die Ambiguität des Wirklichen: Jasper Johns und Robert Rauschenberg
Fest entschlossen, Maler zu werden, kommt der zweiundzwanzigjährige,
in South Carolina aufgewachsene Jasper Johns 1952 nach New York. Während
er sich seinen Lebensunterhalt als Angestellter einer Buchhandlung verdient,
experimentiert er in seiner Freizeit mit den unterschiedlichsten Materialien
und Techniken, um sich über seine künstlerischen Absichten und
Möglichkeiten klar zu werden. Dabei schafft er Objekte, die von fern
an die geheimnisvollen Schachteln des amerikanischen Surrealisten Joseph
Cornell erinnern.
1954 stellt Johns seine Experimente unvermittelt ein; er zerstört
alle seine bisherigen Werke (mit Ausnahme von vier Arbeiten, die sich
zu jenem Zeitpunkt bereits in Privatbesitz befinden) und malt kurz darauf
das Bild Flag, die inzwischen berühmt gewordene Darstellung der amerikanischen
Flagge, mit der die künstlerische Entwicklung der Moderne in eine
neue Phase tritt.
In diesem Werk stellt Johns keine reale, an einem Mast hängende
oder gar im Wind flatternde Fahne dar; stattdessen überträgt
er das flächige Muster der Stars and Stripes unter sorgfältiger
Wahrung ihrer Farben und Proportionen direkt auf die Leinwand, und zwar
so, daß das Flaggenmuster mit dem Bildformat zusammenfällt,
mit diesem zur Deckung kommt. Er bildet die Flagge nicht ab, sondern macht
ein Bild, das gewissermaßen selbst zur Flagge wird (Abb. 338).
Sinn und Bedeutung dieses Werkes bleiben vorerst rätselhaft. Das
amerikanische Nationalemblem mag zwar für eine ganze Reihe abstrakter
oder konkreter Vorstellungsinhalte stehen, in diesem Bild werden sie jedoch
völlig ausgeblendet. Indem Johns die vertraute Erscheinung aus ihrem
üblichen Kontext löst und aus ihr ein Gemälde macht, entleert
er sie ihrer bisherigen Bedeutungen und stellt sie scheinbar um ihrer
selbst willen dar.
In ähnlicher Weise verfährt er mit den Vorlagen seiner nächsten
Bilder. Der Flag folgen die Targets (Zielscheiben), die Numbers (Zahlen)
und die Alphabets (Alphabete), wobei er jedes dieser Sujets in den unterschiedlichsten
Farbstellungen und Techniken abwandelt (Abb. 339, 340). Mit Canvas oder
Book (Abb. 341) beginnt er ab 1956 auch dreidimensionale Gegenstände
in seine Bilder zu integrieren und schafft schließlich, ausgehend
von den Abgüssen realer Objekte, mit den verschiedenen Varianten
von Flash Light (Taschenlampe) und Light Bulb (Glühbirne) eine kleine
Anzahl freistehender Skulpturen (Abb. 342-344).
Bei oberflächlicher Betrachtung scheint Johns mit all diesen Werken
die Geste des Readymades zu wiederholen. Doch unterscheidet sich sein
Vorgehen in wesentlichen Punkten von demjenigen Duchamps. Während
dieser ein vorfabriziertes Objekt lediglich ausgewählt und als Kunstwerk
erklärt hat, nutzt Johns die mit der amerikanischen Flagge, den Zahlen,
Buchstaben, Taschenlampen oder Glühbirnen vorgegebenen Zeichen oder
Gestalten als Modelle für das eigene Werk.
Die übernommene Ikonographie erfüllt innerhalb seines Werkes
bestimmte bildnerische, psychologische und geistige Funktionen, die ich
im Folgenden erörtern werde. Vorerst sei Johns eigene Erklärung
zitiert: "Die Verwendung der amerikanischen Flagge nahm mir manches
ab, denn ich mußte ihre Form nicht mehr entwerfen. So fuhr ich fort
mit ähnlichen Dingen, wie die Zielscheiben - mit Dingen, die man
schon kennt. Dies gab mir die Möglichkeit, auf anderen Ebenen zu
arbeiten."12
Der erste Hinweis auf diese anderen Ebenen, d.h. auf das eigentliche Anliegen
des Künstlers, findet sich in der besonderen malerischen Technik.
Johns arbeitet mit Enkaustik, einem Verfahren, bei dem Wachs als Bindemittel
verwendet und, mit Farbpigment und Collageelementen (z.B. Zeitungsschnitzeln)
vermischt, heiß auf den Malgrund aufgetragen wird. Das erkaltete
Wachs hebt sich dabei als dünne Schicht von seiner jeweiligen Unterlage
ab und vermittelt durch seine greifbaren Unebenheiten den suggestiven
Eindruck des Gemachten. Die sinnliche Qualität dieses Farbauftrags
steht in auffallendem Gegensatz zum gewohnten Erscheinungsbild von Zahlen,
Buchstaben, Zielscheiben oder der amerikanischen Flagge; Johns zerstört
die durch die industrielle Produktion bedingte Perfektion dieser Zeichen
und Embleme und hebt sie damit auf eine andere Bedeutungsebene.
Johns ikonographische Vorlagen sind Allgemeingut, Bestandteil des kollektiven
Bewußtseins, in dem sie als Matern oder Clichés, im Sinn
von optischen Begriffen wirksam sind. Sie stellen die negative
Gußform dar, der z.B. jede spezifische Zahl 3 oder jede Glühbirne
entstammt. Ein derartiger Gestalt-Begriff ist zwar Voraussetzung jeder
daraus gegossenen Gestalt, bleibt aber immer negativ, kann
nie selbst diese positive Gestalt sein. Alle aus derselben Mater gegossenen
Gestalten tragen deren unverwechselbare Charakteristika und sind darin
einander gleich, doch ist jede gleichzeitig auch einmalig, durch ihr spezifisches
Hier- und Jetzt-Sein von allen anderen verschieden. In Johns Werken wird
diese üblicherweise kaum wahrgenommene Ambiguität unmittelbar
und intensiv erfahren.
Das Muster der amerikanischen Flagge oder die Form einer Zahl sind uns
so vertraut, daß wir sie üblicherweise wahrnehmen, ohne sie
zu sehen, d.h. ohne uns ihrer Gestalt als solcher bewußt zu werden.
Wir erleben sie lediglich als abstraktes Zeichen oder als Hieroglyphe.
In Johns Bildern werden diese abstrakten Zeichen auf Grund ihrer Machart
zu einer konkreten Wirklichkeit. Doch hören sie deshalb nicht auf,
unabhängig von dieser Wirklichkeit weiterhin als abstrakte Vorstellungen,
als Clichés zu existieren. Bei der Betrachtung seiner Bilder und
Plastiken können wir uns dem Eindruck des Gemachten, den der Duktus
seiner Gestaltungen in uns erzeugt, nicht entziehen; doch ebensowenig
können wir den Eindruck des Bekannten, des Vorgegebenen, des Déjà
vu abwehren. Seine Kunst bewegt sich immer an der Grenze zwischen
Wirklichkeit und Vorstellung.
Dementsprechend sind Johns' Flaggen, Zahlen, Targets und Alphabete immer
sowohl als auch: sowohl einmalig als auch allgemein, sowohl kollektiv
als auch individuell, sowohl vertraut als auch überraschend, sowohl
alltäglich als auch exklusiv. Statt Reales darzustellen, scheinen
sie mit diesem zusammenzufallen; und gerade damit vermitteln sie Einsicht
in die Bedingtheit und Fragwürdigkeit jeder Wirklichkeit.
Johns' Bilder leben von der dialektischen Spannung zwischen der in unserem
Bewußtsein negativ, (als Mater) vorgegebenen Gestalt und ihrer durch
den schöpferischen Akt geschaffenen, positiven und konkret einmaligen
Wirklichkeit. Doch lassen sie nicht nur das Wesen dieser Spannung zwischen
einem allgemeinen und einem individuellen Prinzip, zwischen Ordnung und
Spontaneität, zwischen Struktur und Dynamik sichtbar werden, sondern
verbinden diese beiden Pole zur Synthese einer integralen und unteilbaren
künstlerischen Erfahrung. Der Realismus von Jasper Johns gründet
nicht in seiner Ikonographie, sondern in der spezifischen Bedeutung, die
er dieser zumißt. Die Wirklichkeit, die er mit seinen optischen
Begriffen angeht, ist die der Grenze zwischen Bild und Abbild. So
wie beispielsweise ein Essayist mit den Mitteln der Sprache über
Sprache nachdenkt, so reflektiert Johns mittels Bildern über den
bildnerischen Akt. Als Bilder von Bildern vermitteln seine Werke Einsicht
in die Bedingungen jeder Sprache; ihr Thema ist das Phänomen der
künstlerischen Wahrnehmung. Diese Thematik wird sachlich und wertneutral
dargestellt und findet damit Gestalt und Ausdruck im Sinn des Realisten.
Sinn und Bedeutung dieser Bilder sind jedoch damit nicht erschöpfend
gedeutet. Wie jedem Künstler geht es Johns nicht bloß um eine
erkenntnistheoretische oder philosophische Einsicht, sondern darum, seinem
Selbst Gestalt und Ausdruck zu verleihen. Es ist zugegebenermaßen
nicht leicht, in seinen Flaggen, Zahlen oder Alphabeten diese Absicht
zu erkennen; doch weisen die Kohärenz, die geistige Klarheit und
die malerischen Qualitäten dieser Bilder auf exhibitorische Ambitionen
und idealisierte Strukturen hin, nur fehlt diesen jede persönliche
Ausprägung. Sie spiegeln weder den Glauben an eine Idee,
an einen letzten Sinn menschlichen Seins, noch geben sie die innere Befindlichkeit
des Künstlers preis.
Johns steht vor allem dem emotionalen Pathos des Abstrakten Expressionismus
skeptisch gegenüber. "I don't want my work to be an exposure
of my feelings" (Mein Werk soll keine Bloßlegung meiner Gefühle
sein).13 So wird seine Malerei zum Zeugnis eben dieser Verweigerung: Der
Künstler zieht seine Besetzungen vom Es und vom Über-Ich ab
und richtet sie auf das Ich, d.h. auf die neutralen Ziele
und Strukturen der vermittelnden, synthetischen Instanz der Psyche.14
Die Werte und Ambitionen, die in Johns Kunst Ausdruck finden, sind unpersönlicher
Art. Er strebt das Wirkliche, das Wahre und das Richtige an.
Sowohl diese Verweigerungshaltung als auch die reich differenzierte
malerische Textur, mit der Johns jede seiner Flächen mit rhythmischem
Leben erfüllt, erinnern stark an Cézanne. So vergleicht Crichton
ein Apfelstilleben dieses Meisters mit dem Bild Figure 7 von Johns und
schreibt: "Cézanne malte sieben Äpfel, Johns malt bloß
7"15. Doch stehen Cézannes Äpfel pars pro toto für
die Natur, für die universale Gesetzmäßigkeit, die allem
Sein zugrundeliegt; seine Ambition besteht darin, diese Gesetzmäßigkeit
in der sichtbaren Erscheinung aufzuzeigen und deren bildnerisches Äquivalent
zu schaffen.
Demgegenüber hat Johns den Glauben an eine universale Gesetzmäßigkeit
(oder richtiger: an die Möglichkeit ihrer Erkenntnis) verloren und
ist auch nicht mehr willens, wie die Abstrakten Expressionisten die eigene
Emotion zu idealisieren. Will er seine künstlerische Integrität
nicht verlieren, so darf er seinem Skeptizismus, seinem negativ definierten
Glauben (d.h. seiner Überzeugung, daß sich die Wahrheit
unserem Zugriff entzieht), nicht untreu werden. Dies setzt seinen gestalterischen
Möglichkeiten enge Grenzen.
Insofern die Dialektik des schöpferischen Prozesses eine geistige
und gestalterische Herausforderung, d.h. einen Auftrag voraussetzt, an
dem sich die exhibitorischen Ambitionen des Künstlers entzünden
können, braucht Johns einen Auftrag, der ihm einerseits kein positives
Glaubensbekenntnis abverlangt, sondern ihm erlaubt, den Platz des Geglaubten
leer zu lassen, der ihm (und seinen gestalterischen Ambitionen) andererseits
jedoch trotzdem mit festen, objektiven und verbindlichen Forderungen entgegentritt.
Nur so kann Johns seiner Skepsis Ausdruck, und seinen Werken die Würde
der Dauer verleihen.
Er sucht eine wertfreie Verbindlichkeit und findet sie in der neutralen
Struktur von Zeichen und Emblemen, deren typische, klar definierte und
allgemeingültige Gestalten zu Repräsentanten des Objektiven
und Verbindlichen, zu Vertretern von Maß und Ordnung werden. Die
Anonymität und die vordergründige Bedeutungslosigkeit dieser
Ikone erlaubt es ihm, seine gestalterischen Ambitionen zu verwirklichen,
d.h. seine malerische Virtuosität, seinen Erfindungsreichtum und
seine sinnliche Lust am schöpferischen Prozeß zur Schau zu
stellen, ohne sich selbst untreu zu werden. Die nebenstehend abgebildeten
Varianten seiner Flagge zeigen nicht nur den unerwarteten Reichtum an
gestalterischen Möglichkeiten, die Johns aus ihrem banalen Muster
zieht; sie drücken auch die Bedingungen und psychischen Voraussetzungen
ihrer Entstehung aus, die der Künstler in einem einzigen Satz zusammenfaßt:
"I am just trying to find a way to make pictures." ("Ich
suche bloß einen Weg zu finden, um Bilder zu machen.")16 (Abb.
345, 346).
Rückblickend wird klar, in welchem Maß ihm dies gelungen ist.
Mit ungewöhnlicher Erfindungsgabe und mit unerbittlicher Logik hat
Johns in knapp vier Jahren aus einem Einfall ein umfassendes
und kohärentes malerisches uvre geschaffen. Dabei hat er gleichzeitig
die ideellen und gestalterischen Prinzipien entwickelt, an denen sich
eine neue Künstlergeneration orientieren sollte.
Während dieser Zeit lebt der junge Amerikaner völlig zurückgezogen
in einer Loft an der Pearl Street im unteren Teil von Manhattan. Der um
fünf Jahre ältere Maler Robert Rauschenberg, der im selben Gebäude
wohnt, nimmt als einziger an seiner Arbeit Anteil.
Im Gegensatz zu Johns ist Rauschenberg offen, kontaktfreudig und extrovertiert;
unter seine vielen Freunde zählt er den Komponisten John Cage und
den Tänzer und Choreographen Merce Cunningham; er hat mehrere Ausstellungen
sowie einen Artikel im Time Magazine hinter sich und gilt
schon um diese Zeit als das Enfant Terrible der jungen amerikanischen
Malerei. Diesen Ruf verdankt er seinen vielfältigen und unkonventionellen
Experimenten, unter denen die 1952 entstandenen monochromen Bildtafeln,
die White Paintings und Black Paintings (Abb. 347), und seine aus Erde
und Pflanzen gebildeten Dirt Paintings das größte Aufsehen
erregen.
Als Johns ihn kennenlernt, arbeitet Rauschenberg an seinen sogenannten
Combine Paintings. Für diese montiert er eine Vielfalt unterschiedlicher
objets trouvés, Fragmente der Alltagswirklichkeit wie
abgerissene Plakatfetzen, Ausschnitte von Zeitungen oder Zeitschriften,
Fotografien, Etiketten, Straßenzeichen oder sonstige Schrifttafeln,
dreidimensionale Objekte wie Kessel, Türen oder Autoreifen, weiche
Gebrauchsgegenstände wie Kissen und Decken, Schuhe oder Hüte
zu großformatigen Assemblagen, die er anschließend ganz oder
nur stellenweise mit billiger Industriefarbe auf brutalste Weise, scheinbar
ohne jede ästhetische Absicht übermalt (Abb. 348, 350).
Ab 1956 treten seine Arbeiten wieder in die Fläche zurück. Auf
großen, teilweise leergelassenen Bildformaten alternieren aufgeklebte
Schrift- und Plakatfragmente, Fotos und Zeitungsausschnitte mit gezielten,
spontanen malerischen Eingriffen, deren triebhafte Intensität an
die Malerei des Abstrakten Expressionismus erinnert (Abb. 349).
1958 beginnt Rauschenberg, mit einem einfachen Transfer-Verfahren Fotografien
aus Zeitungen oder Zeitschriften direkt auf die Bildfläche zu übertragen;
ab 1960 verwendet er schließlich die Technik des Siebdrucks, die
es ihm erlaubt, die entsprechenden Reproduktionen zu vergrößern
(oder zu verkleinern) und sie auch farbig in jeder erdenklichen Weise
zu manipulieren. Aus dieser Kombination von Druck- und Maltechnik entwickelt
er einen neuen Bildtypus, der aus einer Montage sich gegenseitig überschneidender
und durchdringender Bildfragmente besteht. Schriften, Gemäldereproduktionen,
technische Diagramme, Fotografien von Menschen, Maschinen, Fahrzeugen
oder Gebäuden verbinden sich auf der Bildfläche mit malerischen
Gesten, Spritzern oder hingeschmierten Farbflecken. Durch den dauernden
Wechsel ihrer Dimensionen, Blickpunkte oder Seinsebenen erzeugen diese
Bildfragmente eine aperspektivische Räumlichkeit, die Rauschenbergs
Bildern die unerhörte Weite und Grandiosität verleiht, der wir
bereits bei Pollock begegnet sind (Abb. 351).
In diesen Werken findet die futuristische Vision einer sich durchdringenden
Welt (die Boccioni in seinem Technischen Manifest der Futuristischen
Malerei heraufbeschwört, ohne in der Lage zu sein, sie als
Maler künstlerisch zu realisieren) zum ersten Mal eine bildnerische
und damit wirklich zeitgenössische Ausgestaltung. Anders als die
Futuristen, die den strukturellen Wandel, der sich in Wissenschaft und
Technik, in Wirtschaft und Politik, und ganz allgemein im menschlichen
Bewußtsein vollzogen hat, idealisieren, nimmt Rauschenberg diesen
Wandel als wertfreie Tatsache, als objektive Gegebenheit an; während
ihn die Futuristen illustrieren, unternimmt es Rauschenberg, ihn in seinem
eigenen technischen und gestalterischen Vorgehen nachzuvollziehen. Er
erfaßt die visuelle Erfahrung des urbanen Menschen strukturell,
indem er die Voraussetzungen und Bedingungen der neuen Wahrnehmungsweise
stilistisch verdichtet. Die bildnerischen Elemente seiner Gestaltungen
sind nach keinem hierarchischen Prinzip geordnet, jedes Detail ist gleichermaßen
bedeutungsvoll. Die Komposition ist dementsprechend additiv und auf keinen
Höhepunkt ausgerichtet. "There is nothing that everything is
subservant to".17
Dies ist nur einer der vielen Aspekte, die Rauschenbergs Bilder mit denjenigen
von Jasper Johns gemeinsam haben. Die Einbeziehung des Alltäglichen,
die Verwischung des Unterschiedes zwischen Vorgefundenem und Gestaltetem,
die Spannung zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, der Verzicht auf jeden
subjektiven, emotionalen Ausdruck und die Sattelstellung zwischen Duchamp
und dem Abstrakten Expressionismus bilden die weiteren Merkmale, welche
die Malerei der beiden Freunde miteinander verbindet und von der damals
etablierten Kunstauffassung abgrenzt. Die beiden Outsider sehen sich täglich,
diskutieren miteinander ihre Arbeit und finden dabei den für ihre
Entwicklung notwendigen Widerhall. "Wir gaben uns gegenseitig die
Erlaubnis zu machen, was wir wollten", kommentiert Rauschenberg rückblickend
ihre damalige Beziehung.18
Durch ihn lernt Johns 1957 den Galeristen Leo Castelli kennen, der im
folgenden Jahr die erste Einzelausstellung des bis dahin völlig unbekannten
Künstlers veranstaltet. Die Ausstellung, auf der Johns seine Flaggen,
Zielscheiben, Zahlen und Alphabete zeigt, wird zu einem sensationellen
Erfolg. In wenigen Tagen sind die meisten Werke verkauft; zu den Käufern
zählen nicht nur so prominente Sammler wie Johnson und Rockefeller,
sondern auch das Museum of Modern Art, dessen Leiter Alfred
Barr gleich drei Bilder erwirbt. Da Künstler und Kunstkritiker jedoch
mehrheitlich ablehnend reagieren, lösen Johns spektakulärer
Auftritt und der Ankauf durch das MoMA vorerst die heftigsten Kontroversen
aus.
Um diese Kontroversen zu verstehen, muß man sich die kulturelle
Situation der späten fünfziger Jahre vergegenwärtigen.
Zwar steht die New Yorker Kunstwelt immer noch im Bann des Abstrakten
Expressionismus und versteht diesen als die einzige mögliche Art
moderner Malerei; doch gleichzeitig läßt diese Kunstrichtung
ihre ersten Ermüdungserscheinungen erkennen. Die Nachfolger Pollocks
und De Koonings sind ganz offensichtlich nicht in der Lage, die Malerei
ihrer Vorbilder zu vertiefen oder weiterzuentwickeln und überschwemmen
stattdessen den Kunstmarkt mit zweitrangigen, bestenfalls routiniert ausgeführten
Werken, in denen die expressive Geste ihre bisherige existentielle Bedeutung
und damit auch jede Glaubwürdigkeit verliert. So beginnt sich in
progressiven Kunstkreisen trotz der noch anhaltenden Glorifizierung des
Abstrakten Expressionismus das Bedürfnis nach erneuter Stimulierung,
das Bedürfnis nach einer neuen künstlerischen Provokation zu
regen.
Johns' originelle, selbstsicher und souverän gemalte Bilder bieten
nicht nur eine Alternative zum Abstrakten Expressionismus an, sondern
führen auch den erkennbaren Gegenstand wieder in die Malerei ein.
Dies wirkt zu jener Zeit ebenso sensationell wie zehn Jahre früher
die entschiedene Hinwendung zur Ungegenständlichkeit. Die leichte
Reproduzierbarkeit und der Neuigkeitswert der bei Castelli ausgestellten
Arbeiten erlauben deren rasche Verbreitung durch die Massenmedien und
tragen wesentlich dazu bei, daß der junge Künstler über
Nacht zum internationalen Star wird. 1959 schreibt Time Magazine:
"Jasper Johns, 29, ist der nagelneue Liebling der Kunstwelt, ihrer
gescheiten und anspruchsvollen Avantgarde. Vor einem Jahr war er noch
praktisch unbekannt; inzwischen hat er eine völlig ausverkaufte Ausstellung
in Manhattan gehabt, hat in Paris und Mailand ausgestellt, hat als einziger
Amerikaner einen Kunstpreis am 'Carnegie International' gewonnen und hat
es erlebt, daß das Museum of Modern Art in New York drei seiner
Bilder gekauft hat."19
In diese Zeit fällt Johns intensive Beschäftigung mit dem
Werk und der Person Marcel Duchamps. Nach Johns eigenen Angaben war ihm
das Schaffen des legendären Franzosen bisher nur oberflächlich
bekannt; er beginnt sich erst dafür zu interessieren, als er nach
der erfolgreichen Ausstellung bei Castelli von vielen Kritikern als Neo-Dadaist
bezeichnet wird. Ende 1958 vertieft er sich in Motherwells Anthologie
The Dada painters and poets, sieht sich im Museum von Philadelphia
die große Duchamp-Sammlung der Arensberg an und liest Robert Lebels
eben erschienene Monographie über Duchamp. Durch John Cage lernt
er 1959 den Erfinder des Readymades schließlich persönlich
kennen.
Die vielfältigen Entsprechungen zwischen den beiden Künstlern
sind offensichtlich; doch bestehen zwischen ihnen auch wesentliche Unterschiede.
Auch Johns ist ein Skeptiker, auch er läßt den Platz des Geglaubten
leer; im Gegensatz zu Duchamp mißt er jedoch dem materiellen Schöpfungsakt
die größte Bedeutung zu. Statt einen gefundenen Gegenstand
als Kunstwerk zu erklären, schafft er Bilder und Plastiken, die sowohl
Objekt als auch Werk sind. Die Ambiguität des Realen findet bei ihm
bildnerische Gestalt.
Die beiden Künstler gehen von verwandten geistigen Voraussetzungen
aus, doch ziehen sie aus diesen gegensätzliche Schlußfolgerungen.
Beiden gelingt schon zu Beginn ihrer Laufbahn der geniale Wurf, mit dem
sie ihrem künstlerischen Credo exemplarische Gestalt verleihen. In
der Geste des Readymades und dem Bild der amerikanischen Flagge finden
die jeweiligen Aussagen der beiden Künstler eine derartige Verdichtung,
die sich zwar variieren, doch kaum mehr steigern lassen. Die schöpferische
Weiterentwicklung ihres erfolgreichen Konzepts wird zu einem entscheidenden
Problem, das die beiden mit den meisten konzeptionellen Künstlern
teilen: In dem Maße, als das Konzept zum eigentlichen Träger
der Aussage wird, droht das Interesse an seiner jeweiligen Verwirklichung
sowohl beim Künstler als auch beim Betrachter nach kurzer Zeit zu
erlahmen. Diese Ermüdungserscheinung wird bei einem erfolgreichen
Künstler durch die Wirkung der Massenmedien, die sich seiner annehmen,
zusätzlich verschärft. Die weltweite Verbreitung seiner Werke
beschleunigt deren Rezeption und treibt den Künstler zu dauernder
Erneuerung; da sein größter Erfolg den Maßstab für
alle weiteren setzt, wird er dabei oft überfordert.
Duchamp, der Erfinder des Readymades, ist diesem Schicksal dadurch entgangen,
daß er sich dem Schachspiel zugewandt hat. "Ich hätte
zwanzig Dinge pro Stunde auswählen können", sagt er in
Bezug auf das Readymade, "aber sie hätten schließlich
alle genau gleich ausgesehen. Das wollte ich absolut vermeiden."20
In seinem Fall ist diese Verweigerung paradoxerweise Teil des Werkes,
nicht dessen Ende; sein Werk ist eine Idee, die sich im Mythos seiner
Person verdichtet. Duchamps Schweigen wird nicht, wie Beuys meint, überschätzt,
sondern bestenfalls mißverstanden.
Im Gegensatz zu Duchamp, dem Erfinder, ist Johns jedoch ein Handwerker.
Er reagiert anders auf die Herausforderung, die sein eigenes Werk für
ihn darstellt. So jedenfalls kommentiert er seine ersten Versuche, das
Thema der Flagge weiterzuentwickeln: "Es wurde eher eintönig,
Flaggen auf ein Stück Leinwand zu malen, und ich wollte etwas hinzufügen,
- die Grenzen der Flagge überschreiten, und einen anderen Bildraum
haben.".21 Diese drei Ziele - dem Bisherigen etwas hinzuzufügen,
die Grenzen seiner ersten Erfindung zu überschreiten, einen anderen
Bildraum zu schaffen - bestimmen den weiteren Verlauf seiner künstlerischen
Entwicklung, die sich damit in grundsätzlicher Weise von derjenigen
Marcel Duchamps unterscheidet.
Die Schaffensphase von 1954-60, in der Johns moderner Realismus
mit den Flaggen, Zahlen, Alphabeten, Glühbirnen und Taschenlampen
seine reinste, vollkommenste und eigenwilligste Ausgestaltung findet,
läßt sich innerhalb seines Gesamtwerkes insofern als klassisch
(d.h. als klassischer Realismus) bezeichnen, als sie den festen Bezugspunkt
für sein weiteres Schaffen bildet; das gesamte spätere Werk
läßt sich als Auseinandersetzung mit den entscheidenden Entdeckungen
dieser ersten Jahre verstehen. Diese Bedingtheit durch das eigene klassische
Vorbild setzt bei Jasper Johns auf individueller Ebene eine psychische
Dynamik in Gang, die in vielen Aspekten mit derjenigen übereinstimmt,
die, wie wir gesehen haben, den zyklischen Entwicklungsverlauf ganzer
Zeitalter bestimmt [siehe Seite __].
Dem fast gänzlich zerstörten archaischen Frühwerk der surrealistischen
Objekte, und den Arbeiten, die ich soeben als klassisch bezeichnet habe,
folgt im Werk Jasper Johns eine barocke Phase, die sich durch überbordende
Vitalität, durch Witz und Humor, Experimentierfreudigkeit und malerischen
Reichtum auszeichnet.
Hielt sich seine Malerei bisher an die klar definierte formale Struktur
seiner vorgegebenen Gestalten, so befreit sie sich 1959 mit dem Bild False
Start, dessen Titel auf die vorangegangene Werkphase Bezug zu nehmen scheint,
von jedem äußeren Zwang. Die Farbe gewinnt eine völlig
autonome Bedeutung. Spontane, heftig gesetzte Pinselstriche bedecken die
ganze Bildfläche mit einer rhythmischen Struktur blauer, gelber und
roter Farbflächen. Auf diesen bringt Johns mit Hilfe einer Schriftschablone
Farbbezeichnungen an, deren Gültigkeit dadurch in Frage gestellt
wird, daß sie in den meisten Fällen zur Farbe der jeweils bezeichneten
Fläche in Widerspruch stehen: So wird z.B. eine blaue Fläche
mit roter Schrift als gelb bezeichnet, während eine gelbe
Fläche in schwarzen Lettern die Bezeichnung rot trägt.
Mit Jubilee steigert Johns seine paradoxe Aussage, indem er dieselben
Farbbezeichungen auf einem Bild anbringt, das ausschließlich in
schwarzen, grauen und weißen Tönen gehalten ist (Abb. 353).
Die Verbindung von Malerei und Schrift wird in den folgenden Bildern immer
freier. Das exhibitorische Moment tritt immer stärker hervor, die
Gestaltung wird immer formloser und nähert sich der Allover-Malerei
des Abstrakten Expressionismus.
Mit der Einführung realer Objekte in das Bild tritt zu Beginn der
sechziger Jahre eine neue Wende in Johns Schaffen ein. Seine Bilder gelten
jetzt nicht mehr einem einzelnen Motiv, sondern verbinden, in der Art
der Combine-Paintings seines Freundes Rauschenberg, rein malerische Textur
mit grafischen und typografischen Elementen, mit handgeschriebenen Notizen
und mit realen Objekten (Abb. 354, 355). Johns beginnt, seine bisherige
sachlich realistische und analytische Haltung zugunsten einer hermetischeren
Malerei aufzugeben, in der Zitate aus früheren Werken und subjektive
Referenzen einen immer größeren Raum einnehmen. Viele Kritiker
verstehen diese Bilder mit ihren negativen oder anklägerischen Titeln
(No, Liar, Good time Charley, Fools house etc.) als Ausdruck einer tiefgreifenden
Krise des Künstlers. Max Kozloff schreibt: "Man hat unausweichlich
den Eindruck einer zerbrochenen Welt, des lärmigen und ungestümen
Zerstampfens eigener Erfahrung... Aus diesen Arbeiten spricht eine unterschwellige
Verzweiflung."22 Johns selbst äußert sich Crichton gegenüber
ebenfalls in diesem Sinn; er habe das 1963 entstandene Bild Land's End
deshalb so genannt, weil er das Gefühl hatte, einen Punkt erreicht
zu haben, wo er keinen Boden mehr unter den Füßen spürte
("where there was no place to stand")23 ... einen Punkt, wo
nichts mehr sicher, wo alles durch das Denken verwirrt sei. Damit weist
Johns indirekt darauf hin, daß die Problematik des schöpferischen
Prozesses selbst weiterhin das zentrale Thema seiner Arbeit bildet; nur
sieht er diese jetzt unter einem veränderten Blickwinkel.
Diese Veränderung steht im Zeichen Marcel Duchamps. Die Bedeutung,
die Duchamp für die weitere Entwicklung von Jasper Johns zukommt,
zeigt sich nicht nur in den immer häufigeren doppelsinnigen Titeln
(z.B. 4 the news) und im zunehmend rätselhaften Charakter der Bilder
dieser Zeit, sondern auch in vielen direkten Hinweisen.
Der deutlichste findet sich im repräsentativsten Werk dieser Schaffensperiode,
dem 1964 entstandenen According to what (Abb. 355). Dieses fast 5 Meter
breite Bild (Johns bisher größtes Format) vereinigt im Sinn
einer Rekapitulation den größten Teil der Bildelemente, die
Johns seit 1960 in verschiedenen Bildern jeweils einzeln verwendet hat:
einen Küchenschemel mit dem aufgeschnittenen Abguß eines Beines,
den Siebdruck mehrerer Zeitungsseiten, ausgestanzte, freistehende und
farbig bemalte Holzbuchstaben, welche die Worte RED, YELLOW und BLUE ergeben,
eine Skala farbiger Kreise, einen Kleiderbügel und einen an einem
Draht befestigten Löffel. Titel und Signatur des Werkes figurieren
auf einer kleinen Leinwand, die mit Scharnieren am unteren Bildrand befestigt
ist. Klappt man sie auf, so entdeckt man auf deren Rückseite das
Profil Marcel Duchamps, der damit als der verborgene Mentor des Werkes
vorgestellt wird. In diese Richtung deutet auch Johns vielzitierte Erklärung
zu seinem Werk: "Das Bild entstand mittels unterschiedlicher Arten,
etwas zu machen, unterschiedlicher Arten des Farbauftrags, sodaß
die Sprache irgendwie unklar wird. Wenn man bei allem, was man tut, konsequent
denselben Standpunkt einnimmt, dann kann alles auf diesen bezogen werden.
Fehlt jedoch ein Punkt, auf den sich alles bezieht, so hat man eine andere,
unklare Situation. Das war meine Idee [...] Alles ändert sich in
Bezug auf etwas, und ich versuchte eine Situation zu schaffen, die den
Dingen erlaubt, sich zu ändern."24
Mit dem Verzicht auf die verbindlichen Strukturen seiner ersten anonymen
Vorlagen hat Johns nach einem kurzen barocken Feuerwerk seine bildnerische
und geistige Orientierung verloren; Duchamps Meta-Ironie bleibt ihm ebenfalls
verschlossen. Johns stellt weiterhin die Fragen, auf deren Beantwortung
der Franzose längst verzichtet hat: Er versucht Ursprung, Sinn und
Bedeutung seiner bisherigen Arbeit zu ergründen. Doch ohne Erfolg:
According to what deckt die Wirklichkeit eines von der Fragmentierung
bedrohten Selbst auf. Johns begegnet seiner Krise in zweifacher Weise:
erstens, indem er sein gesamtes bisheriges Werk unter Anwendung komplizierter
und arbeitsintensiver Verfahren sowohl grafisch (Graphit, Kohle, Kreide,
Tusche und farbige Tinte) als auch druckgrafisch (Lithographie, Radierung
und Aquatinta) Stück für Stück aufarbeitet, (wobei er es
in der Druckgraphik in reduziertem Maßstab geradezu kopiert); und
zweitens, indem er in seiner seltener werdenden Malerei immer häufiger
auf frühere Motive zurückgreift, die er oft in kaum veränderten
Fassungen wiedergibt.
In den siebziger Jahren entwickelt er schließlich mit den sogenannten
Cross-hatchings (auf deutsch etwa: Kreuz-Schraffuren) ein
bildnerisches Prinzip, nach dem er eine große Reihe völlig
ungegenständlicher Bilder schafft (Abb. 356). Mit diesen Kompositionen,
die eine anonyme, doch objektiv verbindliche Wertstruktur vertreten und
sich durch Disziplin und den malerischen Reichtum ihrer Ausführung
auszeichnen, kehrt Johns, wie zur Zeit seiner Flaggenbilder, wieder zur
Sicherheit einsehbarer und bindender Wertmaßstäbe zurück.
Innerhalb seiner individuellen Entwicklung vertritt diese Werkgruppe,
zusammen mit seinen druckgrafischen Arbeiten, die klassizistische Rückbesinnung
auf einen verbindlichen Kanon, die Rückbesinnung auf seine klassische
Epoche.
In den achtziger Jahren wendet sich Johns schließlich einer symbolistischen
Malerei zu. In bedeutungsschwangeren, künstlerisch jedoch eher belanglosen
Werken nehmen unergründliche, subjektive und autobiographische Referenzen
den größten Raum ein (Abb. 357).
Im Rahmen dieser Arbeit will ich weder auf diese Bilder, die mir nur aus
Reproduktionen bekannt sind, noch auf die klassizistische Phase des Amerikaners
eingehen. Stattdessen will ich abschließend noch einmal Johns Beitrag
zur Kunst der Moderne hervorheben: Thematisch vollzieht er als erster
die entscheidende Wende vom Abstrakten Expressionismus zu einem modernen
Realismus. In diesem erscheint die äußere Wirklichkeit als
die Ambiguität jeder Erfahrung und jeder Wahrnehmung; die innere
Wirklichkeit des Künstlers und des Betrachters manifestiert sich
(wie auf S. __ dargelegt) im Verlust individuell geprägter idealisierter
Strukturen und entsprechender exhibitorischer Ambitionen, d.h. im unpersönlichen
Charakter des Werkes.
Bildnerisch hat Johns zusammen mit Rauschenberg ein neues künstlerisches
Vokabular geschaffen. Dieses bildet die Grundlage für die spektakulärste
künstlerische Wandlung der Nachkriegszeit: die Revolution der Pop
Art.
Das Bekenntnis zum Trivialen: die amerikanische Pop Art
Der Auftritt von Jasper Johns und Robert Rauschenbergs leitet auf beiden
Seiten des Atlantik eine entscheidende Wende ein. Eine wachsende Zahl
junger Künstler entdeckt in der Ikonographie des großstädtischen
Alltags eine neue Inspirationsquelle und beginnt deren gestalterisches
Potential auszuloten. In London prägt der Kunstkritiker Lawrence
Alloway den Begriff Pop Art, der sich innerhalb kürzester Zeit auch
in den USA einbürgert, wo er unterschiedslos auf alle Versuche angewandt
wird, die Bilderwelt der Massenmedien und der Konsumgesellschaft in die
künstlerische Gestaltung zu integrieren.
Die summarische Zusammenfassung all dieser Bestrebungen unter den suggestiven
Stilbegriff Pop Art tendiert dazu, die äußeren Merkmale der
neuen Kunst in den Vordergrund zu rücken und den Blick für deren
geistige Bedeutung zu trüben. Aus meiner Sicht zeichnet sich die
Pop Art nicht nur durch ihre populäre Thematik, sondern vor allem
durch die besondere, wertneutrale Haltung aus, mit der sie dieser begegnet.
Diese Haltung grenzt die Pop Art als eine moderne Form realistischer Kunst
von den polemischen Collagen des Dadaismus und vom romantischen Mystizismus
der surrealistischen Objekte ab.
Die geistigen Kriterien des neuen Realismus sollen am Beispiel der fünf
wichtigsten Vertreter der amerikanischen Pop Art veranschaulicht werden:
an Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Claes Oldenburg, George Segal und Tom
Wesselman.
Vor den Bildern Roy Lichtensteins (geb. 1923) erfährt der Betrachter
eine ähnliche Verunsicherung wie vor den Flaggen oder Zahlen von
Jasper Johns. Wie dieser übernimmt Lichtenstein eine bestehende,
an sich banale Vorlage, um sie aus ihrem üblichen Zusammenhang isoliert
und scheinbar unverändert wiederzugeben. Statt wie Johns den entscheidenden
Transfer durch den verfremdenden, taktil und farbig differenzierenden
Pinselduktus ins Bewußtsein zu rücken, verändert Lichtenstein
zu diesem Zweck lediglich die Dimensionen seiner Vorlagen: Er überträgt
entweder einzelne, aus ihrem Kontext gerissene Episoden aus den populären
Bildgeschichten der Comics oder Illustrationen aus Anzeigen, Werbebroschüren
oder Gebrauchsanweisungen auf riesige Bildformate und konfrontiert somit
den Betrachter mit einer zwar vertrauten, aber so noch nie gesehenen Erscheinung
(Abb. 359-361). Die undifferenzierte schwarze Umrißlinie, der regelmäßige,
mechanische Punktraster und die flächig und homogen eingesetzten
Grundfarben des ursprünglichen gedruckten Bildmaterials werden in
diesem stark vergrößerten Maßstab zu eindrücklichen
und unverwechselbaren Stilmerkmalen und treten damit, als die neuen Träger
einer ideellen und künstlerischen Aussage, in Widerspruch zur vordergründigen
literarischen oder psychologischen Bedeutung der jeweiligen Sujets.
Besonders deutlich wird dies bei Lichtensteins Comic-Strip-Bildern. Die
gefühlsbetonten Szenen dieser Bilder, die meist um Liebe, Gewalt
und Tod kreisen, werden durch die distanzierte, mechanische Darstellungsweise
ihrer individuellen Bedeutung beraubt und als stereotype, zu Clichés
erstarrte Vorstellungsinhalte entlarvt.
