VIII. Triumph und Vollendung
Drei Wochen nach Abwurf der amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und
Nagasaki findet am 2. September 1945 mit der offiziellen Kapitulation
Japans der blutigste Krieg der Geschichte sein Ende. Dessen kulturgeschichtlichen
Auswirkungen lassen sich mit denen der Französischen Revolution vergleichen,
nur betreffen sie diesmal nicht bloß Europa, sondern die gesamte
Welt. Diese ist von nun an in zwei Blöcke gespalten; deren Grenze
verläuft mitten durch das verwüstete Europa, das seine politische,
wirtschaftliche und geistige Führungsrolle an die neuen Weltmächte,
die USA und die Sowjetunion, abgetreten hat. Unter den Trümmern der
alten Welt liegt auch deren bisheriges Selbstverständnis begraben.
In wenigen Jahrzehnten haben der Erste Weltkrieg, der Spanische Bürgerkrieg
und schließlich der Zweite Weltkrieg sowohl das zerstörerische
Potential moderner Wissenschaft, Technik und Industrie, als auch das Versagen
menschlicher Vernunft und moralischer Wertstrukturen aufgezeigt. Das Ausmaß
der Zerstörung und des Grauens, das ein so zivilisiertes Land wie
Deutschland, Heimat großer Denker, Dichter und Musiker, über
die Welt gebracht hat, die Entdeckung der Konzentrationslager und die
Kunde von der systematischen Vernichtung von sechs Millionen Juden, die
Bilder der Häftlinge, der Massengräber, Gaskammern und Krematorien
von Auschwitz, Dachau, Treblinka einigen nicht nur die ganze zivilisierte
Welt in der einhelligen Verurteilung der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft,
sondern zerstören auch die letzten Illusionen von der geistigen und
moralischen Ueberlegenheit der abendländischen Zivilisation.
Alle progressiven, liberalen und antibürgerlichen Tendenzen erscheinen
dadurch in einem neuen Licht und gewinnen, obwohl sie untereinander oft
unüberbrückbare Gegensätze aufweisen, eine neue Rechtfertigung
und ein erhöhtes Ansehen. Diese Neubewertung bestimmt das Geistesleben
der westlichen Demokratien und wirkt sich insbesondere auf deren künstlerisches
Bewußtsein aus. Vieles von dem, was der alten Kultur angehört,
wird mit dem Europa der Nationalstaaten, mit dem Machtstreben, den Traditionen
und den Wertstrukturen gleichgesetzt, denen letztlich die Schuld an der
überstandenen Katastrophe zugeschrieben wird. So stellt die davon
unbelastete moderne Kunst eine der wenigen noch idealisierbaren Leistungen
der westlichen Kultur dar. Ihre Verurteilung und Verfolgung durch die
Nazis hat sie zum Sinnbild des geistigen Widerstandes, der Integrität
und der Kontinuität eines liberalen europäischen Bewußtseins
erhoben. In allen westeuropäischen Ländern und in den USA werden
nun die großen Meister der Moderne einzeln oder in großen
Uebersichtsausstellungen einem breiten Publikum vorgestellt. Die Outsider
und Revolutionäre der Vorkriegszeit werden zu etablierten Größen.
Während diese ihren verspäteten Triumph feiern, wobei einzelne
unter ihnen - ich denke an Matisse und Giacometti gerade - jetzt ihre
bedeutendsten Werke schaffen, fehlt es der folgenden, durch den Krieg
psychisch geschädigten europäischen Künstlergeneration
vorerst am Willen und an der Kraft, um die bisherige künstlerische
Entwicklung in schöpferischer und erneuernder Weise fortzuführen.1
Diese Aufgabe fällt den unverbrauchten und unbelasteten amerikanischen
Künstlern zu, welche die moderne Kunst eben erst für sich entdeckt
haben und danach streben, den Werken ihrer bewunderten Vorbilder etwas
Ebenbürtiges, doch Eigenes - Amerikanisches - zur Seite zu stellen.
Schließlich sind sie die Retter der Alten Welt, sie haben Europa
vom Joch der Naziherrschaft befreit; dank ihnen hat die Demokratie gesiegt.
Die differenzierten, meist kleinformatigen Bilder ihrer älteren europäischen
Kollegen sind ihnen zu intim und zu persönlich, zu wenig radikal
und konsequent, als ob sich deren Schöpfer des Wertes und der geschichtlichen
Bedeutung ihrer künstlerischen Leistung nicht sicher wären.
Ihre eigene Malerei soll kompromißloser, offener, direkter, freier
sein. So entnehmen sie dem Vokabular ihrer Vorläufer die elementarsten
Gestaltungsmittel und rekapitulieren damit auf riesigen Bildformaten die
wesentlichen Errungenschaften der europäischen Moderne. Mit ihren
äußerst einfachen, prägnanten und plakativen Ausgestaltungen
schlagen die Amerikaner dabei einen Weg ein, der Schritt für Schritt
zu einer immer unpersönlicher und anonymer wirkenden Kunst führen
sollte. Auch diese, bis Mitte der siebziger Jahre dauernde Entwicklung
verläuft vierspurig und läßt die dem Leser inzwischen
bekannten künstlerischen Grundhaltungen erkennen: die realistische,
die strukturelle, die romantische und die symbolistische.
1. Mystische Verschmelzung durch Rausch und Meditation: die ungegenständliche Romantik
Im veränderten kulturellen Klima der Nachkriegszeit betreten erstmals
die USA die internationale Kunstszene. Jung und mächtig, fortschrittlich
und demokratisch, Zentrum moderner Technik und Industrie, Schmelztiegel
der unterschiedlichsten Völker und Rassen und Heimat der beiden neuesten
und populärsten Kunstformen - des Jazz und des Films - vertreten
die vom Krieg unversehrten Vereinigten Staaten wie kein anderes Land die
Hoffnungen und Ideale der Nachkriegszeit.
Vor und während des Krieges waren unzählige Vertreter der geistigen
Elite Europas auf der Flucht vor der Verfolgung durch den Nationalsozialismus
nach den USA emigriert. Europäische Philosophen und Psychoanalytiker,
Dichter, Musiker und Filmemacher, Künstler und Architekten, sowie
die nach dem Krieg eingereisten Wissenschaftler übten einen enormen
Einfluß auf das amerikanische Geistesleben aus und setzten damit
eine Entwicklung in Gang, dank der die größte Wirtschaftsmacht
der Welt während der folgenden Jahrzehnte auch kulturell eine Führungsrolle
übernehmen sollte.
Im Gefolge der legendären Armory Show, die 1913 die amerikanische
Öffentlichkeit erstmals mit moderner Kunst konfrontiert hatte, nahm
das Interesse der Amerikaner an den neuen Ausdrucksformen ständig
zu. 1929 wurde in New York das Museum of Modern Art eröffnet,
dem die Gründung ähnlicher Institute in anderen amerikanischen
Städten folgte. Kurz darauf trafen die ersten europäischen Künstler
auf der Flucht vor der Naziverfolgung in den USA ein und begannen, als
Lehrer das Gedankengut der Moderne zu verbreiten. Laszlo Moholy Nagy gründete
in Chicago das New Bauhaus, Josef Albers lehrte am Black
Mountain College in North Carolina und Hans Hofmann an der Arts
Student League in New York.
Kurz nach Kriegsausbruch traf die zweite große Welle der europäischen
Auswanderer ein. Unter diesen befanden sich Vertreter aller damals aktuellen
Stilrichtungen. So versammelt ein 1942 in New York aufgenommenes Foto
neben den Surrealisten Matta, Tanguy, Ernst, Masson und Breton auch Chagall,
Zadkine, Lipschitz, Ozenfant, Léger und Mondrian (Abb. 325). Ihre
ersten wichtigen Impulse verdankt die neue amerikanische Malerei jedoch
vor allem den Surrealisten.
Die ersten Amerikaner, die aus diesen Anstößen und Einflüßen
ein eigenes Werk entwickeln, sind William Baziotes und Arshile Gorky.
Sie verschreiben
sich einem zeichenhaften Surrealismus, der mit seinen biomorphen, vegetabilen
Formen und seiner spontanen, kalligraphischen Linienführung an Bilder
von Klee, Miró und Masson gemahnt (Abb. 326, 327). Damit fügen
sie sich trotz ihrer individuellen Eigenart noch widerspruchslos in den
Rahmen des damals bereits Bekannten.
Einer Malerei, die sich in wesentlichen Aspekten von ihren europäischen
Vorbildern unterscheidet, begegnen wir erst im Werk von Jackson Pollock
(1912-1956). Pollock, der 1929 von Kalifornien nach New York übersiedelt,
wo er an der Arts Student League die Kurse Thomas Hart Bentons besucht,
orientiert sich während den dreißiger Jahren vorerst an Picasso
und Diego de Rivera, bis er sich dann unter dem Einfluß der New
Yorker Exileuropäer einem zeichenhaften Surrealismus zuwendet. Dazu
meint er in einem Interview: "[...] wichtig ist es daher, daß
großartige Maler aus Europa jetzt bei uns sind, denn sie bringen
das Verständnis für die Probleme der modernen Malerei mit herüber.
Sehr früh beeindruckt hat mich ihre Auffassung, daß der Ursprung
der Kunst im Unbewußten liege. Diese Vorstellung interessiert mich
mehr als die einzelnen Maler, zumal Picasso und Miró, die ich am
meisten bewundere, noch in Europa sind."2
Den Durchbruch zur eigenen Sprache schafft Pollock kurz nach Kriegsende,
als er eine Arbeitsweise entwickelt, die eher einem dionysischen Tanz
als dem üblichen Handwerk entspricht und die er folgendermaßen
beschreibt: "Meine Malerei geht nicht von der Staffelei aus [...]
Ich ziehe es vor, die ungespannte Leinwand an der Wand oder auf dem Fußboden
zu befestigen. Ich brauche den Widerstand eines harten Untergrunds. Auf
dem Fußboden fühle ich mich wohler. Ich bin dem Bild näher,
mehr ein Teil von ihm, da ich auf diese Weise um es herumgehen, von allen
vier Seiten aus arbeiten und buchstäblich in ihm sein kann. Dies
hat Ähnlichkeit mit der Methode der indianischen Sandmaler des Westens.
Ich komme immer mehr von den üblichen Malutensilien wie Staffelei,
Palette, Pinsel usw. ab und benutze lieber Stöcke, Maurerkellen und
Messer, tropfe flüßige Farbe auf das Bild und trage dicke Farbschichten,
untermischt mit Sand, Glassplittern und anderen Fremdmaterialien, auf.
Wenn ich in meinem Bild bin, nehme ich nicht wahr, was ich tue. Erst nach
einer gewißen Zeit des gleichsam Vertrautwerdens sehe ich, in welche
Richtung ich gegangen bin. Ich scheue mich nicht, Änderungen vorzunehmen,
Ausgeführtes zu vernichten usw., denn das Bild hat sein eigenes Leben,
dem ich zum Durchbruch zu verhelfen versuche. Nur wenn ich den Kontakt
mit dem Bild verliere, kommt nichts dabei heraus. Sonst aber ist es die
reine Harmonie, ein müheloses Geben und Nehmen, und das Bild gelingt."3
Der Photograph Hans Namuth hat 1950 Pollocks Arbeitsweise in einem Film
und in einer inzwischen berühmt gewordenen Serie von Aufnahmen festgehalten
(Abb. 328). Diese zeigen die Direktheit, Konsequenz und extreme Radikalisierung,
mit denen der Amerikaner das surrealistische Postulat des psychischen
Automatismus bildnerisch verwirklicht. Pollock arbeitet mit dünnflüßigen
Farben und Industrielacken, mit Silber- und Aluminiumemulsionen, die er
mit tropfendem Pinsel oder aus einer durchlöcherten Büchse in
schwungvollen, rhythmischen Bewegungen auf die am Boden ausgespannte Leinwand
schleudert.
Derart entsteht auf riesigen Bildformaten ein dichtes polychromes Netz
sich durchdringender Spritzer, explosionsartiger Kleckse und erregter
Arabesken, das weder oben noch unten, weder Zeichnung noch Hintergrund
kennt und sich über den Bildrand hinaus unendlich fortzusetzen scheint
(daher die Bezeichnung Allover-Painting). Die derart aus dem
Raum auf die Leinwand geschleuderte Farbe bildet formale Muster, in denen
sich Absicht und Zufall zum Ausdruck einer intensiven, jedoch unpersönlichen,
ziellosen und anonymen Triebhaftigkeit verbinden (Abb. 329); diese Muster
eKünstler wie rzeugen eine völlig aperspektivische, sphärische
Räumlichkeit, die Pollocks Bildern eine unerhörte Weite und
ein grandioses, überindividuelles und unpsychologisches Pathos verleiht
(Abb. 332).
Die rhythmischen, labyrinthisch verschlungenen und wie im Rausch entstandenen
Drip-Paintings sind die ersten Beispiele einer Kunstrichtung,
für die der amerikanische Kunstkritiker Clement Greenberg den Ausdruck
Abstrakter Expressionismus geprägt hat. Dieser Begriff
schließt im heutigen Sprachgebrauch auch parallele europäische
Strömungen ein, die unter den Begriffen Lyrische Abstraktion,
Informel oder Tachismus bekannt geworden sind.
Sowohl in Amerika als auch in Europa zeichnen sich innerhalb des Abstrakten
Expressionismus zwei Richtungen ab: erstens eine gestische, Action
Painting genannte Malerei, bei der das Bild als Ganzes wie im Fall
von Pollock, zum sichtbaren Zeugnis des impulsiven und improvisierten
Malprozesses wird und als deren wichtigste Vertreter in Amerika neben
Pollock Franz Kline (1910-1962), Willem de Kooning (geb. 1904) und Robert
Motherwell (geb. 1915) zählen (Abb. 330-333), und zweitens eine Malerei,
in der große, unter Verzicht auf spezifische Formstrukturen plan
nebeneinander gesetzte Farbzonen Empfindungen des Unendlichen
und Unsagbaren ausdrücken. Die wichtigsten amerikanischen Vertreter
dieser zweiten Richtung, die sich später zum Color Field Painting
(Farbfeld-Malerei) entwickelt, sind Mark Rothko (1903-1970), Barnett Newman
(1905-1970) und Clifford Still (geb. 1904). Die Übergänge zwischen
den beiden Richtungen sind fließend.
Robert Motherwell, unter den Malern des Abstrakten Expressionismus der
eigentliche Theoretiker, stellt mit seinem zwischen 1948 und 1967 entstandenen,
über hundert Bilder umfassenden Zyklus Elegien an die Spanische Republik
das Bindeglied zwischen den beiden Richtungen dar. Seine Bilder weisen
eine lapidare Komposition auf und sind in ihrem Ausdruck individuell geprägt.
Dicht aneinander gedrängte, meist schwarze, flächig aufgetragene
Balken, Rechtecke, Kreise oder Ovale gliedern mit ihrem schwermütigen
Rhythmus und ihren dunklen Akkorden die großen, quergestellten weißen
Formate (Abb. 333). In der beherrschten Dramatik dieser Kompositionen
verbindet sich der aggressive Gestus von Pollock mit der souveränen
Ruhe Rothkos.
