Zweiter Teil - Krise und Erneuerung
VI. Krise und Erneuerung
1. Vom Wesen des Klassischen
Im Verlauf der bisher besprochenen Entwicklung hat die europäische
Kunst einen grundlegenden Wandel erfahren. In zwei großen Entwicklungsschüben
sind die brüchig und unglaubwürdig gewordenen Ideale und Ambitionen
des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts durch ein neues Paradigma, durch
einen neuen künstlerischen Kanon ersetzt worden.
Im ersten Entwicklungsschub der Moderne (Impressionismus und Nachimpressionismus)
schlägt sich die fortschreitende psychische Integrierung des wissenschaftlichen
Weltbildes und der neuzeitlichen Philosophie von der Aufklärung bis
Nietzsche nieder. Die europäische Malerei befreit sich von den Fesseln
der aus der Renaissance stammenden Traditionen; sie überschreitet
den ideellen Rahmen der antiken und christlichen Mythologie, der kirchlichen
und der weltlichen Macht und schafft sich einen neuen, aufgeklärten
und ichgerechten Kanon. Schwärmerisches Pathos und theatralische
Pose weichen einer neuen künstlerischen Redlichkeit. An Stelle illusionären
Wunschdenkens tritt die innere Überzeugung. Die Moderne strebt nach
der Erkenntnis, der Gestaltung, dem Ausdruck und der Sinngebung einer
unbezweifelbaren Wirklichkeit und findet diese in der eigenen inneren
und äußeren Erfahrung. Reinheit und Transparenz
der bildnerischen Mittel, geistige Integrität und universale Geltung
werden zu den bestimmenden Werten der künstlerischen Gestaltung.
In dieser Entwicklung äußern sich zwar dieselben vier Grundhaltungen,
die schon das 19. Jahrhundert beherrscht haben - die realistische, die
bildnerisch-strukturelle, die romantische und die symbolistische - doch
spiegeln ihre künstlerischen Umsetzungen ein neues Selbst- und Weltverständnis,
ein neues Paradigma.
Manet, Dégas und Monet führen den Realismus des 19. Jahrhunderts
zum Impressionismus. Sie entdecken im urbanen Alltag die sie bestimmende
Wirklichkeit, verschieben ihr Interesse vom Objekt der Betrachtung auf
deren Subjekt und erheben den Wahrnehmungsprozeß zum eigentlichen
Thema der künstlerischen Darstellung.
Seurat und Cézanne entdecken die Eigengesetzlichkeit von Farbe
und Form, befreien die malerischen Mittel von ihrer dienenden Funktion
und verwirklichen die Ambitionen und Ideale der Klassizisten in ihrem
ursprünglichen, d.h. klassischen Sinn, nämlich im Ordnungsgefüge
des autonomen Bildes.
Gauguin und van Gogh verzichten auf die melodramatischen Inszenierungen
der Romantik; sie bekennen sich zur Wirklichkeit, d.h. zur sinnlichen
Dimension ihrer Gefühle und verleihen ihrer Liebe und ihrer Sehnsucht
einen unmittelbaren, ichgerechten künstlerischen Ausdruck.
Innerlich zerrissen, stellen Munch und Ensor die Frage nach dem Lebenssinn.
Statt in die bürgerliche Lebenslüge oder in den idealisierenden
Irrealismus ihrer symbolistischen Zeitgenossen auszuweichen, antworten
sie mit der Bloßlegung ihrer Wunden und Triebängste, ihrer
sexuellen Konflikte und ihres Wahns.
Der zweite Entwicklungsschub der Moderne wird noch stärker als
der erste durch das Bewußtsein der durchgehenden (und rational faßbaren)
Einheit allen Seins bestimmt. Körper und Geist, Materie und Energie
stellen bloß unterschiedliche Erscheinungsformen der einen und einzigen,
unsichtbaren Wirklichkeit dar und fallen ihrem Wesen nach in eins zusammen.
Mensch und Welt werden als Wirkungsgefüge anonymer, nicht mehr konkret
vorstellbarer, sondern nur noch abstrakt denkbarer Naturkräfte aufgefaßt.
Künstlerisch schlägt sich dieses Bewußtsein vorerst in
einer erhöhten Sensibilisierung und einer neuen Rezeptionsfähigkeit
für bisher mißachtete Kunstformen nieder: die Moderne entdeckt
den magischen Realismus des Zöllners Henri Rousseau und
den archaischen Symbolismus primitiver Stammeskunst. Das neue Zeitalter
erkennt in diesen ungewohnten Gestaltungen den ursprünglichen Sinn
und die universale Bedeutung realistischer und symbolistischer Kunst:
die Aneignung der Welt durch den magischen Akt der Darstellung und die
Bannung bedrohlicher und unfaßbarer Mächte durch Magie und
Ritual. Die magische Dimension des künstlerischen Prozesses wird
nicht mehr religiös gedeutet oder der Genialität einzelner Künstler
zugeschrieben, sondern als ein wesentlicher, natürlicher
und notwendiger Aspekt der menschlichen Psyche verstanden. Mit dieser
Verschiebung der Optik beginnt die Integrierung des Unfaßbaren -
des Unbewußten - in das aufgeklärte Selbst- und Weltbild der
Moderne.
Gleichzeitig entwickeln Mondrian und Kandinsky aus der bildnerisch (strukturell)
orientierten Malerei von Seurat und Cézanne und aus der expressiv-
romantisch (affektiv) orientierten Malerei von Gauguin und van Gogh einerseits
die geometrische, andererseits die gestische Linie einer völlig ungegenständlichen
Kunst, in der Form und Aussage, Geistiges und Emotionales, Energie und
Materie zu einer unaufhebbaren Einheit finden. Sie bilden die Wirklichkeit
nicht mehr ab, sondern schaffen - als Äquivalent der unsichtbaren,
allem Sein zugrunde liegenden Ordnung - eine neue Wirklichkeit: das autonome
Bild. Das neue Paradigma hat damit seine klassische Ausgestaltung gefunden
(siehe Tabelle:
Die Aussage, mit Mondrian und Kandinsky habe die künstlerische
Entwicklung der Moderne ihre klassische Phase erreicht, verlangt nach
einer Präzisierung. Ursprünglich ganz allgemein zur Bezeichnung
der als mustergültig gesehenen griechisch-römischen Antike gebraucht,
wurde der Begriff des Klassischen seit Winkelmann auf die griechische
Kunst des 5. und 4. Jahrhunderts v. Chr. eingeschränkt. Heute wird
klassisch sowohl mit vorbildlich gleichgesetzt als auch auf
Kunstepochen und Werke angewendet, die Maß und Ordnung betonen und
nach Ausgewogenheit zwischen dem Leiblichen und dem Geistig-Seelischen
streben; wir fassen dementsprechend die Renaissance als klassische Epoche
auf und sprechen von einer klassischen Moderne.
Aus psychologischer Sicht läßt sich somit all jene Kunst als
klassisch, d.h. vorbildlich, bezeichnen, bei der exhibitorische Ambitionen
und idealisierte Strukturen gleichgewichtig aufeinander bezogen, durcheinander
bedingt und miteinander zu einer gestalthaften Einheit verbunden sind.
So gesehen hat jede Kunstepoche und jede Kunstrichtung ihre klassischen
Vertreter: das Trecento hat seinen Giotto, die Romantik den großen
Goya, der Impressionismus den späten Monet.
Diese Auffassung des Klassischen ist durchaus vertretbar, bezieht sich
jedoch ausschließlich auf die psychologischen und die wertmäßigen
Aspekte des Begriffs und verfehlt damit die historische und ideelle Bedeutung
dessen, was ich unter der klassischen Phase oder der klassischen Kunst
eines ganzen Zeitalters verstehe. Um dieser gerecht zu werden, muß
ich den Begriff enger fassen. Als klassisch bezeichne ich dann die Entwicklungsphase,
mit der das umfassende Paradigma, das dem ganzen Zeitalter seinen Stempel
aufdrückt, seine exemplarische, d.h. seine allgemeinste und gleichzeitig
verbindlichste künstlerische Ausgestaltung findet.
Eine solche Epoche teilt den jeweiligen Entwicklungszyklus in zwei Hälften,
die sie in unterschiedlicher, doch maßgeblicher Weise bestimmt.
Die Künstler der ersten, vorklassischen Hälfte eines Entwicklungszyklus
streben danach, das Wesen des neuen Paradigmas immer klarer und reiner
herauszuarbeiten, um ihm eine möglichst allgemeingültige künstlerische
Gestalt zu verleihen. Für sie stellt das Klassische - die vorbildliche
Formulierung dieses Paradigmas - das Ziel dar, an dem sich all ihre Anstrengungen
orientieren. Die schließliche Erreichung dieses Ziels hebt diese
Orientierung auf und löst damit notgedrungen eine Krise aus.
Da sich die entscheidende Leistung der klassischen Generation
weder wiederholen noch übertreffen läßt, kann die nachfolgende
Generation ihre Überlegenheit und Eigenart nur noch durch Dissidenz,
durch Abweichung vom bisher verfolgten Pfad, ausdrücken. Solange
kein fundamental neues Paradigma das nächste Zeitalter einleitet,
bleiben diese Künstler darauf angewiesen, sich innerhalb eines bereits
abgesteckten Terrains zu bewegen und die klassischen Konzepte entweder
zu vertiefen, zu klären und auf einzelne ihrer Teilaspekte zu reduzieren,
oder zu versuchen, sie durch kritische Alternativen oder durch Verleugnung
zu entwerten; bezeichnenderweise folgt jeweils der klassischen Phase eines
künstlerischen Entwicklungszyklus die Turbulenz des Manierismus,
der sich mit seiner Antikunst gegen alle klassischen Werte
stellt.
Die nachklassische Kunst ist somit entweder Kommentar und Wiederholung
oder aber Negierung des bisher Erreichten. In diesem Sinn kommt der klassischen
Epoche einer Kultur auch in der zweiten Hälfte ihres Zyklus eine
orientierende Funktion zu; sie verkörpert die verbindlichen Maßstäbe,
auf die sich alle anderen Epochen in bejahender oder ablehnender Weise
beziehen müssen.
Besonders deutlich wird diese Bedingtheit im Fall des Manierismus: Ohne
Kunst ist Antikunst nicht denkbar. Letztere ist jedoch nicht nur destruktiv;
die Kunst des Manierismus trägt auch den Keim der breitgefächerten
Entwicklung in sich, mit der eine Kultur in der zweiten Hälfte ihres
Zyklus das kreative Potential ihres Paradigmas jeweils so lange ausschöpft,
bis dieses durch die Ausbildung eines neuen Bewußtseins und den
Beginn eines neuen Zeitalters abgelöst wird.
Diese Entwicklung wird in der Moderne durch die rätselhafte Figur
Marcel Duchamps beherrscht; für die zweite Hälfte unseres Zyklus
kommt ihm die Bedeutung zu, die Cézanne als Wegbereiter der ungegenständlichen
Kunst in der ersten Hälfte innehatte.
2. Kunst als Rätsel: Marcel Duchamp und der Einbruch des Absurden
Die Entwicklung von der Archaik zur Klassik stellt den jeweils glorreichsten
Abschnitt jedes kulturellen Entwicklungszyklus' dar, läßt sich
doch in ihrem Verlauf so etwas wie ein Fortschritt feststellen. Ein eben
erwachtes neues Selbst- und Weltbewußtsein manifestiert sich auf
seiner archaischen Stufe erst keimhaft, kommt im Verlauf der weiteren
künstlerischen Entwicklung Schritt für Schritt immer deutlicher,
kraftvoller und ausschließlicher zum Ausdruck, bis es auf der klassischen
Stufe seine reinste und vollkommenste Ausgestaltung findet.
So läßt sich im Verlauf des Entwicklungszyklus der Moderne,
von Courbet und Manet zu den Impressionisten, von diesen über Seurat,
Cézanne, Gauguin und van Gogh zu den Fauves, den Kubisten und schließlich
zu Mondrian und Kandinsky sehr deutlich ein Fortschreiten in derselben
Grundrichtung - weg vom Gegenstand und hin zur immer größeren
bildnerischen Autonomie - beobachten. Auf der letzten Stufe dieser Entwicklung
hat die Malerei ihre abbildhafte, wiedergebende Funktion vollständig
verloren und dient nur noch der Erschaffung einer neuen, ihr eigenen Wirklichkeit.
Dabei orientiert sie sich an der anonymen Qualität elementarer Kräfte
und am Geist der Naturwissenschaft.
Mondrian und Kandinsky bilden den vorläufigen Abschluß dieser
progressiven Entwicklung. Das durch sie erreichte läßt sich
bestenfalls variieren, doch nicht weiter steigern und überbieten.
Spätestens damit sind die Voraussetzungen für die Ausbildung
des Manierismus gegeben. Wie die Manieristen des 16. Jahrhunderts wenden
sich die Zeugen und unmittelbaren Nachfolger dieses künstlerischen
Höhepunktes gegen die Kriterien einer Kunst, deren Erfüllung,
weil bereits erfolgt, keinen Ruhm mehr verspricht. Der erste Vertreter
dieser Haltung und damit der eigentliche Pionier der nachklassischen Moderne,
ist der französisch-amerikanische Künstler Marcel Duchamp.
Die Auseinandersetzung mit der Avantgarde
Die künstlerische Entwicklung Marcel Duchamps (1887 - 1968), den
André Breton als den intelligentesten Künstler des 20. Jahrhunderts
bezeichnete, läßt sich nur vor dem Hintergrund des kulturellen
Klimas verstehen, das im letzten Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg in
Paris herrschte.
Seit den Skandalen, die Courbet, Manet und die Impressionisten ausgelöst
haben, vertieft sich die Kluft zwischen der offiziellen Kunst, die sich
an der Tradition der Akademien orientiert, und den fortschrittlichen jungen
Künstlern, die sich über diese Tradition hinwegsetzen und nach
neuen Themen und Gestaltungsmittel suchen, immer mehr. Mit der Anerkennung
der ehemaligen Revolutionäre setzt sich in Kunstkreisen langsam die
Auffassung durch, daß jede bedeutende Kunst vorerst innovativ sei
und gegen die herrschenden Kriterien verstoße, um später selbst
die Maßstäbe des guten Geschmacks zu setzen. Mit
anderen Worten: der Weg zum Ruhm - zum Olymp des Museums - führte
über die Avantgarde.
Duchamp, der 1904 in Paris eintrifft, um Maler zu werden, versucht die
künstlerische Entwicklung der Moderne im Eilschritt nachzuvollziehen.
Er malt nacheinander im Stil der Impressionisten, in der Manier Cézannes
und der Fauves (Abb. 223) und wendet sich schließlich einer symbolistischen
Thematik zu. Dank dem Einfluß seiner um über zehn Jahre älteren
Brüder, die unter den Künstlernamen Jacques Villon und Raymond
Duchamp-Villon als Maler und Bildhauer zur etablierten Avantgarde zählen,
stellt er nicht nur im Salon des Indépendants, sondern auch regelmäßig
im Salon d'Automne aus.
Seine wachsende Selbstsicherheit erleidet im Frühjahr 1911 bei der
Eröffnung des Salon d'Automne einen empfindlichen Stoß. Im
berühmten Saal 41, in dem die Fauves 1905 ihren ersten spektakulären
Auftritt erlebt haben, sorgen diesmal die Kubisten (Gleizes, Le Fauconnier,
Metzinger, Léger, Delaunay) für den inzwischen obligat gewordenen
Ausstellungsskandal. Zwar handelt es sich bei dieser Gruppe nicht um die
eigentlichen Schöpfer des neuen Stils, denn Braque und Picasso weigern
sich seit einer früheren Zurückweisung, öffentlich auszustellen.
Doch spielt dies keine Rolle. Dem unwissenden Publikum sind die ausgestellten
Bilder verrückt genug; sie lösen einen unerhörten
Skandal aus. Während die Besucher scharenweise in den Kubistensaal
drängen, in dem gelacht, geschimpft und diskutiert wird, bleiben
Duchamps Bilder, ertränkt in einem Meer von sechstausend traditionalistischen
Einsendungen, völlig unbeachtet.
Duchamp wird sich schlagartig seiner entwicklungsgeschichtlichen Verspätung
bewußt. Er beginnt sogleich, ebenfalls kubistisch zu malen, doch
vermeidet er es, das von Braque und Picasso entwickelte Gestaltungsprinzip
unverändert zu übernehmen. Er begnügt sich nicht mehr damit,
im Kielwasser bewunderter Vorbilder zu schwimmen, sondern will selber
Geschichte machen - er will seinen eigenen Skandal. In Anlehnung an die
fotografischen Versuche Marays (Abb. 224) gibt er den statischen Aufbau
des kubistischen Bildraumes auf und nutzt stattdessen die kubistische
Faszettierung der Körper zur Wiedergabe eines Bewegungsablaufes;
1912 malt er nach einer Reihe entsprechender Versuche das Bild, dem er
seinen ersten großen Erfolg verdanken sollte, den Nu descendant
un escalier (Abb. 225).
Duchamps erklärte Absicht, am folgenden Salon des Indépendants
mit seinem Akt einen Skandal auszulösen, wird jäh vereitelt,
als die mit der Einrichtung der Ausstellung betrauten Kubisten sich weigern,
sein Bild, das ihnen zu wenig linientreu ist, in ihren Saal
aufzunehmen. Diese Zurückweisung überzeugt Duchamp von der Aussichtslosigkeit
seiner Versuche, sich der bestehenden Avantgarde anzuschließen,
und bestärkt ihn in seinem Entschluß, sich vom Kubismus zu
lösen, um einen eigenen Weg zu gehen; nur fehlt ihm dazu noch ein
eigenes Ziel, eine eigene Konzeption.
Ende Mai (also wenige Wochen nach der erlittenen Kränkung) besucht
Duchamp in Begleitung Apollinaires und Picabias im Theater Antoine eine
Aufführung der Impressions d'Afrique von Raymond Roussel,
die ihn zutiefst beeindruckt. Die Absurdität der Handlung, die absonderlichen
Maschinen, die auf der Bühne vorgeführt werden und die minutiöse
Beschreibung ihrer ausgeklügelten und nutzlosen Mechanismen eröffnen
dem Maler einen völlig neuen Horizont und weisen ihm den Weg aus
der Sackgasse.
So meint auch Duchamp: "Es war im wesentlichen Roussel, der für
mein Glas La mariée mise à nu par ses célibataires,
même, verantwortlich war. Aus seinen Impressions d'Afrique
erhielt ich den allgemeinen Zugang. Dieses Stück von ihm, das ich
mit Apollinaire zusammen sah, half mir auf einer Seite meines Ausdrucks
in hohem Maße. Ich sah plötzlich, daß ich Roussel als
einen Einfluß benutzen konnte. Ich spürte, daß es für
einen Maler viel besser ist, von einem Schriftsteller beeinflußt
zu werden, als von einem anderen Maler. Und Roussel zeigte mir den Weg."1
Als Dichter stellt Roussel ein unverfängliches Vorbild dar. Er ist
kein Rivale; indem er sich als idealisierbare, doch ungefährliche,
nichtkastrierende Identifikationsfigur anbietet, wird er zum idealen Vaterersatz.
Als solcher entbindet er Duchamp von einer Aufgabe, der dieser nicht gewachsen
ist: von der Auseinandersetzung mit Cézanne, dem großen Vater
der Moderne, und vom Wettbewerb mit den Hütern seines Erbes, den
Bruderfiguren, d.h. den Vertretern der etablierten Avantgarde. Jener Abend
im Theater Antoine wird damit zu einem entscheidenden Datum in der europäischen
Kunstgeschichte. An diesem Abend hat Duchamp seine Vision gefunden, seinen
Weg erkannt.
Er reist unvermittelt nach München, der Hochburg des Blauen
Reiter, wo er am 19. Juni eintrifft. Hier konzipiert er in völliger
Einsamkeit sein späteres Hauptwerk La mariée mise à
nu par ses célibataires, même (Die Braut, von ihren Junggesellen
nackt entblößt). In seinem als Atelier umfunktionierten Hotelzimmer
entstehen dazu die ersten Entwürfe: ungewöhnliche Bilder, auf
denen sich mechanische Elemente und eingeweideartige Formen zu gleichsam
durchsichtigen, psychologisch-biologischen menschlichen Maschinen verbinden,
die ihre innere Konstruktion offen zur Schau stellen (Abb. 226).
Über Wien, Prag, Dresden und Berlin reist Duchamp nach Paris zurück.
Hier brechen die malerischen Vorarbeiten zu seinem Hauptwerk unvermittelt
ab, als sich der nun Fünfundzwanzigjährige überraschenderweise
entschließt, das Malen endgültig aufzugeben. "Plus de
peinture, Marcel. Cherche du travail",2 lautet das legendäre
Selbstgespräch, das nach seinen Angaben die große Wende einleitet.
Er nimmt eine Stelle als Bibliothekar an, doch ohne deshalb jede künstlerische
Arbeit aufzugeben. Sein Verzicht betrifft nur die handwerklichen Implikationen
seiner schöpferischen Tätigkeit. Beim gemeinsamen Besuch des
Pariser Luftfahrtsalons (Oktober 1912) meint er dementsprechend zu Brancusi:
"Die Malerei ist am Ende. Wer könnte besseres machen als diesen
Propeller? Könntest Du das?"3
Der schöpferische Durchbruch: die Schönheit der Indifferenz
Das folgende Jahr (1913) bringt Duchamp den ersten bedeutenden öffentlichen
Erfolg und den entscheidenden schöpferischen Durchbruch. Im Februar
eröffnet die Gesellschaft amerikanischer Maler und Bildhauer in New
York eine internationale Ausstellung moderner Kunst - die berühmte
Armory Show - an der die europäische Moderne von Cézanne
bis Picasso und von Matisse bis Kandinsky fast vollständig vertreten
ist. Die Ausstellung, an der auch Duchamp mit vier Bildern beteiligt ist,
löst einen kulturellen Aufruhr aus; dabei erhitzt kein Bild die Gemüter
sosehr wie Duchamps Nu descendant un escalier. Es wird zur bevorzugten
Zielscheibe der höhnischen Angriffe von Presse und Publikum und über
Nacht zum meistdiskutierten Bild des Landes. Duchamps Werke werden in
den ersten Tagen alle verkauft.
Die Nachricht dieses unerwarteten Erfolgs ändert jedoch nichts an
Duchamps Entschluß, das Malen aufzugeben; sie bestärkt ihn
vielmehr darin, fortan nicht mehr von seiner Idee abzuweichen, den von
Roussel empfangenen Anregungen eine bildnerische Ausgestaltung zu geben.
In den Jahren 1913/14 zieht Duchamp aus seiner Einsicht die gestalterischen
Konsequenzen und schafft die vier entscheidenden Werke, mit denen er der
künstlerischen Entwicklung der Moderne während eines halben
Jahrhunderts den Weg weisen sollte. Drei dieser Arbeiten dienen ihm gleichzeitig
als Detailstudien zu seinem Hauptwerk La mariée mise à nu
par ses célibataires, même, die vierte stellt das erste Readymade
dar.
Als erstes macht er deutlich, wie seine Weigerung, weiterhin Bilder
zu malen, aufzufassen sei. Bei einem Gang durch die Straßen seiner
Heimatstadt stößt er im Schaufenster der Schokoladenfabrik
Gamelin auf die komplizierte, durch Dampf angetriebene Maschinerie, deren
Funktionieren ihn schon als Jungen fasziniert hat. Er entschließt
sich, eine Komponente dieser Apparatur, die sogenannte Schokoladenreibe
(oder -mühle) als das einzige Sujet eines Bildes im sachlich-objektiven
Stil einer technischen Zeichnung darzustellen. "Ich wollte auf eine
absolut trockene Zeichnung, auf die Komposition einer trockenen Kunst
zurückkommen, und welch besseres Beispiel gab es für diese neue
Kunst als die mechanische Zeichnung?".4 Eine zweite, noch trockenere
Fassung dieser Darstellung sollte er später als eines der Bestandteile
der Junggesellenmaschine in sein Hauptwerk integrieren. (Abb. 227).
Als nächstes beginnt Duchamp eine Arbeit, die eher dem didaktischen
Demonstrationsmodell einer wissenschaftlichen Versuchsanordnung gleicht,
als einem Kunstwerk. Er läßt drei Nähfäden auf eine
Leinwand fallen, fixiert sie auf derselben in der Stellung, die sie dabei
angenommen haben, und klebt die entsprechenden Ausschnitte der Leinwand
auf drei längliche Glasplatten. Jede ist von Hand signiert und trägt
die Inschrift: "Ein Meter eines geraden, horizontalen Nähfadens,
von einem Meter Höhe herabgefallen. Drei Musterfäden: Besitz
Marcel Duchamp, 1913-14". Ergänzt werden diese drei Platten
durch drei flache Holzstreifen, die Duchamp so schneidet, daß sie
die jeweiligen Kurven der drei Fäden wiederholen. Entsprechend dem
internationalen, in Paris aufbewahrten Platin-Urmeter ist das Ganze in
einer länglichen Holzkiste untergebracht (Abb. 228).
Als drittes nimmt auch das geplante Hauptwerk La mariée mise à nu par ses célibataires, même in Duchamps Vorstellung immer deutlichere Gestalt an. Er entschließt sich, für sein Werk statt der üblichen Leinwand Glas als Bildträger zu verwenden (daher auch der Werktitel: das Große Glas), und zeichnet im Maßstab 1:10 den ersten Plan der Gesamtkomposition sowie genaue Detailentwürfe für den unteren Teil desselben, die sogenannte Junggesellenmaschine. Gleichzeitig beginnt er mit der Ausführung einer ersten Detailstudie auf Glas, Schlitten mit einer Wassermühle aus benachbarten Metallen. Den unpersönlichen, technischen Charakter seiner Darstellung unterstreicht er dadurch, daß er die Umrißlinien der absonderlichen Konstruktion mit Bleifäden markiert (Abb. 229).
