V. Das neue Paradigma im Welt- und Menschenbild der Moderne
Die eben beschriebene künstlerische Entwicklung zeugt von der Ausbildung
eines neuen Selbst- und Weltverständnisses. Am deutlichsten kommt
dieses zuerst in der Malerei von Cézanne und van Gogh und später
in derjenigen von Mondrian und Kandinsky zum Ausdruck; die Einheit alles
Seienden nimmt eine gänzlich neue künstlerische Gestalt an,
die sich durch Flächigkeit, Rhythmisierung, Reinheit der Farbe und
Transparenz der gestalterischen Mittel auszeichnet. Form, Farbklang und
Bedeutung verbinden sich zu einer integralen, sowohl allgemeinen als auch
einzigartigen Aussage, die sich durch eine bisher unbekannte Totalität
und Unmittelbarkeit kundtut. Rationales und Irrationales, Sinnliches und
Geistiges, Vorstellung und Wirklichkeit lassen sich nicht mehr voneinander
trennen. In welchem Ausmaß diese Künstler mit ihrer Malerei
geistiges Neuland betreten haben, läßt sich heute nur noch
aus dem Vergleich mit der Kunst ihrer zeitgenössischen Kollegen erkennen.
Seit jeher bemüht sich der Mensch darum, die vielfältigen Komponenten
und Aspekte seiner Erfahrungswirklichkeit zu einem kohärenten Selbst-
und Weltbild zu verbinden. Aus der Wechselwirkung und den Resultaten derartiger
Bemühungen entwickeln sich die leitenden Vorstellungen und Ordnungsprinzipien,
die Ideale und Ambitionen, die den jeweiligen Kulturen und Zeitaltern
ihren Stempel aufdrücken. In diesem Sinn wurde die griechisch-römische
Antike durch das Erwachen eines individuellen Bewußtseins geprägt;
das christliche Zeitalter stand im Zeichen der unsterblichen Seele und
des menschgewordenen Gottessohnes; die Neuzeit wurde durch die Vorstellung
des Gottmenschen bestimmt, der die Naturgesetze zu erkennen und damit
die Welt zu beherrschen vermag.
Dieses letzte Paradigma, das mit seiner Trennung von Körper und Seele,
Objekt und Subjekt, Mensch und Welt den Geist der Neuzeit von der Renaissance
bis zur Aufklärung bestimmte, weicht in der Moderne der Vorstellung
einer wissenschaftlich begründbaren Einheit allen Seins. Diese beruht
nicht auf dem gemeinsamen göttlichen Ursprung des Menschen und der
Welt, sondern ergibt sich aus der Einsicht in die gesetzmäßige
Wirksamkeit anonymer Kräfte anorganischer, organischer, psychischer
und geistiger Art, wobei diese Kräfte als jeweils unterschiedliche
Erscheinungsformen eines letzlich unfaßbaren, doch unteilbaren Seins
verstanden werden. Diese holistische Vision prägt alle progressiven
Tendenzen des neuen Zeitalters. Sie manifestiert sich sowohl in der Einheitswirklichkeit,
die in der Malerei der anbrechenden Moderne Gestalt und Ausdruck findet,
als auch in den bahnbrechenden wissenschaftlichen Entdeckungen, mit denen
Albert Einstein das Weltbild und Sigmund Freud das Menschenbild der Aufklärung
auf eine neue Grundlage stellen.
Diese Entdeckungen sind jedoch trotz ihrer epochalen Bedeutung nur wenigen
Lesern wirklich vertraut. Um die bedeutungsvollen Entsprechungen aufzuzeigen,
die meiner Auffassung nach zwischen den wissenschaftlichen und den künstlerischen
Schöpfungen der Moderne bestehen, werde ich deshalb den Versuch unternehmen,
die wichtigsten Konzepte der neuen Physik und der Psychoanalyse möglichst
kurz und allgemeinverständlich darzustellen. Anschließend werde
ich in groben Zügen Ausbruch und Verlauf der sozialen Revolution
nachzeichnen, mit der sich das neue Paradigma auch auf der politischen
und gesellschaftlichen Ebene durchzusetzen beginnt.
1. Das Weltbild der modernen Physik
"Es ist von großer Bedeutung, daß die breite Öffentlichkeit
Gelegenheit hat, sich über die Bestrebungen und Ergebnisse der wissenschaftlichen
Forschung sachkundig und verständlich unterrichten zu können.
Es genügt nicht, daß die einzelnen Resultate durch wenige Fachleute
des entsprechenden Fachgebietes anerkannt, weiter bearbeitet und angewendet
werden. Die Beschränkung der wissenschaftlichen Erkenntnisse auf
eine kleine Gruppe von Menschen schwächt den philosophischen Geist
eines Volkes und führt zu dessen geistiger Verarmung."
Albert Einstein, im Vorwort zu Barnett, 1948, S. 5
Makrokosmos und Mikrokosmos, die Tiefe des Sternenhimmels und das Reich
der Atome, bilden den äußeren und den inneren Horizont unseres
physikalischen Weltbildes. In diesen Grenzbereichen unserer Erkenntnis
stieß man um die Jahrhundertwende auf eine Reihe rätselhafter
Tatsachen, die den bisherigen Glauben an das glatte und widerspruchslose
Funktionieren des mechanistischen Weltalls, wie es Newton entworfen hatte,
zutiefst erschütterten. Um diese Phänomene quantitativ zu beschreiben
und um die durch sie aufgegebenen Rätsel einer Lösung zuzuführen,
wurden in der Zeit zwischen 1900 und 1927 zwei große theoretische
Systeme entwickelt: die Quantentheorie, bei der es sich um die Grundvorstellungen
von Materie und Energie handelt, und die Relativitätstheorie, die
sich mit Raum, Zeit und der Struktur des gesamten Weltalls beschäftigt.
Dazu mußten die Schöpfer dieser Theorien sowohl die Begriffe
unserer Alltagserfahrung als auch die traditionellen Metaphern der klassischen
Physik über Bord werfen: die neuentdeckten Zusammenhänge entbehrten
jeder Anschaulichkeit und ließen sich nur noch mathematisch erfassen.
Das ist mit ein Grund, warum die beiden neben der Psychoanalyse wohl bedeutendsten
wissenschaftlichen Theorien unseres Zeitalters heute noch, mehr als ein
halbes Jahrhundert nach ihrer Veröffentlichung, auch dem gebildeten
Laien nicht einmal in ihren Grundzügen vertraut sind; (ein entscheidender
Grund liegt auch im Versäumnis unserer Bildungsanstalten, ihren Absolventen
einen klar strukturierten und allgemeinverständlichen Überblick
über die entscheidenden geistigen Errungenschaften unseres Zeitalters
zu vermitteln).
Glücklicherweise haben namhafte Physiker immer wieder den Versuch
unternommen, die Ergebnisse ihrer Wissenschaft einem breiten Publikum
näher zu bringen. Meine Ausführungen stützen sich auf populärwissenschaftliche
Publikationen dieser Art,1 fassen jedoch in erster Linie das von Albert
Einstein selbst empfohlene Buch seines Kollegen Lincoln Barnett zusammen.
Die Quantentheorie
Mit der Begründung der Quantentheorie vollzog der deutsche Physiker Max Planck im Jahr 1900 den ersten Schritt von der mechanistischen Auffassung der bisherigen Physik zur mathematischen Abstraktion.
1. Welle und Partikel
Um zu bestimmen, wie der Betrag an Strahlungsenergie, der von erhitzten
Körpern abgegeben wird, mit Wellenlänge und Temperatur zusammenhängt,
fand Planck im Jahr 1900 auf mathematischem Weg eine Gleichung, die mit
den experimentell gewonnenen Ergebnissen völlig übereinstimmte;
sie konnte jedoch nur dahin gedeutet werden, daß die Menge der während
des Strahlungsvorganges abgegebenen Energie nicht kontinuierlich, sondern
stoßweise wächst. Strahlung besteht somit aus Teilchen, die
Planck als Quanten bezeichnet.
Die Tragweite dieser Entdeckung wurde jedoch erst offenbar, als Albert
Einstein (1879-1955) im Jahre 1905 postulierte, daß sich alle Formen
der Strahlungsenergie (Licht, Wärme, Röntgenstrahlen usf) als
Wellen im Weltall ausbreiten, und gleichzeitig nachweisen konnte, daß
alles Licht aus einzelnen Teilchen oder Körnern von Energie
- den sogenannten Photonen - zusammengesetzt sei.2
Einsteins Gleichungen und die Ergebnisse seiner Versuche stellten die
damaligen Physiker vor ein bestürzendes Dilemma, denn sie widersprachen
der fest eingewurzelten Theorie, daß das Licht aus Wellen bestehe.
Nach der experimentellen und theoretischen Arbeit von mehr als zwei Jahrhunderten
mußte das Licht aus Wellen bestehen - aus Einsteins Photoelektrischem
Gesetz ging jedoch ebenso eindeutig hervor, daß sich das Licht aus
Photonen zusammensetzt. Die Grundfrage, ob das Licht aus Wellen oder Partikelchen
bestehe, kann nicht beantwortet worden; der Doppelcharakter des Lichts
hat sich nämlich als Teilaspekt eines tiefen und bedeutsamen Dualismus
erwiesen, der die ganze Natur durchdringt.
Diese Auffassung begann sich erst in den zwanziger Jahren durchzusetzen.
Die Quantentheorie, die seit ihrem Entstehen immer weiter ausgebaut worden
war, hatte um diese Zeit schon sehr bestimmte Vorstellungen über
die Natur der Materie und ihrer Elementarteilchen ausgebildet. Das Atom
wurde als eine Art Sonnensystem verstanden: es bestand aus einem Kern,
der von einer wechselnden Anzahl von Elektronen (1 für Wasserstoff
und 92 für Uran) umkreist wurde. Experimente hatten gezeigt, daß
alle Elektronen dieselbe Ladung und dieselbe Masse aufwiesen; sie wurden
als harte, elastische und unteilbare Kügelchen vorgestellt, und so
neigte man anfänglich dazu, in ihnen die kleinsten Bausteine des
Weltalls zu sehen.
Mit dem Fortschreiten der Untersuchung ließ sich diese Auffassung
jedoch immer weniger vertreten: das Verhalten der Elektronen wirkte als
zu komplex, um sie nur als Teilchen zu verstehen. Dies bewog den französischen
Physiker Louis de Broglie 1925 dazu, ihnen auch Wellencharakter zuzuschreiben.
Wenig später entwickelte sein Wiener Kollege Erwin Schrödinger
denselben Gedanken in mathematischer Form. Er arbeitete ein System aus,
das Quantenphänomene damit erklärte, daß es Protonen und
Elektronen spezifische Wellenfunktionen zuordnete. Seine sogenannte Wellenmechanik
wurde schließlich auch experimentell bestätigt, als es zwei
amerikanischen Physikern 1927 gelang, die Welleneigenschaften des Elektrons
im Laboratorium nachzuweisen.
So wurden nach und nach alle Grundeinheiten der Materie - das, was James
Clerk Maxwell die unvergänglichen Bausteine des Weltalls
genannt hatte - ihrer bisherigen Eindeutigkeit und Substantialität
entkleidet.
2. Wahrscheinlichkeitswellen und Unschärferelation
In der Zwischenzeit war auch das Paradox der Materiewellen auf der einen
und der Lichtpartikelchen auf der anderen Seite gelöst
worden: Die deutschen Physiker Werner Heisenberg und Max Born hatten einen
mathematischen Apparat erfunden, der eine genaue Beschreibung
der Quantenphänomene erlaubt, gleichgültig ob die Form von Wellen
oder die von Partikelchen bevorzugt wird.
Ihrer Auffassung nach stellten diese Begriffe in beiden Fällen nur
unvollständige und damit unzulängliche Analogien für anschaulich
nicht beschreibbare Vorgänge (Phänomene) dar. "Nun ist
es klar", schreibt Heisenberg in einer 1930 erschienenen Arbeit,
"daß die Materie nicht gleichzeitig aus Wellen und Partikeln
bestehen kann, die beiden Vorstellungen sind viel zu verschieden. Vielmehr
muß die Lösung der Schwierigkeit darin zu suchen sein, daß
beide Bilder (Partikel- und Wellenbild) nur ein Recht als Analogien beanspruchen
können, die manchmal zutreffen und manchmal versagen. In der Tat
ist z.B. experimentell nur nachgewiesen, daß sich die Elektronen
in gewissen Experimenten wie Teilchen verhalten, aber durchaus nicht gezeigt,
daß die Elektronen alle Attribute des Korpuskularbildes besitzen.
Das Gleiche gilt mutatis mutandis für das Wellenbild. Beide Vorstellungen
können als Analogien nur in gewissen Grenzfällen Gültigkeit
beanspruchen; als Ganzes sind aber die Atomphänomene nicht unmittelbar
in unserer Sprache beschreibbar. Licht und Materie sind einheitliche physikalische
Phänomene, ihre scheinbare Doppelnatur liegt an der wesentlichen
Unzulänglichkeit unserer Sprache."3
Die Begriffe dieser Sprache gehen auf die Erfahrungen des täglichen
Lebens zurück und versagen bei der Beschreibung von Prozessen, die
jeder Anschaulichkeit entbehren. Eine mathematische Erfassung solcher
Phänomene ist jedoch möglich. Heisenberg und Born verzichteten
darauf, sich mit den Eigenschaften eines einzelnen Elektrons zu beschäftigen;
sie erklären, in der alltäglichen Praxis träten Elektronen
immer nur in Bündeln von Milliarden von einzelnen Teilchen oder Wellen
auf, und diese Massenerscheinungen unterstünden den Gesetzen der
Statistik oder der Wahrscheinlichkeit. So spiele es praktisch keine Rolle,
ob die einzelnen Elektronen Partikelchen oder Wellensysteme seien; Elektronenmassen
könne man auf beide Weisen beschreiben. Es macht also keinen Unterschied
mehr, wie wir uns ein Elektron, ein Atom oder eine Wahrscheinlichkeitswelle
veranschaulichen - Heisenbergs und Borns Gleichungen sind auf jedes dieser
Bilder anwendbar.
Eine weitere Relativierung ihrer Aussagekraft erfuhr die moderne Physik
durch die berühmte Heisenbergsche Unschärferelation, die Werner
Heisenberg (diesmal in Zusammenarbeit mit Niels Bohr) 1927 entwickelt
und veröffentlicht hatte. Nach seinen Darlegungen haftet allen atomaren
Erscheinungen eine wesenhafte Unbestimmtheit (oder Unschärfe)
an, die sich durch keine noch so extreme Verfeinerung der Beobachtungen
und Messungen überwinden läßt. Zur Veranschaulichung seines
Gedankenganges benutzte Heisenberg ein fiktives Experiment, bei dem sich
ein Physiker bemüht, mit Hilfe eines unendlich starken Super-Mikroskops
Lage und Geschwindigkeit4 eines in Bewegung befindlichen Elektrons auf
einmal zu bestimmen.
Da ein Elektron kleiner ist als eine Lichtwelle, kann es der Physiker
nur durch Verwendung einer Strahlung von kürzerer Wellenlänge
beleuchten; sogar Röntgenstrahlen sind hier nutzlos.
Die Lage eines Elektrons kann nur durch die überaus kurzwelligen
Gammastrahlen des Radiums sichtbar gemacht werden. Dabei zeigt
sich jedoch eine neue Schwierigkeit: je höher die Frequenz des Lichts
ist, das zur Durchführung des Experiments verwendet wird, umso stärker
wird der Druck, den das jeweilige Bombardament der Lichtkörner -
der Photonen - auf das Elektron ausübt. Die Gammastrahlen gehen auf
Grund ihrer extrem hohen Frequenz am brutalsten mit diesem um. Somit ist
es absolut und für alle Zeiten unmöglich, Lage und Geschwindigkeit
eines Elektrons gleichzeitig zu bestimmen: indem wir seine Lage bestimmen,
verändern wir seine Geschwindigkeit, und bestimmen wir die Geschwindigkeit,
so verändern wir die Lage. Je genauer wir einen Aspekt messen, desto
ungenauer fällt die Messung des anderen aus.