Rothkos Werk zeichnet sich ab 1947 durch die suggestive, hypnotische Wirkung
der Farbe aus; die Bildfläche wird in der Regel durch zwei, höchstens
drei breite, unscharf begrenzte farbige Felder unterteilt, die aus einem
monochromen Grund aufscheinen (Abb. 334). Auf den ersten Blick bilden
diese still in sich ruhenden, von einem geheimnisvollen Licht erleuchteten
Bilder, die aus nichts anderem als aus einem vielschichtigen Farbklang
bestehen, einen starken Gegensatz zur erregten Welt Pollocks; und doch
stimmen die beiden Künstler - und mit ihnen auch die anderen Vertreter
der beiden Richtungen des Abstrakten Expressionismus - in ihrer ideellen
Haltung weitgehend miteinander überein.
Sie kommen alle aus dem zeichenhaften Surrealismus und versuchen nun,
ihn in eine kosmische Dimension überzuführen. Sie streben alle,
jeder auf seine Art, nach einer Form der Selbstaufgabe, nach einer mystischen
Verschmelzung mit dem All (oder mit dem Bild, das dieses vertritt), und
bevorzugen dementsprechend Bildformate, deren immense Größe
alle anderen Einflüße auslöscht und den Betrachter überwältigt.
Ihre Kunst orientiert sich nicht mehr an der magischen Dingerfahrung ihrer
surrealistischen Vorbilder, sondern an den Ritualen der nordamerikanischen
Indianer, an der orientalischen und fernöstlichen Mystik und am Zen-Buddhismus.
Sie gilt nicht mehr der Ambiguität zwischen dem Belebten und dem
Unbelebten, die bei Gorky und Baziotes noch deutlich spürbar ist,
sondern jeweils einer der beiden möglichen Formen der mystischen
Erfahrung: der Ekstase des Rausches oder der mystischen Kontemplation.4
Gleichzeitig gilt diese Kunst dem Ausdruck innerer Befindlichkeit. Durch
die spontane und leidenschaftliche Hingabe an den Malakt suchen diese
Künstler mit der eigenen inneren Empfindung eins zu werden und diese
Einheit gleichzeitig bildnerisch zu verwirklichen. In diesem Sinn sagt
Franz Kline: "Der eigentliche Prüfstein eines Bildes - ob von
Ihnen, von mir oder wem sonst - ist: kommt das, was der Maler empfindet,
zum Ausdruck?"5 In dieser Betonung des Emotionalen, im Streben, eine
innere Befindlichkeit mit der größtmöglichen Unmittelbarkeit
und Authentizität auszudrücken und im unstillbaren Verlangen,
mit dem Weltganzen zu einer Einheit zu verschmelzen, lassen sich ohne
Mühe die Sehnsüchte und Ambitionen der Romantik wiedererkennen.
Dementsprechend schreibt Robert Motherwell in seinem Artikel What
abstract Art means to me: "[...] ich würde sagen, daß
es sich bei dieser um eine im Grunde romantische Reaktion auf das moderne
Leben handelt - rebellisch, individualistisch, unkonventionell, sensibel,
reizbar. Ich würde sagen, daß diese Einstellung aus einem Gefühl
der Unbehaustheit im Universum hervorgegangen ist - der Zusammenbruch
der Religion, der alten, eng verknüpften Gemeinschaft und Familie
mag etwas mit dem Entstehen dieses Gefühls zu tun haben. Ich weiß
es nicht. Aber was immer die Quelle dieser Empfindung des Unvermähltseins
mit dem Universum sein mag, jedenfalls glaube ich, daß man mit seiner
Kunst versucht, sich dem Universum zu vermählen, in dieser Verbindung
sich selbst zusammenzufügen [...] Die abstrakte Kunst ist ein Bemühen
darum, die vom modernen Menschen gefühlte Leere zu schließen."6
Die historische Bedeutung des Abstrakten Expressionismus gründet
darin, daß er der romantischen Lebenshaltung eine spezifisch moderne,
gleichsam unpersönliche Ausgestaltung verleiht. Die Sehnsüchte
und Leidenschaften der amerikanischen Künstler sind nicht mehr in
einem subjektiven Sinn zu verstehen; sie spiegeln sich weder in einer
verklärten Natur noch in der Darstellung exotischer Abenteuer, sondern
im malerischen Gestus und in der bildnerischen Vision, die im Zusammenwirken
reiner, d.h. ungegenständlicher Farben und Formen Gestalt annimmt.
"Die Natur, das bin ich!" sagt Pollock. Das Credo der Moderne
- die universale Geltung anonymer Naturkräfte - wird romantisch überhöht
und mit dem menschlichen Sein gleichgesetzt. Pollock ist der Delacroix,
Rothko der Caspar David Friedrich des 20. Jahrhunderts.7
Es sei noch kurz auf einen Nachfolger dieser Künstler hingewiesen,
der eine Mittelstellung zwischen den beiden Richtungen der ungegenständlichen
Romantik einnimmt. Der 1928 geborene Cy Twombly lernt während seines
Studiums am Black Mountain College (North Carolina) Robert Motherwell
und Franz Kline kennen; ab 1952 entwickelt er in New York eine eigene
gestische Malerei, in der er den Abstrakten Expressionismus seiner Dramatik
entkleidet: Er verzichtet auf die heroischen Gesten seiner Vorgänger
und ersetzt sie durch ein kaum sichtbares, spontanes, doch absichtslos
wirkendes, amorphes Gekritzel (Abb. 336). "Die Qualität des
Sich-Gehen-Lassens in seiner Zeichentechnik gibt uns oft das Gefühl,
daß der Künstler hier sein tiefstes Unbewußtes ausdrückt.",
schreibt Roberta Smith im Katalog zur Twombly-Ausstellung 1987 im Kunsthaus
Zürich, "Sein Werk erscheint so als das am weitesten vorangetriebene
Zeugnis des Automatismus und bringt Wirkungen zur Erfüllung, die
vor ihm bereits Miró und die Surrealisten gesucht haben. Man kann
ihn als den wahrhaftigsten aller Action Painters - wie die
Abstrakten Expressionisten oft genannt werden - nehmen, denn er konzipiert
die Leinwand oder das Blatt Papier wirklich als Arena, in der gehandelt
wird (Harold Rosenberg), in einer vollkommen direkten und unbefangenen
Art. Die jähe Vehemenz einiger Bilder von Twombly läßt
sein Werk sowohl als wilden, expressionistischen Ausbruch, als auch als
Affinität zur Art Brut sehen. Ihre ansprechende Schönheit jedoch
steht in Verbindung mit den Höhepunkten des Tachismus."8
Unter den vielen Nachfolgern des Abstrakten Expressionismus ist Twombly
zweifellos der einzige, dessen Werk dem seiner bedeutendsten Vorläufer,
Pollock und Kline, ebenbürtig ist.
Unter den Bezeichnungen Tachismus, Informel oder Lyrische Abstraktion
treten in Europa ähnliche Tendenzen auf, doch fehlt den Europäern
die unbekümmerte Direktheit, mit der ihre amerikanischen Kollegen
ans Werk gehen. Wir werden auf diese weniger radikale Variante des Abstrakten
Expressionismus in einem der nächsten Kapitel zurückkommen.
2. The medium is the message: der moderne Realismus
Die neue Künstlergeneration nach dem Abstrakten Expressionismus
wendet sich vom Pathos und der Willkür des individuellen Ausdrucks
ab und sucht ihre exhibitorischen Ambitionen an konkret faßbaren
und allgemeinverbindlichen Maßstäben zu orientieren; diese
Suche entwickelt sich in zwei unterschiedlichen Richtungen. Während
die ungegenständliche Kunst in den USA mit der Post Painterly Abstraction
und der Minimal Art, in Europa mit einem mathematisch ausgerichteten Konstruktivismus
auf den anonymen Eigenwert von Farbe, Form und Zahl zurückgreift
und daraus einen modernen Klassizismus entwickelt, vollziehen in New York
zwei junge Künstler, Jasper Johns und Robert Rauschenberg, einen
viel radikaleren Bruch mit der Tradition, indem sie sich wiederum der
sichtbaren Wirklichkeit des urbanen Alltags zuwenden. In ihrem Gefolge
tritt die Moderne mit der amerikanischen Pop Art und deren englischen
und kontinentalen Varianten in ihre realistische Phase.
Bevor wir uns den beiden großen Erneuerern zuwenden, will ich meine
Auffassung des Begriffs Realismus umschreiben und von derjenigen anderer
Autoren abgrenzen.
In seinem Aufsatz Realismus und Naturalismus (1959) wendet
sich Georg Schmidt gegen die Gleichsetzung der beiden Begriffe. Nach Schmidt
bezeichnet der Begriff Naturalismus eine gestalterische Technik, ein Stilmittel,
während unter Realismus in erster Linie eine geistige Haltung zu
verstehen ist, die er folgendermaßen umschreibt: "Der Gegensatz
von Realismus ist Idealismus. Realistische Malerei ist eine Malerei, der
es im weitesten Sinne um Erkenntnis der Wirklichkeit geht, und zwar nicht
nur der äußeren, sichtbaren, sondern auch der inneren, unsichtbaren
Wirklichkeit. Idealistische Malerei ist eine Malerei, der es nicht um
Erkenntnis, sondern um Erhöhung der Wirklichkeit geht. Der Maßstab
der realistischen Malerei ist ihr Wirklichkeitsgehalt im Sinne der sichtbaren
wie der psychischen Wirklichkeit. [...] Die Frage Realismus und Idealismus
ist in jedem Fall eine Frage der geistigen Gesinnung, nicht des künstlerischen
Mittels. Realistisch und idealistisch gesinnte Kunst kann es grundsätzlich
in jeder Zeit, ja im gleichen Künstler nebeneinander geben."9
Setzt man wie Georg Schmidt jede redliche Suche nach Erkenntnis mit Realismus
gleich, so wird dieser Begriff im Rahmen einer kunstgeschichtlichen Betrachtung
über Gebühr erweitert. Dies wird deutlich, wenn Georg Schmidt
die ungegenständliche Kunst des 20. Jahrhunderts - Kandinsky, Mondrian,
Peinture Informelle - lediglich deshalb, weil sie eine innere
Wirklichkeit vertrete, als Realismus bezeichnet, oder wenn er schreibt:
"Realismus ist das Sehen und Aussprechen der Widersprüche in
der gesellschaftlichen Struktur einer Zeit - zu deren Überwindung.
Idealismus ist die Statuierung einer Sphäre jenseits dieser Widersprüche
- zu deren Rechtfertigung und Erhaltung."10 Diese Einstufung geht
von einem positiv definierten Realitätsbegriff aus, der die wahre
Wirklichkeit von einer falschen, unechten Wirklichkeit abgrenzt; sie ist
gewissermaßen ideologisch bestimmt und letzten Endes Ausdruck eines
idealisierenden Denkens.
Demgegenüber gründet meiner Meinung nach die geistige Haltung,
durch die sich realistische Kunst auszeichnet, in der Skepsis gegenüber
jedem verabsolutierenden Wahrheitsanspruch und gegenüber jeder Form
idealisierender Übersteigerung, gleichgültig, ob diese Idealisierung
Prinzipien und Wertstrukturen oder die eigene Innerlichkeit und deren
Exhibition betrifft. Der realistische Künstler interessiert sich
für das Tatsächliche und Gegebene. Er will nicht bewerten, verändern
oder ausdrücken, sondern feststellen. Daß derartiges Feststellen
- man denke an Courbet oder Manet - von den Vertretern etablierter und
idealisierter Werte sehr oft als subversiv empfunden und dementsprechend
bekämpft angegriffen wird, ändert nichts an dessen grundsätzlicher
Sachlichkeit.
Diese Haltung (oder deren Vorherrschen) bildet die entscheidende Konstante
jeder realistischen Kunst, unabhängig davon, was diese jeweils als
tatsächlich und gegeben auffaßt. Jede Wirklichkeit ist relativ,
und läßt sich, auch wenn sie um ihrer selbst willen angegangen
wird, weder zweifelsfrei fassen noch objektiv definieren. Jedes Zeitalter
zeichnet sich durch seine eigene Vorstellung des Wirklichen aus; es ist
diese Vorstellung, die in der realistischen Phase der jeweiligen Entwicklungszyklen
künstlerisch Gestalt und Ausdruck findet. Nach unserer heutigen Auffassung
ist die Realität - und dies gilt für die physikalische Realität
ebenso wie für die psychologische - in ihrer Essenz nicht erkennbar.
Wir können zwar die Formen beschreiben, in der sie erscheint, die
Bestandteile aufzeigen, die sie ausmachen und deren gegenseitige Funktionen
und Beziehungen erklären. Und doch bekommen wir die Essenz dessen,
was wir dabei untersuchen, nicht zu fassen.
Diese Einsicht taucht in ihren Grundzügen bereits bei Immanuel Kant
auf und bildet einen zentralen Aspekt des philosophischen Systems von
Arthur Schopenhauer, der 1819 in seinem Hauptwerk die ganze Welt in ihrem
metaphysischen Gehalt, ihrem eigentlichen Wesen, als Wille, d.h. als sinnfreien
Daseinsdrang deutet, ihre erfahrbare, sichtbare Wirklichkeit jedoch als
Vorstellung oder Erscheinung des Subjekts versteht
(Die Welt als Wille und Vorstellung). Schopenhauers Auffassung
der Wirklichkeit beginnt sich im späten 19. Jahrhundert durchzusetzen
und übt einen nachhaltigen Einfluß auf das Denken des 20. Jahrhunderts
aus (Nietzsche, Freud).
Diese Verschiebung der Perspektive bleibt nicht auf die Geisteswissenschaften
beschränkt. Während Einstein mit seiner Relativitätstheorie
bereits 1906 die wissenschaftliche Hypothese des objektiven Beobachters
erschüttert, stößt die moderne Physik 1927 mit Heisenbergs
Unschärfe-Relation an eine grundsätzliche Grenze
ihrer Erkenntnismöglichkeiten: Der Versuch, gleichzeitig die Masse
und die Richtung beschleunigter Elementarteilchen zu bestimmen, erweist
sich als undurchführbar. Bestimmt man nämlich die Masse, so
verändert man damit die Richtung der Teilchen, und mißt man
deren Richtung, so beeinflußt man damit deren Masse. Um mikrophysikalische
Vorgänge zu bestimmen, muß man in diese eingreifen und verändert
damit deren Verlauf. Mit anderen Worten: Die Frage bestimmt die Antwort,
neutrale Beobachtung ist ein Ding der Unmöglichkeit.11
Diese Grundeinsicht bestimmt auch die künstlerische Entwicklung der
Moderne. Sie spiegelt sich nicht nur im kategorischen Verzicht auf die
objektiv richtige Darstellung der sichtbaren Wirklichkeit und die Ausbildung
einer völlig ungegenständlichen Kunst, sondern äußert
sich seit Duchamp vor allem auch durch das Ausmaß, in dem der Betrachter
in den schöpferischen Prozeß miteinbezogen wird. Diese Tendenz
prägt auch die realistische Kunst, die dem Abstrakten Expressionismus
folgt.
Künstler wie Johns und Rauschenberg oder die Vertreter der Pop Art
und des Nouveau Réalisme versuchen nicht, die Wirklichkeit selbst
wiederzugeben, sondern bemühen sich darum, unsere Wahrnehmung derselben
ins Bewußtsein zu heben und auf ihre (realen) Bedingungen zurückzuführen.