Trotzdem wäre es falsch, diesen Bildern eine gesellschaftskritische
Absicht zu unterstellen. So meint Lichtenstein: "Meine Kunst spiegelt
die Gesellschaft. Zwar glaube ich, daß kaum jemand mein Werk anschaut
ohne es für irgendwie satirisch zu halten oder ohne ihm Kommentarwert
zuzusprechen, - aber im Grunde will ich mit diesem Werk dennoch keinen
Sozialkommentar schaffen. Ich benutze die Aspekte unserer
gesellschaftlichen Umgebung, von denen ich sprach, als Material,
aber eigentlich interessiert mich die Malerei. Die Gesellschaft beeinflußt
zweifellos irgendwie mein Werk, aber ich bin nicht sicher, welche soziale
Botschaft - wenn überhaupt eine - mein Werk beinhalte, und ich möchte
im Grunde nicht, daß dies der Fall wäre. Ich bin nicht daran
interessiert, daß mein Werk die Gesellschaft irgend etwas 'lehren'
oder gar versuchen würde, unsere Welt zu verbessern."25
Lichtenstein ist Realist. Er hält zwar das kollektive Bewußtsein
seiner Zeit fest, oder genauer: die Art, in der dieses durch das Wesen
und die Sprache der Massenmedien geprägt wird; doch verzichtet er
darauf, die Wirklichkeit, die er dabei aufdeckt, in irgendeiner Weise
zu bewerten.
"Ich glaube, es gab eine Tradition, die mit Courbet beginnt,"
fährt er fort, "bei welcher der Realismus - und ich meine diesen
Begriff in seiner wörtlichen Bedeutung - darin besteht, ein gewöhnliches
Alltagsobjekt zu nehmen, das nicht als künstlerisch empfunden
wird, um es einfach darzustellen. Ich nun stelle es nicht nur dar, sondern
ich arbeite sozusagen im Stil dieses Objekts, oder wenigstens in einem
Stil, der den Stil der Alltagskunst oder Alltagsgesellschaft parodiert.
So wird daraus eine andere Form von Realismus, eine Beschäftigung
mit dem Alltagsleben, die man in fast jeder Kunst seit Courbet finden
kann."26
Lichtenstein übernimmt den vorgegebenen Stil der Comics wie ein Readymade.
Aus der dramatischen Vergrößerung der drucktechnisch bedingten
bildnerischen Merkmale seiner Vorlagen gewinnt er sein eigenes Markenzeichen.
Er erweist dessen suggestive Kraft, indem er sich die unterschiedlichsten,
oft aus fremden Quellen stammenden Bildgegenstände durch die entsprechende
stilistische Umformung aneignet.
"The medium is the message". McLuhans Schlagwort findet seine
vielleicht überzeugendste Veranschaulichung, wenn Lichtenstein gar
Bilder von Cézanne, Picasso oder Mondrian mittels Umrißlinie
und Punktraster zu eigenen Werken umfunktioniert (Abb. 363). "Ein
Picassobild ist gleichsam Gemeinplatz geworden," sagt er in einem
Interview, "man hat das Gefühl, daß eine Reproduktion
von Picasso in jedem Heim hängen sollte. [...] Ich möchte eigentlich
eine Art Picasso für jedermann machen - etwas, das wie ein Mißverständnis
aussieht und doch seinen eigenen Wert hat. Ein gut Teil davon ist einfach
Spaß."27
In diesem letzten Satz stoßen wir auf einen weiteren entscheidenden
Aspekt der Pop Art: auf den Spaß, den sie an sich selber und an
ihrem Bildmaterial hat. Diese Kunst begegnet der Realität ihres Alltags
weder mit der Meta-Ironie Marcel Duchamps, noch mit dem Hohn und Spott
der Dadaisten, sondern mit einem oft geradezu olympischen Humor (Humor
als eine Einstellung zum Leben, welche die Unzulänglichkeiten und
Schwächen des Daseins durschaut, aber selbst über den Dingen
steht). Dieser Zug unterscheidet den Realismus der Moderne von dem früherer
Zeitalter (Abb. 362). Der Humor stellt wohl die einzig mögliche Einstellung
dar, dank welcher der zeitgenössische Künstler seiner Gesellschaft
und seiner kulturellen Wirklichkeit im Sinne des Realismus, d.h. sowohl
wahrhaftig und ohne Verleugnung, als auch gelassen, registrierend und
ohne Polemik, entgegenzutreten vermag.
Auch Andy Warhol (1936-1986) tritt der Bilderwelt der materiellen und
geistigen Konsumgüterindustrie, des Warenhauses und des Showbusiness,
mit der wertneutralen, distanzierten und coolen Haltung eines
modernen Realisten entgegen.
Dollarnoten, Coca-Cola-Flaschen, Suppenbüchsen, Leonardos Mona Lisa,
die Bilder von Filmstars wie Marilyn Monroe, Liz Taylor, Marlon Brando
oder Elvis Presley, ein Foto des elektrischen Stuhls, der Atompilz von
Bikini oder das Pressebild eines Verkehrsunfalls bilden die Vorlagen,
aus denen er in den frühen sechziger Jahren durch Isolierung, Reproduktion,
Vergrößerung, Druck und Wiederholung ein Werk schafft, mit
dem er der artifiziellen Welt der modernen Massenmedien ein bleibendes
Denkmal setzt (Abb. 365-370).
Mit einem einfachen, groben Siebdruckverfahren überträgt Warhol
seine jeweiligen Vorlagen einzeln oder im Doppel, dutzendfach oder gar
hundertfach aneinandergereiht auf die rohe oder eingefärbte Leinwand,
wobei er von jedem einzelnen Sujet immer mehrere Varianten schafft. Wie
im Falle Rauschenbergs, von dem Warhol das Prinzip des Siebdrucks übernommen
hat, lassen seine Gestaltungen keinerlei hierarchisches Prinzip erkennen.
Die distanzierte Gleichgültigkeit, die Warhol seinem Bildmaterial
und seiner Kunst entgegenzubringen scheint, manifestiert sich nicht nur
in dieser fehlenden Bewertung, sondern auch im minimalen Aufwand, mit
dem er diese gestaltet. Die summarische und unsorgfältige drucktechnische
Wiedergabe, die mechanische Aneinanderreihung identischer Bildmotive und
die lapidare Ordnung ihrer Arrangements verleihen seinen Werken eine unpersönliche
Entrücktheit.
Dollarnoten oder Coca-Cola-Flaschen, Marilyns Gesicht, der elektrische
Stuhl oder die Explosion der Atombombe über Bikini werden allesamt
und völlig kommentarlos nicht sosehr als äußere, reale
Tatsachen, sondern als Repräsentanten einer anonymen, unser Bewußtsein
durchdringenden medialen Wirklichkeit (einer Wirklichkeit aus zweiter
Hand) präsentiert und gewinnen gerade dadurch eine ihnen bisher fremde
Bedeutung.
Während Johns der stereotypen Banalität seiner Zeichen und Embleme
den kultivierten Reichtum, die fast kulinarische Qualität seines
malerischen Duktus entgegensetzt, bemüht sich Warhol genau wie Lichtenstein
ganz offensichtlich darum, aus seinen Bildern jede Spur einer malerischen
Handschrift oder eines sonstwie individuellen Vorgehens auszumerzen. Er
sieht sich als Schöpfer von Bildideen und Konzepten, deren Ausführung
in einer möglichst unpersönlichen, mechanischen Art und Weise
zu erfolgen hat und ebensogut von einem Assistenten, einem bloßen
Techniker übernommen werden kann. "The reason I'm painting this
way", lautet sein berühmter Ausspruch, "is that I want
to be a machine, and I feel that whatever I do and do machinelike is what
I want to do."28
Dementsprechend ist Warhols entscheidendes Ausdrucks- und Gestaltungsmittel
das der mechanischen Wiederholung. Er geht dabei soweit, daß er
ganze Ausstellungen einem einzigen Sujet widmet (Abb. 368), wobei alle
ausgestellten Werke mit derselben, sich dauernd wiederholenden Vorlage
gestaltet sind (so die Ausstellungen der Brillo-Schachteln, der Marilyns,
der Flowers und des Cow Wallpapers bei Castelli und der Elvis Presley-Figuren
bei Ferus). In diesem Sinn gestaltet er auch den Katalog für seine
große Ausstellung im Moderna Museet in Stockholm (1968), bei dem
die ganzseitige Reproduktion eines bestimmten Werkes jeweils völlig
unverändert auf zwanzig aufeinanderfolgenden Seiten wiederholt wird.
Bei aller gestalterischen Anonymität, die Warhol immer wieder demonstrativ
zur Schau stellt, entwickeln die mechanischen Verfahren und Prinzipien,
die er einsetzt, eine ihnen eigene Ästhetik. Der Rhythmus der mechanischen
Wiederholung, das Wechselspiel zwischen bedruckter und leerer Bildfläche,
die Unregelmäßigkeiten, die sich aus der groben Anwendung der
Siebdrucktechnik ergeben und die kühle, anonyme Brillanz der Industriefarbe
erzeugen eine Vielfalt bildnerischer Reize, die den Eindruck scheinbarer
Zufälligkeit und Absichtslosigkeit vermitteln. Der Betrachter führt
die ästhetische Lust, die er empfindet, nicht mehr auf die künstlerische
Gestaltung des Werkes zurück, sondern versteht sie als inhärente
Funktion der anonymen Drucktechnik und des vorgegebenen Bildmaterials.
Entsprechendes gilt für die Aussage des Werkes."Wollt Ihr alles
über Andy Warhol wissen, so schaut auf die Oberfläche meiner
Bilder, meiner Filme und meiner selbst, dort bin ich. Dahinter ist nichts",29
sagt der Künstler. Er drängt dem Betrachter nichts Eigenes auf,
weder Gefühle noch Ideale, sondern läßt ihn mit einem
Stück Wirklichkeit allein. In diesem Sinne ist schon eines seiner
ersten Werke, Do it yourself aus dem Jahr 1962 zu verstehen: Es stellt
eine jener Bildtafeln dar, mit denen Kinder dazu angeleitet werden, eine
vorgedruckte Zeichnung selbst zu kolorieren und damit zu vollenden (Abb.
370). Konsequenterweise verweigert sich Warhol auch jeder Hinterfragung
seiner künstlerischen Absichten. "Warum geben Sie nicht auch
die Antworten", meint er zu einem Kunstkritiker, der ihn mit Fragen
bedrängt, und fordert ihn auf: "Sagen Sie mir einfach, was ich
sagen soll".30
Warhols autistische Haltung, seine distanzierten Auftritte und die scheinbare
Gleichgültigkeit, die er den Ergebnissen seiner künstlerischen
Arbeit entgegenbringt, lassen sich unschwer als eine Form der Abwehr erkennen.
Ein äußerst verletzbares, glaubhafter Ideale und individueller
Ambitionen beraubtes Selbst zieht sich auf die anonymen Gegebenheiten
des Tatsächlichen, auf den unverbindlichen Glanz des Artifiziellen
und auf die unangreifbare Perfektion der Maschine zurück. In diesem
Sinn sagt er: "Ich empfinde immer noch etwas für andere Menschen,
doch wäre es viel leichter, nichts zu empfinden [...] es ist zu schwer,
etwas zu empfinden [...] ich will nicht in das Leben anderer Menschen
hineingezogen werden [...] ich will nicht zu nahe kommen [...] ich liebe
es nicht, Sachen zu berühren [...] deshalb ist mein Werk so abgerückt
von mir selbst."31
Die Ambiguität des Wirklichen - das Grundthema der amerikanischen
Pop Art - findet ihre überraschendste und vielfältigste Ausgestaltung
im Werk des 1929 geborenen Claes Oldenburg, den Barbara Rose im Katalog
der großen Ausstellung im Museum of Modern Art (1970) sinnigerweise
mit einem Rätsel einführt: "Was ist sowohl hart als weich?
Was schmilzt, zerfließt und ist doch fest? Was ist geformt und unformbar?
Strukturiert und lose? Gegenwärtig und potentiell? Was verbindet
Konzeption und Ausführung? Bewegung mit Statik? Was ist Malerei?
Skulptur? Architektur? Oder Landschaft? Porträt? Stilleben? Was macht
Anonymes persönlich und Subjektives allgemein? Was ist hermetisch
und doch offen? Was verbirgt sich unter den Hüllen unzähliger
Verkleidungen, während es völlige Selbstentblößung
verkündet? Was ist gleichzeitig bewußt und automatisch, logisch
und verrückt, wirklich und phantastisch?"32
Claes Oldenburg, der mit seinem reifen Werk die Lösung dieses Rätsels
liefert, ist als Sohn einer schwedischen Diplomatenfamilie in Chicago
aufgewachsen. Nach einem Universitätsstudium in Yale und einer künstlerischen
Ausbildung am Art Institute of Chicago kommt der jetzt Siebenundzwanzigjährige
im Juni 1956 nach New York. Er wohnt im Lower East Side, in einem slumartigen
Quartier im untersten Teil von Manhattan und entwickelt unter dem Eindruck
des Elends seiner Umgebung die ihm eigene Form eines gegenständlichen
Expressionismus (Abb. 371). "Ist man empfindsam, lebt man in der
Stadt und will man der Stadt begegnen, statt vor ihr zu fliehen",
schreibt er um diese Zeit, "so muß man sich mit ihr einlassen
und auseinandersetzen [...] mit der Landschaft der Stadt, mit dem Schmutz
der Stadt und mit allen zufallsbedingten Möglichkeiten der Stadt."33
Im Laufe der Jahre konkretisiert sich das Projekt eines umfassenden Environment
in Form eines metaphorischen Wandbildes, mit dem Oldenburg
die Absurdität, Armut und Gewalttätigkeit seiner Umgebung, das
tägliche Drama von Gewalt, Liebe und Tod künstlerisch umzusetzen
versucht. Für dieses schafft er aus Gips, Draht, Karton und allen
möglichen Abfällen rohe, ausdrucksstarke Reliefs, die zum Teil
überlebensgroße menschliche Figuren, Köpfe mit Sprechblasen,
Tiere, Waffen, Automobile, Flugzeuge, Plakate, Schriften und Zahlen darstellen.
1959 zeigt er diese mit einer expressiven, grafittiartigen Malerei bedeckten,
an Art Brut erinnernden Gestaltungen unter dem Titel The Street in der
Judson Gallery, und ein Jahr später in der Reuben Gallery (Abb. 373).
Ab 1960 beginnt sich in Oldenburgs Schaffen eine optimistischere, lustbetontere
Haltung durchzusetzen. Statt weiterhin das Elend und die Gewalt seiner
Umgebung zu zelebrieren, nimmt er sich ihres banalen Inventars an, um
aus gewöhnlichen Gegenständen das Ungewöhnliche zu gewinnen.
Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung mietet er an der 107 East 2nd
Street ein leerstehendes Lokal und installiert dort im Dezember 1961 The
Store: Laden, private Galerie und künstlerisches Environment in einem;
hier stellt er seine neuen Werke aus, grobe Nachgestaltungen der alltäglichen
Gegenstände, die in den Auslagen der Imbißstände und in
den ärmlichen Schaufenstern seiner Nachbarschaft feilgeboten werden.
Mit weit über hundert Objekten verfügt der Laden über ein
vielfältiges Angebot. Auf Sockeln und Tischen, in Gestellen und Regalen
präsentiert Oldenburg in wahllosem Durcheinander seine aus Gips oder
Pappmaché geformten und mit billiger Emailfarbe grell bemalten
Werke: Wäschestücke, Kleider, Schuhe, Hüte, Spielsachen
und Werkzeuge, dazu jede Art von Eßwaren, Kuchen, Pizzas, Sandwiches,
Hamburger, Wurstwaren, Früchte, Getränke und Eisbecher (Abb.
374-376). Dabei steigert er die ungeschlachten Formen, die brutale Bemalung
und die vulgäre Sinnlichkeit seiner Objekte, indem er sie meist in
Verbindung mit makellosen, industriell hergestellten Realobjekten ausstellt,
z.B. auf Porzellantellern, in realen Gläsern, in einer chromgefaßten
Vitrine oder auf einem weißen Emailherd. "I want these pieces
to have an unbridled intense satanic vulgarity, unsurpassable, and yet
be art" ("Ich will, daß diese Objekte eine intensive,
hemmungslose, satanische, unüberbietbare Vulgarität ausstrahlen,
und dennoch Kunst sind."), schreibt er dazu.34
Nach zwei Monaten schließt Oldenburg den Store und verwandelt seine
Räume in das Ray Gun Theatre, in dem er zusammen mit seiner Frau
Pat, Lucas Samaras und Gloria Grey eine Reihe von Happenings inszeniert,
darunter auch solche mit explizit sexueller Thematik. Diese Aufführungen
finden ihren Abschluß, als Richard Bellamy, der Leiter der Green
Gallery, Oldenburg dazu einlädt, das ehemalige Ladenenvironment in
seiner Galerie einzurichten.
Die intime Atmosphäre des Store, der mit seinen unzähligen,
meist kleinen Objekten wie ein verzauberter Trödlerladen aussah,
ließ sich in der neuen Umgebung nicht wiederholen; die großen
und hellen Räume der Green Gallery verlangten nach einem andersartigen
Auftritt. Oldenburg entschließt sich , seine bisherigen Objekte
ins Riesenhafte zu vergrößern. Dabei entstehen (wohl auch aus
praktischen Gründen) seine ersten Soft Sculptures, darunter ein aus
weichem Material gebildeter Giant Ice Cream Cone, ein ebensogroßer
Floor Cake und die Näharbeit Giant Blue Men's Pants, eine übergroße,
blaue Männerhose an einem Drahtbügel (Abb. 377).
Die New Yorker Kunstwelt hatte seit Johns erstem Auftritt bei Castelli
nichts mehr derartiges erlebt. Der kommerzielle Erfolg der Ausstellung,
die den internationalen Durchbruch der Pop Art einleitete, wurde nach
Barbara Rose nur noch durch die Heftigkeit überboten, mit der die
etablierte Kunstkritik gegen die neue Richtung zu Felde zog. Für
Clement Greenberg stellte diese lediglich "eine neue Episode in der
Geschichte des Geschmacks dar"; Harold Rosenberg setzte die Pop Art
einer "Kapitulation vor den Übeln einer philistinischen Massenkultur"35
gleich, und Peter Selz lehnte sie nicht nur aus ästhetischen, sondern
auch aus moralischen Gründen ab. Seiner Meinung nach demonstrierte
die Pop Art, indem sie in passiver Weise das Bestehende akzeptierte, "die
tiefsitzende Feigheit, Charakterlosigkeit und Ängstlichkeit von Menschen,
die sich mit der Zeit, in der sie leben, nicht auseinandersetzen können."36
Alle diese Kritiker greifen in erster Linie die wertneutrale Haltung an,
mit der die Pop Art die sichtbare Wirklichkeit und die materialistische
Kultur des amerikanischen Alltags als Gegebenheit akzeptiert und in die
künstlerische Gestaltung integriert.
Die jeweiligen Hüter der alten Ordnung verteidigen die idealistischen
Werte, die von der romantischen, der klassizistischen und der symbolistischen
Kunst vertreten werden, gegen den Einbruch eines neuen Wirklichkeitsbewußtseins,
das sich nicht mehr dem Emotionalen, Idealen oder Bedeutungsvollen unterwirft,
sondern sich am Wirklichen, am Wahren und am Richtigen
orientiert.
Dieses künstlerische Bewußtsein ist für Selz und seine
Gesinnungsgenossen deshalb so bedrohlich, weil es in der Erfahrung einer
Wirklichkeit gründet, deren bisherige Verdrängung oder Verleugnung
die entscheidende Voraussetzung für ihren elitären Idealismus
und damit für ihr Selbstwertgefühl bildet. Die an der Pop Art
entfachte Polemik ist nicht neu; in einem Essay zur römischen Literatur
(Satire und Realismus bei Pretonius, 1963) schreibt der amerikanische
Philologe J.P. Sullivan: "Was die realistische Tradition in jeder
Zeit auszeichnet und gegen das Romantische, das Heroische und das Sentimentale
abgrenzt, ist der Glaube, daß nur die vulgären, die schäbigen
und die sexuellen Elemente des Lebens wirklich real sind (im wahren Sinne
des Wortes wirklich sind); der Rest ist der Schwindel des scheinheiligen
Moralisten."37
Allen Widerständen zum Trotz verwandelt sich die Pop Art innerhalb
kürzester Zeit aus einer obskuren Untergrundbewegung in eine etablierte
Kunstform und damit, dem Geist der Zeit entsprechend, in eine gefragte
Ware, die von Händlern, Sammlern, dem Jet Set und den Massenmedien
gierig aufgenommen und konsumiert wird. Der entscheidende Durchbruch erfolgt
1962. In diesem Jahr stellen die wichtigsten amerikanischen Pop Künstler
erstmals in den etablierten Galerien aus: Lichtenstein bei Castelli, Dine
bei Martha Jackson, Warhol bei Stable, Wesselman, Segal und Oldenburg
in der Green Gallery. Ende des Jahres bestätigt das Pasadena Art
Museum mit einer umfassenden Ausstellung The new Painting of Common
Objects die offizielle Anerkennung der neuen Kunst, deren Vertreter
wenig später auch in New York (bei Sidney Janis) unter dem Titel
The new Realists (die neuen Realisten) erstmals als geschlossene
Gruppe vorgestellt werden.
Der Erfolg eröffnet Oldenburg materiell und geistig völlig neue
Horizonte. Er zieht nach Kalifornien und beginnt zusammen mit seiner Frau,
die ihm bei der Ausführung der weichen Skulpturen als Näherin
behilflich ist, mit der systematischen Verwirklichung seiner inzwischen
ausgereiften Konzepte. Zwischen 1962 und 1970 entstehen in Venice, Kalifornien
und in New York die berühmten, apparatehaften Objekte wie Waschbecken,
Klosetts, Telefone, Schreibmaschinen, Toaster oder Küchenmixer, die
er meist in drei Versionen ausführt: in einer harten (aus sparsam
bemaltem Wellkarton), einer geisterhaften (aus kapokgefülltem Leinen)
und einer weichen (aus weißem und schwarzem Vinyl) (Abb. 378-380).
Zur selben Zeit entstehen auch die Skizzen und Entwürfe für
seine Monumente, Projekte für überdimensional vergrößerte
Gegenstände (z.B. eine Wäscheklammer, eine Schere, ein Doppelstecker,
eine Schraube und viele andere mehr), die als Standbilder auf öffentlichen
Plätzen aufzustellen wären. Obwohl bisher nur wenige dieser
Entwürfe real ausgeführt worden sind, kommt ihnen in Oldenburgs
Öuvre eine entscheidende Bedeutung zu, unterstreichen sie doch dessen
Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz (Abb. 381).
Waren Oldenburgs frühe Objekte (aus den Environments der Street und
des Stores) durch ihre Machart in hohem Maße expressiv aufgeladen,
so strahlt das reife Werk der sechziger Jahre die Gelassenheit des Realisten
aus.
Man mag einwenden, Oldenburg sei insofern kein Realist, als seine Gestaltungen
in fast jeder Beziehung, nämlich was Form, Farbe, Dimension, Textur
und Machart betrifft, von ihren jeweiligen Vorbildern abweichen. Diese
Abweichungen ändern jedoch nichts am realistischen Charakter seines
Werkes; sie sind weder durch Idealisierung bedingt, noch durch das Bedürfnis,
eine psychische Innerlichkeit nach außen zu kehren, d.h. eine Emotion
auszudrücken, sondern sind eine Funktion des Humors, der an Stelle
eines expressiven oder wertenden Engagements tritt.
Mit den gleichen Argumenten läßt sich auch die oft geäußerte
Auffassung widerlegen, daß die zufällig sich ergebenden Formen
der Soft Sculptures den spontanen, unkontrollierten Gestus des Abstrakten
Expressionismus wiederholen, und daß Oldenburg deshalb als Surrealist
einzustufen sei. Wohl lassen sich diese weichen Objekte, die jedesmal,
wenn sie neu aufgestellt werden, anders aussehen, als eine Form von Automatismus
betrachten. Nur handelt es sich dabei nicht mehr um einen psychischen
Automatismus, sondern um einen solchen des Materials, um einen physikalisch
bedingten, realen Automatismus (um den Automatismus der Realität).
Wie Barbara Rose bemerkt, wirken die Soft Sculptures immer so, als ob
sie ihre jeweilige Stellung selbst geschaffen hätten. Dazu erläutert
Oldenburg: "Die Spontaneität ist nicht meine. Ich entwerfe ein
Objekt auf Grund einer konzeptionellen Idee und es wird in einer ganz
einfachen Art und Weise fabriziert. Die Spontaneität kommt erst ins
Spiel, wenn andere Leute damit in Berührung kommen [...] Jemand kann
kommen und es manipulieren oder verändern."38
Entsprechendes gilt für die durch Oldenburgs Objekte ausgelösten
Assoziationen. Auch diese lassen sich weder romantisch noch symbolistisch
auffassen, denn sie werden nicht gezielt hervorgerufen, sondern sind durch
die faktischen Gegebenheiten und die physikalischen Bedingungen der jeweiligen
Formgebilde bedingt, nämlich durch den expressiven Eigenwert der
ursprünglich gewählten, realen Objekte, durch die physikalischen
Eigenschaften des verwendeten Materials und durch die Wirkung der Schwerkraft,
die Oldenburg als seinen "bevorzugtesten Formschöpfer"
bezeichnet.
Mit seinem reifen Werk drückt Oldenburg nichts aus, sondern kommentiert
die materialistische Kultur, die dem American Dream zugrunde
liegt, aus der Sicht des modernen Realisten: Er nimmt sie als eine gegebene
Wirklichkeit an, der sich nur mit Humor begegnen läßt. Diese
Haltung, die auch das Werk von Warhol und Lichtenstein auszeichnet, bildet
den gemeinsamen Nenner, der die vielfältige Produktion der amerikanischen
Pop Art miteinander verbindet; bei den übrigen Vertretern dieser
Richtung tritt sie jedoch nicht mehr mit derselben Reinheit und Konsequenz
zutage.
George Segals Environmental sculptures erinnern in mancher Hinsicht
an die Lebenden Bilder, die sich einst in den Schaubuden der
Jahrmärkte großer Beliebtheit erfreuten. Sie stellen Menschen
in alltäglichen Situationen dar (z.B. einen Busfahrer am Steuer,
eine Frau, die sich die Beine rasiert, einen Mann an einem Flipperkasten),
wobei Segal seine Figuren insofern als Readymades aus der Wirklichkeit
übernimmt, als er sie nicht im eigentlichen Sinn gestaltet, sondern
lebende Modelle in den entsprechenden Posen abformt. Dazu bandagiert er
deren Körper mit nassen Gipsbinden, schneidet dann die erhärtete
Gipsschale in einzelne Teile, löst diese Stück um Stück
von seinem Modell ab und fügt sie schließlich wieder zur ganzen
Figur zusammen. Diese zeigt folglich nur die äußere Seite ihres
Abdruckes. Dessen innere Seite, die als Negativ einen naturgetreuen Abguß
des Modelles erlauben würde, bleibt im Innern der Figur verborgen
und kann bestenfalls vorgestellt oder gedacht werden. Durch die Struktur
und das Volumen der aufgetragenen Bandagen werden Segals Figuren verfremdet
und auf ihre wesentlichen Merkmale reduziert. Doch spürt man deutlich,
daß es sich bei ihnen um keine herkömmlich gestalteten Werke,
sondern um einen Grenzfall zwischen Skulptur und Abguß handelt.
Wie durch einen Schleier läßt die fertige Figur die charakteristischen
Züge des Modells (dessen Gesicht, Körperbau und Haltung) erkennen
und erweckt dadurch den zwiespältigen Eindruck einer lebendigen Mumie
(Abb. 382).
Segal steigert die Wirklichkeitsnähe seiner Gestalten, indem er zur
Charakterisierung der Situationen, in denen jene jeweils auftreten, reale
Objekte verwendet. Durch ihre undurchdringliche Hülle von der Außenwelt
getrennt, verbreiten Segals Gestalten eine beklemmende Stille; ihre Einsamkeit
und Isolierung scheint eine Grunderfahrung des modernen Menschen zu spiegeln.
Dieser Zug ins Existentielle durchbricht mit seinen symbolistischen Untertönen
den Rahmen einer nüchtern-realistischen Kunst und weist Segal eine
Sonderstellung innerhalb der amerikanischen Pop Art zu.
Auch Tom Wesselman verbindet in seinen frühen Badezimmerreliefs (Abb. 382a) die stilisierte Darstellung einer weiblichen Figur mit realen Objekten: Die gekachelte Wand, das Klosett mit Spülkasten und Sitzring, die Papierrolle, die Handtuchstange und das Frotteetuch in unserem Beispiel stammen aus dem Warenhaus. In seinen späteren Great American Nudes erhebt Wesselman seine Frauenakte im Sinn von Pin Ups zum zentralen Thema. In dem Maß, in dem er die Frau als Sexualobjekt zelebriert, gibt er dabei die nüchterne und wertneutrale Haltung des Realisten zugunsten einer Idealisierung geschlechtlicher Lust auf (Abb. 383).
James Rosenquist, ein ehemaliger Maler von Kinoplakaten, überträgt
mit der in diesem Beruf üblichen naturalistischen Maltechnik unterschiedliche
Bildfragmente aus Zeitschriften, Anzeigen und Plakaten peinlich genau,
jedoch in vergrößertem Maßstab auf die Leinwand, wo er
sie zu collageartigen Konfigurationen zusammenfügt (Abb. 384). Diese
Werke spiegeln in suggestiver Weise den verwirrenden Informationsfluß,
der sich täglich über den Großstadtmenschen ergießt.
Obwohl Rosenquist zu den großen Vertretern der amerikanischen Pop
Art gezählt wird, neigen seine Arbeiten zum Anekdotischen und Illustrativen.
Dasselbe gilt auch für Jim Dine, Larry Rivers, Mel Ramos oder Wayne
Thiebauld. Deren Werk läßt trotz vordergründiger Originalität
und Brillanz die grandiose Verdichtung, die Konzentration auf das Wesentliche
vermissen, der Lichtenstein, Warhol und Oldenburg ihre überragende
Bedeutung verdanken.
Der Mythos Amerika und die englische Pop Art
Der Drang jeder neuen Künstlergeneration, dem bereits Geschaffenen
etwas Neues hinzuzufügen, gründet in der exhibitorischen Ambition,
die eigene Einmaligkeit und Grandiosität zur Schau zu stellen. In
dem Maß, in dem diese Ambition durch eine weitere Annäherung
an das bisher Verfolgte, also durch Verbesserungen oder durch bedeutungsvolle
Varianten des bereits Erreichten befriedigt werden kann, bleibt die stilistische
Einheit mit dem Werk der Vorgänger weitgehend erhalten. Haben diese
jedoch das Potential ihrer künstlerischen Démarche ausgeschöpft,
so kann die nachfolgende Generation ihre exhibitorischen Ambitionen nur
noch durch eine entscheidende Richtungsänderung, d.h. durch einen
stilistischen Umbruch befriedigen.
In diesem Sinn lehnt sich die amerikanische Pop-Generation gegen die romantische
Geisteshaltung und die Monopolstellung des Abstrakten Expressionismus
auf. Die eindrücklichen, an sich exemplarischen Gestaltungen ihrer
Vorgänger bieten ihr dabei ein kraftvolles, einsehbares und profiliertes
Feindbild, an dem sie ihre eigenen Ambitionen und Ideale definieren
und strukturieren kann. Lichtenstein, Warhol und Oldenburg übernahmen
von ihren Gegnern eine ganze Reihe entscheidender Qualitäten:
die Eindeutigkeit und Konsequenz des bildnerischen Konzepts, den grandiosen
Auftritt des großen Formats und den Anspruch auf universale Geltung;
doch stellten sie diese Werte in den Dienst einer neuen Geisteshaltung.
Statt sich für das eigene Innenleben zu interessieren, richten sie
ihren Blick nach außen, auf die sichtbare Wirklichkeit ihrer kulturellen
Umwelt. Diese wird dabei nicht idealisiert, sondern als Repräsentanz
des Tatsächlichen und Gegebenen verstanden, als Spiegel, in dem der
Betrachter die Bedingtheit der eigenen Wahrnehmung und des eigenen Bewußtseins
erkennen kann.
Die englische Pop Art geht von anderen Voraussetzungen aus und hat dementsprechend
ein anderes Verhältnis zu ihrer Thematik und ihrem Bildmaterial.
Dem Sieg der Alliierten zum Trotz ist England als gebrochene Nation aus
dem Krieg hervorgegangen. Im Katalog zur Ausstellung Pop Art redefined
(Hayward Gallery, London 1969) beschreibt John Russel wie das kulturelle
Klima im London der Nachkriegszeit durch einen allgemeinen Mangel an allem
Notwendigen geprägt war.39 Es fehlte an Nahrung, Kleidern, Büchern,
Zeitschriften, Bildern, Flugtickets, fremder Währung und vor allem
an der Möglichkeit, das Leben außerhalb der Britischen Inseln
aus eigener Anschauung kennenzulernen.
Demgegenüber galt die USA der fünfziger Jahre als das Land
der unbegrenzten Möglichkeiten. Moderne Technologie und Massenmedien
waren dort viel weiter fortgeschritten als in Europa. So blickt die englische
Künstlergeneration, die mit dem Kriegsende volljährig geworden
ist, voller Sehnsucht und Bewunderung auf die populäre Massenkultur
der USA. Alles, was aus Amerika kommt, wird umso gieriger Aufgenommen,
als es im eigenen Land kaum zu finden ist. Zeitschriften wie Life
oder McCalls sind ebenso selten wie die legendären Nylonstrümpfe,
die chromglitzernden Karosserien der Ami-Schlitten oder die 78-Touren
Platten, mit denen die amerikanische Jazzmusik tropfenweise in das europäische
Bewußtsein dringt. All diese Zeugnisse einer moderneren, größeren
und freieren Welt nähren die Hoffnung, der Enge der europäischen
Gegenwart entrinnen zu können, und werden damit zu Sinnbildern einer
idealisierten Zukunft.
In diesem Klima organisiert Independent Group, eine lose Vereinigung
Junger Künstler, Architekten, Designer und Kritiker 1956 in der staatlichen
Whitechapel Gallery die berühmte Ausstellung This is Tomorrow,
die allgemein als der Beginn der englischen Pop-Bewegung angesehen wird.
Die Ausstellung soll die Möglichkeit demonstrieren, unterschiedliche
künstlerische Medien miteinander zu verbinden. Sie wird von zwölf
voneinander unabhängigen Dreiergruppen eingerichtet; jede Gruppe
besteht aus einem Maler, einem Bildhauer und einem Architekten und gestaltet
ein eigenes Environment.
Während sich die meisten dieser Gruppen darum bemühen, die gestellte
Aufgabe im Rahmen der traditionellen Kunstgattungen Malerei, Plastik und
Architektur zu lösen, errichtet der Maler Richard Hamilton in Zusammenarbeit
mit John McHale und dem Architekten John Voelcker ein Environment, in
dem er die Bilderwelt populärer Massenmedien, die visuellen, akustischen
und olifaktorischen Möglichkeiten moderner Technologie und eine Vielfalt
grafischer Effekte zu einem verwirrenden Panoptikum des zeitgenössischen
Kommunikationspotentials zusammenfügt. Den äußeren Rahmen
dieser Installation bilden ein dreidimensionaler, über fünf
Meter hoher Roboter mit blinkenden Augen, eine Großaufnahme von
Spaghettis, eine freistehende, lebensgroße Stellfigur Marilyn Monroes,
sich drehende Rotoreliefs von Marcel Duchamp, sowie mit Op-Art-Mustern
und Fotocollagen bedeckte Wände und eine Kakophonie von Maschinengeräuschen,
musikalischen Fragmenten und wirr durcheinander redender menschlicher
Stimmen (Abb. 385).
In einem geschlossenen Pavillon in der Mitte des Areals werden dem Eintretenden
ungewohnte Eindrücke und Sinnesempfindungen vermittelt. Der dunkle
Innenraum ist mit phosphoreszierender Farbe ausgemalt. Der Besucher schreitet
über weiche Böden und atmet ständig wechselnde, fremde
Gerüche ein. Er kann sich die experimentellen Filme ansehen, die
non-stop projiziert werden, oder in eine Raumkapsel steigen, durch deren
Gucklöcher furchterregende Science-Fiction-Monster blicken. Die ganze
Einrichtung zielt darauf, den Besucher zu desorientieren. Damit wollen
Hamilton und seine Mitarbeiter das vielfältige und weitgehend unbekannte
Wirkungspotential neuer Medien und Technologien aufzeigen. Mit ihrem Environment
stellen sie das Rohmaterial vor, das zukünftigen Künstlern zur
Verfügung steht. "Wir verwerfen die Vorstellung, daß sich
Morgen durch starre formale Konzepte ausdrücken läßt",
schreibt Hamilton im Vorwort zur Ausstellung. "Was wir brauchen,
ist nicht die Definition einer bedeutungsvollen Ikonographie, sondern
die Entwicklung unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten, um in der Lage
zu sein, die fortschreitende Bereicherung unseres visuellen Materials
anzunehmen und zu nutzen."40
Während der Arbeit an This is Tomorrow kommt unter den
beteiligten Künstlern der Begriff Pop Art auf; doch wird er nicht
wie heute zur Bezeichnung eines neuen Kunststils verwendet41 (der damals
noch gar nicht existiert hat), sondern bezieht sich ausschließlich
auf die Bilderwelt der industriellen Massenkultur, die das damalige Bewußtsein
zu prägen beginnt. In diesem Sinn charakterisiert Hamilton Pop Art
als
"Populär (für ein Massenpublikum entworfen)
Vorübergehend (kurzfristige Lösung)
Verbrauchbar (schnell vergessen)
Billig
In Massen produziert
Jung (an die Jugend gerichtet)
Witzig
Sexy
Trickreich
Glamorous (bezaubernd, bestrickend)
Big Business"42
Damit bezieht er sich auf das Quellenmaterial der späteren Pop Art,
das er (als einer der ersten) in der berühmten Collage verarbeitet,
die er für den Katalog und das Plakat der Ausstellung 1956 geschaffen
hat: Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?.
Ab 1957 beginnt Hamilton dieses Pop-Material auch in seine Bilder zu integrieren.
Bezeichnenderweise entsprechen diese in keiner Weise seiner Definition
von Pop Art. Es geht ihm wohl darum, "Bilder aus und über diese
Gesellschaft zu malen", und dabei "die einzigartigen Attribute
dieser Epoche einzufangen", doch arbeitet er selbst nicht im Stil
der neuen Medien; er übernimmt lediglich gewisse formale Aspekte,
technische Möglichkeiten und reale Objekte der kommerziellen Massenkultur,
um aus ihnen seine Bildwerke zu gestalten (Abb. 386).
Den Schritt zur eigentlichen Pop Art vollzieht Hamilton erst Mitte der
sechziger Jahre, nach seinem ersten Besuch in den USA, den er aus Anlaß
der großen Duchamp-Retrospektive im Pasadena Art Museum 1963 unternommen
hat. In New York lernt er Warhol, Lichtenstein, Dine, Rosenquist und Oldenburg
kennen und ist, wie er sich später äußert, von der "Kühnheit
und dem Witz" ihrer Kunst äußerst beeindruckt.43
1964 entstehen seine ersten Pop-Arbeiten, Epiphany und A little bit of
Roy Lichtenstein (Abb. 387). Bei diesem Druck handelt es sich um ein vergrößertes
Detail von Crying Girl (Weinendes Mädchen), das auf dem Plakat der
Lichtenstein-Ausstellung bei Leo Castelli (Oktober 1963) reproduziert
war. (Abb. 388). "Es schien sinnvoll", schreibt Hamilton, "den
Vervielfältigungsprozeß bis zu seiner logischen Schlußfolgerung
durchzuziehen und ein Kunstwerk zu machen aus dem Stück eines Werkes
von Lichtenstein, das aus einem Stück Comic Strip besteht."44
1965 folgen My Marilyn und die Serie der Zeichnungen, Bilder und Reliefs
zum Thema The Solomon R. Guggenheim (Abb. 327), und 1966 das Bild Toaster.
(Abb. 389, 390).
Mit diesen Werken übernimmt Hamilton die Grundeinstellung der amerikanischen
Pop Art. Doch ist dieser große Bewunderer Marcel Duchamps nicht
bereit, sich auf einen bestimmten Stil festzulegen; so schafft er zur
selben Zeit auch mehrere Varianten zu den Themen Interior und Patricia
Knight (Abb. 391). Dabei kombiniert er Malerei, Collage, Siebdruck, Fotografie,
Verspiegelungen und Metallreliefs zu seltsamen, komplexen Darstellungen,
die sich auf Grund ihrer vielfältigen und zum Teil unergründlichen
Referenzen bestenfalls mit dem frühen Werk Duchamps (insbesondere
mit dessen Großem Glas) vergleichen lassen. Hamilton wechselt immer
wieder sein Thema, arbeitet in den verschiedensten Techniken und Materialien
und gestaltet jedes seiner Bilder in dem Stil, der ihm dafür als
geeignet erscheint (Abb. 392). Trotz dieser ständigen Stilwechsel
wahrt sein Werk eine bemerkenswerte Einheit - wie im Falle Duchamps die
Einheit von Idee und Vorgehen.