Mit seiner Unschärferelation hat Heisenberg eine philosophische Einsicht
sozusagen experimentell bestätigt: der Beobachtungsprozeß verzerrt
den zu beobachtenden Vorgang; die objektive und zugleich vollständige
Erkenntnis eines Sachverhalts ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Die Spezielle Relativitätstheorie
Das Relativitätsprinzip als solches ist seit langem bekannt und
uns allen aus eigener Erfahrung vertraut. So hat wohl schon jeder einmal
beim Antritt einer Eisenbahnfahrt im Bahnhof erlebt, wie sich ein Zug
so langsam in Bewegung setzt, daß die Passagiere dabei keinen Ruck
verspüren. Wenn wir aus dem Fenster schauen und auf dem Nebengeleis
einen anderen Zug langsam vorbeifahren sehen, sind wir plötzlich
unsicher: fahren wir schon, und steht der andere Zug still - oder stehen
wir noch, und der andere Zug kommt gerade herein? Die einzige Möglichkeit,
dies festzustellen, besteht für die Passagiere darin, von der anderen
Seite des Wagens aus einen festen Punkt wie zum Beispiel den Bahnsteig,
ein Lichtsignal oder ein Gebäude zu fixieren. Anders gesagt: die
Passagiere können ihre Bewegungslage nur dann richtig beurteilen,
wenn sie diese zur Erde in Beziehung setzen.
In diesem Sinn benutzen auch die meisten physikalischen Untersuchungen
die Erde als stationäres Bezugssystem. Doch könnte man, da alle
Bewegung relativ ist, jeden beliebigen Körper als Bezugsobjekt nehmen
und alle anderen Bewegungen auf ihn beziehen.
So wird zum Beispiel ein Reisender, der sich während einer Bahnfahrt
zum Speisewagen begibt, in diesem Augenblick den Zug als ruhend betrachten
und seine Bewegungen zu diesem in Beziehung setzen; doch wenn er an die
Reise denkt, die er gerade macht, nimmt er die Erde als ruhend an und
sagt, er fahre mit einer Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde
durch die Landschaft. Der Astronom, der sich gerade mit dem Sonnensystem
beschäftigt, sieht es wieder anders: für ihn steht die Sonne
still, während sich der Reisende mit der Erde gleichzeitig um deren
Achse und um die Sonne dreht. Man kann nicht sagen, daß eine dieser
Arten, die Bewegung des Reisenden zu berechnen, richtiger sei als die
andere; jede ist völlig richtig, sofern das jeweilige Bezugsobjekt
angegeben wird.
Nun besteht das Ziel der Naturwissenschaft darin, nicht nur unsere unmittelbare
Umwelt, sondern auch das Weltall sowohl in seinen Teilen als auch als
Ganzes zu erklären - sie verlangt deshalb nach einem Bezugssystem,
dem universelle Geltung zukommt.
Wir erinnern uns an Newtons Versuch, dieses Problem zu lösen: da
er keinen Himmelskörper ausmachen konnte, der sich im absoluten Ruhezustand
befindet, erklärte er den Raum selbst als festes Bezugssystem. In
seiner Vorstellung war der Raum eine stationäre und unbewegliche
physikalische Realität, und während zwei Jahrhunderten schien
es, als ob er mit seiner Auffassung recht behalten würde. Dies änderte
sich erst im Jahre 1905, als Albert Einstein - er war damals 26 Jahre
alt und arbeitete als Ingenieur im Eidgenössischen Patentamt in Bern
- mit der dreißig Seiten starken Schrift Elektrodynamik bewegter
Körper seine erste Arbeit über die Spezielle Relativitätstheorie
veröffentlichte.
1. Raum und Zeit
Einstein verwarf Newtons Idee vom Raum als einem festen Bezugssystem,
das sich im absoluten Ruhezustand befindet. Seiner Ansicht nach war es
auch nutzlos, noch weiter nach einem solchen zu suchen, denn das Universum,
so argumentierte er, ist voller Bewegung: Sterne, Nebel, Milchstraßen
und all die gewaltigen Galaxienhaufen des Weltraums bewegen sich ohne
Unterlaß. Diese Bewegungen können jedoch nur im Verhältnis
zueinander beschrieben werden, denn es gibt im Weltraum keine bevorzugten
Richtungen und keine Grenzen. Die Natur bietet keine absoluten Vergleichsmaßstäbe,
und der Raum ist nichts anderes als die Ordnung oder Beziehung der Dinge
zueinander - ohne Dinge im Raum ist der Raum nichts.
Zusammen mit der Idee vom absoluten Raum verwarf Einstein auch die Vorstellung
einer absoluten Zeit, d.h. eines ständigen, niemals wechselnden,
universellen Zeitstroms, der von der unendlichen Vergangenheit in die
unendliche Zukunft fließt. Im selben Sinn, in dem Raum einfach eine
mögliche Ordnung materieller Objekte darstellt, ist Zeit eine mögliche
Ordnung von Vorfällen.
So erscheinen uns zum Beispiel die individuellen Erlebnisse, an die wir
uns erinnern, in einer Ereignisreihe angeordnet. Die jeweilige Stellung,
die wir ihnen in dieser Reihe zuweisen, wird durch die Kriterien früher
oder später bestimmt. In diesem Sinn hat jeder Einzelmensch
eine eigene, subjektive Ichzeit, nur ist diese an sich nicht
meßbar. Zeit wird erst dann zu einem objektiven Begriff,
wenn wir ihren Ablauf mit Hilfe einer Uhr oder eines Kalenders messen.5
Aber die Zeitintervalle, die der Uhr oder dem Kalender zugrundeliegen,
sind keineswegs absolute Größen, denen universelle Geltung
zukäme. Ursprünglich war jede Uhr auf das Sonnensystem geeicht.
Was wir eine Stunde nennen, entspricht einem räumlichen Maß,
nämlich einem Bogen von 15 Grad in der (scheinbaren) täglichen
Umdrehung des Firmaments. Und was wir ein Jahr nennen, ist dementsprechend
das Maß, das man aus der vollen Umlaufbahn der Erde um die Sonne
gewinnt. Es gibt kein festes, von einem Bezugssystem unabhängiges
Zeitintervall; es gibt keine Gleichzeitigkeit und kein jetzt
ohne Bezug zu einem System.
Der Physiker, der sich mit den komplexen Bewegungserscheinungen der Himmelsmechanik
oder der Elektrodynamik beschäftigt, muß Größen,
die innerhalb eines Systems auftreten, ständig mit Größen
anderer Systeme in Beziehung setzen. Die mathematischen Gesetze, die solche
Beziehungen darstellen, bezeichnet man als Transformationsgesetze; ihr
Prinzip kann durch das Beispiel eines Mannes illustriert werden, der auf
dem Deck eines Schiffes spazieren geht. Wenn er mit der Geschwindigkeit
von 5 Kilometer pro Stunde in der Fahrtrichtung des Schiffs geht und dieses
mit einer Stundengeschwindigkeit von 20 Kilometer fährt, dann bewegt
sich der Mann mit 25 Kilometer pro Stunde im Verhältnis zum Meer;
wenn er sich auf Deck entgegen der Fahrtrichtung bewegt, dann beträgt
seine Geschwindigkeit im Verhältnis zum Meer nur 15 Kilometer pro
Stunde.
Diese Transformationsregel basiert auf den einfachsten anschaulichen Überlegungen
und ist seit den Zeiten Galileis mit Erfolg auf die Probleme der zusammengesetzten
Bewegung angewendet worden.
Ihre Grenzen zeigten sich erst 1881, als man die Unmöglichkeit erkannte,
ihr Prinzip - die Addition der Geschwindigkeiten - auf die Bewegung von
Lichtstrahlen anzuwenden. In jenem Jahr hatten nämlich zwei amerikanische
Physiker, Albert Abraham Michelson und E.W. Morley in einem aufsehenerregenden
Experiment in unwiderlegbarer Weise nachgewiesen, daß sich die Bewegung
des Lichts von jeder anderen Bewegung des Weltalls in grundsätzlicher
Weise unterscheidet: die Lichtgeschwindigkeit wird durch die Bewegung
der jeweiligen Lichtquelle oder des Empfängers nicht verändert,
sondern bleibt immer konstant.
Es ist für den Laien nicht leicht, auf Anhieb zu erfassen, wiesehr
diese Tatsache dem gesunden Menschenverstand widerspricht.
Deshalb versucht Einstein (in seinem ersten Aufsatz über Relativität),
diesen Widerspruch mit Hilfe eines einfachen Beispiels zu veranschaulichen.
Er nimmt einen Bahndamm an, an dem sich ein Lichtsignal befindet, das
mit 300'000 km pro Sekunde (dies ist die Lichtgeschwindigkeit, die in
der Physik mit c bezeichnet wird) Strahlen dem Geleis entlang sendet.
Ein Zug nähert sich dem Signal mit der Geschwindigkeit J. Nach dem
Additionsprinzip sollte nun die Geschwindigkeit des Lichtstrahls im Verhältnis
zum Zug c plus J betragen, solange sich der Zug dem Signal nähert,
und c minus J, solange er sich vom Signal entfernt.
Dieses selbstverständliche Ergebnis steht jedoch im Widerspruch zum
Resultat des Michelson-Morley Versuchs, d.h. zur durchgehenden Konstanz
der Lichtgeschwindigkeit. Selbst wenn wir uns vorstellen, der Zug rase
mit einer Geschwindigkeit von 15'000 Kilometer pro Sekunde auf das Lichtsignal
zu, wird ein Beobachter, der im Zug die Geschwindigkeit des herankommenden
Lichtstrahls misst, wegen der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit das Resultat
von 300'000 Kilometer pro Sekunde erhalten - nicht mehr und nicht weniger.
Das hier auftauchende Problem ist grundsätzlicher Art; es besteht
im unversöhnlichen Konflikt zwischen dem Glauben an die Konstanz
der Lichtgeschwindigkeit einerseits und dem Glauben an das Prinzip der
Addition der Geschwindigkeiten andererseits. Während das letztgenannte
Prinzip auf unseren, durch die Alltagserfahrung geprägten Vorstellungen
und auf dem gesunden Menschenverstand beruht (nach dem zwei
und zwei gleich vier ist), erblickte Einstein im ersteren ein fundamentales
Naturgesetz.
Aus diesem Grund kam er zum Schluß, daß das Additionsprinzip
durch eine neue Transformationsregel ersetzt werden mußte, die es
erlaubte, die Analyse der relativen Bewegung von Systemen mit der bekannten
Konstanz der Lichtgeschwindigkeit in Einklang zu bringen. Zu diesem Zweck
stellte Einstein eine revolutionäre Theorie auf. Nach dieser basiert
das alte Prinzip der Addition auf zwei Trugschlüssen: erstens wurde
stillschweigend angenommen, daß die Dauer eines Ereignisses von
dem Bewegungszustand des Bezugssystems unabhängig sei; zweitens wurde
vorausgesetzt, daß die Messung der zurückgelegten Strecke genau
das gleiche Ergebnis zeigen würde, ob man sie nun auf dem Zug (dem
in Bewegung befindlichen System) oder aber außerhalb davon (auf
den Geleisen) in einem stationären System vornähme. Doch ist
Länge, genauso wie Zeit ein relativer Begriff - es gibt kein räumliches
Intervall, das von dem Bewegungszustand des Bezugssystems unabhängig
wäre. Daher muß der Physiker, der die Naturerscheinungen in
Begriffen beschreiben will, die für alle Bewegungssysteme im Weltall
Geltung haben sollen, Zeit- und Streckenangaben als variable Größen
betrachten.
Die entsprechenden Transformationsregeln fand Einstein in einer Reihe
von Gleichungen, die der holländische Physiker Hendrick Antoon Lorentz
(im Zusammenhang mit einer inzwischen überholten Theorie) zur Erklärung
des Michelson-Morley Versuches entwickelt hatte. Diese als Lorentz-Transformation
bekanntgewordenen Gleichungen setzen die Strecken- und Zeitmessungen im
bewegten System zu den Messungen im stationären System so in Beziehung,
daß die Lichtgeschwindigkeit c konstant bleibt, aber die Strecken-
und Zeitintervalle andere Werte erhalten.
Sinn und Bedeutung dieser Gleichungen läßt sich am ehesten
verstehen, wenn man sie auf die Welt des Laboratoriums überträgt,
wo Abstraktionen wie Raum und Zeit in die konkrete Sprache der Uhren und
Maßstäbe übersetzt werden. Dabei ergibt sich, daß
sich der Lauf einer Uhr, die mit einem in Bewegung befindlichen System
verbunden ist, von dem einer stationären Uhr unterscheidet; und daß
ein Maßstab, der sich in einem bewegten System befindet, seine Länge
gemäß der Geschwindigkeit dieses Systems verändert. Die
Uhr geht langsamer, wenn die Geschwindigkeit des Systems zunimmt, und
der Maßstab verkürzt sich (und zwar nur in der Bewegungsrichtung
des Systems).
Bei diesen Vorgängen handelt es sich jedoch nicht um mechanische
Phänomene. Ein Beobachter, der sich zusammen mit der Uhr und dem
Stab vorwärts bewegte, würde die beschriebenen Veränderungen
nicht bemerken. Nur ein unbewegter, stationärer Beobachter würde
feststellen, daß sich die bewegte Uhr im Verhältnis zu seiner
eigenen verlangsamt und daß der Stab im Verhältnis zu den stationären
Meßinstrumenten zusammengeschrumpft ist.
Dieses eigentümliche Verhalten von in Bewegung befindlichen Uhren
und Maßstäben klärt das Geheimnis der konstanten Lichtgeschwindigkeit
auf. Jetzt wissen wir, weshalb alle möglichen Beobachter ungeachtet
ihres Bewegungszustandes stets feststellen, daß das Licht ihre Apparate
mit genau derselben Geschwindigkeit trifft, mit der es sich von diesen
entfernt: wenn ihre eigene Geschwindigkeit sich der des Lichts nähert,
dann verlangsamen sich ihre Uhren und verkürzen sich ihre Maßstäbe,
so daß alle ihre Messungen mit denen des stationären Beobachters
zusammenfallen.
Das Ausmaß dieser Kontraktion wird durch die Lorentz-Transformation
bestimmt. Ein Maßstab, der sich mit 90 Prozent der Lichtgeschwindigkeit
vorwärtsbewegt, dürfte sich um die Hälfte seiner Länge
verkürzen; wenn der Stab Lichtgeschwindigkeit erreichen könnte,
würde er auf ein Nichts zusammenschrumpfen. In ähnlicher Weise
würde eine Uhr, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegte, vollständig
zum Stillstand gelangen. Daraus folgt: es kann sich nichts jemals schneller
bewegen als das Licht - die Lichtgeschwindigkeit stellt die Höchstgrenze
der Geschwindigkeiten im Weltall dar.
In unserer Alltagserfahrung stossen wir natürlich nie auf Geschwindigkeiten,
die groß genug sind, um die oben erwähnten Veränderungen
in Erscheinung treten zu lassen. Sogar in einer Rakete verlangsamen sich
die Uhren nur in kaum merkbarem Grade; bei Geschwindigkeiten, die nahe
an die des Lichts herankämen, wird der Relativitätseffekt hingegen
drastisch bemerkbar. Bei gewöhnlichen Geschwindigkeiten ist die Veränderung
der Raum- und Zeitintervalle praktisch gleich Null. Die Relativitätstheorie
steht also nicht im Widerspruch zur klassischen Physik; doch betrachtet
sie die alten Vorstellungen als Grenzwerte, die nur für die Alltagserfahrungen
gültig sind.