Während Seurat zu Beginn der Moderne die physikalischen Bedingungen
des Wahrnehmungsprozesses analysiert hat, wenden sich die Künstler
der realistischen Endphase der Moderne den psychologischen und geistigen
Aspekten unserer Wahrnehmung zu. Die unsichtbare Wirklichkeit,
um die es ihnen geht - die Wirklichkeit des Wahrnehmungsprozesses - wird
sowohl durch Seurat als auch durch Johns und Rauschenberg und deren Nachfolger
weder verkündet, noch ausgedrückt oder dargestellt, sondern
erfahrbar gemacht. Duchamps Wort "das Sehen sehen" bildet das
leitende Prinzip des modernen Realismus.
Die alltäglich sichtbare Wirklichkeit in der zweiten Hälfte
des 20. Jahrhunderts ist die der großstädtischen Konsumgesellschaft;
ihr Erscheinungsbild wird durch die industriellen Produktionsmittel, durch
Design und Werbung und durch die neuen Kommunikationsmedien geprägt.
Durch diese magischen Kanäle werden unzählige Bilder und Informationen
mit atemraubender Geschwindigkeit über die ganze Welt verbreitet.
Unser Bewußtsein und unsere Wahrnehmungsmodi werden in einem bisher
unbekannten Ausmaß durch Erfahrungen aus zweiter Hand, durch die
Gleichzeitigkeit und Vielschichtigkeit bereits verarbeiteter und manipulierter
Informationen bestimmt. "The medium is the message" - McLuhans
vielzitiertes Schlagwort umschreibt das zentrale Thema der künstlerischen
Versuche, dieser modernen Wirklichkeit habhaft zu werden.
Der moderne Realismus macht sich die Ikonographie der neuen Medien zu
eigen und übernimmt von diesen auch deren gestalterische Grundbedingung,
nämlich die der technischen Reproduzierbarkeit: Sein entscheidendes
Stilmittel ist das Zitat. Diese Kunst überschreitet alle bisherigen
medialen Grenzen. Malerei, Plastik, Fotografie, Schrift, Laut und Bewegung
stellen keine exklusiven gestalterischen Disziplinen mehr dar; sie treten
zueinander in Beziehung und beginnen sich zu überschneiden. Dabei
offenbaren diese Medien ihre zweifache Funktion: Sie sind sowohl Thema
als auch Gestaltungsmittel des neuen Realismus.
Diese Kunst hebt den festen Standpunkt des Betrachters auf; dieser hat
zwischen einer Vielfalt möglicher Betrachtungsweisen zu wählen
und muß selbst versuchen, sie miteinander zu einem sinnvollen Ganzen
zu verbinden. Duchamps Auffassung, es sei der Betrachter, der das Werk
vollende, wird durch den Realismus der Moderne in exemplarischer Weise
veranschaulicht. Dies soll am Werk von Jasper Johns deutlich gemacht werden.
Die Ambiguität des Wirklichen: Jasper Johns und Robert Rauschenberg
Fest entschlossen, Maler zu werden, kommt der zweiundzwanzigjährige,
in South Carolina aufgewachsene Jasper Johns 1952 nach New York. Während
er sich seinen Lebensunterhalt als Angestellter einer Buchhandlung verdient,
experimentiert er in seiner Freizeit mit den unterschiedlichsten Materialien
und Techniken, um sich über seine künstlerischen Absichten und
Möglichkeiten klar zu werden. Dabei schafft er Objekte, die von fern
an die geheimnisvollen Schachteln des amerikanischen Surrealisten Joseph
Cornell erinnern.
1954 stellt Johns seine Experimente unvermittelt ein; er zerstört
alle seine bisherigen Werke (mit Ausnahme von vier Arbeiten, die sich
zu jenem Zeitpunkt bereits in Privatbesitz befinden) und malt kurz darauf
das Bild Flag, die inzwischen berühmt gewordene Darstellung der amerikanischen
Flagge, mit der die künstlerische Entwicklung der Moderne in eine
neue Phase tritt.
In diesem Werk stellt Johns keine reale, an einem Mast hängende
oder gar im Wind flatternde Fahne dar; stattdessen überträgt
er das flächige Muster der Stars and Stripes unter sorgfältiger
Wahrung ihrer Farben und Proportionen direkt auf die Leinwand, und zwar
so, daß das Flaggenmuster mit dem Bildformat zusammenfällt,
mit diesem zur Deckung kommt. Er bildet die Flagge nicht ab, sondern macht
ein Bild, das gewissermaßen selbst zur Flagge wird (Abb. 338).
Sinn und Bedeutung dieses Werkes bleiben vorerst rätselhaft. Das
amerikanische Nationalemblem mag zwar für eine ganze Reihe abstrakter
oder konkreter Vorstellungsinhalte stehen, in diesem Bild werden sie jedoch
völlig ausgeblendet. Indem Johns die vertraute Erscheinung aus ihrem
üblichen Kontext löst und aus ihr ein Gemälde macht, entleert
er sie ihrer bisherigen Bedeutungen und stellt sie scheinbar um ihrer
selbst willen dar.
In ähnlicher Weise verfährt er mit den Vorlagen seiner nächsten
Bilder. Der Flag folgen die Targets (Zielscheiben), die Numbers (Zahlen)
und die Alphabets (Alphabete), wobei er jedes dieser Sujets in den unterschiedlichsten
Farbstellungen und Techniken abwandelt (Abb. 339, 340). Mit Canvas oder
Book (Abb. 341) beginnt er ab 1956 auch dreidimensionale Gegenstände
in seine Bilder zu integrieren und schafft schließlich, ausgehend
von den Abgüssen realer Objekte, mit den verschiedenen Varianten
von Flash Light (Taschenlampe) und Light Bulb (Glühbirne) eine kleine
Anzahl freistehender Skulpturen (Abb. 342-344).
Bei oberflächlicher Betrachtung scheint Johns mit all diesen Werken
die Geste des Readymades zu wiederholen. Doch unterscheidet sich sein
Vorgehen in wesentlichen Punkten von demjenigen Duchamps. Während
dieser ein vorfabriziertes Objekt lediglich ausgewählt und als Kunstwerk
erklärt hat, nutzt Johns die mit der amerikanischen Flagge, den Zahlen,
Buchstaben, Taschenlampen oder Glühbirnen vorgegebenen Zeichen oder
Gestalten als Modelle für das eigene Werk.
Die übernommene Ikonographie erfüllt innerhalb seines Werkes
bestimmte bildnerische, psychologische und geistige Funktionen, die ich
im Folgenden erörtern werde. Vorerst sei Johns eigene Erklärung
zitiert: "Die Verwendung der amerikanischen Flagge nahm mir manches
ab, denn ich mußte ihre Form nicht mehr entwerfen. So fuhr ich fort
mit ähnlichen Dingen, wie die Zielscheiben - mit Dingen, die man
schon kennt. Dies gab mir die Möglichkeit, auf anderen Ebenen zu
arbeiten."12
Der erste Hinweis auf diese anderen Ebenen, d.h. auf das eigentliche Anliegen
des Künstlers, findet sich in der besonderen malerischen Technik.
Johns arbeitet mit Enkaustik, einem Verfahren, bei dem Wachs als Bindemittel
verwendet und, mit Farbpigment und Collageelementen (z.B. Zeitungsschnitzeln)
vermischt, heiß auf den Malgrund aufgetragen wird. Das erkaltete
Wachs hebt sich dabei als dünne Schicht von seiner jeweiligen Unterlage
ab und vermittelt durch seine greifbaren Unebenheiten den suggestiven
Eindruck des Gemachten. Die sinnliche Qualität dieses Farbauftrags
steht in auffallendem Gegensatz zum gewohnten Erscheinungsbild von Zahlen,
Buchstaben, Zielscheiben oder der amerikanischen Flagge; Johns zerstört
die durch die industrielle Produktion bedingte Perfektion dieser Zeichen
und Embleme und hebt sie damit auf eine andere Bedeutungsebene.
Johns ikonographische Vorlagen sind Allgemeingut, Bestandteil des kollektiven
Bewußtseins, in dem sie als Matern oder Clichés, im Sinn
von optischen Begriffen wirksam sind. Sie stellen die negative
Gußform dar, der z.B. jede spezifische Zahl 3 oder jede Glühbirne
entstammt. Ein derartiger Gestalt-Begriff ist zwar Voraussetzung jeder
daraus gegossenen Gestalt, bleibt aber immer negativ, kann
nie selbst diese positive Gestalt sein. Alle aus derselben Mater gegossenen
Gestalten tragen deren unverwechselbare Charakteristika und sind darin
einander gleich, doch ist jede gleichzeitig auch einmalig, durch ihr spezifisches
Hier- und Jetzt-Sein von allen anderen verschieden. In Johns Werken wird
diese üblicherweise kaum wahrgenommene Ambiguität unmittelbar
und intensiv erfahren.
Das Muster der amerikanischen Flagge oder die Form einer Zahl sind uns
so vertraut, daß wir sie üblicherweise wahrnehmen, ohne sie
zu sehen, d.h. ohne uns ihrer Gestalt als solcher bewußt zu werden.
Wir erleben sie lediglich als abstraktes Zeichen oder als Hieroglyphe.
In Johns Bildern werden diese abstrakten Zeichen auf Grund ihrer Machart
zu einer konkreten Wirklichkeit. Doch hören sie deshalb nicht auf,
unabhängig von dieser Wirklichkeit weiterhin als abstrakte Vorstellungen,
als Clichés zu existieren. Bei der Betrachtung seiner Bilder und
Plastiken können wir uns dem Eindruck des Gemachten, den der Duktus
seiner Gestaltungen in uns erzeugt, nicht entziehen; doch ebensowenig
können wir den Eindruck des Bekannten, des Vorgegebenen, des Déjà
vu abwehren. Seine Kunst bewegt sich immer an der Grenze zwischen
Wirklichkeit und Vorstellung.
Dementsprechend sind Johns' Flaggen, Zahlen, Targets und Alphabete immer
sowohl als auch: sowohl einmalig als auch allgemein, sowohl kollektiv
als auch individuell, sowohl vertraut als auch überraschend, sowohl
alltäglich als auch exklusiv. Statt Reales darzustellen, scheinen
sie mit diesem zusammenzufallen; und gerade damit vermitteln sie Einsicht
in die Bedingtheit und Fragwürdigkeit jeder Wirklichkeit.
Johns' Bilder leben von der dialektischen Spannung zwischen der in unserem
Bewußtsein negativ, (als Mater) vorgegebenen Gestalt und ihrer durch
den schöpferischen Akt geschaffenen, positiven und konkret einmaligen
Wirklichkeit. Doch lassen sie nicht nur das Wesen dieser Spannung zwischen
einem allgemeinen und einem individuellen Prinzip, zwischen Ordnung und
Spontaneität, zwischen Struktur und Dynamik sichtbar werden, sondern
verbinden diese beiden Pole zur Synthese einer integralen und unteilbaren
künstlerischen Erfahrung. Der Realismus von Jasper Johns gründet
nicht in seiner Ikonographie, sondern in der spezifischen Bedeutung, die
er dieser zumißt. Die Wirklichkeit, die er mit seinen optischen
Begriffen angeht, ist die der Grenze zwischen Bild und Abbild. So
wie beispielsweise ein Essayist mit den Mitteln der Sprache über
Sprache nachdenkt, so reflektiert Johns mittels Bildern über den
bildnerischen Akt. Als Bilder von Bildern vermitteln seine Werke Einsicht
in die Bedingungen jeder Sprache; ihr Thema ist das Phänomen der
künstlerischen Wahrnehmung. Diese Thematik wird sachlich und wertneutral
dargestellt und findet damit Gestalt und Ausdruck im Sinn des Realisten.
Sinn und Bedeutung dieser Bilder sind jedoch damit nicht erschöpfend
gedeutet. Wie jedem Künstler geht es Johns nicht bloß um eine
erkenntnistheoretische oder philosophische Einsicht, sondern darum, seinem
Selbst Gestalt und Ausdruck zu verleihen. Es ist zugegebenermaßen
nicht leicht, in seinen Flaggen, Zahlen oder Alphabeten diese Absicht
zu erkennen; doch weisen die Kohärenz, die geistige Klarheit und
die malerischen Qualitäten dieser Bilder auf exhibitorische Ambitionen
und idealisierte Strukturen hin, nur fehlt diesen jede persönliche
Ausprägung. Sie spiegeln weder den Glauben an eine Idee,
an einen letzten Sinn menschlichen Seins, noch geben sie die innere Befindlichkeit
des Künstlers preis.
Johns steht vor allem dem emotionalen Pathos des Abstrakten Expressionismus
skeptisch gegenüber. "I don't want my work to be an exposure
of my feelings" (Mein Werk soll keine Bloßlegung meiner Gefühle
sein).13 So wird seine Malerei zum Zeugnis eben dieser Verweigerung: Der
Künstler zieht seine Besetzungen vom Es und vom Über-Ich ab
und richtet sie auf das Ich, d.h. auf die neutralen Ziele
und Strukturen der vermittelnden, synthetischen Instanz der Psyche.14
Die Werte und Ambitionen, die in Johns Kunst Ausdruck finden, sind unpersönlicher
Art. Er strebt das Wirkliche, das Wahre und das Richtige an.
Sowohl diese Verweigerungshaltung als auch die reich differenzierte
malerische Textur, mit der Johns jede seiner Flächen mit rhythmischem
Leben erfüllt, erinnern stark an Cézanne. So vergleicht Crichton
ein Apfelstilleben dieses Meisters mit dem Bild Figure 7 von Johns und
schreibt: "Cézanne malte sieben Äpfel, Johns malt bloß
7"15. Doch stehen Cézannes Äpfel pars pro toto für
die Natur, für die universale Gesetzmäßigkeit, die allem
Sein zugrundeliegt; seine Ambition besteht darin, diese Gesetzmäßigkeit
in der sichtbaren Erscheinung aufzuzeigen und deren bildnerisches Äquivalent
zu schaffen.
Demgegenüber hat Johns den Glauben an eine universale Gesetzmäßigkeit
(oder richtiger: an die Möglichkeit ihrer Erkenntnis) verloren und
ist auch nicht mehr willens, wie die Abstrakten Expressionisten die eigene
Emotion zu idealisieren. Will er seine künstlerische Integrität
nicht verlieren, so darf er seinem Skeptizismus, seinem negativ definierten
Glauben (d.h. seiner Überzeugung, daß sich die Wahrheit
unserem Zugriff entzieht), nicht untreu werden. Dies setzt seinen gestalterischen
Möglichkeiten enge Grenzen.
Insofern die Dialektik des schöpferischen Prozesses eine geistige
und gestalterische Herausforderung, d.h. einen Auftrag voraussetzt, an
dem sich die exhibitorischen Ambitionen des Künstlers entzünden
können, braucht Johns einen Auftrag, der ihm einerseits kein positives
Glaubensbekenntnis abverlangt, sondern ihm erlaubt, den Platz des Geglaubten
leer zu lassen, der ihm (und seinen gestalterischen Ambitionen) andererseits
jedoch trotzdem mit festen, objektiven und verbindlichen Forderungen entgegentritt.
Nur so kann Johns seiner Skepsis Ausdruck, und seinen Werken die Würde
der Dauer verleihen.