Mit Duchamp teilt Hamilton die detachierte, coole Haltung,
die Vorherrschaft konzeptionellen Denkens, die Koppelung entfernter Bild-
und Sinnbereiche, die Nutzung des Zufalls, die Vermischung der eingesetzten
Medien, die Pluralität der Stile, die Unterstreichung des artifiziellen
Charakters der künstlerischen Gestaltung und den Wunsch, den Glauben
an absolute Werte zu untergraben. Vor allem geht es jedoch
dem Engländer um die fortschreitende Vertiefung analytischer Erkenntnis:
"Nach meinen Kriterien ist in einer idealen Kultur das Bewußtsein
ihrer Bedingungen allgemein verbreitet".
Als Lehrer an verschiedenen Kunstschulen, Verfasser vieler theoretischer
Artikel und als Ausstellungsgestalter45 hat Hamilton die Entwicklung der
englischen Pop Art in maßgeblicher Weise beeinflußt.
Die erste große Welle der neuen Kunstrichtung setzt in England zu
Beginn der sechziger Jahre mit einer Gruppe von jungen Künstlern
ein, die sich als Studenten am RCA (Royal College of Art) kennengelernt
haben: David Hockney, Allen Jones, Derek Boshier, Peter Phillips. Zusammen
mit dem etwas älteren Joe Tilson und Peter Blake und dem jüngeren
Patrick Caulfield entwickeln sie eine Kunst, die Gemeinsamkeiten mit der
zur selben Zeit aufkommenden Musik der Beatles und der Rolling Stones
aufweist (Abb. 393-397).
Im Gegensatz zur amerikanischen Pop Art, die aus der Auseinandersetzung
mit dem Abstrakten Expressionismus hervorgegangen ist, und zur Kunst Richard
Hamiltons, die sich am Vorbild Marcel Duchamp orientiert hat, ist die
aus dem Royal College of Art hervorgegangene Richtung Teil einer viel
allgemeineren, volkstümlicheren und im wahren Sinne des Wortes revolutionären
Bewegung, die sich gegen die Vorurteile und das elitäre Klassenbewußtsein
des kulturellen Establishments richtet.
Das Swinging London wird zum ideellen Zentrum eines weltweiten
Aufstandes der Jugend gegen die diskreditierten Maßstäbe der
bisherigen paternalistischen Wertstruktur. Die wirtschaftliche Hochkonjunktur,
die Befreiung von gesellschaftlichen Einschränkungen und sexuellen
Tabus, die Emanzipation der Frau, die Antibaby Pille, die Drogenszene,
Jazz-, Soul- und Popmusik, die Popularisierung östlicher Mystik,
des Zen-Buddhismus und der indischen Musik, die zunehmende Vertrautheit
mit fremden Ländern und Kulturen, Auto, Flugzeug, Fernsehen und die
Allgegenwart der Massenmedien bilden das geistige und gesellschaftliche
Klima, aus dem die englische Pop Art ihre Anregungen und Impulse, ihre
Inspiration bezieht. Die jungen Künstler feiern den triumphalen Sieg
ihrer eigenen Generation; dabei sind ihre Ausgestaltungen zufälliger,
oberflächlicher und fragmentarischer als die ihrer amerikanischen
Kollegen. Sie gehen die neue soziale Wirklichkeit nicht strukturell an
und geben nicht das Wesen, sondern bloß die glitzernde Oberfläche
des Neuen wieder.
Die Fixierung des Ausschnitts: der Nouveau Réalisme
Die künstlerische Hinwendung zur Realität bleibt nicht auf
den angloamerikanischen Raum beschränkt; eine entsprechende Entwicklung
vollzieht sich auch auf dem europäischen Festland.
Während der fünfziger Jahre steht die Pariser Kunstwelt im Banne
einer malerischen Ungegenständlichkeit, die unter den Bezeichnungen
Informel, Abstraction Lyrique oder Tachismus
ein breites Spektrum unterschiedlicher Tendenzen umfaßt. Diese Situation
weist viele Übereinstimmungen mit derjenigen in New York auf. Künstler,
Galeristen und Sammler verstehen die gestische Ungegenständlichkeit
als die logische Weiterentwicklung des Surrealismus und damit als die
einzig progressive, zukunftsgerichtete Malerei. Wie in New York, sollten
diese Vorstellungen auch in Paris durch die künstlerische Entwicklung
der sechziger Jahre widerlegt werden.
Am 27. Oktober 1960 gründet der französische Kunstkritiker Pierre
Restany in Paris die Künstlergruppe des Nouveau Réalisme,
der vorerst Yves Klein, Jean Tinguely, Martial Raysse, Daniel Spoerri,
Arman, Raymond Hains und François Dufrène angehören;
später stoßen César, Villeglé, Mimmo Rotella
und Niki de Saint Phalle dazu.
Restany war zu der Zeit ein ambitiöser junger Kunstkritiker, der
in den fünfziger Jahren vergeblich versucht hatte, sich als Vertreter
einer Gruppe junger ungegenständlicher Künstler einen Namen
zu machen.46 Seine Chance kommt, als er 1955 den damals noch kaum bekannten
Yves Klein kennenlernt, der eben begonnen hatte, seine völlig leeren,
monochromen Bildtafeln zu malen.47
Restany ist von der extremen Haltung des jungen Künstlers fasziniert
und erkennt sogleich dessen publizistisches Potential. Er übernimmt
Klein gegenüber die Rolle des Impresarios, indem er dessen Ausstellungen
organisiert, die Monochromie theoretisch untermauert und ihm mit Rat und
Tat beisteht.
Über Klein lernt Restany César, Arman und all die andern kennen,
die er später zur Gruppe des Nouveau Réalisme
verbinden sollte. Mit dieser hat er sich, wie Peter Vetsch vermerkt, "ein
publizistisches Monopol geschaffen, eine Pfründe, die er weidlich
auskostete. Zu allen Aktivitäten der Gruppe schrieb er die begleitenden
Texte. In unzähligen Artikeln propagierte er mit einer Penetranz,
die manchmal nicht zu ertragen war und ist, seine Ideen."48 Nach
dem Vorbild André Bretons schwingt sich Restany innert kürzester
Zeit zum neuen Kunstpapst der Pariser Szene auf. In der Gründungsurkunde
der neuen Bewegung umschreibt er die Haltung, die seine Künstler
miteinander verbindet, in einem Satz: "Nouveau Réalisme =
nouvelles approches perceptives du réel" (= neue Wahrnehmungsweisen
des Wirklichen).
Die gestalterischen Prinzipien der Neuen Realisten entsprechen in mancher
Hinsicht denjenigen der amerikanischen Pop Künstler. So verzichten
auch die Europäer auf jeden emotionalen Ausdruck und beschränken
ihre gestalterischen Interventionen auf ein Mindestmaß; in der Regel
begnügen sie sich damit, einen Ausschnitt der urbanen Umwelt zu präsentieren.
Im Gegensatz zu den Amerikanern geht es ihnen jedoch weniger darum, die
essentiellen Aspekte dieser Wirklichkeit sichtbar zu machen, als vielmehr
darum, deren ästhetischen Reize auszubeuten. Diese Ästhetisierung
unterscheidet ihr Werk von demjenigen der Amerikaner.
Im Folgenden soll die Arbeitsweise der typischen Vertreter des Nouveau
Réalisme in kurzen Zügen umschrieben werden. Dabei ist zu
bedenken, daß sich diese Künstler nur kurze Zeit durch eine
gemeinsame künstlerische Haltung und Produktion ausgezeichnet haben.
Die Bewegung wird zwar erst 1970, am berühmten Mailänder Bankett,
der Ultima Cena des Nouveau Réalisme offiziell aufgelöst,
doch werden die meisten ihrer Mitglieder schon vor diesem Datum ihren
ursprünglichen realistischen Grundsätzen untreu. So betreffen
meine kurzen Charakterisierungen nur die zwischen 1960 bis 1965 entstandenen
Arbeiten.
Die Plakatabreißer Hains, Villeglé, Dufrène und
Rotella lösen teilweise abgerissene oder völlig zerfetzte Plakate
von den Wänden und stellen sie, auf geeignete Unterlagen montiert,
als Décollagen aus (Abb. 398, 399). Viele dieser Werke unterscheiden
sich kaum von den Gestaltungen der damaligen ungegenständlichen,
informellen Kunst. Das gilt insbesondere für die Arbeiten Dufrènes,
der im Gegensatz zu seinen Kollegen bloß die Rückseite der
von ihm abgerissenen Plakate zeigt; diese fügen sich zu fast monochromen
Bildtafeln, die auf den ersten Blick die aesthetischen Prinzipien traditioneller
französischer Peinture zu vertreten scheinen.
Auch Arman geht von vorgefundenem Material aus. Er häuft gleichartige,
meist gebrauchte und abgenutzte Gegenstände (z.B. Löffel, Glühbirnen,
Telefonhörer, Kaffeekannen oder ähnlichen) zu sogenannten Accumulations,
die er in Glasvitrinen oder Plexiglasbehältern präsentiert;
für seine Poubelles trägt er Abfälle, Schutt und Unrat
zusammen. Ab 1963 entstehen seine Combustions, angebrannte oder völlig
verkohlte Gegenstände, die er im Sinn assistierter Readymades
zu Kunstwerken deklariert (Abb. 400).
César stellt 1960 im Salon de Mai zum ersten Male seine Compressions
aus, nämlich drei ausrangierte Automobilkarosserien, die er mittels
einer elektrischen Schrottpresse zu meterhohen Metallquadern zusammengedrückt
hat (von denen jeder über eine Tonne wiegt). Später wendet er
dasselbe Prinzip auf die unterschiedlichsten Materialien und jede Form
von Abfall an. Dabei entstehen Compressions aus Blue Jeans, Coca-Cola-Büchsen,
Ölkanistern und dergleichen (Abb. 403).
Trotz ihrer Verfremdung bewahren diese Gegenstände Merkmale ihres
ursprünglichen Aussehens. Das macht den ästhetischen oder psychologischen
Reiz der Compressions aus: ihre regelmäßige Gestalt bezeugt
den gewalttätigen Akt, in dem die anonymen Kräfte des technischen
Zeitalters Ausdruck finden.
Spoerri schafft seine berühmten Tableaux pièges, indem er
vorgefundene Arrangements (z.B. die Überreste eines Frühstücks,
die auf einem Arbeitstisch liegengelassenen Werkzeuge, das auf einem Servierbrett
zu Säulen aufgestapelte Kleingeld des Kellners) auf ihre plane Grundlage
fixiert, diese in die Vertikale kippt und so als Werk an die Wand hängt.
(Abb. 402).
Christo verpackt (ab 1958) alle möglichen Gegenstände (z.B.
ein Sessel, eine Schneiderpuppe, ein Motorrad oder ein Spielpferd), indem
er sie in zum Teil mit Lack behandelte Stoffe einwickelt und verschnürt
(Abb. 401). 1968 beginnt er die Serie seiner Großprojekte mit der
ersten Verpackung eines öffentlichen Gebäudes, der Kunsthalle
Bern. (1969 Verpackung eines 15 km langen felsigen Küstenstreifens
in Australien sowie Verpackung des Museum of Contemporary Art, Chicago;
1972 The Valley Curtain in Colorado, ein 934 m breiter Vorhang, der die
Talsohle zwischen zwei felsigen Abhängen zusperrt.)
Tinguely, dessen Arbeitweise den engeren Rahmen des Nouveau Réalisme
sprengt, schafft aus Schrott und allen möglichen Materialien völlig
nutzlose, durch kleine Elektromotoren angetriebene kinetische Maschinen,
die durch den Betrachter mittels Knopfdruck in Gang gesetzt werden können
und absurde, geräuschvolle Bewegungsabläufe vorführen (Abb.
404).
Die Kunst Tinguelys, der seine Metamatics schon 1955, also fünf Jahre
vor der Gründung der Bewegung, konstruiert hat, entspricht weder
ideell noch gestalterisch derjenigen seiner Kollegen, sondern eher den
neo-dadaistischen Combine-Paintings seines Freundes Rauschenberg; ich
werde in einem späteren Kapitel im Zusammenhang mit der Kinetischen
Kunst darauf zurückkommen.
Zusammenfassend läßt sich folgendes konstatieren. Während sich die Amerikaner die fabrikneuen, standardisierten Massenprodukte des Supermarktes, die zu Clichés erstarrten Vorstellungsinhalte der Massenmedien und deren spezifischen Gestaltungsmittel aneignen, bevorzugen die Nouveaux Réalistes gebrauchte, beschädigte oder gar zerstörte Objekte wie jede Art von Abfall. Ihr Material stammt nicht von den Regalen der Shopping Centers, sondern von Flohmärkten und Müllhaufen. Ihr Realismus ist nicht wertneutral; er nimmt die urbane Zivilisation des 20. Jahrhunderts nicht vorbehaltslos an, sondern rückt sie in die Nähe eines nostalgischen Romantizismus.
Die Wirklichkeit der Illusion: der Hyperrealismus
Als letzte realistische Tendenz der sechziger und siebziger Jahre sei
noch der Hyperrealismus bzw. Fotorealismus erwähnt, der in der Malerei
vor allem durch Chuck Close und Richard Estes, in der Plastik durch John
de Andrea und Duane Hanson vertreten wird.
Die Maler dieser Richtung gehen von fotografischen Diapositiven aus, die
sie unter Zuhilfenahme eines Projektors mit klinischer Sorgfalt und Deutlichkeit
malerisch auf die Leinwand übertragen. Die so entstandenen Bilder
lassen sich kaum von fotografischen Farbvergrößerungen unterscheiden
und verblüffen den Betrachter durch ihre technische Perfektion.
In Anbetracht ihrer identischen Malweise lassen sich diese Künstler
nur durch ihre jeweilige Themenwahl voneinander unterscheiden. So spezialisiert
sich Close auf übergroße Porträts (Abb. 406), während
Estes Lichtreflexe auf chromstrotzenden Autos oder die Spiegelungen von
Glastüren oder Schaufensterfassaden bevorzugt. (Abb. 405).
Der plastische Hyperrealismus wirkt unmittelbarer als der malerische,
da die Figuren durch ihre Naturtreue an die eines Wachsfigurenkabinetts
erinnern.
Während De Andreas Aktfiguren den Betrachter in die Rolle des Voyeurs
drängen, zeigt Hansen mit seiner typenhaften Wiedergabe alltäglicher
menschlicher Situationen den Lebensstil der amerikanischen Gesellschaft.
Seine Arbeiten reichen vom Selbstporträt bis zum Rocker, von der
Putzfrau bis zur Hausfrau beim Einkauf im Supermarkt (Abb. 407). Die nüchtern
registrierende, distanzierte Haltung, die er seinen Modellen entgegenbringt,
und die Treffsicherheit, mit der er diese und deren Accessoires auswählt,
verleihen seinen Werken dokumentarische Qualität und gesellschaftliche
Relevanz.
Auf Grund ihres extremen Naturalismus erfahren wir auch vor diesen Gestalten
die Fragwürdigkeit unserer Wahrnehmung: Sind sie lebendig oder nicht?
Sind sie Tatsache oder Fiktion? So gesehen läßt sich auch die
hyperrealistische Kunst der sechziger und siebziger Jahre unter das Grundthema
des modernen Realismus stellen: der Ambiguität des Wirklichen.
Die entwicklungsgeschichtliche Bedeutung der Pop Art und des Nouveau Réalisme
Die geistige Haltung, die in der realistischen Kunst zum Ausdruck kommt,
orientiert sich an den Werten des Ich.
Das Ich vertritt die Interessen des Gesamtorganismus. Es hat die Aufgabe
der Selbstbehauptung, vermittelt zwischen dem Individuum und der Außenwelt
und übernimmt innerhalb des psychischen Organismus eine synthetische
Funktion. "Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig
den Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der Realität genügt,
also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß."49
So muß sich das Ich sowohl mit der Außenwelt als auch mit
der eigenen Innenwelt auseinandersetzen. Dabei kann es seine Aufgabe nur
in dem Maß erfüllen, als es die Autonomie seiner Funktionen
gegen innere und äußere Einflüsse, also sowohl gegen den
Druck des Es und des Über-Ich (der eigenen Triebe und des Gewissens,
der eigenen Ideale und Moralvorschriften) als auch gegen den der Außenwelt
behaupten kann (verteidigen kann/aufrechterhalten kann). Dies setzt eine
von Es, Über-Ich und Außenwelt unabhängige, d.h. objektive
Regulierung seiner Funktionen voraus. Diese haben dialektischen Charakter
und sind, jede auf ihre Art, darauf angelegt, Wirklichkeit und Vorstellung
in einer Synthese miteinander zu vereinigen. Das Auseinanderklaffen von
Vorstellung und Wirklichkeit wird vom Ich analog einer Reizspannung als
geistige Unlust, die Übereinstimmung von Vorstellung und Wirklichkeit,
ihre Verbindung zu einer Synthese dagegen als geistige Lust erfahren.
Jede der drei Funktionsgruppen des Ich strebt die Synthese von Vorstellung
und Wirklichkeit in einer ihr eigenen Form an:
- Die wahrnehmenden Funktionen schließen von den Sinnesempfindungen
ihrer Organe auf deren reale Ursachen und schaffen damit die Vorstellung
einer entsprechenden inneren und äußeren Wirklichkeit. In der
gelungenen Wahrnehmung verbinden sich Sinnesempfindungen und die Vorstellung
ihrer realen Ursache zur Synthese des Wirklichen.
- Die orientierenden Funktionen sind darauf ausgerichtet, die Regeln zu
erkennen, nach denen die verschiedenen Teile des jeweils Wahrgenommenen
in der Wirklichkeit miteinander verbunden sind; sie versuchen, diese mit
den Regeln und Gesetzmäßigkeiten in Übereinstimmung zu
bringen, die, wie z.B. die Logik, das eigene Denken bestimmen. Mit anderen
Worten: Die verstandesmäßigen Funktionen verbinden aktuelle
oder erinnerte Wahrnehmungen in der Vorstellung zu einer Ordnung, die
den kausalen Zusammenhängen entspricht, nach denen die wahrgenommenen
Objekte oder Vorgänge in der raumzeitlichen Wirklichkeit miteinander
verbunden und aufeinander bezogen sind. Das gelungene Verstehen verbindet
vorgestellte und wirkliche Ordnungen und Beziehungen zur Synthese des
Wahren.
- Die ausführenden Funktionen übernehmen die Aufgabe, Absichten
zu verwirklichen, d.h. die innere oder äußere Wirklichkeit
nach bestimmten Vorstellungen zu verändern. Die gelungene Ausführung
verbindet Absicht und Erfolg zur Synthese des Richtigen.
Das Wirkliche, das Wahre und das Richtige stellen die Werte des Ich dar.
Zusammen bilden sie eine rationale, kohärente und selbstverständliche,
d.h. in das Selbst der meisten Individuen weitgehend integrierte idealisierte
Struktur.
Nach diesem Exkurs zurück zur Kunst. Im Gegensatz zu allen bisherigen
Strömungen der Moderne verstehen die amerikanischen Pop Künstler
und ihre europäischen Kollegen ihre Kunst weder als Ausdruck einer
inneren Befindlichkeit noch als Repräsentanz einer universalen Gesetzmäßigkeit;
sie verzichten scheinbar auch darauf, ihre besonderen und einmaligen gestalterischen
Fertigkeiten zur Schau zu stellen. Trotzdem reflektiert ihre Kunst die
dialektische Spannung zwischen exhibitorischen Ambitionen und idealisierten
Strukturen und versucht, diese in einer Synthese miteinander zu verbinden.
Der unpersönliche Charakter ihrer Gestaltungen gründet darin,
daß sie ihre narzißtischen Besetzungen von den Inhalten des
Es und des Über-Ichs abgezogen und auf die anonymen Funktionen des
Ich verschoben haben. Diese Künstler orientieren sich an den rationalen
und damit objektiven Werten des Ich. Das Wirkliche, das Wahre
und das Richtige bilden die Grundlage der idealisierten Struktur, an der
sich ihre exhibitorischen Ambitionen entzünden.
Darin stimmen sie mit den Realisten des 19. Jahrhunderts überein,
doch lassen sich ihre Ausgestaltungen in Bezug auf Thematik, Aussage und
Technik kaum mehr mit denen ihrer Vorgänger vergleichen. Das Wirkliche
tritt ihnen nicht mehr in der Natur, sondern in der Bilderwelt der Massenmedien
entgegen; es wird nicht mehr durch die göttliche Schöpfung,
sondern durch Menschenwerk vertreten. Eine ähnliche Relativierung
erfährt das Wahre: Es entzieht sich zweifelsfreier Bestimmung. Jede
Tatsache und jede Aussage wird als doppelsinnig erfahren; glaubwürdig
ist nur das Vieldeutige.
Die wohl folgenschwerste Infragestellung, die mit der Pop Art erfolgt,
betrifft die gestalterische Technik, d.h. die Verwirklichung und Ausführung
des Werkes und damit den Wert des Richtigen. Das Wirkliche, das Wahre
und das Richtige sind jeweils eng miteinander verbunden und bedingen sich
gegenseitig. So übernehmen die Pop Künstler nicht bloß
das Bildmaterial und den Stil der Massenmedien, sondern auch die technischen
und ökonomischen Prinzipien ihrer industriellen Herstellung. Sie
suchen ihre Werke möglichst rationell herzustellen, d.h. mit dem
geringsten Arbeitsaufwand die größtmögliche Wirkung zu
erzielen; sie nutzen alle Möglichkeiten der modernen Technologie
(vor allem im Bereich der Reproduktion), arbeiten mit vorgegebenen Bildmaterial,
das sie in den meisten Fällen neu kombinieren, und scheuen auch nicht
davor zurück, ihre Werke von Assistenten ausführen zu lassen.
Die schöpferische Leistung verlagert sich von der Ausführung
des Werkes auf dessen Konzeption. Damit verändern sich die künstlerischen
Kriterien des Richtigen und die Bedingungen, unter denen sich dieses verwirklichen
läßt. Dies betrifft vor allem die Forderungen nach der Wirklichkeitstreue
der Darstellung und die nach ihrer inneren Wahrhaftigkeit oder Transparenz
(d.h. die Forderung, daß das Werk den eigenen Entstehungsprozeß
sichtbar mache und die Mittel, mit denen es seine Wirkung erzielt, offen
darlege). Künstler wie Lichtenstein, Warhol und Oldenburg erfüllen
diese Forderungen auf eine andere Art als z.B. Courbet, Manet oder Dégas.
Im Gegensatz zu ihren Vorgängern brauchen sie zur Ausführung
ihrer Werke über keine nennenswerten technischen Fertigkeiten zu
verfügen und sind damit auf keine professionelle Ausbildung angewiesen.
(Um ein extremes Beispiel zu nennen: Spoerri war ursprünglich Ballettänzer
und hatte vor seinem ersten Tableau piège kein einziges bildnerisches
Werk geschaffen.) Malerisches Handwerk, Talente und Fertigkeiten treten
in den Hintergrund und werden durch Phantasie, technisches Können,
Information und bildnerisches Denken ersetzt.50
Bezeichnenderweise wird dieser Schritt erst zu einer Zeit vollzogen, als
der Künstler seine narzißtischen Besetzungen von den bisherigen,
transzendenten und idealistisch überhöhten Werten seiner Zeit
abzieht und auf das tatsächlich Gegebene, auf die ihn umgebende Wirklichkeit
verschiebt. Erst jetzt ersetzt er die Ambition, als Demiurg etwas von
Grund auf Eigenes selbst zu erschaffen, durch die Absicht, die ihn umgebende
Wirklichkeit (trotz ihrer Banalität) zu zeigen und vorzuführen.
"Donner à voir" wird nicht von ungefähr zum Losungswort
des Nouveau Réalisme.
Die Aufgabe individueller narzißtischer Besetzungen und die Abwendung
vom eigenen Selbst (das im Falle des Künstlers in hohem Maße
durch den Familienroman der Kunstgeschichte bestimmt und definiert
wird), öffnet den Blick für den Reichtum und die Möglichkeiten
der außerkünstlerischen Welt, d.h. für die Welt des Tatsächlichen
und Wirklichen. Mit dem internationalen Erfolg der Pop Art und des Nouveau
Réalisme erreicht diese Entwicklung, die Marcel Duchamp mit der
wegweisenden Geste des Readymades eingeleitet hat, ihren ersten Höhepunkt.
Die Nutzung vorgegebenen Bildmaterials, moderner Reproduktionstechniken
und industrieller Herstellungsprozesse wird von einer breiten Öffentlichkeit
als legitimes künstlerisches Gestaltungsmittel anerkannt; die Kriterien
des Richtigen haben eine grundsätzliche und irreversible Veränderung
erfahren. Darin manifestiert sich, gleichzeitig mit der bereits erwähnten
Entpersönlichung exhibitorischer Ambitionen, der Beginn einer fortschreitenden
Entwertung des künstlerischen Handwerks.
Dieser Wandel, der mit seinen weittragenden Folgen die letzten Phasen
unseres Entwicklungszyklus prägen sollte, vollzieht sich in den späten
fünfziger und den sechziger Jahren nicht nur im modernen Realismus,
sondern auch in der ungegenständlichen Kunst. Dieser Entwicklung
wollen wir uns im nächsten Kapitel zuwenden.
3. Die Ideologie des Unpersönlichen: der ungegenständliche Klassizismus
Der neue Realismus von Johns und Rauschenberg ist nicht die einzige
Stilrichtung, mit der sich in Amerika eine neue Künstlergeneration
gegen die Vormachtstellung des Abstrakten Expressionismus auflehnt. Auch
innerhalb der ungegenständlichen Kunst tritt mit der Post Painterly
Abstraction eine Richtung auf, die sich durch den bewußten Verzicht
auf einen spezifisch individuellen und damit relativierbaren künstlerischen
Ausdruck auszeichnet.
Es ist, als ob die dem Abstrakten Expressionismus folgenden Künstler
jedes Vertrauen in die spontane Regung, in die individuell differenzierte
Äußerung verloren hätten; sie ziehen sich in die schützende
Anonymität des unpersönlich Allgemeinen, des Unbezweifelbaren
und Selbstevidenten zurück; gleichzeitig gewinnt das Konzept auf
Kosten spontaner gestalterischer Entscheidungen zunehmend an Bedeutung.
Alles zeitlich und psychisch Bedingte wird vermieden; die künstlerische
Gestaltung wird nur noch sub specie aeternitatis betrachtet. Das Werk
wird zur Repräsentanz des Absoluten. Diese Entwicklungstendenz setzt
mit Barnett Newman ein, der die romantischen Ambitionen des Abstrakten
Expressionismus mit puritanischer Strenge einer neuen bildnerischen Disziplin
unterwirft, in der sich ein neuer Klassizismus ankündigt.
Der Eigenwert der Farbe: die Post Painterly Abstraction
Mit der von Barnett Newman begründeten Kunstrichtung der Post Painterly
Abstraction (oder Colour Field Malerei) kündigt sich ein neuer, ungegenständlicher
Klassizismus an. Ihr wichtigster Vorläufer ist der ehemalige Bauhauskünstler
Josef Albers (1888-1976), der seit 1933 am Black Mountain College in North
Carolina und seit 1955 an der Yale University, Connecticut als Lehrer
tätig war. Sein Buch Interaction of Colour (1943) und
seine berühmte Bilderfolge Homage to the square (Abb. 408), mit denen
er die Wechselwirkung der Farbe in vielfältigen Variationen an der
Form des Quadrats veranschaulicht, schaffen die bildnerischen und theoretischen
Voraussetzungen der neuen Bewegung, welcher neben Newman unter anderen
auch Ad Reinhardt, Kenneth Noland, Frank Stella und Ellsworth Kelly angehören.
Entscheidende Anstöße erhalten diese Künstler auch durch
Robert Rauschenberg, der 1951 seine monochromen Bilder White Painting
und Black Painting ausstellt, und durch Jasper Johns, der 1954 mit seinen
Flaggen als erster Bildinhalt und Bildformat miteinander zur Deckung bringt.
In der Malerei der Post Painterly Abstraction erfährt die mystisch-kontemplative,
durch Rothko vertretene Richtung des Abstrakten Expressionismus eine extreme
Zuspitzung. Diese Künstler verzichten auf jeden malerischen Duktus;
sie tragen die Farbe in planen homogenen Flächen auf oder imprägnieren
ihre Leinwände mit dünnflüßiger Farbe, sodaß
jede Spur eines Farbauftrags verschwindet. Ihr Hauptinteresse gilt dem
expressiven Eigenwert der Farbe, und so beschränken sie die formale
Aussage ihrer Bilder auf sparsam eingesetzte Grundelemente: Während
Morris Louis als einziger mit weichen und fließenden Farbbahnen
operiert, gliedern die übrigen Vertreter dieser Richtung die Bildfläche
durch wenige geometrische, hart voneinander abgegrenzte Formen (daher
der Begriff Hard Edge Malerei).
1948 reduziert Newman seine formale Aussage, indem er eine große,
gleichmäßig eingefärbte Leinwand durch einen einzigen
schmalen, andersfarbigen Streifen in der Mitte unterteilt (Abb. 409).
1954 beginnt Reinhardt die Serie seiner Schwarzen Bilder, deren rechteckige
oder quadratische Formate nur noch durch ebenfalls schwarze und damit
kaum mehr erkennbare, kreuzförmig angelegte Streifen gegliedert sind
(Abb. 410). Die Neigung zum Monochromen zeichnet auch das Werk Ellsworth
Kellys aus, der deutlich auf den russischen Suprematismus zurückgreift;
1953 malt er ein Weißes Quadrat, mit dem er Malewitsch zitiert,
und wenig später in Anlehnung an Rodtchenko drei völlig monochrome
Bildtafeln: Red, Yellow, Blue (Abb. 412).
In seinem Buch Konstruktive Konzepte, der wohl umfassendsten
und kompetentesten Untersuchung zum Thema, weist Willy Rotzler auf einen
entscheidenden Aspekt dieser Malerei hin: "Die Bildfläche wird
nicht mehr als Bildträger verstanden, auf dessen Zweidimensionalität
farbformale Illusionen erzeugt werden können. Der fensterhafte Charakter
des Bildes, den die Vertreter der nachmalerischen Abstraktion bei Mondrian
kritisierten, sollte verschwinden. Das war nur durch ein Bekenntnis zur
Autonomie der Farbe und die Anerkennung der Bildfläche als eines
autonomen Gegenstandes möglich. [...] Das Ernstnehmen der Bildfläche
lenkt die Aufmerksamkeit auch auf den Bildrand. Er ist nicht mehr Begrenzung,
sondern Bestandteil der Fläche. Da nicht mehr Form auf die Fläche
gestellt ist, wird der Umriß des Bildfeldes, der Kontur, zur Form."51
So kommt zu Beginn der sechziger Jahre mit der Shaped Canvas (= geformte
Leinwand) die Tendenz auf, auch die äußere Form des Bildes
in den Gestaltungsprozeß einzubeziehen. Stella, Noland, Kelly und
viele andere paßen das äußere Bildformat den Gestaltungen
auf der Bildfläche an, um so die Antinomie von Figur und Grund aufzuheben,
d.h. um eine völlige Übereinstimmung zwischen Bildinhalt und
Bildform zu erreichen. Das Bild wird nicht mehr wie bisher als bloßes
Medium, als Träger einer Botschaft verstanden, sondern fällt
mit dieser zusammen; es gewinnt damit eine bisher unbekannt Objekthaftigkeit
und wird, den Künstler in den Hintergrund drängend, im Sinn
einer autonomen Wirklichkeit scheinbar selbst zum Aussagenden (Abb. 413-417).
Damit scheint diese Malerei dieselbe Haltung zu vertreten, die ich Jasper
Johns und der Pop Art zugeschrieben habe. Dies ist jedoch nicht der Fall.
Trotz vordergründiger Übereinstimmungen streben die beiden Richtungen
nicht nur thematisch, sondern auch geistig (ideell) unterschiedliche Ziele
an. Während sich der moderne Realismus unter Vermeidung jeder Wertsetzung
dem tatsächlich Vorhandenen zuwendet, dieses als verbindliche Wirklichkeit
annimmt und als solche zu erkennen und darzustellen versucht, geht es
der Post Painterly Abstraction um die vermeintliche Essenz des Wirklichen,
d.h. um die Wirklichkeit einer Idee. In ihren Gestaltungen bahnt sich
damit der Wandel von der romantischen Geisteshaltung des Abstrakten Expressionismus
zum ungegenständlichen Klassizismus der Minimal Art an.
Obwohl diese asketischen Werke durch ihren Hermetismus zum Verzicht auf
jeden Deutungsversuch auffordern, spricht aus ihnen der unüberhörbare
Anspruch auf die absolute Geltung ihrer Aussage. In diesem Paradox spiegelt
sich ein charakteristischer Zug der narzißtischen Problematik, die
ihnen zugrundeliegt.
Diese Bilder gründen zwar in der romantischen Sehnsucht, "sich
dem Universum zu vermählen, in dieser Verbindung sich selbst zusammenzufügen",
und sind "ein Bemühnen darum, die vom modernen Menschen gefühlte
Leere zu schließen";52 doch besetzen sie gleichzeitig kompensatorisch
den idealisierten Pol des Selbst.
Was sie von den Werken des Abstrakten Expressionismus unterscheidet, ist
das Fehlen jeder individualpsychologischen Implikation. Obwohl sich in
ihnen Ambitionen, Sehnsüchte und Ideale äußern, wird deutlich,
daß sich diese nicht mehr in einer individuell geprägten Ausgestaltung
verwirklichen lassen. Dies hat gewichtige kunstgeschichtliche Ursachen.
Die in den fünfziger Jahren neu angetretene Generation ist nicht
bereit, den bereits ausgetretenen Pfad des Abstrakten Expressionismus
weiter zu verfolgen; dessen spektakuläre Ausgestaltungen lassen keine
sinnvollen Variationen, keine weitere Steigerung mehr zu. Die Nachfolger
haben das Vertrauen in die schöpferische Kraft des Unbewußten,
der Triebhaftigkeit und Spontaneität verloren und stehen der nicht
mehr wiederholbaren, expressiv-exhibitorischen Geste des Action Painting
skeptisch gegenüber. Individuelle Exhibition ist für sie als
künstlerische Haltung ausgeschlossen.
Der kompensatorischen Verschiebung der narzißtischen Libido auf
den idealisierten Pol des Selbst sind jedoch ebenfalls Grenzen gesetzt,
denn auch dieser hat Form und Inhalt verloren und ist zum leeren, unstrukturierten
Hohlraum geworden.
Um die grandiose exhibitorische Geste ihrer Vorgänger zu wiederholen,
ohne sie nachzuahmen, stellen diese Künstler deren Sinn und Bedeutung
unter umgekehrte Vorzeichen. Ideale und Ambitionen werden ihrer individuellen
Inhalte entleert und als Pole einer allgemeinen, objektiv gegebenen Struktur
zu unpersönlichen, nicht mehr relativierbaren und damit absoluten
Werten überhöht. An Stelle der inneren Wahrheit
einer individuellen Empfindung tritt, als Repräsentanz des idealisierten
Pols des Selbst der anonyme Eigenwert der Farbe; an Stelle der Ambition,
durch die leidenschaftliche Hingabe an den Malakt mit der eigenen inneren
Empfindung eins zu werden, und an Stelle des Willens, diese Einheit bildnerisch
zu verwirklichen, tritt die Ambition, bildnerische Konzepte zu erfinden,
die den Eigenwert der Farbe möglichst rein zur Geltung bringen können.
Statt spezifischer, strukturierender Ideale, die als forderndes Prinzip
auftreten, und statt exhibitorischer Ambitionen, die sich durch eine individuelle
und emotionale Ausprägung auszeichnen, finden deren Hohlformen Gestalt
und Ausdruck, nämlich die Sehnsucht nach der Verschmelzung mit einem
absoluten Wert, und die Ambition, absolute Herrschaft und Kontrolle auszuüben.
Diese Kunst hat ausgesprochenen Modellcharakter und stellt eine Art ästhetischer
Gleichung dar. Wie bei einer algebraischen Formel sind jeder Inhalt und
damit alles Persönliche aus ihr verbannt. In der Hinwendung zum Monochromen
und in der Tendenz zur Glorifizierung der Leere tritt uns der mystifizierende
Absolutismus entgegen, den Kasimir Malewitsch in seinem Buch Die
gegenstandslose Welt auf die kürzerste Formel bringt: "Wenn
es eine Wahrheit gibt, so nur in der Gegenstandslosigkeit, im Nichts."
So wird auch in den minimalistischen Ausgestaltungen Reinhardts, Newmans,
Nolands und Kellys das Ideal wie im Fall von Malewitsch, als das Unpersönliche,
als die große Leere, als das Sein an sich negativ definiert. Nur
in diesem Sinn findet das Ideal Gestalt und Ausdruck. Es wird nicht sosehr
verwirklicht, als vielmehr (durch den Eigenwert der Farbe) repräsentiert,
zur Schau gestellt. In diesem Sinn manifestiert sich in der Post Painterly
Abstraction eine narzißtische Besetzung des idealisierten Pols des
Selbst. Statt wie der Abstrakte Expressionismus die Exhibition zu idealisieren,
exhibiert die Kunst der Post Painterly Abstraction das Ideal.
Trotzdem erschöpfen sich diese Ausgestaltungen nicht in der Repräsentation
eines nur negativ formulierten, alles umfassenden Ideals, sondern erlauben
auch die Verwirklichung exhibitorischer Ambitionen. Nur sind diese wie
gesagt jeder individuellen Bedeutung entleert. Sie finden nicht mehr in
der Ausführung, sondern im Konzept der jeweiligen Werke Ausdruck,
und dieses hat einen zwangsläufig abstrakten, objektiven
Charakter. Das Konzept steht im Dienst der Repräsentanz des Absoluten,
der Sichtbarmachung der Farbe an sich.
Die Aufgabe, die sich dem Künstler stellt, läßt sich etwa
folgendermaßen umschreiben: Wie läßt sich dem Eigenwert
der Farbe und der Autonomie der Fläche Gestalt verleihen, ohne sie
durch ebendiese Gestalt zu verfremden oder einzuschränken? Oder anders
gefragt: Wie lassen sich Leere und Stille ausdrücken, wie läßt
sich das Nichts sichtbar machen; wie läßt sich in einprägsamer
und unmißverständlicher Weise sagen, daß man nichts
sagen will?
Die Lösung dieser Aufgabe erfordert eine konzeptionelle Erfindung.
Diese stellt die wichtigste schöpferische Leistung des Künstlers
dar. Mit ihr befriedigt er seine exhibitorischen Ambitionen. Doch stehen
diese wie gesagt unter einem ähnlich negativen Vorzeichen wie das
dargestellte Ideal: Der Künstler beschränkt sich scheinbar darauf
zu sagen, daß er selbst nichts sagen will. Seine idealisierte Struktur
verlangt den Verzicht auf jede individuelle Äußerung. So wird
der Künstler zum Asketen, zum Diener einer unpersönlichen, strengen
und puritanischen Ordnung.
Der Künstler löst diese widersprüchlichen Aufgabe dadurch,
daß er dem Werk die nötige Autonomie verleiht, damit es an
seiner statt aussage: Das Werk nimmt als Shaped Canvas oder als monochrome
Bildtafel den Charakter eines vom Künstler unabhängigen, für
sich selbst bestehenden Objektes an.
Wie kann es dabei die Bedingungen eines Kunstwerks erfüllen, d.h.
dem dialektischen Wechselspiel zwischen exhibitorischer Ambitionen und
idealisierter Struktur Gestalt und Ausdruck verleihen? Ich will versuchen,
dies am Beispiel einer Shaped Canvas von Ellsworth Kelly zu veranschaulichen:
Zwei Tafeln: Gelb - Orange aus dem Jahre 1968 (Abb. 416).
Selbstverständlich weiß der Betrachter, daß es sich bei
diesem Werk um ein vom Künstler entworfenes und gestaltetes Objekt
handelt. Dennoch vermittelt es den Eindruck der Autonomie, des An-sich-Seins.
Eine zweite Diskrepanz ergibt sich aus der Ambiguität zwischen der
räumlichen Illusion eines perspektivisch gesehenen Würfels und
dem Wissen um die Zweiteiligkeit und die rein flächige Ausdehnung
dieses Werkes. Diese Diskrepanzen schaffen eine ästhetisch-geistige
Spannung und wecken damit das Interesse des Betrachters. Die beiden widersprüchlichen
Aspekte der farbigen Flächen - ihr Eigenwert und die Erzeugung einer
räumlichen Illusion - werden intensiv wahrgenommen. Die Einsicht
in das bildnerische Konzept, das diese Wirkung hervorbringt, hebt den
anfänglich empfundenen Widerspruch auf.