2. Masse und Energie
Mit der Relativierung der Begriffe Zeit und Raum hat Einstein die theoretischen
Voraussetzungen für die Gleichsetzung (Äquivalenzformel) von
Masse und Energie geschaffen.
Die mechanische Naturbeschreibung bedient sich dreier Größen:
Raum, Zeit und Masse. Da Raum und Zeit relative Größen sind,
kann man annehmen, daß sich die Masse der Körper ebenfalls
gemäß ihrem Bewegungszustand ändert. In der klassischen
Physik ist die Masse jedes Körpers eine feste und unveränderliche
Größe. Aber nach der Relativitätstheorie ist die Masse
eines bewegten Körpers keineswegs konstant, sondern nimmt mit wachsender
Geschwindigkeit zu.
Barnett beschreibt die Schritte und Überlegungen, die von dieser
grundlegenden Erkenntnis - dem Prinzip der Massenzunahme - zum spektakulärsten
und folgenschwersten Beitrag der Relativitätstheorie führten.
Einstein argumentierte etwa folgendermaßen: da die Masse eines bewegten
Körpers mit seiner Geschwindigkeit zunimmt und da die Beschleunigung
nichts anderes als eine Vermehrung der kinetischen Energie6 des Körpers
darstellt, kann man die Massenzunahme auf eine Zunahme der Energie zurückführen.
Kurzum: Energie hat Masse! Durch eine einfache mathematische Überlegung
fand Einstein den jeder Energieeinheit E entsprechenden Massenwert m,
und gelangte so zu einer der bedeutsamsten und bekanntesten Gleichungen
der Physik: E = mc2.
Es ist wohl den meisten Lesern bekannt, welche Rolle diese Gleichung bei
der Herstellung der Atombombe gespielt hat. Sie besagt folgendes: die
Energie (in erg) eines jeden Materialpartikels ist gleich seiner Masse
(in Gramm), multipliziert mit dem Quadrat der Lichtgeschwindigkeit (in
Zentimeter pro Sekunde). Dies heißt konkret: ein Kilogramm Kohle
würde bei vollständiger Umformung in Energie 25 Milliarden Kilowattstunden
Elektrizität liefern (das ist die Menge, die 1988 alle Elektrizitäts-
und Kernkraftwerke der Schweiz zusammen in 5 Monate produziert haben.)
Aus dieser Gleichung wird ersichtlich, weshalb radioaktive Substanzen
wie Radium oder Uran während Millionen von Jahren Strahlungsenergie
ausstoßen können, und sie erklärt, weshalb z.B. die Sonne
noch weit länger (während Milliarden von Jahren) Licht und Wärme
zu spenden vermag. Wäre diese Strahlung das Resultat eines gewöhnlichen
Verbrennungsprozesses, wäre die Sonne schon längst kalt und
erloschen.
Einsteins Äquivalenzformel Masse = Energie führt zu einer grundsätzlich
neuen Auffassung der physikalischen Welt. In der vorrelativistischen Zeit
nahm man im Universum zwei scharf voneinander getrennte Grundelemente
an, nämlich Materie und Energie, die erstere träge, greifbar
und mit einer konstanten Masse ausgestattet, die andere aktiv, unsichtbar
und ohne jede Masse. Einstein hat diese Antinomie aufgehoben: nach ihm
ist Masse nichts anderes als aufgespeicherte Energie. Materie ist Energie,
und Energie ist Materie; der Unterschied liegt, wie im Fall von Welle
und Partikel, lediglich in der jeweiligen, vorübergehenden Erscheinungsform.
Jetzt verstehen wir den rätselhaften Dualismus der mikrophysikalischen
Welt, so zum Beispiel den Doppelcharakter des Lichts, das je nach dem
in Form von Wellen oder in Form von Partikelchen auftritt; zumindest sind
alle diese Phänomene weniger widerspruchsvoll geworden: die jeweiligen
Begriffe beziehen sich auf verschiedene Erscheinungsformen derselben Wirklichkeit,
und es ist sinnlos, danach zu fragen, was deren einzelne Bausteine nun
eigentlich seien. Wenn die Materie sich ihrer Masse entkleidet
und sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, dann nennen wir sie Strahlung
und Energie. Wenn umgekehrt Energie erstarrt und träge wird und wir
ihre Masse feststellen können, dann nennen wir sie Materie.
Die Vertauschbarkeit von Materie und Energie wurde bekanntlich am 16.
Juni 1945 auch praktisch bestätigt. Auf dem Versuchsgelände
von Alamogordo ist es damals mit der erfolgreichen Zündung einer
Atombombe zum ersten Mal gelungen, ein beträchtliches Quantum Materie
in Licht, Wärme, Schall und Bewegung, das heißt in Energie
umzuformen.
Die Allgemeine Relativitätstheorie
Die Spezielle Relativitätstheorie umfaßt die Grundbegriffe
der Relativität von Raum, Zeit und Materie und die Folgerungen aus
diesen Grundbegriffen (wie zum Beispiel die Äquivalenzformel für
Materie und Energie). In der Allgemeinen Relativitätstheorie (1915)
entwirft Einstein mit der Umdeutung des Newtonschen Begriffs der Gravitation
ein neues Bild von der umfassenden Architektur des Weltalls.
Die Schlüsselbegriffe der neuen Theorie sind das Vierdimensionale
Raum-Zeit-Kontinuum und das Elektromagnetische Kraftfeld.
Das Prinzip des Kontinuums ist uns allen aus eigener Erfahrung vertraut.
Ein Kontinuum ist ein Ausschnitt der Wirklichkeit, der durch seinen stetigen
Zusammenhang gekenntzeichnet ist - ein Lineal läßt sich zum
Beispiel als ein eindimensionales räumliches Kontinuum verstehen.7
Die meisten Lineale sind mit Maßangaben in Zentimetern und Millimetern
versehen, doch ist ein Lineal vorstellbar, das Teilungen bis zu einem
Millionstel eines Zentimeters aufweist, denn theoretisch ist es möglich,
den Abstand zwischen zwei Punkten in beliebig kleine Etappen zu zerlegen.
Eine solche Einteilung würde es erlauben, jede Position auf dem Lineal
in unmißverständlicher Weise zu definieren. Diese Möglichkeit
macht das Wesen des Kontinuums aus.
In diesem Sinn kann man auch ein Eisenbahngleis als Kontinuum bezeichnen:
der Lokomotivführer eines Zuges kann seine Position durch Angabe
eines einzigen Koordinatenpunktes, (einer Station oder eines Kilometersteins)
charakterisieren. Der Kapitän eines Schiffes dagegen muß zwei
Dimensionen berücksichtigen; die Meeresoberfläche ist ein zweidimensionales
Kontinuum, in dem die Position durch Angabe des Längen- und des Breitengrades
bestimmt wird. Der Flugzeugpilot fliegt durch ein dreidimensionales Kontinuum;
er wird nicht nur Längen- und Breitengrad, sondern auch den vertikalen
Abstand vom Erdboden in Betracht ziehen.
Zur genauen Beschreibung eines Vorganges, der mit Bewegung verbunden ist,
müssen wir jedoch auch die zeitliche Positionsveränderung feststellen.
Im Falle des Zuges wird man zum Beispiel die jeweilige Zeit angeben, zu
der dieser auf den Stationen einer bestimmten Strecke eintrifft. Das kann
mittels eines Fahrplans oder eines Diagramms geschehen. Auf dem nebenstehenden
Diagramm gibt die Diagonale die Vorwärtsbewegung des Zuges in einem
zweidimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum wieder (Abb. 220a).
Zur deutlichen Wiedergabe eines Fluges von London nach Paris braucht man
jedoch ein vierdimensionales Diagramm, das sowohl die drei Raum-Koordinaten
(Längengrad, Breitengrad, Höhe) als auch die Zeit-Koordinate
angibt. Die Zeit ist die vierte Dimension. Will man den Flug als Ganzes,
als eine physikalische Wirklichkeit betrachten, so muß man ihn sich
als eine fortlaufende Kurve im vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum vorstellen.
Da der Raum nur drei Dimensionen hat, ist es äußerst schwierig
(wenn nicht gar unmöglich), ein anschauliches, d.h. räumliches
Modell eines vierdimensionalen Kontinuums herzustellen. Für den Mathematiker,
der Dimensionen einfach mit Zahlbegriffen ausdrückt, bietet hingegen
die Darstellung eines solchen Kontinuums keine Schwierigkeit.
Doch wäre es falsch, das raumzeitliche Kontinuum als eine bloß
mathematische Konstruktion aufzufassen. Die Welt ist ein raumzeitliches
Kontinuum; alle Wirklichkeit existiert sowohl im Raum wie auch in der
Zeit - beide sind unzertrennlich.
Die Gleichartigkeit von Raum und Zeit wird am offensichtlichsten, wenn
wir uns den Fixsternen zuwenden. "Wenn der Astronom durch sein Fernrohr
blickt", schreibt Barnett, "schaut er nicht nur in den Raum
hinaus, sondern außerdem in die Vergangenheit zurück. Seine
lichtempfindliche Platte entdeckt den Abglanz von fernen Inseln im Weltenraum,
die bis zu zweitausend Millionen Lichtjahre von uns entfernt sind; die
schwachen Strahlen hatten ihre Reise zu einem Zeitpunkt angetreten, als
auf der Erde die ersten Wirbeltiere ihre Wanderung von den warmen Meeren
des Paläozoikums nach den eben entstandenen Kontinenten begannen.
Diese Inseln - in Wirklichkeit gewaltige Sternsysteme - entfernen sich
mit der unvorstellbaren Geschwindigkeit von über 50'000 Kilometer
pro Sekunde von unserer eigenen Milchstraße; genauer gesprochen,
taten sie dies vor fünfhundert Millionen Jahren. Wo sie sich 'jetzt'
befinden oder ob sie jetzt überhaupt noch existieren,
weiß niemand."8
Unüberhörbar erhebt sich damit die Frage nach der unsichtbaren
Kraft, die das Weltall zusammenhält und die Bahnen der Gestirne,
der Kometen, Meteore und Spiralnebel in der unermeßlichen Leere
des Weltraums lenkt. Newton hat in ihr die gleiche Kraft erkannt, die
den fallenden Apfel zu Boden zieht, und daraus sein allgemeines Gravitationsgesetz
abgeleitet; nach diesem wird jeder Körper im Universum von jedem
anderen Körper mit einer Kraft angezogen, die umso größer
ist, je mehr Masse die Körper haben und je näher sie einander
sind.
Einsteins Gravitationsgesetz unterscheidet sich in wesentlichen Aspekten
von demjenigen seines großen Vorgängers in der Erforschung
des Weltalls: es beschreibt das Verhalten der Objekte in einem Gravitationsfeld,
zum Beispiel dem der Planeten, nicht als Ausdruck der Anziehung,
die diese Himmelskörper aufeinander ausüben, sondern einfach
als eine Reihe von Bewegungsvorgängen; während die Newtonschen
Formeln mit dynamischen Begriffen wie Kraft und Masse
arbeiten, verwendet Einstein geometrische Bezeichnungen. Dieser Gegensatz
läßt sich am Beispiel eines Stabmagneten veranschaulichen.
Für die klassische Physik stand es fest, daß ein solcher Magnet
ein Stück Eisen durch eine geheimnisvolle Fernwirkung anzieht. Der
heutige Physiker sieht es anders: er sagt, der Magnet verleihe dem ihn
umgebenden Raum eine bestimmte physikalische Beschaffenheit und bezeichnet
diese als magnetisches Feld. Es läßt sich leicht beobachten,
wie dieses Feld auf das Eisen einwirkt und genau berechenbare Wirkungen
an ihm hervorruft: schüttet man nämlich über einen Magneten
Eisenspäne aus, so wird die Struktur des Feldes sichtbar (siehe dazu
Abb. 220b). Magnetisches und elektrisches Feld sind physikalische Realitäten;
sie haben eine bestimmte Struktur, die in den Feldgleichungen von James
Clerk Maxwell ihren mathematischen Ausdruck findet.
Entsprechend der Art, in der ein Magnet dem ihn umgebenden Raum eine bestimmte
Beschaffenheit verleiht, bestimmt nach Einstein jeder Himmelskörper
die geometrische Beschaffenheit des ihn umgebenden Raumes. Genau wie die
Bewegung eines Eisenspans in einem magnetischen Feld durch dessen Struktur
determiniert ist, so ist die Bahn jedes Himmelskörper im Gravitationsfeld
das direkte Ergebnis der geometrischen Beschaffenheit des Feldes.9
An Stelle des starren und unveränderlichen Raumes des Newtonschen
Weltbildes, in dem die Materie, für sich existierend, wie in einem
Behälter aufgehoben war, tritt in der Allgemeinen Relativitätstheorie
ein amorphes Kontinuum ohne feststehende Architektur, das einem ständigen
Prozeß der Umformung unterworfen ist. Wo immer es Materie und Bewegung
gibt, da erleidet das Kontinuum eine Störung, denn jeder Himmelskörper
und jede Milchstrasse bringen in die Geometrie des sie umgebenden Zeit-Raum-Abschnittes
eine Verzerrung hinein und rufen, ähnlich den Wirbeln rings um eine
Insel im Meer, Veränderungen in der Raumzeit hervor. So bilden Meteore,
Kometen und Abermilliarden von Sternsystemen durch die Verzahnung der
geometrischen Struktur ihrer Gravitationsfelder die Sternhaufen, Milchstraßen
und Spiralnebel, die unser Universum ausmachen.
Wie sieht nun der geometrische Aufbau des raumzeitlichen Kontinuums aus,
in dem alle diese gewaltigen Sternsysteme ihre Bahn ziehen? Oder, einfacher
ausgedrückt: welche Gestalt und Größe hat das Universum?
Bisher hatte man sich das Universum als eine Materie-Insel vorgestellt,
die im Mittelpunkt eines unendlichen Raum-Meeres schwebt. Dieses Universum
konnte nur unendlich sein, denn sobald man annahm, der Raum sei begrenzt,
erhob sich die Frage: und was liegt dahinter? Die klassische Physik war
dabei von der zwar natürlichen, aber wissenschaftlich nicht zwingenden
Annahme ausgegangen, daß die Geometrie des Weltalls den Euklidischen
Gesetzen folgen müsse. Sie betrachtete es zum Beispiel als gesichert,
daß die gerade Linie auch im Weltraum die kürzeste Verbindung
zwischen zwei Punkten darstellt. Einstein hingegen erkannte, daß
das Universum weder unendlich noch euklidisch ist, wie die meisten Gelehrten
angenommen hatten, sondern etwas, das man sich bisher noch niemals physikalisch
vorgestellt hat.
Es ist leicht einzusehen, daß auf der Erdoberfläche die kürzeste
Verbindung zwischen zwei Punkten, etwa Rom und Paris, keineswegs die Gerade
ist, die wir auf einer Karte markieren, sondern ein Kreisabschnitt. Analoge
Abweichungen von der Euklidischen Geometrie würden auftreten, wenn
man auf der Erdoberfläche gewaltige Quadrate, Dreiecke oder Kreise
zeichnen würde (siehe Abb. 220c). Auf einer gekrümmten Oberfläche
ist die Euklidische Geometrie somit nicht anwendbar.