Und schließlich konstruiert Duchamp (diesmal ohne Bezug zum Großen Glas) ein ungewöhnliches Objekt - das berühmte Fahrrad-Rad - indem er eine Velogabel samt Rad umgekehrt auf einen Schemel schraubt (Abb. 230).
In diesen Arbeiten wendet Duchamp eine Reihe gestalterischer Prinzipien
an, die allen bisherigen Auffassungen über Kunst diametral zuwiderlaufen:
- der persönliche Ausdruck weicht anonymer Sachlichkeit und technischer
Präzision.
- der Zufall wird zu einem bestimmenden Faktor der künstlerischen
Gestaltung.
- die persönliche Willkür ersetzt den künstlerischen Kanon.
- die Wahl eines realen Objekts ersetzt die Gestaltung eines künstlerischen
Werkstoffes.
- der Schwerpunkt des schöpferischen Prozesses verschiebt sich von
der Ausführung des Werkes auf dessen Konzeption.
- die künstlerische Aussage ist verborgen. Das Werk wird zum Rätsel.
Mit diesen Erneuerungen sprengt Duchamp den bisherigen Bezugsrahmen
der Moderne. Gleichzeitig definiert er mit ihnen seine Stellung zur Avantgarde
und zum allgemeinen Fortschrittsglauben seiner Zeit. Er weiß, daß
die große bildnerische Revolution der Moderne in ihren wesentlichen
Zügen bereits vollzogen, daß ihr Höhepunkt, die ungegenständliche
Kunst, bereits verwirklicht ist, und ist sich seiner Verspätung sehr
wohl bewußt. Er bewundert zwar die bahnbrechenden Entdeckungen und
Errungenschaften der modernen Kunst und Wissenschaft, doch will er ihnen
gegenüber weder seine Freiheit, noch das Bewußtsein der eigenen
Einmaligkeit und Grandiosität opfern.
Um die Ambitionen und Ideale der Moderne zu relativieren, greift er zum
Zweifel und zur Ironie: "Ironie ist ein spielsamer Weg, um etwas
zu akzeptieren. Meine Ironie ist die Ironie der Indifferenz. Sie ist Meta-Ironie",
meint er zum amerikanischen Galeristen Sidney Janis.5 So wendet er seine
Lieblingswaffe gegen die drei Kräfte, die seine Autonomie - seine
Phantasie absoluter Freiheit - am ehesten in Frage stellen könnten:
gegen Kubismus und ungegenständliche Malerei; gegen Vernunft, Wissenschaft
und Technik; und schließlich (vor allem im Großen Glas), gegen
Eros und Sexualität.
Das Konzept und die Macht des Zufalls
Die Musterfäden stellen einen ironischen Kommentar zu den Leistungen
der modernen Kunst und Wissenschaft dar: "Ich sah nicht ein, weshalb
wir vor der Wissenschaft eine solche Ehrfurcht haben sollten, und deshalb
mußte ich eine andere Form der Pseudoerklärung liefern. Ich
bin ein Pseudo durch und durch, das ist mein Charakteristikum. Ich konnte
die Ernsthaftigkeit des Lebens nie ausstehen, wenn aber der Ernst mit
Humor getönt ist, ergibt das eine hübschere Färbung".6
Dieses Objekt läßt sich sowohl unter individual-psychologischen
als auch unter allgemeinen, stilistischen Gesichtspunkten betrachten.
Wie die Readymades dient auch die Versuchsanordnung der Musterfäden
der Abwehr der aus den Leistungen der Moderne sich ergebenden Anforderungen.
Indem er mit seinem Demonstrationsobjekt die Ambitionen und Ideale bisheriger
Kunst völlig ignoriert, gelingt es Duchamp, seine Konkurrenten aus
dem Wege zu schaffen, ohne gegen sie antreten zu müssen. Im Feld,
in dem er sich stellt, ist er der einzige und damit unschlagbar; seine
Leistung läßt sich weder wiederholen noch übertreffen.
Hinter Duchamps Meta-Ironie und seinem Postulat "Die Idee des Urteils
sollte verschwinden!"7 verbirgt ein gekränktes und zutiefst
verunsichertes Selbst seine Sehnsucht nach der versagten (durch Väter
und Brüder verunmöglichten) Bestätigung. Statt nach Verbundenheit
strebt Duchamp nach Distanz; statt Liebender ist er Voyeur. An Stelle
eines fragwürdig gewordenen individuellen Selbst setzt Duchamp das
für ihn einzig Unbezweifelbare, die letzte Realität: den Zu-fall
und den Ein-fall. Der Zufall übernimmt dabei die orientierende Funktion
der idealisierten Strukturen, der Einfall steht für die Exhibition
individueller Einmaligkeit.
Die dialektische Beziehung der beiden Pole bleibt damit gewahrt. Indem
er mit seinen Musterfäden die Gleichartigkeit des Unterschiedlichen
aufzeigt, gelingt es Duchamp, das Allgemeine und das Einmalige miteinander
zu einer Synthese zu verbinden. Nur wird die dialektische Spannung zwischen
den beiden Polen nicht mehr im eigenen Selbst (in der Auseinandersetzung
zwischen exhibitorischen Ambitionen und idealisierten Strukturen) ausgetragen,
sondern "auf Distanz", in der anonymen Wirklichkeit einer physikalischen
Versuchsanordnung.
Trotzdem verwirklicht dieses Werk exhibitorische Ambitionen des Künstlers:
Diese richten sich nämlich nicht mehr auf die äußere Erscheinung,
auf die Ausführung des Werkes, sondern haben sich auf dessen Konzeption,
auf das Konzept verschoben. Dieses rückt Duchamp als ein völlig
neues Ausdrucks- und Gestaltungsmittel in das künstlerische Bewußtsein
der Moderne.
Die konzeptionelle Grundauffassung eines Werkes deckte sich bisher mit
derjenigen einer ganzen Epoche; sie war weitgehend tradiert und bildete
als Konstante den Rahmen, innerhalb dessen individuelle Künstler
ihre exhibitorischen Ambitionen verwirklichen und die eigene Einmaligkeit
zur Schau stellen konnten. Mit der Moderne beginnt sich dieses Verhältnis
langsam zu verschieben. Seurat und Cézanne, Gauguin und van Gogh,
Braque und Picasso, Matisse und Kandinsky schaffen sich ihren eigenen
Rahmen, ihren eigenen Kanon; Konzeption und Ausführung sind bei ihnen
gleichermaßen individuell geprägt.
Duchamp gibt dieses Gleichgewicht wieder auf, doch kehrt er nicht zum
früheren Verhältnis zurück, sondern dreht dieses völlig
um: Die Konzeption wird bei ihm zur Variablen und tritt exhibitorisch
in den Vordergrund, während deren Verwirklichung (Ausführung)
als bloßes Handwerk zur Nebensache herabsinkt. Diese Umkehrung ist
ein allgemeines Merkmal des Manierismus und wird zu einer bestimmenden
Tendenz der nachklassischen Moderne. Die Exhibition tritt usurpatorisch
an die Stelle der idealisierten Strukturen (des künstlerischen Kanons),
indem sie sich in einer Form äußert, die ihrem Wesen nach diesen
vorbehalten war, nämlich in der Form des Konzepts. In dieser Gestalt
übernimmt nun die individuelle Exhibition die verwaiste Funktion
einer idealisierten Struktur. Sie gilt also nicht mehr einer inneren
Befindlichkeit, dem Ausdruck einer Emotion, sondern einer intellektuellen
Einsicht und/oder ideologischen Stellungnahme. Im Konzept selbst findet
diese ihre künstlerische Gestalt, in ihr verdichtet sich das grandiose
Selbst. Das Konzept wird zur Maniera der Moderne.
Regarder voir: der Mythos der Impotenz
Da er den Mythos der Moderne nicht mehr übernehmen kann, ohne ihm
seine eigenen exhibitorischen Ambitionen zu opfern, schafft sich Duchamp
mit seiner Kunst einen eigenen Mythos; mit diesem finden die Konflikte,
die sich aus seiner entwicklungsgeschichtlichen Lage und aus seiner individuellen
psychischen Konstellation ergeben, eine gleichsam verschlüsselte
Darstellung.
Ihre umfassendste Ausgestaltung findet Duchamps individuelle Mythologie
in seinem berühmten Hauptwerk La mariée mise à nu par
ses célibataires, même (Das Große Glas). 1915 beginnt
er in New York mit der während dreier Jahren in unzähligen Skizzen,
Vorstudien und Modellen minutiös vorbereiteten Ausführung des
Werkes, das er 1923 als "endgültig unvollendet" erklärt
(Abb. 231).
Das Bild besteht aus zwei übereinandergestellten Glastafeln, und
ist mit der größten Exaktheit und unter Verwendung unterschiedlicher
Materialien (Farben und Lacke, Bleifäden, Spiegelfolien, Rost, Staub)
ausgeführt.
Den oberen Teil nimmt die Braut ein. Sie besteht aus einer Konfiguration
organischer und mechanischer Formen, die von Ferne an ein großes
Insekt erinnert. Auf der unteren Glastafel figuriert die Junggesellenmaschine,
die sich aus fünf Komponenten zusammensetzt: der erwähnte Metallschlitten
mit Wasserrad, neun kolbenartige, mit Bleidraht eingefasste Formen als
Vertreter der Junggesellen, sieben in einem Halbkreis angeordnete Kegel
(wobei eine Kombination von Musterfäden den ersten Kegel mit den
Junggesellen verbindet), die uns bereits bekannte Schokoladenreibe und
schließlich drei durch Verspiegelung aufgetragene geometrische Figuren,
wie sie Optiker für ihre Sehproben verwenden.
Die beiden Bereiche sind durch drei Isolierplatten getrennt, die das Kleid
der Braut repräsentieren.
Das ungewöhnliche Werk läßt sich dank seiner Konstruktion
frei in den Raum stellen und kann von beiden Seiten betrachtet werden.
Durch die Transparenz und die Spiegelungen des Glases vermischt sich der
umgebende Raum mit der eigentlichen Darstellung und steigert noch deren
verwirrende Wirkung.
Das Große Glas ist ein hermetisches Werk, das sich als solches
jeder Deutung entzieht. 1934, zehn Jahre, nachdem Duchamp die Arbeit daran
aufgegeben hat, veröffentlicht er in 300 Exemplaren eine Art Interpretationshilfe
zu seinem Glas. Es ist eine grüne Veloursschachtel, die neben den
Reproduktionen aller in München geschaffenen Bilder oder Zeichnungen
etwa fünfzig Entwürfe, Pläne und handschriftliche Texte
enthält. Diese minutiös faksimilierten Dokumente stellen eine
Auswahl der zwischen 1912-15 entstandenen Vorarbeiten zum Großen
Glas dar und sind bis zur jeweiligen Farbe, Form und Material den ursprünglichen
Blätter, Papierschnitzel, Kartonstücken oder Pauspapieren nachgebildet,
die Duchamp sorgfältig aufbewahrt hatte (Abb. 233).
Diese Texte, Fragmente diffuser Vorstellungen und angedeuteter Konzepte
(einzelne lesen sich wie technische Anleitungen), verraten die Zwiespältigkeit
und Ungeduld eines ambitiösen, von der eigenen Einmaligkeit eingenommenen
Geistes, der nicht bereit ist, seine Ideen konkret zu definieren, sondern
es vorzieht, sie in einem unbestimmten, unfaßbaren Zustand zu belassen.
Nach Duchamps eigenen Worten entspricht die Grüne Schachtel in ihrer
vorliegenden Form nur entfernt seinen ursprünglichen Absichten: "Sie
präsentiert bloß vorbereitende Notizen zum Großen
Glas, und auch diese nicht in der endgültigen Form, die ich
irgendwie analog einem Warenhauskatalog von Sears Roebuck konzipiert hatte,
der dem Glas beigegeben und genauso wichtig gewesen wäre,
wie das sichtbare Material."8
Das chaotische Durcheinander dieser Notizen wird 1958 durch Michel Sanouillet
mit Duchamps Hilfe chronologisch geordnet und, zusammen mit anderen Schriften
Duchamps, unter dem Titel Marchand du Sel. Ecrits de Marcel Duchamp
in Buchform veröffentlicht. Auch so bleiben die meisten dieser rasch
hingeworfenen, ursprünglich nur für den persönlichen Gebrauch
des Künstlers bestimmten Notizen für den Außenstehenden
unverständlich. Trotzdem wird die Grüne Schachtel seit ihrem
Erscheinen als eine Art Handbuch zur Entschlüsselung der Zeichen
und Symbole des Großen Glases benutzt.
Die wenigen Stellen, die einen faßbaren Sinn ergeben, vermitteln
Einblick in ein äußerst komplexes und verschlüsseltes
Phantasiegebilde, in dem Roussels Einfluß deutlich spürbar
ist. Mit pseudowissenschaftlicher Nüchternheit beschreibt Duchamp
einen phantastischen psychosexuellen Vorgang: die versuchte Entkleidung
der Braut (oder Neuvermählten) durch ihre Junggesellen (siehe dazu
den Aufriß des Glases mit Legenden, Abb. 232).
Gemäß diesen Aufzeichnungen stellen die kolbenartigen, mit
Bleidraht eingefaßten Körper im unteren Teil des Großen
Glases die neun männischen (im französischen Original: malic!)
Gußformen dar, welche dazu dienen, die gasförmigen Abgüsse
der Junggesellen zu erzeugen (Gendarm, Kürassier, Lakai, Laufbursche,
Piccolo, Priester, Leichenträger, Stationsvorstand und Polizist).
Die Junggesellen bleiben hoffnungslos in ihren Masken gefangen, die ihnen
"das Spiegelbild ihrer eigenen Komplexität" derart zurückwerfen,
daß dabei "onanistische Halluzinationen" ausgelöst
werden. Dementsprechend ereignet sich auch die Vereinigung zwischen Braut
und Junggesellen bloß als Projektion: "Die gespiegelten Tropfen
der Dreckspritzer, nicht die Tropfen selbst, sondern ihr Abbild gehen
durch die beiden Zustände derselben Figur hindurch".
Die häufigen Hinweise auf die Onanie unterstreichen den narzißtischen
Charakter dieser phantastischen Geschlechtsbeziehung. Die Schokoladenreibe,
das zentrale Element des Junggesellenapparates, symbolisiert die Selbstbefriedigung:
"der Junggeselle reibt seine Schokolade selber". Der auf unterirdischen
Schienen montierte Metallschlitten unterliegt dem Phänomen einer
"Umkehrung der Reibung"; das quietschende Geräusch seiner
monotonen Schaukelbewegung läßt die Litanei des Junggesellendaseins
ertönen: "Träges Leben. Circulus vitiosus. Onanie. Horizontal.
Hin und Zurück. Für den Prellbock, Scheißleben...."
Die Braut erscheint "als Apotheose der Jungfräulichkeit, als
unwissende Begierde, als keuscher Wunsch (mit einem Schuß Bosheit)."
Auch sie genügt sich selbst. Sie liefert "das Liebesbenzin,
das sie aus ihren Sexualdrüsen ausscheidet", entzündet
es "mit den Funken ihrer eigenen Begierde", und verbrennt es
schließlich selbst in einem Motor "mit den äußerst
schwachen Zylindern", der "eines ihrer oberflächlichen
Organe" bildet.
Die Maschinen des männlichen und des weiblichen Teiles des Großen
Glases arbeiten somit getrennt und ohne Berührungspunkte. Die Neuvermählte
wird nicht entkleidet; ihr Liebesspiel mit den Junggesellen steht unter
dem Zeichen der Frigidität und der Impotenz.
Die stichwortartige Zusammenfassung dieser wenigen verständlichen,
und darum auch immer wieder zitierten Stellen aus Duchamps umfangreichen
Texten muß genügen, um deren komplexe psychologische Bedeutung
zu belegen.9
Viele Autoren haben auf die Psychopathologie Duchamps hingewiesen. (Ausführliche
Untersuchungen und psychoanalytische Deutungsversuche finden sich bei
Reboul, 1954; Carrouges, 1954, Schwarz, 1966, Lebel, 1959, Molderings,
1983 und de Duve, 1987). So interessant die psychoanalytische Deutung
der Notizen des Großen Glases auch sein mag, so berührt sie
doch nur sekundär die kunstgeschichtliche Bedeutung dieses Werkes.
Diese gründet nicht so sehr in der persönlichen Psychopathologie
des Künstlers oder in der spezifischen Ausgestaltung seiner neurotischen
oder narzisstischen Störungen und Fixierungen, als vielmehr in den
besonderen Stilmitteln, mit denen dieses Werk dem Mythos der späteren
Postmoderne - Narzißmus und Impotenz - Gestalt und Ausdruck gibt.
Duchamp äußert sich in der Form des Rätsels. Damit sein
Werk überdauert, muß das Rätsel unlösbar bleiben,
doch gleichzeitig zu immer neuen Lösungsversuchen verlocken. Während
das Rätsel selbst undurchdringlich bleibt, wird die grundsätzliche
Rätselhaftigkeit des Werkes transparent. Es will nichts aussagen,
sondern es will gedeutet werden.
Duchamp bezieht den Betrachter in den schöpferischen Prozeß
ein; damit verändert er nicht nur von grund auf das bisherige Verhältnis
zwischen Werk und Betrachter, sondern auch alle bisherigen Vorstellungen
über Kunst. 1957 formuliert er seine Auffassungen im Rahmen eines
Symposiums über den schöpferischen Prozeß: "In summa
ist der Künstler nicht der einzige, der den Schöpfungsakt vollzieht;
denn der Betrachter stellt den Kontakt des Werkes mit der Umwelt her,
indem er dessen tiefere Eigenschaften entziffert und deutet und damit
seinen eigenen Beitrag zum schöpferischen Prozess liefert".10
Oder anders gesagt: Das Phänomen der Kunst gründet in der Kunsterfahrung,
in der schöpferischen Beziehung, die ein Mensch (der Künstler
oder der Betrachter) zum jeweiligen Werk oder Werkstoff eingehen. Auch
die empfangende Kunsterfahrung stellt ein Verhalten dar, das sich immer
und ausschließlich in einem individuellen Bewußtsein vollzieht.
Ohne die schöpferische Beteiligung des Betrachters bleibt jedes geschaffene
Werk tote Materie.
Duchamps Werk wirft den Betrachter auf sich selbst zurück und wiederholt
damit, auf einer neuen Ebene, die Revolution der Impressionisten und seines
großen Vorbildes Georges Seurat; sein Anliegen ist der Wahrnehmungsprozeß,
nicht das Wahrgenommene. "Regarder voir", sagt er: "man
kann das Betrachten sehen, man kann nicht hören, wie man hört."11
Das Stilmittel der negativen Präsenz
Obwohl sich die meisten Duchamp-Interpreten in erster Linie um die Entschlüsselung
der Geheimlehre des Großen Glases bemühen, meint
Duchamp selbst: "Möglicherweise ist das Konzept des Readymade
die einzig wirklich bedeutende Idee in meinem Werk."12
Mit der Schokoladenreibe entdeckt Duchamp zum ersten Mal das suggestive
Potential, das in der isolierten und distanziert-nüchternen Darstellung
eines alltäglichen Gegenstandes liegt.
Vor diesem Bild läßt sich die Motivation des Künstlers
weder intellektuell noch emotional nachvollziehen; sie verweigert sich
jeder Erklärung. Demzufolge erscheint dieses Werk, sobald es als
künstlerische Aussage aufgefaßt wird, als Wirkung einer unbekannten
Ursache oder Macht und gewinnt dadurch, als etwas Unverständliches,
doch Bedeutungsvolles, eine magische Ausstrahlung. Damit erinnert die
Schokoladenreibe an die geheimnisvollen Maschinen, die Roussel in Impressions
d'Afrique oder in Locus solus mit derselben emotionalen
Indifferenz beschreibt, die auch Duchamps trockene, unromantische
Darstellungsweise auszeichnet.
Dasselbe gilt für die ersten Readymades, die ihres Verwendungszweckes
beraubten Gebrauchsgegenstände, die Duchamp durch seine Wahl und
Signatur zum Kunstwerk erhebt.
Als Duchamp 1913 sein Fahrrad-Rad in seinem Atelier erstmals aufstellt,
ist sein Interesse an dem ungewöhnlichen Objekt rein spielerisch,
Ausdruck seiner neugefundenen Freiheit und seiner Bereitschaft, sich allem
Neuen, Unerprobten zu öffnen, das Schicksal und den Zu-Fall anzunehmen:
"Zu sehen, wie dieses Rad sich drehte, war sehr beruhigend, sehr
tröstlich, in gewisser Hinsicht ein Sich-Öffnen zu anderen Dingen
als den materiellen des täglichen Lebens."13 Doch als er im
folgenden Jahr in einem Pariser Warenhaus einen Flaschentrockner aus verzinktem
Gußeisen kauft, um ihn an die Decke seines Ateliers zu hängen,
signiert er ihn (Abb. 234). Durch die konsequente Wiederholung solcher
Gesten (dem Flaschentrockner folgen 1915 eine Schneeschaufel, 1916 ein
eiserner Kamm und eine Schreibmaschinenhülle, 1917 ein Hutaufhänger
und eine Pissoirschüssel) schafft Duchamp einen neuen Typus von Kunstwerk,
für den er 1915 in New York den Begriff Readymade prägt.14
Über Sinn und Bedeutung seiner Objekte gibt Duchamp nur spärlich
Auskunft. "Ich schuf sie ohne Absicht, ohne jede andere Absicht,
als Ideen abzustoßen. Jedes Readymade ist verschieden. Zwischen
den zehn oder zwölf15 Readymades findet man keinen gemeinsamen Nenner,
außer daß sie manufakturierte Waren sind. Was das Aufspüren
eines Leitgedankens betrifft: nein. Indifferenz. Indifferenz gegenüber
dem Geschmack: weder Geschmack im Sinne der fotografischen Reproduktion
noch Geschmack im Sinn des gut gemachten Materials. Der gemeinsame Punkt
ist Indifferenz. Ich hätte zwanzig Dinge pro Stunde auswählen
können, aber sie hätten schließlich alle genau gleich
ausgesehen. Das wollte ich absolut vermeiden."16
Auf Grund unserer heutigen Vertrautheit mit der Psychoanalyse wissen
wir, daß Duchamps Aussage wohl dem bewußten Verständnis
seiner Geste entsprechen mag, daß diese Indifferenz in der psychischen
Realität des Unbewußten jedoch ein Ding der Unmöglichkeit
ist. Vollständiger Nihilismus ist, nach Duchamps eigenen Worten unmöglich:
"Nichts ist auch etwas".17
So haben verschiedene Autoren die erotischen Implikationen der von Duchamp
ausgewählten Objekte untersucht. Dabei weist insbesondere Molderings
auf Duchamps unbewältigte Kastrationsangst und auf den Fetischcharakter
zahlreicher Readymades hin: "Der Zwang, eine Obsession sichtbar zu
machen und gleichzeitig als Geheimnis zu hüten, führt beim sexuellen
Fetischisten oft zu einer komplizierten widersprüchlichen Natur.
Das Objekt wird quasi im Negativ, als Abwesenheit vorgeführt. Es
sind oft Hüllen, Futterale, die verschleiern, was die Obsession umkreist,
oder es sind Objekte, deren Bedeutung vor allem darin besteht, daß
sie die Aufmerksamkeit auf das lenken, was ihnen fehlt."18 Dementsprechend
handelt es sich bei zahlreichen Readymades um Gegenstände, über
die etwas gestülpt wird (Flaschentrockner, Kleiderhaken, Huthalter
oder Handschuhständer), oder um Hüllen zum Überziehen,
wie im Fall des Schreibmaschinenbezuges Pliant de voyage. Als Fetisch
verstanden, repräsentieren sie die in der Phantasie vollzogene, real
jedoch ausbleibende geschlechtliche Vereinigung und bannen damit die Gefahr
der Kastration.
Auf Grund dieser sexuellen Implikationen lassen sich die Readymades
als ein Mittel zur heimlichen Abfuhr pathogener Affekte und Fixierungen
verstehen. Demgegenüber steht die skeptische Distanziertheit - die
ästhetische Indifferenz - die in ihnen zum Ausdruck kommt,
im Dienst der Vermeidung von Rivalität (des bedrohlichen künstlerischen
Wettbewerbs).
Schon früh erkennt Duchamp sowohl die Grenzen seiner malerischen
Begabung als auch seine geschichtliche Verspätung und damit die Unmöglichkeit,
den grandiosen Leistungen seiner damaligen Vorbilder, allen voran Cézanne,
etwas Ebenbürtiges zur Seite zu stellen.19 So ergreift er vor der
drohenden Entmannung die Flucht nach vorn, indem
er die Vorzeichen der Moderne umkehrt: an Stelle ihrer unerschütterlichen
Überzeugungen setzt er den Zweifel, an Stelle ihrer Leidenschaft
die Indifferenz, an Stelle des Universalen das Spezifische, an Stelle
des Bildnerischen das Intellektuelle, an Stelle der Gestaltung das vorgefundene
Objekt, an Stelle der Absicht den Zufall, an Stelle der Gesetzmäßigkeit
elementarer Naturkräfte die Willkür des menschlichen Subjekts,
an Stelle einer umfassenden Sinngebung das Absurde.
Indem er Werke schafft, die sich durch Unpersönlichkeit und Ausdruckslosigkeit
auszeichnen und ihrer Erscheinung nach das genaue Gegenteil von Kunst
darstellen, vermeidet Duchamp eine direkte rivalisierende Auseinandersetzung
mit anderen Künstlern und entzieht sich damit sowohl der Möglichkeit
der Niederlage als auch der des Sieges. Seine Indifferenz schützt
ihn sowohl vor dem Scheitern als auch vor der Schuld.