Kelly befriedigt seine exhibitorischen Ambitionen durch die originelle
und einprägsame Art, in der er den schwierigen Forderungen seines
Kanons Rechnung trägt. Seine Aussage erfolgt mit minimalem,
nicht weiter reduzierbarem Form- und Farbeinsatz. Die Ausdehnung jeder
Farbe ist identisch mit der Begrenzung der Farbtafel; jedes Farbfeld hat
eine Funktion im Kontext des Ganzen. Die Grenze zwischen Farben, Formen
und Funktionen fällt mit den Fugen der aneinandergeschobenen Farbtafeln
zusammen.53
Wie man sieht, läßt diese Kunst auch den exhibitorischen Ambitionen
einen gewissen Spielraum. Dieser läßt zwar unterschiedliche
Färbungen des Unpersönlichen, in gewissem Sinn auch unterschiedliche
Aussagen zu (denn jede Farbe und jede Form hat ihren eigenen Wert, ihre
eigene Qualität), doch bleibt er trotz allem eng bemessen. Wird er
nur um weniges überschritten, wie im Fall der späteren Bilder
von Stella (Abb. 417), so untergräbt der gestalterische Exhibitionismus
des Künstlers den Anspruch des Werkes, eine universale Wertstruktur
zu vertreten. Aus der Repräsentanz eines absoluten Seins wird dann
eine mehr oder weniger banale ästhetische Spielerei, d.h. bloße
Dekoration. Wird dieser Spielraum unterschritten wie in den seither zur
Mode gewordenen monochromen Bildtafeln, die sich bestenfalls durch Größe
und Farbton voneinander unterscheiden, so erlischt die Spannung zwischen
Exhibition und Ideal, und das Werk sinkt tatsächlich zum bloßen
Ding herab.54
Trotz ihres reduzierten Vokabulars vermag also auch die Post Painterly
Abstraction einer dialektischen Beziehung zwischen den beiden Polen des
Selbst Gestalt und Ausdruck zu verleihen. Nur verlieren dabei die exhibitorischen
Ambitionen jede individuelle psychische Ausprägung; gleichzeitig
tritt das Ideal nicht als fordernde Struktur, sondern bloß verbietend
und ausschließend, als negative Präsenz, in Erscheinung.
Die radikalen Ausgestaltungen der Post Painterly Abstraction scheinen
jeder psychischen Bedeutung entleert; sie scheinen nichts auszusagen,
und es scheint ihnen nichts daran zu liegen, rational verstanden zu werden.
Das Fehlen konkreter Interpretationshilfen läßt alle möglichen
(oder gar keine) Deutungen zu und wirft damit den Betrachter auf sich
selbst zurück. Dieser Wesenszug, für den Umberto Eco den Begriff
des offenen Kunstwerks geprägt hat, zeichnet auch die
dreidimensionalen Objekte der verwandten Minimal Art aus.
Der Eigenwert der Form und des Materials: die Minimal Art
Die Minimal Art unterscheidet sich von der Post Painterly Abstraction
in erster Linie durch den Einbezug der dritten Dimension, während
sie die Farbe als Gestaltungsmittel weitgehend ausschließt. In ihrer
geistigen Grundhaltung stimmen die beiden Kunstrichtungen jedoch weitgehend
miteinander überein; so sind auch die Übergänge von der
einen zur anderen fließend.
In der Regel sind es die Maler, die sich eine Grenzüberschreitung
erlauben, indem sie zeitweilig auch Skulpturen schaffen. Kelly wendet
ab 1965 sein Prinzip, monochrome Farbtafeln miteinander zu kombinieren,
auch räumlich an. Er stellt z.B. eine Tafel senkrecht und legt die
andere, andersfarbige, vor der ersten auf den Boden; in einem anderen
Fall lehnt er zwei bis drei verschiedenfarbige Tafeln im gleichen Neigungswinkel
und durch regelmäßige Abstände voneinander getrennt, nebeneinander
an die Wand.
Dan Flavin stellt einen Sonderfall dar: Er arbeitet mit genormten Leuchtstoffröhren.
Durch die Kombination direkter und indirekter Strahlung oder durch das
Aneinanderreihen warmer und kalter Lichtquellen erreicht er ungewohnte
und faszinierende Effekte, mit denen das Grundanliegen der Post Painterly
Abstraction, die Eigenwirkung der Farbe als Widerhall eines unfaßbaren,
kosmischen Ganzen eine gleichsam immaterielle und damit umso wirkungsvollere
Ausgestaltung erfährt (Abb. 418).
Doch bilden Kelly und Flavin unter den Künstlern der Minimal Art
eine Ausnahme, denn deren Interesse gilt nicht der Farbe, sondern der
Struktur. Die meisten unter ihnen arbeiten mit einfachen, vorgegebenen,
industriell gefertigten, meist rechtwinkligen Elementen, die nach klar
definierten und leicht einsehbaren Ordnungsprinzipien entweder zu einzelnen,
in sich geschlossenen Konfigurationen miteinander verbunden oder zu größeren
Systemen, oft ganzen Environments, zusammengefaßt werden.
Carl André verwendet für ein Werk jeweils gleichartige, vorfabrizierte
Standardelemente - Holzbalken, Zementbausteine, quadratische Aluminium-
oder Stahlplatten -, die er am Boden als Floor Pieces zu Streifen oder
rechteckigen Flächen aneinanderfügt (Abb. 420). Don Judd stellt
das Prinzip der Reihung in den Vordergrund: identische rechtwinklige Körper
(offene oder geschlossene Kuben oder Quader) werden in regelmäßigen
Abständen entweder nebeneinander oder, an der Wand befestigt, übereinander
gereiht. Andere Reihungen zeigen die möglichen Permutationen einfach
gegliederter, teils offener, teils geschlossener stereometrischer Körper
(Abb. 419). Sol Lewitt wendet ähnliche Ordnungsprinzipien auf Reihen
offener Würfelrahmen an (Abb. 421).
Diese Klassifizierung deckt einen auffallenden Charakterzug auf, der sowohl
die Minimal Art als auch die Post Painterly Abstraction auszeichnet: Aufgrund
ihres anonymen Charakters und der völligen Übereinstimmung ihrer
gestalterischen Prinzipien lassen sich die Werke dieser Künstler
innerhalb der beiden Stilrichtungen nur schwer voneinander unterscheiden.
Jeder dieser Künstler muß sich auf wenige, eng begrenzte bildnerische
Möglichkeiten oder Konzepte beschränken; aus deren Wiederholung,
Variierung und Typisierung gewinnt er das leicht erkennbare Markenzeichen
seiner Kunst. Das Werk der meisten Minimal Künstler zeichnet sich
dementsprechend durch eine erdrückende Monotonie aus. Eine der seltenen
Ausnahmen bildet Robert Morris, der für sein ideelles und gestalterisches
Anliegen vielfältige und oft überraschende Lösungen findet
(Abb. 422, 423).
In der Minimal Art äußert sich also eine ähnliche Geisteshaltung
wie in der Post Painterly Abstraction. Der Versachlichung und Entpsychologisierung
der Farbe, die jene auszeichnet, entspricht in der Minimal Art eine Versachlichung
und Entpsychologisierung der Form. So schreibt Willy Rotzler: "In
diesem Verfahren kommen zwei Faktoren zur Wirkung: einerseits einfache
Elemente, andererseits die Spielregel, nach der diese Elemente kombiniert,
permutiert oder variiert werden. Dieses System von Elementen und Regeln,
Parametern und Relationen kann die Varietät in der Uniformität
sichtbar machen oder aber die Unermeßlichkeit eines Möglichkeitsfeldes.
Solche serielle Arbeit ist jedoch nicht auf einen Gehalt,
auf eine Bedeutung hin angesetzt, sie meint genau das, was sie faktisch
ist: eine einfache Ordnung."55
Die Anonymität dieser Ordnung fällt mit einem absoluten Geltungsanspruch
zusammen. Darin unterscheiden sich die Strukturen der Minimal Art von
den Ordnungsprinzipien des europäischen Konstruktivismus. Diese betreffen
die dialektische Beziehung (Wechselwirkung) zwischen Spannung und Gleichgewicht,
und spiegeln das homöostatische Regulationsprinzip, dem Körper
und Psyche des menschlichen Organismus unterworfen sind. So orientieren
sich die europäischen Konstruktivisten an ihrem individuellen, inneren
Sinn für Proportion und Gleichgewicht. Die idealisierte Struktur,
der sie in ihren Werken Rechnung tragen, gründet in ihrer inneren
Erfahrung und ist ihnen somit in jeder Beziehung eigen.
Demgegenüber wollen die amerikanischen Minimalisten die totale Anonymität
ihrer Gestaltungen; sie sind nicht bereit, sich durch eine eigene, physiologisch
und sensorisch bestimmte - und dadurch relativierbare - Gesetzmäßigkeit
leiten zu lassen, denn sie streben nach einem Äquivalent des Absoluten,
nach dem Gesetz an sich. Die idealisierte Struktur, der sie sich unterwerfen,
besteht in einem unpersönlichen, numerisch faßbaren Ordnungsprinzip.
In der Sendung der amerikanischen Radiostation WBA-FM New Nihilism
or New Art (1964) grenzen sich Frank Stella und Don Judd in diesem
Sinne von der Europäischen Kunst ab. Auf die Frage "Warum wollen
Sie kompositionelle Wirkungen vermeiden?" antwortet Judd: "Nun,
diese Wirkungen sind mit den Strukturen, Werten und Gefühlen der
ganzen europäischen Tradition verknüpft. Es ist mir recht, wenn
diese im Kehricht landet." Und wenig später: "Alle diese
Kunst stützt sich auf im voraus errichtete Systeme, auf a priori
Systeme; die Art des Denkens und der Logik, die in diesen zum Ausdruck
kommt, ist heutzutage weitgehend entwertet - sie ist kein Weg, um das
Wesen der Welt zu ergründen."
Stella antwortet etwas spezifischer: "... die geometrischen Künstler
Europas streben in Wirklichkeit das an, was ich relationelle Malerei56
nenne. Die Grundlage ihrer Idee ist das Gleichgewicht. Man macht etwas
in einer Ecke und gleicht es durch etwas in der anderen Ecke aus. Die
neue Malerei wird hingegen als symmetristisch charakterisiert.
[...] Sie ist un-relationell."57 Und etwas später: "Ich
verwickle mich ständig in Diskussionen mit Menschen, die die alten
Werte in der Malerei erhalten wollen - die humanistischen Werte, die sie
auf jeder Leinwand entdecken. In die Enge getrieben behaupten sie schließlich
immer, es sei noch etwas anderes auf der Leinwand außer Farbe. Meine
Malerei gründet in der Tatsache, daß nur das auf der Leinwand
ist, was man dort auch sehen kann. Es ist in Wirklichkeit ein Objekt.
Jedes Bild ist ein Objekt, und jeder, der sich genügend in diese
Sache einläßt, muß der Objekthaftigkeit dessen, was er
macht, ins Gesicht sehen, was immer dies auch sei. Er macht ein Ding."58
Ihre Kunst dient der Sichtbarmachung einer unbezweifelbaren, doch rational
faßbaren Gewißheit. Die Inhalte bleiben dementsprechend belanglos.
Die archaische Großartigkeit dieser Gestaltungen, ihre Anonymität
und ihre vordergründige, ostentativ zur Schau gestellte Bedeutungslosigkeit
evoziert zwar eine idealisierte Struktur, doch lediglich als negative
Präsenz. Oder anders gesagt: Das Ideal ist negativ formuliert; im
Grunde fehlt das richtungweisende Symbol der Vollkommenheit, an dem sich
eigenes Handeln, integrierte exhibitorische Ambitionen orientieren könnten.
Die Minimal Art vertritt jedoch gleichzeitig die Ideologie, die an die
verwaiste Stelle des Ideals getreten ist. Es ist die Ideologie des Positivismus,
d.h. der Wissenschaft und Philosophie, die sich mit der Feststellung des
Gegebenen und Tatsächlichen begnügt und alle Metaphysik ablehnt.
In seinen schärfsten Ausprägungen vermeidet der Positivismus
auch jede Erklärung und Hypothesenbildung und schränkt das Ziel
(oder Ideal) der Wissenschaft auf das der bloßen Beschreibung ein.
Diese Reduktion des Ideals auf einen dogmatischen Realismus zeichnet auch
die Minimal Art aus.
Die dogmatische Nüchternheit dieser Künstler ist bekenntnishaft.
Im Gegensatz zu Johns, dem die Einsicht in die Ambiguität konventioneller
Formen eine Fülle gestalterischer Möglichkeiten eröffnet,
setzen sie die Einsicht in die Bedingtheit jedes individuellen Seins als
absoluten Wert ein. Die Idee einer entpersönlichten, objektiven Wirklichkeit
übernimmt die Funktion einer idealisierten Struktur. Diese tritt
nicht als primär fordernde, sondern als verbietende, ausschließende
Instanz auf, indem sie alles Persönliche, Willkürliche, Zufällige
tabuisiert. Der bildnerische Kanon der Minimal Art ist vorwiegend negativ
definiert.
Dasselbe gilt für die exhibitorischen Ambitionen der minimalistischen
Künstler; auch diese sind jeder psychischen Bedeutung entleert. Statt
der Einmaligkeit eines Wesens gelten sie der Einmaligkeit einer Idee,
der Effizienz ihres Konzepts. Dieses bildet das entscheidende und im Grunde
genommen einzige Gestaltungsmittel einer Kunst, die das Sein und die Geltung
des Unpersönlichen zelebriert; es ist, wie Sol Lewitt sagt, das Wichtigste
am Werk: "Wenn ein Künstler eine konzeptuelle Form der Kunst
verwendet, heißt das, daß der Plan und alle Entscheidungen
im voraus getroffen werden und die Durchführung fast mechanisch geschieht.
Die Idee wird zur Maschine, die das Werk macht."59
Im positivistischen Credo dieser Kunst manifestiert sich die Geisteshaltung
des Klassizismus. In diesem Sinne vermerkt das Brockhaus-Lexikon, Klassizismus
werde "auch ohne jedes Werturteil als Stilbegriff zur Bezeichnung
einer formbetonten, regelhaften Gestaltungsweise verwendet."
Eine künstlerische Gestaltung spiegelt nicht nur die kollektive Geisteshaltung
ihrer jeweiligen Stilrichtung und die individuelle Eigenart ihres Schöpfers,
sondern auch die übergeordnete, leitende Idee, die dem Selbst- und
Weltbild ihres Zeitalters zugrundeliegt. Diese Grundideen - die des Menschengottes
im Mittelalter, die des Gottmenschen in der Neuzeit und die der unsichtbaren
Wirklichkeit der Naturkräfte in der Moderne - bilden die jeweilige
Konstante des kulturellen Zyklus eines Zeitalters, die aufeinanderfolgenden
Stadien ihrer sozialgeschichtlich und psychologisch bedingten Entwicklung
dessen jeweilige Variablen
Jedes Kunstwerk reflektiert die dialektische Beziehung zwischen der geistigen
Konstante seines Zeitalters und einer dieser Variablen. Ich verwende den
Begriff Klassizismus zur Bezeichnung einer solchen Variablen.
Die Idee der Moderne zeitigt notwendigerweise eine andere klassizistische
Kunst als die des 19. Jahrhunderts. Unsere Zeit orientiert sich am wissenschaftlichen
Denken und an den Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung; in der vielfältigen
Welt der Erscheinungen erkennt sie das Zeugnis einer unsichtbaren - doch
geordneten Wirklichkeit. Aus dieser Vision entwickelt die Moderne ihr
Ideal, das mit der Forderung auftritt, die Wirkungsweise dieser unsichtbaren
Wirklichkeit aufzuzeigen und die Bedingungen ihrer bildnerischen Gestaltung
einsehbar, d.h. transparent zu machen. Die klassische Kunst der Moderne
gilt der bildnerischen Verwirklichung dieses Ideals. Die klassizistische
Kunst hingegen will das bereits verwirklichte Ideal - die erreichte Vollkommenheit
- zur Schau stellen. Der Klassizist verfremdet mit seinem Hang zur idealisierenden
Verabsolutierung und mit seiner Ambition, unumschränkte Herrschaft
und Kontrolle auszuüben, das Ideal des Klassikers und ersetzt es
durch die negativ definierte Ideologie positivistischen Denkens - durch
die Ideologie einer unpersönlichen, anorganischen und in sich selbst
schlüssigen Ordnung.
So vertritt die klassizistische Kunst des 20. Jahrhunderts die Eigenwerte
der Farbe, des Materials, der Zahl und der Stereometrie. An Stelle einer
individuell definierten, idealisierten Struktur tritt die Idee der objektiven
Wirklichkeit, d.h. objektiv verifizierbarer Gesetzmäßigkeiten;
an Stelle individuellen Ausdrucks das Konzept. Das Bewußtsein der
Fragwürdigkeit allen menschlichen Tuns weicht der Illusion absoluter
Gewißheit.
In dieser Haltung äußert sich der Versuch einer zutiefst
verunsicherten und desorientierten Generation, dem drohenden Zerfall der
geistigen Strukturen, auf denen das bisherige Selbstverständnis der
Moderne ruhte, mit dem Rückzug auf die letzten, noch vertretbaren
Gewißheiten, auf objektive, klare und rational faßbare Gesetzmäßigkeiten
und Tatsachen zu begegnen. In einer früheren Arbeit Die Erfahrung
des Ungewissen in der Kunst der Gegenwart, kommentierte ich diese
Tendenzen in der Künstlerischen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg
folgendermaßen: "Ein entscheidendes Merkmal all dieser Werke
und Stilrichtungen ist die sorgfältige Vermeidung jeden Anscheins
von Illusion und jeden Ausdrucks von Gefühl. Diese Kunst
gibt sich in gewissem Sinne bescheiden, sagt nicht mehr, als sie verantworten,
verspricht nicht mehr, als sie halten kann, ist stolz auf ihre Nüchternheit.
Gerade aus ihrer Beschränkung bezieht sie ihren Rang, aus ihrer Desillusionierheit
die Bedingung zu ihrer eigenen Idealisierung. Sie begegnet dem Ungewissen
mit der Einsicht in das Gewisse, mit der Einsicht in das Wesen der dinglichen
Welt, der Zeit und des Raumes, auch mit der Einsicht in die Grenzen der
eigenen Gewißheit, und sie stellt diese Einsichten als Antithese
dem Ungewissen entgegen."
Eine solche Haltung bestimmt auch die europäische Entsprechung zur
Minimal Art, die sogenannte Konkrete Kunst. Diese gründet nicht in
der Kunst Kandinskys und Malewitschs, sondern wurzelt in der Tradition
des Bauhauses und der Gruppe De Stijl. Ihre wichtigsten Vertreter sind
die beiden Schweizer Max Bill und Richard Paul Lohse.
Der Eigenwert der Zahl: die Konkrete Kunst
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wird auch die Schweiz zu einem
bedeutenden europäischen Zentrum konstruktiver Kunst. Max Bill und
Richard Paul Lohse, die beiden wichtigsten Vertreter der Zürcher
Konkreten, entwickeln eine eigenständige Spielart geometrischer
Ungegenständlichkeit, die auf einsehbaren mathematischen Prinzipien
beruht. Die Zürcher sind damit die konsequentesten Vertreter einer
bestimmenden Tendenz innerhalb der konstruktiven Bewegung, die Van Doesburg
1930 in seinem Manifest der konkreten Kunst so formuliert:
"Nur der Geist ist schöpferisch [...] Was tatsächlich wichtig
ist in allen Bereichen der Malerei ist nichts anderes als die Suche des
Intellekts nach dem Wahren, als Kultur des Optischen. Alles ist meßbar,
auch der Geist [...] Die Malerei ist ein Mittel, um auf optische Weise
den Gedanken zu verwirklichen: jedes Bild ist ein Farbgedanke."60
In seinem Aufsatz Die mathematische Denkweise in der Kunst unserer
Zeit zieht Max Bill 1948 aus diesen Gedanken die letzte Konsequenz:
"Und deshalb nehme ich an, daß die Kunst das Denken vermitteln
könne in einer Weise, daß es direkt wahrnehmbar ist [...] Und
je exakter der Gedankengang sich fügt, je einheitlicher die Grundidee
ist, desto näher findet sich der Gedanke im Einklang mit der Methode
des mathematischen Denkens; desto näher kommen wir dem Urgefüge,
und desto universeller wird die Kunst werden."61 Cézannes
Forderung, Kunst sollte ein Äquivalent zur Natur schaffen, wird hier
auf die Mathematik übertragen.
Der oft erhobene Vorwurf, Bills Kunst erschöpfe sich darin, bloße
mathematische Gesetzmäßigkeiten zu veranschaulichen, übersieht
einen ihrer entscheidenden Aspekte. Als These vertreten seine Gestaltungen
zwar mathematische Ordnungen; zu dieser objektiven Gesetzlichkeit tritt
jedoch als Antithese die subjektive Entscheidung. In Bills besten Werken
(Abb. 424, 425) tritt die lapidare Originalität dieser Entscheidungen
in einen spannungsreichen Bezug zur ebenso lapidaren, jeweiligen mathematischen
Struktur und verbindet sich mit dieser zur Synthese einer auffallenden
und überzeugenden, sowohl einmaligen wie auch allgemeinen bildnerischen
Gestalt.
1950 gründet Bill nach dem Vorbild des Bauhauses in Ulm die Hochschule
für Gestaltung, der er bis 1957 als Rektor vorsteht. Diese Forschungs-
und Ausbildungsstätte für gestalterische Aufgaben unserer Zeit
übt eine starke Anziehungskraft auf die junge Generation aus und
trägt, zusammen mit Gruppen- und Einzelausstellungen der Zürcher
Konkreten dazu bei, der mathematischen Denkweise in der konstruktivistischen
Kunst zum Durchbruch zu verhelfen.
In Lohses Werk wird das exhibitorische Moment durch die idealisierte Struktur
weit stärker in den Hintergrund gedrängt. Auch seine Werke ähneln
einer mathematischen Beweisführung, nur gilt diese nicht dem Ausnahmefall,
dessen Regelhaftigkeit aufzuzeigen wäre, sondern der Regel selbst,
deren universale Bedeutung veranschaulicht wird. Dementsprechend entwickelt
Lohse mit seinen modularen - und seriellen Ordnungen
als erster bildnerische Ordnungsprinzipien, die als Programme für
Computerkunst eingesetzt werden könnten (und inzwischen auch werden).
Mit methodischer Konsequenz ordnet er farbig und formal standardisierte
Normelemente nach in sich selbst schlüssigen mathematischen Prinzipien
zu variablen Systemen. Indem er in diesen die Struktur des Farbkreises
auf die Farbreihe überträgt, hebt Lohse den Gegensatz zwischen
Farbe und Form auf. Die Farbe wird zur Form, die Formstruktur zur Farbstruktur.
In den quadratischen Strukturen des Spätwerks erreicht diese Verdichtung
ihren Höhepunkt (Abb. 366). Es gibt keine Haupt- und Nebenfarben,
denn alle Farben treten mengengleich auf und es gibt keine Haupt- und
Nebenformen, denn alle Formen sind gleich.62 Alle Elemente bedingen sich
gleichwertig im System: in gegenseitiger Abhängigkeit bilden sie
das Ganze. In Lohses Worten: "... die Methode stellt sich selbst
dar, sie ist das Bild."63 Darin zeichnet sich in noch stärkerem
Maße als bei Bill der grundsätzliche Unterschied zur Kunst
Mondrians und der Konstruktivisten ab. Das dialektische Wechselspiel zwischen
Spannung und Gleichgewicht gehört der Vergangenheit an. Statt wie
seine Vorläufer einem inneren, triebmäßig bedingten Formempfinden
in einer geometrischen Bildsprache Ausdruck zu verleihen, zeigt Lohse
die regelhafte Harmonie geometrischer Reihungen, Permutationen, Progressionen
und Variationen auf.
In dieser durchgehenden, anonym-rationalen Gesetzmäßigkeit
und in der Ablehnung jeder Emotionalität und jeden individuellen
Ausdrucks läßt sich eine deutliche Verschiebung der narzißtischen
Libido auf den idealisierten Pol des Selbst erkennen. Diese Kunst dient
der Sichtbarmachung des Gesetzes; das Ideal wird exhibiert. So schreibt
Lohse in seinen Aufsatz Entwicklungslinien: "Die konstruktive
Kunst ist eine enzyklopädische Kunst, eine Kunst der Vernunft, eine
moralisierende, ideologische und politische Kunst, Analyse und Ordnung
zugleich."64
Bill und Lohse, die mit ihren mathematischen Ordnungen die entsprechenden
Versuche der Amerikaner um ein gutes Jahrzehnt vorwegnehmen, sind die
eigentlichen Begründer der klassizistischen Entwicklungslinie innerhalb
der Moderne. Als Vorbilder und Anreger der jüngeren Generation kommt
ihnen in Europa dieselbe Bedeutung zu wie Albers in den USA. So treten
in den späten 60er Jahren in Holland und Deutschland mit Jan Schoonhoven,
Ad Dekkers, Ewerdt Hilgemann, Raimund Girke und anderen eine ganze Reihe
junger Künstler auf, denen das Wesen und der Eigenwert der Struktur
zum zentralen Anliegen wird. Zumindest ideell bilden sie die europäische
Entsprechung zur Minimal Art.
Während der moderne Klassizismus in den USA und den protestantischen
Ländern Europas aus dem Erbe des Bauhauses und des Stijls eine asketisch
strenge, puristische Kunst schafft, entwickeln in Paris französische
und südamerikanische Künstler aus denselben Voraussetzungen
eine ebenfalls klassizistische, doch spielerische, mehr sinnlich als intellektuell
orientierte Form geometrischer Ungegenständlichkeit, die als Op Art
in die Geschichte eingehen sollte. Ihr Interesse gilt nicht der Struktur,
sondern der Untersuchung retinaler Phänomene und dem Eigenwert der
Bewegung.
Der Eigenwert der Bewegung: Op Art und Kinetische Kunst
Paris hatte von jeher ein gebrochenes Verhältnis zur geometrischen
Ungegenständlichkeit und war auch nach dem Zweiten Weltkrieg kaum
bereit, dieser als fremd und importiert empfundenen Kunst Aufmerksamkeit
zu schenken. Die Gründung des Salon des Réalités
Nouvelles, der bei seiner Eröffnung im Jahre 1946 vierhundert
nichtfigurative Werke vorstellte und 1948 bereits 700 Bilder und Plastiken
von Künstlern aus 17 Ländern versammelte, vermochte daran nur
wenig zu ändern. Die französische Metropole, die sich immer
noch als das künstlerische Zentrum der Welt begriff, stand im Banne
der Ecole de Paris, deren Künstler (Bazaine, Estève, Lapique,
Manessier, Singier u.a.) mit ihrer ungegenständlichen Malerei die
französische Tradition geschmackvoller Peinture fortsetzten; darüber
hinaus interessierten sich die Franzosen bestenfalls noch für die
Abstraction Lyrique, einer französischen Variante des Abstrakten
Expressionismus, die von Wols, Fautrier, Soulages, Mathieu und Hartung
vertreten wurde.
Unter den wenigen Galerien, die sich für Konstruktive Kunst einsetzten,
tritt in den 50er Jahren nur diejenige von Denise René mit einem
konsequenten Programm auf. Neben den Franzosen Auguste Herbin und Jean
Gorin vertritt sie auch zahlreiche ausländische Künstler; die
Pioniere des Bauhauses und des Stijl, die Schweizer Konkreten, einige
Skandinavier und vor allem den Ungarn Victor Vasarely, der zum eigentlichen
Hauskünstler der Galerie wird. Angeregt durch Pontus
Hulten veranstaltet Denise René 1955 die Ausstellung Le mouvement,
mit der sie erstmals eine repräsentative Auswahl sogenannter kinetischer
Kunst vorstellt. Diese Ausstellung umfaßt Werke von Agam,
Soto, Vasarely, Bury, Calder und Duchamp (der unter anderem auch die Op
Art vorweggenommen hat: siehe Abb. 428), und ist von einem gleichnamigen
Manifest begleitet (mit Texten von Hulten, Bordier und Vasarely), das
die Bewegung - die Einbeziehung des Faktors Zeit - als eine der großen
Neuerungen in der zeitgenössischen Kunst feiert.
Indem sie einen wachsenden Kreis kinetisch arbeitender Künstler um
sich sammelt, die sich zum Groupe de Recherches d'Art Visuel
zusammenschließen, etabliert sich die Galerie Denise René
innert weniger Jahre zum europäischen Zentrum der kinetischen Kunst.
Das allgemeine Interesse an den neuen gestalterischen Möglichkeiten
erreicht mit der 1961 durch Pontus Hulten im Stedelÿk Museum, Amsterdam,
organisierten Ausstellung Bewogen Beweging (Bewegende Bewegung)
einen ersten Höhepunkt. 1965 folgen die Kunsthalle Bern mit der Ausstellung
Licht und Bewegung und das Museum of Modern Art in New York,
das unter dem Titel The Responsive Eye einen Gesamtüberblick
über die optisch-kinetische Kunst vermittelt. Diese umfaßt
ein weites Spektrum unterschiedlichster Ausgestaltungen. Kinetische Objekte
bewegen sich entweder tatsächlich (durch Motoren, durch Wind, Wasser
oder durch menschliche Eingriffe) oder nur optisch (durch Bewegungen des
Betrachters oder durch die Anwendung bestimmter Gestaltungsprinzipien,
die Bewegungsillusionen erzeugen).
Die bekanntesten Vertreter der ersten Gruppe, Alexander Calder und Jean
Tinguely, beschränken sich im wesentlichen darauf, bestehende künstlerische
Haltungen oder Tendenzen kinetisch zu variieren. Calders Arbeiten, für
die Marcel Duchamp den Begriff Mobiles geprägt hat, bestehen
aus festen, stengelartigen Drähten und flachen, organisch geformten
Metallscheiben, die, durch lockere Gelenke miteinander verbunden, reizvolle,
an die Zweige eines Baumes gemahnende Konfigurationen ergeben; durch die
leiseste Berührung (oder durch einen Luftzug) werden diese meist
frei hängenden Gebilde in schwingende Bewegung versetzt. (Abb. 427).
Während sich die Mobiles durch eine fast klassische, an Matisse erinnernde,
ästhetische Ausgewogenheit auszeichnen, stellen die durch Elektromotoren
betriebenen Maschinen Jean Tinguelys mit ihren absurden, parodistischen
Bewegungsabläufen eine kinetische Neuauflage des Dadaismus dar. Obwohl
sie als erste die Bewegung als Konstante ihres Schaffens in die bildende
Kunst einführen, vollziehen diese beiden Künstler eine bloß
bildnerische und keine ideelle Erneuerung ihrer Kunstrichtungen.
Demgegenüber manifestiert sich in den kinetischen Werken, die in
erster Linie die optische Illusion einer Bewegung erzeugen, eine neue
künstlerische Auffassung, die sich mit derjenigen der Minimal Art
und der Konkreten Kunst vergleichen läßt. Die wichtigsten Vertreter
dieser Richtung, für die das Time Magazine 1964 den Begriff
Op Art prägte, sind Victor Vasarely und sein Sohn Yvaral,
der Venezolaner Jesus Rafael Soto, die Engländer Bridget Riley und
Jeffrey Steele sowie der Italiener Getulio Alviani (Abb. 429-432).
Diese Künstler setzen die Bewegung nicht wie Calder oder Tinguely
als ein gestalterisches Mittel ein; ihr Interesse gilt der Vorstellung,
der Illusion von Bewegung, und zwar um dieser selbst willen.
Die der Physiologie des Sehens längst bekannten Wahrnehmungsprozesse
können so genutzt werden, daß der Betrachter durch optische
Effekte irritiert wird und Scheinbewegungen auf der Bildfläche wahrnimmt.
So lösen parallele Streifen, konzentrische Quadrate oder Kreise,
schachbrettartige Musterungen, usw. Flimmereffekte aus, während verschobene
Überlagerungen von Punkt- oder Linienrastern sogenannte Moiré-Effekte
erzeugen. Die irritierende Wirkung solcher Muster läßt sich
durch die Verwendung komplementärer Farbpaare, die einen Simultankontrast
bilden, ebenso steigern wie durch die Verwendung äußerst schmaler
Farbdifferenzen, die eine Scharfeinstellung des Auges praktisch unmöglich
machen. Es würde zu weit führen, alle Möglichkeiten zur
Erzeugung derartiger Effekte aufzuzählen, oder deren künstlerische
Nutzung jeweils im einzelnen zu beschreiben. Ich verweise deshalb auf
die abgebildeten Beispiele.
Aus diesen Abbildungen wird klar, in welchem Maße auch die Op Art
auf jede persönliche Aussage verzichtet. Statt mit einer wie immer
gearteten Auseinandersetzung zwischen den beiden Polen eines individuellen
Selbst konfrontiert sie den Betrachter lediglich mit objektiven, anonymen,
bestenfalls amüsanten und verblüffenden (schlimmstenfalls bloß
irritierenden) optischen Phänomenen. Der Op Art geht es um den Eigenwert
dieser Phänomene; sie begnügt sich damit, sie in all ihren Möglichkeiten
experimentell zu erproben. Ihr vordergründiges Ziel besteht in einer
quasi wissenschaftlichen Erforschung möglicher optischer Reizwirkungen;
Recherche ist das Losungswort, das an Stelle des geistigen
Engagements getreten ist, das der Kunst früherer Generationen Sinn
und Orientierung vermittelte. Es spiegelt das Selbstverständnis spezialisierter
Techniker, die im Sinn von Produktgestaltern für einen neuen Zweig
der Unterhaltungsindustrie tätig sind. In diesem Sinn proklamieren
sie ihre Absicht, die Isolation der Kunst aufzubrechen und sie neu in
die Gesellschaft zu integrieren.
Denise René beginnt dementsprechend als eine der ersten, die kinetischen
Objekte ihrer Künstler industriell herstellen zu lassen und in limitierten
(oder unlimitierten) Serien als Multiples auf den Markt zu bringen. Ihr
Unternehmen wird durch den Umstand erleichtert, daß die Op Art im
Gegensatz zur Minimal Art auch in der breiten Öffentlichkeit auf
großen Widerhall stößt. "Kunst war wieder als wahres
Schauspiel erlebbar, dem man sich mit der naiven Neugier des Kindes oder
dem überlegenen Amusement des kulturell Überfütterten nähern
konnte. Es passierte etwas, man war individuell angesprochen,
wenn nicht gar zu aktiver Partizipation verlockt. Diese Kunst schien vital,
positiv, optimistisch zu sein. Sie entsprach dem Optimismus der Zeit,
die von der Hoffnung auf eine bessere, glücklichere Welt erfüllt
war."65
Vor allem entsprach sie einer Gesellschaft, der jede geistige Vision abhanden
gekommen war und deren Mitglieder die bedrohliche Empfindung ihrer inneren
Leere nur noch durch dauernde Stimulierung, durch hektische Betriebsamkeit
und suchtartigen Konsum zu betäuben vermochten.
Der geometrische Purismus dieser Ausgestaltungen, die klaren, objektiven
und rational überprüfbaren Kriterien, an denen sie sich orientieren,
und ihr anonymer, unpersönlicher Charakter erlauben es, auch diese
Kunst, trotz ihrer hedonistischen Ausrichtung, als Spielform eines modernen
Klassizismus zu verstehen.
Dies zeigt die Variationsbreite dieser künstlerischen Entwicklung
auf. Der entscheidende Wesenszug des Klassizismus - die kompromißlose
Unterordnung individueller exhibitorischer Ambitionen unter eine einsehbare
und rational faßbare idealisierte Struktur - erfährt in der
Moderne eine positivistische, technisch-wissenschaftliche Ausprägung,
die sich unter anderem auch in der durchgängigen Anwendung einer
geometrischen Formensprache niederschlägt. Trotz ihrer vereinheitlichenden
Wirkung erlaubt diese eine Vielfalt unterschiedlicher Gestaltungen. So
reicht das Spektrum des modernen Klassizismus von den vielfältigen
und phantasievollen Schöpfungen Max Bills, des wohl bedeutendsten
Vertreters dieser Richtung, über die seriellen Ordnungen Richard
Paul Lohses und die lapidaren Volumen der Minimal Art bis zu den spielerischen
Experimenten der Op Art. Schließlich sei auch auf die Möglichkeiten
hingewiesen, die sich dieser Kunst durch die Verwendung des Computers
eröffnen, auf die ich jedoch erst in einem späteren Kapitel
eingehen werde.
Jede dieser klassizistischen Kunstrichtungen steht für den Versuch,
der Erfahrung des Ungewissen mit dem Rückgriff auf unbezweifelbare
und allgemeinverbindliche Ordnungen, mit der Antithese des Gewissen zu
begegnen. Der moderne Symbolismus, dem wir uns jetzt zuwenden, versucht
stattdessen, das Ungewisse durch Magie und Ritual zu bannen.
4. Magie und Ritual: der moderne Symbolismus
Der moderne Symbolismus, mit dem wir unseren Überblick über die künstlerische Entwicklung der Nachkriegszeit abschließen, tritt sowohl in gegenständlicher als auch in ungegenständlicher Form auf.
Der Sog der Leere und das ungegenständliche Symbol
Ende der fünfziger Jahre hatte sich in allen europäischen
Ländern, ähnlich wie in den USA, eine lokale Variante des Abstrakten
Expressionismus (unter den Bezeichnungen Informel, Abstraction
lyrique oder Tachismus) als die führende Kunstrichtung
der Nachkriegszeit etabliert. Deren wichtigsten Vertreter sind in Frankreich
Wols (Abb. 433), Fautrier, Soulages, Hartung und Mathieu (Abb. 434), in
Italien Vedova, Santomaso und Moreni, in Deutschland Winter und Sonderborg,
in Spanien Saura und in Holland die Mitglieder der Cobra-Gruppe, Appel,
Jorn und Aleschinski.
Ihre Malerei unterscheidet sich von derjenigen des Abstrakten Expressionismus
durch eine traditionellere, barockere Bildauffassung. Wohl gehen auch
diese Künstler über den zeichenhaften Surrealismus hinaus, doch
vollziehen sie den Schritt zum Unpersönlichen nicht so radikal wie
die Amerikaner.
Die repräsentativsten Vertreter des Abstrakten Expressionismus, Pollock
und Rothko, schaffen durch ihre Allover-Malerei, d.h. durch bildnerische
Konfigurationen, die sich über den Bildrand hin auszubreiten scheinen
oder mit diesem zusammenfallen, jene neue Bildwirklichkeit, die mit den
Shaped Canvas' der Post Painterly Abstraction ihre extremste Ausgestaltung
findet. Demgegenüber stellt für die Europäer die Bildebene
immer noch eine neutrale Bühne dar, auf der sich der jeweilige Gestaltungsprozeß
abspielt. Dies gilt sogar für Mathieu, dessen gestische Improvisationen
und riesigen Bildformate stark an Pollock erinnern; auch er schreibt
auf die Leinwand, indem er kalligraphische Zeichen auf die Bildfläche
setzt, ohne die beiden Elemente - Bildzeichen und Bildgrund - miteinander
zu einer Einheit zu verbinden (Abb. 434). So unterlassen es die Europäer,
ihre expressiven Ambitionen in eine neue bildnerische Sprache zu übersetzen.
Sie bleiben dem Persönlichen verhaftet - die mystische Ekstase bleibt
aus.
Eine objekthafte Bildauffassung, dank der die Antinomie zwischen Bildträger
und Bildinhalt aufgehoben wird, tritt im europäischen Informel erst
Mitte der fünfziger Jahre, im Werk des Spaniers Antoni Tàpies
auf.
Tàpies überzieht die Oberfläche seiner Bilder mit einem
mörtelartigen Gemisch aus Gips, Leim und Sand, das diesen das Aussehen
einer alten, z.T. abbröckelnden Mauer verleiht. Er ritzt lineare
Zeichen in die bewegte Oberfläche, bohrt Löcher ein, schabt
einzelne Schichten weg und setzt ab und zu auch einen farbigen Akzent.
Die Spuren dieser Eingriffe wirken irgendwie zufällig und verraten
keinerlei Absicht zu einer Aussage. Sie ergeben kein Bild im herkömmlichen
Sinn, sondern ein Stück anonymer Wirklichkeit: Sie sind das ernste
und verschwiegene, stumme Zeugnis eines unbekannten, geheimnisvollen Geschehens
(Abb. 435).
Mit ihrer fast monochromen Erscheinung und ihrer feierlichen Stille rücken
diese Werke in die Nähe der Bildtafeln Rothkos, doch fordern sie
nicht wie jene zur mystischen Verschmelzung auf; sie sind Träger
einer Botschaft. Auch wenn sich diese jeder Entschlüsselung entzieht,
konfrontiert sie den Betrachter doch mit einem unbekannten Sinn. Die mauerartigen
Tafeln des Spaniers gewinnen damit eine geheimnisvolle, magische Bedeutung;
mit ihnen beginnt sich in der ungegenständlichen Kunst der Nachkriegszeit
eine Tendenz abzuzeichnen, die wir unter den Begriff eines ungegenständlichen
Symbolismus fassen wollen.
Die wichtigsten Vertreter dieser Richtung sind die Italiener Lucio Fontana
und Piero Manzoni und der Franzose Yves Klein. Die Hinwendung zur Leere
als einer Repräsentanz des Unfaßbaren und Absoluten, der wir
bereits in der Post Painterly Abstraction begegnet sind, zeichnet auch
das Werk dieser Europäer aus.