Er sucht eine wertfreie Verbindlichkeit und findet sie in der neutralen
Struktur von Zeichen und Emblemen, deren typische, klar definierte und
allgemeingültige Gestalten zu Repräsentanten des Objektiven
und Verbindlichen, zu Vertretern von Maß und Ordnung werden. Die
Anonymität und die vordergründige Bedeutungslosigkeit dieser
Ikone erlaubt es ihm, seine gestalterischen Ambitionen zu verwirklichen,
d.h. seine malerische Virtuosität, seinen Erfindungsreichtum und
seine sinnliche Lust am schöpferischen Prozeß zur Schau zu
stellen, ohne sich selbst untreu zu werden. Die nebenstehend abgebildeten
Varianten seiner Flagge zeigen nicht nur den unerwarteten Reichtum an
gestalterischen Möglichkeiten, die Johns aus ihrem banalen Muster
zieht; sie drücken auch die Bedingungen und psychischen Voraussetzungen
ihrer Entstehung aus, die der Künstler in einem einzigen Satz zusammenfaßt:
"I am just trying to find a way to make pictures." ("Ich
suche bloß einen Weg zu finden, um Bilder zu machen.")16 (Abb.
345, 346).
Rückblickend wird klar, in welchem Maß ihm dies gelungen ist.
Mit ungewöhnlicher Erfindungsgabe und mit unerbittlicher Logik hat
Johns in knapp vier Jahren aus einem Einfall ein umfassendes
und kohärentes malerisches uvre geschaffen. Dabei hat er gleichzeitig
die ideellen und gestalterischen Prinzipien entwickelt, an denen sich
eine neue Künstlergeneration orientieren sollte.
Während dieser Zeit lebt der junge Amerikaner völlig zurückgezogen
in einer Loft an der Pearl Street im unteren Teil von Manhattan. Der um
fünf Jahre ältere Maler Robert Rauschenberg, der im selben Gebäude
wohnt, nimmt als einziger an seiner Arbeit Anteil.
Im Gegensatz zu Johns ist Rauschenberg offen, kontaktfreudig und extrovertiert;
unter seine vielen Freunde zählt er den Komponisten John Cage und
den Tänzer und Choreographen Merce Cunningham; er hat mehrere Ausstellungen
sowie einen Artikel im Time Magazine hinter sich und gilt
schon um diese Zeit als das Enfant Terrible der jungen amerikanischen
Malerei. Diesen Ruf verdankt er seinen vielfältigen und unkonventionellen
Experimenten, unter denen die 1952 entstandenen monochromen Bildtafeln,
die White Paintings und Black Paintings (Abb. 347), und seine aus Erde
und Pflanzen gebildeten Dirt Paintings das größte Aufsehen
erregen.
Als Johns ihn kennenlernt, arbeitet Rauschenberg an seinen sogenannten
Combine Paintings. Für diese montiert er eine Vielfalt unterschiedlicher
objets trouvés, Fragmente der Alltagswirklichkeit wie
abgerissene Plakatfetzen, Ausschnitte von Zeitungen oder Zeitschriften,
Fotografien, Etiketten, Straßenzeichen oder sonstige Schrifttafeln,
dreidimensionale Objekte wie Kessel, Türen oder Autoreifen, weiche
Gebrauchsgegenstände wie Kissen und Decken, Schuhe oder Hüte
zu großformatigen Assemblagen, die er anschließend ganz oder
nur stellenweise mit billiger Industriefarbe auf brutalste Weise, scheinbar
ohne jede ästhetische Absicht übermalt (Abb. 348, 350).
Ab 1956 treten seine Arbeiten wieder in die Fläche zurück. Auf
großen, teilweise leergelassenen Bildformaten alternieren aufgeklebte
Schrift- und Plakatfragmente, Fotos und Zeitungsausschnitte mit gezielten,
spontanen malerischen Eingriffen, deren triebhafte Intensität an
die Malerei des Abstrakten Expressionismus erinnert (Abb. 349).
1958 beginnt Rauschenberg, mit einem einfachen Transfer-Verfahren Fotografien
aus Zeitungen oder Zeitschriften direkt auf die Bildfläche zu übertragen;
ab 1960 verwendet er schließlich die Technik des Siebdrucks, die
es ihm erlaubt, die entsprechenden Reproduktionen zu vergrößern
(oder zu verkleinern) und sie auch farbig in jeder erdenklichen Weise
zu manipulieren. Aus dieser Kombination von Druck- und Maltechnik entwickelt
er einen neuen Bildtypus, der aus einer Montage sich gegenseitig überschneidender
und durchdringender Bildfragmente besteht. Schriften, Gemäldereproduktionen,
technische Diagramme, Fotografien von Menschen, Maschinen, Fahrzeugen
oder Gebäuden verbinden sich auf der Bildfläche mit malerischen
Gesten, Spritzern oder hingeschmierten Farbflecken. Durch den dauernden
Wechsel ihrer Dimensionen, Blickpunkte oder Seinsebenen erzeugen diese
Bildfragmente eine aperspektivische Räumlichkeit, die Rauschenbergs
Bildern die unerhörte Weite und Grandiosität verleiht, der wir
bereits bei Pollock begegnet sind (Abb. 351).
In diesen Werken findet die futuristische Vision einer sich durchdringenden
Welt (die Boccioni in seinem Technischen Manifest der Futuristischen
Malerei heraufbeschwört, ohne in der Lage zu sein, sie als
Maler künstlerisch zu realisieren) zum ersten Mal eine bildnerische
und damit wirklich zeitgenössische Ausgestaltung. Anders als die
Futuristen, die den strukturellen Wandel, der sich in Wissenschaft und
Technik, in Wirtschaft und Politik, und ganz allgemein im menschlichen
Bewußtsein vollzogen hat, idealisieren, nimmt Rauschenberg diesen
Wandel als wertfreie Tatsache, als objektive Gegebenheit an; während
ihn die Futuristen illustrieren, unternimmt es Rauschenberg, ihn in seinem
eigenen technischen und gestalterischen Vorgehen nachzuvollziehen. Er
erfaßt die visuelle Erfahrung des urbanen Menschen strukturell,
indem er die Voraussetzungen und Bedingungen der neuen Wahrnehmungsweise
stilistisch verdichtet. Die bildnerischen Elemente seiner Gestaltungen
sind nach keinem hierarchischen Prinzip geordnet, jedes Detail ist gleichermaßen
bedeutungsvoll. Die Komposition ist dementsprechend additiv und auf keinen
Höhepunkt ausgerichtet. "There is nothing that everything is
subservant to".17
Dies ist nur einer der vielen Aspekte, die Rauschenbergs Bilder mit denjenigen
von Jasper Johns gemeinsam haben. Die Einbeziehung des Alltäglichen,
die Verwischung des Unterschiedes zwischen Vorgefundenem und Gestaltetem,
die Spannung zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, der Verzicht auf jeden
subjektiven, emotionalen Ausdruck und die Sattelstellung zwischen Duchamp
und dem Abstrakten Expressionismus bilden die weiteren Merkmale, welche
die Malerei der beiden Freunde miteinander verbindet und von der damals
etablierten Kunstauffassung abgrenzt. Die beiden Outsider sehen sich täglich,
diskutieren miteinander ihre Arbeit und finden dabei den für ihre
Entwicklung notwendigen Widerhall. "Wir gaben uns gegenseitig die
Erlaubnis zu machen, was wir wollten", kommentiert Rauschenberg rückblickend
ihre damalige Beziehung.18
Durch ihn lernt Johns 1957 den Galeristen Leo Castelli kennen, der im
folgenden Jahr die erste Einzelausstellung des bis dahin völlig unbekannten
Künstlers veranstaltet. Die Ausstellung, auf der Johns seine Flaggen,
Zielscheiben, Zahlen und Alphabete zeigt, wird zu einem sensationellen
Erfolg. In wenigen Tagen sind die meisten Werke verkauft; zu den Käufern
zählen nicht nur so prominente Sammler wie Johnson und Rockefeller,
sondern auch das Museum of Modern Art, dessen Leiter Alfred
Barr gleich drei Bilder erwirbt. Da Künstler und Kunstkritiker jedoch
mehrheitlich ablehnend reagieren, lösen Johns spektakulärer
Auftritt und der Ankauf durch das MoMA vorerst die heftigsten Kontroversen
aus.
Um diese Kontroversen zu verstehen, muß man sich die kulturelle
Situation der späten fünfziger Jahre vergegenwärtigen.
Zwar steht die New Yorker Kunstwelt immer noch im Bann des Abstrakten
Expressionismus und versteht diesen als die einzige mögliche Art
moderner Malerei; doch gleichzeitig läßt diese Kunstrichtung
ihre ersten Ermüdungserscheinungen erkennen. Die Nachfolger Pollocks
und De Koonings sind ganz offensichtlich nicht in der Lage, die Malerei
ihrer Vorbilder zu vertiefen oder weiterzuentwickeln und überschwemmen
stattdessen den Kunstmarkt mit zweitrangigen, bestenfalls routiniert ausgeführten
Werken, in denen die expressive Geste ihre bisherige existentielle Bedeutung
und damit auch jede Glaubwürdigkeit verliert. So beginnt sich in
progressiven Kunstkreisen trotz der noch anhaltenden Glorifizierung des
Abstrakten Expressionismus das Bedürfnis nach erneuter Stimulierung,
das Bedürfnis nach einer neuen künstlerischen Provokation zu
regen.
Johns' originelle, selbstsicher und souverän gemalte Bilder bieten
nicht nur eine Alternative zum Abstrakten Expressionismus an, sondern
führen auch den erkennbaren Gegenstand wieder in die Malerei ein.
Dies wirkt zu jener Zeit ebenso sensationell wie zehn Jahre früher
die entschiedene Hinwendung zur Ungegenständlichkeit. Die leichte
Reproduzierbarkeit und der Neuigkeitswert der bei Castelli ausgestellten
Arbeiten erlauben deren rasche Verbreitung durch die Massenmedien und
tragen wesentlich dazu bei, daß der junge Künstler über
Nacht zum internationalen Star wird. 1959 schreibt Time Magazine:
"Jasper Johns, 29, ist der nagelneue Liebling der Kunstwelt, ihrer
gescheiten und anspruchsvollen Avantgarde. Vor einem Jahr war er noch
praktisch unbekannt; inzwischen hat er eine völlig ausverkaufte Ausstellung
in Manhattan gehabt, hat in Paris und Mailand ausgestellt, hat als einziger
Amerikaner einen Kunstpreis am 'Carnegie International' gewonnen und hat
es erlebt, daß das Museum of Modern Art in New York drei seiner
Bilder gekauft hat."19
In diese Zeit fällt Johns intensive Beschäftigung mit dem
Werk und der Person Marcel Duchamps. Nach Johns eigenen Angaben war ihm
das Schaffen des legendären Franzosen bisher nur oberflächlich
bekannt; er beginnt sich erst dafür zu interessieren, als er nach
der erfolgreichen Ausstellung bei Castelli von vielen Kritikern als Neo-Dadaist
bezeichnet wird. Ende 1958 vertieft er sich in Motherwells Anthologie
The Dada painters and poets, sieht sich im Museum von Philadelphia
die große Duchamp-Sammlung der Arensberg an und liest Robert Lebels
eben erschienene Monographie über Duchamp. Durch John Cage lernt
er 1959 den Erfinder des Readymades schließlich persönlich
kennen.
Die vielfältigen Entsprechungen zwischen den beiden Künstlern
sind offensichtlich; doch bestehen zwischen ihnen auch wesentliche Unterschiede.
Auch Johns ist ein Skeptiker, auch er läßt den Platz des Geglaubten
leer; im Gegensatz zu Duchamp mißt er jedoch dem materiellen Schöpfungsakt
die größte Bedeutung zu. Statt einen gefundenen Gegenstand
als Kunstwerk zu erklären, schafft er Bilder und Plastiken, die sowohl
Objekt als auch Werk sind. Die Ambiguität des Realen findet bei ihm
bildnerische Gestalt.
Die beiden Künstler gehen von verwandten geistigen Voraussetzungen
aus, doch ziehen sie aus diesen gegensätzliche Schlußfolgerungen.
Beiden gelingt schon zu Beginn ihrer Laufbahn der geniale Wurf, mit dem
sie ihrem künstlerischen Credo exemplarische Gestalt verleihen. In
der Geste des Readymades und dem Bild der amerikanischen Flagge finden
die jeweiligen Aussagen der beiden Künstler eine derartige Verdichtung,
die sich zwar variieren, doch kaum mehr steigern lassen. Die schöpferische
Weiterentwicklung ihres erfolgreichen Konzepts wird zu einem entscheidenden
Problem, das die beiden mit den meisten konzeptionellen Künstlern
teilen: In dem Maße, als das Konzept zum eigentlichen Träger
der Aussage wird, droht das Interesse an seiner jeweiligen Verwirklichung
sowohl beim Künstler als auch beim Betrachter nach kurzer Zeit zu
erlahmen. Diese Ermüdungserscheinung wird bei einem erfolgreichen
Künstler durch die Wirkung der Massenmedien, die sich seiner annehmen,
zusätzlich verschärft. Die weltweite Verbreitung seiner Werke
beschleunigt deren Rezeption und treibt den Künstler zu dauernder
Erneuerung; da sein größter Erfolg den Maßstab für
alle weiteren setzt, wird er dabei oft überfordert.
Duchamp, der Erfinder des Readymades, ist diesem Schicksal dadurch entgangen,
daß er sich dem Schachspiel zugewandt hat. "Ich hätte
zwanzig Dinge pro Stunde auswählen können", sagt er in
Bezug auf das Readymade, "aber sie hätten schließlich
alle genau gleich ausgesehen. Das wollte ich absolut vermeiden."20
In seinem Fall ist diese Verweigerung paradoxerweise Teil des Werkes,
nicht dessen Ende; sein Werk ist eine Idee, die sich im Mythos seiner
Person verdichtet. Duchamps Schweigen wird nicht, wie Beuys meint, überschätzt,
sondern bestenfalls mißverstanden.
Im Gegensatz zu Duchamp, dem Erfinder, ist Johns jedoch ein Handwerker.
Er reagiert anders auf die Herausforderung, die sein eigenes Werk für
ihn darstellt. So jedenfalls kommentiert er seine ersten Versuche, das
Thema der Flagge weiterzuentwickeln: "Es wurde eher eintönig,
Flaggen auf ein Stück Leinwand zu malen, und ich wollte etwas hinzufügen,
- die Grenzen der Flagge überschreiten, und einen anderen Bildraum
haben.".21 Diese drei Ziele - dem Bisherigen etwas hinzuzufügen,
die Grenzen seiner ersten Erfindung zu überschreiten, einen anderen
Bildraum zu schaffen - bestimmen den weiteren Verlauf seiner künstlerischen
Entwicklung, die sich damit in grundsätzlicher Weise von derjenigen
Marcel Duchamps unterscheidet.
Die Schaffensphase von 1954-60, in der Johns moderner Realismus
mit den Flaggen, Zahlen, Alphabeten, Glühbirnen und Taschenlampen
seine reinste, vollkommenste und eigenwilligste Ausgestaltung findet,
läßt sich innerhalb seines Gesamtwerkes insofern als klassisch
(d.h. als klassischer Realismus) bezeichnen, als sie den festen Bezugspunkt
für sein weiteres Schaffen bildet; das gesamte spätere Werk
läßt sich als Auseinandersetzung mit den entscheidenden Entdeckungen
dieser ersten Jahre verstehen. Diese Bedingtheit durch das eigene klassische
Vorbild setzt bei Jasper Johns auf individueller Ebene eine psychische
Dynamik in Gang, die in vielen Aspekten mit derjenigen übereinstimmt,
die, wie wir gesehen haben, den zyklischen Entwicklungsverlauf ganzer
Zeitalter bestimmt [siehe Seite __].