Viel entscheidender als diese individualpsychologischen Implikationen
seines Werkes sind jedoch die strukturellen, d.h. die philosophischen
und die stilistisch-gestalterischen Ergebnisse seines Versuchs, Widersprüche
zu vereinen, gleichzeitig zu zeigen und zu verleugnen, kurz: Unmögliches
möglich zu machen.
Entgegen dem Eindruck, den er dem unbefangenen Betrachter vermittelt,
möchte sich Duchamp nach seinen eigenen Worten in die abendländische
Tradition einer Kunst stellen, die immer religiöse, philosophische
oder literarische Inhalte vertreten hat, und die ihrem Wesen nach eine
Kunst des Glaubens ist. "Ich glaube", sagt er 1955 zu Sweeney,
"die Kunst ist die einzige Tätigkeitsform, durch die der Mensch
als Mensch sich als wahres Individuum manifestiert. Durch sie allein vermag
er das animalische Stadium zu überwinden, weil die Kunst in Regionen
mündet, wo weder Raum noch Zeit herrschen. Leben heißt glauben;
das zumindest ist es, was ich glaube."20
Duchamp will zwar glauben, doch weiß er nicht, woran. Der absolute
Zweifel, den er zu seiner Waffe erkoren hat, verunmöglicht ihm jede
Anerkennung eines festen Wertes. "Ich weigerte mich, irgendetwas
zu akzeptieren, zweifelte an allem." Diese Weigerung nimmt eben die
Form der Readymades an, denn "dadurch, daß ich an allem zweifelte,
mußte ich etwas finden, das zuvor nicht existiert hatte, etwas,
an das ich zuvor nicht gedacht hatte."21 Da Kunst bei ihm den Glauben,
den Sinn menschlichen Lebens verkörpert, sucht und findet er mit
dem Readymade "eine Form, die die Möglichkeit verneint, Kunst
zu definieren" (zitiert nach Amaya, 1985). Diese Erfindung entbindet
ihn jedes affirmativen Bekenntnisses.
Duchamp weiß nicht, was er glaubt oder wer er ist. Doch weiß
er, was er nicht glaubt und wer er nicht ist. In Ermangelung eines positiven
Wissens, eines positiven Sinns, hält er sich, um seine Integrität
zu bewahren, an sein negatives Wissen. Um diesem Glauben Gestalt und Ausdruck
zu geben, nutzt er - wie seinerzeit Goya - das Stilmittel der negativen
Präsenz. Duchamp rettet sich nicht in die Konvention, stellt
nicht etwas hin, an das er nicht glaubt, sondern läßt den Platz
des Geglaubten leer.
Aus der Sicht der bisherigen Erwartungen an die Kunst, daß sie einem
Glauben, welcher Art dieser auch sei, Gestalt und Ausdruck geben sollte,
bedeutet Duchamps Geste die Leugnung jeden Sinnes, seine Ersetzung durch
den Un-Sinn, durch das Absurde. Aus der Sicht Duchamps jedoch leugnet
seine Geste nicht den Sinn, sondern die Erwartung, daß der Sinn
(der Glaube) irgendwie faßbar und aussprechbar, irgendwie darstellbar
sei. Sie bedeutet die Bereitschaft, den Zweifel anzunehmen und damit auch
die Ungewißheit, das Fehlen einer verläßlichen idealisierten
Struktur.
Nach Duchamp ist der Sinn nicht gegeben, besteht nicht an sich, läßt
sich nicht darstellen. Die letzte Wirklichkeit ist keine Kraft
und kein Gesetz, das hinter oder unter den Erscheinungen zu entdecken
wäre, sondern hat ihren Sitz im Menschen selbst; die letzte Wirklichkeit
ist die menschliche Willkür. Nur sie verleiht den Erscheinungen ihren
Sinn, und eben darin besteht der schöpferische Akt. Selbstherrlich
entzieht sich Duchamp jeder Verbindlichkeit und setzt seine Maßstäbe
selbst - in Form seiner Wahl. Durch diese provozierende Mißachtung
jeder Konvention (und jeder Erwartung des Betrachters) manifestiert sich
in seiner Geste eine archaisch-grandiose Phantasie, die zu einer der leitenden
Visionen späterer künstlerischer Entwicklungen wird - die irrationale
Phantasie bedingungsloser Freiheit. Doch nimmt Duchamps Freiheit keine
Gestalt an, äußert sich lediglich in der Negation bisheriger
Forderungen und Erwartungen und bleibt damit eben leer. Dementsprechend
meint er selbst, sein allumfassender Zweifel führe schließlich
zum Zweifel am Sein als solchem.
Die Idee, ein vielschichtiges und ganzheitliches künstlerisches Universum
als Ausdruck einer universalen und sinngebenden Tendenz zu gestalten,
hatte allen noch so unterschiedlichen Stilrichtungen der Moderne als Leitbild
gedient. Duchamp macht dieser positiven, auf finale Erfüllung
ausgerichteten Sinngebung ein Ende. Er negiert die bisherige Frage nach
dem Sinn und setzt an die Stelle ihrer Beantwortung ein Ding, einen Gebrauchsgegenstand.
So sinnlos diese Geste auch erscheinen mag, so schafft sie doch Bezüge.
Duchamps Objekt steht in keinem Vakuum, sondern vor dem Hintergrund der
abendländischen Kunstgeschichte. Diese ist so untrennbar mit der
Entwicklungsgeschichte geistiger Werte, des Glaubens und des Sinns verflochten,
daß auch eine willentliche Ausklammerung dieser Dimension als Kommentar
und Stellungnahme zur Frage des Sinns verstanden wird. Nichts
ist eben auch etwas.
So wird in Duchamps Objekten Sinn erfahren, wenn auch nur
in negativer Form. Durch das Fehlen einer positiven,
deutenden Aussage wird im Betrachter die Sinnfrage konstelliert, d.h.
als Frage präsent. Indem Duchamps provozierendes Objekt auf nichts
außer auf sich selbst hinzuweisen scheint, deutet es auf diese für
ein Kunstwerk so unerwartet neue Eigenschaft hin, eben auf das Fehlen
einer Sinngebung und damit auf eine Grunderfahrung unserer Zeit. Dieser
sozialgeschichtlichen Aktualität verdankt das Readymade seine faszinierende
Wirkung. In ihr gründet auch die überragende Bedeutung, die
dem stilistischen Konzept der negativen Präsenz für
die weitere Entwicklung der Moderne zukommt.22 "Die Kunst ist nicht
das, was man sieht; sie ist in den Lücken." Es ist der Betrachter,
der diese füllen muß. Ohne seine schöpferische Teilnahme
bleibt das Werk Fragment; er allein kann es vollenden.
Der Schachspieler
Am 3. August 1914 erklärt Deutschland Frankreich den Krieg. Infolge
eines Herzfehlers vom Militärdienst dispensiert, entschließt
sich Duchamp, der alten Welt nicht nur in übertragenem
Sinne den Rücken zu kehren, sondern als einer der ersten Künstler
der Moderne das große Wasser real zu überqueren;
am 6. August 1915 schifft er sich nach den USA ein. Bei seiner Ankunft
in New York erfährt er, daß er hier als der Maler des Nu descendant
un escalier ein berühmter Mann ist. Mit seinen ersten Auftritten
(dem Erscheinen der ersten Interviews) beginnt sich die betroffene Bewunderung
der Amerikaner vom Werk auf die Person des Künstlers zu verschieben.
Unter dem Titel Marcel Duchamp. Eine völlige Umkehrung künstlerischer
Auffassungen ist in Art and Decoration zu lesen: "Er
ist jung und seltsam unberührt von den heftigen Kontroversen, die
sein Werk ausgelöst hat.... Er sieht weder aus wie ein Künstler,
noch spricht oder verhält er sich wie ein solcher. Möglicherweise
ist er auch keiner, zumindest nicht im wahren Sinne des Wortes. Jedenfalls
ist ihm das künstlerische Vokabular mit seinen festgelegten Begriffen
zuwider."23
Durch Walter und Louise Arensberg, ein reiches Sammler-Ehepaar, das ihn
während der ersten Wochen in New York beherbergt, wird er in den
Kreis der dortigen Künstler und Intellektuellen eingeführt,
wobei er auch Man Ray kennenlernt. Es wäre für Duchamp ein Leichtes
gewesen, seinen Ruhm materiell auszunützen; er hätte jede gewünschte
Menge Bilder verkaufen können. Stattdessen bleibt er seinem in Paris
gefaßten Entschluß treu: "plus de peinture, Marcel..."
Er erteilt Französischunterricht zu zwei Dollar die Stunde und nimmt
im Institut Français eine Halbtagsstelle als Bibliothekar an.
In New York beginnt Duchamp 1915 mit der Ausführung des Großen
Glases, an dem er während acht Jahren arbeitet, bis er 1923 das Interesse
daran verliert und es als "endgültig unvollendet" erklärt.
Im übrigen ist seine künstlerische Produktion sehr spärlich.
Er will sich unter keinen Umständen wiederholen; statt die einmal
gefundenen Konzepte endlos abzuwandeln, (womit er deren Aura
zerstört hätte), schafft er mit seinem Hauptwerk und durch seinen
Lebenswandel den Mythos, mit dem er seinem einzigartigen Auftritt in der
Welt der Kunst die Würde der Dauer verleiht: "sein
schönstes Werk ist, wie er sich seiner Zeit bedient".24
Er realisiert eine Anzahl Readymades, malt, seinem Vorsatz untreu werdend,
noch ein einziges Bild und gründet 1917 zusammen mit Man Ray die
kurzlebige Zeitschrift The Blind Man, in der er unter anderem
auch das Konzept des Readymade zu rechtfertigen versucht. Nach dem Krieg
zieht Duchamp kurz nach Paris und verkehrt dort im Kreis der Dadaisten
und der späteren Surrealisten, auf die er einen nachhaltigen Einfluß
ausübt. Das berühmte, um diese Zeit entstandene Readymade, bei
dem er einer Reproduktion der Mona Lisa Schnauz und Kinnbart anmalt, wird
auf Grund seines blasphemischen Charakters zum Programmbild des Dadaismus
(Abb. 262). 1921 gibt Duchamp zusammen mit Picabia eine einzige Nummer
der Zeitschrift New York Dada heraus. Auf dem Umschlag tritt
er (in einer Photographie von Man Ray) unter dem Pseudonym Rrose Sélavy
(phonetisch gelesen: Eros c'est la vie) als Frau verkleidet auf (Abb.
235). Indem er fortan einzelne seiner Werke und die Mehrzahl seiner Wortspiele
mit diesem weiblichen Synonym signiert, verwischt er auch seine geschlechtliche
Identität und umgibt damit seine Person mit der Aura eines weiteren
Rätsels. Sein ganzes Verhalten ist zweideutiger Art. Trotz seiner
langjährigen Verbindungen zur Dada-Bewegung bleibt er auch dieser
gegenüber auf Distanz bedacht. So meint er rückblickend: "Ich
war nie ein echter Dadaist".25
Mit der Fertigstellung des Großen Glases (1923) hört die künstlerische
Produktion fast völlig auf. An ihrer Stelle wird das Schachspiel
zu seiner beherrschenden Leidenschaft. Er nimmt regelmäßig
an Schachturnieren teil und spielt von 1928-33 in der französischen
Nationalmannschaft.
Nach über zehnjähriger, fast professioneller Betätigung
als Schachspieler wendet er sich wieder der Kunst zu, wobei es ihm jedoch
in erster Linie um die Bewahrung und Interpretation seines bisherigen
Werkes geht. 1934 veröffentlicht er die Grüne Schachtel, 1941
folgt die limitierte und signierte Auflage der Boîte en valise (der
Schachtel-im-Koffer), einer Art Musterkoffer, das verkleinerte Repliken
und Reproduktionen seiner wichtigsten Werke enthält. Er wirkt bei
der Einrichtung von zwei Surrealisten-Ausstellungen in Paris und New York
mit, entwirft einige Ausstellungsplakate, Katalogumschläge und eine
Schaufensterdekoration und widmet sich daneben in bescheidenem Umfang
auch dem Kunsthandel.
1956 heiratet Duchamp Alexina Sattler, die ehemalige Frau von Pierre Matisse
(Duchamps erste, 1927 eingegangene Ehe ist nach knapp sechs Monaten geschieden
worden).
In den fünfziger Jahren beginnt sich der wachsende Einfluß
seines Werkes auf eine neue Künstlergeneration in Europa und Amerika
abzuzeichnen: 1959 verlegt Michel Sanouillet Duchamps gesammelte Schriften;
im selben Jahr erscheint von Robert Lebel die erste Monographie über
den Künstler. 1963 eröffnet das Pasadena Museum of Art die erste
große Einzelausstellung mit 114 Arbeiten; 1966 bestätigt schließlich
die Tate Gallery in London mit der Ausstellung The almost complete
works of Marcel Duchamp dessen beherrschende Stellung in der Kunst
der Gegenwart.
Am 2. Oktober 1968, nach einem Nachtessen im Freundeskreis, stirbt Marcel
Duchamp an einer Embolie.
Das letzte Wort: Etant donnés
Ein volles Jahr nach seinem Tod bereitet Duchamp dem internationalen
Kunstpublikum seine letzte Überraschung. Das Philadelphia Museum
of Art, dem Katherine Dreier und Walter Arensberg mit ihren umfangreichen
Sammlungen das fast vollständige Werk des Künstlers vermacht
haben, stellt 1969 einer erstaunten Öffentlichkeit Duchamps "Unbekanntes
Meisterwerk" vor, das illusionistische Environment Etant donnés:
1. La chute d'eau, 2. Le gaz d'éclairage (Abb. 236a und b).
Dieses letzte große Werk, dessen Entstehung Duchamp vor aller Welt
geheimgehalten hat, nimmt noch einmal das Thema des Großen Glases
auf: durch zwei kleine Löcher in einem Holztor blickt der Betrachter
in eine dreidimensionale, illusionistische Diorama- Landschaft. Im Hintergrund
ist ein kleiner Wasserfall sichtbar, der ein Wasserrad antreibt, wobei
ein raffinierter Mechanismus das Rad dreht und die Illusion des darüberstürzenden
Wassers erzeugt (ein Hinweis auf das Wasserrad, das im Großen Glas
den Metallschlitten der Junggesellen antreibt?).
Im Vordergrund liegt, auf einem Reisighaufen rücklings hingeworfen,
der lebensgroße, naturgetreu nachgebildete Körper einer nackten
Frau. Während ein vorspringender Felsen ihren Kopf verdeckt, geben
die gespreizten Beine den Blick auf ihren Geschlechtsteil frei; die Braut
ist entkleidet. Die Szene wird durch die Gasflamme des Auerbrenners beleuchtet,
den sie in ihrem hochgestreckten Arm hält.26
Marcel Duchamp hat mit seinem Werk in zweifacher Hinsicht die geistigen
und gestalterischen Grundlagen der nachklassischen Moderne geschaffen.
Ihrem Wesen nach ist seine Kunst zwar destruktiv. Alle ihre Äußerungen
zielen darauf hin, Strukturen aufzulösen und Gegebenes in Frage zu
stellen: alles ist Schein, optische Täuschung, Spiegelung im Glas
(Molderings). Damit markiert diese Kunst einen Nullpunkt in der Entwicklung
der Moderne, doch stellt dieser nicht nur ein Ende dar, sondern auch einen
Anfang. Indem Duchamp alle bisher verbindlichen Werte aufhebt, schafft
er einerseits eine große Leere, andererseits aber auch die Möglichkeit,
diese erneut zu füllen.
Seine Leistung erschöpft sich jedoch nicht in dieser bloß destruktiven,
raumschaffenden Funktion. Mit der langen Reihe seiner revolutionären
Erneuerungen - der Erfindung des Readymades, der Einführung des Zufalls
und des Konzepts als autonome Gestaltungsformen, den optischen Experimenten
und den ersten kinetischen Kunstwerken, der künstlerische Nutzung
des Diagramms, der Sprache und der Schrift und mit dem Stilmittel der
negativen Präsenz - hat Duchamp 1914-1920 das Alphabet einer neuen
Sprache geschaffen und damit den gestalterischen Rahmen der künstlerischen
Entwicklung für mehrere Jahrzehnte abgesteckt.
3. Die Auseinandersetzung mit dem Fortschritt
Duchamps Sonderstellung in der Entwicklung der nachklassischen Moderne
gründet nicht nur in seinen bahnbrechenden Erfindungen,
sondern auch in der geistigen Haltung, die er seiner Zeit und seiner Gesellschaft
gegenüber einnahm. Dies wird besonders deutlich, wenn man sein Auftreten
vor und während des Ersten Weltkrieges mit dem seiner Zeitgenossen
vergleicht.
Während der große Einzelgänger seine weittragende strukturelle
Revolution völlig allein und in aller Stille vollzog, schlossen sich
die meisten der damals progressiven Künstler zu Gruppen
und Bewegungen zusammen, die mit ihren Manifesten, Erklärungen und
Programmen ein lautes und aufdringliches Spektakel inszenierten, mit dem
es ihnen zumindest kurzfristig gelang, sich selbst und das Publikum über
die Belanglosigkeit und die Einfallsarmut des größten Teils
ihrer künstlerischen Produktion hinwegzutäuschen. Während
sich Duchamp nur selten und dann erst spät zu seiner Arbeit äußerte,
die erklärenden Notizen zu seinem Hauptwerk jahrelang zurückhielt
und es verschmähte, sich aktiv um Erfolg und Ruhm zu bemühen,
schien seinen Kollegen jedes Mittel recht, um die öffentliche Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen; während sich Duchamp mit seiner Meta-Ironie einer
direkten Auseinandersetzung mit dem Fortschritt und der politischen Situation
seiner Zeit entzog, während er auf jede wertende Stellungnahme verzichtete
und seine Kunst auf einer völlig anderen Seinsebene ansiedelte, erhoben
die um die Zeit des Ersten Weltkrieges sich bildenden Bewegungen - Futurismus,
Suprematismus, Konstruktivismus und Dadaismus - den technisch-wissenschaftlichen
Fortschritt zur beherrschenden Thematik ihrer Kunst. Dabei zeichnete sich
jede dieser Bewegungen durch eine ihr eigene Fortschrittsideologie aus.
Die Idealisierung des Fortschritts: der Futurismus
Der Futurismus entstand nicht von ungefähr in Italien, einem Land,
das seit Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770) keinen einzigen Maler von
Bedeutung mehr hervorgebracht hatte und seither von der künstlerischen
Entwicklung des übrigen Europas unberührt geblieben war. Erst
um die Jahrhundertwende begann Italien von dieser Kenntnis zu nehmen,
als mit der Eröffnung der ersten Biennale von Venedig im Jahre 1895
eine Reihe von Ausstellungen die Maler des europäischen Symbolismus
und des Jugendstils vorstellte: Moreau, Redon, Puvis de Chavannes, Stuck,
Klimt, Böcklin und Hodler. Die geistige Jugend Italiens wurde sich
schlagartig ihres kulturellen Rückstandes bewußt und schob
die Schuld daran dem Staat, der Kirche und dem Bürgertum zu, oder
konkreter: der Schule, der Akademie und den Museen und ihrer Verhaftung
an längst überholten Traditionen.
Die künstlerische Entwicklung gewann eine bisher unbekannte Militanz;
die Aufhebung der kulturellen Isolation Italiens wurde zu einer nationalen
Aufgabe. Unter dem Schlagwort Modernismus sammelten sich überall
revolutionäre Tendenzen. Man las Nietzsche und d'Annunzio und die
überall entstehenden neuen Zeitschriften, in denen die Schwärmereien
der Präraffaeliten, nordischer Mystizismus, aristokratischer Nihilismus
und alle Varianten symbolistischer Thematik, Traum und Wahn, Tod, Sünde
und Sexualität für die Provinz wieder aufgewärmt und nochmals
durchexerziert wurden.
Nach der symbolistischen Welle drang als zweites die Kunst der bildnerischen
Moderne über die Grenze. Der italienische Maler Ardengo Soffici,
der von 1900-1907 in Paris gelebt hatte, wandte sich scharf gegen den
Symbolismus und seine italienischen Vertreter und begann durch Artikel,
Reproduktionen und Ausstellungen die neue französische Malerei von
den Impressionisten bis zu den Fauves und den Kubisten in Italien einzuführen.
In der Folge seiner aufklärerischen Aktivität strömte das
Resultat einer jahrzehntelangen Entwicklung schlagartig in einem chaotischen
Durcheinander in das unvorbereitete Bewußtsein der Italiener. Diese
entdeckten gleichzeitig Courbet und Renoir, Ingres und Cézanne,
Matisse, van Gogh und Rousseau, und die noch brühwarme jüngste
Sensation, die Malerei des Kubismus. Über Nacht war Paris zum Mekka
der geistigen Elite des jungen Italien geworden.
Unter den ersten, die in der französischen Hauptstadt eintrafen,
um an der dortigen Entwicklung teilzuhaben, war der Sohn einer Mailänder
Industriellenfamilie, der junge Dichter Filippo Tommaso Marinetti (1876-1944).
Während seines Studiums an der Sorbonne begeisterte er sich für
die poètes maudits, für den vers libre
und für die Malerei der schwarzen Romantiker; damals
verstand er sich noch als Symbolisten. 1905 gründete er in Mailand
die Zeitschrift Poesia, in der er neben den eigenen Gedichten
die Arbeiten seiner bewunderten Vorbilder veröffentlichte, die er
zum Teil auch selbst übersetzte.
Unter dem Einfluß der künstlerischen Revolution, die sich in
Paris mit den Fauves, den Demoiselles d'Avignon Picassos und den ersten
kubistischen Bildern Braques abzuzeichnen begann, entschloß sich
Marinetti, auch seinerseits eine Revolution zu lancieren. Am 20. Februar
1909 ließ er im Pariser Figaro sein erstes Futuristisches
Manifest erscheinen. Dazu schreibt Pontus Hulten in Futurismo
e Futurismi, dem Katalog der gleichnamigen Ausstellung im Palazzo
Grassi, Venedig 1986: "Mit seiner außerordentlichen Sensibilität
und Ambition entdeckte Marinetti rasch, daß sich in diesen Jahren
nach 1905 in Paris etwas sehr bedeutungsvolles entwickelte. Marinetti
war wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grade neidisch auf das, was um
Picasso und Apollinaire geschah, nicht nur neidisch um seiner selbst willen,
sondern für sein Land. Da er über die Begabung, den Willen und
die finanziellen Mittel verfügte, um mit einer italienischen Version
aufzuwarten, machte er sich ans Werk. Das Futuristische Manifest (20.
Februar 1909) war das Resultat seines Entschlusses."27
Es ist bezeichnend für die irrealistische Geisteshaltung Marinettis,
daß zur Zeit, als er sein Manifest schrieb, noch kein einziges futuristisches
Werk existierte. Balla und Boccioni, Carrà, Russolo und Severini,
die späteren großen Namen der Bewegung, mühten sich um
diese Zeit noch mit unbeholfenen Versuchen ab, impressionistische und
symbolistische Auffassungen miteinander zu verbinden. So schreibt Boccioni
1907, zwei Jahre vor der Erfindung des Futurismus: "Ich
spüre, daß ich das malen will, was neu, aus unserem eigenen
industriellen Zeitalter geboren ist. Wie soll ich dies tun? Mit Farbe?
Mit Zeichnung? Mit Malerei?... mit realistischen Tendenzen, die mich nicht
mehr befriedigen oder mit symbolistischen Tendenzen, die mir selten zusagen
und die ich noch nie versucht habe?"28
Marinetti fehlte es in künstlerischer, wissenschaftlicher, politischer
oder philosophischer Hinsicht an jeglichem Konzept. Es ging ihm ausschließlich
um eine schwärmerische Glorifizierung des technischen Fortschritts,
um das Neue schlechthin. Er identifizierte sich mit dieser
Idee, selbstredend ohne irgend etwas von dem zu verstehen, was er so begeistert
propagierte, denn die wissenschaftliche und technische Realität,
die dem Fortschritt zugrundelag, war kein Stoff für seinen genialen
Geist; wie jede Realität, empfand er auch diese als etwas Nebensächliches.
Es lohnt sich, einzelne Stellen aus dem Manifest zu zitieren:
- "Ein Rennwagen, die Kühlerhaube geschmückt mit großen
Röhren, Schlangen mit brennendem Atem; dieser brüllende Wagen,
der auf einer Kanonenkugel zu reiten scheint, ist schöner als der
Sieg der Samothrake [...]
- Wir stehen auf dem letzten Vorgebirge am Ende von Jahrhunderten! Wozu
sollten wir zurückblicken, wenn wir danach dürsten, die geheimnisvollen
Türen zum Unmöglichen aufzustoßen? Zeit und Raum starben
gestern. Wir leben bereits im Absoluten, denn wir schufen die ewige, allgegenwärtige
Geschwindigkeit. [...]
- Wir werden den Krieg - der Welt einzige Hygiene - glorifizieren! Ebenso
Militarismus, Patriotismus, die zerstörerische Geste der Freiheitsbringer,
die Mißachtung des Weibes - wundervolle Ideen, für die es zu
sterben sich lohnt. [...]
- Wir werden Museen, Bibliotheken und Akademien jeder Art zerstören,
wir werden Moralismus und Feminismus bekämpfen und jede opportunistische
oder utilitaristische Feigheit. [...]
- Kunst kann nichts anderes sein als Gewalt, Grausamkeit und Ungerechtigkeit.
[...]