Fontana verleiht der Dimension des Nichts eine gewissermaßen positive,
dramatische Ausgestaltung, indem er die monochrome Oberfläche seiner
Leinwände, Keramikformen oder Metallplatten aufschlitzt oder durchlöchert.
Damit schafft er einen Bezug sowohl zum Action Painting als auch zum Minimalismus
der Post Painterly Abstraction, doch geht er darüber hinaus, indem
er mit seinen Einschnitten so etwas wie einen Mythos begründet. Der
sadistische Eingriff, die tätliche Verletzung der reinen Oberfläche,
ohne sie durch Farbe zu beschmutzen, wird durch seine ständige
Wiederholung zu einem magischen Ritual.
Durch die Verbindung bildnerischer Qualitäten - sicherer Geschmack,
souveräne Verwendung sparsamer Mittel, Verzicht auf jedes Beiwerk
- mit der kontrollierten Triebhaftigkeit und der expressiven Kraft seiner
Einschnitte oder Perforationen gelingen Fontana äußerst elegante
und gleichzeitig erregende Ausgestaltungen (Abb. 437, 438). Im Gegensatz
zu den Meditationsbildern der Post Painterly Abstraction ist bei Fontana
die exhibitorische Geste, die in einen dialektischen Bezug zum Bildganzen
tritt, psychisch geladen. Damit gewinnen seine Werke eine expressive Qualität,
die sie in die Nähe Pollocks oder Klines rücken.
Manzoni oder Klein ist diese Dimension hingegen fremd. Manzoni arbeitet
ebenfalls mit einem reduzierten Vokabular. Für seine ausschließlich
weißen Achromes legt er z.B. weißes Material wie Watte, Baumwolle,
Filz oder Glaswolle in einfachen Arrangements unter Glas, oder er benäht
eine farblose, rohe Leinwand mit horizontalen oder vertikalen Linien (Abb.
436). In seinen späteren Werken verliert das Visuelle noch weiter
an Bedeutung. Die Linien, die er um 1960 auf Papierrollen anbringt (die
längste, auf einer Zeitungspapierrolle, mißt 7 200 m), sind,
da der Bildträger zusammengerollt präsentiert wird, nicht mehr
sichtbar, sondern müssen in der Phantasie vorgestellt werden.
Die Tendenz zur Mystifikation des Immateriellen, bloß Gedachten
oder Vorgestellten, findet bei Yves Klein ihre radikalste Ausgestaltung.
Auf der spektakulären Ausstellung in der Gallerie Apollinaire, mit
der er 1957 in Mailand die Bühne der Kunstgeschichte betritt, stellt
er zwölf rechteckige, mit reinem Ultramarinblau eingefärbte,
monochrome Bilder aus, die in Format, Farbe und Anstrich völlig identisch
sind.
Das Prinzip der Monochromie und das in der Regel dabei verwendete Ultramarin
werden zu Kleins bestimmenden Gestaltungsmittel; er nennt sich selbst
"Yves le monochrome". Statt gebräuchliche Öl- oder
Temperafarbe zu verwenden, entwickelt er zusammen mit einem Farbchemiker
ein besonderes Verfahren, das ihm erlaubt, das reine Farbpigment auf die
Unterlage zu fixieren, ohne es dabei zu verändern. Die Farbe bewahrt
nun ihre ganze Leuchtkraft, was insbesondere beim tiefen Ultramarin eine
nachhaltige Wirkung erzielt. Klein personifiziert diesen Farbton, den
er fortan nicht mehr ändert, durch die Bezeichnung I.K.B. (= International
Klein Blue), und macht daraus sein Markenzeichen.
Zu Beginn beschränkt er seine Produktion auf Bildtafeln; später
eignet er sich alle möglichen Objekte an, indem er sie mit seinem
I.K.B. einfärbt und sie, auf einer Unterlage befestigt oder auf einem
Sockel montiert, zu Skulpturen erklärt. Das tiefe Ultramarin des
I.K.B. macht aus Kleins Bildern und Objekten intensiv strahlende Farbkörper
und hebt gleichzeitig deren Stofflichkeit auf. Dadurch gewinnen sie eine
unfaßbare, unnahbare Qualität und scheinen mit einer geheimnisvollen
Energie geladen zu sein (Abb. 439, 440).
Wiederum drängt sich der Vergleich mit Malewitsch auf; doch ist Kleins
Anliegen anderer Art und unterscheidet sich auch ganz entschieden von
demjenigen der Post Painterly Abstraction. Die Kunst der Amerikaner entwickelt
sich von der romantischen Geisteshaltung des Abstrakten Expressionismus
über eine zunehmende Versachlichung und Entpsychologisierung des
künstlerischen Prozesses zu Gestaltungen, die, auf ihre sichtbare,
jedoch leere Erscheinung reduziert, dem Absoluten eine im philosophischen
Sinn adäquate, weil negativ bestimmte Gestalt verleihen.
Die jeweilige Individualität des Künstlers tritt dabei hinter
dem Werk zurück.
Kleins Werk dagegen entwickelt sich in der entgegengesetzten Richtung.
Weit davon entfernt, sich in den Dienst eines Ideals oder einer idealisierten
Realität zu stellen, ist es von einer maßlosen exhibitorischen
Ambition getragen. Sein Blau stellt für ihn keinen objektiven, allgemeinen
und autonomen Wert dar, sondern steht, mit der Bezeichnung I.K.B. sogar
urheberrechtlich geschützt, für die Einzigartigkeit und Grandiosität
seines Erfinders. Klein geht es nicht um die Syntax einer künstlerischen
Sprache, sondern um die Exhibition seiner eigenen Großartigkeit
und Autonomie. "An der Monochromie berausche ich mich [...] Ich glaube,
daß ich nur mit der Monochromie das echte malerische Leben lebe
[...] Hier bin ich: ich selber! Indem ich monochrom male, bin ich zum
ersten Mal glücklich!"66
Die Erklärung für diese Begeisterung findet sich vielleicht
im Familienroman des jungen Künstlers. Für diesen
zeichnerisch und handwerklich unbegabten (oder gehemmten) Sohn eines erfolgreichen
Maler-Ehepaars67 stellt die Monochromie eine der wenigen Möglichkeiten
dar, sich jenseits jeder malerischen Konvention und Disziplin als Maler
zu behaupten und sein totalitäres Geltungsbedürfnis zu befriedigen.
In seiner Broschüre Le dépassement de la problématique
de l'art (1959) beschreibt Klein mit entwaffnender Offenheit, wie
er nach ersten Versuchen, es seinen Eltern gleichzutun, seinen eigenen
Weg fand: ".. dann aber liebäugelte die Farbe als ein rein wahrnehmbarer
Raum hartnäckig mit mir. Und die Empfindung der totalen Freiheit
dieses in Reinheit wahrnehmbaren Raumes zog mich dermaßen an, daß
ich monochrome Flächen malte, um zu sehen, mit eigenen Augen zu sehen,
was von dem Absoluten sichtbar sei. Zu dieser Zeit kamen mir derlei Versuche
noch nicht als eine malerische Möglichkeit vor. Bis zu dem Tage,
etwa ein Jahr später, da ich mir sagte: wieso eigentlich nicht?
Von solch einem Wieso nicht? hängt im Leben eines Menschen
alles ab. Es ist sein Schicksal. Es ist für ihn, den Schöpfer
in spe, das Zeichen, welches ankündigt, daß das Urbild eines
neuen Zustandes fertig und gereift sei: das Zeichen, daß er der
Welt sich zeigen könne."68
In gewissem Sinn operiert auch Klein wie Duchamp mit dem Stilmittel der
negativen Präsenz, doch mit umgekehrten Vorzeichen. Im
Gegensatz zu Duchamp, der mit seinen Readymades durch die willkürliche
Wahl und Setzung eines banalen, an sich bedeutungslosen Gegenstandes das
Absolute als negative (d.h. unsichtbare) Präsenz evoziert, steht
bei Klein das Sichtbare (die monochrome Bildtafel oder das I.K.B.), selbst
für das Absolute, und evoziert als unsichtbare, negative Präsenz,
die "sensibilité immatérielle" ihres Schöpfers,
das Genie (oder den Größenwahn) dessen, der das Absolute sichtbar
macht und es sich damit auch aneignet. In Kleins Werken wird nicht die
Unfaßbarkeit des Absoluten, sondern die Unfaßbarkeit der eigenen
genialen Erleuchtung mystifiziert. Darin liegt der entscheidende
Unterschied zwischen den beiden Künstlern: Duchamp ist der distanzierte
Skeptiker, der große Entlarver, Klein tritt dagegen als moderner
Schamane auf.
Man mag diese Unterscheidung zwischen zwei scheinbar so ähnlichen
Haltungen als sophistische Haarspalterei abtun, doch bietet Kleins weitere
Entwicklung genügend Anhaltspunkte, um meine Auffassung zu stützen.
Wenige Monate nach seinem Mailänder Auftritt sorgt er mit einer Ausstellung
bei Colette Allendy auch in Paris für Schlagzeilen. Er begnügt
sich nicht mehr mit monochromen Bildtafeln, sondern entfaltet ein wahres
Feuerwerk genialer Einfälle. So schafft er eine Art Environment,
indem er in einem der Galerieräume die reine I.K.B. - Farbe in Puderform
auf den Boden streut; in einem anderen Raum führt er (während
einer Minute!) blaue Flammen vor; in einem dritten zeigt er erstmals eine
Reihe mit ultramarinblauer Farbe durchtränkter Objekte (z.B. die
Malerrollen, die er für seine Arbeit benutzte, oder seine später
berühmt gewordenen Schwämme) die er, auf Sockel oder Platten
montiert, zu Skulpturen erklärt. Schließlich bietet er den
erstaunten Besuchern mit der Première sculpture aérostatique
libérée du socle, composée de 1001 ballons flottant
dans l'atmosphère das Spektakel von tausend blauen Luftballons,
die über der Galerie in den Pariser Himmel steigen.
Im nächsten Jahr folgt bei Iris Clért mit der berühmten
Ausstellung L'exposition du vide die nächste Sensation.
"Iris Clért lädt Sie ein", so lautet die Einladung,
"den hellen und positiven Anfang eines bestimmten Reiches der Empfindung
mit der Anwesenheit Ihres Gemütes zu beehren. Die Zusammenschau der
reinen Wahrnehmung sanktioniert bei Yves Klein das malerische Suchen nach
einer ekstatischen Gemütsbewegung, die unmittelbar übertragbar
ist."
Die Fassade der kleinen Galerie ist ultramarinblau gestrichen. Der Eingang
wird am Abend der Eröffnung von sechs Gardes Républicaines
in Galauniform bewacht. Besucher, die keine Einladung erhalten haben,
müssen 1'500 (alte) Francs Eintritt bezahlen. Im Innern ist die Galerie
jedoch gänzlich leer und bietet dem Publikum nur ihre nackten, weißen
Wände. Dazu Yves Klein: "Alles wird weiß sein, damit sich
die malerische Atmosphäre der blauen entmaterialisierten Empfindung
übertragen lassen kann [...] Draußen wird das Blau sichtbar
sein; im Innern der Galerie aber soll jenes unkörperliche Blau herrschen,
das nicht zu sehen ist, mit dem man sich jedoch imprägnieren kann."69
Am Abend der Eröffnung, die bis nach Mitternacht dauert, werden zum
Erstaunen aller Beteiligten über 3 000 Besucher gezählt.
Kleins Auftritte, insbesondere seine Ausstellung Le vide wurden
mehrfach und von verschiedenen Seiten mit dem Zen-Buddhismus in Beziehung
gebracht. So schreibt der Kunstkritiker Michel Ragon in der Zeitschrift
Cimaise (Mai/Juni 1958): "Da ich in Japan gewesen bin,
ebenso wie Yves Klein, weiß ich, wieviel seine Idee der Monochromie
dem Zen-Buddhismus verdankt. Sein leerer Raum ruft bei mir die Erinnerung
an den Steingarten von Ryoanji wach oder an gewisse Meditations-Tische."
Doch ist auch Ragon die Fragwürdigkeit dieser Beziehung wohl bewußt,
denn er fährt fort: "Und doch: wenn man wünscht, daß
solch ein Versuch ernst genommen werde, dann sollte man nicht damit anfangen,
Kasperle-Figuren der Republikanischen Garde vor die Tür
zu stellen. Es war auch nicht nötig, den Gästen ein blau gefärbtes
Getränk anzubieten, wie dies geschehen ist."70
In Wahrheit haben Kleins egomanische Auftritte mit dem Zen- Buddhismus,
der nach der Aufhebung des Ich und seiner Kontrollfunktionen strebt, überhaupt
nichts gemein. Klein geht es nicht um Zen, sondern um den verzweifelten
Versuch, die drohende Fragmentierung seines Selbst aufzuhalten (auf deren
psychologischen Ursachen ich im Rahmen dieser Untersuchung nicht eingehen
kann).
Im exhibitorischen Bereich des Selbst setzt er dieser Gefahr die Illusion
der eigenen magischen Allmacht entgegen. Deren Bestätigung (und deren
sichtbare Repräsentanz) sucht er in den Reaktionen des Publikums:
"Ich bin also auf der Suche nach dem reellen Wert eines Bildes, der
es bewirkt, daß zwei absolut identische Malereien dennoch unterschiedlich
sein können, wenn das eine Bild von einem Maler, das
andere nur von einem geschickten Techniker, einem Handwerker
angefertigt wurde, mögen auch beide von der Kollektivität als
gleichwertige Künstler anerkannt sein. Es ist aber der unsichtbare,
der reelle Wert, der es macht, daß das eine der beiden Objekte ein
Bild ist, das andere jedoch nicht. Damit hängt das zusammen,
was ich eigentlich zu erreichen suche und was meine zukünftige Entwicklung
von mir verlangt. Kurzum, die Lösung meines Problems ist: gar nichts
mehr zu tun. So schnell wie möglich will ich dieses Ziel erreichen.
Ich muß jedoch bewußt und behutsam zu Werke gehen."71
An Stelle des schöpferischen Aktes tritt magisches Denken. Die Idee
des Gottmenschen, des künstlerischen Genies, findet ihre phantastische
Ausgestaltung. Damit beginnt die Entwicklung, die mit der Figur Joseph
Beuys ihren Höhepunkt erreichen sollte.
Im idealisierten Bereich des Selbst begegnet Klein dem drohenden Zerfall
durch die illusorische Verschmelzung mit einem umfassenden grenzenlosen
Ganzen oder anders gesagt: durch das Einswerden mit einem archaischen,
grandios überhöhten, doch abgespaltenen und deshalb ichfremden
Ideal: "In meinem Tun bin ich vor allem auf der Suche nach jener
Durchsichtigkeit, jener Leere, in welcher der
beständige und absolute Geist lebt, befreit von allen Dimensionen."72
In seiner Kunst sucht er die Spiegelung der grenzenlosen Weite und der
nichtaufhebbaren Einheit seines Selbst: "Die Seele zu fühlen
und diese Empfindung ohne Vokabular darzustellen - diese Sehnsucht ist
es wohl, die mich zur Monochromie gebracht hat",73 schreibt er rückblickend.
Doch ist seine Hoffnung illusorisch, denn die Verschmelzung mit der Leere
ist gleichbedeutend mit der Auflösung des eigenen Selbst. In Kleins
Kunst manifestiert sich dieses nur noch negativ, durch seine
Absenz.
Die beiden Strategien, die Klein in seiner Kunst zur Aufrechterhaltung
seines grandiosen Selbstbildes und zur Schaffung der entsprechenden Repräsentanz
einsetzt, schließen sich gegenseitig aus. Klein ist sich dieser
Widersprüchlichkeit wohl bewußt und versucht vergeblich, sie
durch die Mystifizierung seines inneren Dramas zu überbrücken:
"Ich bin für eine totale Entpersönlichung der Kunst und
bin doch für einen extremen Individualismus. Dies ist kein Paradox,
wenn wir bereit sind, im Sinne der 'Sensibilität' zu denken."74
Diese Sensibilität ist letzten Endes nichts anderes als das schmerzliche
Bewußtsein der eigenen inneren Leere; sie ist der Widerhall des
abgespaltenen, ich- und realitätsfremden, in seinem archaischen Urzustand
verbliebenen, und nicht mehr integrierbaren grandiosen Selbst der frühen
Kindheit.
Die demonstrative Ausschaltung des Ich, die geradezu phobische Vermeidung
jeder faßbaren und damit relativierbaren individuellen Äußerung
erlaubt es Klein, die Illusion der eigenen Unfehlbarkeit, der absoluten
Geltung einer Äußerung, die keine ist, aufrechtzuerhalten.
Diese Mystifikation der eigenen Grandiosität bleibt nur solange glaubhaft,
als sie im Imaginären verbleibt.
Das tragische und letztlich unkünstlerische Moment dieser Demarche
besteht darin, daß Klein - im Gegensatz zu Duchamp oder den Vertretern
der Post Painterly Abstraction und der Minimal Art - des Unfaßbaren
selbst habhaft werden will. Dieses läßt sich jedoch eben nicht
fassen, sondern bestenfalls durch ein Sichtbares repräsentieren.
Indem Klein die materielle Erscheinung als unwesentlich ablehnt, setzt
er die Leere - das Nichts - als das Wirkliche und verfehlt gerade damit,
diesem eine künstlerische Form zu verleihen.
Catherine Krahmer, der ich die angeführten Zitate und viele Einblicke
in die psychische Dynamik des Monochromen verdanke, verfolgt
in einer hervorragenden Studie über Yves Klein die letzten Lebensjahre
des Künstlers; aus ihren Aufzeichnungen geht hervor, wie Kleins Auftritte
in zunehmendem Maß durch magisches Denken bestimmt sind.
1959 läßt Klein seine Checks des Immateriellen drucken: Zertifikate,
mit denen er einem eventuellen Käufer seine "immaterielle Sensibilität"
übermittelt. Dieser hat die Checks mit reinem Feingold zu bezahlen
und erhält dafür eine Empfangsbestätigung mit folgendem
Text: "x Gramm Feingold erhalten für eine Zone immaterieller
malerischer Sensibilität". Die Übermittlung der Sensibilität
ist zudem an ein Ritual gebunden: Während der Käufer den Check
verbrennt (und damit eine blaue Flamme erzeugt) wirft der Sensibilitäts-Stifter
Klein die Hälfte des Goldgewichts in die Seine (oder den Rhein).
Die andere Hälfte behält er für sich. So verliert Klein
zumindest den pekuniären Aspekt der Wirklichkeit nicht völlig
aus den Augen. Auch Krahmer unterstreicht diesen Umstand, indem sie in
einer Fußnote vermerkt: "Daß gelegentlich auch gegen
dieses Ritual verstoßen wurde, darf nicht verschwiegen werden. Die
Galerie Iris Clért verfügte beispielsweise über von Yves
Klein schon signierte immaterielle Checks, für den Fall, daß
ein geneigter Käufer sich während Yves' Abwesenheit einfinden
sollte."75
Kleins Ambition, "Kunst zu schaffen, ohne meine Hände zu beschmutzen",
führt zu immer ausgefalleneren und immer belangloseren Aktionen und
Experimenten, auf die ich nicht mehr im Einzelnen eingehen will. Ich erinnere
lediglich an die berühmten Anthropometrien, die so entstehen, daß
weibliche Modelle als "lebende Pinsel" (Klein) ihre nackten,
mit I.K.B.-Blau eingefärbten Körper gegen die Leinwand oder
das Papier pressen, um darauf ihre Abdrücke zu hinterlassen (Abb.
441); oder an Kleins Feuermalereien im Centre d'Essay du Gaz de France:
in Anwesenheit behelmter Feuerwehrmänner (und vor den Kameras des
Fernsehens) bearbeitet er hier seine Bildformate mit Flammenwerfern, um
Resultate zu erzielen, die sich äußerlich kaum mehr von der
ungegenständlichen Malerei des Informel unterscheiden.
Die meisten Künstlerfreunde Kleins stehen dieser späteren Entwicklung
skeptisch gegenüber. Fontana spricht stellvertretend für andere,
wenn er meint: "Nach den blauen Monochromien hat Yves sehr intelligente
Sachen gemacht, aber in der Idee ist er nicht weitergekommen."76
Tatsächlich stellen Kleins monochrome Bildtafeln und die Erfindung
des I.K.B. seinen wichtigsten Beitrag zur künstlerischen Entwicklung
der Moderne dar, insbesondere, was deren phänomenologische Bedeutung
betrifft. Mit ihnen nimmt die ungegenständliche Kunst erstmals einen
deutlich gewollten fetischistischen Charakter an.
Kleins Verzicht auf jede künstlerische Gestaltung ist ganz anderer
Art als derjenige, der sich im Schwarzen Quadrat von Malewitsch oder in
den Readymades Duchamps äußert. Während die gestalterische
Abstinenz dieser Werke einer Aussage und Stellungnahme gleichkommt und
in dieser ihren Sinn findet, kommt Kleins entsprechender Verzicht der
magischen Überhöhung seiner selbst gleich. Indem er ein totes
Material, mit dem er sich identifiziert, nämlich das Farbpigment
des I.K.B., zum Absoluten erhebt, verschreibt er sich einem modernen Animismus,
wobei er die Rolle des Schamanen übernimmt. Seine Monochromes sind
nicht mehr bloß Gleichnis des Unfaßbaren, sondern erheben
den Anspruch, dieses (und damit gleichzeitig das grandiose Selbst
ihres Erfinders) in der Art eines Fetischs zu verkörpern.
Das Publikum tendiert immer wieder zur Fetischisierung des Kunstwerkes
(man denke nur an das Schicksal der Mona Lisa), und heute ist diese Praxis
weiter verbreitet denn je; die Künstler selbst neigen weniger dazu.
Unter ihnen ist Klein einer der ersten, der diese Bereitschaft des Betrachters
strategisch nutzt, um seine künstlerischen Ambitionen zu befriedigen.
Er will eins sein mit dem Absoluten, und das Publikum soll ihm diese Einheit
bestätigen, indem es das I.K.B. als das Absolute annimmt. Das Publikum
wird damit zum Gestaltungsmaterial (es muß manipuliert werden) und
der künstlerische Prozeß zum Gesellschaftsspiel.
"Yves hat von Anfang an weder gestaltet noch etwas ausgedrückt",
schreibt Krahmer in ihrer Studie, "sondern nur gespielt. Er spielte
mit der menschlichen Sensibilität. Eindeutig offenbar wird das im
Fall der Leere und der immateriellen Checks, aber
auch schon die Monochromie kann als Spiel betrachtet werden. Hier handelt
es sich um eine Art Pakt zwischen Yves und der Farbe. Will ein Außenseiter
- Zuschauer oder Käufer - in den Kreis eintreten, so muß er
den Pakt akzeptieren, sonst ist er betrogen."77 Die Spielregeln müssen
als bindend angenommen werden, sonst fallen das Spiel und der Pakt auseinander.
Während Duchamp diesem bedeutsamen Aspekt jeder künstlerischen
Erfahrung mit Ironie begegnet und dieser Ironie mittels der "Schönheit
der Indifferenz" künstlerischen Ausdruck verleiht, zelebriert
Klein den Pakt zwischen dem Künstler und seinem Publikum (dem Betrachter)
ganz bewußt als ein magisches Ritual. Darin gründet Kleins
paradigmatische Bedeutung: Seine blauen Bildtafeln stellen die ungegenständliche
Variante des magischen Symbolismus dar, der nach dem Auftritt
von Joseph Beuys die Kunstszene der 70er Jahre prägen sollte.
Joseph Beuys (1921-1986) und die Unfähigkeit zu trauern
Das umfangreiche Werk von Joseph Beuys, den seine Bewunderer für den bedeutendsten europäischen Künstler der Nachkriegszeit halten, umfaßt vier Bereiche: die Aktionen, das plastische Werk (Zeichnungen und Objekte), die Kunsttheorie und die pseudopolitische Aktivität. Der größeren Klarheit willen sollen sie vorerst einzeln besprochen werden.
Das Werk von Joseph Beuys
1. Die Aktionen
Die Wurzeln der spektakulären Aktionen, mit denen Beuys in den sechziger
Jahren sein erstes öffentliches Aufsehen erregt, reichen bis zum
Ersten Weltkrieg zurück. In Anlehnung an die dadaistischen Darbietungen
jener Zeit begründeten amerikanische Künstler Mitte der fünfziger
Jahre eine als Happening (von englisch to happen = geschehen, sich ereignen)
bezeichnete Kunstform, die später auch von Europa übernommen
werden sollte. Am Anfang dieser Entwicklung steht der amerikanische Komponist
John Cage, der mit seinen Ideen und Kompositionen das überkommene
Verständnis von Musik radikal in Frage stellte. So führte er
1952, also im selben Jahr, in dem sein Freund Rauschenberg seine leeren,
monochromen White paintings ausstellte, unter dem Titel 4'33" (d.h.
4 Minuten 33 Sekunden) eine Komposition der Stille auf ("no sounds
are intentionally produced"). Durch besondere Notationsformen, ungewöhnliche
oder zweckentfremdete Instrumente, durch neue Medien (Radio, Tonband,
Computer), durch die methodische Einbeziehung des Zufalls und der vom
Publikum während der Aufführung unwillkürlich erzeugten
Geräusche überschritt er die bisherigen Grenzen künstlerischer
Disziplinen und übte damit auf die musikalische und künstlerische
Entwicklung einen kaum zu überschätzenden Einfluß aus.
In der Mitte der fünfziger Jahre inszenierte Cage in Zusammenarbeit
mit Jasper Johns und Robert Rauschenberg multimediale Darbietungen, die
man als eine frühe Form des Happenings bezeichnen kann. Der Begriff
selbst geht auf den amerikanische Künstler Alan Kaprow zurück,
der ihn 1959 im Titel seiner großangelegten Aktion 18 Happenings
in 6 Parts einführte und in einer Reihe von Artikeln auch theoretisch
erläuterte. Die Teilnehmer seiner umfangreichen, theaterartigen Aktionen
wurden jeweils mit unterschiedlichen, vorher festgelegten Situationen
konfrontiert, auf die sie improvisierend reagieren mußten. "Die
Grenze zwischen Happening und täglichem Leben sollte so flüßig
wie unbestimmbar gehalten werden", sagt Kaprow. "Die Wechselwirkung
zwischen der menschlichen Aktion und dem Vorgefundenen wird dadurch zu
ihrer höchsten Wechselwirkung gesteigert [...] Happenings sollten
nicht geprobt und nur einmalig von Nicht-Professionellen aufgeführt
werden." In New York traten außer Kaprow vor allem Rauschenberg,
Dine, Oldenburg und Segal mit eigenen Happenings auf.
Parallel dazu entwickelte sich die verwandte, doch mehr musikalisch ausgerichtete
Fluxus-Bewegung (lateinisch = fließend); deren wichtigster Vertreter,
der Koreaner Nam June Paik, ein Schüler von John Cage, führte
1959 die Aktionsmusik und die Ideen von Happening und Fluxus in Deutschland
ein. Zusammen mit dem Amerikaner George Maciunas, dem Dänen Henning
Christansen und dem Engländer Dick Higgins organisierte Paik 1962
in Wiesbaden ein erstes Fluxus-Festival; dabei lernt er den einundvierzigjährigen,
noch völlig unbekannten Joseph Beuys kennen.
Beuys, seit einem Jahr Professor für Bildhauerei an der Staatlichen
Akademie Düsseldorf, hat eben eine schwere persönliche Krise
überwunden und bemüht sich seither darum, eine eigene künstlerische
Identität zu finden; er sucht immer noch die Aufgabe, die seinen
hochgesteckten, doch weitgehend unbestimmten Ambitionen gerecht würde
und die Form, in der sich diese verwirklichen ließen. Die Fluxus-Bewegung
kommt diesen Bestrebungen durch ihren improvisatorischen, interdisziplinären
Charakter entgegen; darüber hinaus erkennt Beuys auch sogleich die
einzigartige Gelegenheit, neben international bekannten Avantgarde-Künstlern
mit eigenen Ideen vor eine breite Öffentlichkeit zu treten. Er lädt
die Fluxus-Künstler für das folgende Jahr zu einem zweiten Festival
in den Räumen seiner Akademie ein und sichert sich damit die Möglichkeit
zur Teilnahme.78
So tritt er am 2. und 3. Februar 1963 am Festum Fluxorum Fluxus
in der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf mit zwei eigenen Aktionen
auf, der Komposition für 2 Musikanten und der Sibirischen Symphonie
1. Satz. Letztere erfüllt bereits alle Kriterien seiner späteren
Darbietungen: "Die sibirische Symphonie war an sich eine Komposition
für Klavier", erklärt Beuys in einem Gespräch; "Das
fängt an mit einem freien Satz, den ich selbst erfunden habe, dann
habe ich ein Stück von Erik Satie eingeblendet, dann wurde das Klavier
präpariert mit kleinen Tonbergen, erst wurde aber der Hase an die
Schiefertafel gehängt. In diese kleinen Tonberge wurde jeweils ein
Ast gesteckt, dann wurde, wie eine elektrische Hochleitung, ein Draht
gelegt vom Klavier bis zu dem Hasen, und dann wurde dem Hasen das Herz
herausgenommen. Das war alles, der Hase war natürlich tot. Das war
die Komposition, hauptsächlich klanglich und dann wurde noch etwas
an die Tafel geschrieben."79
Ein weit größeres Aufsehen erregt seine Beteiligung am Festival
der neuen Kunst, das am 20. Juli80 desselben Jahres in Aachen durchgeführt
wird. Aus den zugänglichen Berichten läßt sich etwa folgender
Hergang rekonstruieren: Bazon Brock eröffnet die Veranstaltung mit
einer programmatischen Rede zu Texten von Marx und Hegel, die er im Kopfstand
hält (ausgehend von dem Wort Hegels "die Philosophie ist die
Welt auf dem Kopf"). Darauf führt Beuys ein "amorphes Klavierstück"
auf, indem er ein Klavier "sehr locker" mit geometrischen Körpern,
Bonbons, trockenen Eichenblättern, Majoran, einer Ansichtskarte des
Aachener Doms und Waschpulver füllt, so daß es noch bespielbar
ist, der Klang jedoch durch die Füllung beeinflußt wird. Damit
will er "das heilsame Chaos veranschaulichen, die heilsame Amorphisierung
in eine gewußte Richtung, die bewußt eine erkaltete, erstarrte
Vergangenheitsform, gesellschaftliche Konvention durch Auflösung
erwärmt, und zukünftige Gestalt erst möglich macht."81
Seit Beginn der Aktion ertönt ab Tonband die berüchtigte Berliner
Sportpalastrede von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. Beuys
ist inzwischen dabei, die "heilsame Amorphisierung" an seinem
Lieblingsmaterial zu demonstrieren. Während er auf einem Kocher seine
Fettblöcke zum Schmelzen bringt, kreischt Goebbels Stimme: "Wollt
ihr den totalen Krieg?" Ein unbeschreiblicher Lärm bricht aus.
Zuschauer stürmen die Bühne, ein empörter Student versetzt
Beuys einen Fausthieb auf die Nase, die zu bluten beginnt. Dazu schreibt
der Beuys-Biograph Heiner Stachelhaus: "Genau in diesem Augenblick
beginnt die Legende Joseph Beuys. Denn siehe, er hat wunderbarerweise
einen Holzkruzifixus mit ausdehnbarem Sockel bei sich. Er hält dieses
'Pneumatische Kreuz' in seiner linken Hand hoch, reckt die Rechte zum
Gruß, Blut tropft aus seiner Nase. Ein Fotograf ist zur Stelle,
der diese schamanistische Szene für die Ewigkeit festhält."82
(Abb. 442).
Der spektakuläre Vorfall bringt den Künstler mit dem Filzhut
in die Schlagzeilen und macht ihn über Nacht zum enfant terrible
der deutschen Kunstszene. Obwohl sich Beuys auch nach diesem Durchbruch
weiterhin an kollektiven Veranstaltungen beteiligt, tritt er von nun an
meistens allein auf; seine Aktionen sind fortan klar gegliedert, straff
konzipiert und ganz auf seine Person ausgerichtet. Dazu drei (inzwischen
legendäre) Beispiele.
In der Berliner Galerie René Block führt Beuys am 1. Dezember
1964 das Fluxus-Solo Der Chef auf. Er wickelt sich Punkt 16 Uhr in eine
Filzrolle ein, an deren Enden je ein toter Hase liegt. In den Ecken des
Raumes und entlang einer Fußleiste sind, deutlich sichtbar, größere
Mengen Margarine ausgestrichen; an einer Wand sind zwei abgeschnittene
Fingernägel befestigt, daneben ein Büschel Haare. Links neben
der Rolle mit Beuys liegt ein mit Filz umwickelter Kupferstab, auf der
anderen Seite steht eine Verstärkeranlage.
Beuys gibt in unregelmäßigen Abständen über Mikrophon
und Verstärker Geräusche von sich - man hört sein Atmen,
er röchelt, hustet, zischt, pfeift, seufzt. Über ein zweites
Tonbandgerät werden Kompositionen von Eric Andersen und Henning Christiansen
abgespielt. Nach acht Stunden, Punkt Mitternacht, steigt Beuys aus der
Filzrolle und erklärt, daß es ihm darauf angekommen sei, stellvertretend
für die toten Hasen Informationen abzugeben, etwa in dem Sinn, daß
die menschliche Sprache auch Elemente des Tierischen habe. Den Titel seiner
Aktion Der Chef müsse man als Code verstehen. Der Chef, das sei eben
immer derjenige, der das Sagen habe. Der Chef sei aber auch jeder einzelne,
wenn er die Selbstbestimmung ernst nehme. Der Chef - das sei der eigene
Kopf.83 (Abb. 443)
Am 26. November 1965 inszeniert er in der Galerie Schmela in Düsseldorf
die berühmt gewordene Aktion Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt.
Beuys sitzt neben der Eingangstür auf einem Stuhl. Er hat seinen
Kopf mit Honig übergossen und darin echtes Blattgold eingeklebt.
Er hält einen toten Hasen im Arm, den er unentwegt anschaut. Dann
steht er auf und trägt ihn, durch die Ausstellung spazierend und
mit ihm redend, von Bild zu Bild, läßt ihn die Bilder mit den
Pfoten berühren. Manchmal unterbricht er diese Führung, steigt
mit dem toten Tier über einen verdorrten Tannenbaum hinweg, der mitten
in der Galerie liegt, dann setzt er sich wieder, und das Ganze beginnt
von neuem.
Dazu Beuys: "Für mich ist der Hase das Symbol für die Inkarnation.
Denn der Hase macht das ganz real, was der Mensch nur in Gedanken kann.
Er gräbt sich ein, er gräbt sich einen Bau. Er inkarniert sich
in die Erde, und das allein ist wichtig. So kommt er bei mir vor. Mit
Honig auf dem Kopf tue ich natürlich etwas, was mit Denken zu tun
hat. Die menschliche Fähigkeit ist nicht, Honig abzugeben, sondern
zu denken, Ideen abzugeben. Dadurch wird der Todescharakter des Gedankens
wieder lebendig gemacht. Denn Honig ist zweifellos eine lebendige Substanz.
Der menschliche Gedanke kann auch lebendig sein. Er kann aber auch intellektualisierend
tödlich sein, auch tot bleiben, sich todbringend äußern
etwa im politischen Bereich oder der Pädagogik."84
Abschließend ein Auszug aus dem Bericht des dänischen Schriftstellers
Troels Anderson, der als Zuschauer am 14. und 15. Oktober 1966 der Aktion
Eurasia in der Galerie 101 in Kopenhagen beiwohnte:
"Joseph Beuys. Wenn man ihn vom Äußeren her betrachtet,
gehört er zu den phantastischen Gestalten zwischen Clown und Gangster.
Sobald er in Aktion ist, wird er verwandelt, aufgesaugt von seiner Vorführung,
er ist intensiv und suggestiv. [...] Das Einleitungsmotiv war 'The Division
of the Cross', die Kreuzteilung. Knieend schob Beuys langsam zwei kleine
Kreuze, die auf dem Boden lagen, bis vor eine Tafel. Auf jedes Kreuz wurde
eine Uhr mit eingestelltem Klingelmechanismus gelegt. Auf die Tafel zeichnete
er ein Kreuz, das er danach halb auswischte, darunter schrieb er EURASIA.
Der Rest des Stückes bestand darin, daß Beuys längs einer
eingezeichneten Linie einen toten Hasen manövrierte, dessen Beine
und Ohren mit langen dünnen schwarzen Holzstäben verlängert
waren (siehe Abb. 444). Wenn er den Hasen auf seinen Schultern hatte,
berührten die Stangen den Fußboden. Von der Wand aus ging Beuys
zur Tafel, wo er den Hasen niederlegte. Auf dem Rückweg geschahen
drei Dinge. Er streute weißes Pulver zwischen die Beine des Hasen,
steckte ihm ein Thermometer in den Mund, blies in eine Röhre. Danach
wandte er sich der Tafel mit dem halben Kreuz zu und ließ den Hasen
mit den Ohren wittern, während er selbst einen Fuß, an den
eine Eisenplatte fest gebunden war, über einer ebensolchen Platte
am Boden schweben ließ. Ab und zu trat er hart mit dem Fuß
auf diese Platte.
Das ist der Hauptinhalt der Aktion. Die Symbole sind vollkommen klar und
können alle übersetzt werden. Die Kreuzteilung: Die Spaltung
zwischen Ost und West, Rom und Byzanz. Das halbe Kreuz: Das wiedervereinigte
Europa und Asien, wohin der Hase unterwegs ist. Die Eisenplatte auf dem
Boden ist eine Metapher - es ist schwer zu gehen und die Erde ist gefroren.
Die 3 Unterbrechungen auf dem Rückweg bedeuten die Elemente: Schnee,
Kälte und Wind. All das ist nur zu verstehen, wenn man das Stichwort
Sibirisch bekommt."85 (Abb. 444, 445)
2. Das plastische Werk (Objekte und Installationen)86
Im Herbst 1967 zeigt Beuys im Städtischen Museum Mönchengladbach
unter dem Titel Parallelprozeß I die erste umfassende Ausstellung
seiner im eigentlichen Sinn plastischen Werke. Neben Zeichnungen und freien,
d.h. um ihrer selbst willen gestalteten Objekten präsentiert er dabei
in erster Linie die in seinen bisherigen Aktionen verwendeten Gegenstände
und Arrangements, wobei deren Entstehungsgeschichte und ursprüngliche
Funktion nicht mehr ablesbar sind. Losgelöst von den Bedingungen
der jeweiligen Aktion erhalten diese in Vitrinen oder in losen Arrangements
ausgestellten Relikte unversehens Werkcharakter und werden durch die museale
Atmosphäre in den Kontext historischer künstlerischer Produktion
eingereiht. Der Künstler selbst versteht seine Objekte "als
Bestandteil einer Dokumentensammlung zur menschlich-künstlerischen
Tätigkeit". In diesem Sinn gehen zwei Drittel der in Mönchengladbach
ausgestellten Arbeiten durch vertragliche Vereinbarung in den Besitz des
Sammlers Karl Ströher über, unter der Voraussetzung, daß
der wesentliche Teil des Werkes geschlossen erhalten bleibe und der interessierten
Öffentlichkeit zugänglich gemacht werde.
Die Ausstellung wird 1968 im Kunstverein Hamburg und im Stedelijk van
Abbe Museum, Eindhoven, gezeigt und 1969 in der Neuen Nationalgalerie
Berlin, in der Kunsthalle Düsseldorf und im Kunstmuseum Basel. Sie
macht Beuys praktisch über Nacht zum meistdiskutierten Künstler
der internationalen Szene. Dem Besucher bietet sich ein Anblick, der alle
bisherigen Vorstellungen über Kunst - auch die fortschrittlichsten
- völlig über den Haufen wirft (Abb. 446-450). In der Wochenzeitung
Die Zeit vom 6.9.1968 zählt Willi Bongard lakonisch auf,
was zu sehen ist:
"Verweste Ratten in verdorrtem Gras. Ein mit brauner Fußbodenfarbe
bestrichenes Frankfurter Würstchen. Flaschen, große und kleine,
offene und verschlossene. Tote Bienen auf einem Kuchen. Daneben ein Laib
Schwarzbrot, an einem Ende mit schwarzem Isolierband umwickelt. Ein Blechkasten,
gefüllt mit Talg, darinnen ein Thermometer. Kruzifixe aus Filz, aus
Holz, aus Gips, aus Schokolade, backsteingroße Fettblöcke auf
den Platten eines alten Elektrokochers. Eine Babyflasche. Braune Schokoladenriegel,
mit brauner Farbe übermalt. Graue Filzstücke. Stöße
von mit Kordeln verschnürten und mit braunen Kreuzen übermalten
alten Zeitungen. Angeschimmelte Würste. Zwei Kochkessel, mit Draht
an einem Schieferstück befestigt. Abgeschnittene Fußnägel.