Dem fast gänzlich zerstörten archaischen Frühwerk der surrealistischen
Objekte, und den Arbeiten, die ich soeben als klassisch bezeichnet habe,
folgt im Werk Jasper Johns eine barocke Phase, die sich durch überbordende
Vitalität, durch Witz und Humor, Experimentierfreudigkeit und malerischen
Reichtum auszeichnet.
Hielt sich seine Malerei bisher an die klar definierte formale Struktur
seiner vorgegebenen Gestalten, so befreit sie sich 1959 mit dem Bild False
Start, dessen Titel auf die vorangegangene Werkphase Bezug zu nehmen scheint,
von jedem äußeren Zwang. Die Farbe gewinnt eine völlig
autonome Bedeutung. Spontane, heftig gesetzte Pinselstriche bedecken die
ganze Bildfläche mit einer rhythmischen Struktur blauer, gelber und
roter Farbflächen. Auf diesen bringt Johns mit Hilfe einer Schriftschablone
Farbbezeichnungen an, deren Gültigkeit dadurch in Frage gestellt
wird, daß sie in den meisten Fällen zur Farbe der jeweils bezeichneten
Fläche in Widerspruch stehen: So wird z.B. eine blaue Fläche
mit roter Schrift als gelb bezeichnet, während eine gelbe
Fläche in schwarzen Lettern die Bezeichnung rot trägt.
Mit Jubilee steigert Johns seine paradoxe Aussage, indem er dieselben
Farbbezeichungen auf einem Bild anbringt, das ausschließlich in
schwarzen, grauen und weißen Tönen gehalten ist (Abb. 353).
Die Verbindung von Malerei und Schrift wird in den folgenden Bildern immer
freier. Das exhibitorische Moment tritt immer stärker hervor, die
Gestaltung wird immer formloser und nähert sich der Allover-Malerei
des Abstrakten Expressionismus.
Mit der Einführung realer Objekte in das Bild tritt zu Beginn der
sechziger Jahre eine neue Wende in Johns Schaffen ein. Seine Bilder gelten
jetzt nicht mehr einem einzelnen Motiv, sondern verbinden, in der Art
der Combine-Paintings seines Freundes Rauschenberg, rein malerische Textur
mit grafischen und typografischen Elementen, mit handgeschriebenen Notizen
und mit realen Objekten (Abb. 354, 355). Johns beginnt, seine bisherige
sachlich realistische und analytische Haltung zugunsten einer hermetischeren
Malerei aufzugeben, in der Zitate aus früheren Werken und subjektive
Referenzen einen immer größeren Raum einnehmen. Viele Kritiker
verstehen diese Bilder mit ihren negativen oder anklägerischen Titeln
(No, Liar, Good time Charley, Fools house etc.) als Ausdruck einer tiefgreifenden
Krise des Künstlers. Max Kozloff schreibt: "Man hat unausweichlich
den Eindruck einer zerbrochenen Welt, des lärmigen und ungestümen
Zerstampfens eigener Erfahrung... Aus diesen Arbeiten spricht eine unterschwellige
Verzweiflung."22 Johns selbst äußert sich Crichton gegenüber
ebenfalls in diesem Sinn; er habe das 1963 entstandene Bild Land's End
deshalb so genannt, weil er das Gefühl hatte, einen Punkt erreicht
zu haben, wo er keinen Boden mehr unter den Füßen spürte
("where there was no place to stand")23 ... einen Punkt, wo
nichts mehr sicher, wo alles durch das Denken verwirrt sei. Damit weist
Johns indirekt darauf hin, daß die Problematik des schöpferischen
Prozesses selbst weiterhin das zentrale Thema seiner Arbeit bildet; nur
sieht er diese jetzt unter einem veränderten Blickwinkel.
Diese Veränderung steht im Zeichen Marcel Duchamps. Die Bedeutung,
die Duchamp für die weitere Entwicklung von Jasper Johns zukommt,
zeigt sich nicht nur in den immer häufigeren doppelsinnigen Titeln
(z.B. 4 the news) und im zunehmend rätselhaften Charakter der Bilder
dieser Zeit, sondern auch in vielen direkten Hinweisen.
Der deutlichste findet sich im repräsentativsten Werk dieser Schaffensperiode,
dem 1964 entstandenen According to what (Abb. 355). Dieses fast 5 Meter
breite Bild (Johns bisher größtes Format) vereinigt im Sinn
einer Rekapitulation den größten Teil der Bildelemente, die
Johns seit 1960 in verschiedenen Bildern jeweils einzeln verwendet hat:
einen Küchenschemel mit dem aufgeschnittenen Abguß eines Beines,
den Siebdruck mehrerer Zeitungsseiten, ausgestanzte, freistehende und
farbig bemalte Holzbuchstaben, welche die Worte RED, YELLOW und BLUE ergeben,
eine Skala farbiger Kreise, einen Kleiderbügel und einen an einem
Draht befestigten Löffel. Titel und Signatur des Werkes figurieren
auf einer kleinen Leinwand, die mit Scharnieren am unteren Bildrand befestigt
ist. Klappt man sie auf, so entdeckt man auf deren Rückseite das
Profil Marcel Duchamps, der damit als der verborgene Mentor des Werkes
vorgestellt wird. In diese Richtung deutet auch Johns vielzitierte Erklärung
zu seinem Werk: "Das Bild entstand mittels unterschiedlicher Arten,
etwas zu machen, unterschiedlicher Arten des Farbauftrags, sodaß
die Sprache irgendwie unklar wird. Wenn man bei allem, was man tut, konsequent
denselben Standpunkt einnimmt, dann kann alles auf diesen bezogen werden.
Fehlt jedoch ein Punkt, auf den sich alles bezieht, so hat man eine andere,
unklare Situation. Das war meine Idee [...] Alles ändert sich in
Bezug auf etwas, und ich versuchte eine Situation zu schaffen, die den
Dingen erlaubt, sich zu ändern."24
Mit dem Verzicht auf die verbindlichen Strukturen seiner ersten anonymen
Vorlagen hat Johns nach einem kurzen barocken Feuerwerk seine bildnerische
und geistige Orientierung verloren; Duchamps Meta-Ironie bleibt ihm ebenfalls
verschlossen. Johns stellt weiterhin die Fragen, auf deren Beantwortung
der Franzose längst verzichtet hat: Er versucht Ursprung, Sinn und
Bedeutung seiner bisherigen Arbeit zu ergründen. Doch ohne Erfolg:
According to what deckt die Wirklichkeit eines von der Fragmentierung
bedrohten Selbst auf. Johns begegnet seiner Krise in zweifacher Weise:
erstens, indem er sein gesamtes bisheriges Werk unter Anwendung komplizierter
und arbeitsintensiver Verfahren sowohl grafisch (Graphit, Kohle, Kreide,
Tusche und farbige Tinte) als auch druckgrafisch (Lithographie, Radierung
und Aquatinta) Stück für Stück aufarbeitet, (wobei er es
in der Druckgraphik in reduziertem Maßstab geradezu kopiert); und
zweitens, indem er in seiner seltener werdenden Malerei immer häufiger
auf frühere Motive zurückgreift, die er oft in kaum veränderten
Fassungen wiedergibt.
In den siebziger Jahren entwickelt er schließlich mit den sogenannten
Cross-hatchings (auf deutsch etwa: Kreuz-Schraffuren) ein
bildnerisches Prinzip, nach dem er eine große Reihe völlig
ungegenständlicher Bilder schafft (Abb. 356). Mit diesen Kompositionen,
die eine anonyme, doch objektiv verbindliche Wertstruktur vertreten und
sich durch Disziplin und den malerischen Reichtum ihrer Ausführung
auszeichnen, kehrt Johns, wie zur Zeit seiner Flaggenbilder, wieder zur
Sicherheit einsehbarer und bindender Wertmaßstäbe zurück.
Innerhalb seiner individuellen Entwicklung vertritt diese Werkgruppe,
zusammen mit seinen druckgrafischen Arbeiten, die klassizistische Rückbesinnung
auf einen verbindlichen Kanon, die Rückbesinnung auf seine klassische
Epoche.
In den achtziger Jahren wendet sich Johns schließlich einer symbolistischen
Malerei zu. In bedeutungsschwangeren, künstlerisch jedoch eher belanglosen
Werken nehmen unergründliche, subjektive und autobiographische Referenzen
den größten Raum ein (Abb. 357).
Im Rahmen dieser Arbeit will ich weder auf diese Bilder, die mir nur aus
Reproduktionen bekannt sind, noch auf die klassizistische Phase des Amerikaners
eingehen. Stattdessen will ich abschließend noch einmal Johns Beitrag
zur Kunst der Moderne hervorheben: Thematisch vollzieht er als erster
die entscheidende Wende vom Abstrakten Expressionismus zu einem modernen
Realismus. In diesem erscheint die äußere Wirklichkeit als
die Ambiguität jeder Erfahrung und jeder Wahrnehmung; die innere
Wirklichkeit des Künstlers und des Betrachters manifestiert sich
(wie auf S. __ dargelegt) im Verlust individuell geprägter idealisierter
Strukturen und entsprechender exhibitorischer Ambitionen, d.h. im unpersönlichen
Charakter des Werkes.
Bildnerisch hat Johns zusammen mit Rauschenberg ein neues künstlerisches
Vokabular geschaffen. Dieses bildet die Grundlage für die spektakulärste
künstlerische Wandlung der Nachkriegszeit: die Revolution der Pop
Art.
Das Bekenntnis zum Trivialen: die amerikanische Pop Art
Der Auftritt von Jasper Johns und Robert Rauschenbergs leitet auf beiden
Seiten des Atlantik eine entscheidende Wende ein. Eine wachsende Zahl
junger Künstler entdeckt in der Ikonographie des großstädtischen
Alltags eine neue Inspirationsquelle und beginnt deren gestalterisches
Potential auszuloten. In London prägt der Kunstkritiker Lawrence
Alloway den Begriff Pop Art, der sich innerhalb kürzester Zeit auch
in den USA einbürgert, wo er unterschiedslos auf alle Versuche angewandt
wird, die Bilderwelt der Massenmedien und der Konsumgesellschaft in die
künstlerische Gestaltung zu integrieren.
Die summarische Zusammenfassung all dieser Bestrebungen unter den suggestiven
Stilbegriff Pop Art tendiert dazu, die äußeren Merkmale der
neuen Kunst in den Vordergrund zu rücken und den Blick für deren
geistige Bedeutung zu trüben. Aus meiner Sicht zeichnet sich die
Pop Art nicht nur durch ihre populäre Thematik, sondern vor allem
durch die besondere, wertneutrale Haltung aus, mit der sie dieser begegnet.
Diese Haltung grenzt die Pop Art als eine moderne Form realistischer Kunst
von den polemischen Collagen des Dadaismus und vom romantischen Mystizismus
der surrealistischen Objekte ab.
Die geistigen Kriterien des neuen Realismus sollen am Beispiel der fünf
wichtigsten Vertreter der amerikanischen Pop Art veranschaulicht werden:
an Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Claes Oldenburg, George Segal und Tom
Wesselman.
Vor den Bildern Roy Lichtensteins (geb. 1923) erfährt der Betrachter
eine ähnliche Verunsicherung wie vor den Flaggen oder Zahlen von
Jasper Johns. Wie dieser übernimmt Lichtenstein eine bestehende,
an sich banale Vorlage, um sie aus ihrem üblichen Zusammenhang isoliert
und scheinbar unverändert wiederzugeben. Statt wie Johns den entscheidenden
Transfer durch den verfremdenden, taktil und farbig differenzierenden
Pinselduktus ins Bewußtsein zu rücken, verändert Lichtenstein
zu diesem Zweck lediglich die Dimensionen seiner Vorlagen: Er überträgt
entweder einzelne, aus ihrem Kontext gerissene Episoden aus den populären
Bildgeschichten der Comics oder Illustrationen aus Anzeigen, Werbebroschüren
oder Gebrauchsanweisungen auf riesige Bildformate und konfrontiert somit
den Betrachter mit einer zwar vertrauten, aber so noch nie gesehenen Erscheinung
(Abb. 359-361). Die undifferenzierte schwarze Umrißlinie, der regelmäßige,
mechanische Punktraster und die flächig und homogen eingesetzten
Grundfarben des ursprünglichen gedruckten Bildmaterials werden in
diesem stark vergrößerten Maßstab zu eindrücklichen
und unverwechselbaren Stilmerkmalen und treten damit, als die neuen Träger
einer ideellen und künstlerischen Aussage, in Widerspruch zur vordergründigen
literarischen oder psychologischen Bedeutung der jeweiligen Sujets.
Besonders deutlich wird dies bei Lichtensteins Comic-Strip-Bildern. Die
gefühlsbetonten Szenen dieser Bilder, die meist um Liebe, Gewalt
und Tod kreisen, werden durch die distanzierte, mechanische Darstellungsweise
ihrer individuellen Bedeutung beraubt und als stereotype, zu Clichés
erstarrte Vorstellungsinhalte entlarvt.
Trotzdem wäre es falsch, diesen Bildern eine gesellschaftskritische
Absicht zu unterstellen. So meint Lichtenstein: "Meine Kunst spiegelt
die Gesellschaft. Zwar glaube ich, daß kaum jemand mein Werk anschaut
ohne es für irgendwie satirisch zu halten oder ohne ihm Kommentarwert
zuzusprechen, - aber im Grunde will ich mit diesem Werk dennoch keinen
Sozialkommentar schaffen. Ich benutze die Aspekte unserer
gesellschaftlichen Umgebung, von denen ich sprach, als Material,
aber eigentlich interessiert mich die Malerei. Die Gesellschaft beeinflußt
zweifellos irgendwie mein Werk, aber ich bin nicht sicher, welche soziale
Botschaft - wenn überhaupt eine - mein Werk beinhalte, und ich möchte
im Grunde nicht, daß dies der Fall wäre. Ich bin nicht daran
interessiert, daß mein Werk die Gesellschaft irgend etwas 'lehren'
oder gar versuchen würde, unsere Welt zu verbessern."25
Lichtenstein ist Realist. Er hält zwar das kollektive Bewußtsein
seiner Zeit fest, oder genauer: die Art, in der dieses durch das Wesen
und die Sprache der Massenmedien geprägt wird; doch verzichtet er
darauf, die Wirklichkeit, die er dabei aufdeckt, in irgendeiner Weise
zu bewerten.
"Ich glaube, es gab eine Tradition, die mit Courbet beginnt,"
fährt er fort, "bei welcher der Realismus - und ich meine diesen
Begriff in seiner wörtlichen Bedeutung - darin besteht, ein gewöhnliches
Alltagsobjekt zu nehmen, das nicht als künstlerisch empfunden
wird, um es einfach darzustellen. Ich nun stelle es nicht nur dar, sondern
ich arbeite sozusagen im Stil dieses Objekts, oder wenigstens in einem
Stil, der den Stil der Alltagskunst oder Alltagsgesellschaft parodiert.
So wird daraus eine andere Form von Realismus, eine Beschäftigung
mit dem Alltagsleben, die man in fast jeder Kunst seit Courbet finden
kann."26
Lichtenstein übernimmt den vorgegebenen Stil der Comics wie ein Readymade.
Aus der dramatischen Vergrößerung der drucktechnisch bedingten
bildnerischen Merkmale seiner Vorlagen gewinnt er sein eigenes Markenzeichen.
Er erweist dessen suggestive Kraft, indem er sich die unterschiedlichsten,
oft aus fremden Quellen stammenden Bildgegenstände durch die entsprechende
stilistische Umformung aneignet.