Dasselbe gilt nach Einstein auch für den Weltraum. Dem erdgebundenen
Menschen mag es zwar so vorkommen, als ob sich ein Lichtstrahl geradlinig
in die Unendlichkeit fortsetze, doch ist diese Vorstellung durch die Begrenztheit
unserer Sinneswahrnehmungen bedingt, denn im Universum gibt es keine geraden
Linien. Da auch das Licht (in Form von Photonen) Masse besitzt, werden
die Lichtstrahlen beim Durchqueren eines Gravitationsfeldes durch die
Struktur des Feldes beeinflußt, und diese gestattet keine geraden
Linien - der kürzeste Weg, den das Licht beschreiben kann, ist eine
Kurve.10
Da die Geometrie eines Gravitationsfeldes durch Masse und Geschwindigkeit
der gravitierenden Himmelskörper bestimmt wird, muß der geometrische
Aufbau des Weltalls als Ganzes durch dessen materiellen Gesamtinhalt beeinflußt
sein: jeder Materieansammlung im Universum entspricht eine Formveränderung
des raumzeitlichen Kontinuums - je größer die Materieansammlung,
um so stärker die aus ihr resultierende Raumzeitkrümmung. Die
Gesamtwirkung der kombinierten Formveränderungen, die durch all die
Materiemassen im Universum hervorgerufen werden, ist somit eine totale
Krümmung des raumzeitlichen Kontinuums, das sich "in einer geschlossenen
kosmischen Kurve in sich selbst zurückbeugt."11
Der Einsteinsche Raum ist sowohl endlich als auch unbegrenzt. In Worten
ist sein geometrischer Charakter schwer zu beschreiben. In mathematischer
Sprache ausgedrückt, ist es der eines vierdimensionalen Gegenstücks
zu einer Kugeloberfläche. Der Laie mag die Formulierung des englischen
Physikers Sir James Jeans vorziehen: "Eine Seifenblase mit gefurchter
Oberfläche illustriert vielleicht am besten das neue Weltbild der
Relativitätstheorie am Beispiel eines vertrauten Objekts. Das Universum
ist nicht das Innere der Seifenblase, sondern ihre Oberfläche; doch
dürfen wir dabei nicht vergessen, daß diese nur zwei, das Weltall
aber vier Dimensionen hat, und zwar drei für den Raum und eine für
die Zeit. Die Substanz, aus der diese Kugel geblasen ist, die Seifenschicht,
ist der leere Raum, zusammengeschweisst mit der leeren Zeit."12
Womit erwiesen ist, was der Leser längst erahnt hat: daß sich
Einsteins gekrümmter Raum - wie die meisten Begriffe der modernen
Physik - nicht veranschaulichen läßt. Eine mathematische Kennzeichnung
ist jedoch möglich - mit Hilfe der Einsteinschen Feldgleichungen
läßt sich sogar die Größe des Weltalls berechnen!
"Einsteins Universum ist zwar nicht unendlich", schreibt Barnett,
"aber gewaltig genug, um Milliarden von Milchstrassen zu umfassen,
von denen jede einzelne ihrerseits Hunderte von Millionen leuchtender
Sterne und unvorstellbare Mengen verdünnter Gase und kalter Massen
von Eisen und Stein sowie kosmischen Staubs enthält. Ein Sonnenstrahl,
der mit einer Geschwindigkeit von fast 300'000 Kilometer pro Sekunde seine
Reise durch das Weltall antritt, würde, obwohl er immer geradeaus
liefe, einen großen Weltkreis beschreiben und in etwa 56 Milliarden
Erdjahren zu seiner Quelle zurückkehren."13
Der philosophische Aspekt der neuen Physik
Schon die ersten griechischen Philosophen, die sogenannten Vorsokratiker,
haben versucht, die scheinbare Vielfältigkeit des Naturgeschehens
auf eine einheitliche Basis zu stellen, d.h. auf wenige einfache Ideen
und grundlegende Beziehungen zurückzuführen. So schrieb Demokrit
um 400 v. Chr.: "Nur scheinbar (nur der herkömmlichen Meinung
nach) hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder
bitter; in Wirklichkeit gibt es nur Atome und den leeren Raum".14
Das Christentum ersetzte diese kühne Spekulation über die letzte
Einheit alles Seienden durch den Glauben an die göttliche Offenbarung,
doch seit der Renaissance - der Wiedergeburt der Antike - bildet die Idee
einer letzten Substanz, die der Welt der Erscheinungen zugrunde liegt,
wieder eine der leitenden Vorstellungen der abendländischen Wissenschaft
und Philosophie. Zweitausend Jahre nach Demokrit wies Galileo Galilei,
der durch die Verbindung von Theorie und Experiment die Physik als exakte
Wissenschaft begründet hat, erneut auf den rein subjektiven Charakter
sinnlicher Eigenschaften wie Farbe, Geruch, Geschmack und Ton hin, indem
er erklärte, diese könnten "den Gegenständen nicht
in größerem Maße zugeschrieben werden als der Kitzel
oder der Schmerz, den das Berühren dieser Gegenstände manchmal
verursacht."15 Entsprechende Auffassungen wurden von vielen bedeutenden
Philosophen der Neuzeit, insbesondere von Locke, Hume, Leibnitz, Berkeley,
Kant und Schopenhauer vertreten.
Im Verlauf der durch Galilei eingeleiteten wissenschaftlichen Entwicklung
wurden die vielfältigen Stoffe, aus denen sich diese Welt zusammensetzt,
auf heute 98 Naturelemente reduziert und die verschiedenen Kräfte,
die in ihr in Erscheinung treten, als wechselnde Auswirkungen der elektromagnetischen
Kraft und der Schwerkraft verstanden. Schließlich wurden alle physikalischen
Phänomene auf wenige grundlegende Größen wie Raum, Zeit,
Materie und Energie zurückgeführt.
Das wissenschaftliche Denken der Neuzeit stand jedoch trotz seiner vereinheitlichenden
und reduktiven Tendenz während all dieser Zeit im Zeichen einer dualistischen
Weltauffassung. Ihre deutlichste Formulierung fand diese durch den französischen
Philosophen und Mathematiker René Descartes, einen Zeitgenossen
Galileis, der alles Seiende aus der unaufhebbaren Zweiheit von geistig-seelischer,
denkender Substanz (der res cognitans) und materieller, ausgedehnter Substanz
(der res extensa) erklärte. Dieser Dualismus spiegelt sich auch in
den vielfältigen Antinomien, die dem Newtonschen Weltbild zugrunde
liegen, nämlich in den unvereinbaren Gegensätzen Gott - Welt,
Raum - Zeit, Energie - Materie. Newton hatte diese Antinomien als selbstverständliche
Gegebenheiten angenommen und gar nicht erst versucht, sie wissenschaftlich
aufzuheben. Die letzte Einheit alles Seienden war seiner Auffassung nach
der Welt nicht immanent, sondern gründete in der Allgegenwart Gottes.
Die neue Physik verzichtet auf diese Hilfskonstruktion. Sie kommt ohne
Glauben aus und stützt sich ausschließlich auf das Experiment
und die Funktionen des menschlichen Verstandes. Sie erklärt, daß
sich das Wirken der Natur in geheimnisvoller Weise nach mathematischen
Prinzipien richtet und hofft, dereinst in der Lage zu sein, die letzte
Einheit des Universums in Form einer mathematischen Gleichung (der sogenannten
Ur- oder Welt-Formel) darzustellen.
Auf dem Weg zu diesem Ziel übersetzten die Physiker die großen
philosophischen Einsichten der Neuzeit in die Sprache der exakten Wissenschaft.
Einsteins Gleichungen bestätigen Kants Diktum, daß Raum und
Zeit "apriorische Anschauungsformen unseres Verstandes" sind.
Die Äquivalenzformel für Masse und Energie und die damit verbundene
Komplementerität von Welle und Partikel liefern das mathematische
Gegenstück zur Schopenhauerschen Idee der Welt als Wille und
Vorstellung: Masse und Energie, Welle und Partikel sind lediglich
unterschiedliche Erscheinungsformen (also Vorstellungen) eines
gemeinsamen, an sich jedoch unfaßbaren Substrats (des Schopenhauerschen
Willens).
Die Konzepte des vierdimensionalen raumzeitlichen Kontinuums und der Geometrie
seines Kraftfeldes verändern grundlegend die bisherigen Vorstellungen
vom Aufbau der Welt. Die letzten Bausteine des Weltalls lassen sich nicht
mehr als für sich bestehende, isolierte materielle Teilchen auffassen,
denn nach einem Satz des deutschen Mathematikers Hermann Minkowski "haben
sich Raum und Zeit als getrennte Größen zu leeren Schemen verflüchtigt
und behalten nur in ihrer Verbindung miteinander Wirklichkeitsgehalt."16
Alles Sein ist Bewegung. Ein Teilchen läßt sich nur durch seine
Stellung in Raum und Zeit definieren. Was dabei bestimmt wird, ist ein
Ereignis - die letzten Bausteine des Weltalls sind Ereignisteilchen.
Die Gesamtheit dieser miteinander zusammenhängenden und durcheinander
bedingten Ereignisteilchen bildet das endliche und doch unbegrenzte, einem
ständigen Prozeß der Umformung unterworfene Universum der neuen
Physik. Diese Theorie verändert nicht nur unsere räumliche,
sondern auch unsere zeitliche Vorstellung der Wirklichkeit: zusammen mit
dem Raum ist auch die Zeit endlich und unbegrenzt - auch sie beugt sich
in geschlossenen kosmischen Kurven in sich selbst zurück. Vergangenheit,
Gegenwart, Zukunft, und damit die Kriterien früher oder
später, sind nicht mehr absolute Begriffe; sieht man
vom menschlichen Bewußtsein und seiner subjektiven Zeitvorstellung
ab, "so geschieht das Universum - die objektive Wirklichkeit
- gar nicht, sie existiert bloß."17
Mit Recht sagt Einstein von seinen Entdeckungen, sie seien "um den
Preis der Leere an anschaulichem Inhalt erkauft."18 Doch gilt dies
letztlich auch für die christliche Vorstellung eines (absoluten)
Schöpfergottes oder für die Annahme einer unsterblichen Seele;
in ihrer letzten Essenz ist die Wirklichkeit eben nicht faßbar -
sie läßt sich bestenfalls mit Symbolen und Zeichen be-deuten.
(andeuten, darstellen).
Die moderne Physik hat einerseits die Grenzen und Unzulänglichkeiten
der menschlichen Vorstellungskraft aufgezeigt und die Illusion des Gottmenschen
endgültig zerstört; andererseits hat sie das mathematische Instrumentarium
geschaffen, um eine Grundbedingung menschlichen Weltverständnisses,
die große Idee der durchgehenden Einheit alles Seienden, rational
zu formulieren, sie mit unseren Ich-Strukturen in Übereinstimmung
zu bringen und sie damit in unser rationales Bewußtsein zu integrieren.
Es ist ihr zwar bis heute nicht gelungen, die Quantenmechanik und die
Allgemeine Relativitätstheorie zu einer einheitlichen Theorie zu
verbinden, in der sowohl die Erscheinungen der subatomaren Welt als auch
die des Sternenhimmels durch dieselben Mittel beschrieben werden könnten,19
doch ist die Erreichung dieses Zieles erstmals vorstellbar geworden. Dasselbe
gilt für die theoretische Verbindung geistig-seelischer und materieller
Substanz, der Res cogitans und der Res extensa. Seit Erwin Schrödinger,
der Begründer der Wellenmechanik, 1944 mit seinem Buch Was
ist Leben als einer der ersten die Erkenntnisse der neuen Physik
auf die Biologie übertragen hat, haben Fortschritte in der Neurologie
und der modernen Molekularbiologie sowie die neusten Untersuchungen zur
physikalischen Struktur der genetischen Information die Erreichung
auch dieses Ziels in den Bereich des Möglichen gerückt.
Jedes Weltbild, das diesen Namen verdient, gründet in einer jeweiligen
Vorstellung dessen, was die Einheit alles Seienden ausmacht. Ein bedeutender
Mathematiker und Philosoph, der 1947 verstorbene Brite Alfred North Whitehead,
hat die entsprechende Vorstellung der neuen Physik -das Paradigma der
Moderne - auf einen Satz gebracht: "Die Einheit der Dinge ist das
Ereignis".
Ein ähnlicher Paradigmawechsel vollzog sich um die Jahrhundertwende
auch auf dem Gebiet der Humanwissenschaften. 1900, im selben Jahr, in
dem Max Planck mit der Aufstellung der Quantentheorie ein neues physikalisches
Zeitalter einleitete, legte Sigmund Freud mit seiner Traumdeutung
den ersten Entwurf eines neuen, umfassenden und rational begründeten
Menschenbildes vor.
2. Das Menschenbild der Psychoanalyse
In seinem berühmten Werk zur Neurosenlehre beschreibt der 1946
verstorbene Psychoanalytiker Otto Fenichel, wie sich im Verlauf der Geschichte
wissenschaftliches Denken in einer stufenweisen Entwicklung gegen magisches
Denken durchgesetzt hat. Die Naturwissenschaften mußten dabei gegen
hartnäckige Widerstände ankämpfen, die in dem Maß
zunahmen, als sich der Bereich einer Wissenschaft den persönlichen
Belangen der Menschen näherte: Physik und Chemie befreiten sich früher
als die Biologie; diese wiederum früher als Anatomie und Physiologie,
Anatomie und Physiologie früher als die Psychologie. Von allen Wissenschaften
blieb diese jüngste am stärksten von magischem Denken durchsetzt.
"Jahrhunderte hindurch galt die Psychologie als ein besonderes, von
nüchterner Empirie weit entferntes Gebiet der spekulativen Philosophie",
schreibt Fenichel. "Betrachtet man die mehr oder weniger metaphysischen
Fragen, die in ihr von vordringlicher Bedeutung waren, erkennt man leicht,
daß die Probleme, mit denen sie sich beschäftigte, die alten
Antithesen von Leib und Seele, Menschlichem und Göttlichem, Natürlichem
und Übernatürlichem widerspiegelten. Wertvorstellungen beeinflußten
leider überall die Untersuchung von Tatsachen."20
Ein umfassendes, naturwissenschaftlich begründetes Verständnis
des alltäglichen menschlichen Seelenlebens setzte erst ein, als Sigmund
Freud (1856-1939) um die Jahrhundertwende aus den Einsichten in Ursache,
Verlauf und Therapie der Neurosen mit der Psychoanalyse die Grundlagen
für eine allgemeine Psychologie des Menschen legte, die sowohl das
pathologische als auch das normale Verhalten umfaßt. Damit lieferte
er einen theoretischen Bezugsrahmen, in dem komplexe psychische Vorgänge
ihre Darstellung und Deutung finden können.
Die drei Grundthesen
Das theoretische Gebäude der Psychoanalyse gründet auf drei fundamentalen Annahmen oder Thesen: die Annahme der durchgehenden Determiniertheit des psychischen Geschehens, die Annahme eines sinnvollen unbewußten Seelenlebens und die Annahme einer elementaren, als Trieb bezeichneten psychischen Energie, die aller menschlichen Aktivität, allem menschlichen Verhalten zugrundeliegt.21
1. Der psychische Determinismus
Freud war davon überzeugt, daß wie im Fall physikalischer Vorgänge
auch im Bereich der Psyche nichts zufällig, d.h. grundlos geschieht,
daß also jedes menschliche Verhalten kausal bedingt und durch eine
Vielfalt unterschiedlicher Faktoren natürlicher Art bewirkt und geformt
wird. Mit seinem bahnbrechenden Werk Die Traumdeutung (1900),
in dem er anhand eines umfangreichen Beobachtungsmaterials erstmals die
durchgehende Determiniertheit alles psychischen Geschehens nachwies, wurde
er zum eigentlichen Begründer der wissenschaftlichen Psychologie.
Wohl wurde das Prinzip des psychischen Determinismus schon damals auch
von anderen Psychologen anerkannt, doch ließen es diese nur für
das bewußte und gezielte Verhalten gelten. Freud dagegen dehnte
es auf jedes, noch so belanglos erscheinende psychische Geschehen aus;
er war überzeugt, daß gerade die Untersuchung der kausalen
Bedingtheit scheinbar bedeutungsloser, von der Wissenschaft bisher unbeachterer
psychischer Phänomene zu einer tieferen Einsicht in das menschliche
Seelenleben führen würde.
2. Das Unbewußte
Freuds erste Entdeckungen, wie z.B. die Einsicht in den Sinn (und die
versteckte Absichtlichkeit) scheinbar zufälliger Fehlleistungen (wie
Versprechen, Verlegen, Vergessen usw.), oder die Einsicht, daß unsere
Psyche während des Schlafes trotz der Lahmlegung der verstandesmäßigen
und motorischen Funktionen im Traum eine bedeutungsvolle und intensive
Aktivität entfaltet, führten ihn zur Annahme, daß es neben
dem bewußt Seelischen und dem Vorbewußten (jenem Gedächtnisinhalt,
der normalerweise bewußt werden kann) ein eigentlich unbewußtes
Seelenleben gibt; dieses vermag der Mensch nicht oder nicht mehr ins Bewußtsein
zu heben, obwohl es sich in ihm geltend macht. Daraus entwickelt er um
1900 ein erstes Modell der Psyche, das drei Systeme psychischer
Qualitäten unterscheidet, nämlich die Systeme Unbewußt,
Vorbewusst und Bewußt.
Die Annahme unbewußter psychischer Prozesse war an sich nichts neues.
Auch frühere Psychologen hatten sich mit unbemerkten
Bedingungen und nicht wahrgenommenen oder nicht wahrnehmbaren
Vorgängen befaßt, die dem menschlichen Verhalten zu Grunde
liegen. Die Freudsche These des Unbewußten unterschied sich jedoch
von den entsprechenden Auffassungen seiner Vorgänger und Zeitgenossen
in dreifacher Weise: dadurch, daß er
a) das nicht wahrnehmbare Verhalten in psychologische Begriffe faßte,
b) daß er diesem Zielbestimmtheit und Zweckmäßigkeit
zuschrieb,
c) daß er es mit Motivationen, Affekten und Gedanken verknüpfte.22
Unbewußte psychische Vorgänge waren nach Freud keine bloße
Zugabe zum bewußten Seelenleben, sondern bildeten dessen
eigentliche Grundlage.
3. Der Trieb
Die Beobachtung, daß Verhalten nicht ausschließlich durch
äußere Reize ausgelöst wird, sondern oft auch ohne diese
spontan eintritt, und daß sich alles Verhalten durch eine manifeste
oder latente, durch eine bewußte oder unbewußte Zielbestimmtheit
und Zweckmässigkeit auszeichnet,23 führte Freud zur Annahme
einer unbekannten, von ihm als Trieb bezeichneten Energie, die aller menschlichen
Aktivität zu Grunde liegt.
Die Triebe repräsentieren nach Freud die körperlichen Anforderungen
an das Seelenleben. Sie unterscheiden sich von äußeren Reizen
dadurch, daß sie aus Quellen aus dem Körperinnern stammen und
wie eine konstante Kraft wirken, der sich das Ich nicht durch Flucht entziehen
kann. Wie im Fall anderer Naturkräfte, z.B. der Elektrizität,
läßt sich auch beim Trieb nicht angeben, was diese Kraft ist,
sondern bestenfalls, wie sie sich verhält und in welcher Form sie
auftritt. Psychisch, auf der Ebene des Bewußtseins, manifestiert
sich der Trieb durch sein Drängen und seine Ziele, d.h. durch das
Ansteigen und/oder Absinken emotionaler Spannungen, die sowohl durch somatische
Reize im Körperinnern als auch durch äußere, den Trieb
motivierende Einflüsse erzeugt werden können.
Das psychoanalytische Triebkonzept ist oft und in zweifacher Hinsicht
mißverstanden worden. Das erste Mißverständnis ergibt
sich aus der Terminologie und besteht darin, daß Trieb fälschlicherweise
mit Instinkt gleichgesetzt wird.24 Unter Instinkt versteht man einen beim
Tier vorrangigen, angeborenen Verhaltensmechanismus, der auf bestimmte
Reize in stereotyper oder nahezu gleichbleibender Weise reagiert; der
Instinkt schließt dabei die jeweilige motorische Reaktion mit ein.
Der Ausdruck Trieb, wie ihn Freud verwendet, bezeichnet stattdessen nur
den bewußten oder unbewußten dynamischen Prozeß innerer
Erregung oder -Spannung, der beim Menschen als Reaktion auf eine spezifische
äußere Reizwirkung oder auf Grund anderer Determinanten eintritt
und nach Entladung drängt.25
Die motorische Abfuhr dieser Erregung, d.h. die eigentliche Triebhandlung,
wird nicht nur durch den Trieb, sondern auch durch die Funktionen einer
äußerst komplexen psychischen Organisation bestimmt, die in
der psychoanalytischen Theorie unter dem Begriff des Ich gefaßt
wird und später etwas ausführlicher erörtert werden soll.
Der Trieb schließt somit die motorische Aktion, die er verursacht,
nicht mit ein; trotz vielfältiger Entsprechungen zum tierischen Instinkt
darf er deshalb mit diesem nicht gleichgesetzt werden.
Das zweite Mißverständnis ist nur allzu bekannt: die Psychoanalyse
behaupte, alles Verhalten werde durch die Sexualität bestimmt. Es
trifft zwar zu, daß der Sexualtrieb und seine Partialtriebe diejenigen
waren, die die Psychoanalyse am eingehendsten untersucht hat. Die Psychosexualität
wurde dabei aber so umfassend definiert, daß sie niemals synonym
mit Sex war; darüber hinaus wurden schon in den frühen
Stadien der Theorie auch Selbsterhaltungs- und Ich-Triebe angenommen.26
Obwohl Freud seine Trieblehre trotz mehrerer Umgestaltungen zu keinem
Abschluß gebracht hat und obwohl man sich auch heute noch nicht
darüber einig ist, wieviele und welche Art von Trieben anzunehmen
sind, hat die psychoanalytische Forschung genügend Einsichten in
deren Wesen und in ihre motivierende Rolle gewonnen, um daraus eine zusammenhängende
Triebtheorie zu entwickeln.
Freud unterscheidet am Trieb Quelle, Objekt und Ziel.
Mit Quelle bezeichnet er das somatische Moment des Triebes, den weitgehend
unbekannten körperlichen Vorgang, dessen Reiz im Psychischen durch
den Trieb repräsentiert wird. Freud erklärt dazu: "Das
Studium der Triebquellen gehört der Psychologie nicht mehr an; obwohl
die Herkunft aus der somatischen Quelle das schlechtweg Entscheidende
für den Trieb ist, wird er uns im Seelenleben doch nicht anders als
durch seine Ziele bekannt."27
Als Ziel des Triebes bezeichnet Freud sowohl - im Sinn des Endziels -
die Befriedigung, also die Aufhebung des Reizzustandes an der Triebquelle,
als auch die jeweiligen Schritte, die zur Erreichung dieses Zieles führen.
In dieser Hinsicht sind Triebziele auch weitgehend modifizierbar: "...
wenn auch das Endziel für jeden Trieb unverändert bleibt, so
können doch verschiedene Wege zum gleichen Endziel führen, so
daß sich mannigfache nähere oder intermediäre Ziele für
einen Trieb ergeben können, die miteinander kombiniert oder gegeneinander
vertauscht werden."28
Die Befriedigung des Triebes erfolgt immer an oder durch ein Objekt. Dieses
"ist das variabelste am Triebe, nicht ursprünglich mit ihm verknüpft,
sondern ihm nur infolge seiner Eignung zur Ermöglichung der Befriedigung
zugeordnet. Es ist nicht notwendig ein fremder Gegenstand, sondern ebensowohl
ein Teil des eigenen Körpers. Es kann im Laufe der Lebensschicksale
des Triebes beliebig oft gewechselt werden".29 Wie im Falle der Liebe
oder des Hasses kann auch eine Gesamtperson zum Triebobjekt werden. Und
schließlich können auch konkrete oder abstrakte Vorstellungen
die Objekte bilden, an denen oder durch die der Trieb seine Ziele zu erreichen
versucht.
In dieser Beweglichkeit des Verhaltens und in der Variabilität der
menschlichen Objektwahl zeigt sich der entscheidende Unterschied zwischen
Trieb und Instinkt. Das Verhalten und die Koordination des Verhaltens
mit seinem Objekt sind beim Tier durch Prägung und Instinkt gesteuert
und durch sogenannte Automatismen und angeborene Auslösemechanismen
weitgehend festgelegt. Demgegenüber verfügt der Mensch über
autonome Ich-Funktionen, denen die Verfügung und Kontrolle über
die willkürliche Muskelbewegung zukommt. Darüber hinaus kann
er sein Verhalten insofern individuell steuern, als er durch die spezifisch
menschliche Fähigkeit zur Symbolbildung in der Lage ist, ein Triebobjekt,
d.h. die dieses Triebobjekt repräsentierenden Vorstellungen, durch
andere zu ersetzen.
An Stelle der Instinktsteuerung tritt so beim Menschen eine komplexe individuelle
psychische Steuerung, die durch das Zusammenwirken von drei grundlegenden
psychischen Funktionen zustandekommt. Aus dieser funktionellen Gliederung
hat Freud ein umfassendes Strukturmodell der Psyche entwickelt.
Der psychische Apparat
Um 1915 entwarf Freud sein zweites und wohl bekanntestes Modell der
Psyche, das Modell des psychischen Apparats. Es vereint drei psychische
Instanzen, die sich fast im Sinn eigentlicher Wesen mit eigenen Strebungen
und eigenen Regulationsprinzipien verstehen lassen: das Es, das Ich und
das Über-Ich. Diese Aufteilung in Systeme oder Instanzen, denen verschiedene
Eigenschaften oder Funktionen zukommen, stellt keinen Versuch dar, diese
Funktionen anatomisch zu lokalisieren. Das Modell des psychischen Apparates
hat nichts mit Gehirnanatomie zu tun, sondern dient lediglich dazu, die
beobachteten psychischen Phänomene (die Antriebe und Steuerungen
menschlichen Verhaltens) auf Grund ihrer Qualitäten und der sie bestimmenden
Gesetzmäßigkeiten theoretisch zu ordnen und zueinander in einen
sinnvollen, mit der Erfahrung übereinstimmenden Bezug zu bringen.
Die knappste Umschreibung der drei Instanzen findet sich in Freuds später,
unvollendeter Schrift Abriss der Psychoanalyse (1938). Als
erstes stellt Freud das Es vor: "Sein Inhalt ist alles, was ererbt,
bei Geburt mitgebracht, konstitutionell festgelegt ist, vor allem also
die aus der Körperorganisation stammenden Triebe."30
Die zweite Instanz des psychischen Apparates ist die Organisation des
Ich, die zwischen Es und Außenwelt vermittelt: "Infolge der
vorgebildeten Beziehung zwischen Sinneswahrnehmung und Muskelaktion hat
das Ich die Verfügung über die willkürlichen Bewegungen.
Es hat die Aufgabe der Selbstbehauptung, erfüllt sie, indem es nach
außen die Reize kennenlernt, Erfahrungen über sie aufspeichert
(im Gedächtnis), überstarke Reize vermeidet (durch Flucht),
mäßigen Reizen begegnet (durch Anpassung) und endlich lernt,
die Außenwelt in zweckmäßiger Weise zu seinem Vorteil
zu verändern (Aktivität); nach innen gegen das Es, indem es
die Herrschaft über die Triebansprüche gewinnt, entscheidet,
ob sie zur Befriedigung zugelassen werden sollen, diese Befriedigung auf
die in der Außenwelt günstigen Zeiten und Umstände verschiebt
oder ihre Erregungen überhaupt unterdrückt."31
Als letzte Instanz des psychischen Apparates beschreibt Freud das Über-Ich,
in dem unser Gewissen und unsere Ideale ihren Sitz haben: "Als Niederschlag
der langen Kindheitsperiode, während der der werdende Mensch in Abhängigkeit
von seinen Eltern lebt, bildet sich in seinem Ich eine besondere Instanz
heraus, in der sich dieser elterliche Einfluß fortsetzt. Sie hat
den Namen des Über-Ichs erhalten. Insoweit dieses Über-Ich sich
vom Ich sondert und sich ihm entgegenstellt, ist es eine dritte Macht,
der das Ich Rechnung tragen muß. Eine Handlung des Ichs ist dann
korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Über-Ichs
und der Realität genügt, also deren Ansprüche miteinander
zu versöhnen weiß. Die Einzelheiten der Beziehung zwischen
Ich und Über-Ich werden durchweg aus der Zurückführung
auf das Verhältnis des Kindes zu seinen Eltern verständlich.
Im Elterneinfluß wirkt natürlich nicht nur das persönliche
Wesen der Eltern, sondern auch der durch sie fortgepflanzte Einfluß
von Familien-, Rassen- und Volkstradition sowie die von ihnen vertretenen
Anforderungen des jeweiligen sozialen Milieus. Ebenso nimmt das Über-Ich
im Laufe der individuellen Entwicklung Beiträge von seiten späterer
Fortsetzer und Ersatzpersonen der Eltern auf, wie Erzieher, öffentlicher
Vorbilder, in der Gesellschaft verehrter Ideale. Man sieht, daß
Es und Über-Ich bei all ihrer fundamentalen Verschiedenheit die eine
Übereinstimmung zeigen, daß sie die Einflüsse der Vergangenheit
repräsentieren, das Es den der ererbten, das Über-Ich im wesentlichen
den der von anderen übernommenen, während das Ich hauptsächlich
durch das selbst Erlebte, also Akzidentelle und Aktuelle bestimmt wird."32
Somit umfaßt die Seele weit mehr als das selbstbewußte Ich;
dieses ist bloß ein Teil der Psyche, nämlich das Organ, welches
die Funktionen der Realitätsanpassung und des inneren Kräfteausgleichs
übernimmt. Als solches versucht das Ich, die Bedürfnisse und
Ziele der beiden anderen Instanzen mit den Bedingungen und Forderungen
der Realität in Übereinstimmung zu bringen; die gegensätzliche
Ausrichtung von Es und Über-Ich setzt dieser Versöhnung jedoch
enge Grenzen. Die aus dem Es stammende Triebenergie äußert
sich vielfach in Wünschen, Gedanken und Vorstellungen, die den Wertungen
des Über-Ich (und denjenigen der Umwelt) widersprechen und die darum
entweder unbewußt bleiben oder aber, nachdem sie mehr oder weniger
flüchtig bewußt geworden sind, durch das Ich unterdrückt
oder ins Unbewußte verdrängt werden. Im Versuch, seine Ziele
unter Umgehung der Ich-Kontrolle auf Umwegen zu erreichen, äußert
sich der an diese Wünsche, Gedanken und Vorstellungen fixierte Trieb
in Fehlleistungen, (Vergessen, Versprechen, Verlegen usw.), in Träumen,
und bei extremen Fällen in seelischen und psychosomatischen Störungen.
In jedem Fall ist er stärker als das Ich und bestimmt aus dem Unbewußten
dessen Verhalten auf die vielfältigste Art.
Entsprechendes gilt für die Macht des Über-Ich. Entgegen einer
weitverbreiteten Meinung werden nämlich nicht nur Triebregungen und
Triebziele aus dem Bewußtsein verdrängt; die Forderungen des
Gewissens, die Gebote und Verbote des Über-Ichs erfahren oft dasselbe
Schicksal.
Das manifeste Seelenleben, d.h. das, was die Menschen über die Beweggründe
ihres Verhaltens wissen oder zu wissen vorgeben, ist somit in den meisten
Fällen nur eine Verschleierung und Verzerrung der wirklichen Motive
ihrer Gefühle und Handlungen.
Jedes menschliche Verhalten wird unter anderem durch eine jeweils bestimmte
Ausformung des innerpsychischen, strukturellen Konflikts bestimmt und
stellt den Versuch dar, diesen Konflikt zu lösen. Die Psychoanalyse
ist somit immer auch eine Konfliktpsychologie.
Damit kommen wir zur sogenannten Metapsychologie, d.h. der
systematischen und umfassenden Untersuchung des menschlichen Verhaltens
und seiner wesentlichen Determinanten.
Die metapsychologischen Gesichtspunkte
Die Metapsychologie faßt menschliches Verhalten als
einen vielschichtigen, doch einheitlichen Prozeß auf. Freud definiert
sie als eine Betrachtungsweise, in der seelische Vorgänge gleichzeitig
unter verschiedenen psychologischen Gesichtspunkten untersucht und dargestellt
werden. So schreibt er 1915, "daß es eine metapsychologische
Darstellung genannt werden soll, wenn es uns gelingt, einen psychischen
Vorgang nach seinen dynamischen, topischen und ökonomischen Beziehungen
zu beschreiben."33
Im Verlauf ihrer späteren Entwicklung hat die Psychoanalyse diesen
ersten drei Beziehungen eine ganze Reihe weiterer Determinanten menschlichen
Verhaltens hinzugefügt.34
Die erste systematische Darstellung der psychoanalytischen Metapsychologie
findet sich in David Rapaports Standardwerk Die Struktur der psychoanalytischen
Theorie (1950). Darin formuliert Rapaport die bisher definierten
Determinanten als die sogenannten metapsychologischen Gesichtspunkte,
unter denen die Psychoanalyse menschliches Verhalten untersucht.35
Der genetische Gesichtspunkt: Alles Verhalten ist Teil einer genetischen Reihe und, durch seine Vorläufer, Teil der zeitlichen Aufeinanderfolgen, die die gegenwärtige Form der Persönlichkeit hervorgebracht haben. In diesem Sinn wird alles Verhalten durch das, was ihm voranging, bestimmt.36
Der topographische (oder topische) Gesichtspunkt: Die entscheidenden Determinanten des Verhaltens sind unbewußt.37
Der dynamische Gesichtspunkt: Alles Verhalten ist letzten Endes triebbestimmt.
"Während die frühe Psychoanalyse den Satz von der letztlichen
Triebbestimmtheit tatsächlich ohne Einschränkung anwendete",
schreibt Rapaport, "führten die wachsenden Beweise für
die Unteilbarkeit des Verhaltens zu der Einsicht, daß
das Verhalten, insofern es als von Trieben determiniert bezeichnet werden
kann, auch als von Abwehrmechanismen und/oder Kontrollen determiniert
bezeichnet werden muß. [...] So muß der Satz von der letztlichen
Determiniertheit des Verhaltens durch Triebe, obgleich er in der Psychoanalyse
seine Gültigkeit behält, im Zusammenhang der anderen hier besprochenen
Grundthesen gesehen werden, die seinen Geltungsbereich näher bestimmen
und begrenzen."38
Der ökonomische Gesichtspunkt: Alles Verhalten führt seelische
Energie ab und wird durch seelische Energie reguliert.39
Als Energiebetrag, der nach einer bestimmten Richtung drängt, läßt
sich der Trieb nicht nur unter einem dynamischen, sondern auch unter einem
ökonomischen Gesichtspunkt betrachten. Freud spricht in diesem Zusammenhang
vom Erregungsquantum, der Erregungsladung oder der Intensität des
Triebes oder der Triebregung. Die ökonomische Beziehung des Triebes
zu seinen Zielen und Objekten wird im Begriff der Besetzung gefaßt.
Dieser bezeichnet die Tatsache, daß psychische Energie an eine Vorstellung
oder Vorstellungsgruppe, also an ein Objekt gebunden, respektive auf dieses
gerichtet ist. In diesem Sinn unterscheidet man z.B. zwischen geringer
und starker Besetzung, spricht von Besetzungsenergie und bezeichnet als
Besetzungsverschiebung den Vorgang, durch den Triebstrebungen ihr Objekt
gegen ein anderes auswechseln (Beispiel: wenn jemand bei einem Wutausbruch
Geschirr zerschlägt, statt seinen Gegner tätlich anzugreifen).
In ökonomischer Hinsicht führt die Erreichung des Triebziels
zu einer Art Entleerung der Energie, was man als Abfuhr bezeichnet. Diese
kann teilweise oder vollständig erfolgen, führt in der Regel
zur Aufhebung der jeweiligen Besetzungen und wird vom Ich als Lust empfunden.
Obwohl sich die psychische Energie in Phänomenen äußert,
die den physikalischen Gesetzen des Energieaustausches zu gehorchen scheinen,
läßt sie sich nicht in den mathematischen Formeln ausdrücken,
in denen die Physik ihren Energiebegriff faßt. "Es ist aber
weder gesagt noch ausgeschlossen", so Rapaport, "daß unter
Umständen ein biochemischer Energieaustausch aufgedeckt werden könnte,
welcher dem Austausch an psychologischer Energie entspräche, auf
den die Psychoanalyse aus den Verhaltensweisen der Person schließt."40
Der strukturelle Gesichtspunkt: Alles Verhalten hat strukturelle Determinanten.41
Anders gesagt: alles Verhalten wird durch Konflikt bestimmt, wobei der
strukturelle Konflikt - der innerpsychische Konflikt zwischen Es, Ich
und Über-Ich - als die Essenz des Konfliktbegriffs aufgefaßt
wird.
Der adaptive Gesichtspunkt: Alles Verhalten wird durch die Realität
bestimmt.
In der psychoanalytischen Theorie bezeichnet der Begriff Realität
die äußere Wirklichkeit, einschließlich des Körpers
des Subjekts, doch mit Ausschluß der somatischen Quellen von Trieben
und Affekten; diese äußere Realität stellt die Antithese
zur psychologischen Realität dar. Sie bildet wie jene eine Determinante
menschlichen Verhaltens.
In diesem Sinn unterscheidet Freud in seiner 1911 veröffentlichten
Arbeit Formulierungen über zwei Prinzipien des psychischen
Geschehens zwischen dem Lustprinzip und dem Realitätsprinzip.
Das Lustprinzip beherrscht alle primären, psychischen Vorgänge
und deren Auswirkungen auf das Ich. Die Tätigkeit des Ich wird, wie
wir bereits erfahren haben, durch die Beachtung triebmässiger innerer
Reizspannungen geleitet. Deren Erhöhung wird allgemein als Unlust,
deren Herabsetzung als Lust empfunden. Das Ich strebt nach Lust und will
der Unlust ausweichen. Dazu muß es jedoch auch der Realität
Rechnung tragen. Aus dieser Bedingtheit entwickelt sich, als eine Modifikation
des ursprünglich allein herrschenden Lustprinzips, ein zweiter Regulationsmodus
des psychischen Geschehens: das Realitätsprinzip.
Die Anfänge dieser Entwicklung reichen bis ins Säuglingsalter
zurück. Freud nimmt an, daß der Säugling bei ausbleibender
Befriedigung seiner Bedürfnisse die entsprechende Triebspannung zuerst
dadurch abzuführen versucht, daß er die Erfüllung seiner
Bedürfnisse einfach halluziniert, so wie es auch der Erwachsene allnächtlich
mit seinen Träumen tut. "Erst das Ausbleiben der erwarteten
Befriedigung, die Enttäuschung, hatte zur Folge, daß dieser
Versuch der Befriedigung auf halluzinatorischem Wege aufgegeben wurde.
Anstatt seiner mußte sich der psychische Apparat entschließen,
die realen Verhältnisse der Außenwelt vorzustellen und die
reale Veränderung anzustreben. Damit war ein neues Prinzip der seelischen
Tätigkeit eingeführt; es wurde nicht mehr vorgestellt, was angenehm,
sondern was real war, auch wenn es unangenehm sein sollte."42
Das Realitätsprinzip unterwirft den psychischen Apparat einer ganzen
Reihe von Modifikationen: es führt zur Entwicklung der bewußten
Funktionen (Aufmerksamkeit, Urteilsfähigkeit, Gedächtnis) und
zur Entstehung des Denkens. Mit dem Übergang vom Lustprinzip zum
Realitätsprinzip wird das erste nicht ausgeschaltet. Beide bestimmen
gleichermaßen die Aktivitäten des Ich, dessen Aufgabe darin
besteht, die Forderungen von Es, Über-Ich und Realität miteinander
in Einklang zu bringen. In diesem Sinn stellt das Ich eine zusammenhängende
Organisation dar, die, zusammen mit den Trieben, alles Verhalten mitbestimmt
und für den koordinierten und organisierten Charakter allen Verhaltens
verantwortlich ist. Es ist dementsprechend rings um das System Wahrnehmung-Bewußtsein,
d.h. um die Mittel zur Auseinandersetzung mit der Realität, organisiert.43
Der psychosoziale Gesichtspunkt: Alles Verhalten ist sozial determiniert.44
Bei diesem Gesichtspunkt handelt es sich letztlich bloß um einen
spezifischen Aspekt des adaptiven Gesichtspunktes.
Die sieben45 metapsychologischen Gesichtspunkte bilden die eigentlichen Axiome der Theorie. Sie werden durch drei weitere Gesichtspunkte ergänzt, mit denen die psychoanalytische Theorie ihr Beobachtungsobjekt definiert. Auch diese sollen stichwortartig zusammengefaßt werden.
Der empirische Gesichtspunkt: Das Objekt der Psychoanalyse ist das Verhalten. Verhalten wird dabei in weitestem Sinn definiert und umfaßt sowohl Gefühl und Denken als auch sichtbares Verhalten, normales wie pathologisches Verhalten, häufige wie einmalige Verhaltensformen.46
Der Gestalt-Gesichtspunkt: Jedes Verhalten ist integral und unteilbar: die zu seiner Erklärung dienenden Begriffe beziehen sich auf seine verschiedenen Komponenten und nicht auf verschiedene Verhaltensweisen. Konkret ausgedrückt: kein Verhalten darf einseitig als Es-Verhalten oder als Ich-Verhalten beschrieben werden. Jedes Verhalten hat bewußte, unbewußte, Ich-, Es-, Über-Ich-, Realitäts-Komponenten. Mit anderen Worten: alles Verhalten ist vielfach determiniert.47
Der organismische Gesichtspunkt: Kein Verhalten steht isoliert: alles Verhalten ist eines der integralen und unteilbaren Persönlichkeit.48 Anders gesagt: jedes Verhalten wird durch die psychischen Bedingungen und Strukturen der Gesamtpersönlichkeit bestimmt und muß zu seiner vollständigen Erklärung zu diesen in Beziehung gesetzt werden.49
Man erkennt, in welchem Maß sich die Psychoanalyse allein schon durch die Definition ihres Untersuchungsobjekts - der menschlichen Psyche - von aller voranalytischen Psychologie unterscheidet. Die statische Auffassung der Seele als einer gegebenen Größe weicht der Vorstellung eines komplexen und unteilbaren dynamischen Prozesses. An Stelle der bisherigen Antinomie von Leib und Seele tritt die Überzeugung von deren innigen Verbindung und ihrer gegenseitigen Bedingtheit. Darin läßt sich derselbe paradigmatische Wandel erkennen, der sich zu Beginn unseres Jahrhunderts auch in der Physik vollzogen und in der Malerei künstlerische Gestalt und Ausdruck gefunden hat.
Der philosophische Aspekt der Psychoanalyse
Nachdem das theoretische Fundament der Psychoanalyse gelegt war, begann
Freud, die aus dem Studium der individuellen Psyche gewonnenen Einsichten
auf gesellschaftliche Zusammenhänge zu übertragen. Aus der Fülle
entsprechender Arbeiten greife ich diejenigen heraus, die schon zur Zeit
ihres Erscheinens weltweites Aufsehen erregt haben. Es sind Totem
und Tabu (1912), Die Zukunft einer Illusion (1927),
und Das Unbehagen in der Kultur (1930).
Der Essay Totem und Tabu führt den Ursprung der im Titel
genannten kulturellen Regulationsprinzipien primitiver Gesellschaften
auf den einstigen (von Freud angenommenen) Aufstand der jungen Männer
eines Clans gegen die Macht des Stammesvaters zurück. Die Phänomene
Totem und Tabu gründen somit in der verdrängten und unbewußten
Erinnerung an den archaischen Vatermord.
Die Zukunft einer Illusion zeigt die Übereinstimmungen
zwischen religiösen Ritualen und neurotischen Symptomen auf und deutet
die Vorstellung eines allmächtigen Gottes als eine kollektive Überhöhung
des individuellen Vaterbildes.
In der berühmten Schrift Das Unbehagen in der Kultur
geht Freud den Ursachen dieses Unbehagens und der weitverbreiteten Sehnsucht
nach primitiveren kulturellen Zuständen nach; dabei erklärt
er diese Sehnsucht und dieses Unbehagen als eine Folge des durch das gesellschaftliche
Zusammenleben erzwungenen Triebverzichts.
So versteht Freud die großen kulturellen Leistungen der Menschheit
wie z.B. Kunst, Wissenschaft und Religion als Ausdruck derselben gegensätzlichen
und weitgehend unbewußten Triebkräfte und Strebungen, die auch
dem individuellen Verhalten zu Grunde liegen. Sowohl das individuelle
als auch das kollektive Verhalten, das sich in der kulturellen Entwicklung
niederschlägt, steht im Dienst der Konfliktlösung. Alle Kultur
ist ihrem Wesen nach Kompromiß, alle Kultur fordert Verzicht.
Das Menschenbild der Psychoanalyse und ihre Relativierung der höchsten
kulturellen Werte vertrugen sich schlecht mit dem Selbstverständnis
der damaligen Bildungselite. Die ungeheuren Fortschritte von Wissenschaft
und Technik hatten das 19. Jahrhundert in einen eigentlichen Vernunftrausch
versetzt. Tagtäglich schien der Intellekt neue Siege zu feiern, schien
die Allmacht des menschlichen Geistes neu bestätigt zu werden. Unaufhaltsam
wich die Dunkelheit dem Licht, wich das Chaos der Ordnung; der Mensch
schien im Begriff, die endgültige Herrschaft über Welt und Natur
anzutreten.
Dieser wissenschaftsgläubige Kulturoptimismus wurde zwar nicht von
allen geteilt; von vielen Künstlern und den Anhängern esoterischer
Geheimlehren wurde er sogar entschieden abgelehnt, doch nur seiner materialistischen
Ausrichtung wegen; ansonsten hielten auch die Gegner des technisch-wissenschaftlichen
Fortschritts an der Vorstellung eines gottähnlichen, zu einer rein
geistigen Existenz bestimmten Menschen fest. Die Annahme eines unbewußten
Seelenlebens, das sich zur bewußtseinsfähigen Psyche verhält
wie der unter dem Meeresspiegel verborgene Eisberg zu seiner sichtbaren
Spitze, mochten sie unter gewissen Einschränkungen noch gelten lassen;
die Leugnung des Übersinnlichen und die Rückführung alles
menschlichen Verhaltens auf die Wirksamkeit anonymer, biologisch bedingter
Triebe, insbesondere auf das machtvolle Drängen der Sexualität,
konnten aber auch sie unter keinen Umständen annehmen.
So stieß die Psychoanalyse zur Zeit ihrer Anfänge fast überall
auf Unverständnis und Ablehnung. Dessen ungeachtet begann sich ihr
Einfluß, wenn auch langsam, auf den unterschiedlichsten Gebieten
durchzusetzen.50
Heute bildet die Psychoanalyse nicht nur das theoretische Rückgrat
fast aller psychologischen Schulen und psychotherapeutischen Verfahren;
sie bestimmt auch in einem kaum zu überschätzenden Maß
alle Humanwissenschaften. Ohne ihren Beitrag zum Verständnis der
menschlichen Psyche wären Soziologie, Anthropologie und Geschichte
in ihrer heutigen Form nicht denkbar. Der Einfluß der Psychoanalyse
auf Kunst, Wirtschaft und Politik, auf Strafgesetz, Erziehung und Bildungswesen
ist zwar weniger direkt, doch deshalb nicht geringer.
Die Psychoanalyse hat das Menschenbild, die neue Physik das Weltbild der
Moderne, auf eine neue Grundlage gestellt. Dabei fällt auf, daß
die revolutionären Konzepte der beiden Wissenschaften untereinander
bemerkenswerte Übereinstimmungen aufweisen. Trotz der mannigfaltigen
Entsprechungen zwischen den Entdeckungen der Psychoanalyse und denen der
neuen Physik darf man jedoch nicht vergessen, daß es sich bei der
ersteren um eine immer noch sehr junge Wissenschaft handelt, die sich,
was ihre theoretische Kohärenz und Widerspruchslosigkeit und ihre
praktischen Erfolge betrifft, weder mit der Quanten- noch mit der Relativitätstheorie
messen kann. Der Prozeß, der sich aus dem Wechselspiel zwischen
Beobachtungen und Theorien ergibt, ist immer langsam: Quantifizierung
und Methodik sind späte Produkte jeder Wissenschaft; so steht auch
die Systematisierung der psychoanalytischen Theorie noch in ihren Anfängen,
während die Physik auf eine Jahrtausende dauernde Forschungsarbeit
zurückblicken kann.51
Trotzdem kommt der Psychoanalyse für das Selbstverständnis der
Moderne eine ebenso große Bedeutung zu wie der Relativitätstheorie.
Wie Einstein in der Physik hat Freud in der Psychologie die aus dem 19.
Jahrhundert stammenden Antinomien aufgehoben und durch eine umfassende,
dynamische und ganzheitliche Sicht seines Untersuchungsobjekts - der menschlichen
Seele - ersetzt. Die menschliche Seele wird dabei erstmals nicht als feste
Größe, sondern als dynamischer Prozeß aufgefaßt.
Analog zum Universum der Allgemeinen Relativitätstheorie läßt
sich aus der Sicht der Psychoanalyse auch das psychische Universum - die
bewußten und unbewußten, vielfältig miteinander verbundenen
und durcheinander bedingten Regungen, Vorstellungen und Handlungen des
Menschen und der Menschheit - als ein vieldimensionales Kontinuum verstehen,
das einer ständigen Umformung unterworfen ist. Auch für die
psychische Welt gilt Whiteheads Wort: "Die Einheit der Dinge ist
das Ereignis".
Vor allem aber hat die Psychoanalyse den Menschen mit seinem Körper
und seiner Triebnatur konfrontiert. Wohl hat sie ihm damit die Illusion
seiner Gottähnlichkeit genommen; doch hat sie ihn dabei gleichzeitig
auch in einer neuen und unaufhebbaren Weise räumlich und zeitlich,
körperlich und geistig mit allem Existierenden verbunden.
Dieser paradigmatische Wandel spiegelt sich, wie schon mehrmals erwähnt, auch in den künstlerischen Ausgestaltungen der Moderne. Die Abkehr von der äußeren Erscheinung und von der sichtbaren Wirklichkeit, die elementare Formensprache, die Verwendung weitgehend ungebrochener Farben, die durchgehende Rhythmisierung der Bildfläche, die Gleichartigkeit und gegenseitige Bedingtheit aller Gestaltungselemente, die Äquivalenz von Form und Aussage, die Transparenz der Gestattungsmittel und der universelle Geltungsanspruch der künstlerischen Äußerung künden von einem neuen Bewußtsein, vom Selbst- und Weltbild der Moderne.
3. Die soziale Revolution
Das ganzheitliche Welt- und Menschenbild, das in den künstlerischen
und wissenschaftlichen Errungenschaften des anbrechenden 20. Jahrhunderts
Gestalt und Ausdruck gefunden hatte, blieb auf einen engen Kreis von Künstlern,
Wissenschaftlern und Intellektuellen beschränkt. Das Denken der breiten
Massen stand demgegenüber noch im Bann des bisherigen Paradigmas,
d.h. der Werte und Vorstellungen des 19. Jahrhunderts, und begann sich
erst zu ändern, als diese durch den Ausbruch, den Verlauf und die
Folgen des Ersten Weltkrieges radikal in Frage gestellt wurden.
Die Entwicklung von Technik und Industrie hatte der wirtschaftlichen Expansion
völlig neue Möglichkeiten eröffnet und damit die Regierungen
der europäischen Länder dazu gedrängt, ihren Machtbereich
auf möglichst weite Gebiete, vor allem auch jenseits der Meere, auszudehnen.
Der Wettlauf nach Absatzmärkten, Stützpunkten, Handelsniederlassungen
und Einflußsphären lud die an sich schon prekären internationalen
Beziehungen mit zusätzlichen Spannungen auf. Ein allgemeines Gefühl
wirtschaftlicher und politischer Unsicherheit und Bedrohung führte
zu einer immer rascher fortschreitenden militärischen und psychologischen
Aufrüstung. Nationale und imperialistische Gruppen und Verbände
sowie eine Krieg und Gewalt verherrlichende Presse schufen jene Atmosphäre
blinder Kriegsbegeisterung, die sich in der bisher größten
Katastrophe der europäischen Geschichte entladen sollte.52
Der Erste Weltkrieg
Die Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers und seiner
Frau durch einen serbischen Nationalisten (am 28. Juni 1914 in Sarajevo)
brachten das europäische Pulverfaß zur Explosion. Deutschland
und Österreich-Ungarn, die sogenannten Zentralmächte, zu denen
sich später noch die Türkei und Bulgarien gesellten, griffen
Belgien, Frankreich, Rußland und Serbien an, die zusammen mit ihren
später dazukommenden Verbündeten, Großbritannien, Japan,
Italien und Rumänien die Entente bildeten. 1917 traten
auch China und die USA auf Seite der Entente in den Krieg ein.
In den europäischen Großstädten wurde der Kriegsausbruch
im August 1914 mit freudiger Erregung und Begeisterung begrüßt.
Die in wahrhaft festlicher Stimmung einrückenden Soldaten waren überzeugt,
die heiligsten Güter der Nation zu beschützen und
einen schnellen Sieg zu erringen. Konkrete Kriegsziele waren dabei von
untergeordneter Bedeutung. Erst die unerwartet lange Kriegsdauer und die
immer größeren Opfer ließen die Frage nach dem Sinn des
mörderischen Ringens aktuell werden. Hinter den propagandistischen
Schlagworten und Durchhalteparolen wurden die immergleichen Beweggründe
der Großmächte sichtbar: der Erste Weltkrieg war ein reiner
Machtkampf, bei dem es nicht, wie etwa im Zweiten Weltkrieg, um politische
Ideologien und Ordnungsprinzipien ging, sondern um die wirtschaftliche
und politische Beherrschung Europas und der Welt.
Militärisch brachte der Krieg große Erneuerungen. Kanonen bisher
unbekannter Reichweite, Kampfflugzeuge, lenkbare Luftschiffe, Unterseeboote,
gepanzerte Fahrzeuge (die sogenannten Tanks), Flammenwerfer und Giftgas,
Automobile, Lastwagen, Radio und Feldtelefon hatten die Kriegführung
grundlegend verändert.
Obwohl sich die Kampfhandlungen auch auf Afrika, Vorderasien, die Dardanellen
und Griechenland erstreckten, war es nach der russischen Niederlage im
Jahr 1916 klar, daß die Entscheidung an der quer durch Frankreich
verlaufenden Westfront fallen mußte. Diese war nach den ersten erfolgreichen
deutschen Vorstößen in einem Stellungskrieg erstarrt. Zwei
ununterbrochene Schützengrabenlinien zogen sich, nur wenige hundert
Meter voneinander entfernt, von der Schweizer Grenze bis zur Nordsee.
Die beiden Heere lagen verschanzt einander gegenüber und konnten
nur unter ungeheuren Verlusten vorrücken. Sie zählten Millionen,
und hinter ihnen wurde die gesamte Bevölkerung zur Versorgung der
Front mit Nahrung, Kleidung, Waffen und Munition eingesetzt. Da alle gesunden
Männer für das Heer oder die Flotte eingezogen worden waren,
arbeiteten in der Industrie vorwiegend Frauen. Es dauerte nicht lange,
bis alles, was dem Nachschub diente, zum Ziel der Kampfhandlungen erklärt
wurde. Die immer häufiger einsetzenden Luftangriffe dehnten den Krieg
auf das Gebiet hinter den Fronten aus und trugen Tod und Zerstörung
in die Zivilbevölkerung.
Der zivile Verkehr brach zusammen, die Nahrungsmittelproduktion wurde
immer spärlicher, die Erziehungsarbeit geriet ins Stocken, die medizinische
Versorgung beschränkte sich auf das Allernotwendigste. Die Bevölkerung
wurde aus all ihren bisherigen Lebensbedingungen gerissen und von einer
zunehmenden Desorientierung ergriffen. Am nachhaltigsten wirkte sich diese
allgemeine Entwurzelung in Rußland aus.
Die russische Oktoberrevolution
Die Willkürherrschaft des Zaren, eine schwere Agrarkrise und die
massive Ausbeutung der Arbeiterschaft hatten schon vor dem Krieg die soziale
Ordnung untergraben und zur Bildung revolutionärer Bewegungen geführt.
Der unglückliche Verlauf des Krieges verstärkte die allgemeine
Unzufriedenheit. Massendemonstrationen der Arbeiterschaft und die Meuterei
einzelner Truppenverbände leiteten im Februar 1917 die Revolutionswirren
ein. Die aufständischen Arbeiter und Soldaten, die von sogenannten
Sowjets [Räten] geführt wurden, erzwangen die Abdankung des
Zaren und die Bildung einer provisorischen Regierung, die allen politischen
Häftlingen Amnestie gewährte, politische Freiheiten gewährleistete
und alle rechtlichen Unterschiede zwischen den Ständen, Religionsgemeinschaften
und Nationalitäten aufheben sollte.
Doch kamen diese Reformen zu spät. Inzwischen war Lenin, der Führer
der Bolschewiki (unter den Revolutionären die radikal-marxistische
Gruppierung) aus seinem Schweizer Exil nach Rußland zurückgekehrt,
um die ausgebrochene Revolution in seinem Sinn zu lenken. Er verwarf den
bisher auch von seinen eigenen Anhängern unterstützten Übergang
zur parlamentarisch-bürgerlichen Demokratie, verlangte für die
Sowjets, die sich inzwischen im ganzen Reich konstituiert hatten, alle
Macht, forderte die sofortige Beendigung des Krieges und sagte der Regierung
einen bedingungslosen Kampf an. Nachdem die Bolschewiki im Sowjet die
Mehrheit errungen hatten, stürzten sie am 25. Oktober 1917 die provisorische
Regierung . In rascher Folge erließ ein Rat der Volkskommissare
unter dem Vorsitz Lenins eine Anzahl von Dekreten, welche die alte Sozialordnung
radikal beseitigten. Der Großgrundbesitz wurde entschädigungslos
enteignet und das Land an die Bauern verteilt. Die Leitung der Industriebetriebe
übernahmen Arbeiterräten, später wurden die Banken und
alle Fabriken, Unternehmen und Betriebe verstaatlicht. Der Privathandel
wurde verboten und durch staatliche Organisationen ersetzt, welche die
Verteilung von Waren und Nahrungsmittel übernahmen.
"Diese Maßnahmen stürzten Rußland in eine verheerende
Hungersnot", schreibt Harro Brack in einer knappen Zusammenfassung
der damaligen Entwicklung. "Die Bauern konnten nur durch Zwang zu
Lieferungen veranlaßt werden. Mit dem Aufspüren versteckter
Lebensmittel entstand der organisierte Terror. Die Pressefreiheit wurde
aufgehoben, das ordentliche Gerichtsverfahren außer Kraft gesetzt:
Die Gerichte hatten in ihren Entscheidungen die Dekrete der Sowjetregierung
anzuwenden, wo solche fehlten, das sozialistische Rechtsempfinden sprechen
zu lassen. Jeder Widerstand gegen diese neue Ordnung wurde blutig niedergeworfen."53
Die neuen Machthaber wurden von keiner Volksmehrheit getragen. Bei den
Wahlen für die konstituierende Nationalversammlung hatten die Bolschewiki
nur 28 Prozent der Stimmen erzielt. Darauf ließ Lenin im Januar
1918 die Nationalversammlung von Truppen auseinandertreiben und ersetzte
das fehlende gesellschaftliche Mandat durch den Anspruch, "die Interessen
der übergroßen Mehrheit des Volkes zu vertreten". In der
Tat entfachte dieses Vorgehen keinen Widerstand.54
Nach ihrer Machtübernahme forderten die Bolschewiki die deutsche
Regierung zu Friedensgesprächen auf; im März 1918 wurde der
Friedensvertrag unterzeichnet. Das so im Osten entlastete Deutschland
versuchte nun mit einer letzten, übermächtigen Anstrengung an
der Westfront einen militärischen Sieg zu erzwingen, was trotz anfänglicher
Erfolge nicht gelang. Während die Heere der Entente durch die inzwischen
angelaufene Landung frischer amerikanischer Truppen dauernd verstärkt
wurden, waren die Zentralmächte am Ende ihrer Kräfte. Gegen
Ende des Jahres befanden sich ihre Armeen auf allen Fronten im Rückzug.
Die Türken kapitulierten Ende Oktober, Österreich-Ungarn am
2. November. Deutschland unterzeichnete den Waffenstillstand am 11. November.
Der Krieg war zu Ende.
Die Suche nach einer neuen Weltordnung
Der Krieg hatte viereinhalb Jahre gedauert. Zehn Millionen Menschen
waren im Kampf gefallen, weitere Millionen waren an kriegsbedingten Leiden
und Entbehrungen zu Grunde gegangen. Die Überlebenden standen wie
betäubt vor den Ruinen ihrer bisherigen Welt. Sie erhofften sich
zweierlei: eine internationale Weltordnung, die eine Wiederholung der
überstandenen Katastrophe verunmöglichen und eine neue soziale
Ordnung, die der arbeitenden Bevölkerung ein menschenwürdigeres
Leben und echte politische Mitbestimmung garantieren würde.
Die europäischen Völker knüpften ihre Hoffnungen an die
Person des amerikanischen Präsidenten Thomas Woodrow Wilson, der
seit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten in einer Reihe von Reden
und Proklamationen seine Vorstellungen einer zukünftigen internationalen
Ordnung dargelegt hatte. Wilsons öffentliche Äußerungen,
eine Zeitlang über die Köpfe der Regierungen hinweg unmittelbar
an die Völker gerichtet, fanden ungeheuren Widerhall.
Wilson galt während der letzten Kriegsjahre und auch noch einige
Zeit darüber hinaus als der Wortführer eines neuen Zeitalters.
"Er verkündete eine Auffassung der internationalen Beziehungen,
die wie ein Evangelium klang und die Hoffnung auf eine bessere Welt eröffnete:
geheime Abmachungen sollten aufhören, die Nationen ihr
Schicksal selbst bestimmen, der militärischen Gewalttätigkeit
sollte ein Ende gesetzt und die Seewege für die ganze Menschheit
frei werden. Diese Gemeinplätze amerikanischen Denkens, diese geheimen
Wünsche jedes vernünftigen Menschen, erschienen wie ein großes
Licht in der Dunkelheit des haßerfüllten und streitenden Europa.
Die Menschen fühlten, daß nun endlich die Ränkespiele
der Diplomatie zerstört, die Schleier der Großmachtpolitik
zerrissen werden sollten. Da waren nun einmal die Wünsche des gemeinen
Mannes auf der ganzen Welt ausgedrückt, und sie wurden durch die
Autorität und Kraft einer mächtigen jungen Nation unterstützt."55
Wilson schlug die Schaffung einer höchsten Instanz vor, die als Vertreter
eines Weltbündnisses - einer Liga der Nationen - die
freien und friedlichen Beziehungen zwischen den Völkern der Menschheit
aufrechterhalten und als eine Art Appellationsgerichtshof für internationale
Angelegenheiten dienen sollte. Sein berühmtes Vierzehn-Punkte-Programm,
das die Absichten und Grundsätze umfaßte, die er im Namen der
USA an der Pariser Friedenskonferenz zu vertreten gedachte, stieß
auf weltweite Zustimmung - und doch sollte er damit scheitern.
Der größte Teil der Menschheit war bereit, der Abwehr neuer
Kriege jegliches Opfer zu bringen; unter den Regierungen der Alten Welt
war jedoch keine einzige gewillt, auch nur den kleinsten Teil ihrer souveränen
Unabhängigkeit aufzugeben. Wilson hatte leider mit Regierungen und
nicht mit Völkern zu verhandeln. Er war gewaltiger Zukunftsvisionen
fähig, doch auf die Probe gestellt, erwies er sich unfähig,
deren praktische Verwirklichung durchzusetzen. Die Begeisterung, die er
geweckt hatte, schwand, ihre Kraft blieb ungenutzt.
Sogar die Vereinigten Staaten verweigerten ihrem Präsidenten die
Zustimmung; sie traten dem Völkerbund nicht bei, denn im Verlauf
der Gründungsverhandlungen hatte Wilsons ursprüngliches Konzept
zu viele Einbußen erlitten. Mit seiner komplizierten Verfassung
und seinen offenkundigen Machtbeschränkungen konnte der Völkerbund
zu einer wirklichen Reorganisation der internationalen Beziehungen kaum
mehr etwas beitragen.
Doch die Idee war geboren. Die Begeisterung, mit der die ganze Welt Wilsons
Plan begrüßt hatte, deutete auf das Erwachen einer neuen Hoffnung
und eines neuen Ideals. Im öffentlichen Bewußtsein hatte sich
ein fundamentaler Wandel vollzogen: während man bis 1914 den Krieg
als ein legales Mittel der Politik, als durchaus erlaubt und normal betrachtete,
hatte sich nun ein radikales Umdenken vollzogen: ein absichtlich herbeigeführter
Krieg galt fortan als ein Verbrechen an der Menschheit. Mit der Idee einer
friedfertig zusammenlebenden Völkerfamilie hatte das neue Paradigma
auch im politischen Denken eine erste archaische Ausgestaltung gefunden.
Die Suche nach einer neuen Gesellschaftsordnung
Die Hoffnungen des arbeitenden Volkes auf eine gerechte und freiheitliche
soziale Ordnung wurden weder im kapitalistischen Westen noch im kommunistischen
Rußland erfüllt.
Anfänglich proklamierten die bolschewistischen Führer die Weltrevolution,
riefen die Arbeiter aller Länder auf, sich zu vereinigen, das kapitalistische
System zu stürzen und das kommunistische Zeitalter herbeizuführen.
Dieses Vorgehen brachte ihnen begreiflicherweise die Feindschaft aller
bestehenden Regierungen ein. In den folgenden Jahren mußte sich
Rußland gegen die Angriffe britischer, französischer, japanischer,
rumänischer, polnischer und estnischer Streitkräfte und gegen
die Heere russischer Reaktionäre, der sogenannten Weißrußen,
verteidigen. Nach den überraschenden Siegen der Roten Armee
fanden sich schließlich die Westmächte 1921 dazu bereit, die
bolschewistische Regierung anzuerkennen und mit ihr wieder Handelsbeziehungen
aufzunehmen.
Rußland litt unter einer unbeschreiblichen Not. Die vielen Kriege
und die kommunistische Mißwirtschaft hatten seine letzten Kräfte
aufgezehrt. Das Land war verwüstet, die Industrieproduktion war fast
zum Stillstand gekommen, und Hunderttausende waren dem Hunger zum Opfer
gefallen. Eine Verbesserung dieser Lage trat ein, als Lenin auf dem 10.
Parteitag im Jahr 1921 die Neue Ökonomische Politik einleitete, die
der Privatinitiative im Wirtschaftsleben größere Freiheiten
einräumte. Die Bauern durften ihren Überschuß verkaufen,
der kleine Privathandel wurde in beschränktem Umfang wieder zugelassen,
und an Stelle der nivellierten Einkommen traten gestaffelte Löhne.
Diese Liberalisierungen wurden durch die Rückkehr zu einer gewissen
Rechtsstaatlichkeit begleitet. Trotz einer schrecklichen Hungersnot, an
der Millionen von Menschen zu Grunde gingen, führte die neue Politik
zu einer erheblichen Produktionssteigerung und die materiellen Lebensbedingungen
der Bevölkerung begannen sich zu bessern.
Nach Lenins Tod im Jahr 1924 trat die russische Revolution unter der Leitung
Joseph Stalins in ihre zweite Phase, in deren Verlauf die Neue Ökonomische
Politik einem autoritär geplanten und zentral gelenkten Staatskapitalismus
wich. Dieser zeichnete sich durch die zwangsweise Kollektivierung und
Mechanisierung der Landwirtschaft und die fast ausschließliche Förderung
der Schwer- und Rüstungsindustrie auf Kosten der Konsumgüterproduktion
aus.
Die alten Bolschewiki, die nach Ablauf des ersten Fünfjahresplans
die Einschränkung der Polizeigewalt, die Beendigung des Terrors und
eine Bremsung der gehetzten Industrialisierung forderten, wurden weitgehend
ausgemerzt. Stalin, der sich durch ihre Opposition in seiner Herrschaft
bedroht fühlte, ließ nicht nur seine Gegner, sondern alle selbstständigen
Elemente der kommunistischen Führungsschicht hinrichten. Nach heutigen
Schätzungen wurden mindestens 800 000 Parteimitglieder getötet.
Aus dieser Säuberung ging eine völlig neue Elite
hervor; an die Stelle gebildeter Publizisten und beredter Intellektueller
traten nüchterne Organisatoren und Bürokraten, (die sogenannten
Apparatschicks), die sich durch hohe Gehälter und Sondervergünstigungen
deutlich vom gemeinen Volk der Bauern und Arbeiter abhoben. Stalins Revolution
hatte eine zwar sozialistische, doch konservative und reaktionäre
Klassengesellschaft etabliert. Der Traum vom Arbeiterparadies war ausgeträumt.56
Die Erwartungen des einfachen Mannes auf eine bessere Zukunft wurden
auch im Westen enttäuscht.
Auf der sozialen Ebene hatte der Krieg insofern Hoffnungen geweckt, als
er nicht nur Schrecken, sondern auch das Erlebnis gemeinsamer Anstrengungen
und gemeinsamer Opfer gebracht hatte. Während viereinhalb Jahren
waren alle Energien der Gesellschaft auf ein einziges gemeinsames und
damit verbindendes Ziel gerichtet: auf das Ziel des siegreichen Überlebens.
In allen kriegführenden Ländern hatte man Schritte zur Mobilisierung
der wirtschaftlichen Reserven unternommen. Transport, Heizmittel, Nahrungsmittelversorgung
und industrielle Produktion standen während dieser Zeit unter öffentlicher
Kontrolle. Der Import- und Exporthandel wurde reglementiert, die Herstellung
von Luxusgütern eingestellt. England hatte schon während des
Krieges ein Ministerium für Wiederaufbau gegründet,
das eine neue soziale Ordnung, bessere Arbeitsbedingungen, Wohnverhältnisse
und Erziehungssysteme schaffen sollte. Entsprechende Ämter hatte
man auch in anderen Ländern eingerichtet.
Mit dem Ende der Feindseligkeiten trat die Ernüchterung ein. Während
sich mit der Demobilisierung Inflation, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot
ausbreiteten, gingen die Regierungen daran, die kriegsbedingte Kollektivierung
der Wirtschaft rückgängig zu machen und die entsprechenden Unternehmen
wieder in Privatbesitz zu überführen. Mitte 1919 war es den
meisten Arbeitern klargeworden, daß die versprochenen Reformen ausbleiben
würden; doch waren sie nicht bereit, die Wiederherstellung der alten
Ordnung widerstandslos hinzunehmen. Die europäischen Massen waren
durch den Krieg entwurzelt und den überlieferten Werten entfremdet
worden; dabei hatten sie auch die bisherige Ergebenheit in ihr Los abgelegt.
In ganz Europa stieg die Streiktätigkeit an, in Deutschland und Italien
begannen sich links und rechts des politischen Spektrums radikale Kräfte
zu regen. Im November 1918 brach in Deutschland eine Revolution aus, mit
der die von Kommunisten und Sozialdemokraten geführte Arbeiterbewegung
eine demokratisch-parlamentarische Staatsform und weitgehende politische
und soziale Rechte erkämpfte. Doch gelang es den bisher herrschenden
Klassen, die notgedrungen gewährten Konzessionen innerhalb kurzer
Zeit rückgängig zu machen. Mitte 1920 wurde erneut eine bürgerliche
Regierung gebildet, worauf sich die unteren Einkommensschichten in zwei
Lager spalteten. Die Mehrzahl der Arbeiter wandte sich nach links zur
Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), die meisten Angestellten,
Handwerker und Kleinunternehmer nach rechts, wo sie nach dem Ausbruch
der Wirtschaftskrise (1929-32) mit ihren Stimmen Hitler an die Macht bringen
sollten.
Auch in Italien lehnten sich große Teile der notleidenden Bevölkerung
gegen die herrschenden Klassen und Besitzverhältnisse auf. Die Bauern
besetzten das zum Teil brachliegende Land der Großgrundbesitzer,
um es selbst zu bebauen, die Arbeiter übernahmen die Kontrolle vieler
Fabriken und begannen, diese in eigener Regie zu führen. Die erfolglosen
Versuche von fünf aufeinanderfolgenden Regierungen, einen sozialen
Frieden auszuhandeln und politische Stabilität zu schaffen, endeten
schließlich 1922 mit der Machtübernahme Mussolinis und der
Errichtung einer faschistischen Diktatur.
Obwohl auch in England, Frankreich und den europäischen Kleinstaaten
erbitterte Arbeitskämpfe ausbrachen und obwohl auch dort Arbeitslosigkeit,
Inflation und Wirtschaftskrise die Bevölkerung in eine extreme Notlage
stürzten, blieb in diesen Ländern die demokratische Staatsform
erhalten. Der Klassenkampf vollzog sich in der Auseinandersetzung zwischen
Gewerkschaften und Arbeitgebern um Löhne und Arbeitsbedingungen und
(auf der parlamentarischen Ebene) zwischen bürgerlich-konservativen
und sozialistischen Parteien um die Stimmen der Wähler.
Ein neues Menschenbild
Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges beginnen sich auf der politischen,
wirtschaftlichen und sozialen Ebene die progressiven Kräfte und Ideen
abzuzeichnen, die das Zeitalter der Moderne prägen sollten. Sie sind
alle durch eine im buchstäblichen Sinn des Wortes revolutionäre
Tendenz verbunden. Überall drängt das bisher Unterdrückte
und Mißachtete an die Oberfläche; überall befreien sich
primäre, ursprüngliche Kräfte und Regungen von der Autorität
ihres bisherigen ideologischen Überbaus.
Dieser Prozeß, den die konservative Intelligenz als einen Aufstand
der Massen empfand, beschränkte sich nicht auf die politische
und wirtschaftliche Entwicklung, sondern betraf auch den Wandel des damaligen
Menschenbildes. Dieser manifestierte sich unter anderem in einer veränderten
Einstellung zum Körper und zur Sexualität und in der neuen gesellschaftlichen
Rolle der Frau.
Deren kriegsbedingter Einsatz an der Heimatfront und die jahrelange,
oft endgültige Abwesenheit der Männer hatten Spuren hinterlassen:
eine neue, selbstbewußte Frau betrat die Bühne des gesellschaftlichen
Lebens. Sie arbeitete in Büros und Fabriken, hatte Zugang zu den
Universitäten und war verfassungsrechtlich dem Mann gleichgestellt.
Ihr Verhältnis zu Ehe, Mutterschaft und Sexualität hatten sich
ebenfalls gewandelt. In der Sowjetunion hatte eine radikale Liberalisierung
der Sexualgesetzgebung und des Eherechts eingesetzt. Sie wurde von einer
breitgefächerten Aufklärung begleitet, die auch auf die westlichen
Länder, insbesondere auf Deutschland übergriff. Überall
entstanden Sexualberatungsstellen, (in Deutschland waren es bis 1932 über
400), die neben einer medizinischen und psychologischen Aufklärung
auch Mittel zur Empfängnisverhütung und Hilfe bei ungewollten
Schwangerschaften anboten.
Die Frauenkleidung machte eine bemerkenswerte Wandlung durch. Das gesundheitsschädigende
Korsett war verschwunden und mit diesem die kurvenbetonte Silhouette.
Die Taille rutschte nach unten; der Saum hob sich zum Teil bis übers
Knie, womit das bisher Undenkbare eintrat: die Frau zeigte ihre Beine!
Mit dem sogenannten Bubikopf und der Pagenfrisur fielen auch die Haare.
Die Garçonne, knabenhaft schlank, flachbrüstig
und langbeinig, wurde zum neuen Frauenideal.57
Die gewandelte Einstellung zum eigenen Körper und zur Sexualität
manifestierte sich auch in der Tanzwut, die nach dem Kriege vor allem
die Jugend erfaßte. Die synkopierten Rhythmen der Rumba und des
Foxtrotts kündigten von einem neuen Lebensgefühl, dem später
der Jazz auf der ganzen zivilisierten Welt Ausdruck verleihen sollte.
Und schließlich begann sich insbesondere in Arbeiterkreisen der
Sport und das Wandern einer immer größeren Beliebtheit zu erfreuen.
Alle diese Entwicklungen führten zu einer Angleichung von Mann und
Frau; sie zeugen von einer Versöhnung zwischen Geist und Körper,
von einem neuen, die sinnliche Dimension des Lebens miteinbeziehenden
Menschenbild und von einem bisher unbekannten Anspruch auf Selbstbestimmung.
Diesem Bewußtseinswandel entsprechen die wesentlichen sozialen und
politischen Forderungen der Moderne: die rationale Legitimation der Herrschaftsausübung,
das allgemeine Stimmrecht für Männer und Frauen; die Trennung
von Kirche und Staat, der Schutz der Privatsphäre und das Recht auf
Bildung und Information. Mit ihrer schrittweisen Erfüllung begann
sich die offene Gesellschaftsordnung unserer Zeit durchzusetzen,
in der sich individuelles und kollektives Handeln nicht mehr den überlieferten
Gruppenmustern ausrichtet, sondern aus "universellen Handlungsnormen"
zu begründen ist, "für deren richtige Anwendung der einzelne
selbst die Deutungsleistung und Verantwortung übernehmen muß."58
In dieser universellen Ausrichtung spiegelt sich grundsätzlich dasselbe
Paradigma, das in der neuen Physik, in der Psychoanalyse und der Kunst
der Moderne Gestalt und Ausdruck gefunden hat.
Fussnote zu: V. Das neue Paradigma im Welt- und Menschenbild der Moderne