Ein mit Birnen gefülltes Einkochglas. Mit Filz umwickelte Kupferstangen.
Wurstenden. Bunte Ostereierschalen. Gebißabdruck in Talg."
Sogleich finden sich Kritiker, die den tieferen Sinn dieser
Materialanhäufungen entdecken - sie sollen in erster Linie der heilsamen
Beunruhigung des Betrachters dienen - und damit die neue künstlerische
Revolution aus der Taufe heben. Dorothea Christ schreibt in der Neuen
Zürcher Zeitung vom 4.5.1970:
"Man betritt zuerst den großen Hauptraum, wo sich hinter massiven
Kupferstichen die mit Kupferplatten abgedeckten Stapel aus Filzplatten
(zum Ensemble Fond III gehörig) wie eine Herde urtümlicher
Krafthaufen präsentieren, wo die schlappe Hülle des einst in
eine Filzhaut verpackten Konzertflügels gleich der immensen, abgestreiften
Puppe eines mythischen Tiers an einer Wand hängt und die langen,
mit grauem Filzstoff überzogenen Winkelstäbe (Elemente aus der
Aktion Eurasienstab) schräg an einer andern Wand lehnen.
Der Haupteindruck ist der, daß in der Art, wie da Formen gemacht,
Gegenstände gruppiert und in gegenseitige Beziehung gesetzt sind,
ein geformtes, schaubares Bild gefunden wurde, das präzis fixiert
heutiges Leben ausdrückt: Ballung, Bedrohung, Isolierung und Kommunikation,
Infragestellen, Auffinden neuer Ordnungskomponenten, die sich scheinbar
zwanglos aus Chaos und Masse herausentwickeln [...]
Das Objekt als Katalysator von Bewußtseinirritationen, Bewußtseinsspannungen
und vielleicht zu Bewußtseinsschüben ... ist eine von
Beuys akzeptierte Umschreibungsformel. Damit ein Objekt solche Kraft ausstrahlen
kann, muß es präpariert oder auf besondere Weise präsentiert
werden. Beuys ordnet alles in Glaskästen und plaziert die Vitrinen
ihrerseits wie Glieder eines lockeren Zuges in den Raum. Der Besucher
gerät in diesen Strom voll durchsichtiger, erinnerungsbefrachteter
Flöße und ist mitten drin im emsigen Nagen an Schablonenvorstellungen,
an Klischeeformeln, an Andeutungen und blitzartig aufleuchtenden Neulösungen.
Triviales und Grausliches, Vergespensterung und Ironie, aber auch Poesie
und ein theatralischer Sinn für pathetische Steigerung wirken mit.
Einen Höhepunkt bildet die Vitrine mit den doppelgriffigen Schaufelspaten.
Ein, zwei solcher unheimlicher Zwillinge, ein schmutziges Eimerchen, eine
sauber dazugelegte Waffe genügen, um im Glaskasten das Phänomen
kommandierter Arbeitseinsätze, bewaffneter Aktionen erstehen zu lassen."
Abschließend sei Franz Meyer, der damalige Direktor des Kunstmuseums Basel zitiert: "Alles künstlerische Tun bei Beuys ist unmittelbar auf Lebenswirkung angelegt und beansprucht Verbindlichkeit für das Leben. Man darf die Filzstapel, die Elektroden, die Kupferplatten, die Fettecken, die toten Tiere, die Aktionsereignisse nicht als kuriose ästhetische Sonderleistungen nehmen. Weil unsere Gesellschaft sich des Kunstwerkes in seinen alten Formen bemächtigt und seine Verbindlichkeit, die zur Kunst wesentlich gehört, geschwächt hat, mußte das Weiterdenken der künstlerischen Fragen mit anderen Mitteln und in anderen Formen erfolgen. Deren künstlerische Notwendigkeit ist nicht allein formal zu fassen, sondern ordnet sich der Hauptfunktion unter, die dem Kunstwerk zukommt: beim Menschen geistige Prozesse in Gang zu setzen, das Bewußtsein zu stärken und zu entwickeln. Das heißt aber keineswegs, daß sich die Information auf Begriffliches reduzieren ließe. Selbst die kulturphilosophischen Grundmuster einiger Aktionen bilden nur die eine Dimension einer äußerst komplexen Mitteilung, die sich rational nicht sagen, aber rational machen läßt."87
3. Der erweiterte Kunstbegriff
Beuys betrachtet nicht nur Zeichnungen, Aktionen, Objekte und Installationen,
sondern auch seine Erklärungen als künstlerische Produktion.
"Mit meiner künstlerischen Sprache habe ich verschiedene Stadien
durchlaufen: im ersten Stadium drückte ich mich mit Objekten aus,
im zweiten Stadium durch Aktionen und im dritten Stadium des Gedankens
und der Konzepte, in dem ich mich jetzt befinde, durch das Wort und durch
das Grafische".
Diese Gedanken und Konzepte verdichten sich zu dem vielzitierten "erweiterten
Kunstbegriff". Beuys meint, daß jeder Mensch allgemeine schöpferische
Fähigkeiten besitze und daß diese erkannt, ausgebildet und
in allen Lebenbereichen angewandt werden müßten. Kreativität
ist seiner Meinung nach ein Volksvermögen; Kunst hat überall
Daseinsberechtigung, in Medizin und Landwirtschaft, in Recht, Ökonomie,
Verwaltung und Erziehung. In jeder dieser Disziplinen sollten die alten,
erstarrten Formen durch neue, lebendige, geistig-seelische Gestaltungen
ersetzt werden. Kunst, die Beuys mit Kreativität gleichsetzt, umfaßt
die ganze menschliche Existenz. Jeder Mensch ist ein Künstler, das
ganze Leben ein Kunstwerk.
4. Die pseudopolitische Aktivität
Diese Kunstauffassung fordert politisches Engagement und leitet zum Begriff
der Sozialen Plastik über. Beuys faßt Plastik in
einem universalen Sinn auf. Auch der menschliche Gedanke ist ihm Plastik
- man kann sein Denken anschauen, so wie der Künstler sein Werk anschaut.
"Mein Weg ging durch die Sprache", sagt Beuys 1985 in einem
Vortrag, "so sonderbar es ist, er ging nicht von der sogenannten
bildnerischen Begabung aus. Wie viele wissen, habe ich ein naturwissenschaftliches
Studium88 begonnen und bin darin zu der Erkenntnis gekommen, die mir sagte:
vielleicht liegt deine Möglichkeit auf dem Felde, das etwas ganz
anderes fordert als die Fähigkeit, ein guter Spezialist in irgendeinem
Zweige zu werden. Deine Fähigkeit ist, umfassend einen Anstoß
zu geben für die Aufgabe, die das Volk hätte. [...] Der Begriff
des Volkes ist auf eine elementare Weise verknüpft mit seiner Sprache."89
Mit seiner Sozialen Plastik will Beuys den überkommenen
Kunstbegriff und das vom Künstler geschaffene singuläre Kunstwerk
in Frage stellen. Sein eigentlicher Werkstoff ist der Mensch. Diesen gilt
es zu formen, denn so, wie er sich jetzt, in unserer westlichen Kultur
präsentiert, ist er krank. Somit geht es Beuys in erster Linie um
die künstlerische Erziehung des Menschen, um "die Umgestaltung
des Sozial-Leibes", an der nicht nur jeder Mensch teilnehmen könne,
sondern auch teilnehmen müsse, "damit wir möglichst schnell
die Transformation vollziehen können." Und: "Der Mensch
muß wieder nach unten mit den Tieren, den Pflanzen, der Natur und
nach oben mit den Engeln und Geistern in Beziehung treten." Erst
wenn die Kunst in alle Lebensbereiche integriert ist, kann es seiner Meinung
nach eine leistungsfähige demokratische Gesellschaft geben. "Hier
ist die Schwelle, die ich kennzeichnen will als das Ende der Moderne,
das Ende aller Traditionen. Wir werden gemeinsam den sozialen Kunstbegriff
entwickeln als ein neugeborenes Kind aus den alten Disziplinen."
In diesem Sinn benützt Beuys auch die Düsseldorfer Akademie,
an der er seit 1961 als Professor tätig ist, in erster Linie als
ein Instrument zur Entwicklung und Verbreitung seiner Ideen. Unmittelbar
nach den Studentenunruhen, in deren Verlauf am 2. Juni 1967 in Berlin
der Student Benno Ohnesorg erschossen worden ist, gründet er zusammen
mit seinem Schüler Johannes Stütgen und dem Fluxus- Aktivisten
Bazon Brock die Deutsche Studentenpartei, die er im folgenden
Jahr in Fluxus-Zone-West umtauft. Wie aus Sitzungsprotokollen
hervorgeht, versteht er diese als eine Erziehungspartei: sie
übernehme "gleichsam die Anwaltschaft für die richtigen
(sic!) Gefühle der Studenten" und sehe ihre wesentlichste Aufgabe
darin, "diese vernünftig zu formulieren und ihnen zu positiver
Wirksamkeit zu verhelfen."
In Wirklichkeit steht die Studentenpartei, wie alles, was Beuys unternimmt,
im Dienste seiner messianischen Sendung und seiner persönlichen Ambitionen.
Letztere stehen fest; bei der Gründung der Partei erklärt er
klipp und klar: "Ich will in den Bundestag!" Als Ziele der Studentenpartei
nennt er: Abbau nationalistischer Interessen, absolute Waffenlosigkeit,
keine Notstandsgesetze, die Einheit Europas und der Welt, Auflösung
der Abhängigkeit von Ost und West, Erarbeitung neuer Gesichtspunkte
für Erziehung und Forschung, und schließlich die Schaffung
der Fundamente für Weltwirtschaft, Weltrecht, Weltkultur.
Damit nicht genug, soll die Partei auch die Beantwortung der Frage nach
dem Leben und nach dem Tod übernehmen. Formend gelte es, neue Formen
zu schaffen. Der Mensch habe alles gemacht. Dies ins Bewußtsein
zu heben, so Joseph Beuys, sei der religiöse Auftrag der Deutschen
Studentenpartei, die im übrigen deshalb so heiße, weil jeder
Mensch Student sei.90
Im Zug der allgemeinen Studentenrevolte, die 1968 vor allem Deutschland
und Frankreich erfaßt, verlangt Beuys vorerst die Autonomie der
Hochschule, die Aufhebung des numerus clausus und ein neues, demokratisches
Aufnahmeverfahren ohne Mappenzensur.91
Heftige Auseinandersetzungen, in deren Verlauf der aufrührerische
Professor 142 abgewiesene Bewerber gegen den Willen der Akademieleitung
in seine Klasse aufnimmt und zweimal mit Studenten das Akademiesekretariat
besetzt, führen schließlich (am 10. Oktober 1972) zu seiner
Entlassung. Darauf erklärt Beuys (an der letzten Lehrerkonferenz,
an der er noch teilnimmt): "Der Staat ist ein Untier, das bekämpft
werden muß. Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, dieses Untier zu zerstören."92
Beuys nutzt nun nahezu alle seine Ausstellungen, Aktionen und Vorträge
zur Propagierung seiner politischen Ideen und Programme.93 In der politischen
Wirklichkeit ist ihm jedoch trotz seiner unermüdlichen Aktivität
kein Erfolg beschieden. Als Bundestagskandidat der Aktionsgemeinschaft
unabhängiger Deutscher erhält er 1976 in seinem Wahlkreis
Düsseldorf-Oberkassel knappe 600 Stimmen. Als Kandidat der Grünen
verliert er 1979 die Wahl ins Europaparlament. Reale Politik, die Auseinandersetzung
mit gegnerischen Anschauungen, sind Beuys fremd; für demokratisches
Kompromißdenken hat er nichts übrig. Ihm geht es nicht um Fakten,
sondern um Ideen. "Beuys ist kein Tagespolitiker", meint Lukas
Beckmann, einer der führenden Ideologen der Grünen,
"seine Sprache klingt abgehoben, fern jeder Alltagswirklichkeit,
die all unsere Mühe bestimmt".94
1973 kommt es zur Gründung des Vereins zur Förderung der Freien
Internationalen Hochschule für Kreativität und interdisziplinäre
Forschung (Gründungsrektor: Joseph Beuys), die sich zum Ziel
setzt, die Gefahren des technischen Fortschritts zu bekämpfen, "die
kreativ Tätigen aus ihrer Isolierung zu befreien" und den "umfassenden
Lebensaspekt des einzelnen wie der Gesellschaft in ihrer Wechselwirkung"
zu ergründen. Das Projekt scheitert nicht nur an der fehlenden Finanzierung,
sondern auch am Fehlen eines klar artikulierten, realitätsbezogenen
und durchführbaren Konzepts.
Am 23. Dezember 1978 klagt Beuys in der Frankfurter Rundschau
unter dem Titel Aufruf zur Alternative den "kollektiven Wahnsinn"
der atomaren Aufrüstung an, den "riesenhaften Verschleiß
von Energie und Rohstoffen", die "gigantische Vergeudung der
kreativen Fähigkeiten von Millionen von Menschen" und ein Wirtschaftssystem,
"das auf der hemmungslosen Ausplünderung der Naturgrundlage
beruht".
Wohl spricht er damit vielen aus dem Herzen, doch ist er weder in der
Lage, die psychologischen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen
Voraussetzungen dieser Entwicklung analytisch zu durchleuchten, noch dazu
fähig, brauchbare Alternativen vorzulegen; er begnügt sich mit
leeren, letzlich nichtssagenden Verallgemeinerungen.
Seine "weitreichenden Lösungsvorschläge" (so Stachelhaus)
betreffen unter anderem auch die Rolle des Geldes, das Beuys nicht länger
als Wirtschaftswert akzeptiert. Stattdessen weist er ihm eine Funktion
als "Rechtsregulativ für alle kreativen und konsumtiven Prozesse"
zu und erklärt: "Ohne eine einzige staatsbürokratische
Maßnahme oder steuerpolitische Akrobatik führt die Anerkennung
des gewandelten Geldbegriffs zur Aufhebung sowohl des Eigentums- als auch
des Profitprinzips im Produktionsbereich."95
Beuys kennt offensichtlich keine Zweifel. Auf die Frage von Hanno Reuther,
ob er bei seinem langfristig angesetzten Versuch, Bewußtsein zu
verändern und geistige Standpunkte zu bewegen, die Möglichkeit
eines Scheiterns einbeziehe, antwortet Beuys: "Nein, ein Scheitern
würde ich sagen, berechne ich nicht ein, weil ein Scheitern auf dieser
Linie meines Erachtens unmöglich ist. Oder meine Diagnose, also meine
Basis wäre völlig falsch. Aber ich glaube, daß ich mich
auf der richtigen Basis befinde. Oder sagen wir, das ist für mich
gar kein Glaubensding, sondern das ist für mich ein Sehen. Ich sehe
es einfach vor mir als eine Realität. Ich sehe nicht, daß es
eine andere Möglichkeit gibt. Das sehe ich klar vor mir, und so gesehen
ist das Scheitern gar nicht darin enthalten."96
Worin gründet die manische Selbstgewißheit dieses Menschen,
und wie läßt sich sein ausuferndes Werk in die
künstlerische Entwicklung der Moderne einordnen?
Versuch einer Deutung
Angesichts der Objekte und Aktionen von Joseph Beuys fühlt sich der
Betrachter ebenso ratlos wie vor dem Flaschentrockner von Marcel Duchamp.
Er versteht nicht, was vor sich geht, kann das Dargebotene in kein bekanntes
Bezugssystem einordnen und ist damit völlig auf sich selbst, d.h.
auf seine emotionale Reaktion zurückgeworfen. Doch hilft ihm auch
diese nicht weiter. Er fühlt sich wohl betroffen, empfindet dumpf
und fast unwillig, daß in ihm gewisse seelische Tiefenschichten
berührt werden, doch kann er diese Empfindungen nicht deuten.
Beuys selbst räumt ein, daß es unter Umständen schwer
sei, die in seinen Werken intendierten Vorstellungen zu erkennen. Aber
ihm liege an dieser schwierigen Aussage. Sein ganzes Werk ist dementsprechend
darauf angelegt, unbekannte, dunkle Bedeutungszusammenhänge zu suggerieren;
es scheint zu seinem Verständnis ein besonderes geheimes
Wissen vorauszusetzen. Dieses wird zu einer negativen Präsenz,
die dem Werk erst seinen Sinn verleiht. Der Betrachter wird dadurch entmachtet,
seine kritischen Funktionen außer Kraft gesetzt; er ist auf Belehrung
durch den Künstler oder dessen Adepten angewiesen, denn, so Beuys:
"Es sind Szenen dargestellt, die Anspruch erheben auf etwas Übersinnliches".
Und: "Die Objekte sind nur verständlich in Zusammenhang mit
meinen Ideen."97
Ein wesentlicher Aspekt dieser Ideen wird deutlich, wenn der Künstler
Rywelski gegenüber erklärt: "Eigentlich bedeutet Kunst
in meiner Betätigung, wie ich sie betreibe, die eigentliche Naturwissenschaft,
wie ich sie betreiben wollte". Mit anderen Worten: Kunst als eine
magische Naturwissenschaft, die ihre Erkenntnisse und Einsichten nicht
durch gedankliche Arbeit, durch die logische Verknüpfung von Beobachtung,
Untersuchung und Experiment gewinnt, sondern (im Sinn der theosophischen
Geheimlehren und der Antroposophie Rudolf Steiners) durch Inspiration
und Intuition, durch das innere Gesicht des Hellsehers.
So meint Beuys in Zusammenhang mit seiner künstlerischen Arbeit aus
den Jahren 1951 - 1956: "Ich erkannte, daß Wärme und Kälte
überräumliche plastische Prinzipien waren, die bei Formen der
Ausdehnung und Zusammenziehung, dem Amorphen und Kristallinen, dem Chaos
und dem Geformten, entsprachen. Gleichzeitig erhellte sich mir im exaktesten
Sinne das Wesen der Zeit, der Bewegung, des Raumes."98
In ebenso exakter Weise scheint sich ihm das Wesen des Lebens
überhaupt, des Menschen und der Gesellschaft zu erhellen;
jedenfalls künden alle seine Äußerungen, alle seine Aktionen
und Werke von einer entsprechenden, unbezweifelbaren Gewißheit.
Das Selbstgefühl des Wissenden, des Eingeweihten und
Auserwählten bestimmt sein ganzes Auftreten. Hinter den
unscheinbaren, armen Materialien seiner Zeichnungen und Objekte, hinter
den rituellen Selbstkasteiungen, die er in seinen Aktionen vorführt,
verbirgt sich eine maßlos übersteigerte Größen-
und Allmachtsphantasie. Er will kein Werk schaffen im üblichen Sinn.
Seine schöpferische Leistung besteht in seiner Vision oder Idee.
So sagt er von seinen Objekten: "Das sind alles autobiographische
Dokumente. Sie sind sehr unansehnlich, sie bleiben auch hinter mir zurück,
sie sind ganz und gar unwichtig. Wer ihren Sinn erfaßt, wendet sich
davon ab und meinen Ideen zu. Als Kunstwerk dient vielen bereits meine
Unterschrift".99 Dieses grandiose Selbstbild macht den Kern seiner
Ideen aus; hier hat die Deutung einzusetzen. Will man Beuys
verstehen, so gilt es, die Wurzeln dieser narzißtischen
Inflation aufzudecken.
Seine eigenen Werkinterpretationen - der Hase als Symbol der Inkarnation,
die Filzmatten mit aufgelegter Kupferplatte als Verkörperung von
Masse und Energie100, die Kreuzteilung (Eurasia) als Spaltung zwischen
Ost und West, Rom und Byzanz - haben dem gegenüber einen rein anekdotischen
Charakter. Sie stellen sogenannte Rationalisierungen dar,
d.h. sie dienen nicht dazu, die Aussage und die Motive seiner Kunst zu
erhellen, sondern dazu, diese zu mystifizieren, ihren Anspruch auf
Übersinnliches zu rechtfertigen.
Welt- und Selbstbild treten bei Beuys in keine dialektische Beziehung
zueinander, sondern bilden a priori eine unaufhebbare Einheit. Die Welt
stellt für ihn kein fremdes, von ihm unabhängiges Gegenüber
dar, sondern fällt mit seiner Vorstellung von dieser Welt zusammen.
Demokratie, Kunst und Naturwissenschaft sind für Beuys magische Begriffe;
sie bezeichnen keine Realitäten, sondern narzißtisch hochbesetzte
Phantasien, die mit dem eigenen Selbstbild verschmolzen sind (siehe Abb.
451). Dementsprechend weisen seine Symbole und Metaphern auf keine Erkenntnisse
oder Tatsachen, sondern auf die überhöhte Vorstellung der eigenen
Allmacht und Allwissenheit. So werde ich die Erläuterungen und Erklärungen,
mit denen sich Beuys darum bemüht hat, "Denkanstösse zu
geben" und "Begriffliches mitzuliefern", für meinen
eigenen Interpretationsversuch nur indirekt nutzen: Aus meiner Sicht stellen
sie einerseits den Versuch dar, seine maßlosen und damit unbestimmten,
archaischen Größenphantasien begrifflich zu erhärten;
andererseits dienen sie dazu, eine bedrohliche innere Leere zu füllen
und damit die latente Angst abzuwehren, die Beuys zu seiner manischen
Aktivität treibt. Doch davon später.
Ich sehe also von seinen mythischen Erklärungen ab und versuche,
mich dem Sinn und der Bedeutung dieses Werkes auf einem anderen Weg zu
nähern, nämlich dem seiner psychischen Motivation.
Beuys versteht seine Objekte als "Katalysatoren von Bewußtseinsirritationen,
Bewußtseinsspannungen und vielleicht Bewußtseinsschüben";
nach Franz Meyer dienen sie in erster Linie dazu, "geistige Prozesse
in Gang zu setzen, das Bewußtsein zu stärken und zu entwickeln".
Sie erreichen dies in erster Linie durch eine Verunsicherung des Betrachters.
Sie konstituieren ein Universum, das zu unserer gewohnten Umwelt in krassem
Widerspruch steht. Sie suggerieren Einsichten und ein geheimes
Wissen, über die der Betrachter nicht verfügt, rätselhafte
Bedeutungszusammenhänge, die er nicht kennt. Letztlich konfrontieren
sie ihn mit der Beschränktheit und Unzulänglichkeit seines Erfahrungshorizonts,
mit seinem eigenen Ungenügen, und fordern ihn damit auf, sich der
Beuysschen Heilsbotschaft zu öffnen, d.h. die eigenen Kriterien und
die eigene Sehweise zu revidieren.
Denn Beuys will heilen. Nach seinen Äußerungen zu schließen,
geht es ihm dabei um das deutsche Volk, ja um die ganze Menschheit, die
er von ihren sozialen Übeln, ihrer Erstarrung und Impotenz erlösen
will. In diesem Sinn transzendiert er die Rolle des Künstlers. Er
erlebt sein Publikum nicht im traditionellen Sinne als ein freies Gegenüber,
dem er ein Werk (als Gestalt und Ausdruck des eigenen Selbst) präsentiert,
sondern sieht in ihm ein Material, das es zu gestalten gilt: "der
Mensch muß richtig gebildet, d.h. durchgeknetet werden. Er muß
regelrecht von einem Ende zum anderen durchgeknetet werden. Er ist bildsam,
plastisch formbar", sagt er 1969 zu Siegfried Neuenhausen.101 So
verkündet Beuys mit großer Folgerichtigkeit seinen erweiterten
Kunstbegriff, der, alle disziplinären Grenzen überschreitend,
die bisherige Kunsterfahrung und das bisherige Kunstverständnis aufheben
soll. Er tritt als Volkstribun, Erzieher, Seher, Heiler und Prophet auf
und wandelt die Rolle des Künstlers zu der des Schamanen.
"Beuys hat gewußt, was es mit dem Schamanismus auf sich hat",
schreibt Stachelhaus; "Für ihn war der Schamane eine Gestalt,
in der sich materielle und spirituelle Kräfte vereinen konnten. In
der gegenwärtigen materialistischen Zeit repräsentiert der Schamane
also etwas Zukünftiges. Zweifellos hatte Beuys schamanistische Züge,
auch äußerlich. So trägt der Schamane immer eine Tracht
und als deren wichtigstes Teil eine Mütze. Die Beuys-Tracht bestand
aus Anglerweste über weißem Hemd, Jeanshosen und Filzhut.
Darüber hinaus ist der Schamane ein Auserwählter, dem allein
der Zugang zu den Bezirken des Heiligen gestattet ist. Wie Mircea Eliade
weiß, ist das entscheidende Kriterium für die Berufung des
Schamanen bei allen sibirischen Völkern die Krankheit, das Initiationserlebnis
von Zerstückelung, rituellem Mord und Auferstehung. Doch sei der
Schamane nicht einfach ein Kranker. Er sei vor allem ein Kranker, der
es vermag, sich selbst zu heilen. Interessant ist auch, wenn wir an Beuys
denken, daß der Schamane Zwiesprache mit den Tieren halten, ja sich
sogar bis zu einem gewissen Grad in sie verwandeln kann. Beuys' innige
Beziehungen zu den Tieren ist bekannt. Und was die Selbstheilungskräfte
betrifft, so ergibt sich durchaus eine Parallele zu der Phase der Depression,
die Beuys ja 1957 [...] überwinden konnte."102
1. Das Wesen des Schamanismus
Obwohl der Schamanismus des Joseph Beuys in der kunstgeschichtlichen Literatur
inzwischen zu einem Schlagwort geworden ist, verbinden die meisten Leser
- und wahrscheinlich auch die meisten Autoren - mit diesem Begriff nur
unbestimmte Vorstellungen.
Die psychologischen Aspekte des Schamanismus sind meines Wissens bisher
noch kaum wissenschaftlich untersucht worden. Die umfangreiche Fachliteratur
zu diesem Phänomen beschränkt sich auf die Bestandsaufnahme,
Beschreibung und Klassifizierung entsprechender Praktiken in verschiedenen
Völkern und Gebieten (vor allem in Zentralasien, Sibirien, Ozeanien,
Südostasien und bei den nord- und südamerikanischen Indianern).
Dies gilt auch für das bekannte Standardwerk des Religions- und Mythenforschers
Mircea Eliade,103 auf das sich der Beuys-Biograph Stachelhaus bezieht.
Unter den wenigen Ausnahmen ist der Anthropologe Claude Lévi- Strauss
zu nennen. In seinem Aufsatz Der Zauberer und seine Magie104
versucht er, den psycho-physiologischen Mechanismen näherzukommen,
auf denen die vielfach bezeugte Wirksamkeit gewisser magischer Praktiken
bei Heilungen, Beschwörungen oder Verhexungen beruht. Dabei bezieht
er sich unter anderem auch auf den 1925 aufgezeichneten, autobiographischen
Bericht eines Indianers aus dem Stamme der Kwakiutl.
Der Mann hieß Quesalid und glaubte nicht an die Macht der Schamanen.
Von Neugier getrieben, um ihr Tun zu beobachten und ihre Betrügereien
aufzudecken, begann er ihre Nähe aufzusuchen, bis ihm einer anerbot,
ihn in ihre Gruppe einzuführen; falls er eingeweiht werde, könne
er nach einer vierjährigen Lehrzeit den Schamanenberuf selbst ausüben.
Quesalid ließ sich nicht lange bitten und sagte zu. Seine Ausbildung
bestand aus einer Mischung von Pantomime, Gaukelei und empirischen Kenntnissen;
er erlernte den Vortrag magischer Gesänge; die Kunst, Ohnmachten
zu heucheln oder tranceartige Zustände vorzutäuschen; die Einsetzung
von Träumern, d.h. von Spionen, die private Unterhaltungen
belauschen und den Schamanen Informationen über das Leben und die
Symptome der zu behandelnden Kranken berichten mußten. Er eignete
sich auch ziemlich präzise Kenntnisse in der Praxis der Auskultation
und der Geburtshilfe an; vor allem jedoch übte er sich in der ars
magna einer bestimmten Schamanenschule der Pazifikküste. Diese
bestand im Gebrauch eines kleinen, mit anderen Materialien vermengten
Federbüschels, welches der Praktiker in einer Höhle seines Mundes
verbergen mußte, um es im gegebenen Augenblick (und nachdem er sich
auf die Zunge gebissen hatte) blutdurchtränkt wieder auszuspucken
und dem Kranken sowie den Umstehenden als den krankmachenden, bösartigen
Körper zu präsentieren, der dank seiner Zauberei ausgestoßen
worden war.
Obwohl sich Quesalid in seinem ärgsten Verdacht bestätigt sah,
setzte er seine Ausbildung fort. Seine Lehrzeit bei den Schamanen war
inzwischen in der Öffentlichkeit bekannt geworden, und so wurde er
eines Tages von der Familie eines Kranken gerufen, der von ihm als seinem
Retter geträumt hatte. Diese erste Behandlung (für die er, so
wenig wie für die folgenden, keine Bezahlung nahm, da er sein vierjähriges
Exerzitium noch nicht abgeschlossen hatte) wurde ein eklatanter Erfolg.
Doch Quesalid verlor seinen kritischen Geist nicht; er interpretierte
seinen Erfolg psychologisch, "da der Kranke fest an den Traum, in
dem ich vorkomme, glaubt". Was ihn nach seinen eigenen Ausdrücken
"zögernd und nachdenklich" machte, war ein weit komplexeres
Abenteuer, das ihn vor mehrere Modalitäten von falschem Übernatürlichem
stellte und ihn den Schluß ziehen ließ, daß einige weniger
falsch seien als andere.
Als Quesalid bei dem Nachbarstamm der Koskimo zu Besuch war, wohnte er
einer Heilung durch seinen berühmten auswärtigen Kollegen bei;
zu seinem großen Erstaunen setzte dieser im entscheidenden Augenblick
eine andere Technik ein: statt eines blutigen Federbüschels spuckte
der Koskimo-Schamane nur ein wenig Speichel in seine Hand und gab vor,
dies sei die Krankheit. Was konnte eine solche Methode wert sein? Quesalid
wollte der Sache auf den Grund gehen, und da sich die Behandlung als unwirksam
erwiesen hatte, bat er um die Erlaubnis, seine eigene Methode zu versuchen;
und siehe da - nach seinem Auftritt erklärte sich die Kranke für
geheilt. Von diesem Augenblick an galt Quesalid als ein großer
Schamane.
Nun machte er Karriere. Er war zwar weiterhin voller Mißtrauen gegen
den Beruf, doch hatte sich seine anfängliche Haltung modifiziert.
Die radikal negative Einstellung war nuancierteren Gefühlen gewichen.
Es gibt echte und unechte Schamanen. Und er selbst? Am Ende des Berichts
weiß man es nicht; es ist aber klar, daß er sein Handwerk
erfolgreich ausübt und daß er der Technik der blutigen Federn
treu bleibt. Deren trügerische Natur scheint er völlig aus den
Augen verloren zu haben.105
Nach Lévi-Strauss gibt es keinen Grund, die Wirkung gewisser magischer
Praktiken in Zweifel zu ziehen: Einerseits verfügt der Schamane auch
über positive Kenntnisse und experimentelle Techniken, die seine
Erfolge zumindest teilweise erklärlich machen; andererseits werden
psychosomatische Störungen, die einen großen Teil der in primitiven
Gesellschaften auftretenden Krankheiten ausmachen, auch bei uns durch
eine psychologische Therapieform behoben. Viel wichtiger scheint ihm jedoch
die Einsicht, daß die Wirksamkeit der Magie den Glauben an die Magie
impliziert. Dieser manifestiert sich in dreifacher Weise: zunächst
als der Glaube des Zauberers an die Wirksamkeit seiner Techniken; dann
als der des Kranken, den jener pflegt, oder des Opfers, das er verfolgt,
an die Macht des Zauberers selbst; schließlich als das Vertrauen
und die Forderungen der öffentlichen Meinung, die ständig eine
Art Gravitationsfeld bilden, in dem die Beziehungen zwischen dem Zauberer
und denen, die er verzaubert, liegen und sich definieren lassen. Mit anderen
Worten: Quesalid ist nicht ein großer Zauberer geworden, weil er
seine Kranken heilte, sondern er heilte seine Kranken, weil er ein großer
Zauberer geworden war.
Im schamanistischen Heilverfahren werden zwei unterschiedliche Denkweisen
miteinander in Beziehung gesetzt: das normale und das pathologische Denken,
die Lévi-Strauss folgendermaßen umschreibt: "Angesichts
einer Welt, die es begierig erfassen möchte, deren Mechanismus zu
beherrschen ihm aber nicht gelingt, fragt das normale Denken immer von
neuem nach dem Sinn der Dinge, die ihn indessen verweigern; das als pathologisch106
bezeichnete Denken dagegen strömt über von Interpretationen
und affektiven Tönen, mit denen es immer eine weit ärmlichere
Wirklichkeit zu überladen bereit ist." Für das eine gibt
es zuviel konkrete Erfahrung, die sich nicht deuten läßt, für
das andere zuviel Bedeutung, die durch keine konkrete Erfahrung gestützt
wird.
In der nichtwissenschaftlichen Perspektive einer primitiven Gesellschaft
bilden diese beiden Denkformen nicht nur keinen Gegensatz, sondern sie
ergänzen sich. Im Fall der Krankheit, die das normale Denken nicht
begreift, wird der Schamane von der Gruppe aufgefordert, zur Problemlösung
sein psychisches Potential, d.h. seinen Bedeutungsüberschuß,
sein Deutungsvermögen zu investieren, das ansonsten ohne Nutzwert
wäre. Im Unterschied zur wissenschaftlichen Erklärung einer
Krankheit geht es dabei nicht darum, ungeordnete Zustände, Symptome,
Empfindungen und Vorstellungen mit einer objektiven Ursache in Zusammenhang
zu bringen, sondern darum, sie als überpersönliche Phänomene
zu verstehen, sie als solche in die Ordnung der kollektiven Erfahrungswirklichkeit
einzufügen und mit dieser zu einem Ganzen zu verbinden. Aus dem Zusammenspiel
zwischen der gesellschaftlichen Tradition und der individuellen Erfahrung
bildet sich so ein Bezugssystem, in dem Zauberer, Kranker und Öffentlichkeit,
Krankheitsursache und Heilverfahren ihren Platz haben. Der Schamane bietet
eine Lösung, d.h. er schafft eine imaginäre Situation, in der
alle Hauptdarsteller an ihren Platz zurückgekehrt und wieder Teil
einer Ordnung sind, über der keine Drohung mehr schwebt (es soll
später aufgezeigt werden, daß Beuys etwas ähnliches vollbringt).
Einem ähnlichen Prinzip folgt das Heilverfahren des Beschwörungsgesangs,
das Lévi-Strauss in seinem Aufsatz Die Wirksamkeit der Symbole107
am Beispiel eines 1947 von Nils Holmer und Henry Wasson aufgezeichneten
Gesangs der Cuna (Panama) zu erklären versucht. Dessen Gegenstand
ist die Hilfe bei einer schweren Geburt.
Der Gesang beschreibt zuerst die Verwirrung der Hebamme, ihren Besuch
bei dem Schamanen, dessen Aufbruch zur Hütte der Gebärenden,
seine Ankunft und seine Vorbereitungen, die aus der Verbrennung von Kakaobohnen
und der Herstellung von heiligen Bildern bestehen. Diese Bilder stellen
die Schutzgeister dar, die der Schamane zu seinen Helfern macht, um sie
zum Aufenthaltsort des Muu, der für die Bildung des Foetus
verantwortlichen Macht, zu führen. Die Rahmenhandlung, d.h. die Ankunft
und die Vorbereitungen des Schamanen, wird mit der größten
Ausführlichkeit und unzähligen Wiederholungen, gleichsam im
Zeitlupentempo beschrieben. Alles geht so vor sich, als versuche dabei
der Heilende, die Kranke trotz ihrer Schmerzen und Ängste dazu zu
bringen, noch einmal ganz genau und intensiv alle Einzelheiten der realen
Ausgangssituation im Geist zu erleben. Nach dieser Vorbereitung wendet
er sich dem eigentlichen Problem zu. Die schwere Geburt wird daraus erklärt,
daß sich Muu des Purba, d.h. der Seele der
zukünftigen Mutter, bemächtigt hat. Der zweite Teil des Gesangs
besteht aus der Suche nach dem Purba, der Zerstörung
vielfältiger Hindernisse, dem Sieg über wilde Tiere und einem
großen Kampf, den der Schamane und seine Schutzgeister gegen Muu
und seine Töchter führen. Muu wird schließlich
besiegt, der Purba der Kranken entdeckt und befreit, die Entbindung
findet statt, und der Gesang endet mit der Aufzählung der letzten
Maßnahmen, die getroffen werden, damit nun alles wieder seinen geregelten
Lauf nehmen kann.
Lévi-Strauss führt die Wirksamkeit auch dieses Heilverfahrens
auf die Verbindung von normalem und pathologischem Denken zurück
und verweist dazu auf den engen Bezug zwischen den rituell besungenen
Abenteuern und den physiologischen Vorgängen, deren Störung
es zu beheben gilt. Die mythische Reise, die der Schamane unternimmt und
die Kämpfe, die er dabei zu bestehen hat, stellen nämlich keine
esoterische Erfindung dar, sondern beschreiben in symbolischer Form den
Vorgang der Geburt, die pathologischen organischen Kräfte, die diesen
zu verhindern trachten und die imaginären körperlichen Eingriffe,
die der Schamane vollzieht, um diese zu bezwingen und damit die Geburt
zu ermöglichen.
Das Heilverfahren besteht also darin, eine Situation, die zunächst
empfindungsmäßiger (affektiver) Natur ist, gedanklich faßbar
und Schmerzen, die der Körper unerträglich findet, für
den Geist annehmbar zu machen. "Daß die Mythologie des Schamanen
keiner objektiven Wirklichkeit entspricht", schreibt Lévi-Strauss,
"ist ohne Bedeutung: die Kranke glaubt daran, und sie ist Mitglied
einer Gesellschaft, die auch daran glaubt. Die Schutzgeister und die bösen
Geister, die übernatürlichen Ungeheuer und die magischen Tiere
sind Teil eines geschlossenen Systems, auf dem das Weltbild der Eingeborenen
beruht. Die Kranke akzeptiert sie, oder vielmehr, sie hat sie nie in Frage
gestellt. Dagegen ist sie nicht bereit, zufällige und willkürliche
Schmerzen hinzunehmen, die ein Fremdkörper in ihrem System sind,
denen aber der Schamane mit Hilfe des Mythos einen Platz in einem Ganzen
zuweist, in dem alles sinnvoll aufeinander abgestimmt ist.
Aber nachdem die Kranke das verstanden hat, gibt sie nicht nur nach: sie
gesundet. [...] Der Schamane gibt seiner Kranken eine Sprache, in der
unformulierte - und anders nicht formulierbare - Zustände unmittelbar
ausgedrückt werden können. Und der Übergang zu dieser sprachlichen
Ausdrucksform (die es gleichzeitig ermöglicht, eine Erfahrung in
geordneter und verständlicher Form zu erleben, die sonst anarchisch
und nicht ausdrückbar bliebe) führt zur Lösung des physiologischen
Prozesses, das heißt zur günstigen Neuordnung jener Reihe,
deren Verlauf die Kranke sich unterwirft."108
Die Berufung zum Schamanen gibt sich nach Mircea Eliade wie jede religiöse
Berufung durch eine Krise kund, durch einen vorübergehenden Bruch
im geistigen Gleichgewicht, die der künftige Schamane aus eigenen
Kräften heilt. Doch obwohl angeborene oder erworbene Gebrechen, Nervenkrankheiten,
Unfälle oder psychische Krisen als äußere Zeichen der
Auserwählung gelten, lassen sich Schamanen, Zauberer oder Medizinmänner
nicht einfach als Kranke betrachten, denn in ihrem psychopathischen Erlebnis
steckt ein theoretischer Gehalt. Sie können sich selbst und die anderen
gerade deshalb heilen, weil sie - zumindest bis zu einem gewissen Grade
- den Mechanismus der Krankheit offenbar verstehen. So verdankt zum Beispiel
der Eskimo-Schamane oder der indonesische Medizinmann sein Ansehen und
seine Kraft nicht dem Umstand, daß er epileptische Anfälle
hat, sondern dem Umstand, daß er sie meistert.
Trotzdem folgt dieser Selbstheilung eine doppelte Unterweisung durch Geister
(Träume, Trance) und durch alte Schamanenmeister (schamanische Techniken,
Mythologie des Clans, Geheimsprache usw.). Nur diese doppelte Initiation
durch Ekstase und Überlieferung verwandelt den Kandidaten aus einem
etwaigen Neurotiker in einen von der Gesellschaft anerkannten Schamanen.
Die Hauptfunktion des Schamanen ist die Heilung; doch spielt er auch bei
anderen religiös-magischen Riten eine wichtige Rolle: er ist oft
Medizinmann, Priester und Totenführer in einem; er übt die Heilkunst,
regelt die öffentlichen Opfer und geleitet die Seelen der Verstorbenen
ins Jenseits. Auch rühmen sich die meisten der Gewalt über das
Wetter; sie behaupten, die Zukunft zu kennen, halten sich für befähigt,
Diebe zu entdecken oder die Menschen vor fremdem Zauber zu schützen.