"The medium is the message". McLuhans Schlagwort findet seine
vielleicht überzeugendste Veranschaulichung, wenn Lichtenstein gar
Bilder von Cézanne, Picasso oder Mondrian mittels Umrißlinie
und Punktraster zu eigenen Werken umfunktioniert (Abb. 363). "Ein
Picassobild ist gleichsam Gemeinplatz geworden," sagt er in einem
Interview, "man hat das Gefühl, daß eine Reproduktion
von Picasso in jedem Heim hängen sollte. [...] Ich möchte eigentlich
eine Art Picasso für jedermann machen - etwas, das wie ein Mißverständnis
aussieht und doch seinen eigenen Wert hat. Ein gut Teil davon ist einfach
Spaß."27
In diesem letzten Satz stoßen wir auf einen weiteren entscheidenden
Aspekt der Pop Art: auf den Spaß, den sie an sich selber und an
ihrem Bildmaterial hat. Diese Kunst begegnet der Realität ihres Alltags
weder mit der Meta-Ironie Marcel Duchamps, noch mit dem Hohn und Spott
der Dadaisten, sondern mit einem oft geradezu olympischen Humor (Humor
als eine Einstellung zum Leben, welche die Unzulänglichkeiten und
Schwächen des Daseins durschaut, aber selbst über den Dingen
steht). Dieser Zug unterscheidet den Realismus der Moderne von dem früherer
Zeitalter (Abb. 362). Der Humor stellt wohl die einzig mögliche Einstellung
dar, dank welcher der zeitgenössische Künstler seiner Gesellschaft
und seiner kulturellen Wirklichkeit im Sinne des Realismus, d.h. sowohl
wahrhaftig und ohne Verleugnung, als auch gelassen, registrierend und
ohne Polemik, entgegenzutreten vermag.
Auch Andy Warhol (1936-1986) tritt der Bilderwelt der materiellen und
geistigen Konsumgüterindustrie, des Warenhauses und des Showbusiness,
mit der wertneutralen, distanzierten und coolen Haltung eines
modernen Realisten entgegen.
Dollarnoten, Coca-Cola-Flaschen, Suppenbüchsen, Leonardos Mona Lisa,
die Bilder von Filmstars wie Marilyn Monroe, Liz Taylor, Marlon Brando
oder Elvis Presley, ein Foto des elektrischen Stuhls, der Atompilz von
Bikini oder das Pressebild eines Verkehrsunfalls bilden die Vorlagen,
aus denen er in den frühen sechziger Jahren durch Isolierung, Reproduktion,
Vergrößerung, Druck und Wiederholung ein Werk schafft, mit
dem er der artifiziellen Welt der modernen Massenmedien ein bleibendes
Denkmal setzt (Abb. 365-370).
Mit einem einfachen, groben Siebdruckverfahren überträgt Warhol
seine jeweiligen Vorlagen einzeln oder im Doppel, dutzendfach oder gar
hundertfach aneinandergereiht auf die rohe oder eingefärbte Leinwand,
wobei er von jedem einzelnen Sujet immer mehrere Varianten schafft. Wie
im Falle Rauschenbergs, von dem Warhol das Prinzip des Siebdrucks übernommen
hat, lassen seine Gestaltungen keinerlei hierarchisches Prinzip erkennen.
Die distanzierte Gleichgültigkeit, die Warhol seinem Bildmaterial
und seiner Kunst entgegenzubringen scheint, manifestiert sich nicht nur
in dieser fehlenden Bewertung, sondern auch im minimalen Aufwand, mit
dem er diese gestaltet. Die summarische und unsorgfältige drucktechnische
Wiedergabe, die mechanische Aneinanderreihung identischer Bildmotive und
die lapidare Ordnung ihrer Arrangements verleihen seinen Werken eine unpersönliche
Entrücktheit.
Dollarnoten oder Coca-Cola-Flaschen, Marilyns Gesicht, der elektrische
Stuhl oder die Explosion der Atombombe über Bikini werden allesamt
und völlig kommentarlos nicht sosehr als äußere, reale
Tatsachen, sondern als Repräsentanten einer anonymen, unser Bewußtsein
durchdringenden medialen Wirklichkeit (einer Wirklichkeit aus zweiter
Hand) präsentiert und gewinnen gerade dadurch eine ihnen bisher fremde
Bedeutung.
Während Johns der stereotypen Banalität seiner Zeichen und Embleme
den kultivierten Reichtum, die fast kulinarische Qualität seines
malerischen Duktus entgegensetzt, bemüht sich Warhol genau wie Lichtenstein
ganz offensichtlich darum, aus seinen Bildern jede Spur einer malerischen
Handschrift oder eines sonstwie individuellen Vorgehens auszumerzen. Er
sieht sich als Schöpfer von Bildideen und Konzepten, deren Ausführung
in einer möglichst unpersönlichen, mechanischen Art und Weise
zu erfolgen hat und ebensogut von einem Assistenten, einem bloßen
Techniker übernommen werden kann. "The reason I'm painting this
way", lautet sein berühmter Ausspruch, "is that I want
to be a machine, and I feel that whatever I do and do machinelike is what
I want to do."28
Dementsprechend ist Warhols entscheidendes Ausdrucks- und Gestaltungsmittel
das der mechanischen Wiederholung. Er geht dabei soweit, daß er
ganze Ausstellungen einem einzigen Sujet widmet (Abb. 368), wobei alle
ausgestellten Werke mit derselben, sich dauernd wiederholenden Vorlage
gestaltet sind (so die Ausstellungen der Brillo-Schachteln, der Marilyns,
der Flowers und des Cow Wallpapers bei Castelli und der Elvis Presley-Figuren
bei Ferus). In diesem Sinn gestaltet er auch den Katalog für seine
große Ausstellung im Moderna Museet in Stockholm (1968), bei dem
die ganzseitige Reproduktion eines bestimmten Werkes jeweils völlig
unverändert auf zwanzig aufeinanderfolgenden Seiten wiederholt wird.
Bei aller gestalterischen Anonymität, die Warhol immer wieder demonstrativ
zur Schau stellt, entwickeln die mechanischen Verfahren und Prinzipien,
die er einsetzt, eine ihnen eigene Ästhetik. Der Rhythmus der mechanischen
Wiederholung, das Wechselspiel zwischen bedruckter und leerer Bildfläche,
die Unregelmäßigkeiten, die sich aus der groben Anwendung der
Siebdrucktechnik ergeben und die kühle, anonyme Brillanz der Industriefarbe
erzeugen eine Vielfalt bildnerischer Reize, die den Eindruck scheinbarer
Zufälligkeit und Absichtslosigkeit vermitteln. Der Betrachter führt
die ästhetische Lust, die er empfindet, nicht mehr auf die künstlerische
Gestaltung des Werkes zurück, sondern versteht sie als inhärente
Funktion der anonymen Drucktechnik und des vorgegebenen Bildmaterials.
Entsprechendes gilt für die Aussage des Werkes."Wollt Ihr alles
über Andy Warhol wissen, so schaut auf die Oberfläche meiner
Bilder, meiner Filme und meiner selbst, dort bin ich. Dahinter ist nichts",29
sagt der Künstler. Er drängt dem Betrachter nichts Eigenes auf,
weder Gefühle noch Ideale, sondern läßt ihn mit einem
Stück Wirklichkeit allein. In diesem Sinne ist schon eines seiner
ersten Werke, Do it yourself aus dem Jahr 1962 zu verstehen: Es stellt
eine jener Bildtafeln dar, mit denen Kinder dazu angeleitet werden, eine
vorgedruckte Zeichnung selbst zu kolorieren und damit zu vollenden (Abb.
370). Konsequenterweise verweigert sich Warhol auch jeder Hinterfragung
seiner künstlerischen Absichten. "Warum geben Sie nicht auch
die Antworten", meint er zu einem Kunstkritiker, der ihn mit Fragen
bedrängt, und fordert ihn auf: "Sagen Sie mir einfach, was ich
sagen soll".30
Warhols autistische Haltung, seine distanzierten Auftritte und die scheinbare
Gleichgültigkeit, die er den Ergebnissen seiner künstlerischen
Arbeit entgegenbringt, lassen sich unschwer als eine Form der Abwehr erkennen.
Ein äußerst verletzbares, glaubhafter Ideale und individueller
Ambitionen beraubtes Selbst zieht sich auf die anonymen Gegebenheiten
des Tatsächlichen, auf den unverbindlichen Glanz des Artifiziellen
und auf die unangreifbare Perfektion der Maschine zurück. In diesem
Sinn sagt er: "Ich empfinde immer noch etwas für andere Menschen,
doch wäre es viel leichter, nichts zu empfinden [...] es ist zu schwer,
etwas zu empfinden [...] ich will nicht in das Leben anderer Menschen
hineingezogen werden [...] ich will nicht zu nahe kommen [...] ich liebe
es nicht, Sachen zu berühren [...] deshalb ist mein Werk so abgerückt
von mir selbst."31
Die Ambiguität des Wirklichen - das Grundthema der amerikanischen
Pop Art - findet ihre überraschendste und vielfältigste Ausgestaltung
im Werk des 1929 geborenen Claes Oldenburg, den Barbara Rose im Katalog
der großen Ausstellung im Museum of Modern Art (1970) sinnigerweise
mit einem Rätsel einführt: "Was ist sowohl hart als weich?
Was schmilzt, zerfließt und ist doch fest? Was ist geformt und unformbar?
Strukturiert und lose? Gegenwärtig und potentiell? Was verbindet
Konzeption und Ausführung? Bewegung mit Statik? Was ist Malerei?
Skulptur? Architektur? Oder Landschaft? Porträt? Stilleben? Was macht
Anonymes persönlich und Subjektives allgemein? Was ist hermetisch
und doch offen? Was verbirgt sich unter den Hüllen unzähliger
Verkleidungen, während es völlige Selbstentblößung
verkündet? Was ist gleichzeitig bewußt und automatisch, logisch
und verrückt, wirklich und phantastisch?"32
Claes Oldenburg, der mit seinem reifen Werk die Lösung dieses Rätsels
liefert, ist als Sohn einer schwedischen Diplomatenfamilie in Chicago
aufgewachsen. Nach einem Universitätsstudium in Yale und einer künstlerischen
Ausbildung am Art Institute of Chicago kommt der jetzt Siebenundzwanzigjährige
im Juni 1956 nach New York. Er wohnt im Lower East Side, in einem slumartigen
Quartier im untersten Teil von Manhattan und entwickelt unter dem Eindruck
des Elends seiner Umgebung die ihm eigene Form eines gegenständlichen
Expressionismus (Abb. 371). "Ist man empfindsam, lebt man in der
Stadt und will man der Stadt begegnen, statt vor ihr zu fliehen",
schreibt er um diese Zeit, "so muß man sich mit ihr einlassen
und auseinandersetzen [...] mit der Landschaft der Stadt, mit dem Schmutz
der Stadt und mit allen zufallsbedingten Möglichkeiten der Stadt."33
Im Laufe der Jahre konkretisiert sich das Projekt eines umfassenden Environment
in Form eines metaphorischen Wandbildes, mit dem Oldenburg
die Absurdität, Armut und Gewalttätigkeit seiner Umgebung, das
tägliche Drama von Gewalt, Liebe und Tod künstlerisch umzusetzen
versucht. Für dieses schafft er aus Gips, Draht, Karton und allen
möglichen Abfällen rohe, ausdrucksstarke Reliefs, die zum Teil
überlebensgroße menschliche Figuren, Köpfe mit Sprechblasen,
Tiere, Waffen, Automobile, Flugzeuge, Plakate, Schriften und Zahlen darstellen.
1959 zeigt er diese mit einer expressiven, grafittiartigen Malerei bedeckten,
an Art Brut erinnernden Gestaltungen unter dem Titel The Street in der
Judson Gallery, und ein Jahr später in der Reuben Gallery (Abb. 373).
Ab 1960 beginnt sich in Oldenburgs Schaffen eine optimistischere, lustbetontere
Haltung durchzusetzen. Statt weiterhin das Elend und die Gewalt seiner
Umgebung zu zelebrieren, nimmt er sich ihres banalen Inventars an, um
aus gewöhnlichen Gegenständen das Ungewöhnliche zu gewinnen.
Auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung mietet er an der 107 East 2nd
Street ein leerstehendes Lokal und installiert dort im Dezember 1961 The
Store: Laden, private Galerie und künstlerisches Environment in einem;
hier stellt er seine neuen Werke aus, grobe Nachgestaltungen der alltäglichen
Gegenstände, die in den Auslagen der Imbißstände und in
den ärmlichen Schaufenstern seiner Nachbarschaft feilgeboten werden.
Mit weit über hundert Objekten verfügt der Laden über ein
vielfältiges Angebot. Auf Sockeln und Tischen, in Gestellen und Regalen
präsentiert Oldenburg in wahllosem Durcheinander seine aus Gips oder
Pappmaché geformten und mit billiger Emailfarbe grell bemalten
Werke: Wäschestücke, Kleider, Schuhe, Hüte, Spielsachen
und Werkzeuge, dazu jede Art von Eßwaren, Kuchen, Pizzas, Sandwiches,
Hamburger, Wurstwaren, Früchte, Getränke und Eisbecher (Abb.
374-376). Dabei steigert er die ungeschlachten Formen, die brutale Bemalung
und die vulgäre Sinnlichkeit seiner Objekte, indem er sie meist in
Verbindung mit makellosen, industriell hergestellten Realobjekten ausstellt,
z.B. auf Porzellantellern, in realen Gläsern, in einer chromgefaßten
Vitrine oder auf einem weißen Emailherd. "I want these pieces
to have an unbridled intense satanic vulgarity, unsurpassable, and yet
be art" ("Ich will, daß diese Objekte eine intensive,
hemmungslose, satanische, unüberbietbare Vulgarität ausstrahlen,
und dennoch Kunst sind."), schreibt er dazu.34
Nach zwei Monaten schließt Oldenburg den Store und verwandelt seine
Räume in das Ray Gun Theatre, in dem er zusammen mit seiner Frau
Pat, Lucas Samaras und Gloria Grey eine Reihe von Happenings inszeniert,
darunter auch solche mit explizit sexueller Thematik. Diese Aufführungen
finden ihren Abschluß, als Richard Bellamy, der Leiter der Green
Gallery, Oldenburg dazu einlädt, das ehemalige Ladenenvironment in
seiner Galerie einzurichten.
Die intime Atmosphäre des Store, der mit seinen unzähligen,
meist kleinen Objekten wie ein verzauberter Trödlerladen aussah,
ließ sich in der neuen Umgebung nicht wiederholen; die großen
und hellen Räume der Green Gallery verlangten nach einem andersartigen
Auftritt. Oldenburg entschließt sich , seine bisherigen Objekte
ins Riesenhafte zu vergrößern. Dabei entstehen (wohl auch aus
praktischen Gründen) seine ersten Soft Sculptures, darunter ein aus
weichem Material gebildeter Giant Ice Cream Cone, ein ebensogroßer
Floor Cake und die Näharbeit Giant Blue Men's Pants, eine übergroße,
blaue Männerhose an einem Drahtbügel (Abb. 377).
Die New Yorker Kunstwelt hatte seit Johns erstem Auftritt bei Castelli
nichts mehr derartiges erlebt. Der kommerzielle Erfolg der Ausstellung,
die den internationalen Durchbruch der Pop Art einleitete, wurde nach
Barbara Rose nur noch durch die Heftigkeit überboten, mit der die
etablierte Kunstkritik gegen die neue Richtung zu Felde zog. Für
Clement Greenberg stellte diese lediglich "eine neue Episode in der
Geschichte des Geschmacks dar"; Harold Rosenberg setzte die Pop Art
einer "Kapitulation vor den Übeln einer philistinischen Massenkultur"35
gleich, und Peter Selz lehnte sie nicht nur aus ästhetischen, sondern
auch aus moralischen Gründen ab. Seiner Meinung nach demonstrierte
die Pop Art, indem sie in passiver Weise das Bestehende akzeptierte, "die
tiefsitzende Feigheit, Charakterlosigkeit und Ängstlichkeit von Menschen,
die sich mit der Zeit, in der sie leben, nicht auseinandersetzen können."36
Alle diese Kritiker greifen in erster Linie die wertneutrale Haltung an,
mit der die Pop Art die sichtbare Wirklichkeit und die materialistische
Kultur des amerikanischen Alltags als Gegebenheit akzeptiert und in die
künstlerische Gestaltung integriert.
Die jeweiligen Hüter der alten Ordnung verteidigen die idealistischen
Werte, die von der romantischen, der klassizistischen und der symbolistischen
Kunst vertreten werden, gegen den Einbruch eines neuen Wirklichkeitsbewußtseins,
das sich nicht mehr dem Emotionalen, Idealen oder Bedeutungsvollen unterwirft,
sondern sich am Wirklichen, am Wahren und am Richtigen
orientiert.
Dieses künstlerische Bewußtsein ist für Selz und seine
Gesinnungsgenossen deshalb so bedrohlich, weil es in der Erfahrung einer
Wirklichkeit gründet, deren bisherige Verdrängung oder Verleugnung
die entscheidende Voraussetzung für ihren elitären Idealismus
und damit für ihr Selbstwertgefühl bildet. Die an der Pop Art
entfachte Polemik ist nicht neu; in einem Essay zur römischen Literatur
(Satire und Realismus bei Pretonius, 1963) schreibt der amerikanische
Philologe J.P. Sullivan: "Was die realistische Tradition in jeder
Zeit auszeichnet und gegen das Romantische, das Heroische und das Sentimentale
abgrenzt, ist der Glaube, daß nur die vulgären, die schäbigen
und die sexuellen Elemente des Lebens wirklich real sind (im wahren Sinne
des Wortes wirklich sind); der Rest ist der Schwindel des scheinheiligen
Moralisten."37
Allen Widerständen zum Trotz verwandelt sich die Pop Art innerhalb
kürzester Zeit aus einer obskuren Untergrundbewegung in eine etablierte
Kunstform und damit, dem Geist der Zeit entsprechend, in eine gefragte
Ware, die von Händlern, Sammlern, dem Jet Set und den Massenmedien
gierig aufgenommen und konsumiert wird. Der entscheidende Durchbruch erfolgt
1962. In diesem Jahr stellen die wichtigsten amerikanischen Pop Künstler
erstmals in den etablierten Galerien aus: Lichtenstein bei Castelli, Dine
bei Martha Jackson, Warhol bei Stable, Wesselman, Segal und Oldenburg
in der Green Gallery. Ende des Jahres bestätigt das Pasadena Art
Museum mit einer umfassenden Ausstellung The new Painting of Common
Objects die offizielle Anerkennung der neuen Kunst, deren Vertreter
wenig später auch in New York (bei Sidney Janis) unter dem Titel
The new Realists (die neuen Realisten) erstmals als geschlossene
Gruppe vorgestellt werden.
Der Erfolg eröffnet Oldenburg materiell und geistig völlig neue
Horizonte. Er zieht nach Kalifornien und beginnt zusammen mit seiner Frau,
die ihm bei der Ausführung der weichen Skulpturen als Näherin
behilflich ist, mit der systematischen Verwirklichung seiner inzwischen
ausgereiften Konzepte. Zwischen 1962 und 1970 entstehen in Venice, Kalifornien
und in New York die berühmten, apparatehaften Objekte wie Waschbecken,
Klosetts, Telefone, Schreibmaschinen, Toaster oder Küchenmixer, die
er meist in drei Versionen ausführt: in einer harten (aus sparsam
bemaltem Wellkarton), einer geisterhaften (aus kapokgefülltem Leinen)
und einer weichen (aus weißem und schwarzem Vinyl) (Abb. 378-380).
Zur selben Zeit entstehen auch die Skizzen und Entwürfe für
seine Monumente, Projekte für überdimensional vergrößerte
Gegenstände (z.B. eine Wäscheklammer, eine Schere, ein Doppelstecker,
eine Schraube und viele andere mehr), die als Standbilder auf öffentlichen
Plätzen aufzustellen wären. Obwohl bisher nur wenige dieser
Entwürfe real ausgeführt worden sind, kommt ihnen in Oldenburgs
Öuvre eine entscheidende Bedeutung zu, unterstreichen sie doch dessen
Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz (Abb. 381).
Waren Oldenburgs frühe Objekte (aus den Environments der Street und
des Stores) durch ihre Machart in hohem Maße expressiv aufgeladen,
so strahlt das reife Werk der sechziger Jahre die Gelassenheit des Realisten
aus.
Man mag einwenden, Oldenburg sei insofern kein Realist, als seine Gestaltungen
in fast jeder Beziehung, nämlich was Form, Farbe, Dimension, Textur
und Machart betrifft, von ihren jeweiligen Vorbildern abweichen. Diese
Abweichungen ändern jedoch nichts am realistischen Charakter seines
Werkes; sie sind weder durch Idealisierung bedingt, noch durch das Bedürfnis,
eine psychische Innerlichkeit nach außen zu kehren, d.h. eine Emotion
auszudrücken, sondern sind eine Funktion des Humors, der an Stelle
eines expressiven oder wertenden Engagements tritt.
Mit den gleichen Argumenten läßt sich auch die oft geäußerte
Auffassung widerlegen, daß die zufällig sich ergebenden Formen
der Soft Sculptures den spontanen, unkontrollierten Gestus des Abstrakten
Expressionismus wiederholen, und daß Oldenburg deshalb als Surrealist
einzustufen sei. Wohl lassen sich diese weichen Objekte, die jedesmal,
wenn sie neu aufgestellt werden, anders aussehen, als eine Form von Automatismus
betrachten. Nur handelt es sich dabei nicht mehr um einen psychischen
Automatismus, sondern um einen solchen des Materials, um einen physikalisch
bedingten, realen Automatismus (um den Automatismus der Realität).
Wie Barbara Rose bemerkt, wirken die Soft Sculptures immer so, als ob
sie ihre jeweilige Stellung selbst geschaffen hätten. Dazu erläutert
Oldenburg: "Die Spontaneität ist nicht meine. Ich entwerfe ein
Objekt auf Grund einer konzeptionellen Idee und es wird in einer ganz
einfachen Art und Weise fabriziert. Die Spontaneität kommt erst ins
Spiel, wenn andere Leute damit in Berührung kommen [...] Jemand kann
kommen und es manipulieren oder verändern."38
Entsprechendes gilt für die durch Oldenburgs Objekte ausgelösten
Assoziationen. Auch diese lassen sich weder romantisch noch symbolistisch
auffassen, denn sie werden nicht gezielt hervorgerufen, sondern sind durch
die faktischen Gegebenheiten und die physikalischen Bedingungen der jeweiligen
Formgebilde bedingt, nämlich durch den expressiven Eigenwert der
ursprünglich gewählten, realen Objekte, durch die physikalischen
Eigenschaften des verwendeten Materials und durch die Wirkung der Schwerkraft,
die Oldenburg als seinen "bevorzugtesten Formschöpfer"
bezeichnet.
Mit seinem reifen Werk drückt Oldenburg nichts aus, sondern kommentiert
die materialistische Kultur, die dem American Dream zugrunde
liegt, aus der Sicht des modernen Realisten: Er nimmt sie als eine gegebene
Wirklichkeit an, der sich nur mit Humor begegnen läßt. Diese
Haltung, die auch das Werk von Warhol und Lichtenstein auszeichnet, bildet
den gemeinsamen Nenner, der die vielfältige Produktion der amerikanischen
Pop Art miteinander verbindet; bei den übrigen Vertretern dieser
Richtung tritt sie jedoch nicht mehr mit derselben Reinheit und Konsequenz
zutage.
George Segals Environmental sculptures erinnern in mancher Hinsicht
an die Lebenden Bilder, die sich einst in den Schaubuden der
Jahrmärkte großer Beliebtheit erfreuten. Sie stellen Menschen
in alltäglichen Situationen dar (z.B. einen Busfahrer am Steuer,
eine Frau, die sich die Beine rasiert, einen Mann an einem Flipperkasten),
wobei Segal seine Figuren insofern als Readymades aus der Wirklichkeit
übernimmt, als er sie nicht im eigentlichen Sinn gestaltet, sondern
lebende Modelle in den entsprechenden Posen abformt. Dazu bandagiert er
deren Körper mit nassen Gipsbinden, schneidet dann die erhärtete
Gipsschale in einzelne Teile, löst diese Stück um Stück
von seinem Modell ab und fügt sie schließlich wieder zur ganzen
Figur zusammen. Diese zeigt folglich nur die äußere Seite ihres
Abdruckes. Dessen innere Seite, die als Negativ einen naturgetreuen Abguß
des Modelles erlauben würde, bleibt im Innern der Figur verborgen
und kann bestenfalls vorgestellt oder gedacht werden. Durch die Struktur
und das Volumen der aufgetragenen Bandagen werden Segals Figuren verfremdet
und auf ihre wesentlichen Merkmale reduziert. Doch spürt man deutlich,
daß es sich bei ihnen um keine herkömmlich gestalteten Werke,
sondern um einen Grenzfall zwischen Skulptur und Abguß handelt.
Wie durch einen Schleier läßt die fertige Figur die charakteristischen
Züge des Modells (dessen Gesicht, Körperbau und Haltung) erkennen
und erweckt dadurch den zwiespältigen Eindruck einer lebendigen Mumie
(Abb. 382).
Segal steigert die Wirklichkeitsnähe seiner Gestalten, indem er zur
Charakterisierung der Situationen, in denen jene jeweils auftreten, reale
Objekte verwendet. Durch ihre undurchdringliche Hülle von der Außenwelt
getrennt, verbreiten Segals Gestalten eine beklemmende Stille; ihre Einsamkeit
und Isolierung scheint eine Grunderfahrung des modernen Menschen zu spiegeln.
Dieser Zug ins Existentielle durchbricht mit seinen symbolistischen Untertönen
den Rahmen einer nüchtern-realistischen Kunst und weist Segal eine
Sonderstellung innerhalb der amerikanischen Pop Art zu.
Auch Tom Wesselman verbindet in seinen frühen Badezimmerreliefs (Abb. 382a) die stilisierte Darstellung einer weiblichen Figur mit realen Objekten: Die gekachelte Wand, das Klosett mit Spülkasten und Sitzring, die Papierrolle, die Handtuchstange und das Frotteetuch in unserem Beispiel stammen aus dem Warenhaus. In seinen späteren Great American Nudes erhebt Wesselman seine Frauenakte im Sinn von Pin Ups zum zentralen Thema. In dem Maß, in dem er die Frau als Sexualobjekt zelebriert, gibt er dabei die nüchterne und wertneutrale Haltung des Realisten zugunsten einer Idealisierung geschlechtlicher Lust auf (Abb. 383).
James Rosenquist, ein ehemaliger Maler von Kinoplakaten, überträgt
mit der in diesem Beruf üblichen naturalistischen Maltechnik unterschiedliche
Bildfragmente aus Zeitschriften, Anzeigen und Plakaten peinlich genau,
jedoch in vergrößertem Maßstab auf die Leinwand, wo er
sie zu collageartigen Konfigurationen zusammenfügt (Abb. 384). Diese
Werke spiegeln in suggestiver Weise den verwirrenden Informationsfluß,
der sich täglich über den Großstadtmenschen ergießt.
Obwohl Rosenquist zu den großen Vertretern der amerikanischen Pop
Art gezählt wird, neigen seine Arbeiten zum Anekdotischen und Illustrativen.
Dasselbe gilt auch für Jim Dine, Larry Rivers, Mel Ramos oder Wayne
Thiebauld. Deren Werk läßt trotz vordergründiger Originalität
und Brillanz die grandiose Verdichtung, die Konzentration auf das Wesentliche
vermissen, der Lichtenstein, Warhol und Oldenburg ihre überragende
Bedeutung verdanken.
Der Mythos Amerika und die englische Pop Art
Der Drang jeder neuen Künstlergeneration, dem bereits Geschaffenen
etwas Neues hinzuzufügen, gründet in der exhibitorischen Ambition,
die eigene Einmaligkeit und Grandiosität zur Schau zu stellen. In
dem Maß, in dem diese Ambition durch eine weitere Annäherung
an das bisher Verfolgte, also durch Verbesserungen oder durch bedeutungsvolle
Varianten des bereits Erreichten befriedigt werden kann, bleibt die stilistische
Einheit mit dem Werk der Vorgänger weitgehend erhalten. Haben diese
jedoch das Potential ihrer künstlerischen Démarche ausgeschöpft,
so kann die nachfolgende Generation ihre exhibitorischen Ambitionen nur
noch durch eine entscheidende Richtungsänderung, d.h. durch einen
stilistischen Umbruch befriedigen.
In diesem Sinn lehnt sich die amerikanische Pop-Generation gegen die romantische
Geisteshaltung und die Monopolstellung des Abstrakten Expressionismus
auf. Die eindrücklichen, an sich exemplarischen Gestaltungen ihrer
Vorgänger bieten ihr dabei ein kraftvolles, einsehbares und profiliertes
Feindbild, an dem sie ihre eigenen Ambitionen und Ideale definieren
und strukturieren kann. Lichtenstein, Warhol und Oldenburg übernahmen
von ihren Gegnern eine ganze Reihe entscheidender Qualitäten:
die Eindeutigkeit und Konsequenz des bildnerischen Konzepts, den grandiosen
Auftritt des großen Formats und den Anspruch auf universale Geltung;
doch stellten sie diese Werte in den Dienst einer neuen Geisteshaltung.
Statt sich für das eigene Innenleben zu interessieren, richten sie
ihren Blick nach außen, auf die sichtbare Wirklichkeit ihrer kulturellen
Umwelt. Diese wird dabei nicht idealisiert, sondern als Repräsentanz
des Tatsächlichen und Gegebenen verstanden, als Spiegel, in dem der
Betrachter die Bedingtheit der eigenen Wahrnehmung und des eigenen Bewußtseins
erkennen kann.
Die englische Pop Art geht von anderen Voraussetzungen aus und hat dementsprechend
ein anderes Verhältnis zu ihrer Thematik und ihrem Bildmaterial.
Dem Sieg der Alliierten zum Trotz ist England als gebrochene Nation aus
dem Krieg hervorgegangen. Im Katalog zur Ausstellung Pop Art redefined
(Hayward Gallery, London 1969) beschreibt John Russel wie das kulturelle
Klima im London der Nachkriegszeit durch einen allgemeinen Mangel an allem
Notwendigen geprägt war.39 Es fehlte an Nahrung, Kleidern, Büchern,
Zeitschriften, Bildern, Flugtickets, fremder Währung und vor allem
an der Möglichkeit, das Leben außerhalb der Britischen Inseln
aus eigener Anschauung kennenzulernen.