- Der älteste unter uns ist dreißig; und doch haben wir bereits
Schätze verstreut, einen tausendfachen Schatz von Kraft, Liebe, Mut,
List und rohem Willen; haben sie fortgeworfen, ungeduldig, in Eile, ohne
zu zählen, ohne zögern, ohne je innezuhalten, in atemraubendem
Tempo, ...schaut uns an! Wir sind noch immer nicht müde! Unsere Herzen
sind nicht erschöpft, denn sie nähren sich mit Feuer, Haß
und Geschwindigkeit! Erstaunt euch das? Es sollte wohl, denn nie könnt
ihr euch erinnern, gelebt zu haben! Aufrecht auf dem Gipfel der Welt,
schleudern wir den Sternen unsere Herausforderung entgegen!"29
Diese hochtrabenden Proklamationen stehen in einem auffallenden Gegensatz
zum mageren Resultat der künstlerischen Bemühungen der futuristischen
Enthusiasten.
Das beachtliche Vermögen, das er von seinem Vater geerbt hatte,
erlaubte es Marinetti, nach Belieben zu reisen, Bücher und Zeitschriften
zu drucken, Manifeste zu veröffentlichen, Galerien oder Theater zu
mieten, Ausstellungen und jegliche Art von Veranstaltungen durchzuführen
und das Propagandamaterial der Bewegung in jeder erdenklichen Weise über
die ganze Welt zu verbreiten. Die Futuristen waren sehr gut organisiert.
Von 1909 bis gegen Ende des Krieges unterhielt die Bewegung in Mailand
ein eigenes Büro, das sich um Korrespondenz, Werbung und Ausstellungen
kümmerte und weltweit Bücher, Pamphlete und Manifeste vertrieb.
Derart wurde das futuristische Gedankengut
mit all seinen Schlagwörtern innert kürzester Zeit international
bekannt und das Wort Futurismus zu einem Sammelbegriff für alle moderne
Kunst.
Dem ersten folgten über fünfzig weitere Manifeste. Obwohl sie
von den unterschiedlichsten Autoren - Malern, Bildhauern, Dichtern, Architekten
oder Fotografen - stammten, waren sie alle im selben pathetisch-bombastischen
Stil verfaßt und zeichneten sich allesamt durch gedankliche Wirrheit
aus. Der Futurismus war eine Ideologie, die den Anspruch erhob, nicht
nur Malerei und Plastik, sondern auch Literatur und Theater, Film und
Fotografie, Politik, Tanz, Architektur, Kochkunst und gar das Liebesleben
zu bestimmen; die Futuristen wollten die Gesellschaft von Grund auf verändern.
Innerhalb der verschiedenen Disziplinen, in denen sie sich äußerten,
kam der Malerei die führende Rolle zu. Ihre wichtigsten Vertreter
waren Umberto Boccioni (1882-1916), Giacomo Balla (1871-1958) und Luigi
Russolo (1885-1947), während Carlo Carrà (1881-1966) und Gino
Severini (1883-1966) der Bewegung nur vorübergehend angehörten.
Obwohl die futuristische Malerei ihre entscheidenden Anstöße
dem Kubismus verdankt, stellt sie in vielerlei Beziehung eine Antithese
zu diesem dar. So revolutionär Braque und Picasso auch wirken mochten,
so gründete ihre Kunst trotz allem in der folgerichtigen Weiterentwicklung
der französischen Malerei der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts.
Diese hatte sich gleichzeitig und in Übereinstimmung mit den umwälzenden
Veränderungen der urbanen Umwelt vollzogen, die das neue Zeitalter
prägten. Gemäß dem Diktum Cézannes stellte die
Malerei der Impressionisten und Nachimpressionisten, der Fauves und der
Kubisten diese Veränderungen nicht dar, sondern schuf deren künstlerisches
Äquivalent.
Demgegenüber war die futuristische Malerei kein Resultat eigener
Entwicklung, sondern die dilettantische Adaptation eines importierten
Stils an die provinziellen Vorstellungen und Bedürfnisse des damaligen
Italien. Die Futuristen erlebten den großen Wandel aus einer Froschperspektive;
gebannt blickten sie auf das Neue, das sie völlig unvorbereitet aus
ihrem provinziellen Halbschlaf aufgeschreckt hatte; sie wollten seiner
habhaft werden, indem sie es abbildeten. Statt den strukturellen Wandel,
der sich in Wissenschaft und Technik, in Wirtschaft und Politik vollzogen
hatte, auch in ihrer Malerei zu verwirklichen, statt das Neue in eine
bildnerische Sprache umzusetzen, beharrten sie auf dem hilflosen und unzulänglichen
Versuch, diesen Wandel mit illustrativen Mitteln darzustellen. Dazu übernahmen
sie die äußerlichen Merkmale des kubistischen Malstils, blieben
jedoch ihrer künstlerischen Auffassung nach Symbolisten oder, wie
Duchamp meinte, Grosstadtimpressionisten. Sie verschlossen
sich der wirklichen und ursprünglichen Bedeutung der neuen bildnerischen
Mittel, die darin gründete, daß diese ihren Sinn in sich selbst
trugen. Statt wie die Kubisten eine neue Wirklichkeit zu schaffen, blieben
die Futuristen trotz ihres revolutionären Gehabes in der Tradition
verhaftet, eine idealisierte Wirklichkeit darzustellen (Abb. 239-244).
Sinn und Wesen der neuen Zeit bestand ihrer Auffassung nach in der Simultaneität
und der gegenseitigen Durchdringung aller Aspekte der Alltagswirklichkeit.
Diese literarische Sicht bildet den Kern der futuristischen Malerei. "Alles
bewegt sich, alles rennt, alles verändert sich in rasender Geschwindigkeit.
Eine Umrisslinie steht nicht mehr unbeweglich vor unserem Auge, sondern
erscheint und verschwindet unablässig",30 erklärt Marinetti
in seinem Manifest; und Boccioni doppelt nach: "Unsere Körper
dringen in die Sofas ein, auf denen wir sitzen, und die Sofas durchdringen
unsere Körper. Das vorbeifahrende Tram drängt in die Häuser
und die Häuser werfen sich ihrerseits auf das Tram und verschmelzen
mit diesem."31 Trotz ihrer scheinbaren Modernität bleiben diese
Äußerungen so deskriptiv wie die futuristische Malerei. Ihre
reaktionäre Haltung wird lediglich dadurch verwischt, daß sie
sich der so anders intendierten Mittel des Kubismus bedient. Dieses Gefälle
zwischen geistigem Anspruch und bildnerischen Mitteln stempelt den größten
Teil der futuristischen Kunst, gemäß der Definition Georg Schmidts,
zu modernem Kitsch.
Die Futuristen waren Zuspätgekommene. Sie wollten eine Bewegung schaffen,
doch waren sie selbst die Bewegten. Sie wurden des Neuen nicht im eigenen
Innern, sondern nur in der äußeren Wirklichkeit gewahr. In
der modernen Großstadt idealisierten sie das Ergebnis eines strukturellen
Wandels, den sie selbst in ihrem eigenen Bereich - dem Bereich der Kunst
- nicht nachvollzogen hatten. Der sozialgeschichtliche Umbruch, mit dem
sie sich identifizierten, blieb ihnen seinem Wesen nach völlig fremd.
Statt mit ihren Bildern dessen künstlerisches Äquivalent zu
schaffen, erschöpften sie sich im vergeblichen Versuch, das Neue
durch bekenntnishafte Erklärungen in den Griff zu bekommen. In unzähligen
Manifesten umschreiben sie, was zu tun und was zu lassen sei und wie die
neue Kunst aussehen sollte, ohne dazu fähig zu sein, die jeweiligen
Vorsätze in einer überzeugenden und gültigen Form zu verwirklichen.
Obwohl die Flut ekstatischer Proklamationen keine unmittelbaren Resultate
zeitigte, weckte sie unerhörte Hoffnungen auf eine völlig neue,
ungeahnte Kunst und auf ein neues, alles Bisherige in den Schatten stellendes
Selbstgefühl. Die futuristische Begeisterung untergrub die Geltung
aller bisherigen künstlerischen Konventionen und schuf damit einen
geistigen Freiraum, wie ihn die europäische Kunst in diesem Ausmaß
noch nie gekannt hatte. Überall entstanden Futuristengruppen. Um
ihre nationalen Eigenständigkeit und den Anspruch auf die Einzigartigkeit
ihrer Vision zu behaupten, hatte jede von ihnen einen eigenen Namen, vertrat
jede ihren eigenen -ismus. In Spanien hieß dieser Vibrationnismus
oder Ultrismus, in Frankreich Unanismus, in England Vorticismus, in Italien
neben Futurismus auch Tactilismus, in Deutschland Synchronismus, in Mexico
Stridentismus, und in Rußland Ego-Futurismus, Cubo-Futurismus und
Rayonnismus. Diese verschiedenen Futurismen bildeten zusammen keine Kunstrichtung
im bisherigen Sinn; der sie verbindende Grundzug war nicht stilistischer
Art, sondern bestand in der ideellen, zukunftsgerichteten Erwartungshaltung,
die alle diese Künstler auszeichnete und jeden zum Propheten einer
großen Zukunft machte. Der fruchtbarste Versuch, die so geweckten
Erwartungen zu erfüllen und eine wahrhaft neue, zukünftige Kunst
zu schaffen, wurde in Rußland unternommen.
Die Mystifizierung des Fortschritts: der Suprematismus
Nirgends waren die Voraussetzungen für den dramatischen Umbruch,
der den Futuristen vorschwebte, in dem Maße erfüllt wie in
den russischen Metropolen St. Petersburg und Moskau. Durch die berühmte
Sammlung des Moskauer Kaufmanns Stschoukine, die weit über 200 Bilder
(darunter etwa fünfzig von Picasso und ebensoviele von Matisse) umfaßte
und jeweils einmal wöchentlich dem Publikum offenstand, waren die
dortigen Maler mit den neuen europäischen Kunstströmungen besser
vertraut, als die meisten ihrer Pariser Kollegen, die nicht die Möglichkeit
hatten, die führenden Vertreter der Moderne in einer so vortrefflichen
Auswahl an einem einzigen Ort versammelt zu sehen. Darüber hinaus
wurde auch in Rußland die moderne Malerei durch eine Vielfalt von
Ausstellungen und Kunstzeitschriften verbreitet.
Marinettis erstes Futuristisches Manifest war bereits Ende
1909 - wenige Monate nach Paris - auch in Moskau erschienen, und schon
1910 gründeten die Brüder David und Wladimir Burljuk den ersten
russischen Futuristenzirkel, dem innert weniger Jahre eine Vielzahl verwandter
Gruppierungen folgen sollte. Der Begriff Futurismus wurde dabei in einem
sehr weiten Sinn interpretiert. Gestalterisch orientierten sich die russischen
Künstler weiterhin an den Fauves, den deutschen Expressionisten,
der Münchner Gruppe um Kandinsky und vor allem am Kubismus. Innerhalb
dieser vielfältigen Einflüsse kam dem italienischen Futurismus
eine vorwiegend ideelle Bedeutung zu. Die bedingungslos zukunftsgerichtete
Haltung der Italiener und ihre Angriffe auf traditionelle Gestaltungsformen,
ihre Forderung nach Dynamisierung des Bildgeschehens und die Exalthiertheit
ihres Lebensgefühls lösten in Rußland eine Welle der Begeisterung
aus, die das rein künstlerische Moment der Bewegung überschritt.
Der Begriff Futurismus wurde zum Synonym für alle kulturell progressiven
Kräfte und nahm mit dem Ausbruch der Revolution, also ab 1917, zusätzlich
politischen Charakter an.
Der dramatische Schritt, mit dem sich die Russen sowohl vom italienischen
Futurismus als auch vom Kubismus absetzten, erfolgte 1915 in Petersburg
mit der berühmten Ausstellung Letzte futuristische Ausstellung:
0.10, an der unter anderen Kasimir Malewitsch (1878-1935) und Wladimir
Tatlin (1885-1953) vertreten waren. Malewitsch stellte 39 ungegenständliche
Werke vor, darunter das verblüffende und inzwischen berühmt
gewordene 80 x 80 Zentimeter messende Bild, auf dem nichts anderes zu
sehen ist als ein schwarzes Quadrat auf weissem Grund (Abb. 246, 247).
Neben anderen, ebenso lapidaren Kompositionen, auf denen statt des Quadrates
ein Kreuz, ein einzelner Balken oder ein Trapezoid die weiße Bildfläche
beherrschen, stellte Malewitsch auch Bilder aus, auf denen sich jeweils
mehrere farbige, rechteckige Flächen verschiedenster Art (Quadrate,
Trapezoide, lange und kurze, breite und schmale Streifen) zu dynamisch-rhythmischen
Kompositionen fügten. Mit ihrer konsequenten Beschränkung auf
eine geometrische Formsprache entsprachen diese Werke den Arbeiten Mondrians
und der Bewegung de Stijl; ihre freie, spontan wirkende Komposition und
ihre spielerische Verwendung der Farbe rückte sie jedoch in die Nähe
der gleichzeitigen Kompositionen Kandinskys (Abb. 248).
Malewitschs Leistung erschöpfte sich nicht in der Konsequenz und
Entschiedenheit, mit der er gegenüber allen anderen Versuchen, eine
neue Kunst zu schaffen, die Suprematie, d.h. die Überlegenheit
einer geometrischen, rein ungegenständlichen Kunst vertrat. Darüber
hinaus erweiterte er auch deren gestalterische Möglichkeiten, indem
er die elementare Strenge der geometrischen Formsprache Mondrians mit
der vielschichtigeren Dynamik seines Landsmanns Kandinsky zu einem völlig
neuartigen Ausdruck verband. Er selbst interpretierte seine Leistung jedoch
ganz anders; seine Vorstellungen überschritten eine rein bildnerische
Auffassung der Malerei zugunsten einer mystischen, intuitiv-irrationalen
Haltung; über das unmittelbare, visionäre Erfassen einer "höheren
Wahrheit" suchte er mit dem Absoluten eins zu werden; er strebte
nach einem Wissen und einer Erfahrung, die weder in den Bereich religiösen
Erlebens gehören, noch einer verstandesmäßigen Prüfung
standzuhalten brauchen.
In der anläßlich der Ausstellung 0.10 erschienenen
Broschüre Vom Kubismus und Futurismus zum Suprematismus
schreibt er: "Kunst ist die Fähigkeit, eine Konstruktion zu
schaffen, die nicht aus den Beziehungen zwischen den Formen und ihrer
Farbe entsteht, die nicht auf dem ästhetischen Geschmack gegründet
ist und deshalb nach Schönheit der Komposition strebt, sondern die
auf dem Gewicht, der Geschwindigkeit und der Bewegungsrichtung gründet."
Nach diesen Aufzeichnungen stellt "die vom Druck der Gegenstände
befreite, plane, reine malerische Fläche" eine eigene Welt dar;
das Schwarze Quadrat ist das "majestätische Neugeborene",
das "königliche Kind", das diese Welt bestätigt und
auf gültige Weise vertritt.32 Das Schwarze Quadrat, welches Andrei
Nakow "die Null-Form der neuen Malerei" nennt, zieht nicht,
wie dieser schreibt, die Grenze zwischen der alten Malerei und dem gegenstandslosen
Bild (denn das tun die komplexeren Kompositionen von Malewitsch oder die
Arbeiten Mondrians im gleichen Maße), sondern vollzieht einen viel
fundamentaleren Bruch mit der Tradition, der sich nur mit Duchamps fast
gleichzeitiger Erfindung des Readymade vergleichen läßt.
Im Gegensatz zu den ungegenständlichen Kompositionen, in denen Mondrian
aus Senkrechten und Waagrechten ein Beziehungsgerüst errichtet, tritt
das Schwarze Quadrat in keinen dialektischen Bezug zu anderen Bildelementen,
sondern steht, wie Duchamps Readymades, für sich allein; es ist,
in den Worten Stellas, "non-relational".33 Ähnlich wie
Duchamp und in weit stärkerem Maß als Mondrian gibt Malewitsch
einer irrationalen, mystifizierenden Haltung Gestalt und Ausdruck. Er
will "die Suprematie der reinen Empfindung" die Gegenstandslosigkeit
"an sich" veranschaulichen, das Wesen einer Dimension - nicht
das Wesen der Objekte, die in jener angesiedelt sind. Die Form des schwarzen
Quadrats dient letzten Endes nur dazu, dank ihrer neutralen Anonymität
jede inhaltliche Projektion des Betrachters abzuweisen, um so die "vom
Druck der Gegenstände befreite Fläche" - die große
Leere, das All und das Nichts - sichtbar zu machen.
Die Ausschließlichkeit, mit der die Leere das Bild beherrscht, steht
für das Absolute. In diesem Sinn findet auch bei Malewitsch das Ideal
eine negative Ausgestaltung. Wie Duchamp verzichtet auch Malewitsch
auf jeden emotionalen Ausdruck. Auch er hebt die bisherige Bedeutung des
Gestaltungsaktes auf, indem er diesen in Form einer Wahl vollzieht: das
Quadrat ist eine vorgegebene Form und wird in Malewitschs Bild zu einem
ungegenständlichen Readymade. Doch ist dieses nicht zufällig
gewählt. Während Duchamps Flaschentrockner auf die negative
Präsenz des Nicht-Ausgesagten verweist, steht das Schwarze Quadrat
(als positive Präsenz) für eine unmißverständliche,
wenn auch negative Aussage: "Wenn es eine Wahrheit gibt,"
schreibt Malewitsch 1927, "so nur in der Gegenstandslosigkeit, im
Nichts."34 In seinem Werk äußert sich nicht der ironische
Skeptizismus des großen Franzosen, sondern der absolute Anspruch
eines dogmatischen Mystikers.
Wie im Falle Duchamps sollte die Bedeutung auch dieser Geste erst nach
dem Zweiten Weltkrieg in ihrer ganzen Tragweite erfaßt und für
die weitere künstlerische Entwicklung fruchtbar gemacht werden. In
den fünfziger Jahren greifen amerikanische Künstler (vor allem
Ellsworth Kelly) Malewitschs Anstöße wieder auf; um mit monochromen
Bildflächen und lapidaren Ordnungen dem Abstrakten Expressionismus
die Suprematie der Leere entgegenzustellen.
Fortschritt als Aufgabe: der Konstruktivismus
Eine ganz andere Haltung bestimmt das Werk von Wladimir Tatlin (1885-1953),
dem Begründer des russischen Konstruktivismus. Angeregt durch die
kubistischen Reliefs von Picasso, die er anläßlich eines Pariser
Aufenthaltes 1914 (Abb. 96) in dessen Atelier gesehen hatte, stellte dieser
Künstler an der legendären Ausstellung 0.10. freihängende,
völlig ungegenständliche, aus Metall-, Holz- und Glaselementen
gebildete Materialkonstruktionen vor, die in ihrer Radikalität die
Reliefs des großen Spaniers übertrafen. Diese Arbeiten Tatlins,
die damals beträchtliches Aufsehen erregten, sind uns nur durch wenige
und technisch sehr mangelhafte Fotografien bekannt (Abb. 249, 250). Später
beschäftigte er sich vor allem mit Projekten plastischer Architektur;
am bekanntesten ist das 1919 entstandene Modell für das nichtausgeführte
Monument der III. Internationale, das ein vierhundert Meter hohes Stahlgerüst
in Form eines schrägen Turms vorsah, um dessen Mittelachse drei verschiedene
stereometrische Körper rotieren sollten (Abb. 251).
Tatlin und Malewitsch vertraten die beiden ideellen Pole einer Gruppe
junger ungegenständlicher Künstler, die mit ihrer vielfältigen
Produktion danach strebten, eine neue, von jedem Lyrismus, jeder Sentimentalität
und jeder bürgerlichen Konvention befreite, der technischen Welt
gemäße Ästhetik zu schaffen (Exter, Kljun, Puni, Popova,
Rodtschenko und die vielversprechende, frühverstorbene Rosanowa)
(Abb. 252-254).
Mit dem Sieg der Oktoberrevolution fand ihre avantgardistische Kunst plötzlich
uneingeschränkte offizielle Anerkennung. Die Künstler verließen
ihre Ateliers, um sich im Dienst der Regierung dem Aufbau eines neuen,
revolutionären Kunstbetriebs zu widmen. Es wurden Kunstschulen und
Museen gegründet, Verbände und Kommissionen gebildet, Bilder
gekauft, Richtlinien bestimmt und Programme für den Unterricht, für
Ausstellungen und Museen erarbeitet.
Im Verlauf dieses Umbruchs begann sich unter den progressiven Künstlern
eine Spaltung abzuzeichnen. Tatlin, Popova und Rodtschenko, zu denen sich
die eben eingereisten, durch ihre Reliefkonstruktionen bekannten Brüder
Naum Gabo und Antoine Pevsner gesellt hatten, grenzten sich (als die späteren
Konstruktivisten) vom Suprematismus ab. Während Malewitsch in seinem
Weissen Manifest eine neue kosmische Dimension des Denkens
verkündete, das "Unendliche", die "ideale Vorherrschaft
des Weiß", das "absolute Schaffen", die Idee des
"Übermenschen" propagierte und in seinen Bildern (z.B.
Weißes Quadrat auf weißem Grund, 1918) die gegenseitigen Beziehungen
ungegenständlicher Formen möglichst auszuschließen versuchte,
betonten die Konstruktivisten die energetische Gliederung von Raum und
Fläche, und verstanden ihre Werke als Spannungsfelder gegensätzlicher
Kräfte, d.h. unterschiedlicher Formen, Farben und Materialien (Abb.
254-257). Ideologische Spannungen und die zunehmende Ausrichtung der ungegenständlich-geometrischen
Kunst auf Produktgestaltung, Architektur, Typographie, Information und
Propaganda führten schließlich zum Bruch mit Malewitsch, der
sich 1919 in die Provinz, nach Witbesk absetzte.
Er war nicht der einzige, der mit der bevormundenden politischen Haltung
der Produktivisten in Konflikt geriet. Kandinsky, der durch
den Kriegsausbruch zur Rückkehr in seine Heimat gezwungen worden
war und sich ab 1917 an der Schaffung neuer Museen und an der Organisation
der künstlerischen Ausbildung beteiligte, stieß sich ebenfalls
an der produktivistischen Ausrichtung seiner Kollegen und überwarf
sich insbesondere mit Rodtschenko und mit Tatlin. Trotz der entscheidenden
Anregungen, die er durch seinen Rußlandaufenthalt (1915-1922) erfahren
hatte, sollte er diesen rückblickend immer wieder als unliebsame
und enttäuschende Erfahrung bezeichnen.
Die modernistische Euphorie der Revolutionsregierung war von kurzer Dauer.
Lenins Neue konomische Politik setzte 1921 dem enthusiastischen
Einvernehmen, das sich nach der Revolution zwischen Kunst und Staat entwickelt
hatte, ein jähes Ende. Hatte der Konstruktivismus bis dahin als der
Stil der proletarischen Revolution gegolten, so wurde ihm fortan die Eignung
abgesprochen, das Volk im gewünschten Sinn zu beeinflußen;
an seine Stelle trat in den dreißiger Jahren der sozialistische
Realismus.
Kandinsky, Pevsner, Gabo und Lissitzky emigrierten. Durch ihre Beiträge
zur holländischen Gruppe de Stijl und zum Bauhaus sollten sie die
weitere Entwicklung der europäischen und später auch der amerikanischen
Kunst noch in vielfältiger Weise bereichern und beeinflussen. In
der Sowjetunion dagegen war die Moderne zum Schweigen verurteilt; die
künstlerische Entwicklung kam zum Stillstand. Das große Experiment
war beendet.
Zur selben Zeit, während der die Futuristen, Suprematisten und Konstruktivisten
mit ihrer ekstatisch bejahenden und visuell orientierten Kunst den Fortschrittsglauben
der jungen Generation bestätigten, hatte sich in Zürich eine
diametral entgegengesetzte Bewegung gebildet, die dem modernen Fortschritt
skeptisch, ja ablehnend gegenüberstand, und deren Kunst dazu neigte,
das Visuelle zugunsten des Intellektuellen in den Hintergrund zu drängen.
Die Verweigerung des Fortschritts: der Dadaismus
Dada war "der Aufstand der Ungläubigen gegen die Irrgläubigen"
(Arp). Aus Abscheu vor Rationalismus, Nationalismus und bürgerlicher
Lebenshaltung, die für den ausgebrochenen Weltkrieg verantwortlich
gemacht wurden, verschrieb sich Dada ganz dem Irrationalen und Zufälligen,
dem Spontanen und Absurden. Der Ausgangspunkt dieser internationalen Bewegung
war das 1916 von Ball, Tzara, Arp, Janco und Hülsenbeck in Zürich
gegründete Cabaret Voltaire. Im kulturellen Zentrum der neutralen,
vom Krieg unversehrten Schweiz versammelten sich radikal gesinnte Literaten,
Künstler, Emigranten, Kriegsdienstverweigerer und Anarchisten mit
dem Ziel, mittels Ausstellungen, Aufführungen, Vorlesungen und sonstigen
Veranstaltungen durch Ironisierung, Provokation, Bloßlegung, Hohn
und Spott die bürgerlichen Wertvorstellungen in Kunst und Gesellschaft
zu zerstören.
Die Kabaretttechnik und Publizistik, mit der Dada sich in Szene setzte,
ging auf die Futuristen zurück, mit denen die Dadaisten zu Beginn
enge Kontakte unterhielten. Marinettis Parole-in-Libertà
(Abb. 239), Russolos musikalischer Bruitismus und die futuristischen
Manifeste waren die bestimmenden Vorbilder für die entsprechenden
Aktionen der Dadaisten; doch wurden diese Mittel von Dada in völlig
anderer Weise eingesetzt. An Stelle des zukunftsfreudigen Pathos der Futuristen
setzte Dada Hohn und Spott; an Stelle ihres militanten Nationalismus einen
extremen Nihilismus; statt die Kriegsbegeisterung zu schüren, wollte
Dada die Kämpfenden durch Ironie demoralisieren.