Ihre Erklärungen zeugen oft von einer extremen Inflation ihres Selbstwertgefühls.
"Sie werden mir wahrscheinlich nicht glauben", erklärte
ein Apachen-Schamane dem amerikanischen Forscher Albert B. Reagan, "aber
ich bin allmächtig. Ich werde niemals sterben. Wenn sie mit einem
Gewehr auf mich zielen, wird die Kugel nicht in mein Fleisch eindringen,
oder wenn sie eindringt, wird sie mir nichts tun. [...] Wenn ich jemand
töten will, brauche ich nur die Hand auszustrecken und ihn zu berühren,
und er stirbt. Meine Macht ist wie die eines Gottes".109
Eliade vermutet, daß dieses euphorische Allmachtsbewußtsein
mit der Erfahrung der eigenen Selbstheilung, mit Initiationstod und -auferstehung
zusammenhängt. Diese Auffassung deckt sich, zumindest teilweise,
mit gewissen Erkenntnissen der neueren psychoanalytischen Narzißmusforschung.
Aus deren Sicht entspricht der Schamane dem psychologischen Typus, den
Heinz Kohut als die "messianische" oder die "charismatische"
Persönlichkeit charakterisiert hat.
2. Die messianische und die charismatische Persönlichkeit
Als solche bezeichnet Kohut110 gewisse narzißtisch fixierte Individuen,
die ein scheinbar unerschütterliches Selbstvertrauen ausstrahlen,
ihre Meinung mit größter Gewißheit verkünden und
sich ungescheut zu Führern und Göttern derjenigen aufwerfen,
die das Bedürfnis haben, geführt zu werden und ein Ziel für
ihre Verehrung zu finden. In manchen Fällen scheint es, daß
solche charismatischen und messianischen Persönlichkeiten sich restlos
mit ihrem grandiosen Selbst oder ihrem idealisierten Über-Ich identifizieren.
Charismatische und messianische Persönlichkeiten gibt es nach Kohut
in allen Farben und Schattierungen; manche sind zweifellos der Psychose
nahe. Es sind oft Dogmatiker, die keinerlei Einfühlung in die Psyche
anderer haben - ausgenommen freilich ihren Spürsinn für alle,
auch die subtilsten Regungen in anderen Menschen, die auf ihre narzißtischen
Bedürfnisse Bezug haben. Bei anderen messianischen Persönlichkeiten
ist dagegen die Bindung zwischen ihrem Selbst und dem idealisierten Über-Ich
nur partiell, so daß sie in nichtmessianischen Sektoren ihres Selbst,
die sich jedoch durchaus harmonisch in die messianische Gesamtpersönlichkeit
einfügen, zu Zeiten einen unbefangenen, ganz unmessianischen Humor
bekunden können.
Kohut hebt hervor, daß die Wirkung messianischer und charismatischer
Persönlichkeiten nicht unter allen Umständen schädlich
sei. Zu Zeiten schwerer Krisen ist es nicht der bescheidene, sich selbst
infragestellende Persönlichkeitstypus, der gebraucht wird und der
in ruhigeren Zeiten meist die führende Schicht ausmacht. Im Augenblick
der Krise und Angst wendet die Masse sich einer messianischen oder charismatischen
Persönlichkeit zu, und zwar nicht in erster Linie, weil sie deren
Fähigkeiten und Tüchtigkeit erkannt hat, sondern weil sie fühlt,
daß dieser Führer ihr Bedürfnis, sich mit seiner unerschütterlichen
Überzeugung, im Recht zu sein, oder mit seiner Stärke und Sicherheit
zu identifizieren, befriedigen werde.
Was aber macht es charismatischen Persönlichkeiten möglich,
ihr Gefühl von Stärke aufrechtzuerhalten, und was gibt messianischen
Persönlichkeiten ihr Gefühl absoluter moralischer Überlegenheit?
Nach Kohut ist dafür die Tatsache bedeutsam, daß diese Menschen
auf Grund der Unzuverlässigkeit ihrer wichtigsten Bezugspersonen
frühe narzißtische Kränkungen erlitten haben. Auf starke
Selbstwerterlebnisse, die durch eine entsprechende Spiegelung (z.B. das
stolze Lächeln der Mutter) und auf starke Sicherheitsgefühle,
die durch Verschmelzung mit einer als allmächtig empfundenen Bezugsperson
bewirkt wurden (z.B. wenn das Kind vom Erwachsenen einfühlend im
Arm gehalten und getragen wird), scheinen in der Kindheit dieser Menschen
plötzliche Versagungen gefolgt zu sein. So bleiben sie an die Erfahrung
einer archaischen Welt fixiert, die ihnen die äußerste narzißtische
Kränkung zugefügt hat. Dank einer ungewöhnlich stark ausgebildeten
Fähigkeit, das eigene Selbstwertgefühl zu erhalten, kann es
solchen Kindern gelingen, die Funktionen, die eigentlich die nächsten
Bezugspersonen hätten ausüben sollen, selbst zu übernehmen.
In diesem Fall entwickeln sie eine Super-Empathie mit sich selbst und
ihren eigenen Bedürfnissen; zugleich wüten sie unaufhörlich
gegen eine Welt, die es gewagt hat, ihnen etwas vorzuenthalten, auf das
sie einen Anspruch zu haben meinen.
Die so Heranwachsenden vollziehen eine völlige Identifikation mit
ihrem eigenen Größen-Selbst (mit ihren Ambitionen) oder mit
ihrer idealisierten Struktur (der Summe ihrer Wertvorstellungen und Ordnungsprinzipien).
Mit anderen Worten: Sie betrachten ihre Ambitionen nicht als ein zu erreichendes
Ziel, sondern leben in der Überzeugung, diese seien, da gedacht und
vorgestellt, auch schon erfüllt. Dementsprechend fassen sie ihre
Ideale nicht als Maßstab ihres Handelns auf, sondern erleben sich
selbst als deren Personifizierung. Solche Menschen blenden die kränkende
Realität aus dem eigenen Selbstbild aus und ersetzen sie - mit Hilfe
des sogenannten magischen Denkens - durch die Illusion der eigenen Allmacht
und Vollkommenheit.
Dieser Prozeß läßt sich mühelos zum traditionellen
Schema der schamanistischen Initiation - Leiden, Tod und Auferstehung
- in Beziehung setzen; die frühe narzißtische Kränkung,
d.h. die traumatische Erschütterung des Selbstwert- und Sicherheitsgefühls,
entspricht der Krise, mit der sich die Berufung des Schamanen ankündigt.
Wie die charismatische oder messianische Persönlichkeit reagiert
auch der Schamane auf die traumatische Erschütterung seines Selbstwert-
und Sicherheitsgefühls, indem er sich restlos mit seinem grandiosen
Selbst oder mit seinem idealisierten Über-Ich identifiziert. Diese
Umstrukturierung des eigenen Selbst kommt in den Träumen und Trancezuständen
zum Ausdruck, die der zukünftige Schamane subjektiv als seine Wiedergeburt
erlebt.
Der aufgezeigte Zusammenhang zwischen Schamanismus und Narzißmuspsychologie
erlaubt es nun, die Figur und die Auftritte von Joseph Beuys in ein neues
Licht zu rücken.
3. Die Krankheit
Beuys zelebriert vor einem staunenden Publikum komplizierte und unverständliche
Rituale; er unterzieht seine Person beschwerlichen Exerzitien, und scheint
damit eine Art Opfer zu erbringen (Abb. 382, 383). Aus den Relikten dieser
Aktionen schafft er auch den größten Teil seiner Objekte, die
er als Träger geheimnisvoller Kräfte und Bedeutungen im Sinn
von Fetischen oder Reliquien111 präsentiert (Abb. 385). Die Bezüge
zum Schamanismus sind offensichtlich und werden auch von allen seinen
Interpreten immer wieder hervorgehoben. Nicht nur, daß er sich mit
seiner Uniform (Abb. 390), seinen Auftritten und seinen magischen
Objekten ganz bewußt zu dieser Rolle stilisiert; in Gesprächen
und Interviews weist er auch immer wieder auf das eigentliche Initiationserlebnis
hin, dem er seine individuelle Erfahrung von Leiden, Tod und Auferstehung
verdankt.
Dieses Ereignis ist inzwischen Teil der Beuys-Legende geworden. Es spielt
sich während des Zweiten Weltkrieges im Winter 1943 ab. Beuys, der
als Sturzkampfflieger in der deutschen Luftwaffe Dienst leistet, wird
beim Angriff auf eine feindliche Stellung von einem russischen Geschütz
getroffen. Es gelingt ihm, die Maschine hinter die eigenen Linien zu steuern,
doch bei einem plötzlich einsetzenden Schneesturm stürzt das
Flugzeug ab. Beuys wird unter dem Heck der Maschine eingeklemmt und verliert
das Bewußtsein; sein Kamerad ist tot. Tataren entdecken den verwundeten
Flieger "in einer völligen Einöde oben am Flaschenhals
der Krim" und pflegen den meist Bewußtlosen etwa acht Tage,
bis ein deutsches Suchkommando die Überführung in ein Militärlazarett
veranlaßt.
"Ohne die Fürsorge der Tataren wäre Beuys seinen Verletzungen
erlegen", schreibt Stachelhaus; sie "salben seine schweren Wunden
mit tierischem Fett, wickeln ihn in Filz ein, damit er warm wird und Wärme
speichern kann. Und sie flößen ihm Nahrung in Form von Milch,
Quark, Käse ein. [...] All dies hat ihn tief angerührt. Als
er einigermaßen über den Berg ist, bitten ihn seine Retter,
bei ihnen zu bleiben. Beuys war dieser Gedanke, so erinnert er sich später,
nicht unsympathisch. Die Bilder, die das Leben bei den Tataren in ihm
auslösten, hat er nie mehr vergessen und in manchen Aktionen auf
seine Weise transformiert - Filz und Fett wurden seine wesentlichen plastischen
Materialien."112
Als Tatsachenbericht läßt sich diese Geschichte nur mit Vorbehalt
akzeptieren. Beuys hat einen doppelten Schädelbruch erlitten, er
hat den Körper voller Splitter; Rippen, Beine, Arme sind gebrochen,
das Nasenbein zertrümmert - seine Merkfähigkeit muß erheblich
gelitten haben; es ist unwahrscheinlich, daß ein so schwer Verletzter
in der Lage gewesen ist, die näheren Umstände seiner Betreuung
(wie zum Beispiel das Fett und der Filz, die zu seiner Pflege verwendet
wurden) zu registrieren.
Nach meiner Arbeitshypothese kommt der Geschichte trotzdem eine zentrale
Bedeutung zu, indem sie für Beuys die Funktion einer sogenannten
Deckerinnerung übernimmt. Diese Erinnerung gilt nicht
nur der Vorstellungskette Flugzeugabsturz, Verletzung und Pflege durch
die Tataren; sie steht darüber hinaus für eine viel tiefere,
nämlich innere Verletzung, die auf Grund ihrer Unerträglichkeit
verdrängt oder abgespalten worden ist und deshalb nur in dieser romantisch
verharmlosten, gleichnishaften Form, als Deckerinnerung zum Bewußtsein
zugelassen wird. Anders gesagt: Im legendären Flugzeugabsturz auf
der Krim verdichtet sich eine traumatische, unannehmbare narzißtische
Kränkung; sie bildet den Kern der Initiationskrise durch
deren Überwindung Beuys zum Schamanen wird. Diese Kränkung hat
Beuys zusammen mit Millionen anderer Deutscher erfahren: es ist die der
Niederlage im Zweiten Weltkrieg.
In der berühmten Studie Die Unfähigkeit zu trauern
untersucht das Psychoanalytiker-Ehepaar Alexander und Margarethe Mitscherlich113
die Art und Weise, in der Deutschland dieses narzißtische Trauma
psychisch verarbeitet hat. Ein Teil ihrer Einsichten sei kurz zusammengefaßt.
Die bedingungslose Kapitulation, der Einmarsch der gegnerischen Truppen,
die Aufdeckung der Konzentrationslager und der sowohl reale als auch ideelle
Sturz des Führers haben das Selbstwertgefühl des
deutschen Volkes (und in unserem Fall dasjenige des überaus sensiblen
und ambitiösen Joseph Beuys) derart tief erschüttert, daß
diese Erfahrungen verleugnet werden müssen. Diese seelische Krise
manifestiert sich unter zwei Aspekten: der erste betrifft die Schuldfrage,
also das Über-Ich und die idealisierten Strukturen, der zweite betrifft
den Verlust der Identifikationsfigur des Führers, also
das kollektive Ich-Ideal oder grandiose Selbst und die damit verbundenen
Allmachtsphantasien.
Statt sich mit der eigenen Schuld, Trauer und Scham auseinanderzusetzen,
stürzt sich das deutsche Volk mit einem Bewunderung und Neid erweckenden
Unternehmungsgeist in den Wiederaufbau und die Modernisierung seines industriellen
und wirtschaftlichen Potentials.
"Es war eine blitzartige Wandlung, die man nicht jedermann so mühelos
zugetraut hätte", schreibt Mitscherlich. "Durch Jahre war
die Kriegführung und waren die Kriegsziele der Naziführer mit
minimaler innerer Distanz bejaht worden, Vorbehalte blieben jedenfalls
ohne Auswirkung. Nach der vollkommenen Niederlage kam die Gehorsamsthese
auf, plötzlich waren nur noch die unauffindbaren oder abgeurteilten
Führer für den in die Tat umgesetzten Völkermord zuständig.
Zwar hatten alle Schichten, und vornehmlich die führenden, die Industriellen,
die Richter, die Universitätslehrer, entschiedene und begeisterte
Unterstützung gewährt, mit dem Scheitern sahen sie sich jedoch
wie selbstverständlich von der persönlichen Verantwortung entbunden.
Die große Majorität der Deutschen erlebt heute die Periode
der nationalsozialistischen Herrschaft retrospektiv wie die Dazwischenkunft
einer Infektionskrankheit in Kinderjahren, wenn auch die Regression, die
man unter der Obhut des Führers kollektiv vollzogen hatte,
zunächst lustvoll war - es war herrlich, ein Volk der Auserwählten
zu sein."114
Eine solche Einstellung bedeutet, daß nur die passenden Bruchstücke
der Vergangenheit zur Erinnerung zugelassen werden. Schuldhaftes Verhalten
wird verleugnet, in seiner Bedeutung umgewertet, der Verantwortung anderer
zugeschoben; jedenfalls wird es von den jeweils Beteiligten im Nacherleben
nicht mit der eigenen Identität verknüpft. Da das vornazistische
Gewissen - durch die siegreichen Gegner repräsentiert - mit dem Untergang
des Dritten Reiches wieder in Kraft tritt, werden diese Abwehrmechanismen
benötigt, um nicht mit der Vergeltungsangst auch das Gefühl
völligen Unwertes aufkommen zu lassen. "Was soll eigentlich
ein Kollektiv tun", fragt Mitscherlich, "das schutzlos der Einsicht
preisgegeben ist, daß in seinem Namen sechs Millionen Menschen aus
keinem anderen Grund als aus dem der eigenen aggressiven Bedürfnisse
getötet wurden?"
Es bleiben ihm nur zwei Wege offen: eine weitere Verleugnung seiner Motive
oder der Rückzug in eine Depression. "Würden wir unsere
nazistische Vergangenheit noch mit ungestörten Erinnerungen bewohnen",
so Mitscherlich, "so würde es unserem Ich - auch wenn wir nur
dabei gewesen wären, gehorsam, fatalistisch oder begeistert
- schwerfallen, dieses Mitwirken mit der Art unseres Überlebens zu
integrieren. Die auf historische Genauigkeit drängende Auseinandersetzung
mit diesem Abschnitt unserer Geschichte würde dann sehr rasch den
Erweis dafür bringen, daß sich der Mord an Millionen schutzlos
Verfolgter aus sehr vielen schuldhaften Entscheidungen und Handlungen
einzelner zusammensetzt und daß er keineswegs mit jener Selbstverständlichkeit,
die wir uns zu eigen gemacht haben, auf Vorgesetzte, schließlich
auf den Führer selbst verschoben werden kann. Daß alles das,
was geschah, geschehen konnte, ist nicht allein das Ergebnis mirakulöser
Führerqualitäten, sondern ebenso eines unglaublichen Gehorsams."115
Der Verlust des Führers war nach Mitscherlich nicht der
Verlust irgendeiner Person (so spurlos der Untergang und so rapide die
Abkehr von ihm erfolgte), sondern "mit seiner Person verbanden sich
Identifikationen, die im Leben der Anhänger zentrale Funktionen erfüllt
hatten. Denn er war, wie wir ausführten, zur Verkörperung des
eigenen Ich-Ideals geworden. Der Verlust eines derart hoch mit libidinöser
Energie besetzten Objektes, an dem man noch nicht zweifelte, nicht zu
zweifeln wagte, als die Heimat in Trümmer fiel, wäre in der
Tat ein Anlaß zur Melancholie. Nicht nur verlor unser Ich-Ideal
in der Katastrophe seinen realen Rückhalt, der Führer
wird auch noch von den Siegern als herostratischer Verbrecher entlarvt.
Mit diesem plötzlichen Umschlag seiner Qualitäten erfährt
das Ich jedes einzelnen eine zentrale Entwertung und Verarmung. Zumindest
die Voraussetzung zur melancholischen Reaktion ist geschaffen."116
Die Bundesrepublik ist jedoch nicht in Melancholie verfallen. Das Kollektiv
all derer, die einen idealen Führer verloren hatten,
den Repräsentanten eines gemeinsam geteilten Ich-Ideals, konnte der
eigenen Entwertung dadurch entgehen, daß es alle affektiven Brücken
zur unmittelbar hinter ihm liegenden Vergangenheit abbrach. Diese kollektiv
geübte Abwehrhaltung besteht im Rückzug der Besetzungsenergien
aus all den Vorgängen, die mit der Begeisterung am Dritten Reich,
mit der Idealisierung des Führers und seiner Lehre und natürlich
mit direkt kriminellen Handlungen zu tun haben. Unter Anwendung dieser
seelischen Abwehrtaktik wird die Erinnerung an die zwölf Jahre nationalsozialistischer
Herrschaft fahl und schemenhaft. Dieser Rückzug der affektiven Besetzungsenergie
soll nach Mitscherlich nicht als ein Entschluß, ein beabsichtigter
Akt verstanden werden, sondern als ein unbewußt verlaufendes Geschehen,
das nur wenig vom bewußten Ich mitgesteuert wird. Das Verschwinden
ehemals höchst erregender Vorgänge aus der Erinnerung stellt
das Ergebnis eines gleichsam reflektorisch ausgelösten Schutzmechanismus
dar, durch den ein kaum zu bewältigender Verlust des Selbstwertes
und damit der Ausbruch einer Melancholie vermieden wird.
So kommen die Autoren zu folgendem Schluß: "Genau betrachtet
sind es also drei Reaktionsformen, mit denen die Einsicht in die überwältigende
Schuldlast ferngehalten wird. Zunächst ist es eine auffallende Gefühlsstarre,
mit der auf die Leichenberge in den Konzentrationslagern, das Verschwinden
der deutschen Heere in Gefangenschaft, die Nachrichten über den millionenfachen
Mord an Juden, Polen, Russen, über den Mord an den politischen Gegnern
aus den eigenen Reihen geantwortet wurde. Die Starre zeigt die emotionelle
Abwendung an; die Vergangenheit wird im Sinne eines Rückzugs alles
lust- oder unlustvollen Beteiligtseins an ihr entwirklicht, sie versinkt
traumartig. Diese quasi-stoische Haltung, dieser schlagartig einsetzende
Machanismus der Derealisierung des soeben noch wirklich gewesenen Dritten
Reiches, ermöglicht es dann auch im zweiten Schritt, sich ohne Anzeichen
gekränkten Stolzes leicht mit den Siegern zu identifizieren. Solcher
Identitätswechsel hilft mit, die Gefühle des Betroffenseins
abzuwenden, und bereitet auch die dritte Phase, das manische Ungeschehenmachen,
die gewaltigen kollektiven Anstrengungen des Wiederaufbaus, vor."117
4. Die Selbstheilung
Beuys' Reaktionen unterscheiden sich vorerst in keiner Weise von denen
seiner Mitbürger. Auch er bricht nach dem Krieg alle affektiven Brücken
zur unmittelbar hinter ihm liegenden Vergangenheit ab. So schreibt Stachelhaus,
der Krieg habe Beuys offenbar wenig berührt und er habe diese Phase
seiner Entwicklung aus seiner Biographie ausgeklammert. Leider hat sich
die Beuys-Forschung diesem Thema noch nicht zugewendet. Die
Fakten und Daten, die ein Licht auf sein Verhältnis zum nationalsozialistischen
Deutschland werfen könnten, sind dementsprechend äußerst
spärlich.
Im Alter von siebzehn Jahren tritt Beuys gegen den ausdrücklichen
Willen seiner streng katholischen Eltern der Hitlerjugend bei. Nach Abschluß
der Maturitätsprüfung wird er 1940 in den Militärdienst
eingezogen. Beuys meldet sich zur Luftwaffe und wird zuerst als Funker,
dann als Pilot ausgebildet (Abb. 457). Nach Einsätzen in Polen, der
Tschechoslovakei, Südrußland, auf der Krim und in Süditalien
wird er im letzten Kriegsjahr nach Nordholland versetzt, wo er der Gespensterdivision
Herman angehört, einer Fallschirmjägereinheit, die aus
allen möglichen Waffengattungen rekrutiert wird.
Trotz seines Dienstes findet Beuys Zeit, naturwissenschaftliche Vorlesungen
zu besuchen und Goethe, Nietzsche und Steiner zu lesen. Neben wenigen
Zeichnungen entstehen in den Kriegsjahren auch einige naturschwärmerische
Gedichte, die vor allem den Einfluß von Nietzsche und Steiner verraten.
Mit Kriegsende gerät Beuys in britische Kriegsgefangenschaft, aus
der er etwa ein Jahr später nach Kleve zurückkehrt; er ist entschlossen,
Künstler zu werden und nimmt im Frühjahr 1947 das Studium an
der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf auf.
Erstaunlicherweise geht keiner der vielen Beuys-Apologeten auf diese
Kriegserfahrungen ein. Auch Stachelhaus beschränkt sich auf wenige
unverbindliche Hinweise. So schreibt er, Beuys habe die Kriegszeit als
"Bildungserlebnis" bezeichnet. Das sei typisch für ihn;
er habe niemals geklagt. "So wie er den Dienst in der Hitlerjugend
als gegeben hinnahm, so begriff er auch das Soldatsein und den Krieg als
ein Schicksal, das ertragen werden mußte. Wer dabei sein Leben verlor,
hatte Pech, wer überlebte, Glück. Natürlich wollte Beuys
überleben. Da er dem Tod im Krieg ein paar Mal sehr nahe gewesen
war, konnte er ihn als Künstler später in sein Werk einbeziehen."118
Diese Darstellung entspricht ganz offensichtlich der von Mitscherlich
beschriebenen Verleugnungstendenz. In Wirklichkeit hat Beuys den Krieg
nicht bloß "ertragen", sondern sehr aktiv daran teilgenommen.
Er hat sich als Sturzkampfflieger durch große Einsatzbereitschaft
und außerordentlichen Mut hervorgetan, wofür er mit dem Eisernen
Kreuz zweiter und erster Klasse ausgezeichnet wird; mehrfache schwere
Verletzungen haben ihm auch das Schwarze und das Goldene Verwundetenabzeichen
eingetragen.
Bemerkenswert ist die Art und Weise, in der der ansonst so gesprächige
Beuys dazu Stellung nimmt oder, richtiger gesagt, einer Stellungnahme
ausweicht. Auch nachträglich scheint es ihn nicht zu berühren,
daß er sich für den Führer und dessen Lehre
besonders hervorgetan hat. Sein Biograph und seine vielen Bewunderer gehen
ebenfalls darüber hinweg. Dabei konstruieren sie, wie Mitscherlich
sagt, ein "abstraktes Heldentum", so, "als hätte dieser
gezeigte Mut - so lobenswert Mut an sich sein mag - nicht der Vernichtung
der Freiheit anderer Völker, nicht den finstersten Verbrechen unmittelbar
gedient".119
Offenbar versucht auch Beuys, Schuld, Trauer und Scham zu verleugnen.
Vorerst scheint ihm dies auch zu gelingen. In den ersten Nachkriegsjahren
widmet sich der einstige Sturzkampfflieger in seiner bildhauerischen Arbeit
fast ausschließlich der christlichen Symbolik. Er entwirft Leuchter,
Taufbecken, ein Weihwasserbecken mit Relief, Schweißtuch der Veronika,
eine Serie von Kreuzen (Pflockkreuz, Handkreuz, Sonnenkreuz) und immer
wieder die Pietà (Abb. 458). Eine weitere Bestätigung scheint
er in der Liebesbeziehung zu einer bedeutend jüngeren Postangestellten
zu finden, die er 1949 in Düsseldorf kennengelernt hat. Der bisher
verleugnete Selbstwertverlust tritt erst zutage, als ihm diese zu Weihnachten
1954 den Verlobungsring zurückschickt, worauf Beuys in eine tiefe
Depression verfällt.
"Es folgen schreckliche Zeiten", schreibt Stachelhaus; "er
vagabundiert umher, ist zur Behandlung in psychiatrischen Kliniken in
Düsseldorf und in Essen, ohne Erfolg. Einmal schließt er sich
wochenlang in der Heerdter Wohnung seines Dichterfreundes Adam Rainer
Lynen ein, der zu der Zeit verreist ist. Freunde brechen durchs Fenster
in die Wohnung ein, finden Beuys in einem total verdunkelten Zimmer, er
hat bereits Wasser in den Beinen und sagt, er wolle sich auflösen.
Auf dem Boden verstreut liegen zerrissene Zeichnungen. Er brauche nichts
mehr, sagt er, nur einen Rucksack. [...]
Beuys ist restlos am Ende, fühlt sich von der Menschheit abgesondert,
magert noch mehr ab, ist geistig wie reglos, ohne Energie, ein Wrack in
jeder Beziehung. Das geht etwa zwei Jahre so."120
Dann tritt ein Ereignis ein, das die Wende einleitet. Beuys wird von den
Gebrüdern Van der Grinten, seinen ersten und bisher einzigen Sammlern,
zu einem mehrmonatigen Aufenthalt auf ihren Bauernhof eingeladen. Tagsüber
zeichnet Beuys oder arbeitet auf dem Felde, die Abende verbringt er meist
mit seinen Gastgebern. In ihnen findet er offene, einfühlsame Gesprächspartner,
geduldige und interessierte Zuhörer, die es ihm erlauben, ein neues
Selbstbild zu entwerfen und neues Selbstvertrauen zu finden. Zwei weitere
Ereignisse jener Zeit, die Stachelhaus nur beiläufig erwähnt,
mögen sich ebenfalls in diesem Sinn ausgewirkt haben. 1958 stirbt
sein Vater. Im selben Frühjahr lernt er auf einem Karnevalsfest in
der Düsseldorfer Akademie Eva Wurmbach, die Tochter eines bekannten
Zoologieprofessors kennen, die kurz darauf seine Ehefrau wird. Und schließlich
werden ihm auch einige Räume des alten Kurhauses in Kleve als Atelier
zur Verfügung gestellt. Damit sind alle Bedingungen einer Auferstehung
gegeben.
Beuys beginnt sich intensiv mit esoterischen Lehren auseinanderzusetzen,
insbesondere mit der Anthroposophie Rudolf Steiners, die sich in seinem
späteren Werk niederschlagen sollte,121 und mit den Schriften des
Großmeisters Sàr Péladan, einem Kunst-
und Religionstheoretiker, der als Begründer einer Rosenkreuzerbewegung
des 19. Jahrhunderts und als Wortführer der damaligen Symbolisten
in die Geschichte eingegangen ist (siehe S. __ in diesem Buch). In diese
Genesungsphase fällt auch das oft zitierte naturwissenschaftliche
Studium des Künstlers. "1958 und 1959 wurde die gesamte
mir zur Verfügung stehende Literatur im naturwissenschaftlichen Bereich
aufgearbeitet", erklärt Beuys in einem Gespräch mit Adriani,
Konnertz und Thomas; "Damals konkretisierte sich verschärft
ein neues Wissenschaftsverständnis in mir. Durch Recherchen und Analysen
kam ich zu der Erkenntnis, daß die beiden Begriffe Kunst und Wissenschaft
in der Gedankenentwicklung des Abendlandes diametral entgegenstehen, daß
aufgrund dieser Tatsachen nach einer Auflösung dieser Polarisierung
in der Anschauung gesucht werden muß und daß erweiterte Begriffe
ausgebildet werden müssen."122
Ich vermute, daß Beuys zu der Zeit auch erstmals mit Literatur zum
Thema des Schamanismus in Berührung kam. 1957 ist im Rascher Verlag
Zürich die erste deutsche Ausgabe der Untersuchung Schamanismus
und archaische Ekstasetechnik von Mircea Eliade erschienen (französische
Erstausgabe 1951). Diese außerordentlich reich dokumentierte, fast
fünfhundert Seiten zählende Studie war zu jener Zeit der erste
Versuch, das Phänomen des Schamanismus umfassend darzustellen, und
gilt noch heute als Standardwerk. Es ist wahrscheinlich, daß Beuys
dieses Werk gelesen und daraus entscheidende Anregungen gewonnen hat.
Jedenfalls verrät sein Auftreten von nun an eine überraschende
Übereinstimmung mit den darin beschriebenen schamanistischen Praktiken.
Wie dem auch sei; 1959 vollzieht sich im seelischen Zustand des Künstlers
ein offensichtlicher Umschwung. Beuys beginnt, unter Verwendung meist
ärmlich wirkender Materialien Bilder, Objekte und Zeichnungen zu
schaffen, mit denen er auf "tiefgreifende und ungewohnte Bezüge"
hinweist, "die über ein einseitig festgelegtes Begriffsvermögen
hinausgehen". 1961 wird er als Professor an die Akademie nach Düsseldorf
berufen, womit der Weg in die Öffentlichkeit seinen Anfang nimmt.
Hier lernt Beuys erstmals ausländische Künstler kennen - die
Initianten des für 1962 in Wiesbaden geplanten Fluxus-Festivals.
Er erkennt blitzartig das noch kaum ausgeschöpfte Potential dieser
Kunstströmung, die Möglichkeit, vom simpelsten Material zum
gesamten Weltinhalt zu kommen: "Alles, vom einfachen Zerreißen
eines Stückchen Papier, bis zur völligen Umwandlung der menschlichen
Gesellschaft, konnte illustriert werden. Alles war zu fassen unter einem
globalen Konzept, denn es gab keine spezielle Fluxusideologie."123
Die Fluxus-Bewegung ist für Beuys in erster Linie ein Sprungbrett
- das geeignete Instrument, um seine neu erwachten Ambitionen zu befriedigen.
Er schlägt den Fluxus-Künstlern vor, 1963 in seiner
Akademie ein Zweites Fluxus-Festival zu organisieren und verschafft sich
damit die Möglichkeit, im Rahmen dieser schon bekannten und skandalumwitterten
Bewegung vor eine breite Öffentlichkeit zu treten.
Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die mit ihren Darbietungen einen relativ
harmlosen neo-dadaistischen Klamauk inszenieren, vollzieht Beuys eine
bedeutsame Grenzüberschreitung: er hängt einen toten
Hasen an eine Schiefertafel (Abb. 459) und schneidet ihm auf offener Bühne
das Herz heraus.124
Damit hat seine Selbstheilung manifesten Ausdruck gefunden
- Beuys ist Schamane geworden. In neuem Gewand - Anglerweste, Jeanshose
und Filzhut - und mit einem unerschütterlichen Selbstvertrauen, das
von da an unangetastet bleibt, taucht er als Wiedergeborener und Gewandelter
aus der Krise auf, die um ein Haar sein Ende bedeutet hätte. Er weiß
mit absoluter Sicherheit, was in der Welt böse und was gut, was falsch
und was richtig ist - schließlich hat sich ihm ja in "exaktestem
Sinn" auch "das Wesen der Zeit, der Bewegung, des Raumes"
erhellt. Diese Selbstgewißheit bildet von nun an den Motor seiner
Auftritte; sie sichert nicht nur den Bestand seines eigenen, hochgespannten
Selbstwertgefühls, sondern fordert auch sein Publikum auf, durch
Verschmelzung mit ihm an dieser Selbstverherrlichung teilzuhaben (Abb.
460).
Beuys ist zur charismatisch/messianischen Persönlichkeit geworden.
Er hat sich restlos mit seinem grandiosen Selbst und seinem
idealisierten Über-Ich identifiziert. Von nun an übernimmt er
selbst die Funktionen, die das archaische Selbst-Objekt - der Führer
- hätte ausüben sollen; er wird seinerseits zum Führer,
doch so, wie jener andere hätte sein sollen. Er vollzieht im Sinn
von Anna Freud (1936) eine Umkehrung ins Gegenteil: An Stelle
des großen Zerstörers tritt der große Heiler, an Stelle
des absoluten Diktators der Verfechter der Direkten Demokratie durch
Volksbefragung, an Stelle des Tausendjährigen Reiches die Soziale
Plastik, an Stelle des Hakenkreuzes das Braunkreuz.125
Indem Beuys die Relikte seiner Aktionen als Objekte isoliert und sie durch
die Art ihrer musealen Präsentation in den Kontext historischer künstlerischer
Produktion einreiht, konfrontiert er seine Zeitgenossen - wenn auch weitgehend
unbewußt und in verschlüsselter Form - mit dem künstlerischen
Niederschlag eines Alptraumes: der Erinnerung an den Krieg und an die
nationalsozialistische Herrschaft. Seine Installationen, Vitrinen und
Objektsammlungen verbreiten die bedrückende Atmosphäre von militärischen
Unterständen, von Kommandoposten, Lazaretten, primitiven Laboratorien,
von Mannschaftslagern, Kerkerzellen und Folterkammern, von Tod und Verwesung.
Und doch wirkt das Ganze nicht als ein Gegenwärtiges, beschwört
keine aktuelle Realität herauf, sondern scheint, im Sinn einer archäologischen
Ausgrabung die verschütteten Überreste und Relikte eines unbekannten
und unverständlichen, längst vergangenen Geschehens aufzudecken.
Die Entfaltung dieser Ikonographie entspricht dem Zauber des Schamanen,
der den bisher verborgenen, blutbeschmierten Federbusch als das krankheitserregende
böse Objekt vorweist, das nun unschädlich gemacht ist. Denn
Beuys versteht seine Magie: er bezwingt die Krankheit, indem
er ihr einen Platz in der kollektiven Ordnung zuweist. Er vermischt die
Zeichen für Krieg und Konzentrationslager, für die unpersönliche
Macht einer finsteren, über Leben und Tod entscheidenden Organisation,
mit den Symbolen der christlichen Heilslehre und den Gestalten der nordischen
Sagenwelt, mit den Urbildern Rudolf Steiners und der Mythologie
des Totemismus. Damit läßt er die Schuld und Schande seines
Landes - und letztlich der Menschheit - in das undurchdringliche Dunkel
einer zeit- und raumlosen, mythischen Welt versinken, in der sie jede
individuelle Bedeutung und damit jede Verbindlichkeit verlieren. Das Unerträgliche
tritt in kosmische Bezüge und wandelt sich durch diese künstlerische
Umgestaltung zu einem universalen Sein, zu dem, was schon immer
so war. Mit anderen Worten: Die Schrecken der nationalsozialistischen
Herrschaft und die mit diesen verbundenen Schuld- und Schamgefühle
werden mit Hilfe eines realitätsabgewandten, pathologischen
Denkens im Sinn der eigenen Selbstidealisierungsbedürfnisse umgedeutet.
Wie Hitler steht auch Beuys für eine Auferstehung des deutschen Irrealismus
und des deutschen Sendungsbewußtseins; wie jener ist auch er ein
versteckter Psychotiker; doch ist er, im Gegensatz zum Postkartenmaler
aus Braunau,126 gleichzeitig auch ein wirklicher Künstler. Als solcher
hat er in der Rolle eines modernen Schamanen eine Sprache geschaffen,
in der "unformulierte - und anders nicht formulierbare" Zustände
und Erfahrungen unmittelbar ausgedrückt werden können. Dabei
hat er nicht nur seiner Krankheit und den Abwehrmechanismen
seines bedrängten Selbstgefühls, sondern auch - wenngleich in
einer oft fragwürdigen Weise - einem zentralen Trauma seiner Zeit
künstlerischen Ausdruck verliehen: der Erfahrung absoluter Herrschaft
und absoluter Unterwerfung. Sein Werk rührt an tiefste, hartnäckig
verleugnete oder verdrängte Vorstellungen und Empfindungen; es evoziert
nicht nur die Opfer des Krieges und der Konzentrationslager, sondern verführt
uns auch zur unbewußten Identifikation mit ihren Henkern. Darin
gründet die beklemmende Wirkung von Joseph Beuys.
"Wenngleich seine Lösung für den Alptraum des Krieges in
erster Linie mythisch, symbolisch und eskapistisch war, hat er sich ihm
wenigstens doch gestellt", schreibt Thomas McEvillay im Katalog der
Berliner Beuys-Ausstellung 1988. "Er stellte sich dem Krieg, indem
er ihm auswich, und er wich ihm aus, indem er sich ihm stellte. Wenn er
auch nicht zu einem wirklich politischen Standpunkt als Künstler
gelangte, so verkörperte er doch den Krieg und den damit verbundenen
Schmerz und die Verworrenheit der Kriegsauswirkungen in einer Kunst, die
so sehr nach Auschwitz riecht, wie es so schnell nicht vergehen wird."127
Trotzdem gründet die künstlerische Bedeutung von Beuys, wie
bereits erwähnt, weniger in der Art der psychischen Konflikte, die
er zu verarbeiten versucht, als vielmehr in der Art der bildnerischen
Sprache, derer er sich dabei bedient. Äußerlich gesehen übernimmt
er diese von Marcel Duchamp, den Dadaisten und ihren amerikanischen Nachfolgern;
im Gegensatz zu jenen versteht jedoch Beuys das objet trouvé
(den gefundenen Gegenstand) und die öffentliche Aktion weder ironisch
noch polemisch; er setzt diese Mittel nicht ein, um auf die Absurdität
menschlicher Existenz hinzuweisen oder gegen die Sinnlosigkeit gesellschaftlicher
Konventionen zu protestieren; es geht ihm auch nicht um die Erhellung
der Realität, d.h. darum, Wirklichkeit transparent zu machen; statt
dessen will er mit seinem Werk auf "tiefere Bedeutungszusammenhänge"
hinweisen. Durch Manipulation und suggestive Inszenierung werden alltägliche
Gegenstände und Materialien in einer Art mit magischer Kraft
aufgeladen, die an die Kunst primitiver Stammeskulturen erinnert. Zwei
gewöhnliche Plastikflaschen (Abb. 446), mit unleserlichen Zeichen
beschriftete Schiefertafeln, Werkzeuge, Filzmatten, Honig, Fett und jede
Art zivilisatorischen Abfalls werden als Träger geheimnisvoller,
doch unartikulierter und damit unverständlicher Botschaften präsentiert.
Bemerkenswerterweise ist es jedoch gerade diese Unverständlichkeit,
die sowohl den Objekten von Beuys als auch seinen Aktionen ihre Aussagekraft
verleiht. Die offensichtliche Nutzlosigkeit dieser Werke und
die fehlende Einsicht in die mit ihnen verfolgten Absichten aktivieren,
ähnlich wie Figuren des Rorschachtestes,128 zusammen mit allen möglichen
Assoziationen auch unbewußte Regungen und Vorstellungen, die dann,
trotz ihrer Unbestimmtheit, auf das Werk projiziert und als dessen Sinn
und Gehalt, d.h. als Äußerungen des Künstlers erlebt werden.
Wesen und Inhalt der durch Beuys vermittelten Kunsterfahrung bleiben somit
weitgehend unbewußt, seine Aussage ist notgedrungen
unbestimmt; sie reduziert sich auf den Ausdruck eines psychischen Klimas
und auf die so vage wie unverbindliche, doch immer wieder zitierte Absicht,
mit seinen Gestaltungen und Auftritten "geistige Prozesse in Gang
zu setzen". Umso stärker wird das schöpferische Potential
des Betrachters in Anspruch genommen, denn dieser muß nicht wenig
dazu beitragen, um das Beuys'sche Werk im Sinn von Duchamp zu vollenden.
Entsprechendes gilt ganz allgemein für alle symbolistischen Künstler.
5. Exkurs über das Wesen symbolischer Kunst
Um Mißverständnisse zu vermeiden, sei kurz auf den Unterschied
zwischen symbolischer und symbolistischer Kunst hingewiesen. In der Umgangssprache
versteht man unter Symbol ganz allgemein ein Sinnbild, das den Inhalt
und die Bedeutung eines vorgestellten Gegenstandes zur Anschauung bringt.