Demgegenüber galt die USA der fünfziger Jahre als das Land
der unbegrenzten Möglichkeiten. Moderne Technologie und Massenmedien
waren dort viel weiter fortgeschritten als in Europa. So blickt die englische
Künstlergeneration, die mit dem Kriegsende volljährig geworden
ist, voller Sehnsucht und Bewunderung auf die populäre Massenkultur
der USA. Alles, was aus Amerika kommt, wird umso gieriger Aufgenommen,
als es im eigenen Land kaum zu finden ist. Zeitschriften wie Life
oder McCalls sind ebenso selten wie die legendären Nylonstrümpfe,
die chromglitzernden Karosserien der Ami-Schlitten oder die 78-Touren
Platten, mit denen die amerikanische Jazzmusik tropfenweise in das europäische
Bewußtsein dringt. All diese Zeugnisse einer moderneren, größeren
und freieren Welt nähren die Hoffnung, der Enge der europäischen
Gegenwart entrinnen zu können, und werden damit zu Sinnbildern einer
idealisierten Zukunft.
In diesem Klima organisiert Independent Group, eine lose Vereinigung
Junger Künstler, Architekten, Designer und Kritiker 1956 in der staatlichen
Whitechapel Gallery die berühmte Ausstellung This is Tomorrow,
die allgemein als der Beginn der englischen Pop-Bewegung angesehen wird.
Die Ausstellung soll die Möglichkeit demonstrieren, unterschiedliche
künstlerische Medien miteinander zu verbinden. Sie wird von zwölf
voneinander unabhängigen Dreiergruppen eingerichtet; jede Gruppe
besteht aus einem Maler, einem Bildhauer und einem Architekten und gestaltet
ein eigenes Environment.
Während sich die meisten dieser Gruppen darum bemühen, die gestellte
Aufgabe im Rahmen der traditionellen Kunstgattungen Malerei, Plastik und
Architektur zu lösen, errichtet der Maler Richard Hamilton in Zusammenarbeit
mit John McHale und dem Architekten John Voelcker ein Environment, in
dem er die Bilderwelt populärer Massenmedien, die visuellen, akustischen
und olifaktorischen Möglichkeiten moderner Technologie und eine Vielfalt
grafischer Effekte zu einem verwirrenden Panoptikum des zeitgenössischen
Kommunikationspotentials zusammenfügt. Den äußeren Rahmen
dieser Installation bilden ein dreidimensionaler, über fünf
Meter hoher Roboter mit blinkenden Augen, eine Großaufnahme von
Spaghettis, eine freistehende, lebensgroße Stellfigur Marilyn Monroes,
sich drehende Rotoreliefs von Marcel Duchamp, sowie mit Op-Art-Mustern
und Fotocollagen bedeckte Wände und eine Kakophonie von Maschinengeräuschen,
musikalischen Fragmenten und wirr durcheinander redender menschlicher
Stimmen (Abb. 385).
In einem geschlossenen Pavillon in der Mitte des Areals werden dem Eintretenden
ungewohnte Eindrücke und Sinnesempfindungen vermittelt. Der dunkle
Innenraum ist mit phosphoreszierender Farbe ausgemalt. Der Besucher schreitet
über weiche Böden und atmet ständig wechselnde, fremde
Gerüche ein. Er kann sich die experimentellen Filme ansehen, die
non-stop projiziert werden, oder in eine Raumkapsel steigen, durch deren
Gucklöcher furchterregende Science-Fiction-Monster blicken. Die ganze
Einrichtung zielt darauf, den Besucher zu desorientieren. Damit wollen
Hamilton und seine Mitarbeiter das vielfältige und weitgehend unbekannte
Wirkungspotential neuer Medien und Technologien aufzeigen. Mit ihrem Environment
stellen sie das Rohmaterial vor, das zukünftigen Künstlern zur
Verfügung steht. "Wir verwerfen die Vorstellung, daß sich
Morgen durch starre formale Konzepte ausdrücken läßt",
schreibt Hamilton im Vorwort zur Ausstellung. "Was wir brauchen,
ist nicht die Definition einer bedeutungsvollen Ikonographie, sondern
die Entwicklung unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten, um in der Lage
zu sein, die fortschreitende Bereicherung unseres visuellen Materials
anzunehmen und zu nutzen."40
Während der Arbeit an This is Tomorrow kommt unter den
beteiligten Künstlern der Begriff Pop Art auf; doch wird er nicht
wie heute zur Bezeichnung eines neuen Kunststils verwendet41 (der damals
noch gar nicht existiert hat), sondern bezieht sich ausschließlich
auf die Bilderwelt der industriellen Massenkultur, die das damalige Bewußtsein
zu prägen beginnt. In diesem Sinn charakterisiert Hamilton Pop Art
als
"Populär (für ein Massenpublikum entworfen)
Vorübergehend (kurzfristige Lösung)
Verbrauchbar (schnell vergessen)
Billig
In Massen produziert
Jung (an die Jugend gerichtet)
Witzig
Sexy
Trickreich
Glamorous (bezaubernd, bestrickend)
Big Business"42
Damit bezieht er sich auf das Quellenmaterial der späteren Pop Art,
das er (als einer der ersten) in der berühmten Collage verarbeitet,
die er für den Katalog und das Plakat der Ausstellung 1956 geschaffen
hat: Just what is it that makes today's homes so different, so appealing?.
Ab 1957 beginnt Hamilton dieses Pop-Material auch in seine Bilder zu integrieren.
Bezeichnenderweise entsprechen diese in keiner Weise seiner Definition
von Pop Art. Es geht ihm wohl darum, "Bilder aus und über diese
Gesellschaft zu malen", und dabei "die einzigartigen Attribute
dieser Epoche einzufangen", doch arbeitet er selbst nicht im Stil
der neuen Medien; er übernimmt lediglich gewisse formale Aspekte,
technische Möglichkeiten und reale Objekte der kommerziellen Massenkultur,
um aus ihnen seine Bildwerke zu gestalten (Abb. 386).
Den Schritt zur eigentlichen Pop Art vollzieht Hamilton erst Mitte der
sechziger Jahre, nach seinem ersten Besuch in den USA, den er aus Anlaß
der großen Duchamp-Retrospektive im Pasadena Art Museum 1963 unternommen
hat. In New York lernt er Warhol, Lichtenstein, Dine, Rosenquist und Oldenburg
kennen und ist, wie er sich später äußert, von der "Kühnheit
und dem Witz" ihrer Kunst äußerst beeindruckt.43
1964 entstehen seine ersten Pop-Arbeiten, Epiphany und A little bit of
Roy Lichtenstein (Abb. 387). Bei diesem Druck handelt es sich um ein vergrößertes
Detail von Crying Girl (Weinendes Mädchen), das auf dem Plakat der
Lichtenstein-Ausstellung bei Leo Castelli (Oktober 1963) reproduziert
war. (Abb. 388). "Es schien sinnvoll", schreibt Hamilton, "den
Vervielfältigungsprozeß bis zu seiner logischen Schlußfolgerung
durchzuziehen und ein Kunstwerk zu machen aus dem Stück eines Werkes
von Lichtenstein, das aus einem Stück Comic Strip besteht."44
1965 folgen My Marilyn und die Serie der Zeichnungen, Bilder und Reliefs
zum Thema The Solomon R. Guggenheim (Abb. 327), und 1966 das Bild Toaster.
(Abb. 389, 390).
Mit diesen Werken übernimmt Hamilton die Grundeinstellung der amerikanischen
Pop Art. Doch ist dieser große Bewunderer Marcel Duchamps nicht
bereit, sich auf einen bestimmten Stil festzulegen; so schafft er zur
selben Zeit auch mehrere Varianten zu den Themen Interior und Patricia
Knight (Abb. 391). Dabei kombiniert er Malerei, Collage, Siebdruck, Fotografie,
Verspiegelungen und Metallreliefs zu seltsamen, komplexen Darstellungen,
die sich auf Grund ihrer vielfältigen und zum Teil unergründlichen
Referenzen bestenfalls mit dem frühen Werk Duchamps (insbesondere
mit dessen Großem Glas) vergleichen lassen. Hamilton wechselt immer
wieder sein Thema, arbeitet in den verschiedensten Techniken und Materialien
und gestaltet jedes seiner Bilder in dem Stil, der ihm dafür als
geeignet erscheint (Abb. 392). Trotz dieser ständigen Stilwechsel
wahrt sein Werk eine bemerkenswerte Einheit - wie im Falle Duchamps die
Einheit von Idee und Vorgehen.
Mit Duchamp teilt Hamilton die detachierte, coole Haltung,
die Vorherrschaft konzeptionellen Denkens, die Koppelung entfernter Bild-
und Sinnbereiche, die Nutzung des Zufalls, die Vermischung der eingesetzten
Medien, die Pluralität der Stile, die Unterstreichung des artifiziellen
Charakters der künstlerischen Gestaltung und den Wunsch, den Glauben
an absolute Werte zu untergraben. Vor allem geht es jedoch
dem Engländer um die fortschreitende Vertiefung analytischer Erkenntnis:
"Nach meinen Kriterien ist in einer idealen Kultur das Bewußtsein
ihrer Bedingungen allgemein verbreitet".
Als Lehrer an verschiedenen Kunstschulen, Verfasser vieler theoretischer
Artikel und als Ausstellungsgestalter45 hat Hamilton die Entwicklung der
englischen Pop Art in maßgeblicher Weise beeinflußt.
Die erste große Welle der neuen Kunstrichtung setzt in England zu
Beginn der sechziger Jahre mit einer Gruppe von jungen Künstlern
ein, die sich als Studenten am RCA (Royal College of Art) kennengelernt
haben: David Hockney, Allen Jones, Derek Boshier, Peter Phillips. Zusammen
mit dem etwas älteren Joe Tilson und Peter Blake und dem jüngeren
Patrick Caulfield entwickeln sie eine Kunst, die Gemeinsamkeiten mit der
zur selben Zeit aufkommenden Musik der Beatles und der Rolling Stones
aufweist (Abb. 393-397).
Im Gegensatz zur amerikanischen Pop Art, die aus der Auseinandersetzung
mit dem Abstrakten Expressionismus hervorgegangen ist, und zur Kunst Richard
Hamiltons, die sich am Vorbild Marcel Duchamp orientiert hat, ist die
aus dem Royal College of Art hervorgegangene Richtung Teil einer viel
allgemeineren, volkstümlicheren und im wahren Sinne des Wortes revolutionären
Bewegung, die sich gegen die Vorurteile und das elitäre Klassenbewußtsein
des kulturellen Establishments richtet.
Das Swinging London wird zum ideellen Zentrum eines weltweiten
Aufstandes der Jugend gegen die diskreditierten Maßstäbe der
bisherigen paternalistischen Wertstruktur. Die wirtschaftliche Hochkonjunktur,
die Befreiung von gesellschaftlichen Einschränkungen und sexuellen
Tabus, die Emanzipation der Frau, die Antibaby Pille, die Drogenszene,
Jazz-, Soul- und Popmusik, die Popularisierung östlicher Mystik,
des Zen-Buddhismus und der indischen Musik, die zunehmende Vertrautheit
mit fremden Ländern und Kulturen, Auto, Flugzeug, Fernsehen und die
Allgegenwart der Massenmedien bilden das geistige und gesellschaftliche
Klima, aus dem die englische Pop Art ihre Anregungen und Impulse, ihre
Inspiration bezieht. Die jungen Künstler feiern den triumphalen Sieg
ihrer eigenen Generation; dabei sind ihre Ausgestaltungen zufälliger,
oberflächlicher und fragmentarischer als die ihrer amerikanischen
Kollegen. Sie gehen die neue soziale Wirklichkeit nicht strukturell an
und geben nicht das Wesen, sondern bloß die glitzernde Oberfläche
des Neuen wieder.
Die Fixierung des Ausschnitts: der Nouveau Réalisme
Die künstlerische Hinwendung zur Realität bleibt nicht auf
den angloamerikanischen Raum beschränkt; eine entsprechende Entwicklung
vollzieht sich auch auf dem europäischen Festland.
Während der fünfziger Jahre steht die Pariser Kunstwelt im Banne
einer malerischen Ungegenständlichkeit, die unter den Bezeichnungen
Informel, Abstraction Lyrique oder Tachismus
ein breites Spektrum unterschiedlicher Tendenzen umfaßt. Diese Situation
weist viele Übereinstimmungen mit derjenigen in New York auf. Künstler,
Galeristen und Sammler verstehen die gestische Ungegenständlichkeit
als die logische Weiterentwicklung des Surrealismus und damit als die
einzig progressive, zukunftsgerichtete Malerei. Wie in New York, sollten
diese Vorstellungen auch in Paris durch die künstlerische Entwicklung
der sechziger Jahre widerlegt werden.
Am 27. Oktober 1960 gründet der französische Kunstkritiker Pierre
Restany in Paris die Künstlergruppe des Nouveau Réalisme,
der vorerst Yves Klein, Jean Tinguely, Martial Raysse, Daniel Spoerri,
Arman, Raymond Hains und François Dufrène angehören;
später stoßen César, Villeglé, Mimmo Rotella
und Niki de Saint Phalle dazu.
Restany war zu der Zeit ein ambitiöser junger Kunstkritiker, der
in den fünfziger Jahren vergeblich versucht hatte, sich als Vertreter
einer Gruppe junger ungegenständlicher Künstler einen Namen
zu machen.46 Seine Chance kommt, als er 1955 den damals noch kaum bekannten
Yves Klein kennenlernt, der eben begonnen hatte, seine völlig leeren,
monochromen Bildtafeln zu malen.47
Restany ist von der extremen Haltung des jungen Künstlers fasziniert
und erkennt sogleich dessen publizistisches Potential. Er übernimmt
Klein gegenüber die Rolle des Impresarios, indem er dessen Ausstellungen
organisiert, die Monochromie theoretisch untermauert und ihm mit Rat und
Tat beisteht.
Über Klein lernt Restany César, Arman und all die andern kennen,
die er später zur Gruppe des Nouveau Réalisme
verbinden sollte. Mit dieser hat er sich, wie Peter Vetsch vermerkt, "ein
publizistisches Monopol geschaffen, eine Pfründe, die er weidlich
auskostete. Zu allen Aktivitäten der Gruppe schrieb er die begleitenden
Texte. In unzähligen Artikeln propagierte er mit einer Penetranz,
die manchmal nicht zu ertragen war und ist, seine Ideen."48 Nach
dem Vorbild André Bretons schwingt sich Restany innert kürzester
Zeit zum neuen Kunstpapst der Pariser Szene auf. In der Gründungsurkunde
der neuen Bewegung umschreibt er die Haltung, die seine Künstler
miteinander verbindet, in einem Satz: "Nouveau Réalisme =
nouvelles approches perceptives du réel" (= neue Wahrnehmungsweisen
des Wirklichen).
Die gestalterischen Prinzipien der Neuen Realisten entsprechen in mancher
Hinsicht denjenigen der amerikanischen Pop Künstler. So verzichten
auch die Europäer auf jeden emotionalen Ausdruck und beschränken
ihre gestalterischen Interventionen auf ein Mindestmaß; in der Regel
begnügen sie sich damit, einen Ausschnitt der urbanen Umwelt zu präsentieren.
Im Gegensatz zu den Amerikanern geht es ihnen jedoch weniger darum, die
essentiellen Aspekte dieser Wirklichkeit sichtbar zu machen, als vielmehr
darum, deren ästhetischen Reize auszubeuten. Diese Ästhetisierung