Wie der Futurismus zeichnete sich auch der Dadaismus weniger durch Stilmerkmale
als durch eine Geisteshaltung aus. Der höhnisch- verächtliche
Angriff auf die bürgerliche Gesellschaft, ihre Ideale und ihren Krieg,
richtete sich im Grunde genommen gegen jede Art von Wertstruktur, gegen
jede bestehende Ordnung. "Dada bedeutet nichts" war die endlos
variierte Botschaft (oder Anti-Botschaft) der Bewegung. Dieser vorteilhafte,
weil stets nur negativ bestimmte Standort übte auf fortschrittliche,
d.h. anti-bürgerliche Kreise eine gewisse Anziehung aus. Nach dem
Motto: "der Feind meines Feindes ist mein Freund" solidarisierten
sich viele bildende Künstler mit dem ursprünglich rein literarisch-kabarettistischen
Auftreten der Dadaisten, doch ohne deshalb deren militanten Nihilismus
in ihre eigene künstlerische Arbeit einfließen zu lassen. Wohl
übernahmen manche in Texten oder Gedichten die zersetzende, anarchische
Haltung von Dada; als bildende Künstler blieben sie jedoch weiterhin
objektiven ästhetischen Wertstrukturen verpflichtet.
Dies gilt insbesondere für Jean Arp, der sich als Maler und Bildhauer,
was die stilistische Reinheit seines Werkes betrifft, ohne weiteres mit
Malewitsch oder Mondrian vergleichen läßt; es gilt ebenso für
Kurt Schwitters, der mit seinen Collagen und Material-Assemblagen an die
Reliefs der russischen Konstruktivisten (Tatlin, Puni, Kljun) mahnt (Abb.
258, 259).
Eine visuelle, bildnerische Ausgestaltung fand die Geisteshaltung des
Cabaret Voltaire erst, als der aus Barcelona angereiste Francis Picabia
die Gedanken Marcel Duchamps (vor allem dessen Readymades) in Zürich
bekannt machte. Erst jetzt begann sich eine dadaistische Kunst zu entwickeln,
die im Sinne assistierter Readymades mit den Mitteln grafischer
und fotografischer Montage und mit Objekt- und Materialassemblagen arbeitete.
Es ging dabei vor allem darum, durch die widersinnige Verbindung von gegensätzlichen
Bedeutungsinhalten überkommene Wertvorstellungen und Ordnungsgefüge
in Frage zu stellen. Bildnerisch, d.h. was ihre äußere Erscheinung
betrifft, wiesen diese Werke untereinander kaum Gemeinsamkeiten auf; das
einzige Stilmittel, das sie miteinander verband, war intellektueller Art,
war das Paradox.
Die besten Beispiele dieser Kunst - Duchamps blasphemisches Readymade
L.H.O.O.Q. (die Mona Lisa mit Schnauz und Bart), die dadaistischen Arbeiten
Picabias und Man Rays, die Collagen von Johannes Baargeld und Hannah Höch,
sowie die frühen Bildexperimente Max Ernsts - entstanden alle erst
nach dem Krieg, zu einer Zeit also, da der Dadaismus als Bewegung seine
Stoßkraft bereits verloren hatte (Abb. 260-262).
Die bildende Kunst des Dadaismus stand zwar ganz im Zeichen Duchamps;
doch verfremdeten die Dadaisten dessen eigentliche Botschaft. Indem sie
seine Einfälle und Überlegungen in den Dienst ihrer antibürgerlichen
Polemik stellten, hoben sie seine ästhetische Dimension auf, d.h.
die "Schönheit der Indifferenz", seine Offenheit und seine
ideologische Abstinenz. Dementsprechend verstand sich Duchamp selbst nie
als echten Dadaisten.
Dadas auf ein permanentes Feindbild angewiesene Anti-Kunst konnte das
Kriegsende und die damit einhergehende Ernüchterung nicht überleben.
André Breton, ein Mitglied der Pariser Dada-Bewegung, fand für
die entschiedene Ablehnung bürgerlicher Wertvorstellungen eine andersgeartete,
affirmative Formulierung und wurde damit zum Verkünder einer neuen
Ideologie. Unter ihrem Banner sammelte er alle revolutionären Kräfte
zu einer straff organisierten Bewegung und schwang sich zu deren Führer
auf. Mit dem Erscheinen des Ersten Surrealistischen Manifests wurde Dada
1924 endgültig begraben.
Die Problematik des Fortschritts und das Wesen des Manierismus
Ein auffallendes Merkmal all dieser nachklassischen Kunstrichtungen
besteht in der dauernden Polemik ihrer Mitglieder über die zu verfolgenden
künstlerischen Ziele. Die unzähligen Manifeste der Futuristen,
Suprematisten, russischen Konstruktivisten, Dadaisten und all ihrer Untergruppen
machen deutlich, in welchem Maß diesen Künstlern das eigene
Kunstwollen zu einem Problem geworden war.
Diese Problematik verbindet die nachklassische Künstlergeneration
der Moderne mit den Manieristen des 16. Jahrhunderts. Sie gründet
wie damals in der Unmöglichkeit, eine bisher in derselben Richtung
ständig fortschreitende Entwicklung weiter fortzusetzen. Die Vision
der Moderne hatte mit den Kubisten und den Fauves, mit Mondrian und Kandinsky
ihre reinste, einheitlichste und vollständigste Ausgestaltung gefunden.
Im Sinne jeder klassischen Kunst war es ihnen gelungen, nichts Wesentliches
zu vernachlässigen und alles Zufällige und Belanglose aus dem
Bild der Wirklichkeit auszuschließen. Die Moderne hatte damit ihrerseits
ihre klassische Stufe erreicht.
Die Entwicklung zu diesem Höhepunkt kam einer fortschreitenden Befreiung
von den Forderungen des bisherigen abendländischen Ideals gleich;
die Moderne hatte die aus der Renaissance stammende Idee des Gottmenschen
endgültig entthront. An ihre Stelle war ein Menschenbild getreten,
dessen universale Geltung in den Naturkräften gründete, die
sich in und durch den Menschen ihrer selbst bewußt geworden waren.
Mit dem Gottmenschen hatte die Moderne aber auch die zu überwindende
Vaterfigur verloren. Ihre eigene Idee, der Mensch als Repräsentant
universaler Triebkräfte, war volljährig geworden und übernahm
nun selbst die Würde väterlicher Autorität. Der nachfolgenden
Generation war es fortan verwehrt, auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel ihre
Vorläufer und Verbündeten gleichzeitig sowohl zu übertreffen
als auch zu bestätigen. Der Gipfel war erreicht. Jeder weitere Fortschritt
schien einem Verrate gleichzukommen, konnte er sich doch nur vom bisherigen
Ziel abwenden und sich auf ein neues Ziel hin zubewegen. Damit stellte
er, gemessen an den klassischen Maßstäben, zwangsläufig
einen Abstieg dar.
Dieses Hin- und Hergerissensein zwischen dem, was bisher als Inbegriff
des Wahren und Richtigen gegolten hatte und der Ambition, dem Bisherigen
ein neues, noch fortschrittlicheres Ziel entgegenzusetzen, bildet den
zentralen Konflikt, der jeder manieristischen Kunst zugrunde liegt. Jede
manieristische Entwicklungsphase verbindet eine betont antiklassische
Haltung mit dem widersprüchlichen Versuch, aus dieser Auflehnung,
aus der Revolte gegen das Prinzip eines übergeordneten, allgemeinverbindlichen
Gesetzes das bestimmende Kriterium einer neuen Wertstruktur zu schaffen.
So schreibt Arnold Hauser in seiner berühmten Untersuchung zum Manierismus
des 16. Jahrhunderts:
"Der Antiklassizismus der manieristischen Kunst bedeutet im Grunde
die Verneinung der Normativität, der Mustergültigkeit und der
allgemein menschlichen Geltung der Kunst der Hochrenaissance, den Verzicht
auf die Prinzipien der Objektivität und der Rationalität, der
Regelmäßigkeit und der Ordnung, die in ihr zur Geltung kommen,
den Verlust der Harmonie und der Klarheit, die auch ihre geringsten Schöpfungen
durchdringen. Was aber den Manierismus als antiklassische Kunst wohl am
auffallendsten kennzeichnet, besteht in der Preisgabe der Fiktion, daß
das Kunstwerk ein organisches, unteilbares und unabänderliches Ganzes
bildet und aus einem Gusse ist. [...] Dem unklassischen, manieristischen
Kunstwerk schwebt, im Gegensatz zu dieser synthetischen Darstellung, die
Analyse der Wirklichkeit als Ziel vor. Es richtet sich nicht auf die Erfassung
von etwas Wesenhaftem, nicht auf die Verdichtung der einzelnen Momente
der Wirklichkeit zu einer substantiellen Wesenheit, nicht auf die Gewinnung
eines geistigen Kerns; es geht auf Reichtum, Vielfalt, Abwechslung und
Erlesenheit der Züge der Darstellung aus. Es bewegt sich mit Vorliebe
an der Peripherie des darzustellenden Lebensbezirkes, und zwar nicht nur,
um einen möglichst weiten Kreis der Dinge zu umschreiben, sondern
auch um anzudeuten, daß das Sein, das es darstellt, nirgends und
überall ein Zentrum besitzt."35
Das Einmalige wird im Manierismus zum bestimmenden Wert erhoben, gleichgültig,
ob es sich dabei um ein vermeintlich einmaliges Ideal oder um eine einmalige
exhibitorische Ambition handelt. Exhibition und Ideal treten in keinen
dialektischen Bezug zueinander, sondern kommen insofern miteinander zur
Deckung, als der eine Pol jeweils verabsolutiert wird und damit den anderen
absorbiert, d.h. zur bloßen Funktion degradiert: Die Exhibition
wird idealisiert oder das Ideal wird exhibiert. Durch diese Aufhebung
jeder polaren Spannung verlieren sowohl Ideal als auch Exhibition zwangsläufig
ihre individuelle Differenziertheit und jede Möglichkeit einer wirklich
einmaligen, sich von andersartigen, jedoch vergleichbaren Lösungen
abgrenzenden Ausgestaltung. Die gegenseitige Bedingtheit idealisierter
Strukturen und exhibitorischer Ambitionen wird verleugnet; zusammen mit
der bipolaren Struktur des klassischen Kanons wird auch die Möglichkeit
eines die schöpferische Leistung relativierenden Wertmaßstabes
abgelehnt. Für die Manieristen aller Epochen zählt entweder
alles oder nichts. Für sie gibt es nur wirkliche oder scheinbare
Künstler, richtige oder falsche Futuristen, Dadaisten oder Suprematisten,
keine besseren oder schlechteren.
Ein weiteres Zitat aus Hausers bedeutender Arbeit soll nochmals die auffallende
Übereinstimmung deutlich machen, die sich zwischen dem Manierismus
des 16. Jh. und der entsprechenden Entwicklung im 20. Jh. beobachten läßt.
Im Kapitel Die Auflösung der Renaissance schreibt er:
"Es handelte sich für sie (die Manieristen, S.B.) nicht so sehr
darum, statt der äußeren Wirklichkeit die innere darzustellen
und die Welt inneren Bedürfnissen zu unterwerfen, sondern vielmehr
darum, die Geltung jeder Objektivität in Frage zu stellen. Das Zeitalter
hatte das Vertrauen zu einer feststehenden Bedeutung der Tatsachen, ja
der Tatsächlichkeit selbst verloren."
Und schließlich: "Die unnaturalistische Wesensart des Manierismus
drückt sich auch darin aus, daß das künstlerische Schaffen,
statt von der Natur, von etwas bereits Geformtem ausgeht. Das heißt
mit anderen Worten, daß die Manieristen weniger von der Natur als
von Kunstwerken inspiriert sind, und daß sie als Künstler nicht
so sehr unter dem Eindruck von Naturerscheinungen als unter dem von künstlerischen
Schöpfungen stehen."36
Diese Sätze gelten in gleichem Maß für Futurismus und
Dadaismus und sie lassen sich auch auf Duchamp, auf den wichtigsten Vertreter
des modernen Manierismus anwenden.
In der manieristischen Phase der Moderne manifestieren sich - wenn auch
in zum Teil verzerrter und pervertierter Form - dieselben vier Grundhaltungen
und dieselben (grundsätzlich bereits erreichten) Zielsetzungen, welche
die bisherige Entwicklung bestimmt hatten, nämlich
- der Griff nach einer neuen Wirklichkeit (Futurismus)
- die Schaffung einer neuen Ordnung (Konstruktivismus)
- die Sehnsucht nach einem neuen Einssein mit dem All (Suprematismus)
- und die Suche nach einem neuen (nur noch negativ definierbaren) Sinn
(Dadaismus).
Anschließend treten diese vier Grundtendenzen oder Entwicklungslinien - die realistische, die strukturelle, die romantische und die symbolistische - in diejenige Entwicklungsphase der Moderne, die ich dem Barock zuordne.
4. Heilungsversuche: der moderne Barock
So wie es in der Umgangssprache üblich ist, die ernste
Musik des Abendlandes undifferenziert als klassische Musik
zu bezeichnen, so wird auch die europäische Malerei aus der Zeit
zwischen den beiden Weltkriegen unabhängig ihrer jeweiligen Stilrichtungen
der klassischen Moderne zugerechnet. Gemäß unserer
Untersuchung ist jedoch der größte Teil dieser künstlerischen
Produktion, wie bereits angetönt, als nachklassisch zu betrachten
[vgl. Tabelle S. _]. Unter klassisch verstehe ich eine Geisteshaltung,
die sich durch das Gleichgewicht und die gegenseitige Bedingtheit exhibitorischer
Ambitionen und idealisierter Strukturen auszeichnet und die somit in einem
umfassenden und integrierten Selbst gründet. Auf ein ganzes Zeitalter
bezogen bezeichne ich dementsprechend diejenige Phase eines kulturellen
Entwicklungszyklus als klassisch, in der die leitende Idee, das bestimmende
Paradigma dieses Zeitalters eine exemplarische, d.h. beide Pole des kollektiven
Selbst miteinbeziehende Ausgestaltung gefunden hat. In diesem Sinn stellen
Cézanne, Gauguin und van Gogh, bei denen das neue Paradigma noch
nicht in letzter Reinheit auftritt, die frühe Phase der
klassischen Moderne dar; Matisse und der synthetische Kubismus von Braque
und Picasso bilden den Höhepunkt der modernen Klassik, während
Mondrian und Kandinsky auf Grund der in ihrem Werk sich ankündigenden
Polarisierung bereits zur spätklassischen Phase der Moderne zählen.
Mit Duchamp, dem Anti-Klassiker par excellence, beginnt dann der zweite,
nachklassische Teil unseres Zyklus.
Das Jahr 1914 steht nicht nur für die Erfindung des Readymade, sondern
auch für den Ausbruch des 1. Weltkriegs. Dieser hat die sozialen
Wertstrukturen der damaligen Gesellschaft im selben Maß untergraben,
in dem Futurismus, Suprematismus, Konstruktivismus und Dadaismus die ästhetischen
Wertstrukturen der Moderne in Frage gestellt haben. So findet sich die
Nachkriegsgeneration in allen Lebensbereichen, doch insbesondere in der
Kunst, nicht nur mit einem Trümmerhaufen, sondern auch mit einer
unübersehbaren Fülle neuer Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten
konfrontiert. Jedes Tabu ist niedergerissen - alles ist erlaubt. Doch
mit der gewonnenen Freiheit haben die damaligen Künstler gleichzeitig
auch jede verbindliche Orientierung verloren. Mit größter Dringlichkeit
erhebt sich für die neue Generation die Frage nach der bildnerisch-
gestalterischen und der moralisch-geistigen Rechtfertigung ihres Schaffens.
Zur Beantwortung dieser Frage bieten sich einerseits die strukturellen
und emotionalen Werte an, die in der ungegenständlichen Malerei Mondrians
und Kandinskys eine universale Geltung beanspruchen; andererseits die
neuen, und damit verlockenderen Werte, die sich aus der naiven Weltsicht
des Douaniers Rousseau und aus den magischen Kräften der außereuropäischen
Stammeskunst schöpfen lassen.
Seit Matisse, Braque, Vlaminck und Lhote ihre ersten afrikanischen Masken
erworben und Picasso mit den Demoiselles d'Avignon die Art nègre
ins künstlerische Bewußtsein seiner Zeit gerückt haben,
sind bereits fünfzehn Jahre vergangen. Im Verlauf dieser Zeit hat
die Kunst der Primitiven unter Malern und Bildhauern immer größere
Beachtung gefunden; mit ihrer bildnerischen Kraft und ihrer Verwurzelung
in einer intakten und vitalen Kultur legitimieren diese Ausgestaltungen
den Rückgriff der Moderne auf die elementaren malerischen Mittel
und auf die Inhalte des Unbewußten.
Die modernen Künstler halten sich an die Kunst der Primitiven wie
seinerzeit die Humanisten des 14. und 15. Jahrhunderts an die der klassischen
Antike. Afrikanische, melanesische und indianische Masken und Skulpturen,
Geräte und Waffen, Textilien, Schmuck und Körperbemalungen dienen
unzähligen Malern und Bildhauern als Inspirationsquellen und als
unmittelbare bildnerische Modelle. Die Authentizität dieser Gestaltungen
und ihr Zug zum Triebhaften, Irrationalen und Magischen wird vielen europäischen
Künstlern zum bestimmenden Ideal und Vorbild. Vor einigen Jahren
zeigte die großartige Ausstellung des Museum of Modern Art, New
York: Primitivism in 20th Century Art (1984) das Ausmaß
dieses Einflusses auf, indem sie Werke von Picasso, Brancusi, Lipschitz,
Léger, Modigliani, Kirchner, Nolde, Jawlensky, Klee, Miró,
Calder, Moore, Ernst und Giacometti in überzeugender Weise ihren
primitiven Vorbildern gegenüberstellte (Abb. 263-269).37
Aus der Kunst der außereuropäischen Völker erwächst
den europäischen Künstlern der Nachkriegszeit eine neue und
umfassende, ihre unterschiedlichsten Ausgestaltungen miteinander verbindende
idealisierte Struktur, in der sie so etwas wie das bildnerische
Erbe der Menschheit erkennen. Mit der Entdeckung, daß in diesem
Erbe dieselben Kräfte wirksam sind, die auch in der Kunst der peintres
naïfs, in der Kinderzeichnung und der Bildnerei der Geisteskranken
zutage treten, ist die Verbindung zur eigenen Gegenwart hergestellt; die
neue Autorität ist nicht nur ethnologisch, sondern auch
psychologisch legitimiert.
Die primitive Kunst zeugt von den Anfängen menschlicher Kultur. Die
urtümliche Ausdruckskraft ihrer Sprache verbindet sich mit dem gleichzeitig
entdeckten Eigenwert der bildnerischen Mittel zu einem neuen ästhetischen
Kanon. Dank seiner elementaren Struktur, seiner Ursprünglichkeit
und seiner undogmatischen Ausrichtung kann dieser von einer großen
Anzahl unterschiedlicher Künstler übernommen werden. Die Ausdrucksmittel
der Primitiven sind bereits erprobt und anerkannt; sie bieten (wie diejenigen
der Antike für die Künstler der Renaissance) die Sicherheit
der Tradition. Da diese einer fremden und letztlich unverständlichen
Kultur entstammt, bleibt sie jedoch weitgehend unverbindlich; sie erlaubt
dem Europäer einen spielerischen Umgang mit ihren Forderungen und
Maßstäben und läßt seine Freiheit unangetastet.
So können die Künstler der nachklassischen Moderne dem neuen
Kanon auf die vielfältigste und reichste Art Rechnung tragen. Er
erlaubt ihnen, sich ihres Wertes, ihrer allgemeinen Geltung zu versichern
(und ihrem Werk die Würde der Dauer zu verleihen) ohne deshalb auf
die Exhibition ihrer individuellen Einmaligkeit und Grandiosität
verzichten zu müssen. Der revolutionäre Gestus und die ideologische
Polemik des Manierismus weichen einer gelassenen Selbstsicherheit, einer
selbstverständlichen, aus dem Vollen schöpfenden Experimentierfreudigkeit.
Mit derselben Unbekümmertheit, mit der die Barockmaler des 17. Jahrhunderts
auf die Bildwelt und die Ideale des Christentums und der Antike zurückgegriffen
haben, um sie den eigenen Zwecken zu unterwerfen, nutzen ihre modernen
Geistesverwandten die Bildsprache der Primitiven, der Kinder und der Geisteskranken,
um damit ihrem eigenen, so grundverschiedenen Selbst- und Weltbild Gestalt
und Ausdruck zu verleihen.
Maler wie Nolde und Matisse, Klee und Kandinsky, Chagall, Picasso, Braque,
Léger, Modigliani, Brancusi, Moore und der frühe Giacometti
schaffen damit eine reiche, umfassende Kunst, in der sie Ambitionen und
Ideale, romantische und strukturelle, rationale und irrationale Tendenzen
zu einer gestalthaften Einheit verbinden (Abb. 270-278).
Der berühmteste und spektakulärste Vertreter dieser Haltung,
die eine Konstante des modernen Barock bildet, ist Picasso; der bedeutendste
und reichste ist jedoch Paul Klee (1879-1940). Ohne die Darstellung des
Gegenstandes völlig aufzugeben, wendet sich dieser Freund und Geistesverwandte
Kandinskys von der äußeren Wirklichkeit ab und der inneren
Welt der Phantasie und des Traumes zu. Doch verliert er sich dabei nicht
in den Tiefen des Unbewußten. Schon als junger Mann vermerkt er
im Tagebuch: "Nächstes und zugleich fernstes Ziel wird nun sein,
architektonische und dichterische Malerei in Einklang oder doch wenigstens
in Zusammenklang zu bringen."38 Um dieses Ziel zu erreichen, nutzt
er nicht nur den ganzen Reichtum der durch die Kubisten, Orphisten und
Fauves, durch seine Freunde Jawlensky, Marc und Kandinsky bereitgestellten
Mittel, sondern greift auch auf Ensor, auf die Bildsprache der Primitiven,
auf die repetitiven Muster orientalischer Kunst und auf die Ästhetik
und die expressive Kraft der Kinderzeichnung zurück.
Der Gegenstand erfährt bei ihm eine starke Verfremdung: Er wird einerseits
aus seinem natürlichen Zusammenhang herausgelöst und in einen
neuen, irrationalen Bezug zu anderen Gegenständen sowie zu Zeichen,
Mustern und ungegenständlichen Formelementen gebracht; andererseits
nimmt der Gegenstand selbst zeichenhafte Form an und verbindet sich mit
den anderen Bildelementen zu einer völlig neuartigen, vielschichtigen
Ausgestaltung, von der eine rätselhafte, magische Wirkung ausgeht.
(Abb. 270-273) Klees Zeichen und Symbole sind vieldeutig, sie erwecken
Ahnungen und innere Vorstellungen, lassen sich jedoch nur selten auf einen
logischen Sinn festlegen. In diesen Bildern bekundet sich eine stark nach
innen horchende Haltung, bei der die Hand des Künstlers nach Klees
Wort "ganz Werkzeug eines fremden Willens" wird.
Auch Klee bedarf einer objektiven Verankerung seiner Vision, einer idealisierten
Struktur, die seinem Werk das Erhabene der Dauer verleiht.
Er findet sie im Zusammenhang des Weltganzen, im Kreislauf der Natur und
im psychischen Erbe der Menschheit, im Sinn und der Ordnung des kollektiven
Unbewußten. Das Gleichgewicht, in dem sich die Forderungen dieser
idealisierten Struktur erfüllen, läßt sich mit dem bloß
Bildnerischen nicht erreichen: "Man belegt, begründet, stützt,
man konstruiert, man organisiert: gute Dinge; aber man gelangt nicht zur
Totalisation."39 Das bewußte Handeln und das Heraufheben der
im Unbewußten bereitliegenden Bilder verbinden sich für Klee
zu einer unaufhebbaren Einheit, zu der als drittes Moment das Geistige
hinzutritt, denn "das Formale muß mit der Weltanschauung verschmelzen."40
Der schöpferische Prozeß ist für Klee integral, unteilbar
und umfassend.
Seine Malerei bringt diese Grundbedingung aller wahrhaft großen
Kunst mit der äußersten Transparenz zum Ausdruck. In ihr verknüpfen
sich die bildnerische, die psychisch-expressive und die geistige Wirklichkeit
der Moderne zu einer ihrer reichsten und umfassendsten Ausgestaltungen.
Mein Versuch, Entsprechungen zwischen der künstlerischen Entwicklung
der Moderne und derjenigen eines früheren Entwicklungszyklus aufzuzeigen,
mag im Fall des Barocks als besonders gewagt erscheinen. Dieser Begriff,
der sich vom italienischen barocco = seltsam ableitet, taucht
erstmals im 16. Jahrhundert auf und wird von den Theoretikern des 18.
Jh. auf diejenigen künstlerischen Ausgestaltungen angewandt, die
man nach der damaligen klassizistischen Kunsttheorie als maßlos,
verworren und bizarr empfand. Erst später faßte man so gegensätzliche
Künstler wie Zurbaran und Cortona, Rubens und Hals, Rembrandt und
van Dyck, also praktisch die gesamte Kunst des 17. Jahrhunderts, unter
diese Stilbezeichnung, und verlieh ihr damit eine sozialgeschichtlich-psychologische
Bedeutung.