Darunter fallen auch repräsentative Zeichen, die nur das bedeuten,
was durch eine Abmachung oder Erklärung festgesetzt ist; so in der
Kartographie die sinnbildhaften Zeichen zur Darstellung eines Kartengegenstandes,
z.B. einer Ruine oder eines Flughafens, oder in der Mathematik das Zeichen
+ als Symbol für die Addition.
In den Geisteswissenschaften oder in der Kunst kommt dem Symbol jedoch
eine viel weitere Bedeutung zu. Im Unterschied zu Allegorie, Metapher,
Abbild oder Emblem ist es begrifflich nicht auszuschöpfen; vielerlei
Zeichen können denselben Inhalt ausdrücken, oder verschiedene
Inhalte mit einem Zeichen verbunden werden. "Das ist die wahre Symbolik",
schreibt Goethe in seinen Maximen und Reflexionen, "wo das Besondere
das Allgemeine repräsentiert, nicht als Traum und Schatten, sondern
als lebendig-augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen". Derartige
Symbole sind in zweifacher Weise charakterisiert: einerseits durch Rätselhaftigkeit,
Tiefe und Unausschöpfbarkeit der Deutung, andererseits durch Wirklichkeitshaltigkeit,
d.h. durch aufschließende und über sich hinausweisende
Kraft.129
Obwohl ihr Inhalt das rational Faßbare überschreitet und sich
nicht klar definieren läßt, beziehen sich Symbole auf jeweils
bestimmte, d.h. von anderen unterscheidbare Vorstellungs- und Wirklichkeitskomplexe.
In diesem Sinn tritt uns das Symbol in der sakralen Kunst entgegen. Die
christlichen Symbole des Kreuzes, des Fisches, des Heiligenscheins oder
gewisser Figuren der biblischen Geschichte stehen für die Inhalte
der idealisierten Struktur einer Glaubensgemeinschaft; ihre Bedeutung
ist durch die Tradition festgelegt und kann sich mit dieser auch wandeln.
Ein solcher Wandel setzte beispielsweise in der künstlerischen Entwicklung
des Abendlandes mit der Krise der römischen Kirche ein. Die traditionellen
Symbole verloren dabei als Bedeutungsträger ihre bisherige Ausschließlichkeit.
Die idealisierten Strukturen lösten sich von ihrer religiösen
Kodifizierung und wurden als dynamische, fordernde Prinzipien in das individuelle
Selbst der einzelnen Gläubigen und Künstler integriert. Dementsprechend
wurde die Bedeutung der symbolischen Zeichen, Objekte oder Gestalten durch
die des bildnerischen Kanons ergänzt; in gewissen Fällen wurden
sie durch die beherrschende Rolle dieses Kanons gar völlig in den
Hintergrund gedrängt. So wurde zum Beispiel die Zentralperspektive
zu einem überzeugenden (und mit den bisherigen gleichwertigen) Sinnbild
für das gewandelte, in das Selbst des Künstlers integrierte
Ideal. Dabei wurde ersichtlich, daß im Grunde genommen alles sinnbildlich
aufgefaßt werden kann, daß das religiöse, d.h. verbindende
Bekenntnis nicht nur im sakralen Gewande auftritt.
Erst damit setzte sich eine der unseren entsprechende Kunstauffassung
durch; nämlich die Auffassung, daß jede Kunst, auch unabhängig
davon, ob ihre Ikonographie eigentliche, d.h. kollektiv- verbindliche
und durch die Tradition festgelegte Symbole umfaßt, insofern symbolisch
ist, als ihre Ausgestaltungen "über sich hinausweisen"
und sich "begrifflich nicht ausschöpfen lassen". Entsprechendes
meint Matisse, wenn er sagt: "Jede Kunst, die diesen Namen verdient,
ist religiös".130
In der Malerei des 17. und des 18. Jahrhunderts wurden die Protagonisten
der biblischen Geschichte immer häufiger durch die Gestalten der
griechisch-römischen Mythologie (Antike) und durch alle möglichen
Sinnbilder für weltliche Macht, für Besitz und Lust in den Hintergrund
gedrängt; zu diesen traten später solche hinzu, die für
die Wunder der Natur und für die Freuden und Leiden gewöhnlicher
Menschen standen; und schließlich brachte das 19. Jahrhundert die
malerische Handschrift (la patte du peintre) als Sinnbild für die
individuelle Einzigartigkeit des Künstlers, sowie den urbanen Realismus
von Manet, Dégas und den Impressionisten, mit dem die Profanierung
und Demokratisierung der Kunst ihren Höhepunkt erreichte. Diese Entwicklung
spiegelte die materialistischen, d.h. rational-wissenschaftlichen Tendenzen
jener Zeit und wurde deshalb von weiten Kreisen als geistig-kulturelle
Bedrohung größten Ausmaßes empfunden.
Aus eben diesen Kreisen rekrutierte sich die Bewegung des Symbolismus.
Deren Anhänger bangten darum, daß der Mensch seine höhere
Bestimmung, den Sinn seines Lebens aus den Augen verliere; sie trachteten
danach, die Kunst aus ihrer materialistischen und demokratischen Verirrung
in die Ordnung eines umfassenden, kosmisch-religiösen Sinnzusammenhangs
zurückzuführen und neigten dazu, den Wert künstlerischer
Ausgestaltungen an ihrem Symbolgehalt zu messen. Ganz allgemein standen
sie den technisch-, wirtschaftlich- und politisch progressiven Kräften
ihrer Zeit, die sie für den Untergang eines ganzheitlichen Seins
verantwortlich machten, feindlich gegenüber. So verfehlten sie es,
aus deren Dynamik eine neue Sinngebung zu entwickeln, eine neue Vision
zu schaffen. Ihre Sehnsucht war rückwärtsgewandt. Sie strebten
nach der Wiederbelebung der einstigen, inzwischen unglaubwürdig gewordenen
Leitbilder, ohne zu merken, daß es gerade diese waren, die ihnen
den Blick auf das Unerforschliche versperrten und es ihnen verunmöglichten,
dieses in angemessener Weise zu artikulieren und in das Bewußtsein
des neu anbrechenden Zeitalters zu integrieren. So blieb es ihnen versagt,
eine neue Sprache zu finden und zu entwickeln, die Wurzeln eines neuen
Bewußtseins zu setzen; nicht ihnen, sondern ihren Gegenspielern,
den Impressionisten und Nachimpressionisten, war es vorbehalten, das Tor
der Moderne aufzustoßen.
Monets Heuhaufen, Seurats badende Arbeiter, die knorrigen Olivenbäume
van Goghs und die Apfelstilleben und Provencelandschaften Cézannes
waren die Werke, die den Menschen der Jahrhundertwende in eine neue Ordnung
einbanden und den Weg in die Zukunft wiesen. Diese Pioniere verfolgten
realistische, bildnerisch-strukturelle oder romantisch-expressive Anliegen;
dabei gewannen ihre Bilder von sich aus, nämlich auf
Grund ihrer individuellen Entstehungsbedingungen, eine über sie hinausweisende
Bedeutung. Demgegenüber erhoben die damaligen Symbolisten - Böcklin,
Klinger, Khnopff, Moreau, Redon oder Chavannes, um nur einige zu nennen
- die tiefere Bedeutung zum eigentlichen Thema ihrer Malerei.
Statt wie ihre Gegenspieler den Sinn ihrer Kunst im schöpferischen
Akt zu erfüllen und zu verwirklichen, bemühten sie sich um die
symbolisch verschlüsselte Darstellung und Heraufbeschwörung
eines transzendenten Sinns, den sie in der Art einer Heilsbotschaft verkündeten
und glorifizierten.
Sie versuchten, das metaphysische Vakuum des 19. Jahrhunderts, die bedrohliche
Leere ihres Selbst zu füllen, die verlorene Bindung zum Weltganzen
wieder herzustellen, indem sie das längst Verlorene in neuem Gewande
erstehen ließen. Statt im Gegebenen neue Werte zu entdecken, neue
Ideale und neue Ambitionen zu entwickeln, um aus diesen die verinnerlichten
Strukturen eines neuen Selbst- und Weltbildes zu schaffen, suchten sie
nach Möglichkeiten, die negativen Aspekte ihres Zustandes, ihre Ablehnung
der sie umgebenden Wirklichkeit, das Gefühl der inneren Leere und
die allesverzehrende Sehnsucht nach dem Verlorenen ins Positive zu kehren
und als Zeichen ihres besonderen Auserwähltseins, als Wert zu proklamieren.
Dazu griffen sie zum Symbol; da sie jedoch nicht bereit waren, ihre innere
Wirklichkeit zu konfrontieren, standen ihre Symbole nicht für diese;
sie deuteten auf keine seelischen Inhalte, auch nicht auf die Erfahrung
der inneren Leere und Verlorenheit, sondern dienten dazu, das Fehlen dieser
Inhalte zu überdecken.
Die Tendenz, Sein und Zeit und den tieferen Sinn der menschlichen Existenz
in dunklen und unergründlichen, bloß subjektiv definierbaren
Symbolen auszudrücken, tritt im Verlauf einer kulturellen Entwicklung
üblicherweise immer dann auf, wenn das so Ausgedrückte sowohl
individuell als auch kollektiv keine innere Gewißheit, keine bewußte,
artikulierbare seelische Wirklichkeit mehr darstellt. Sowohl die Symbolisten
des 19. Jahrhunderts als auch ihre modernen Geistesverwandten sind Vertreter
einer Endzeit, die Sinn und Glauben - ihre kollektiven Ambitionen und
Ideale - verloren hat. Ihnen ist die innere Vision abhanden gekommen.
Das Unerforschliche hat in ihren Werken kein Gesicht mehr; es manifestiert
sich nur durch den Sog des Vakuums, das dieser Verlust hinterlassen hat.
Der Symbolist krankt an sich und an seiner Zeit; er fühlt sich von
der Fragmentierung und schließlichen Auflösung seines individuellen
und seines kollektiven Selbst bedroht und leidet unter der schmerzlichen
und beängstigenden Empfindung seiner inneren Leere. Der Primitive
würde sagen, er habe seine Seele, seinen Purba verloren.
So macht er sich wie der Schamane auf die Suche nach dem verlorenen Selbst,
nach individuellen Ambitionen, die es ihm erlauben würden, sich von
den anderen abzugrenzen und sich ihnen gegenüber als einzigartig
zu empfinden, und nach allgemein verbindlichen, doch eigenen Idealen,
die ihn in ein größeres Ganzes, in eine Gemeinschaft einfügen
und ihn so aus seiner Einsamkeit erlösen könnten.
Er versucht, sich dem Unfaßbaren, dem Kern des eigenen
Selbst zu nähern, für dieses sichtbare Zeichen zu setzen; doch
fehlt ihm die reale, konkrete Erfahrung dessen, was mit diesen zu benennen
wäre. Außer seiner inneren Leere und der Sehnsucht, diese zu
füllen, trägt er nichts in sich, dem er Ausdruck verschaffen
könnte; so schafft er statt aussagehaltiger, ein Inneres vermittelnder
Werke bloße Projektionsträger: Bilder, Assemblagen, Vorgänge
und Situationen, deren Sinn und Bedeutung offen bleiben und hofft, in
diesen sein verlorenes Purba wiederzufinden. Das Werk wird
zum Ausdruck einer zum Scheitern verurteilten Suche - der Suche, in der
sich gleichwohl sein Sinn erfüllt - und gewinnt eben dadurch seine
Bedeutung und seine gesellschaftliche Relevanz.
Arte Povera und Land Art
Im Rahmen der Moderne ist Beuys das bekannteste Beispiel eines symbolistischen
Künstlers; doch ist er bei weitem nicht der einzige. In den siebziger
Jahren treten insbesondere in Italien und den USA eine große Zahl
mit ihm geistesverwandter Künstler auf, die sich ebenfalls dem von
mir so benannten magischen Symbolismus zuordnen lassen. Zu
diesen gehören unter anderen Jannis Kounellis, Mario Merz, Giovanni
Anselmo, Keith Sonnier und Bruce Nauman. Da sie alle, ähnlich wie
Beuys, mit ärmlichen, künstlerisch unverbrauchten Gegenständen
und Materialien operieren, prägte der italienische Kunstkritiker
Germano Celant für diese Richtung den Begriff Arte Povera.
Mit dem sparsamen und gezielten Einsatz von Butangaz-Flammen die er je
nach dem mit banalen Alltagsgegenständen oder mit Relikten der griechisch-römischen
Antike kombiniert, schafft Kounellis äußerst wirkungsvolle,
überraschende Objekte und Environments (siehe Abb. 461, 462). Merz
arbeitet mit Erde, Lehm oder Laub, mit Sandsäcken, Reisigbündeln
oder den Halbkugeln seiner inzwischen zum Markenzeichen gewordenen Iglus,
wobei er die urtümliche Qualität seiner Gestaltungselemente
durch den Gegensatz des bläulich-kalten Lichts dünner und freigeformter
Neonröhren noch zusätzlich steigert/unterstreicht (Abb. 463,
464). Neon verkörpert moderne Magie. Auch Nauman arbeitet viel mit
diesem Medium. Dabei benutzt er oft die Maße oder Formen seines
Körpers oder einzelner Gliedmaßen als Grundlage seiner Gestaltungen
(Abb. 465). Anselmo, Sonnier und der frühe Serra, dessen spätere
Arbeiten (Abb. 467) der Minimal Art zuzurechnen sind, vertreten eine ähnliche
künstlerische Haltung. Auch ihre Gestaltungen vermitteln keine verständliche
Botschaft; ihre Aussagen erschöpfen sich in wenigen ungewohnten,
überraschenden optischen und haptischen Effekten, und im schwebenden
Sinngehalt unbestimmter Symbole (Abb. 466, 468).
Damit erfüllen auch sie die (vor allem auf die Literatur bezogenen)
Forderungen, die Moréas 1886 in seinem Symbolistischen Manifest
aufstellte, nämlich "die Idee niemals begrifflich zu fixieren
oder direkt auszudrücken", und "die Bilder der Natur, die
Taten der Menschen, alle konkreten Erscheinungen [...] nicht selbst sichtbar
zu machen", sondern durch "sensitiv wahrnehmbare Spuren, durch
geheime Affinitäten mit den ursprünglichen Ideen"131 zu
versinnbildlichen.132 Ihr Vorgehen entspringt jedoch gleichzeitig auch
einem zentralen Postulat der Moderne: Statt die Wirklichkeit darzustellen,
soll der Künstler eine neue Wirklichkeit schaffen.
Parallel zur magischen Ausformung dieser Geisteshaltung in der Arte Povera
läßt sich in Europa und den USA eine rationalere, gewissermaßen
kontrolliertere, allgemeinere und verbindlichere Linie des modernen Symbolismus
verfolgen. Deren wichtigste Vertreter wie Richard Long, Michael Heizer,
Walter de Maria, Dennis Oppenheim und Robert Smithson lassen sich der
sogenannten Land Art zuordnen.
Diese Künstler machen aus dem natürlich oder industriell zu
verändernden Landschaftsraum ihr künstlerisches Gestaltungsmittel.
In entfernten, unbewohnten Gebieten der Welt - der Sahara oder der Mojave-Wüste
- heben sie Gräben aus, ziehen oft hunderte von Metern lange Linien
mit Kalk über die Erde oder schichten Felsbrocken zu Haufen aufeinander
(Abb. 471-474). Diese vergänglichen Dokumentationen menschlicher
Anwesenheit in einem von Menschen unberührten, leeren, schweigenden
Raum machen die landschaftlichen Räume selbst zum Kunstobjekt. Sie
überführen die normale Gestalt der Landschaft durch markierende
Eingriffe in eine neue Konstellation, wobei sich die Verwandlungen sowohl
in großen Dimensionen als auch in unscheinbaren Details vollziehen
können.133 Diese Kunst ist zu ihrer Verbreitung und zur Festhaltung
ihrer Ergebnisse in starkem Maße auf Fotografie und Video- Aufzeichnungen
angewiesen. Die Land Art kann zweifellos als Protest gegen die Künstlichkeit
der modernen Großstadtwelt, der Metall- und Kunststoffästhetik
in ihrer glatten Perfektion oder gegen den "Utilitarismus der Kunst"
(Heizer) verstanden werden. In unserem Fall interessiert uns jedoch in
erster Linie der Umstand, daß auch diese Gestaltungen, wie jene
von Beuys und seinen Geistesverwandten, durch die Kunst und Mythologie
fremder und zum Teil längst untergegangener Kulturen angeregt sind:
durch die magischen Steinstrukturen von Stonehenge und die riesigen Bodenzeichnungen,
mit denen einst Inkas und Azteken zu höheren Wesen und zu überirdischen
Kräften in Beziehung zu treten versuchten (Abb. 469, 470).
Dieser Hang zur Heraufbeschwörung einer archaischen Vergangenheit
zeichnet auch die Künstler der sogenannten Individuellen Mythologien
aus (Michael Buthe, Jean LeGac u.a.), die sich ebenfalls dem modernen
Symbolismus zuordnen lassen.
Zwischenbilanz
Meine Darstellung hat die zeitliche Schwelle zur unmittelbaren Gegenwart erreicht. Bevor ich mich dieser zuwende, will ich zwei Einsichten festhalten, die sich aus den bisherigen Ausführungen ergeben, und die ich in meiner Einführung zum Teil schon vorweggenommen habe. Die erste betrifft die Struktur und Dynamik der beschriebenen Entwicklung, die zweite betrifft die Frage nach den Kriterien künstlerischer Bedeutung und Qualität.
Zur Struktur und Dynamik der künstlerischen Entwicklung
Wie Wissenschaft und Religion stellt auch die Kunst eine Form geistiger
Wirklichkeitsbewältigung dar. Um sich ein Bild seiner selbst und
der Welt zu schaffen, verfolgt der Künstler in der Regel eine oder
mehrere von vier möglichen Zielsetzungen. Diesen entsprechen vier
künstlerische Grundhaltungen:
- die realistische Haltung zielt darauf, die äußere, objektive
Wirklichkeit als solche wahrzunehmen, zu definieren und darzustellen;
- die strukturelle Haltung zielt darauf, den Aufbau der Welt
zu verstehen, d.h. die Ordnungsprinzipien zu erkennen und sichtbar werden
zu lassen, nach denen die einzelnen Erscheinungen aufeinander abgestimmt
und miteinander verbunden sind, und auf Grund derer sie als Teil eines
bildnerischen Ganzen erfahren werden;
- die romantische Haltung zielt darauf, die innere, subjektive Wirklichkeit
wahrzunehmen, zu definieren und auszudrücken;
- die symbolistische Haltung zielt darauf, die innere Wirklichkeit mit
einem allgemeinen und umfassenden Sinn in Beziehung zu setzen, um so das
Einmalige mit dem Universalen, das Reale mit dem Ideellen zu verbinden.
Diese Haltungen lassen sich nur theoretisch voneinander isolieren; in
der künstlerischen Praxis treten sie nie rein auf, sondern gehen
vielfältige Verbindungen ein, die in den jeweiligen Werken und Richtungen
zum Ausdruck kommen und deren Charakter bestimmen. Dabei übernimmt
jeweils eine dieser Grundhaltungen die führende Rolle. So kommen
z.B. in einem Bild Cézannes auch realistische, romantische und
symbolistische Tendenzen zum Tragen, doch stehen sie alle unter dem Primat
des Strukturellen. Sowohl in der künstlerischen Entwicklung des 19.
Jahrhunderts als auch in derjenigen der Moderne läßt sich dementsprechend
ein Muster erkennen, auf das ich schon mehrmals hingewiesen habe und das
ich in nebenstehender Tabelle nochmals abschließend veranschauliche.

Es ist klar, daß es sich bei dieser Tabelle um ein äußerst
vereinfachtes Schema handelt, das die vielfältigen Quer- und Diagonalverbindungen
und die gegenseitige Beeinflussung einzelner Künstler nicht berücksichtigt,
sondern lediglich die Hauptachsen und -Akzente der Entwicklung aufzeigt.
Die waagrechten Reihen entsprechen darin den vier Grundhaltungen, d.h.
den jeweiligen künstlerischen Entwicklungslinien, die unter dem Primat
einer dieser Haltungen stehen; die einzelnen Kolonnen markieren die aufeinanderfolgenden
Phasen dieser Entwicklung. Wie man sieht, findet jede Phase eine realistische,
eine strukturelle, eine romantische und eine symbolistische Ausgestaltung.
Die Zielsetzungen der vier Grundhaltungen bleiben dabei im wesentlichen
konstant, während sich in ihren jeweiligen Ausgestaltungen der Wandel
spiegelt, dem das kulturelle Selbst- und Weltbewußtsein im Verlauf
der Entwicklung unterworfen wird.
Am deutlichsten wird dies im Fall des grundsätzlichen Paradigmawechsels,
der beim Übergang von der Neuzeit zur beginnenden Moderne erfolgt.
Die führenden Kunstrichtungen des 19. Jahrhunderts - Realismus, Klassizismus,
Romantik und Symbolismus - sind allesamt objektbezogen: der Realismus
versucht die Wirklichkeit in der körperlichen Dichte und materiellen
Präsenz seines Darstellungsgegenstandes zu fassen; der Klassizismus
sucht das bildnerische und das leiblich-seelische Gleichgewicht seiner
Ausgestaltungen im künstlerischen, literarischen und philosophischen
Vorbild der Antike; die Romantik drückt ihre Emotionen und Affekte
durch die Darstellung äußerer Ereignisse aus; und der Symbolismus
setzt das Übersinnliche mit den Fabelwesen und Ungeheuern seiner
imaginären Welten gleich. Körper und Geist, Gestalt und Bedeutung
sind im 19. Jahrhundert durchwegs aufeinander bezogen; die eine Größe
steht jeweils für die andere - und doch bleiben sie letztlich voneinander
getrennt, werden nicht eins.
In der Kunst der anbrechenden Moderne weicht diese Haltung einem neuen
Paradigma. Obwohl ihre Ausgestaltungen denselben vier Grundhaltungen entspringen,
spiegeln sie nicht mehr eine objektbezogene, sondern eine dynamische Welt;
sie stellen nicht mehr Gegenstände, sondern Prozesse dar. Die Trennung
zwischen Objekt und Subjekt wird aufgehoben. Der Künstler versucht
nicht mehr, im Sinn der ausklingenden Neuzeit ein geistiges oder materielles
Objekt darzustellen; stattdessen erhebt er die dialektische Beziehung
zwischen sich und dem Objekt zum eigentlichen Thema seiner Darstellung
und verbindet damit die beiden Gegensätze Mensch und Welt, Gestalt
und Bedeutung zur Synthese einer neugeschaffenen künstlerischen Wirklichkeit.
Manet, Dégas und Monet wenden sich der Wirklichkeit ihrer eigenen
visuellen Erfahrung zu; ihre Malerei gilt dem Wahrnehmungsprozeß,
der Bewegung, dem Blickwinkel, der Farbe und dem Licht. Seurat und Cézanne
suchen und finden in der sichtbaren Wirklichkeit dasselbe Ordnungsgefüge,
das ihnen im eigenen Innern entgegentritt. Ihre Malerei gilt der Struktur
des Sichtbaren; sie wollen kein Abbild der Natur, sondern deren Äquivalent
schaffen. Gauguin und van Gogh entdecken in der sinnlichen Dimension ihrer
Gefühle, ihrer Liebe und ihrer Sehnsucht die Einheit von Leib und
Seele. Dieser wollen sie mit dem psychischen Ausdruckspotential von Farbe
und Form künstlerisch Gestalt verleihen. Munch und Ensor erfahren
die Welt als Spiegel ihrer inneren Zerrissenheit; die sichtbare Wirklichkeit
steht für die Zwiespältigkeit allen Seins. Ihre Malerei gilt
dem Bann von Angst und Wahn.
Das neue Paradigma manifestiert sich bereits in dieser ersten Entwicklungsphase
der Moderne durch eine generelle Tendenz zur bildnerischen Verdichtung
und zur Verinnerlichung aller äußeren Eindrücke. Im Verlauf
der weiteren Entwicklung verschiebt sich der Schwerpunkt der künstlerischen
Auseinandersetzung in immer stärkerem Maß von der äußeren
auf die innere Wirklichkeit, von der Oberfläche zur Struktur, vom
Individuellen auf das Universale. Dabei werden die realistischen Forderungen,
denen in der ersten Phase der Moderne alle vier Grundhaltungen Rechnung
tragen, in der zweiten Phase durch strukturelle und romantische Tendenzen
in den Hintergrund gedrängt. Mit der schließlichen Hinwendung
zur Ungegenständlichkeit kommt dafür in der dritten, klassischen
Phase der Moderne die letzte unserer Grundhaltungen verstärkt zur
Geltung: Der aufgegebene Gegenstand wird durch symbolistische Bedeutungsinhalte
ersetzt. Der Realismus wird dabei nicht völlig geopfert; nur richten
sich seine Forderungen nicht mehr auf die sichtbare, sondern auf die unsichtbare
Wirklichkeit.
Mondrian und Kandinsky verbinden somit symbolistische Tendenzen mit einer
strukturellen, respektive romantischen Kunstauffassung zur bildnerischen
Synthese, die den wesentlichsten künstlerischen Beitrag unseres Zeitalters
darstellt. Das Paradigma der Moderne hat damit seine umfassende, klassische
Ausgestaltung gefunden. Form und Inhalt, Subjekt und Objekt, Geistiges
und Körperliches verbinden sich zu einer unaufhebbaren bildnerischen
Einheit, in der Wirklichkeit, Ordnung und Sinn eine bisher unbekannte
universale Bedeutung gewinnen.
Doch erweist sich rasch, daß die Moderne ihr letztes Wort noch nicht
gesprochen hat; die Ungegenständlichkeit stellt nicht die einzige
Möglichkeit dar, dem Universalen Gestalt und Ausdruck zu verleihen.
Zur selben Zeit, in der Mondrian und Kandinsky ihren wegweisenden Schritt
vollziehen, tritt mit Duchamp ein Künstler auf, der ihre Errungenschaft
insofern relativiert, als er den Gegenstand auf eine völlig neue,
überraschende und beunruhigende Weise mit Bedeutung auflädt
und damit den Schatten des neuen Bewußtseins - die Erfahrung
des Ungewissen - in das Blickfeld der Moderne rückt.
Duchamp stellt die extreme Negation aller leitenden Prinzipien der ungegenständlichen
Kunst dar, doch gerade dadurch fällt ihm für die zweite Hälfte
unseres Zyklus die Rolle eines Pioniers zu. "Les extrêmes se
touchent!" Die kategorische Mißachtung des klassischen Kanons
kommt dessen Umkehrung ins Gegenteil gleich; der große
Verweigerer wird als Antikünstler (im Grunde genommen als Antiklassiker)
zum bestimmenden Vorbild der nachklassischen Moderne. Mit seinem berühmten
Begriffspaar - "das große Abstrakte" und "das große
Reale" - hat Kandinsky diese entscheidende Zweispurigkeit der Moderne
bereits 1912, also noch vor dem ersten Readymade, klar erkannt
und formuliert.
Die erste Hälfte unseres Entwicklungszyklus - der Weg zur Ungegenständlichkeit
- wurde durch die dialektische Beziehung zwischen strukturellen und romantischen
Tendenzen geprägt. Demgegenüber steht die zweite Hälfte
im Spannungsfeld zwischen Realität und Bedeutung: Angesichts der
Unmöglichkeit, die Leistung ihrer Vorgänger zu übertreffen,
verschiebt ein Teil der nachklassischen Künstlergeneration ihr Interesse
auf die noch unausgeschöpften Möglichkeiten der realistischen
und der symbolistischen Grundhaltung und eröffnet sich damit einen
völlig neuen künstlerischen Horizont. Die Spannung zwischen
Realismus und Symbolismus beherrscht die manieristische Phase der Moderne
(de Chirico, Pittura metafisica, Futurismus, Suprematismus und Dada),
die Kunst des modernen Barock (Magischer Realismus, Neue Sachlichkeit
und Surrealismus) und prägt in gewissem Sinne auch die Kunstrichtungen,
die in der Zeit von 1946 bis 1970 auftreten.
Das Paradigma der Moderne - die wissenschaftlich erwiesene, doch trotzdem
unfaßbare Einheit von Körper und Seele, Energie und Materie
- wird im Verlauf dieser Entwicklung unter dauernd wechselnden Gesichtspunkten
reflektiert und einer immer strengeren kritischen Prüfung unterworfen.
Dabei enthüllt dieses Paradigma eine solche Vielfalt unterschiedlicher
Aspekte, daß es seine ursprüngliche Geschlossenheit und Überzeugungskraft
verliert. Das kollektive Selbst beginnt sich zu fragmentieren. Die vier
Grundhaltungen streben immer mehr auseinander, ihre künstlerischen
Ausgestaltungen werden immer formelhafter und typisierter. Die dialektische
Beziehung zwischen realistischer und symbolistischer Auffassung - die
Spannung zwischen Wirklichkeit und Idee - verliert ihre bisherige individuelle
Ausprägung. Langsam breitet sich das ideelle Vakuum aus, das sich
nur durch ein neues Paradigma füllen läßt.
Als letztes sei auf den Wandel des narzißtischen Gleichgewichts
hingewiesen, der im Verlauf der beschriebenen Entwicklung sichtbar wird.
Die erste Hälfte des Zyklus steht im Zeichen eines umfassenden, beide
Pole miteinbeziehenden Selbst, das auf der klassischen Stufe eine paradigmatische
Ausgestaltung findet.
Auf diesen Höhepunkt folgt die manieristische Phase, die eine drohende
Fragmentierung des Selbstbildes durch Selbststimulationen aller Art und
durch die Verfolgung diffuser Ambitionen und Ideale abzuwehren versucht.
Der anschließende Barock zeichnet sich durch eine individuell geprägte,
kompensatorische Haltung aus, bei der jeweils einer der beiden Pole auf
Kosten des anderen narzißtisch überbesetzt wird. Die im Barock
eingeschlagenen Kunstrichtungen setzen sich in leicht gewandelter Form
auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Art Spät-Barock
fort, wobei sie jedoch ihre individuelle Ausprägung verlieren.
Die letzte Phase unseres Entwicklungszyklus zeichnet sich schließlich
durch eine extreme Fragmentierung und Widersprüchlichkeit aus; sie
soll unter dem Titel Das Ende der Moderne im folgenden Kapitel
besprochen werden.
Nach diesem zusammenfassenden Überblick über den bisherigen
Entwicklungsverlauf will ich mich der bisher ausgeklammerten Frage nach
dem Wert und der Bedeutung der unterschiedlichen Phasen und Richtungen
stellen.
Vorläufiges zur Wertfrage
In den folgenden Ausführungen geht es mir um die allgemeine Frage
nach der entwicklungsgeschichlichen Bedeutung und dem kulturellen Wert
unterschiedlicher Kulturepochen oder Kunstrichtungen. Auf die objektiven
Kriterien künstlerischer Qualität werde ich dabei nicht eingehen.
Der Maßstab des Klassischen, der noch im 19. Jahrhundert zur Beantwortung
dieser Frage angesetzt worden wäre, hat seine absolute Geltung inzwischen
eingebüßt. Wegen seiner klar definierten Kriterien wähle
ich ihn trotzdem zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen.
Die mit dem Begriff klassisch verbundenen Wertvorstellungen beziehen sich
auf drei unterschiedliche Aspekte der künstlerischen Ausgestaltung.
Der erste betrifft die Geisteshaltung, die in einem Werk zum Ausdruck
kommt; diese gilt in dem Maß als klassisch (d.h. als vorbildlich),
als sie nach Maß und Ordnung strebt und sich durch die Ausgewogenheit
zwischen Sinnlichem und Geistigem auszeichnet. Eine solche Haltung ist
an keine bestimmte Entwicklungsphase gebunden; sie wird nicht so sehr
durch das kulturelle Umfeld, als in erster Linie durch das narzißtische
Gleichgewicht des jeweiligen Künstlers bedingt. Mit anderen Worten:
Eine derart ausgewogene Geisteshaltung reflektiert eine entsprechende,
gewissermaßen klassische Charakterstruktur, deren idealisierter
und deren exhibitorischer Pol gleichwertig aufeinander bezogen sind und
sich im Verhalten des jeweiligen Individuums gleichermaßen verwirklichen.
Dieser Aspekt des Klassischen betrifft somit einen psychischen Wert, der
sich im weitesten Sinn des Wortes mit dem der psychischen Gesundheit gleichsetzen
läßt.
Der zweite Aspekt bezieht sich auf die geschichtliche Stellung und repräsentative
Funktion, die ein Werk im Entwicklungszyklus eines einzelnen Künstlers
oder eines ganzen Zeitalters einnimmt. Als klassisch gilt diejenige Entwicklungsphase
eines Zyklus, in der das eigentliche Wesen des entsprechenden Künstlers
oder Zeitalters seine allgemeinste und gleichzeitig verbindlichste, paradigmatische
Ausgestaltung gefunden hat.
Insofern, als diese Qualität mit dem zusammenfällt, was man
als typisch bezeichnet, betrifft sie immer die Beziehung eines Teils zu
seinem Ganzen, wie z.B. die Beziehung des Einzelwerkes eines Künstlers
zu dessen Gesamtwerk, oder die Beziehung eines solchen Gesamtwerkes zur
Kunstrichtung oder -epoche, der es entstammt; oder schließlich die
Beziehung einer solchen Richtung oder Epoche zum gesamten, mehrere Phasen
umfassenden Entwicklungszyklus eines Zeitalters.
In diesem Sinn bezeichne ich Mondrian und Kandinsky als die eigentlichen
Klassiker der Moderne - ihre Kunst steht paradigmatisch für das ganze
Zeitalter. Monet, Cézanne, Van Gogh, Klee, Giacometti, Rothko,
Johns, Oldenburg, Lichtenstein, Kelly oder Fontana lassen sich demgegenüber
als klassische Vertreter ihrer jeweiligen Richtungen verstehen, wobei
diese selbst nicht zur klassischen Phase der Moderne zählen. Und
schließlich erscheinen uns gewisse Bilder, wie z.B. Cézannes
Montagne Sainte Victoire (Abb. 33) oder Jasper Johns Flag (Abb. 264) als
klassische Beispiele für das Gesamtwerk dieser Künstler.
Der dritte Aspekt der mit dem Begriff des Klassischen verbundenen Wertvorstellungen,
nämlich derjenige der sogenannten künstlerischen Qualität,
bleibt notgedrungen auf einzelne Werke, bestenfalls auf einzelne Künstler
beschränkt, denn die Künstler des Kollektivs, das jeweils eine
Richtung oder Epoche bildet, sind durch keine gemeinsame künstlerische
Qualität, sondern lediglich durch eine gemeinsame Gesinnung und durch
gemeinsame Stilmerkmale miteinander verbunden.
Wohl habe ich in meinen bisherigen Ausführungen die unterschiedlichen
Kunstrichtungen und -epochen am Beispiel ihrer hervorragendsten Vertreter
dargestellt. Deren künstlerische, d.h. gestalterische Qualitäten,
sind jedoch immer nur im individuellen Sinn zu verstehen; sie eignen den
jeweiligen Künstlern, und nicht den Richtungen, die diese vertreten.
Die Kriterien künstlerischer Qualität sind so vielfältig,
daß sie sich nicht auf einen Nenner bringen lassen. Sie überschreiten
den Begriff des Klassischen und die mit diesem verbundenen Wertvorstellungen
und können hier nicht erörtert werden.
Im vorliegenden Zusammenhang (d.h. in Bezug zu ganzen Epochen oder Richtungen)
interessiert uns also nur der zweite Wertaspekt des Klassischen, nämlich
der Wert des Beispielhaften und Paradigmatischen. Dessen Bedeutung läßt
sich am besten durch den Vergleich mit einem menschlichen Lebenslauf veranschaulichen.
Die klassische Phase einer kulturellen Entwicklung würde in diesem
dem Erreichen der Volljährigkeit, der Zeit des frühen Erwachsenseins
entsprechen. Die erste Hälfte des kulturellen Zyklus wäre der
Kindheit und Jugend des Menschen, die zweite Hälfte den mittleren
Lebensjahren und dem Alter gleichzusetzen. Diese Sattelstellung zwischen
Geburt und Tod macht einen entscheidenden Aspekt der klassischen Epoche
einer Kultur aus.
Für die Künstler der ersten, vorklassischen Hälfte der
kulturellen Entwicklung stellt das Klassische - das Stadium der ersten
Reife, der Bewußtwerdung und der paradigmatischen Ausgestaltung
des Geistes des eigenen Zeitalters - das Ziel dar, an dem sich alle ihre
Anstrengungen orientieren. Für sie ist der Wert des Klassischen so
fraglos gegeben wie für das Kind oder den Jugendlichen der Wert des
Erwachsenwerdens und -seins.
Aus der Sicht der nachklassischen Künstlergeneration kommt diesem
Wert jedoch eine völlig andere Bedeutung zu. Ihre Kunst gilt in erster
Linie der dipalen Auseinandersetzung mit dem Selbst- und Weltbild,
das sich im klassischen Kanon verdichtet, und nimmt diesem gegenüber
eine ambivalente Haltung ein: Die klassischen Wertmaßstäbe
stehen für die Figur des Vaters und werden - wie diese - nicht nur
geliebt und idealisiert, sondern auch gefürchtet und gehaßt.
Diese Ambivalenz schlägt sich in der künstlerischen Produktion
der nachklassischen Epochen nieder. Solche Epochen streben nach einer
neuen Lösung, einem neuen Gleichgewicht; dessen ungeachtet
bilden die exhibitorischen Ambitionen und idealisierten Strukturen, die
in der klassischen Kunst Gestalt und Ausdruck gefunden haben, auch weiterhin
das eigentliche Thema der künstlerischen Auseinandersetzung: sie
werden auf etwaige Schwächen oder noch unentdeckte Qualitäten
abgeklopft und abwechslungsweise in Frage gestellt, verleugnet, abgewandelt,
übersteigert oder verflacht, bis sie schließlich alle Konturen
und jede Verbindlichkeit verloren haben.
Damit setzt die letzte Phase des kulturellen Zyklus ein, auf die ich im
nächsten Kapitel eingehen werde. Deren Vertreter haben jeden Glauben
verloren und erheben keinerlei Anspruch auf die Vaterrolle. Sie wollen
weder herrschen noch zeugen, sondern nur noch überleben.
An Stelle der einstigen Pioniere tritt der Opportunist. Seine pragmatische
Vorurteilslosigkeit läßt den ideellen Freiraum entstehen, der
kulturelle Endzeiten auszeichnet, und schafft damit die entscheidende
Voraussetzung zur Ausbildung eines neuen Paradigmas, eines neuen Glaubens
und einer neuen Vision des Menschen und der Welt.
Beide Entwicklungen, sowohl die vorklassische wie die nachklassische,
sind auf den Gipfel, oder richtiger: auf die Sattelstellung der klassischen
Phase bezogen. In der ersten Hälfte des Entwicklungszyklus stellt
das Klassische das Zukünftige dar, auf das sich die Entwicklung zubewegt,
in der zweiten Hälfte ist das Klassische das Vergangene, von dem
sich die Entwicklung wegbewegt, um neue Ufer zu erreichen. Schritt um
Schritt werden die einst wegweisenden Werte aufgegeben; Schritt um Schritt
nähert sich die Entwicklung dem Ende des bisherigen und dem Beginn
eines neuen Zeitalters und einer neuen Klassik.
Alle Stadien eines kulturellen Zyklus sind aufeinander bezogen und durcheinander
bedingt; keine Richtung läßt sich isoliert betrachten, denn
jede wird durch die Vergangenheit bedingt und trägt den Keim der
Zukunft in sich. Die eingangs gestellte Wert- und Bedeutungsfrage wird
dadurch erheblich relativiert. Die Tatsache, daß das Erwachsenenalter
im menschlichen Leben eine zentrale Stellung einnimmt, schmälert
in keiner Weise die existentielle Bedeutung der Jugend oder des Alters.
In diesem Sinn kommt auch der Stilepoche der Klassik für das Leben
des kulturellen Organismus grundsätzlich kein höherer Wert und
keine größere Bedeutung zu als einer anderen Stilepoche. Mit
einer Ausnahme: Vor den anderen Entwicklungsepochen hat die Klassik den
umfassenderen Repräsentationswert voraus. In ihr hat sich das Zeitalter
wie in einem Spiegel erstmals als eine neue, eigenständige Epoche
erkannt. Die klassische Kunst steht für die Schaffung eines grundsätzlich
neuen, eigenen Kanons und für den heroischen Kampf, mit dem sich
dieser gegen den der ehemaligen Väter durchgesetzt hat. Ihre Errungenschaften
legitimieren den so vollbrachten Vatermord und stellen die
neuen Gesetzestafeln, die Flagge und das Signet einer Kultur dar. Ihre
Gestaltungen stehen im Zentrum des jeweiligen Entwicklungszyklus und sind
in gleichem Maß mit dessen Anfang und dessen Ende verbunden; so
bilden sie den gemeinsamen Nenner, der alle künstlerischen Ausprägungen
einer Kultur zueinander in Beziehung setzt und miteinander zu einem umfassenden
Ganzen verbindet.