Die Entsprechungen zwischen dieser Kunst und den ihr verwandten Strömungen
des 20. Jahrhunderts beziehen sich also weniger auf äußere
Stilmerkmale, die nicht einmal unter den Künstlern des 17. Jahrhunderts
einheitlich waren, sondern betreffen in erster Linie die Haltung, aus
der heraus sich zu beiden Zeiten gewisse Künstler die Errungenschaften
ihrer Vorgänger zunutze gemacht haben. Entwicklungsgeschichtlich
stehen diese Künstler, obwohl durch Jahrhunderte voneinander getrennt,
an derselben Stelle ihres jeweiligen Zyklus, und sehen sich mit den in
ihrer Geschlossenheit und Zentriertheit nicht mehr zu übertreffenden
und nicht mehr nachvollziehbaren Gestaltungen ihrer klassischen Vorgänger
konfrontiert; sie haben die unverbindliche Willkür der manieristischen
Revolte miterlebt, und verstehen intuitiv, daß sie imstande sind,
Besseres zu leisten. Sie spüren, daß ihre Chance
und ihre Stärke in ihrer Freiheit, in der Breite ihres künstlerischen
Spektrums, in ihrem Wissen um die Bedingungen und Möglichkeiten der
bereitliegenden gestalterischen Mittel liegt, und sie schaffen daraus
sowohl im 17. als auch im 20. Jahrhundert eine expansive, in ihrer Art
grandiose Kunst, deren unbekümmerte Selbstsicherheit und deren Fülle
und Reichtum den psychischen Kern dessen ausmachen, was wir als Barock
bezeichnen.
Die künstlerische Entwicklung zwischen den beiden Weltkriegen ist
einerseits durch die bedeutenden Alleingänger geprägt, die ich
eingangs aufgezählt habe, und die man zum Teil als Vertreter der
klassischen Moderne, zum Teil als solche des modernen Barocks bezeichnen
kann41; andererseits wird sie durch vier Kunstrichtungen oder -bewegungen
bestimmt, die sich den vier künstlerischen Grundhaltungen unseres
Modells zuordnen lassen; diese gliedern die barocke Phase der Moderne
nach folgendem Schema (in der Reihenfolge meiner anschließenden
Besprechung):
- Struktureller Barock = Konstruktivismus, Bauhaus
- Realistischer Barock = Magischer Realismus und Neue Sachlichkeit
- Symbolistischer Barock = Gegenständlicher Surrealismus
- Romantischer Barock = Zeichenhafter Surrealismus
Die strukturelle Tendenz: der Konstruktivismus zwischen intuitiver und
mathematischer Ordnung
Die Ungegenständlichkeit stellt zweifellos die bedeutendste künstlerische
Errungenschaft der Moderne dar. Die Radikalität dieses Durchbruchs
steht derjenigen der technischen und industriellen Revolution in nichts
nach. Die nichtfigurative Kunst demonstriert mit unüberbietbarer
Deutlichkeit, daß auch im Bereich der Ästhetik ein neues Zeitalter
angebrochen ist. Im Gefolge von Mondrian, Malewitsch und Tatlin wird insbesondere
die geometrische Ungegenständlichkeit für eine wachsende Zahl
junger Künstler zur einzig möglichen Art, dem eigenen Selbst-
und Weltbild Gestalt und Ausdruck zu verleihen.
Diese Künstler suchen die Inspiration und die geistige Rechtfertigung
ihres Schaffens weder im bildnerischen Erbe der Menschheit
noch im Unbewußten, sondern in der Welt der Wissenschaft und Technik
und im wachen Bewußtsein, d.h. in den Strukturen des Ich.42
Ihre Kunst zeichnet sich durch eine leicht kompensatorische Tendenz aus;
sie verstehen ihr Schaffen nicht in erster Linie als persönlichen
Ausdruck, sondern eher als Funktion einer universalen Ordnung, und stellen
es in den Dienst dieser idealisierten Struktur (Abb. 279-282).
Das wichtigste Zentrum dieser Anstrengungen ist das Bauhaus. Diese 1919
von Walter Gropius in Weimar gegründete Schule für Architektur,
bildende Kunst und Kunsthandwerk will die Einheit zwischen den visuellen
Künsten und dem Handwerk wiederherstellen und die Kluft zwischen
der Welt des Geistes und des Alltagslebens überwinden. Unter den
verschiedenen gestalterischen Disziplinen soll der Architektur die führende
Rolle zukommen, der sich alle anderen Künste unterzuordnen haben.
Neben bedeutenden Architekten wie Hannes Meyer und Marcel Breuer zieht
Gropius berühmte Maler an die Schule wie Albers, Kandinsky, Klee,
Moholy Nagy, Feininger, Itten und Schlemmer. Im Unterricht werden visuelle
und physikalische Probleme wie Licht, Farbe, Raum sowie die psychischen
Ausdrucksmöglichkeiten bildnerischer Gestaltungsmittel und -materialien
systematisch erforscht und grundlegende ästhetische Fragen erörtert.
In der berühmten Reihe der Bauhaus-Bücher legen
die Lehrer ihre Ideen und bildnerischen Methoden dar (Klee Pädagogisches
Skizzenbuch, Kandinsky Punkt und Linie zu Fläche
u.a.).
Im Sinn umfassender Lebensgestaltung strebt das Bauhaus das Zusammenwirken
von Kunst und Industrie an und orientiert sich dabei an der Zielvorstellung
von Klarheit, Sachlichkeit und Zweckmäßigkeit. Neben den Künstlerklassen
gibt es Werkstätten für Schreinerei, Töpferei, Weberei,
Innenarchitektur, Bühnenbild, Typographie, Fotografie, Metallarbeit,
Werbegrafik und industrielle Formgebung (Industrial Design). 1928 tritt
Gropius zurück. Unter der Leitung des neuen Direktors Hannes Meyer
(der 1930 durch Mies van der Rohe ersetzt wird) gewinnen in dem inzwischen
nach Dessau übersiedelten Bauhaus konstruktivistisch-wissenschaftliche
Tendenzen immer größeres Gewicht und bestimmen den Unterricht
der Schule bis zu deren Schließung durch die Nationalsozialisten
im Jahr 1933.
Die rationale, auf Klarheit, Sachlichkeit und Zweckmässigkeit ausgerichtete
Lehrtätigkeit des Bauhauses entspricht in ihrer Grundhaltung derjenigen
der holländischen Gruppe De Stijl und der aus Rußland emigrierten
Konstruktivisten. Das von all diesen Bewegungen angestrebte Zusammenwirken
von Kunst, Architektur und Industrie führt zur unumschränkten
Herrschaft der geometrischen Bildsprache und zur Ausbildung der verbindlichen
ästhetischen Kriterien, die Architektur, Industrial Design, Fotografie,
Typografie und Grafik der Moderne für mehrere Jahrzehnte prägen
und die internationale Entwicklung der konstruktiven ungegenständlichen
Kunst bestimmen sollten. In allen Ländern Europas, Nord- und Südamerikas
schließen sich konstruktive Künstler zu nationalen Bewegungen
zusammen, die über die Grenzen hinweg durch gemeinsame Ideale miteinander
verbunden bleiben.
1923 wird in Weimar ein internationaler Kongreß konstruktiver Künstler
abgehalten. Nach der Auflösung der Gruppe De Stijl gründen Herbin
und Vantongerloo 1931 in Paris die Gruppe Abstraction - Création,
der zeitweilig über 400 Maler und Plastiker aus allen Ländern
angehören. Die gleichnamige, jährlich erscheinende Publikation,
die von Arp, Gleizes, Herbin, Vantongerloo und Pevsner betreut wird und
praktisch alle bedeutenden ungegenständlichen Künstler der Zeit
zu ihren Mitarbeitern zählt, bildet eines der wichtigen Bindeglieder
zwischen den verschiedenen nationalen Bewegungen.
Die Kunst der Konstruktivisten läßt im Verlauf ihrer Entwicklung
zwischen den beiden Weltkriegen eine wachsende Tendenz zur Disziplinierung
und Systematisierung erkennen. Die Vielfalt spontaner Einfälle, die
Verwendung unorthodoxer Materialien und Bildmittel, die ausgefallenen
Kompositionen und der ganze barocke Erfindungsreichtum der ersten Stunde
weichen einer zunehmend puristisch und rational ausgerichteten, dogmatischen
Haltung, die Van Doesburg bereits 1917 in der Einleitung der ersten Nummer
von De Stijl klar umschrieben hat: "Diese kleine Zeitschrift
will [...] der archaistischen Verwirrung, dem 'modernen Barock' die logischen
Prinzipien eines reifenden Stils entgegensetzen, der sich auf die reine
Beziehung von Zeitgeist und Gestaltungsmittel gründet. Sie will die
heutigen Denkrichtungen auf dem Gebiet der Neuen Gestaltung, die sich,
wenn auch im Wesen gleich, unabhängig voneinander entwickelten, verbinden.
[...] Sobald die Künstler auf ihren verschiedenen Gestaltungsgebieten
zu der Erkenntnis kommen, daß sie grundsätzlich Ähnliches
erstreben, daß sie eine einzige allgemeine Sprache zu sprechen haben,
werden sie sich auch nicht mehr ängstlich an ihre Individualität
klammern. Sie werden jenseits der begrenzten Persönlichkeit einem
allgemeinen Prinzip dienen. [...] Zur Verbreitung des Schönen ist
nicht eine soziale, sondern eine geistige Gemeinschaft notwendig. Eine
geistige Gemeinschaft kann aber nicht entstehen ohne das Opfer der ehrgeizigen
Individualität."43
Aus der konsequenten Verwirklichung dieser künstlerischen Ideologie
sollte sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Konkreten Kunst und der
Minimal Art ein moderner Klassizismus entwickeln.
Die realistische Tendenz: von der Pittura metafisica zur Neuen Sachlichkeit
Zur selben Zeit, während die geometrische Ästhetik ihren Siegeszug
antritt und über Bauhaus, de Stijl und verwandte Organisationen beginnt,
das Erscheinungsbild des Alltags zu beeinflussen, zeichnet sich in der
europäischen Kunst auch eine gegensätzliche Bewegung ab, nämlich
eine romantisch anmutende Rückbesinnung auf das naive Wirklichkeitsverständnis
und das geschlossene Weltbild einer imaginären Vergangenheit; diese
Haltung äußert sich in einem neuartigen Realismus, dessen breites
Spektrum Ende 1980 in einer großen Übersichtsausstellung Realismus
- zwischen Revolution und Reaktion 1919-1939 im Centre Georges Pompidou
in Paris vorgestellt wurde.
Stilistisch orientiert sich diese Entwicklung am italienischen Trecento
und an der Malerei des Douanier Rousseau; ihre vermittelnde Schlüsselfigur
ist der griechisch-italienische Künstler Giorgio de Chirico (1888-1978).
Als dieser nach einer mehrjährigen Ausbildung an der Münchener
Akademie 1911 nach Paris übersiedelt, steht er noch ganz unter dem
Einfluß von Böcklin, Klinger, Kubin und seinem Lehrer Franz
von Stuck. In Paris lernt er Apollinaire und über ihn Picasso, Derain
und andere bedeutende Meister der Moderne kennen. Den entscheidenden Anstoß
zu seinem eigenen Werk erhält er jedoch nicht durch diese Künstler,
sondern durch die Bilder des Douanier Rousseau, die er bei seinen Pariser
Malerfreunden und im Hause der Baronin von Öttingen, der Geliebten
des Rousseau-Bewunderers Ardengo Soffici, zu Gesicht bekommt (siehe Abb.
283).
In seinen frühen Pariser Bildern, den berühmten Piazze d'Italia,
verbindet de Chirico die magische Dingerfahrung des Douanier mit dem visionären
Symbolismus Böcklins und Kubins und verleiht ihnen damit jene seltsam
zwiespältige, widersprüchliche und bedrohliche Qualität,
in der man rückblickend die Ahnung des heraufziehenden Weltkrieges
zu erkennen vermeint. In der verzauberten Stille dieser weiten, verlassenen
Plätze, über die hohe Denkmäler, Türme, überlebensgroße
Objekte oder vereinzelte Menschen ihre langen Schatten werfen, nimmt die
Erfahrung des Gefährlichen und Wunderbaren Gestalt an; das unbelebte
Ding gewinnt eine bisher unbekannte Selbstständigkeit und tritt dem
Menschen - als ein noch nie Erfahrenes - neu und magisch gegenüber.
Die geheimnisvolle, das Alltägliche und Gewohnte überlagernde
Wirklichkeit, die man später als surreal bezeichnen sollte,
verdichtet sich hier erstmals zu einer bildnerischen Vision (Abb. 284,
285).
Wohl tritt uns diese magische Dingerfahrung auch im Werk von Henri Rousseau
entgegen; seine Vision ist jedoch zeitlos paradiesisch, sie kennt keinen
Zweifel, keine Angst und keine Schuld und bleibt eingebettet in den großen
Kreislauf der Natur.
Demgegenüber besteht de Chiricos Welt ausschließlich aus Artefakten,
denen ein bedrohliches Leben innewohnt. Sie verdichtet sich in der Gestalt
des manechino, der hölzernen Gliedergruppe, die in allen
erdenklichen Ausformungen in seinem Werk auftritt und später auch
die Malerei seiner Kollegen Carlo Carrà und Giorgio Morandi prägen
sollte. Diese Ambiguität zwischen dem Belebten und Unbelebten, die
zur selben Zeit auch in den anthropomorphen Maschinen Marcel Duchamps
in Erscheinung tritt, bildet eines der auffallendsten Charakteristika
der von de Chirico begründeten Pittura metafisica, die nach dem Futurismus
den wichtigsten italienischen Beitrag zur künstlerischen Entwicklung
der Moderne darstellt.
1915 kehrt de Chirico nach Italien zurück. Im Lazarett, wo er als
Krankenpfleger seinen Militärdienst absolviert, lernt er 1917 Carlo
Carrà kennen, der seit seinem 1915 erfolgten Bruch mit dem Futurismus
einer primitiv-archaischen Malweise verpflichtet ist. Zwischen den beiden
Künstlern entwickelt sich eine enge Zusammenarbeit, an der sich ab
1918 auch der in Bologna lebende Giorgio Morandi beteiligt.
Die drei Italiener entwickeln eine Malerei, in der alltägliche, doch
ungewöhnliche Gegenstände eine Stimmung von Verlassenheit, Erwartung
und Geheimnis verbreiten, mit der sie den Betrachter in ihren Bann schlagen
(Abb. 286). Mit der Gründung der Kunstzeitschrift Valori Plastici
stellt der Maler Mario Broglio seinen Freunden ein Sprachrohr zur Verbreitung
ihrer Ideen zur Verfügung und trägt damit nicht wenig dazu bei,
die neue Richtung unter der Bezeichnung Pittura metafisica
binnen kurzer Zeit auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu
machen.
Die Zusammenarbeit unter dem gemeinsamen Banner ist jedoch nur von kurzer
Dauer. Während sich de Chirico einem schwülstigen Pseudoklassizismus
zuwendet, entwickeln Carrà und Morandi aus den Ansätzen der
Pittura metafisica eine Malerei, in der die beunruhigenden Gliederpuppen
der erdigen Kraft statuenhafter Gestalten, kubischer Bauten, stiller Gefäße
und verlassener Strände weicht (Abb. 287-289).
Morandi hat dabei seinen endgültigen Stil gefunden. Mit ruhiger Beharrlichkeit
variiert er fortan zwei unspektakuläre Themen - zurückhaltende,
lapidare Landschaften und die aus wenigen Krügen, Flaschen und Gläsern
aufgebauten Stilleben, mit denen er weltberühmt werden sollte. Er
nutzt das einfache Gerüst seiner aneinandergerückten Gefäße,
um aus der subtilen Abstufung von warmen und kalten, hellen und dunklen
Erdtönen einen still in sich ruhenden Farbraum zu schaffen, der zu
meditativer Betrachtung einlädt. Diese Bilder, mit denen Morandi
wesentliche Aspekte des amerikanischen Colour Field Painting um dreißig
Jahre vorwegnimmt, bilden einen der Höhepunkte der italienischen
Malerei des 20. Jahrhunderts (Abb. 289).
Carrà ist längst nicht so innovativ, dafür umso polemischer.
Mit derselben Begeisterung, mit der er in seinen futuristischen Manifesten
das Primat der Technik vertreten hat, fordert er jetzt die Rückkehr
zur magischen Stille Giottos.44 Durch seine häufigen
Artikel in der Zeitschrift Valori Plastici wird er zum unbestrittenen
Wortführer der neuen Kunstrichtung, des magischen Realismus,
zu dem sich außer ihm und Morandi auch Mario Sironi, Ottone Rosai,
Felice Casorati u.a. bekennen .
Deren Einfluß beginnt sich auch in Deutschland bemerkbar machen.
1924 wird die neue italienische Malerei in einer großen Übersichtsausstellung,
die sowohl ihre metaphysische als auch ihre realistische
Variante umfaßt, in Berlin, Hannover und Hamburg gezeigt. 1925 stellt
die Kunsthalle Mannheim unter dem Titel Neue Sachlichkeit
eine ganze Reihe deutscher Maler aus (darunter auch viele ehemalige Dadaisten
wie z.B. Grosz, Dix, Schlichter, Scholz und Schad), welche die "valori
plastici" - die bildnerischen Werte - der Italiener mit typisch deutschem
Sendungsbewußtsein in den Dienst von Kulturkritik, Weltverbesserung
und sexueller Befreiung zwingen. Die steilen Perspektiven, die vielfachen
Fluchtpunkte, das irreale Raumgefühl und der luftleere, gleichsam
gläserne Raum dieser Bilder entfalten keinen metaphysischen Zauber
mehr, sondern stehen anklagend für die Entfremdung und Verdinglichung
der Welt (Abb. 290-293).
Ich erspare es mir, auf verwandte Entwicklungen in anderen europäischen
Ländern und in den USA einzugehen und begnüge mich mit der Aufzählung
ihrer bedeutendsten Vertreter: in den USA Edward Hopper, in den Niederlanden
Dick Ket und Pyke Koch, in der Schweiz Felix Vallotton und Niklaus Stöcklin,
in Spanien der frühe Joan Miró und der frühe Salvador
Dalì, in Frankreich Jean Hélion, Balthus, André Derain
und - last but not least - Picasso, der im Anschluß an seine spätkubistische
Phase abwechslungsweise in beiden Stilen malt, um schließlich ebenfalls
für einige Jahre ins realistische Lager einzuschwenken (Abb. 294-296).
Am eigenwilligsten geht Fernand Léger (1881-1955), ein anderer
ehemaliger Kubist, mit dem neuen Realismus um. Léger ist ein großer
Bewunderer von Henri Rousseau und versucht schon früh, dessen naive
Kraft in die eigene Malerei einfließen zu lassen. So mutet das frühe
kubistische Werk Nus dans la forêt (1909-10) wie eine leicht mißlungene
Paraphrase der großen Dschungelbilder des Zöllners an.
Die wirkliche Aneignung der prallen Präsenz und der bildnerischen
Dichte seines Vorbildes gelingt Léger erst in den Zwanziger Jahren,
als er sich nach der Entlassung aus dem Militärdienst vom Kubismus
löst und die im Krieg empfangenen Eindrücke in die aggressive
und plakative Bildsprache umsetzt, die ihm einen Platz unter den großen
Meistern der Moderne gesichert hat. "Drei Jahre vergingen",
schreibt er rückblickend (1922) über seine Kriegserfahrungen,
"ohne daß ich einen Pinsel in die Hand genommen hätte,
in ständiger Berührung mit der gewaltigen, der rohesten Wirklichkeit.
Sobald ich frei war, zog ich Nutzen aus diesen schweren Jahren und kam
zu einem Entschluß. Ich malte in reinen Lokalfarben und formte große
Massen ohne jedes Zugeständnis. Ich setzte mich über Konzessionen
an den Geschmack, über Grau-in-Grau-Malerei, über tote Hintergrundflächen
hinweg, ich ließ mich nicht mehr verwirren, ich sah klar. Der Krieg
hat mich zur Wirklichkeit geführt, ich zögere nicht, dies einzugestehen."45
Aus der Auseinandersetzung mit dieser Wirklichkeit entwickelt Léger
ab 1920 eine harte, geometrisch definierte, doch gegenstandsbezogene Malerei,
in der er das mechanische Ding als die sichtbarste Repräsentanz der
modernen Zivilisation zu seinem zentralen Thema macht. Sein unerschütterlicher
Optimismus und die Radikalität seines Zukunftsglaubens manifestieren
sich in den großen Figurenbildern der frühen Zwanziger Jahre,
in denen die dargestellten Menschen die gleißende Perfektion und
die starre Unbeweglichkeit riesenhafter Maschinen annehmen. Sie beunruhigen
jedoch nicht wie die Figur des manechino, denn Mensch und
Maschine sind in diesen monumentalen Gemälden miteinander versöhnt.
Die menschliche Figur wird zum bestimmenden Element einer hieratischen
Ordnung und gewinnt, wie Haftmann sagt, "die anonyme Würde des
Dinges".46 (Abb. 297)
Die Glorifizierung des Dinglichen erreicht in der 1928 begonnenen (und
erst Mitte der dreißiger Jahre zum Abschluß gekommenen) Bilderreihe
der Objets dans l'espace ihren Höhepunkt. Diese Werke, in denen Léger
alltägliche Objekte der technischen Zivilisation durch ihre isolierte,
ins Riesenhafte vergrößerte Darstellung in den Rang sakraler
Embleme erhebt, lassen sich rückblickend als das Bindeglied zwischen
dem magischen Realismus des Douanier und dem New Realism
der Pop Art erkennen (Abb. 298). Léger hat das von de Chirico begonnene
Unterfangen zu einem vorläufigen Abschluß gebracht; mit ihm
hat die Moderne das Werk Henri Rousseaus endgültig assimiliert.
Die romantische und die symbolistische Tendenz: der zeichenhafte und der gegenständliche Surrealismus
Wie im Falle der manieristischen Kunstrichtungen des Futurismus und des Dadaismus gilt es auch beim Surrealismus, zwischen den Manifestationen der organisierten Bewegung und der in ihrem Namen entstandenen Kunst zu unterscheiden. Die Bewegung, die künstlerische Theorie und die Ideologie des Surrealismus sind das Werk des französischen Dichters André Breton (1896-1966) und damit literarischen Ursprungs. Während Breton seine Ideen in den Zwanziger Jahren entwickelt und um 1924 im Ersten Surrealistischen Manifest vorstellt, sind die Malerei und das Lebensgefühl, die man später als surrealistisch bezeichnen sollte, viel älteren Datums. Die psychologischen und stilistischen Merkmale, die die beiden Hauptströmungen dieser Malerei auszeichnen, sind bereits zwischen 1911-1915, also rund zehn Jahre vor der Gründung der surrealistischen Bewegung, im Werk des Russen Wassily Kandinsky und des Italieners Giorgio de Chirico ausgebildet worden. Bevor ich auf die Auswirkung dieser Anstöße eingehe, soll die Entstehung und Entwicklung der surrealistischen Bewegung verfolgt werden.
1919 kommen Tzara und Picabia nach Paris, um dort gemeinsam mit den
Künstlern Max Ernst und Man Ray und den Dichtern André Breton,
Louis Aragon und Philippe Soupault ihre Dada-Aktivitäten fortzusetzen.
Der Zürcher Dada-Tradition folgend, schrecken sie dabei vor keinem
Mittel zurück, um das gewünschte Aufsehen zu erregen. Neben
unzähligen Veranstaltungen, die alle darauf angelegt sind, das Publikum
zu schockieren und zu provozieren, sorgen auch mehrere Zeitschriften für
die Verbreitung ihrer nihilistischen Botschaft.
Die Gruppe, die sich regelmäßig im Café Centre bei der
Opera trifft, zieht Dichter, Künstler und Intellektuelle jeden Alters
und aus allen Gesellschaftsschichten an. Damit beginnt sich unter ihren
immer zahlreicher werdenden Mitgliedern eine wachsende Rivalität
zu verbreiten, die zu einer Atmosphäre der Verdächtigungen,
zu Verleumdungen und Auseinandersetzungen führt und sich langsam
zu einem Machtkampf zwischen Tzara, Picabia und Breton zuspitzt. Gleichzeitig
entzieht das veränderte Klima der Nachkriegszeit der Bewegung ihre
bisherige sozialgeschichtliche und psychologische Motivation und Rechtfertigung.
So wird sich insbesondere Breton der Sterilität der bloß negativ
definierten Haltung der Dadaisten und ihrer Antikunst bewußt, und
er beginnt, nach einer positiven, affirmativen Formulierung ihrer Ablehnung
jeder bürgerlichen Ordnung zu suchen. Als er 1921 einen Kongreß
aller Interessierten einberuft, um ein verbindliches Programm für
die gemeinsamen Bestrebungen auszuarbeiten, kommt es zwischen ihm und
Tzara, der weiterhin auf einer anarchischen Ausrichtung der Bewegung besteht,
zum Bruch. Die meisten Dadaisten schlagen sich zu Breton und verbinden
sich unter seiner Führung zur neuen Bewegung des Surrealismus.
Wie Dada und Futurismus ist auch der Surrealismus kein eigentlicher Kunststil
sondern eine Ideologie. Breton schwingt sich zum Theoretiker und Wortführer
der neuen Bewegung auf, indem er in seinem Ersten Surrealistischen
Manifest sowohl deren ideellen Ziele umschreibt als auch das gestalterische
Verfahren aufzeigt, mit dem sich diese künstlerisch verwirklichen
lassen.
In einem oft hochtrabenden Stil und mit selbstgefälliger Redundanz
legt er auf über dreißig Seiten seine Vision eines neuen Menschen,
einer neuen künstlerischen Aufgabe dar. Seine langatmigen, zum Teil
recht konfusen Darlegungen berufen sich - meist ohne spezifisch zu werden
- auf die literarische Tradition von Dichteren wie Lautréaumont,
Rimbaud, Jarry und Apollinaire, auf die dialektische Philosophie Hegels
und auf die von Freud entwickelte Psychoanalyse. Bretons Gedankengänge
gehen von der an sich nicht neuen, schon der Romantik zugrundeliegenden
Überzeugung aus, daß der Rationalismus der westlichen Kultur
der Breite und Tiefe unserer individuellen Erfahrung kaum gerecht werde
und weder in der Lage sei, die Wirklichkeit zu gliedern und zu deuten,
noch sie zu beherrschen. Dieser rationalen Weltsicht setzt Breton eine
ganz andere, aus Vorstellung und Phantasie, Trieb und Unbewußtem
gebildete innere Welt entgegen und fordert vom Künstler, dieser höheren
- eben surrealen - Wirklichkeit Gestalt und Ausdruck zu verleihen. Das
Sichtbarmachen des Irrationalen, Wunderbaren und Phantastischen bildet
nach ihm das erste und einzige Ziel der Kunst und läßt sich
nur durch das Ausschalten jeder gestalterischen Absicht und jeder Ich-Kontrolle
erreichen. Damit knüpft Breton an das von Freud entwickelte Prinzip
der freien, unzensurierten Assoziation an. Nach seiner Definition ist
Surrealismus "reiner psychischer Automatismus, durch den man mündlich
oder schriftlich oder auf jede andere Weise den wirklichen Ablauf des
Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne jede Kontrolle durch
die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung."
Und er fährt fort: "Der Surrealismus beruht auf dem Glauben
an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis dahin vernachläßigter
Assoziationsformen, an die Allmacht des Traumes, an das zweckfreie Spiel
des Denkens. Er zielt auf die endgültige Zerstörung aller anderen
psychischen Mechanismen und will sich zur Lösung der hauptsächlichen
Lebensprobleme an ihre Stelle setzen."47
Was dabei in erster Linie zerstört werden soll, ist offensichtlich
jede Form von Gesetzmäßigkeit, Einschränkung oder Zensur.
Wie so manche seiner Zeitgenossen interpretiert auch Breton Freuds bahnbrechende
Einsichten in die kindliche Sexualität, in die krankmachenden Folgen
der Verdrängung bestimmter Sexualwünsche und in die Ätiologie
der Neurosen als eine Aufforderung zur sexuellen Befreiung und als Aufruf
zum Sturz des Über-Ich. Hinter dieser Interpretation, dieser utopischen
Vision radikaler Befreiung, und hinter der Forderung nach einer völlig
irrationalen, allein durch die psychische Dynamik des Traums bestimmten
Kunst erkennt man die romantische Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies,
die Sehnsucht nach der Verschmelzung mit einem umfassenden, Halt und Sicherheit
vermittelnden Ganzen. Breton hat jeden Glauben an Sinn und Berechtigung
gesellschaftlicher Strukturen verloren. Für ihn und die Surrealisten
besteht kein Zweifel: Die bürgerliche Ordnung hat versagt - die Moderne
hat ihre Versprechen nicht eingelöst. Aus seinem Text spricht die
Verzweiflung und die narzißtische Wut des Gekränkten, in seinen
idealisierten Erwartungen Enttäuschten. Darauf reagiert er mit der
kompensatorischen Verschiebung seiner Selbstliebe in Richtung auf den
exhibitorischen Pol des Selbst.
Das Prinzip des psychischen Automatismus und die Forderung nach einer
Kunst "jenseits jeder ästhetischen oder ethischen Überlegung"
kommt der Ausmerzung jeder idealisierten Struktur gleich. Die dialektische
Spannung zwischen den beiden Polen wird aufgehoben und die an den idealisierten
Pol gebundene Libido auf den exhibitorischen verschoben. Mit anderen Worten:
Das Ideal verschwindet, die Exhibition wird idealisiert. Diese Besetzungsverschiebung
bildet den psychischen Kern der Breton'schen Theorie und wird dabei verabsolutiert
und dogmatisch festgelegt.
Die surrealistischen Dichter greifen Bretons Ideen begeistert auf und
stürzen sich wie besessen in die nämlichen Experimente. 1922
macht René Crével seine Kollegen mit der Hypnose und dem
Spiritismus vertraut und löst damit die Welle der sogenannten Schlafzustände
aus. "Die sieben oder acht jungen Leute", erinnert sich Aragon,
"leben überhaupt nur noch um dieser Augenblicke des Vergessens
willen, worin sie, während alle Lampen ausgeschaltet sind, ohne Wachbewußtsein
aus der Trance reden und in der gewöhnlichen Atemluft dahintreiben
wie Ertrunkene im Wasser..."48 Einzelne unter ihnen bringen es wie
Robert Desnos soweit, daß sie nach Belieben und wie auf Kommando
in Schlaf fallen können.
In der Malerei wird der Automatismus jedoch nicht so extrem angewandt,
sondern bestimmt lediglich die psychische Tendenz der surrealistischen
Kunst. Die Kunsttheorie des Surrealismus ist wie die des Futurismus und
des Dadaismus das Werk von Literaten. Breton hat das Verfahren, jede rationale
Kontrolle auszuschalten und die aus dem Unbewußten aufsteigenden
Impulse, Vorstellungen und Gedanken vorbehaltlos anzunehmen und automatisch
festzuhalten, gemeinsam mit Soupault bei der Niederschrift von Les
Champs magnétiques (1919), dem ersten surrealistischen Text
überhaupt, entwickelt. Als er später vorschlägt, die Methode
des psychischen Automatismus auch auf die Malerei zu übertragen,
versteht er diese gemäß der symbolistischen Tradition in einem
literarischen, abbildenden Sinn, als eine Art Illustration irrationaler
Gedanken und Vorstellungen. Deshalb erklärt er in seinem Manifest
die ehemaligen Dadaisten Picabia, Man Ray und Max Ernst, den Symbolisten
Gustave Moreau sowie die wegweisenden Erneuerer Duchamp, de Chirico und
Klee als Surrealisten, überraschenderweise aber auch den frühen
Renaissancemaler Paolo Uccello, die Nachimpressionisten Seurat, Derain
und Matisse und den ehemaligen Kubisten Braque. Diese Aufzählung
spiegelt Bretons mangelndes Verständnis für die bildende Kunst
und den diffusen Charakter seiner Vorstellungen über das Wesen einer
surrealistischen Malerei.
Die zukünftigen surrealistischen Maler orientieren sich auch nicht
an Bretons literarischen Richtlinien, sondern am Werk ihrer Kollegen de
Chirico und Kandinsky. Unter dem Eindruck der frühen Arbeiten de
Chiricos entwickeln Max Ernst, René Magritte, Yves Tanguy und Salvador
Dalí den gegenständlichen Surrealismus. Auf ihren Bildern
inszenieren sie eine phantastische und irreale Welt, die sie mit der illusionistischen
Maltechnik des 19. Jahrhunderts in einem gleichsam fotografischen Realismus
wiedergeben. So bezeichnet Dalí seine Darstellungen sinngemäß
als "Traumfotografien". (Abb. 299-301)
Diese Maler befolgen scheinbar Bretons Rezept, die in ihrem Bewußtsein
auftauchenden Vorstellungen vorbehaltlos anzunehmen und auf ihrem Bild
festzuhalten. Die technischen Bedingungen ihrer an sich naturalistischen
Malweise schließen jedoch eine durchgehende, den malerischen Akt
miteinbeziehende Verwirklichung des Breton'schen Postulats aus. Der besondere
Charakter dieser Bilder, d.h. das, was sie als typisch surrealistisch
von anderen Darstellungen des Irrationalen (wie z.B. denen von Goya oder
Füssli) unterscheidet, besteht nicht im Gestaltungsprinzip, dem sie
angeblich ihre Entstehung verdanken, sondern in einem sie alle verbindenden
Grundzug, auf den ich später zurückkommen werde. Der psychische
Automatismus ist ein Mythos, keine Realität. Pierre Naville, der
Herausgeber der Zeitschrift La Révolution Surréaliste,
legt bereits im Januar 1925 dessen Undurchführbarkeit, d.h. die Unmöglichkeit,
beim gestalterischen Akt des Malens jede Zensur, jede Kontrolle fallen
zu lassen, in einem längeren Artikel überzeugend dar. Dies führt
zu heftigen Auseinandersetzungen mit Breton und löst innerhalb der
Bewegung die erste einer langen Reihe von Krisen aus.
Der psychische Automatismus wird erst dann glaubhaft, wenn er als eigentliches
malerisches Gestaltungsmittel, d.h. rein bildnerisch eingesetzt wird.
Masson und Miró vollziehen Ende 1926 diesen entscheidenden Schritt,
indem sie in Anlehnung an Kandinsky und unter dem unmittelbaren Einfluß
Klees49 einen fast ungegenständlichen, abstrakten Malstil entwickeln,
für den Georg Schmidt den Begriff des zeichenhaften Surrealismus
geprägt hat. Dieser zeichnet sich unter anderem durch einen gestuellen
Automatismus aus, durch den spontane motorische Impulse unmittelbar und
- zumindest in der Theorie - unzensuriert auf das Bild übertragen
werden, wo sie organisch wirkende, weitgehend ungegenständliche Konfigurationen
bilden (Abb. 302-306). In dieser Malerei findet die Grundhaltung der Romantik,
der mystische Wunsch nach der Aufhebung der Gegensätze, nach der
Verschmelzung mit dem All, eine rein bildnerische Sprache und damit ihre
erste moderne Ausgestaltung.
So umfaßt die surrealistische Bewegung zwei deutlich getrennte Stilrichtungen,
in denen sich die beiden unterschiedlichen Entwicklungslinien fortsetzen,
die ich als die romantische (oder expressive) und die symbolistische (oder
idealistische) bezeichnet habe. Während der gegenständliche
Surrealismus die symbolistische Linie von Munch/Ensor über de Chirico
und die Kunst der außereuropäischen Völker fortführt,
setzt sich mit dem zeichenhaften Surrealismus die romantische Linie von
Gauguin/van Gogh über die Fauves und Kandinsky fort. Der einzige
gemeinsame Nenner, der die beiden Richtungen miteinander verbindet, ist
deren Betonung des Unbewußten, d.h. ihr Bekenntnis zum psychischen
Automatismus, dem Credo André Bretons.
Der psychische Automatismus wird jedoch auch beim zeichenhaften Surrealismus
nur zum Teil verwirklicht; er stellt wohl ein gestalterisches Hilfsmittel
dar, als umfassendes schöpferisches Prinzip bleibt er jedoch weiterhin
eine Wunschvorstellung, eine Utopie. So schreibt Miró: "Ich
gehe nicht mit dem Gedanken an die Arbeit, etwas Bestimmtes zu malen,
sondern ich fange an zu malen, und während des Malens beginnt das
Bild sich unter dem Pinsel zur Geltung zu bringen, es gibt sich zu erkennen.
Die Form wird so im Laufe der Arbeit ein Zeichen für Frau oder Vogel
[...]. Das erste Stadium ist frei, unbewußt." Doch kennt der
große Katalane sehr wohl die Grenzen des reinen Automatismus, denn
er fügt bei der Beschreibung seines Verfahrens hinzu: "das zweite
Stadium ist sorgfältig berechnet."50 Das gilt ganz allgemein
für alle automatischen Verfahren der Surrealisten: für
die Frottages von Max Ernst ebenso wie für die Décalcomanies
von Dominguez oder die angeblich in der Trance auftauchenden Visionen
von Salvador Dalí. In letzter Konsequenz läßt sich der
psychische Automatismus, mit dem Breton das von der Psychoanalyse entwickelte
Prinzip der freien Assoziation auf den schöpferischen Prozeß
zu übertragen versucht, bestenfalls verbal praktizieren. Schon bei
der Niederschrift von Texten wird es äußerst schwierig, die
Kontrollfunktionen des Ich auszuschließen.
In der künstlerischen Praxis stellt Bretons Idee an sich nichts neues
dar, denn letztlich erschöpft sie sich in der Aufforderung, auf vorgefaßte
Bildvorstellungen zu verzichten und das schöpferische Potential von
Phantasie und Intuition, Spontaneität und Zufall zu nutzen. Bereits
1788 schlägt Friedrich Schiller in einem Brief an den Dichter Christian
Körner, der sich über seine mangelnde Produktivität beklagt,
ein ähnliches Verfahren vor: "Der Grund deiner Klage liegt,
wie mir scheint, in dem Zwange, den dein Verstand deiner Imagination auflegt.
Ich muß hier einen Gedanken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis
versinnlichen. Es scheint nicht gut und dem Schöpfungswerke der Seele
nachteilig zu sein, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam
an den Toren schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet,
sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht
wird sie durch eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie
in einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso abgeschmackt
scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: Alles das kann
der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht so lange festhält,
bis er sie in Verbindung mit diesen anderen abgeschaut hat. Bei einem
schöpferischen Kopfe hingegen, deucht mir, hat der Verstand seine
Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen pêle-mêle
herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den großen
Haufen. - Ihr Herren Kritiker, und wie Ihr Euch sonst nennt, schämt
oder fürchtet Euch vor dem augenblicklichen, vorübergehenden
Wahnwitze, der sich bei allen eigenen Schöpfern findet und dessen
längere oder kürzere Dauer den denkenden Künstler von dem
Träumer unterscheidet. Daher Eure Klagen der Unfruchtbarkeit, weil
Ihr zu früh verwerft und zu strenge sondert."51
Dieses Zitat figuriert an prominenter Stelle in Freuds berühmter
Traumdeutung; es war Breton, der sich wiederholt auf dieses
bahnbrechende Werk bezieht, zweifellos bekannt. Dessen ungeachtet stellt
er sich im Surrealistischen Manifest als den eigentlichen
Erfinder dieser Methode dar.52
Die Prioritätsfrage ist in diesem Fall jedoch irrelevant. Theoretisch
und kunstgeschichtlich kommt dem psychischen Automatismus
insofern die allergrößte Bedeutung zu, als die Surrealisten
damit eine verbindliche und einprägsame Leitidee finden, die ihrer
Arbeit fortan die gesuchte Orientierung vermittelt. Innerhalb von Bretons
umfangreichen Schriften stellt dieses von Freud, respektive Schiller übernommene
Konzept auch einen der seltenen klar und sachlich formulierten Gedanken
dar. Mit der Konzeptualisierung und Idealisierung des Unbewußten
finden die Sehnsüchte und die Geisteshaltung, die der Romantik und
dem Symbolismus zugrundeliegen, erstmals eine wissenschaftlich formulierte
Repräsentanz. Die Surrealisten sind damit die Vorläufer der
entsprechenden Tendenzen der Moderne, die einerseits zum Informel und
zum Abstrakten Expressionismus, andererseits zu den Gestaltungen von Beuys
und der Arte Povera führen sollten. Breton hat das Selbstverständnis
der surrealistischen Künstler in entscheidender Weise mitgeprägt.
Dank ihm wissen sie, daß sie die fernen Horizonte Caspar David Friedrichs
oder die verbotenen Lüste und die gefährlichen Abenteuer, die
Delacroix im Orient angesiedelt hatte, in ihrem eigenen Innern tragen.
Um das Wunderbare aus diesem hervortreten zu lassen, brauchen sie bloß
die Schleusen ihres Bewußtseinsstroms zu öffnen. Der Künstler
wird zum durchläßigen Medium, zum Sprachrohr archaischer Kräfte.
Gleichzeitig gerät er damit in enge Nachbarschaft zum Geisteskranken.
Die Surrealisten waren unter den ersten, die in den seltenen Zeichnungen
und Bildern, die aus den psychiatrischen Anstalten den Weg in die Öffentlichkeit
fanden, mehr als bloß klinische Dokumente sahen. Manche unter ihnen,
insbesondere Dalí, waren vom Wahnsinn geradezu fasziniert und versuchten
auch, diesen Aspekt ihres Schaffens durch die gezielte Simulierung von
Wahnzuständen zu steigern.
Bezeichnenderweise tritt die magische Dingerfahrung, die den befremdenden
Reiz und die faszinierende Wirkung der Pittura Metafisica und des gegenständlichen
Surrealismus ausmacht, auch unter dem Einfluß halluzinogener Drogen
und bei gewissen präpsychotischen Zuständen auf. Der Bericht
einer jungen Schizophrenen über das erste Auftreten ihrer Krankheitssymptome,
den ich der berühmten Fallgeschichte Journal d'une Schizophrène
der Psychoanalytikerin M.A. Sechehaye entnehme, liest sich stellenweise
wie die Beschreibung eines surrealistischen Gemäldes. Die erste Eintragung
berichtet aus der Zeit um das fünfte Lebensjahr:
"Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem es mir zustieß.
Ich war allein spazieren gegangen, wie ich es öfters tat (wir waren
während der Ferienzeit auf dem Land). Plötzlich war aus der
Schule, an der ich eben vorbeiging, ein deutsch gesungenes Lied zu vernehmen.
Es waren Kinder, die Musikunterricht hatten. In dem Moment, als ich innehielt,
um zuzuhören, wurde ich von einem eigenartigen Gefühl erfaßt;
es ist schwer zu beschreiben, doch glich es all jenen, die ich später
empfinden sollte: die Unwirklichkeit. Ich konnte die Schule nicht wiedererkennen;
sie war groß geworden wie eine Kaserne und die singenden Kinder
kamen mir vor wie Gefangene, die man zum Singen gezwungen hatte. Es war,
als ob die Schule und der Gesang der Kinder von der Welt getrennt wären.
Im selben Augenblick erblickte ich ein Kornfeld, dessen Grenzen ich nicht
mehr erkennen konnte. Diese gelbe, unter der Sonne berstende Unendlichkeit
und der Gesang der Kinder, die in jener Schulkaserne aus glattem Stein
gefangen waren, erfüllten mich mit solchem Entsetzen, daß ich
in Tränen ausbrach. Ich rannte in unseren Garten und begann zu spielen,
damit alles wieder so würde wie sonst, d.h. um wieder
in die Realität zurückzufinden. Dies war das erste Mal, daß
sich die Elemente einstellten, die später bei meinen Unwirklichkeitsgefühlen
immer gegenwärtig sein würden: die grenzenlose Weite, das gleißende
Licht und die geschliffene Glätte der Materie."
Der nächste Anfall spielt sich einige Jahre später während
einer Schulstunde ab:"Während der Schulstunde, mitten in der
Stille der Arbeit, hörte ich die Geräusche der Straße:
eine vorbeifahrende Straßenbahn, diskutierende Leute, ein wieherndes
Pferd, ein hupendes Auto. Es war, als ob sich jedes dieser Geräusche
reglos abhebe, von seinem Gegenstand getrennt, ohne jede Bedeutung. Meine
Kameraden mit ihren gesenkten Köpfen kamen mir vor wie Roboter oder
Gliederpuppen; sie wirkten wie durch einen unsichtbaren Mechanismus bewegt.
Der Lehrer, der am Pult redete und gestikulierte und sich ab und zu erhob,
um an der Wandtafel zu schreiben, glich einem grotesken Hampelmann. Und
immer die entsetzliche Stille, durch Geräusche unterbrochen, die
von weither kamen; die unerbittliche Sonne, die den Saal erhitzte, die
leblose Starre. Eine schreckliche Angst erstickte mich. Ich hätte
schreien mögen."
Die Verwandlung des Menschen in eine Art Roboter tritt nun immer häufiger
auf. Als sich die Patientin nach einem gemeinsam verbrachten Nachmittag
von ihrer Freundin verabschiedet, empfindet sie diese wie einen Automaten:
"Ich blicke sie an, versuche, hinter der irrealen Hülle das
Leben in ihrem Inneren zu entdecken. Doch wirkt sie statuenhafter denn
je, sie ist eine von einem Mechanismus getriebene Puppe, die handelt und
spricht wie ein Automat. Es ist grauenvoll, unmenschlich, grotesk. Ich
gebe mich geschlagen, verabschiede mich auf konventionelle Art und gehe
fort, traurig und zu Tode erschöpft."53 In diesen kurzen Beschreibungen
finden sich auffallend viele Merkmale metaphysischer oder surrealistischer
Bilder, insbesondere derjenigen de Chiricos, Dalís oder Tanguys:
das gleißende Licht (die langen Schatten), die unendliche Weite,
die glatten Oberflächen, die Beziehungslosigkeit der Laute und der
Dinge, die sich verändernden Proportionen und die Verwandlung des
Menschen in eine roboterhafte, mechanische Puppe.
Diese Übereinstimmung schafft einen Zugang zum tieferen Verständnis
der psychologischen Grundlagen der surrealistischen Malerei. Wie wir wissen,
reichen die Wurzeln jeder Psychose bis in die frühesten Lebensjahre.
Die in unserer Fallgeschichte beschriebenen Veränderungen der Realitätswahrnehmung
entsprechen einer Regression auf die magische Erfahrungsebene einer sehr
frühen Entwicklungsstufe des Bewußtseins. Es ist die Zeit,
während der das Kind des eigenen Kots als etwas von ihm selbst getrennten
gewahr wird und dabei lernt, das Belebte vom Unbelebten, das Eßbare
vom Nicht-Eßbaren zu unterscheiden. Solange diese Unterscheidungsfähigkeit
in Ausbildung begriffen, also noch nicht fest konsolidiert ist, bleibt
ein Teil der das Kind umgebenden Objekte diesbezüglich fragwürdig:
Sind sie lebendig oder nicht? Dadurch nehmen sie das geheimnisvolle und
rätselhafte, faszinierende und bedrohliche Aussehen an, das wir mit
dem Begriff der magischen Dingerfahrung zu umschreiben versuchen.
Während der Gesunde (wie wir es aus eigener Erfahrung
wissen und wie es durch die Bilder der Surrealisten demonstriert wird)
dazu fähig ist, diese Regression auf eine frühere Entwicklungsstufe
zu steuern und aus ihr zu einer ichgerechten Realitätserfahrung zurückzufinden,
bleibt dem Psychotiker dieser Rückweg abgeschnitten. Dies liegt unter
anderem daran, daß ihm im Verlauf seiner frühkindlichen Entwicklung
der entscheidende Schritt zur Realität misslungen ist. Es ist ihm
nicht gelungen, das Bewußtsein seiner selbst und die Abgrenzung
vom Nicht-Selbst - d.h. von der Umwelt - in zuverlässiger Weise auszubilden
und zu stabilisieren.
Nach Kohut gründen die meisten Psychosen in der schmerzlichen Erfahrung
der fehlenden Empathie und der emotionalen Entrücktheit der nächsten
Bezugspersonen des Kindes, insbesondere der Mutter oder ihres Ersatzes.
Werden diese Personen zur Zeit des beschriebenen Entwicklungsschrittes
als kalt und empfindungslos erlebt, nehmen auch sie die bedrohliche Ambiguität
der übrigen Objekte an. Verwischen sich für das Kind auch bei
der Mutter die Grenzen zwischen Belebtem und Unbelebtem, so wird die Mutter
zum leblosen Automaten (zum manechino) und verweigert dem
Kind die nötige Spiegelung, der dieses zur Ausbildung und Konsolidierung
eines kohärenten Selbst bedarf.54
Wohl erfährt jedes Kind im Verlauf seiner Entwicklung die unvermeidbaren
Unzulänglichkeiten elterlicher Liebe; kritisch wird diese Erfahrung
nur dann, wenn ihr Ausmaß oder ihre Frequenz die Fähigkeiten
und Möglichkeiten des Kindes, sie psychisch zu verarbeiten, übersteigen
- mit anderen Worten: wenn sie den emotionalen Austausch zwischen Mutter
und Kind blockieren. Im Realitätsverlust der Psychose manifestiert
sich in erster Linie der Verlust des menschlichen Gegenübers und
damit des eigenen Selbst.
Bis zu einem gewissen Maß ist diese schmerzliche Erfahrung allen
vertraut; dasselbe gilt für die damit verbundene Veränderung
der Realitätswahrnehmung. Nur muß diese nicht notwendigerweise
als beängstigend erfahren werden, bietet sie doch für denjenigen,
dem der Rückweg zur Realität jederzeit offen steht, auch manchen
Reiz (man denke nur an die Wirkung des Rausches).
Was für unsere junge Schizophrene die Auflösung ihres Selbst,
die traumatische Aufhebung ihrer Abgrenzung zur Welt bedeutet, stellt
für die Surrealisten, die diesem Zustand nicht hilflos ausgeliefert
sind, einen zweiten, andersartigen Zugang zur Wirklichkeit dar, und damit
eine Bereicherung und Erweiterung ihres Bewußtseins. Während
die junge Schizophrene diesen Realitätsverlust - die dramatische
Veränderung ihrer Wahrnehmung - als etwas Fremdes und Bedrohliches
empfindet und gegen ihren Willen passiv erleidet, streben die Surrealisten
diese Entfremdung, die Empfindung des Irrealen, bewußt an. Vor der
Sinnlosigkeit und Kälte einer unempathischen Welt flüchten sie
in das Reich des Wunderbaren. Sie empfinden sich als die Entdecker einer
neuen Seinsdimension; im Unbewußten haben sie die positive
(sogar wissenschaftlich beglaubigte) Alternative zur verhaßten bürgerlichen
Ordnung gefunden. Sie identifizieren sich mit dieser Erfahrungsebene und
den damit verbundenen Wahrnehmungen und stellen sie einer rational-nüchternen,
phantasielosen, utilitarisch ausgerichteten und in Konventionen erstarrten
Gesellschaft als Anklage, Herausforderung und Antithese entgegen.
Die Bereitschaft und Fähigkeit zu dieser "Regression im Dienste
des Ich" (Kris) bildet die psychische und geistige Grundlage des
Surrealismus. Sie setzt eine Durchlässigkeit der Grenzen
zwischen dem Ich und dem Unbewußten voraus, die durch die frühkindliche
Entwicklung des jeweiligen Individuums bedingt wird. Sie kann durch den
psychischen Automatismus zwar gesteigert, jedoch nicht hergestellt werden.
Diese magische Grunderfahrung, die Ambiguität des Belebten/Unbelebten,
ist auch im ungegenständlichen Surrealismus spürbar und grenzt
diesen gegen die gestische Ungegenständlichkeit ab, die uns im Abstrakten
Expressionismus entgegentritt; in Mirós frühen Bildern werden
reine Linien und ungegenständliche, abstrakte Zeichen zu eigentlichen
Wesen und gewinnen damit eine geheimnisvolle, eben surreale
Lebendigkeit. Doch wird auch diese nur demjenigen geschenkt, der sich
den Zugang zu der entsprechenden Bewußtseinsebene bewahrt hat.
Diese innere Offenheit kann ein gefährliches Ausmaß erreichen.
Der Gang in die wirkliche (und nicht bloß vorgetäuschte) Tiefe
ist ein Spiel mit dem Feuer; der freie Zugang zum Unbewußten ist
nicht jedem gegeben. Fehlt er, so kann der verborgene Schatz durch keinen
noch so konsequenten Automatismus ans Licht gehoben werden. Die Flut völlig
bedeutungsloser surrealistischer Machwerke, die sich seit
der Gründung der Bewegung über die Welt ergossen hat, bestätigt
dies zur Genüge.
Zurück zur Geschichte der surrealistischen Bewegung. Kaum war diese
gegründet und ihre Prinzipien festgelegt, als sich wie im Fall des
Dadaismus das Syndrom aller revolutionären Systeme und aller ideologisch
(statt ästhetisch) bedingten Künstlergruppen bemerkbar machte.
Es kam zu Meinungsverschiedenheiten, die bald zu erbitterten Kämpfen
um die reine Lehre ausarteten und zum üblichen Kreislauf
von Ketzerei, Exkommunikation, Rehabilitation, erneuter Ketzterei, usw.
führten.
Breton sah sich selbst als Erleuchteten. Er verstand sich als eine Art
Messias, als Verkünder einer neuen Offenbarung und erhob als solcher
einen absoluten Führungsanspruch. Er selbst kontrollierte die Surrealistische
Zentrale in der Rue de Grenelle 15, die offiziell als Büro
für surrealistische Forschung bezeichnet wurde, und leitete
gleichzeitig die 1926 gegründete surrealistische Galerie. Durch ihr
breitgefächertes Ausstellungsprogramm, das auch durch Künstler
bestritten wurde, die der Bewegung bloß nahestanden, trug diese
dazu bei, den Surrealismus zu einem Sammelbegriff für alle nichtkonstruktive
moderne Kunst zu machen.
Naville und Péret waren die Herausgeber der Zeitschrift La
Révolution Surréaliste. Die erste Kontroverse entstand,
als Naville wie schon erwähnt in einem Artikel bestritt, daß
surrealistische Malerei im Sinn des psychischen Automatismus möglich
sei; sie endete damit, daß Breton kurzerhand die Leitung der Révolution
Surréaliste selbst übernahm. Nun weitete sich die sogenannte
Naville-Krise auf politische Fragen aus.
Wenn auch alle offiziellen Mitglieder der Bewegung auf der Seite der politischen
Linken standen, so herrschte doch keine Einigkeit darüber, ob und
wie der Surrealismus mit den Kommunisten zusammenarbeiten sollte, in welcher
Art und in welchem Maß er sich in den Dienst der Revolution zu stellen
habe. In seiner Schrift La révolution et les intellectuels
erklärte Naville, es gäbe nur zwei Alternativen, nämlich
entweder "in einer negativen, anarchistischen Haltung zu verharren",
oder aber, wie er es vorschlug, "mit Entschlossenheit den revolutionären
Weg einzuschlagen, den Weg des Marxismus". Demgegenüber bestanden
Artaud und Soupault auf dem Eigenwert der Literatur, der Malerei und aller
anderen Künste und weigerten sich, ihre Arbeit einer politischen
Zielsetzung unterzuordnen.
Breton versuchte diplomatisch die Mitte zu halten. Es ging ihm einerseits
um seine Vormachtstellung innerhalb der Bewegung, die er durch eine Eingliederung
des Surrealismus in die marxistische Kampffront bedroht sah; andererseits
wollte er die Allianz mit dieser revolutionären Ideologie nicht künden,
verstand er sich doch als Vertreter aller fortschrittlichen Kräfte
seiner Zeit. So opponierte er gegen jede formelle Verbindung mit den Kommunisten,
um eine Absorption des Surrealismus durch die Politik zu verhindern, hielt
jedoch gleichzeitig immer wieder fest, daß er dem kommunistischen
Programm beistimme und daß er die Kunst als Selbstzweck ablehne.
Um diesen Balanceakt durchführen zu können, mußte er die
Opposition in den eigenen Reihen zum Schweigen bringen. Naville trat aus
eigenen Stücken aus der Bewegung aus, Artaud und Soupault wurden
im November 1926 ausgeschlossen.55
1929 berief Breton eine Zusammenkunft aller Surrealisten und der ihnen
nahestehenden Künstler und Intellektuellen ein, um "das Schicksal
Leo Trotzkis" zu verhandeln. Obwohl sich nur wenige der Eingeladenen
zu diesem Treffen einfanden, kam die von Breton geleitete Diskussion bald
vom Thema ab und artete in eine allgemeine, von privaten Feindseligkeiten
genährte Polemik aus, die zu einer großen Zahl von Austritten
und Ausschlüssen führte und die bisher schwerwiegendste Krise
der Bewegung auslöste. Da seine führende Rolle ernsthaft in
Frage gestellt war, sah sich Breton gezwungen, seinen Standpunkt neu zu
definieren. Im Dezember 1929 veröffentlichte er in der letzten Nummer
der Révolution Surréaliste sein Zweites surrealistisches
Manifest. In diesem gewinnt der Surrealismus eine neue mystische Dimension:
"Alles läßt uns glauben, daß es einen bestimmten
geistigen Standort gibt, von dem aus Leben und Tod, Reales und Imaginäres,
Vergangenes und Zukünftiges, Mitteilbares und Nicht-Mitteilbares,
Oben und Unten nicht mehr als widersprüchlich empfunden werden. Indessen
wird man in den Bemühungen des Surrealismus vergeblich einen anderen
Beweggrund suchen als die Hoffnung, eben diesen Standort zu bestimmen.
Das beweist zur Genüge, wie unsinnig es wäre, ihm lediglich
eine destruktive oder konstruktive Bedeutung zuzuschreiben: der fragliche
Punkt ist a fortiori derjenige, wo Konstruktion und Destruktion nicht
mehr gegeneinander ausgespielt werden können. Es leuchtet aber auch
ein, daß der Surrealismus kein besonderes Interesse für das
hat, was sich neben ihm tut unter dem Vorwand der Kunst oder gar der Anti-Kunst,
der Philosophie oder Anti-Philosophie, mit einem Wort, für alles,
was nicht auf die Zerstörung des Seins zielt in einem Glanz, tief
und blind, der so wenig die Seele des Eises wie des Feuers ist."
Wenige Zeilen später: "Ja, gerade aus dem ekelerregenden Gebrodel
dieser sinnentleerten Abbilder erwächst und nährt sich das Verlangen,
über die unzulängliche, absurde Unterscheidung von schön
und häßlich, von wahr und falsch, von gut und böse hinauszugelangen.
Und da von der Stärke des Widerstands, dem dieser Entwurf begegnet,
der mehr oder weniger entschiedene Aufschwung des Geistes zu einer endlich
bewohnbaren Welt abhängt, wird man begreifen, daß der Surrealismus
vor einem Dogma der absoluten Revolte, der totalen Unbotmäßigkeit,
der obligatorischen Sabotage nicht zurückgeschreckt ist und daß
er sich einzig von der Gewalt etwas verspricht. Die einfachste surrealistische
Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße
zu gehen und blindlings so viel wie möglich in die Menge zu schießen.
Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise
mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung
aufzuräumen - der gehört eindeutig selbst in diese Menge und
hat den Wanst ständig in Schußhöhe."56
In der Gegenüberstellung dieser Zitate wird das entscheidende Dilemma
des Breton'schen Konzepts sichtbar: die postulierte Haltung der "Aufhebung
der Gegensätze" wird nicht um ihrer selbst willen, sondern aus
dem Haß und der Auflehnung gegen das Bestehende und Etablierte gefordert.
Bretons Tiraden gründen in der narzißtischen Wut des Gekränkten.
Eben deshalb dienen sie, getreu der jüdisch- christlichen Tradition,
dem Dualismus, d.h. der Perpetuierung der Gegensätze, die man zumindest
theoretisch hatte überwinden wollen.
Diese neue Standortbestimmung füllt knappe zwei Seiten; auf den restlichen
fünfzig Seiten seines Manifests rechnet Breton mit seinen wirklichen
und vermeintlichen Feinden ab. Die Lebenden und Toten, die bisher den
surrealistischen Olymp ausmachten, darunter Baudelaire, Poe, Rimbaud,
Sade, Duchamp, Picabia, Masson, Leiris, Bataille, Artaud, Soupault, Prévert
und viele andere werden nun auf die verletzendste Art getadelt, verhöhnt
und als Surrealisten disqualifiziert. Einige der so Beleidigten und Verleumdeten
veröffentlichen unter dem Titel Un Cadavre ein Pamphlet,
in dem sie nun ihrerseits Breton beleidigen und als Polizisten, falschen
Pfaffen und Pseudorevolutionär beschimpfen.
Breton gibt nicht auf. Er gründet eine neue Zeitschrift, deren Titel
Le Surréalisme au service de la Révolution einer
politischen Weichenstellung gleichkommt, und findet neue Mitglieder, darunter
Salvador Dalí, der innerhalb kurzer Zeit zum neuen premier
peintre der Bewegung aufrückt, jedoch nur, um nach wenigen
Jahren wieder exkommuniziert zu werden. Breton versöhnt sich mit
manchen seiner früheren Feinde, wobei er sich gleichzeitig neue schafft,
und kann seine Führerrolle innerhalb der Bewegung wieder konsolidieren.
Nur trägt dies zur künstlerischen Entwicklung des Surrealismus
kaum mehr etwas bei. Bretons bombastische Rhetorik gilt nur noch seiner
eigenen Selbstdarstellung, die sich in Ermangelung eines eigenen nennenswerten
Werkes in der schwärmerischen Idealisierung seiner nicht zu Ende
gedachten Konzepte und in der Glorizifierung oder Verdammung lebender
und verstorbener Künstler, Dichter, Philosophen, Gelehrter und Politiker
erschöpft.
Ihre letzten Impulse verdankt die Bewegung Marcel Duchamp, der sich
seit 1927 wieder in Europa aufhält, und ihrem jüngsten Mitglied,
dem 1930 beigetretenen Bildhauer Alberto Giacometti.
Im Kreis der Surrealisten ist Duchamp bereits eine legendäre Gestalt.
Obwohl er sich seit seiner Rückkehr fast ausschließlich mit
dem Schachspiel beschäftigt, erwacht unter seinem Einfluß ein
erneutes Interesse an der Collage und am Objekt. Max Ernst schafft mit
seinen Collage-Romanen La femme 100 têtes, Rêve d'une petite
fille und La semaine de la bonté seine zweifellos eigenwilligsten
Werke (Abb. 308, 309). Bellmer, Miró, Dalí, Henry, Dominguez
und andere montieren nach einem der Collage verwandten Prinzip die unterschiedlichsten
und ihrem Sinn nach gegensätzlichsten Objekte und Materialien, darunter
auch auffallend viele Körperteile oder Gliedmaßen von Spiel-
und Schaufensterpuppen, zu einer Art assistierter Readymades,
für die sie den Begriff surrealistisches Objekt prägen.
Ihre knappste Formulierung findet diese Ästhetik in dem berühmten
Satz, den die Surrealisten von Lautréaumont übernommen und
zu ihrem Motto erkoren haben: "Schön wie die zufällige
Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch"57
(Abb. 310-312).
Während alle diese surrealistischen Objekte aus vorgefundenen Gegenständen
zusammengefügt sind, schafft Giacometti als einziger seine eigenen
Objekte, d.h. Skulpturen, die weder ungegenständlich sind noch etwas
abbilden, sondern einen neuen, erfundenen und selbstgeschaffenen Gegenstand
darstellen. Damit gelingt es ihm, einem zeichenhaften Surrealismus, wie
ihn Miró in der Malerei vertritt, plastisch, d.h. dreidimensional,
Gestalt und Ausdruck zu verleihen.
Die dritte Nummer von Le Surréalisme au service de la Révolution
bringt neben einem von Dalí aufgestellten Verzeichnis surrealistischer
Objekte und Bretons Text L'objet fantôme auch
zahlreiche Reproduktionen, unter denen insbesondere Giacomettis Arbeiten
auffallen. Mit seinen Entwürfen für stumme und bewegliche Objekte
(einer Zeichnung, Abb. 313) und mit seiner Plastik Die aufgehängte
Kugel (Abb. 314) reiht er sich unter die großen Künstler des
Surrealismus ein.
1936 findet diese Entwicklung mit der denkwürdigen Ausstellung
surrealistischer Objekte bei Charles Ratton ihren ersten Höhepunkt.
Die Ausstellung ist in mehrere Kategorien gegliedert: mathematische Objekte,
natürliche Objekte, gefundene und interpretierte Objekte, bewegliche
Objekte, irrationale Objekte und Objekte aus Ozeanien und Amerika. Neben
Duchamps Readymades, der aufgehängten Kugel von Giacometti und dem
berühmten Pelzfrühstück von Meret Oppenheim, das hier erstmals
zu sehen ist (Abb. 312), erregen die mathematischen Objekte, die Max Ernst
im Institut Poincaré entdeckt hatte, das größte Aufsehen.
Die Formen und ungewohnten Bezeichnungen dieser Gebilde ("Ennepers
unendlich gekrümmte, von der Scheinkugel abgeleitete Fläche"
oder "Kummers Fläche mit sechzehn doppelten Punkten, davon acht
wirklichen") enthüllen die magischen Aspekte der exakten Wissenschaft
und kündigen damit das Ende des surrealistischen Monopols auf diesen
Erfahrungsbereich an.
Seinen letzten Höhepunkt vor dem Krieg erreicht der Surrealismus
1938 mit seiner internationalen Ausstellung in der Galerie des Beaux Arts
von Georges Wildenstein. Unter Duchamps Leitung als ein Gemeinschaftswerk
aller Beteiligten eingerichtet, vereinigt diese Ausstellung alle Techniken
des Surrealismus zu einem letzten großen Feuerwerk des Irrationalen.
Nach Robert Lebel (der sich auf eine Beschreibung Bretons bezieht) "durchwanderte
der Besucher einen langen Gang, wo die Puppen der surrealistischen Maler
aufgestellt waren. Die Decke des Hauptsaales war mit eintausendzweihundert
Kohlesäcken zugehängt, von denen noch der Staub herabrieselte.
In der Mitte des Saals brannte ein Feuer. In einer Ecke war ein Teich
(ein echter, keine Imitation) mit echten Pflanzen ringsum, und in diesem
Teich spiegelte sich ein ungemachtes Bett[...] Weder Berichte noch Photos
können die märchenhafte Atmosphäre wiedergeben, mit der
sich der Surrealismus auf seinem Höhepunkt inszenierte."58 Es
ahnte wohl keiner der Beteiligten, daß sie mit dieser Ausstellung
gleichzeitig das Ende einer Epoche markierten.
Im September 1939 leitet der Kriegsausbruch die Auflösung der surrealistischen
Bewegung ein. Ungefähr die Hälfte ihrer Mitglieder waren schon
vor Ausbruch der Feindseligkeiten nach den USA ausgewandert; diejenigen,
die in Frankreich geblieben waren, flüchteten nach Unterzeichnung
des Waffenstillstandes in die unbesetzte Zone nach Marseille. Breton und
Ernst gelangten von dort schließlich auch nach New York, wo sie
zusammen mit den anderen Exileuropäern den Keim zur amerikanischen
Nachkriegskunst legten.
Die Krise des individuellen Bewusstseins
Die eben beschriebene Entwicklungsphase der nachklassischen Moderne
entspricht derjenigen der Barockkunst des 17. und 18. Jahrhunderts unter
anderem auch darin, daß sie sich wie diese als Ausdruck unterschiedlicher
und vielfältiger Heilungsversuche verstehen läßt. Die
europäische Kunst zwischen den beiden Weltkriegen weist auf eine
tiefgreifende Infragestellung des neuen Selbst- und Weltbildes und seines
Zukunftsglaubens hin. Nach der Machtergreifung Hitlers erreicht diese
Krise, auf die ich später zurückkommen werde, mit dem Ausbruch
des Spanischen Bürgerkrieges und des Zweiten Weltkrieges, ihren ersten
Höhepunkt. Mit dem Bewußtwerden dieser geistigen Notlage wird
die Frage nach dem Sinn und der Integrität der menschlichen Existenz
zu einem zentralen Anliegen. Ihre einprägsamste künstlerische
Ausgestaltung findet sie im Werk von drei großen Einzelgängern,
die zeitweilig ebenfalls dem Surrealismus zugeordnet wurden: Picasso,
Bacon und Giacometti.
Picasso ist der erste, der die bedrohte Einheit und Ganzheit des Individuums
zum Thema seiner Kunst macht. In seinen zwischen 1935-50 entstandenen
Bildern werden Menschen und Tiere auf grausame, sadistische Art und Weise
zerstückelt und verzerrt. (Abb. 316). Der Schmerz, die Angst und
das Entsetzen, die aus diesen verletzten Gestalten schreien, gelten nicht
nur, wie im berühmten Guernica, den Schrecken des eben ausgebrochenen
Krieges, sondern spiegeln auch Picassos eigene Seelenlage, die Aggression
und den Sadismus wider, die einen Wesenszug seines Charakters bilden und
die Leidenschaft und Intensität seiner exhibitorischen Ambitionen
ausmachen. Picasso scheint Gewalt und Schrecken, Qual und Verzweiflung,
Zerstörung und Untergang zu zelebrieren, wie um sie durch diesen
grandiosen katarthischen Ausbruch vom eigenen Selbst abzuwehren.
Weniger vital und aggressiv, dafür morbider und masochistischer,
spricht eine ähnliche Lust am Schmerz aus den Bildern des Engländers
Francis Bacon. Die menschliche Figur wird in ihnen nicht zerstückelt
und neu zusammengesetzt, sondern bis zur Auflösung verwischt und
verzerrt. Aus diesen zerfließenden, mit barocker Souverenität
und mit flüssigem, elegantem Pinselstrich gemalten Gestalten hebt
sich jeweils unvermittelt ein grausiges Detail ab (etwa ein aufgerissener,
schreiender Mund), und entblößt mit rücksichtsloser Insistenz
die Schrecken eines auseinanderbrechenden Selbst (Abb. 315).
Unter den Künstlern, in deren Werk die Seins- und Bewußtseinskrise
des europäischen Menschen in unmittelbarer Weise Gestalt und Ausdruck
findet, nimmt Alberto Giacometti (1901-1966) eine Sonderstellung ein.
Das Frühwerk des jungen Schweizers, der 1922 nach Paris kommt, steht
im Zeichen des Primitivismus: Es orientiert sich an der archaischen Kunst
der Jungsteinzeit und an der Negerplastik. 1930 tritt Giacometti der Surrealistengruppe
bei und gewinnt internationale Beachtung mit einer Reihe von Skulpturen,
in denen die magische Dingerfahrung erstmals eine autonome plastische
Gestalt findet. Nach dieser surrealistischen Epoche, auf die ich bereits
hingewiesen habe, vollzieht er Ende der dreißiger Jahre in seiner
künstlerischen Entwicklung die grundsätzliche Wende, die seinen
Austritt aus der surrealistischen Bewegung nach sich zieht: Zeichnete
sich das Frühwerk thematisch und gestalterisch durch eine Vielfalt
von Einfällen und Erfindungen und durch ausgesprochene Experimentierfreudigkeit
aus (Abb. 313, 314), so widmet sich Giacometti von nun an in monomanischer
Ausschließlichkeit nur noch einem einzigen Thema: der Figur des
Menschen (Abb. 318-323).
Nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht diese Entwicklung ihren Höhepunkt;
die expressiv überlängten Gestalten, deren ausgezehrte Formen
zunehmend entmaterialisierter und vergeistigter werden, treten je nach
Geschlecht in zwei typisierten Grundstellungen auf: reglos die Frauen,
schreitend die Männer. Diese schematischen, zeichenhaften Figuren
schaffen um sich eine grenzenlose Weite; die Bedrohung und die geistige
Verlorenheit des heutigen Menschen finden in suggestiver Weise ihren künstlerischen
Ausdruck. Im Gegensatz zu Picasso und vielen andern klagt Giacometti nicht
an. Er antwortet auf die Infragestellung seines Selbst- und Weltbildes,
ohne diese abzuwehren oder ihr kompensatorisch zu begegnen. Weder leugnet
Giacometti den Zweifel, die Erfahrung einer umfassenden, durch nichts
aufhebbaren Ungewißheit, noch bietet er wie die Surrealisten oder
die Konstruktivisten eine polarisierte, einseitige Stellungnahme als Gewißheit
an; statt dessen macht er seinen Umgang mit der Infragestellung sichtbar.
Er nimmt sie an, nicht als bloß vorübergehenden Zustand, der
durch eine Lösung zu überwinden wäre, sondern als Konstante,
ja mehr noch, als Sinn und Voraussetzung seines Tuns: "Es ist, als
ob sich die Wirklichkeit immer hinter den Vorhängen befinde, die
man wegreißt...", schreibt er, "... es ist noch eine andere
da... immer noch eine andere. Doch habe ich den Eindruck, oder die Illusion,
daß ich täglich Fortschritte mache. Dies treibt mich an, als
ob es wahrhaftig gelingen sollte, den Kern des Lebens zu begreifen. So
fährt man fort, wohl wissend: je näher man der Sache
kommt, umso weiter rückt sie weg. Die Distanz zwischen mir und dem
Modell nimmt ständig zu; je mehr man sich nähert, um so weiter
entfernt sich die Sache. Es ist ein Suchen ohne Ende."59
Giacometti bezieht Stellung, Giacometti ist auf ein Ziel gerichtet. Der
Ort, den seine Figur einnimmt, oder die Richtung, in der sie sich bewegt,
der Standpunkt und das Fortschreiten, das Auf-dem-Weg-Sein, sind sein
Thema, sein Werkzeug, sein Stilmittel, das einzige, das er hat, um seinem
Dasein, seinem Werk Sinn zu verleihen. Dieser Standpunkt und dieses Fortschreiten
werden durch nichts gerechtfertigt als durch seine - Giacomettis - Entscheidung.
Er ist sich der Ungewißheit, der Fragwürdigkeit beider in all
ihrer Unausweichlichkeit bewußt, und doch unterläßt er
es keinen Augenblick, Stellung zu beziehen, seinen Weg zu verfolgen. Nicht
trotz dieser Fragwürdigkeit, sondern gerade ihretwegen. Im Werk Giacomettis
wird die Erfahrung des Ungewissen mehr als eine Bedrohung; sie wird zur
Voraussetzung des selbstgewählten Standpunktes und des eingeschlagenen
Weges, sie wird zur Voraussetzung der eigenen Freiheit und der eigenen
Verantwortung, d.h. der eigenen exhibitorischen Ambitionen und der eigenen,
integrierten idealisierten Strukturen. Diese bedingen sich gegenseitig
und verbinden sich in Giacomettis Figuren zur Synthese.
Trotz ihrer einprägsamen, zeichenhaften Gestalt bleiben Giacomettis
Skulpturen offen, unvollendet, fragwürdig. Die Haltung, die in ihnen
zum Ausdruck kommt - die Bestimmtheit ihres Standpunktes und die Beharrlichkeit
ihres Fortschreitens - wird gleichzeitig relativiert, d.h. in all ihrer
Bedingtheit sichtbar gemacht: nicht als die einzig richtige, sondern als
die einzig mögliche. Die Oberfläche von Giacomettis Figuren
ist aufgerissen, in ihrer Begrenzung unbestimmt, der Ort jedoch, an dem
sie stehen, oder die Richtung, in der sie schreiten, ist unmißverständlich
definiert. Sie drücken nicht nur die Erfahrung des Ungewissen aus,
sondern stehen auch für das Gewisse. Schmal, preisgegeben, aufrecht;
bescheiden und doch herausfordernd, unmißverständlich in ihrer
Haltung.
In seinem späten plastischen Werk und in seiner Malerei widmet sich
Giacometti auch dem Porträt (Abb. 319, 322, 323). Die einmalige Verbindung
von Leere und Präsenz, von Zweifel und Bestimmtheit, von Unbedingtheit
und Relativierung, die aus seinem Werk einen der bedeutendsten geistigen
Beiträge unserer Zeit macht, zeichnet auch die Bildnisse aus. Mit
ihnen hat die Barockkunst der nachklassischen Moderne ihren Rembrandt
gefunden.
Zusammenfassung
Zusammenfassend halte ich fest: Die vier Kunstrichtungen des modernen
Barock bilden sowohl übereinstimmende als auch gegensätzliche
Paare. Neue Sachlichkeit und Gegenständlicher Surrealismus sind durch
den Gegensatz zwischen der realistischen und der symbolistischen Geisteshaltung
getrennt, doch gleichzeitig durch die gemeinsame gegenständliche
Bildsprache miteinander verbunden. Konstruktivismus und Zeichenhafter
Surrealismus sind durch den Gegensatz zwischen struktureller und romantischer
Geisteshaltung getrennt, doch gleichzeitig durch die gemeinsame Ungegenständlichkeit
miteinander verbunden.
Die beiden gegenständlichen Richtungen knüpfen an Rousseau,
an die Kunst der Primitiven und die Bildnerei der Kinder und Geisteskranken
an, während die beiden ungegenständlichen Richtungen die Entwicklungslinien
fortsetzen, aus denen mit Mondrian und Kandinsky die klassische Kunst
der Moderne hervorgegangen ist (siehe Tabelle auf der nächsten Seite).
Dem Muster dieser paarweisen Gegenüberstellung werden wir auch in
der letzten Phase der Moderne, also in der Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg
begegnen.
Bevor wir auf diese eingehen, müssen wir uns einem der dunkelsten
Kapitel der europäischen Geschichte zuwenden: dem Aufstieg und Fall
Adolf Hitlers und der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus.