IV. Die unsichtbare Wirklichkeit und die Ästhetik des Universalen
1. Das Universale als Ausdruck des Zeitlosen und Unteilbaren: naive und primitive Kunst
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beginnt das Werk der großen Pioniere
in die Öffentlichkeit zu dringen. 1900 wird in Paris die Gedächtnisausstellung
für Seurat eröffnet, 1901 folgt van Gogh, 1903 Gauguin und 1907
Cézanne. Diese Ausstellungen etablieren das bildnerische Denken
und den neuen Wirklichkeitssinn als die beherrschenden Tendenzen der weiteren
künstlerischen Entwicklung.
Der moderne Künstler richtet seine Aufmerksamkeit auf die Grundlagen
und die elementaren Bedingungen des schöpferischen Prozesses. So
zieht sich die Malerei in noch stärkerem Maß als bisher auf
das ihr unzweifelbar Gegebene, auf ihre bildnerischen Mittel zurück.
Die neue Künstlergeneration sucht die Spiegelung der eigenen Erfahrung
nicht mehr in der äußeren Wirklichkeit, sondern im eigenen
Innern: im eigenen bildnerischen Empfinden, in den Regungen des Triebes
und in den Äußerungen der Phantasie. Dabei entdeckt sie die
bisher wenig beachteten Produktionen sogenannt primitiver
Kunst: die Stammeskunst schriftloser außereuropäischer Völker,
die europäische Volkskunst und die Malerei der Peintres naïfs.
In der Selbst- und Welterfahrung, die in diesen Gestaltungen zum Ausdruck
kommt, erkennt die Moderne einen Wert, dem sie universale Bedeutung beimißt:
die Integrität und Ursprünglichkeit, d.h. die Autenthizität
der künstlerischen Aussage.
Die Kunst der Primitiven und das Primat der Magie1
Mit der Eröffnung des Musée d'ethnographie du Trocadéro
(das jetzige Musée de l'Homme) im Jahre 1882 besitzt
Paris schon vor der Jahrhundertwende eine ansehnliche Sammlung ozeanischer
und afrikanischer Stammeskunst, die öffentlich zugänglich ist.
Die Pariser Weltausstellungen von 1889 und 1900 zeigen mannigfaltige Beispiele
der Eingeborenenkultur aus dem französischen Überseereich, und
schließlich sind afrikanische Skulpturen um diese Zeit auch in zahlreichen
Pariser Kuriositätenläden zu sehen.
Im Gegensatz zur japanischen Kunst, die sich im späten 19. Jahrhundert
allgemeiner Beliebtheit erfreut und auf die Malerei der Impressionisten
und Nachimpressionisten einen großen Einfluß ausübt,
erweckt die Stammeskunst Afrikas und Ozeaniens vorerst bloß ethnographisches
Interesse. Gauguin ist der einzige, der sich während seines Aufenthaltes
auf den Marquesas-Inseln für seine eigene Arbeit an der javanischen
und polynesischen Skulptur inspiriert hat. So mag es kein Zufall sein,
daß die Moderne die ästhetischen Qualitäten der Kunst
Schwarzafrikas im Jahre 1906, im Anschluß an die zweite große
Retrospektive Gauguins im Salon des Indépendants entdeckt
hat.
In diesem Jahr kaufen Maurice Vlaminck, Henri Matisse, Georges Braque
und André Lhote (und zwar unabhängig voneinander) ihre ersten
afrikanischen Skulpturen. Obwohl Picasso einer der ersten ist, der diese
Objekte bei seinen Malerfreunden zu Gesicht bekommt, beginnt er sich erst
im folgenden Jahr, dann aber umso intensiver, dafür zu interessieren.
Während seine Kollegen die Qualitäten der Art nègre
bewundern, ohne diese in ihre eigene Arbeit einfließen zu lassen,
erkennt Picasso bei einem Besuch im Musée du Trocadéro
im Juni 1907 schlagartig das expressive Potential dieser Kunst und beschließt,
dieses für seine eigene Malerei zu nutzen. "In diesem Augenblick",
sagt er rückblickend, "wurde mir klar, daß es das ist,
worum es beim Malen überhaupt geht"2 Der überwältigende
Eindruck dieses Besuchs3 schlägt sich in der endgültigen Fassung
des monumentalen Gemäldes Les Demoiselles d'Avignon nieder, das er
kurz darauf fertigstellt (Abb. 120).
Mit diesem Werk befreit sich Picasso endgültig vom süßlichen
Symbolismus seiner blauen und rosa Perioden. Die Sentimentalität
und das schwermütige Pathos, die einen großen Teil seines Frühwerkes
durchziehen, weichen der Unmittelbarkeit, der expressiven Heftigkeit und
der formalen Kraft, die sich ihm in der primitiven Kunst offenbart haben.
Das Gemälde löst bei den Malern, Literaten, Sammlern und Händlern,
die es in Picassos Atelier zu Gesicht bekommen, nicht nur einen künstlerischen
Schock aus; es weckt auch deren Interesse für die afrikanische Stammeskunst
und trägt damit nicht wenig zu deren Verbreitung bei. Max Jacob,
Apollinaire, Kahnweiler, der Kreis um Gertrud Stein und eine große
Anzahl von Künstlern beginnen afrikanische Kunst zu sammeln. 1909
eröffnet der ungarische Bildhauer Joseph Brummer am Boulevard Raspail
eine kleine Galerie, in der er neben Plastiken aus Ozeanien und Afrika
auch Bilder des Douanier Rousseau verkauft. 1911 tritt mit Paul Guillaumes
ein weiterer Händler auf, der sich neben moderner auch afrikanischer
Kunst widmet. Diese wird in Ausstellungen und in Zeitschriften immer häufiger
in Verbindung mit Werken der europäischen Avantgarde vorgestellt.
Das Interesse an solcher Stammeskunst greift rasch auf andere Länder,
insbesondere auf Deutschland über, wo die Maler der Brücke und
des Blauen Reiter in den Völkerkundemuseen von Berlin,
Dresden und München umfangreiche Sammlungen und damit ein reiches
Anschauungsmaterial vorfinden. 1915 erscheint schließlich mit Carl
Einsteins Buch Negerplastik die erste umfassende Untersuchung
über die Ästhetik der afrikanischen Kunst.
Trotz dieser wachsenden Anerkennung übernehmen vorerst nur wenige
Künstler (neben Picasso vor allem Brancusi, Modigliani, Lipschitz
und Nolde) das gestalterische Vokabular der Primitiven. Die Entdeckung
der Art nègre wirkt sich in der Zeit vor dem Ersten
Weltkrieg in erster Linie ideell aus: Durch ihre bildnerische Kraft und
ihren Erfindungsreichtum legitimieren diese unkonventionellen Gestaltungen
das Streben der Moderne nach neuen Ausdrucksformen und nach einer neuen,
elementaren Bildsprache.
Noch entscheidender wirkt sich die Echtheit und Tiefe der magischen Welterfahrung
aus, die in den Masken und Fetischen der Eingeborenen Gestalt annimmt:
"Für mich waren diese Masken nicht einfach Plastiken",
berichtet Picasso über seinen Besuch im Musée du Trocadéro;
"es waren magische Objekte, ... Vermittler bei unbekannten, drohenden
Geistern [...]. Es waren Waffen, um zu verhindern, daß die Leute
von Geistern beherrscht werden, um sich von ihnen zu befreien."4
In diesem Sinn weist Werner Schmalenbach in seinem brillanten Beitrag
zu dem von ihm herausgegebenen Bild- und Textband Afrikanische Kunst
(1988) auf die religiösen Vorstellungen der Stammesgesellschaften
hin. Diese kennen wohl Gottheiten, aber keine eigentlichen, vom Menschen
erhaben abgesetzte Götter: "Die höheren Mächte, von
denen sich die Menschen sei es bedroht, sei es beschützt, immer aber
umgeben und beunruhigt fühlen, sind alles andere als entrückt.
Sie leben in nächster Nähe der Menschen: im nächsten Baum,
im nächsten Fels, in den Gewässern, in den Seelen der Toten
und vielfach auch in den Holzfiguren, die man ihnen schnitzt. Jeder einfache
Stammesangehörige, jeder Dorfbewohner ist von ihrem Wirken unmittelbar
betroffen, und wenn auch Priester und Medizinmänner als Vermittler
fungieren, so wird der einzelne doch von keiner mächtigen Priesterschaft
gegen das Wirken dieser Mächte abgeschirmt. Die Direktheit, die Unmittelbarkeit
des Umgangs mit ihnen, ihre Alltäglichkeit, ihre ständige Präsenz
wirkt sich in ganz entscheidender Weise auf die Kunst, mit der man ihnen
begegnet, aus."5
Die Kunst Schwarzafrikas dient in erster Linie der Lebenssicherung; sie
soll den Menschen vor dem Einfluß spiritueller Mächte abschirmen,
die ihn bedrohen könnten. Dazu muß sie eine unmittelbare und
reale Wirkung ausüben, d.h. sie muß selbst von übernatürlichen
Kräften erfüllt sein. Das afrikanische Kultobjekt stellt für
denjenigen, der es in diesem Sinne benützt, kein Wesen dar in der
Art, wie zum Beispiel eine mittelalterliche Plastik einen bestimmten Heiligen
darstellt, sondern ist dieses Wesen. Die suggestive Wirkung des Beseelten
und Lebendigen, die von diesen Objekten ausgeht und der sich auch der
Europäer kaum entziehen kann, ist nicht leicht zu erklären.
Schmalenbach führt sie unter anderem auf die lebendige Kraft des
Holzes zurück, die in der afrikanischen Plastik immer spürbar
bleibt, auch dann, wenn der Schnitzer gegen das Holz zu arbeiten
scheint, indem er es poliert, schwärzt, ölt oder farbig bemalt.
Im Gegensatz zu einer mittelalterlichen Holzplastik, deren Werkstoff -
als Mittel zum Zweck verstanden - in den darzustellenden Gegenstand (zum
Beispiel in den Faltenwurf eines Gewandes) verwandelt wird,
ist eine afrikanische Plastik kein Tier- oder Menschenbild aus Holz, sondern
ein Holzkörper, der in Entsprechung zu einem tierischen oder menschlichen
Körper geschnitzt ist (Abb. 121). Ihre Ausdrucksdichte und ihre erstaunliche,
wesenhafte Präsenz verdanken diese Gestaltungen der Übereinstimmung
von Werkstoff, Form und Bedeutung.
Darüber hinaus steigert der afrikanische Schnitzer die Potenz und
magische Wirksamkeit seiner Masken und Figuren in vielen Fällen durch
das Einfügen wirkungskräftiger Fremdkörper
wie Zähne, Haare, Federn, Glasperlen, Spiegel, Metallstücke,
Nägel und vieles andere mehr, oder dadurch, daß er sie beopfert,
d.h. mit Öl, Ruß, Farbe, Blut und sonstigen Substanzen einreibt
(Abb. 122). Gerade weil diese Maßnahmen keine in unserem Sinn ästhetische
Absicht verfolgen, sondern als rituelle Huldigung und zur Kraftvermehrung
erfolgen, entfalten ihre Spuren eine starke suggestive Wirkung. Der fraglose
Glaube an die Macht übernatürlicher Wesen und Kräfte, die
in ihnen zum Ausdruck kommt, überträgt sich auch auf den unbefangenen
europäischen Betrachter und schlägt ihn in seinen Bann.
Die numinose Bedeutung und die magische Ausstrahlung der afrikanischen
Kunst allein genügen jedoch nicht, um deren Wirkung auf die europäische
Avantgarde zu erklären; diese gründet gleichermaßen in
ihrer einzigartigen bildnerischen Ausgestaltung. Deren beherrschendes
Merkmal ist das spannungsreiche Gleichgewicht zwischen Ruhe und Unruhe,
Metrik und Dynamik.
Körperliche Aktivität, also die Darstellung agierender Tiere
oder Menschen, ist in der afrikanischen Kunst höchst selten. "Wenn
die Figuren in Afrika so gut wie immer in Ruhehaltung stehen oder sitzen,",
so Schmalenbach, "dann vor allem, weil ihre Aktivität eine andere
ist als die des menschlichen Körpers. [...] Verhielten sich die Figuren
körperlich oder gar szenisch aktiv, dann würde dies ihre geheimnisvolle
Wirksamkeit mindern oder gar außer Kraft setzen [...] aber bei aller
Ruhe dürfen die eingeschlossenen Kräfte - auch die des Holzes
selbst - nicht zur Ruhe kommen: sie müssen als ein Kraftpotential
erfahrbar sein."6
Dies bedingt eine besondere Art und Weise der Gestaltung. Jede expressive
Gebärdensprache ist in dieser an sich so expressiven Kunst ausgeschlossen.
Obwohl sich gewisse Figuren durch einen starken körperlichen Dynamismus
auszeichnen, wird ihre Ruhestellung dadurch nicht durchbrochen; die dynamische
Wirkung ergibt sich ausschließlich aus der Artikuliertheit und der
dramatischen Gegenüberstellung der verschiedenen körperlichen
Volumen (Abb. 121). Dasselbe gilt für das Ausdruckspotential des
menschlichen Gesichts. Bewegtes Mienenspiel ist undenkbar. Auch Masken
und Figuren, die einen furchteinflößenden Ausdruck zeigen,
werden um dieser Wirkung willen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht;
selbst das Schreckliche ist in ein strenges formales Maß eingebunden.
(Abb. 173). Dieser Balance von Ruhe und Beunruhigung, Metrik und Dynamik
entsprechen die Strenge, der Ernst und die große Zurückhaltung,
denen die afrikanische Plastik ihre zeitlose Ausstrahlung verdankt.7
Die afrikanische Kunst ist eine kollektive Kunst. Die große Mehrzahl
ihrer Ausgestaltungen stellen Variationen von Masken- und Figurentypen
dar, die traditionell festgelegt sind (Abb. 174). Das formale Konzept
dieser Grundtypen bildet den vorgegebenen gestalterischen Rahmen, der
dem einzelnen Künstler zwar Halt und Orientierung vermittelt, den
Spielraum seiner individuellen Entscheidungen jedoch erheblich einschränkt.
Umso unerklärlicher erscheinen die plastischen Qualitäten, die
Ausdruckskraft und Sensibilität, die Schönheit und die Noblesse
einzelner hervorragender Arbeiten. Einem entsprechenden Phänomen
begegnet man im europäischen Kunsthandwerk früherer Jahrhunderte
und in der sogenannten Volkskunst, in denen sich ebenfalls eine sozusagen
unschuldige gestalterische Vollkommenheit manifestiert, die
im Verlauf der späteren Entwicklung unwiederruflich verloren geht.
So mögen es auch die ersten Entdecker der afrikanischen Kunst, die
europäischen Künstler vor dem Ersten Weltkrieg, empfunden haben.
Auch für sie waren diese Masken und Figuren keine bloß formalen
Gebilde, sondern Zeugen eines dem Europäer bereits fremden Selbst-
und Weltverständnisses, das Mensch und Welt, Innen und Außen,
Vorstellung und Wirklichkeit noch nicht deutlich trennt, sondern im Sinn
einer Einheitswirklichkeit8 erlebt. Picasso und seine Gesinnungsgenossen
erkennen in der Fraglosigkeit und geistigen Integrität der afrikanischen
Kunst nicht nur eine Alternative zur Gespaltenheit und zur inneren Leere
der europäischen Kunst des 19. Jahrhunderts, sondern auch einen künstlerischen
Wert, dem sie universale Bedeutung zumessen; die Ursprünglichkeit
und Unteilbarkeit der künstlerischen Aussage wird zum verbindlichen
Maßstab und leitenden Ideal der Moderne.
Die Zeit ist damit reif für einen Maler, dessen Bilder seit über
zwanzig Jahren an jedem Salon des Indépendants nur
Hohn und Spott ernten: gleichzeitig mit der Kunst der Primitiven
entdeckt die Pariser Kunstwelt die Größe und das Genie des
Zöllners Henri Rousseau.
Henri Rousseau (1844-1910) und das Primat des Glaubens
Henri Rousseau, mit dem ich meine Aufzählung der großen Wegbereiter
der Moderne abschließe, entzieht sich scheinbar jeder kunstgeschichtlichen
Einordnung. Gleichsam aus dem Nichts kommend, bricht sein Werk - ein erratischer
Block, ein Findling ungeheuren Ausmaßes - völlig unvermittelt
in die Entwicklung der Moderne ein.
Nach ereignislosen Jahren als Regimentsmusiker im Militär kommt der
sechsundzwanzigjährige Rousseau mit seiner Frau Clémence 1870
nach Paris, wo er zuerst als Notariatsgehilfe und ab 1872 auf dem Pariser
Stadtzoll arbeitet. Um 1875 fängt er ohne jede Vorbildung zu malen
an. Zwanzig Jahre lang arbeitet er nur während seiner Freizeit, bis
er sich 1896 pensionieren läßt, um sich ausschließlich
der Malerei zu widmen. Er wird zwei Mal Witwer, und von seinen sieben
Kindern sollte ihn nur eine Tochter überleben.
Mit der Gründung des juryfreien Salon des Indépendants,
an dem jeder Künstler gegen eine bescheidene Gebühr seine Bilder
ausstellen kann, eröffnet sich Rousseau ein Forum, von dem er ab
1886 jährlich Gebrauch machen sollte. Die ersten Bilder, die er dort
ausstellt, weisen trotz ihrer zeichnerischen Unbeholfenheit große
malerische Qualitäten auf. Bezeichnenderweise ist es wiederum Pisarro,
der in diesen Werken eines Sonntagsmalers auf ersten Anhieb die Hand des
Meisters erkennt. Er lobt "la qualité de cet art, la justesse
des valeurs et la richesse des tons", und macht seine Kollegen auf
den Douanier aufmerksam.9 Anders das Publikum und die Presse: Sie sehen
im Zöllner bloß den einfältigen, unschuldigen Narren und
haben für seine Malerei nur Spott und Hohn übrig. Wilhelm Uhde,
der erste Biograph des Zöllners, schildert rückblickend die
Szenen, die sich an jedem Salon wiederholen: "Rousseaus Bilder sind
die große Attraktion. Hunderte stehen vor ihnen und lachen. Sie
wirken wie ein komischer Unfall auf den Boulevards, der zwei Monate dauert;
eine Gruppe löst die andere ab. Menschen werden vor ihnen durch die
gemeinsame spaßige Stimmung bekannt und grüßen sich seitdem,
sobald sie sich begegnen. In keinem Lustspiel, keinem Zirkus habe ich
solches Gelächter erlebt..."10
Da Rousseau all diesen Anfeindungen zum Trotz mit bewunderungswürdiger
Beharrlichkeit an jedem Salon ausstellt, bringt es der jährlich sich
wiederholende Heiterkeitserfolg mit sich, daß er mit der Zeit so
etwas wie eine Berühmtheit wird. Langsam mehren sich neben den vielen
Lachern und Spöttern auch die Maler und Kunstliebhaber, die in ihm
den großen Künstler erkennen. Neben Pisarro zählen nun
auch Seurat, Redon und Gauguin zu seinen Bewunderern; 1891 schreibt der
junge Schweizer Felix Vallotton in der Gazette de Lausanne
die erste anerkennende Kritik. Sie gilt Rousseaus erstem Dschungelbild,
das einen springenden Tiger in einem regengepeitschten Urwald darstellt,
und schließt mit den Worten: "C'est l'alpha et oméga
de la peinture!"11
Mit diesem Bild und dem um ein Jahr früher entstandenen Selbstporträt
(Abb. 175) beginnt Rousseau die Reihe seiner großen Meisterwerke:
1894 Der Krieg (Abb. 178), 1895 das zwei Meter hohe Porträt einer
Frau, 1897 Die schlafende Zigeunerin (Abb. 176), 1905 das Urwaldbild Hungriger
Löwe, 1907 Die Schlangenbeschwörerin (Abb. 179), 1908-1910 mehrere
große Urwaldlandschaften und 1910 sein letztes großes Werk
Der Traum. (Abb. 177). In seinen letzten Lebensjahren erlebt Rousseau
den sich anbahnenden Erfolg. 1905 stellt er erstmals im Salon d'Automne
aus. Picasso, Derain, Delaunay, Soffici, Apollinaire, Jarry und einige
wenige Sammler besitzen Bilder von ihm, der Händler Ambroise Vollard
nimmt ihn unter die Künstler auf, die er vertritt, und in der Presse
erscheinen immer öfter lobende Kritiken. Man vergleicht ihn mit Giotto,
Piero della Francesca und Paolo Uccello.
Ungeachtet dieser wachsenden Anerkennung und trotz der Einsicht in seine
künstlerische Größe begegnen ihm die Kunstwelt und seine
neuen Freunde weiterhin mit dem nachsichtigen Lächeln
der Überlegenheit. Was ihn von allen andern Künstlern, von seinen
Anhängern, Freunden und Sammlern unterscheidet und damit trennt,
ist sein naiver und unbeirrbarer Glaube an sich und die Welt. Er lebt
und glaubt in der Art eines Kindes, das keinen Grund hat, an seiner Wahrnehmung
zu zweifeln, und bei dem Vorstellung und Wirklichkeit noch nicht geschieden
sind. Dieser Glaube fasziniert und provoziert seine Umgebung. Das berühmte
Essen, das Picasso 1908 zu seinen Ehren gibt, dient nicht zuletzt dazu,
sich über den alten Mann lustig zu machen. In ihren Memoiren berichtet
Fernande Olivier, wie die Einladung durch die Freunde aufgenommen worden
ist, "die sich freuten, den Zöllner gehörig aufzuziehen".12
Aus Protest gegen diese Absicht soll Delaunay dem Essen ferngeblieben
sein.
Allein der junge deutsche Sammler, Kunsthändler und Publizist Wilhelm
Uhde bringt dem alternden Rousseau eine uneingeschränkte, durch keine
Überheblichkeit getrübte Bewunderung entgegen. Nach dessen Tod
veröffentlicht er (1911) bei Eugène Falquière die erste
Biographie des Malers, in der er mit liebevoller Empathie versucht, dessen
Wesensart einzufangen und ein Bild seiner menschlichen Größe
zu vermitteln. Es sei mir erlaubt, zwei längere Passagen daraus zu
zitieren:13
"Rousseau ist tot und wir fühlen, daß mit ihm etwas sehr
Wertvolles aufgehört hat zu sein. Wir überblicken sein Leben
und fragen, worin der Verlust besteht, der uns schmerzt. Lieben wir in
ihm das aufrichtige Kind, das von der Welt nichts weiß, das überall
das Gute sieht und tut? Ist es, weil er zu den geistig Armen gehört,
deren das Himmelreich ist? Lieben wir ihn so, weil wir in seiner Nähe
die Last unserer Konventionen vergessen und er uns auf seinen Bildern
von phantastischen, traumhaften Welten erzählt? Oder weil er in allem
anders ist als wir selbst und wir in alten Legendenbüchern blättern
müssen, um etwas Ähnlichem zu begegnen? Oder sehen wir gar in
ihm eine Art Don Quichote, etwas von jenem sehr vornehmen und sehr lächerlichen
Idealisten, über den wir uns lustig machen und den wir gleichzeitig
hochschätzen? Das eine oder andere von diesen Dingen mag dazu kommen,
seinem Wesen, wie wir es sehen, einen besonderen Reiz zu verleihen; aber
es ist zweiter Ordnung, und wenn wir Rousseau verehren, ist es aus einem
erhabeneren Grunde. Wir verehren ihn, weil er einer der großen Leidenschaftlichen
ist, deren es nur wenige in jedem Jahrhundert gibt. Seine Leidenschaft
umfaßt Leben und Kunst wie eine einzige Sache. Er liebt wie nur
große Schöpfer lieben, er malt wie ein großer Liebhaber.
[...]
Mit demselben Temperament, mit dem er gibt, will er auch nehmen. Wie er
als Mensch die Liebe der Frauen als sein Recht beansprucht, verlangt er
als Maler die Anerkennung seiner Kunst. Der Ruhm ist für ihn eine
notwendige und selbstverständliche Sache. Er ist sicher, ein großer
Künstler zu sein, und es ist anzunehmen, daß er sich zu den
bedeutendsten unter den Lebenden zählt, und von jedem Menschen nimmt
er ohne weiteres an, daß er ein lebhaftes Interesse für seine
Bilder hat. Diese Schätzung seines Wertes ist frei von Prätention
und Pose.
Als sein Bilderhändler von einem dauernden Vertrage spricht, träumt
Rousseau von Wohlhabenheit, will sich zwanzig Francs pro Tag bedingen;
"dimanches et fêtes payés". Er ist nicht erstaunt,
als Puvis de Chavannes, ein alter Herr, den Spaßmacher für
diese Komödie herrichteten, ihn besucht und sich mit ihm über
Malerei unterhält. Er findet es ganz natürlich, als er in der
Zeitung seinen Namen in Verbindung mit einer silbernen Medaille liest,
als Gauguin ihm erzählt, man habe ihm, Rousseau, einen Staatsauftrag
erteilt, als er eine Einladung zur Soirée des Präsidenten
der Republik erhält. Aber er ist erstaunt, als er erfährt, daß
es ein anderer Rousseau ist, der die Medaille bekommt, daß man ihm
im Louvre keine Auskunft über den Staatsauftrag geben kann, daß
man ihn vor dem Elysée abweist. Ich kam vor das große
Tor, erzählt er seinen Freunden, aber man sagte, da ich
keine Einladung mitgebracht habe, könne man mich nicht hereinlassen.
Als ich insistierte, kam der Herr Präsident heraus, klopfte mir auf
die Schulter und sagte, es ist schade, Rousseau, daß du in deinem
einfachen Rock kommst, du siehst, alle Welt trägt den Frack, so kann
ich dich heute nicht gut bei mir sehen, komm ein anderes Mal wieder.
Mit solch kleinen Lügen sucht sich sein Stolz zu wehren. Er versteht
es nicht, warum man sich über ihn lustig macht, warum man über
seine Bilder lacht. Aber er lernt allmählich, daß er mit diesem
Gebaren der Menschen rechnen muß; er lernt es, sie verschieden zu
behandeln, er wird schlau und sagt dem einen Dinge, die er dem andern
verschweigt. Er gruppiert die Tatsachen des Tages so um sich, daß
sie ihm Nutzen bringen. Man denkt an das Wort der Bibel: Ich sende
euch wie Schafe mitten unter Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen
und ohne Falsch wie die Tauben.
Die Leidenschaft der Arbeit, die Kraft und Ausdauer des Willens, das Bewußtsein
des eigenen Wertes heben Rousseau aus den Reihen der gewöhnlichen
Menschen heraus. Er ist ein Vorbild und eine Quelle der Ruhe. Alte Leute
kommen zu ihm, die vom Unglück verfolgt sind und glauben, verzweifeln
zu müssen. Sie sitzen still bei ihm in einer Ecke, und schon seine
Gegenwart gibt ihnen Hoffnung. Sie glauben an das Leben, wenn sie sehen,
wie dieser Greis stark und unerschütterlich ist. Er sitzt vor ihnen
und malt an einer seiner großen Landschaften; plötzlich entschlummert
er ein wenig, denn es ist ein heißer Nachmittag. Dann wieder sehen
sie ihn mit dem Pinsel über die Leinwand fahren und sein Gesicht
hat einen sonderbaren Ausdruck. Sahest du nicht, wie meine Hand
sich bewegte? fragt er. Es ist natürlich so, Rousseau,
denn du maltest. Nein, entgegnete er, meine verstorbene
Frau war hier und führte mir die Hand. Du hast sie nicht gesehen
und nicht gehört? Mut, Rousseau, sagte sie, du wirst es zu gutem
Ende führen.
Er setzt sich im Stuhle zurecht und malt bis die Sonne untergeht. Wo sind
sie, die über diesen verehrungswürdigen Greis lachen, statt
zu bedauern, daß sie ihm nicht gleichen; Kindlichkeit, Wahrhaftigkeit,
Leidenschaft und Genie - wer hat je in eine schönere menschliche
Landschaft geblickt?"14
Was macht diesen wunderbaren Menschen, der als Maler so völlig außerhalb
der kunstgeschichtlichen Entwicklung zu stehen scheint, zu einem der größten
europäischen Künstler aller Zeiten; und worin gründet dessen
überragende Bedeutung für die künstlerische Entwicklung
der Moderne?
Versuchen wir diese Frage im Rahmen unseres psychologischen Erklärungsmodells
zu beantworten, so fallen uns in seinem malerischen Werk als erstes die
eindrückliche Übereinstimmung und das durchgängige Aufeinanderbezogensein
von exhibitorischen Ambitionen und idealisierter Struktur auf. Wir spüren:
jede Form, jede Farbe, jeder Gegenstand seiner Darstellungen sind Aussage;
alles strebt danach, gesehen, empfunden, verstanden zu werden, alles drängt
nach Mitteilung, und doch wird der Bezug zu einer übergeordneten,
allgemeinen und objektiven Struktur dabei nie aus den Augen verloren.
Der Wille, das einmalig Eigene auszudrücken und der Wille, dies in
vollkommener Weise zu vollbringen, sind eins. Allem Gelächter und
allen Anfeindungen zum Trotz malt Rousseau das, was er will, er malt seine
Bilder; ungeachtet seiner zeichnerischen und malerischen Unzulänglichkeiten
strebt er jedoch gleichzeitig, und ebenso beharrlich danach, ihnen durch
die Erfüllung seines künstlerischen Kanons die Würde
der Dauer zu verleihen.
Nur entspricht dieser Kanon nicht den Idealen seiner Zeit. Zwar wissen
wir aus Rousseaus eigenen Äusserungen, in welchem Maß er selbst
den illusionistischen Naturalismus damaliger Salonmaler wie Gérome,
Bouguereau und Clément idealisiert hat (Abb. 85). Zeitlebens beklagt
er sich darüber, daß es seine Eltern versäumt haben, ihm
eine Ausbildung als Maler zukommen zu lassen, denn mit einer solchen Ausbildung,
schreibt er (1882) in einem Brief, "wäre ich heute der größte
und reichste Maler Frankreichs".15 Er bewundert das akademische Können
der Professionellen und versteht nicht, daß seine technische Unbeholfenheit
nicht in der mangelnden Ausbildung, sondern in der Struktur seines Bewußtseins
gründet. Trotzdem findet er sich mit dieser Einschränkung seiner
malerischen Möglichkeiten ab und macht sein Bestes daraus: er schafft
sich, wie jeder große Künstler, den bildnerischen Kanon, der
seinen Fähigkeiten entspricht. Damit ersetzt er einen irrealen, unfruchtbaren
Idealismus durch eine für ihn ichgerechte und damit verbindliche,
integrierte idealisierte Struktur. Diese entspricht dem elementaren bildnerischen
Kanon einer vorklassischen und vornaturalistischen, primitiven
Kunst.16
Rousseaus Selbstbewußtsein ist nicht reflexiver Art, sondern entspricht
dem zwar aufgeschlossenen, doch weitgehend vorwissenschaftlichen Selbst-
und Weltbild der italienischen Frührenaissance. Daher die stilistische
Übereinstimmung seiner Malerei mit derjenigen des Trecento.17
Seine Kunst ist, wie diejenige der Naturvölker magisch-expressiv.
Es geht ihm weniger darum, die Natur zu erkennen, als darum, sie darzustellen
und zu verherrlichen. Das Wirkliche, das Wahre und das Richtige stellen
bei ihm noch keine autonomen Werte dar, sondern stehen (als Ambitionen)
im Dienste einer idealisierten Struktur, die nicht in der Erkenntnis,
sondern im Glauben gründet. Bei diesem handelt es sich um keinen
konfessionellen Glauben - Rousseau war antiklerikal und Freimaurer - sondern
um den Glauben dessen, der keinen inneren Zweifel kennt, indem er Wahrnehmung,
Vorstellung und Wirklichkeit einander gleichsetzt. Seine Malerei spiegelt
eine Selbst- und Welterfahrung, bei der die Grenzen zwischen innen und
außen, zwischen ihm selbst und der Welt fließend sind. "Ce
qui me rend le plus heureux encore que tout, c'est de contempler la nature
et de la peindre. Croiriez-vous que quand je vais à la campagne,
et que je vois le soleil, cette verdure, ces fleurs, je me dis parfois:
c'est à moi tout ça!" sagt er kurz vor seinem Tode
einem Journalisten.18 Seine Bilder spiegeln keine objektive Wirklichkeit,
sondern die verzauberte Welt, die er sein eigen nennt.
Rousseau malt alle seine Bilder - auch seine Landschaften - im Atelier.
Als Vorlage benutzt er oft Postkarten oder sonstwie bestehende Abbildungen,
manchmal fertigt er jedoch dafür eigens kleine Ölskizzen an.
Bei diesen seltenen, vor der Natur entstandenen Studien fällt die
großzügige, auf alle Details verzichtende und an die Impressionisten
gemahnende Malweise auf (vergleiche Abb. 180 mit Abb. 181).
Rousseau ist ganz offensichtlich wohl in der Lage, modern
zu malen, nur entspricht dies in keiner Weise seinen Absichten (er bewundert
schließlich nicht die Impressionisten, sondern Clément und
Bouguereau!). Die Skizzen, mit denen er den flüchtigen Eindruck einer
Landschaft festhält, stellen für ihn kein Endprodukt dar und
erfüllen ihren Sinn nicht in sich selbst; sie dienen ihm lediglich
als Gedächtnisstütze und bilden als solche die Grundlage für
den gegenständlichen, farbigen und formalen Aufbau eines noch zu
malenden Bildes. Sie legen dessen elementare bildnerische Struktur fest
und müssen den Forderungen des allgemeinen und zeitlosen Kanons genügen,
dem sich Rousseau verpflichtet fühlt: den Forderungen nach Maß
und Gleichgewicht, nach der dialektischen Verbindung von Einheit und Vielfalt,
von Ruhe und Bewegung, von Rhythmus und Form.
Soweit seine idealisierte Struktur, die mit ihrer elementaren bildnerischen
Orientierung derjenigen der Moderne bis zu einem gewissen Grade verwandt
ist. Seine exhibitorischen Ambitionen sind jedoch damit nicht befriedigt,
denn die spontane, impressionistische Malweise seiner Skizzen entspricht
ihnen in keiner Weise. Ihm geht es schließlich darum, dem, was er
erfahren, d.h. gesehen, empfunden und sich vorgestellt hat, die Würde
der Dauer zu verleihen. Er will nicht den flüchtigen Eindruck
einer Landschaft oder eines Menschen festhalten, sondern deren zeitloses
Sein. Rousseaus Kunst gilt dem Wunder der Schöpfung, deren erhabener
Gegenwart. Die klare Kontur, die absolute Gegenstandsfarbe und die unmißverständliche
Definition jeder Erscheinung sind die unverzichtbaren Forderungen einer
bildnerischen Sprache, in der die unerschütterliche Gewißheit
seines Glaubens und die leidenschaftliche Kraft seiner Liebe Gestalt und
Ausdruck finden muß.
Seit 1890 zeigen einzelne seiner Bilder nicht mehr ausschließlich
die Menschen und Landschaften seiner unmittelbaren Umgebung, sondern die
üppige Vegetation und die exotische Tierwelt des tropischen Urwalds.
Rousseau hat diese Welt nicht frei erfunden. Er hat die Pflanzen und wilden
Tiere, die Bäume, Blumen und Früchte, die Affen, Schlangen,
Vögel, Löwen, Panther und Tiger, die seine Urwälder bevölkern,
tatsächlich gesehen, doch nicht, wie er gutgläubigen Zuhörern
erzählt, als Soldat während eines Feldzuges in Mexico (denn
an einem solchen hat er nie teilgenommen), sondern in Paris: in den riesigen
Gewächshäusern des Jardin des Plantes und in dem diesem angeschlossenen
Zoologischen Garten; auf den Bildern der damals so erfolgreichen Orientalisten;
in illustrierten Büchern und Zeitschriften; auf Werbeprospekten und
Etiketten; und vor allem in dem mit über 200 Fotografien von wilden
Tieren bebilderten Album der Galeries Lafayette Les bêtes
sauvages. Erst kürzlich hat Jann de Pichon alle diese Quellen,
die er zum großen Teil im Hause der Enkelin Rousseaus aufgestöbert
hat, in einem umfangreichen Werk zusammengetragen und den jeweiligen Bildern
des Douaniers gegenübergestellt (Abb. 182a und 182b).
Beim Durchblättern dieses Bandes stellt man mit Erstaunen fest, daß
Rousseau die meisten Motive seiner exotischen Bilder - zumindest, was
deren Zeichnung anbelangt - aus fremden Vorlagen übernommen hat.
Man erkennt, in welchem Maße Rousseau aus der populären Bilderwelt
schöpft, aus der sich im damaligen Paris die Phantasie des einfachen
Volkes genährt hat. Doch welch ein Unterschied zwischen seinen Quellen
und dem Werk, das er aus diesen schafft! Rousseau nutzt sie ja nur als
Hilfsmittel, um seine Darstellungen verständlich zu machen
und ihnen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Dabei übersetzt er die
Illustrationen, die er sich aneignet, in die Sprache der Primitiven.
Realitätsgerechte Wiedergabe und naturalistische Details interessieren
ihn nur in dem Maß, als diese zur Erreichung seines Zwecks nötig
sind. Mit der größten Souveränität blendet er aus,
was ihm nicht wesentlich erscheint und hält sich nur an das, womit
er den Zauber und die Faszination, die er selbst erfährt, übermitteln
kann: "Je ne sais pas si vous êtes comme moi, mais quand je
pénètre dans ces serres et que je vois ces plantes étranges
des pays exotiques, il me semble que j'entre dans un rêve"19,
vertraut er André Dupont an. In der selben Art erlebt er auch die
exotischen Darstellungen der Orientalisten und deren Abklatsch in den
populären Büchern, Zeitschriften und Reklamen seiner Zeit. Er
eignet sich diese imaginäre Welt an; er unterwirft sie seinen idealisierten
Strukturen, durchtränkt sie mit seinen Ambitionen und gibt ihr auf
seinen Bildern, in seiner primitiven Art Gestalt und Ausdruck.
In Rousseaus Malerei verlieren die Sujets, die er übernommen hat,
ihren illustrativ- anekdotischen Charakter; sie werden zu archetypischen
Imagines und nehmen als solche die majestätische, zeitlose Präsenz
der Bilder Cimabues, Giottos, Pieros und Ucellos an.
Und doch bleibt Rousseau ein Moderner. Die Welt, die er darstellt,
ist nicht die des Trecento oder Quattrocento, sondern die seiner eigenen
Zeit. Seine Himmel sind mit Luftballons und Flugzeugen bevölkert,
in seinen Landschaften stehen die Masten elektrischer Leitungen, und als
einer der allerersten malt er den Eiffelturm. Seine Träume und Phantasien
- der verzauberte Urwald, die schlafende Zigeunerin, die Schlangenbeschwörerin,
die Künstler am Salon des Indépendants, oder die Versammlung
der Staatsoberhäupter zur Wahrung des Friedens - sind die Träume
und Phantasien der Jahrhundertwende, dieselben, die auch seine Konkurrenten,
die populären Salonmaler, in ihren Bildern verherrlichen. Nur fehlt
jenen der Glaube; sie neigen dazu, den Traum zu verfälschen, indem
sie ihn illusionär-naturalistisch als faktisches Ereignis präsentieren.
Demgegenüber malt Rousseau dieselben Träume als das, was sie
sind: als Phantasien, als Zeugen einer andersartigen, primären und
irrationalen, ihm jedoch wohlvertrauten Welt; mit seinem Glauben und seiner
Liebe verleiht Rousseau seinen Visionen jene andersartige, magische
Wirklichkeit, die uns im Traum entgegentritt und gibt ihnen damit in angemessener
Weise Gestalt und Ausdruck. In seinen Bildern löst sich das Wunderbare
aus dem Bedeutungszusammenhang der christlichen Offenbarung oder der antiken
Götterwelt und tritt erstmals im Gewand des Profanen auf. Damit ist
Rousseau der große Vorläufer sowohl des Surrealismus als auch
des modernen, sogenannt magischen Realismus.
Mit ihm entdeckt die Moderne den peintre naif und in der Unschuld
des Herzen eine verlorengegangene künstlerische Qualität.
Für die ihm folgenden Künstlergenerationen wird der einstige
Zöllner zu einem Symbol für die Wirklichkeit und den Glauben
eines integren menschlichen Individuums, eines ganzen und umfassenden
Selbst. Nach der gesellschaftlichen Funktion der Kunst befragt, meinte
Max Bill,20 diese diene dazu, Maßstäbe zu setzen. Mit der durchgehenden
Identität von geistiger Haltung und künstlerischer Sprache setzt
Rousseau seinen Maßstab für die Wirklichkeit des Imaginären:
Wirklich ist, was man glaubt.
2. Das Universale als Struktur: Vom Kubismus zur Neuen Gestaltung
Im zweiten Entwicklungsschub der Moderne spiegelt sich die wissenschaftliche Revolution des neuen Zeitalters noch deutlicher als im ersten; die bahnbrechenden Entdeckungen der Psychoanalyse und der neuen Physik, die Auswirkungen des technisch-industriellen Fortschritts und die damit einhergehende Dynamik finden ihren Widerhall im künstlerischen Streben, den unsichtbaren Seinsgrundlagen der Wirklichkeit Gestalt und Ausdruck zu verleihen. Die Künstler der Moderne entfernen sich mit ihrer Malerei immer weiter von der sichtbaren Erscheinung; sie stoßen schrittweise, doch unaufhaltsam zum Elementaren und Allgemeinen, zum universalen Sein vor und finden für dieses, entsprechend den bereits angedeuteten Entwicklungslinien, zwei grundlegende Repräsentanzen: die Struktur und die Energie. Diese Repräsentanzen sind nicht mehr objektgebunden, sondern dynamisch. Kunst stellt nicht mehr dar, sondern verwirklicht.
Georges Braque , Pablo Picasso und das Primat der Form
Georges Braque , Pablo Picasso und das Primat der Form
Die um 1906 entdeckte Negerplastik und die große Cézanne-
Ausstellung des Jahres 1907 bilden die beiden entscheidenden Anstöße,
aus denen Georges Braque (1882-1963) und Pablo Picasso (1881-1973) von
1907-1914 mit ihrem kubistischen uvre eine neue Stilform schaffen.21
In zwei großen Entwicklungsschüben befreien sie damit die Malerei
von ihrer Bindung an die äußere Wirklichkeit und schaffen die
ideellen und gestalterischen Voraussetzungen für eine autonome Kunst.
In der ersten, analytischen Phase des Kubismus übernehmen
Braque und Picasso die strukturelle Bildauffassung Cézannes, verzichten
jedoch auf dessen Farbigkeit; durch die Beschränkung auf tonige Abstufungen
von Braun und Ocker, Grün und Grau unterstreichen sie das in erster
Linie formale Anliegen ihrer Gestaltungen. Mit der durchgehenden rhythmisierenden
Zerlegung der Körper und des Raumes in kubische Facetten geben sie
Schritt für Schritt die Gesamtform der Dinge auf und schaffen eine
weitgehend selbständige, d.h. vom Gegenstand unabhängige, kristallartige
Struktur, durch die das Bild seine bisherige gegenständliche Lesbarkeit
verliert und zu einem autonomen formalen Gebilde wird (Abb. 187, 188).
Es wird immer wieder behauptet, Braque und Picasso hätten in diesen
Bildern verschiedene Ansichten des Gegenstandes wiedergeben und damit
die gleichzeitige Gültigkeit unterschiedlicher Gesichtspunkte demonstrieren
wollen. In seiner 1913 erschienenen Schrift Les peintres cubistes
deutet Apollinaire (als einer der ersten) diese Erweiterung des Wahrnehmungsfeldes
- die simultanéité oder Gleichzeitigkeit der
Perzeption - im Sinn eines Einbezuges der damals viel diskutierten vierten
Dimension (der Zeit) in die Malerei.22 Für das kubistische
Werk von Duchamp, insbesondere für sein Nu descendant un escalier
(1912, Abb. 225) oder für gewisse Futuristen mag diese Interpretation
zutreffen - im Fall von Braque und Picasso geht sie an den Tatsachen vorbei.
Wohl heben die beiden Künstler in noch stärkerem Maß als
Cézanne die Einheit des Standorts, des Fluchtpunkts, des Lichteinfalls
und des Horizonts auf. Diese Fragmentierung des einheitlichen Raumes und
damit des einheitlichen Gegenstandes zielt jedoch nicht auf die simultane
Darstellung verschiedener Ansichten und Blickwinkel, sondern wird aus
ganz anderen Erwägungen vollzogen: sie bildet die entscheidende Voraussetzung
zur radikalen und durchgängigen, synkopischen Rhythmisierung der
Bildfläche, mit der Braque und Picasso in der Malerei ähnliches
Neuland betreten wie später der Jazz im Bereich der Musik.
Der Kubismus bringt die mit dem Impressionismus begonnene Erneuerung der
bildnerischen Gestaltungsmittel zu einem vorläufigen Abschluß.
Hatte Seurat durch die Zerlegung des natürlichen Lichts in die reinen
Spektralfarben die Farbe befreit und melodiefähig gemacht,
so haben Braque und Picasso durch die Zerlegung des Gegenstandes in geometrische
und stereometrische Elemente die Form verselbstständigt und zu rhythmischem
Leben erweckt.23
In der zweiten, synthetischen Phase des Kubismus, während
der sich der Spanier Juan Gris den beiden anschließt, vereinfachen
Braque und Picasso ihren bildnerischen Aufbau; die einzelnen Kompositionselemente
werden vergrößert und die formalen Mittel werden sparsamer,
kontrastreicher und intensiver eingesetzt. Das Kubische tritt in die Fläche
zurück und wird durch variable Konfigurationen übereinander
geschichteter, sich durchdringender und zum Teil durchsichtiger Flächen
ersetzt. Diese plans superposés ermöglichen es
den beiden Künstlern, Flächigkeit und räumliche Tiefe miteinander
zu verbinden (Abb. 189).
1911 beginnt Braque, in diese Flächen einzelne Buchstaben oder ganze
Wörter einzusetzen; 1912 klebt er zum ersten Mal ein Stück Tapete
ins Bild und erweitert damit die gestalterischen Möglichkeiten des
Kubismus um das Prinzip der Collage, das auch von Picasso und Gris übernommen
wird. Die verschiedensten Gegenstände und Materialien werden nun
in diesem Sinne verwendet; Zeitungsausschnitte, gefärbte Papiere,
Imitationen von Holz und Marmor, Tapeten, Stoffe und Flechtwerk verleihen
dem Bild neuartige taktile Qualitäten (Abb. 190, 191). Diese Fragmente
der Alltagswirklichkeit wirken wie Zitate; sie wecken Erinnerungen, aus
denen der Betrachter in seiner Vorstellung die zitierten Gegenstände
in ihrer räumlichen Vollständigkeit erstehen läßt.
Das Fragment wird zum stellvertretenden Zeichen für das Ganze, das
dabei völlig neu und mit einer Intensität gesehen
und erfahren wird, die sich durch keine naturalistische Darstellung erreichen
läßt. Innerhalb des Bildganzen vermitteln diese Zeugen einer
vertrauten, realen Welt jenen magischen Schock, den sonst nur das völlig
Unerwartete auszulösen vermag. Durch diese Erweiterung der bildnerischen
Möglichkeiten eröffnet der synthetische Kubismus der bildenden
Kunst völlig neue Perspektiven. Braque und Picasso suchen nicht mehr,
ein Gegebenes zu interpretieren, aus diesem eine Form herauszuheben,
sondern unternehmen es, mit Dingen und mit reinen Formelementen eine neue
Wirklichkeit aufzubauen; derart wird das Bild selbst zum Gegenstand.
Durch Versuche angeregt, die Braque zwar als erster unternimmt, jedoch
nicht weiterführt,24 übersetzt Picasso ab 1912 die Sujets seiner
Papiers collés in dreidimensionale Konstruktionen aus Karton, Papier
und Schnur, womit er eine neue Form der Plastik schafft (Abb. 192). Die
spielerische Haltung, aus der diese Objekte entstanden sind, ist typisch
für das Vorgehen der beiden Freunde. Sie verwirklichen ihre exhibitorischen
Ambitionen in Form höchst ungewöhnlicher bildnerischer Einfälle
und Erfindungen; doch fügen sich diese gleichzeitig zu einer Ordnung,
die in der idealisierten Struktur von Maß und Gleichgewicht gründet,
wie sie von jeder klassischen Kunst vertreten wird. Allgemeine, objektive,
in der Natur des Menschen gründende Werte finden in diesen Werken
ihre historisch einmalige, den Geist des neuen Zeitalters reflektierende
Ausgestaltung. In diesem Sinn zählen die 1913/14 entstandenen Papiers
collés zu den ersten klassischen Ausgestaltungen der Moderne.
Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird Braque in die französische
Armee eingezogen (Picasso und Gris haben als Spanier keinen Militärdienst
zu leisten). Der Anregungen und des disziplinierenden Einflusses seines
Freundes beraubt, sucht Picasso, dessen Produktion nach der Trennung sehr
viel spärlicher und deutlich schwächer wird, vermehrten Kontakt
zu seinem um fünf Jahre jüngeren Landsmann. Unter dem Einfluß
der flächigen, streng geometrisierenden Malweise von Juan Gris (Abb.
193) entwickelt Picasso ab 1916 seinen späten, dekorativ- architektonischen
Kubismus, der 1921 mit den beiden Varianten der Drei Musikanten sowohl
seinen Höhepunkt als auch seinen Abschluß findet (Abb. 194).
Picasso gibt den bisher verfolgten Weg auf und wendet sich mit seinen
neoklassizistischen Bildern neuen Experimenten zu.
Braque und Picasso haben ihr entscheidendes Werk in den Jahren von 1907
bis 1914 vollbracht. Durch eine Reihe von Ausstellungen wird der Kubismus
über Nacht in allen europäischen Hauptstädten bekannt.
Unzählige Künstler übernehmen die neue Malweise. Die meisten
unter ihnen mißverstehen jedoch deren Bedeutung in derselben Weise,
in der seinerzeit auch die Zeitgenossen Cézannes, Gauguins und
van Goghs die bildnerische Revolution ihrer Vorbilder mißverstanden
haben. Die Gruppe der Section d'Or, Delaunay und Franz Marc,
die italienischen Futuristen, die englischen Vorticisten, die russischen
Kubo-Futuristen; sie alle eignen sich wohl die äußeren Merkmale
des Kubismus an, doch bleiben sie einer idealistischen Haltung verhaftet;
die bildnerischen Anliegen des Kubismus sind ihnen im Grunde genommen
fremd.
Eine der wenigen Ausnahmen25 ist der Holländer Piet Mondrian, der
den Kubismus zur ungegenständlichen Kunst weiterführt.
Piet Mondrian (1872-1944) und das Primat des Geistes
Die künstlerische Entwicklung des 19. Jahrhunderts ist durch den
Gegensatz zwischen der distanziert-objektiven, rationalen Haltung der
Klassizisten und Realisten und der emotionell-subjektiven, irrationalen
Haltung der Romantiker und Symbolisten beherrscht. Dieser Gegensatz ist
auch in der Kunst der frühen Moderne deutlich spürbar: Manet,
Dégas, Monet, Seurat und Cézanne stehen dabei im ersten,
van Gogh, Gauguin, Munch und Ensor im zweiten Lager. Doch während
das 19. Jahrhundert im Allgemeinen zu einer fortschreitenden Polarisierung
dieses Gegensatzes neigt, streben die Künstler der frühen Moderne
danach, die beiden künstlerischen Haltungen in einer Synthese zu
vereinen: sie versuchen, beide Fragen, d.h. die Frage nach dem Wirklichen,
dem Wahren und dem Richtigen einerseits, und die Frage nach dem Sinn und
dem eigentlichen Wesen der Schöpfung andererseits mit ein und derselben
künstlerischen Gestaltung zu beantworten. Dies entspricht dem neuen
Paradigma: der Glaube an die durchgängige Gesetzmäßigkeit
und wesensmäßige Einheit allen Seins fordert dazu heraus, einen
künstlerischen Kanon zu entwickeln, der es mit seinem umfassenden
Ordnungsprinzip erlaubt, Sinnliches und Geistiges, Reales und Ideales
zu einer einheitlichen, homogenen künstlerischen Gestalt zu verbinden.
Wohl wurde dieser Versuch schon vor dem Anbruch der Moderne unternommen:
So hatten sich vor allem die Symbolisten in unmißverständlicher
Weise zur Absicht bekannt, die verlorengegangene Einheit von Mensch und
Welt wiederzufinden oder neu erstehen zu lassen. Nur standen ihre Anstrengungen
im Zeichen des alten Paradigmas - der Idee des Gottmenschen. Sie suchten
das Verbindende in der Wiederbelebung eines erhöhten Menschenbildes,
in einer neuen Offenbarung, die letztlich nichts anderes zu bieten hatte
als das trübe Spiegelbild des längst Bekannten. Der Sinn wurde
als repräsentative Idee verstanden; er sollte nicht verwirklicht
oder erfüllt, sondern dargestellt und verkündet werden. Als
künstlerisches Mittel bietet sich dazu in erster Linie das Symbol
an.
Demgegenüber fassen die Künstler der anbrechenden Moderne den
Widerspruch zwischen Mensch und Welt, Vorstellung und Wirklichkeit dialektisch
auf. Sie unternehmen es, die ideelle Spannung, die seit dem Zusammentreffen
von Antike und Christentum das Selbst- und Weltbild des Abendlandes prägt,
durch eine bildnerische und geistige Synthese aufzuheben, die nicht dargestellt,
sondern verwirklicht wird.
Diese Tendenz beherrscht auch den zweiten großen Entwicklungsschub
der Moderne. Dies wird besonders deutlich, wenn man sich in Erinnerung
ruft, daß unter den fortschrittlichen Künstlern jener Zeit
gerade diejenigen, die den entscheidenden Schritt zur völligen Ungegenständlichkeit
vollziehen, nämlich Mondrian und Kandinsky, ursprünglich aus
dem symbolistischen Lager stammen. Ihnen gelingt es, das ideelle Anliegen,
das in ihrem Frühwerk in erster Linie symbolisch zum Ausdruck kommt
(womit es im Bereich des Imaginären verbleibt), in eine neue künstlerische
Sprache zu übersetzen und damit aus dem bloß Vorgestellten
eine bildnerische Wirklichkeit zu schaffen: in ihren ungegenständlichen
Werken wird die Einheit von Sinnlichem und Geistigem weder verkündet,
noch als Symbol, Metapher oder Allegorie dargestellt, sondern im gestalterischen
Akt verwirklicht; sie muß nicht mehr vorgestellt, sondern kann unmittelbar
erfahren werden. In diesem Wandel gründet das Wesen der modernen
Kunst. Mit ihm findet das Paradigma des neuen Zeitalters seine einzigartige
künstlerische Gestalt. Die Bedeutung und die Spannweite des dabei
vollzogenen Schrittes sollen am Beispiel Piet Mondrians aufgezeigt werden.
Der 1872 geborene Holländer Piet Mondrian entstammt einer streng
calvinistischen Familie. Der Vater, Volksschullehrer an der christlich
reformierten Schule von Amersfoort, soll ein hervorragender Zeichner gewesen
sein; ein Onkel, Frits Mondrian, war Maler von Beruf. Von ihm erhielt
Piet, der von Jugend an ebenfalls Maler werden wollte, seinen ersten Unterricht.
Nach einer Ausbildung als Zeichenlehrer läßt sich Mondrian
1892 in Amsterdam nieder, wo er bis 1895 an der Rijksakademie die Malklasse
besucht. Die Arbeiten des anschließenden Jahrzehnts halten sich
im Konventionellen und sind künstlerisch größtenteils
bedeutungslos.
Das ändert sich erst, 1908 als er, schon sechsunddreißigjährig,
den Maler Jan Toorop, den wichtigsten Vertreter des holländischen
Symbolismus und eine Gruppe junger, international orientierter Künstler
kennenlernt, dank denen er erstmals mit den aktuellen Kunstströmungen
seiner Zeit in Berührung kommt; auf Ausstellungen und in Zeitschriften
sieht er Arbeiten der Pointillisten und der französischen Fauves,
van Goghs, Munchs und der deutschen Expressionisten. Er beginnt unverzüglich,
mit der reinen Farbe und den neuen Malweisen zu experimentieren, wobei
er vier wiederkehrende Sujets (Mühlen, Kirchtürme, Bäume
und Dünenlandschaften) in allen diesen Stilen abwandelt (Abb. 195).
In diesen eher unbeholfenen, symbolistisch orientierten Bildern ist neben
dem Einfluß der eben entdeckten Postimpressionisten auch derjenige
der esoterischen Lehren spürbar, an denen sich die damaligen Gemüter
und auch Mondrian entzünden.26 Er liest die damals vieldiskutierte
Geheimlehre der Helena Petrovna Blavatsky (ein Buch, das ihn
während seines ganzen Lebens begleiten wird), die Schriften Rudolf
Steiners und das Werk von Edouard Schouré Les grands initiés
(Die großen Erleuchteten). 1909 tritt er der Theosophischen Gesellschaft
bei.
Mondrians symbolistische Periode dauert von 1905-1911. Seine deutlichste
Ausprägung findet das theosophische Gedankengut in dem 1910/11 entstandenen
Triptychon Evolution, das, wie mir scheint, eine seelische Entwicklung
an Hand der Wirkung der Aura aufzeigen will (Abb. 196). Mit
diesem Werk beteiligt sich Mondrian 1911 an der Ausstellung des durch
ihn mitbegründeten Moderne Kunstkring, auf der neben
Bildern seiner holländischen Kollegen und solchen von Cézanne
und Derain erstmals kubistische Arbeiten von Braque, Picasso und Le Fauconnier
zu sehen sind.
Die Begegnung mit dem Kubismus wirkt auf ihn wie eine Erleuchtung. Schlagartig
erkennt er das gestalterische Potential des rein Bildnerischen und damit
die Möglichkeit, seinem bisherigen Anliegen, dem Aufzeigen der universalen
Gesetzmäßigkeit und der wesentlichen Einheit allen Seins, in
einer konkreten, d.h. sinnlich wahrnehmbaren Art und Weise Ausdruck zu
verleihen. Seine symbolistische Schaffensphase findet damit ein jähes
Ende.
Um die neue Malweise aus nächster Nähe kennenzulernen, läßt
sich Mondrian wenige Monate nach seiner paulusartigen Bekehrung in Paris
nieder. Kurz nach seiner Ankunft beginnt er sich mit seiner Malerei von
seinen Vorbildern abzugrenzen, womit die Entwicklung einsetzt, die ihn
zu seinem bekannten klassischen Stil führen sollte. "Schrittweise
wurde ich gewahr", schreibt er rückblickend (1937), "daß
der Kubismus die logische Folgerung aus seinen eigenen Entdeckungen nicht
annahm. Er entwickelte die Abstraktion nicht zu ihrem letzten Ziel, dem
Ausdruck der reinen Realität. Ich fühlte, daß diese nur
erreicht werden kann durch reine Gestaltung, und diese darf wesentlich
nicht bedingt sein durch subjektives Fühlen und Vorstellen. [...]
Hinter den wechselnden natürlichen Formen liegt die unveränderliche
reine Realität. Man muß also die natürlichen Formen auf
reine unveränderliche Verhältnisse zurückführen."27
Bereits 1912 stößt Mondrian, von der Darstellung eines Baumes
ausgehend, zu einer linear betonten Abstraktion vor, bei der er sein Sujet
auf das rhythmische Spiel gebogener und gerader Linien reduziert (Abb.
197-199). 1913 entstehen die ersten völlig ungegenständlichen
Bilder, schwebende Strukturen senkrechter und waagrechter, gerader und
halbkreisförmig gebogener Linien: subtil ausgewogene rhythmische
Ordnungen, die den Eindruck abgeklärter Ruhe vermitteln (Abb. 200).
Nun setzt ein konsequenter Vereinfachungsprozeß ein; Schritt für
Schritt verbannt Mondrian alle noch trübenden Elemente
(Kreisbogen, Diagonale und Mischfarben) aus seinem Arsenal und beschränkt
dieses ab 1925 auf drei elementare Gestaltungsmittel: den weißen
Bildgrund, senkrechte und waagrechte schwarze Balken und die drei Grundfarben
Gelb, Blau und Rot (Abb. 201, 203). Erst damit hat die systematische Ausgestaltung
seines Konzepts die angestrebte Reinheit erreicht. Durch die Zuordnung
der Farben und die Verschiebung der sich überschneidenden Balken
schafft Mondrian stets neue Gewichtsverhältnisse, wobei er die so
erzeugten Spannungen durch das dynamische Gleichgewicht der Gesamtkomposition
wieder neutralisiert.28
Seiner Absicht entsprechend, verwirklicht Mondrian seine Ambitionen und
Ideale auf einer universalen Ebene. Die idealisierte Struktur, die sein
Schaffen bestimmt, spiegelt sich in der Klarheit und Verbindlichkeit seines
Konzepts und in der Vollkommenheit des angestrebten Gleichgewichts; seine
exhibitorischen Ambitionen verwirklichen sich in der Kühnheit seiner
asymetrischen, Spannung schaffenden Gewichtsverschiebungen. Die Einmaligkeit
seiner Exhibition und die Verbindlichkeit seiner idealisierten Struktur
werden nur auf Grund ihrer gegenseitigen Bezogenheit erkannt. Spannung
und Gleichgewicht lassen sich nur im dialektischen Bezug erfahren - als
Verbindung von These und Antithese in der Synthese. In diesem Sinn verbinden
sich in Mondrians Werk Exhibition und Ideal zu einer bildnerischen Einheit.
So schreibt er 1925: "Weit davon entfernt, die individuelle Natur
des Menschen zu ignorieren oder die menschliche Note zu verlieren,
ist die rein gestaltende Kunst die Vereinigung des Individuellen mit dem
Universellen. Es herrscht Äquivalenz der beiden Aspekte des Lebens."29
Die Forderung nach der dialektischen Verbindung des Individuellen mit
dem Allgemeinen wird nach Mondrians Auffassung in den bisherigen Werken
der bildenden Kunst durch deren subjektiven Ausdruck in den Hintergrund
gedrängt: "Solange die Gestaltung sich irgendwelcher Form
bedient, ist es ausgeschlossen, reine Verhältnisse zu schaffen. Aus
diesem Grunde hat sich die neue Gestaltung von jeder Formbildung befreit."30
Durch die Beschränkung seiner bildnerischen Mittel auf neutrale,
anonyme Grundelemente, die weder Gefühle noch Assoziationen erwecken,
will er das Prinzip als solches - die letzte Realität sichtbar und
erfahrbar machen.
Diese Haltung erinnert an Seurat oder, greift man noch weiter zurück,
an den Geist der Renaissance. Wie Leon Battista Alberti könnte auch
Mondrian sagen: "Das Schöne ist das geoffenbarte Gesetz".
Doch findet bei ihm die Haltung des großen Florentiners eine spezifisch
nördliche, puritanische Ausprägung. Das dynamische, asymmetrische
Gleichgewicht stellt für Mondrian nicht bloß einen optisch-sinnlichen,
sondern auch einen ethisch-geistigen Wert dar. Seine Kunst ist ein religiöses
Glaubensbekenntnis: in ihr finden holländischer Calvinismus und theosophische
Überzeugungen eine ichgerechte, rational faßbare, ungegenständliche
und entmystifizierte Gestalt.
Nach der Auffassung von Beat Wismer bleibt Mondrian damit weiterhin Symbolist,
auch wenn er fortan auf Symbole verzichtet, denn "es wird aus dem
verweisenden und illustrierenden Symbolisten ein abstrakter Symbolist,
dessen Anliegen jedoch bestehen bleiben, auch wenn sich die Bildform radikal
ändert: der tiefste Gehalt der Werke bleibt derselbe, auch wenn ein
Inhalt nun fehlt."31 Doch ist das, was Wismer unter dem "tiefsten
Gehalt des Werkes" zu verstehen scheint, in künstlerischer Hinsicht
von untergeordneter Bedeutung. Entsprechende Sehnsüchte, Vorstellungen
und Überzeugungen bilden die geistige Grundlage jedes integren menschlichen
Verhaltens. Wert und Bedeutung einer künstlerischen Schöpfung
gründen nicht in ihrer ideellen Absicht, sondern in der Art und Weise,
in der diese verwirklicht wird. Das Wesentliche und Besondere eines Werkes
liegt nicht in der Weltanschauung, die der Künstler zu formulieren
versucht, sondern in der künstlerischen Gestalt, die diese dabei
annimmt.32
Der Künstler will nicht bloß aussagen, sondern seiner Aussage
eine autonome, von ihm selbst unabhängige Existenz verleihen. Solange
sich Mondrian (wie in der frühen symbolistischen Schaffensphase)
darauf beschränkt, seine Ideen und Gefühle bloß auszusagen,
d.h. ihren Gehalt zu illustrieren und auf ihren Sinn hinzuweisen,
bleibt sein Werk eine Aussage unter anderen, und als solche an seine Person
gebunden. Als es ihm jedoch (in seinen reifen Jahren) gelingt, das künstlerische
Äquivalent dessen zu schaffen, was Wismer "den tiefsten Gehalt
des Werkes" nennt, verleiht er diesem bisher rein imaginären
Gehalt eine eigene, konkrete Gestalt; die Vorstellung wird
zu einer autonomen künstlerischen Wirklichkeit; sie wird zu einem
eigentlichen Wesen und ist als solches integral und unteilbar. In diesem
Sinn hat Mondrian mit seinem ungegenständlichen Werk wie vor ihm
Braque und Picasso eine neue Realität geschaffen und als Künstler
den Schritt von der Neuzeit zur Moderne vollzogen.
Ich halte somit fest: das Entscheidende an Mondrians ungegenständlicher
Kunst ist nicht deren ideelle Absicht, sondern die revolutionäre
künstlerische Umsetzung dieser Absicht. In seinen Bildern wird die
angestrebte Einheit von Körper und Geist nicht mehr in dunklen, nur
dem Eingeweihten zugänglichen Symbolen bloß verkündet
oder dargestellt, sondern verwirklicht. Dadurch kann sie vom Betrachter
unmittelbar erfahren und nachvollzogen werden. Mondrians Bilder stellen
das Universale nicht mehr dar, sondern sind universal. In diesem Sinne
versteht er seine Kunst als "ein Mittel, durch welches das Universale
erkennbar, d.h. in der Gestaltung anschaulich wird". Sie soll das
vermitteln, was Rudolf Steiner zwar in Aussicht stellt, doch offensichtlich
verfehlt: eine Erkenntnis, die keines Beweises mehr bedarf. Dank dieser
allgemeinen, die bisherigen kulturellen Grenzen potentiell überschreitenden
Verständlichkeit findet in Mondrians Bildern ein neues, globales
Bewußtsein seine klassische künstlerische Ausgestaltung. Darin
gründet die epochale Bedeutung des großen Holländers,
darin besteht auch der tiefste Gehalt seines Werkes.
Ging es Cézanne noch um das Äquivalent der Natur,
so zielt Mondrian nur noch auf die universale Struktur, die dieser zu
Grunde liegt. Doch begnügt er sich nicht damit, diese in der Realität
des Bildes erfahrbar zu machen. Die neue Gestaltung soll auch die gesellschaftliche
Wirklichkeit verändern. In der publizistischen und organisatorischen
Aktivität, die Mondrian dazu entfaltet, kommt der messianische Grundzug
seines Charakters zum Ausdruck. Dieser prägt auch die von ihm mitbegründete
Bewegung De Stijl: sie vereinigt Maler, Architekten und Gestalter, die
sich zum Ziel setzen, die Formgebung aller vom Menschen geschaffener Erzeugnisse
einer einheitlichen, auf Funktionalität, Geometrie und Logik gründenden,
die universalen Gesetze des Seins reflektierenden Ästhetik zu unterwerfen,
um so eine dem aufgeklärten Geist des neuen Zeitalters entsprechende
menschliche Umwelt zu schaffen. Das Sendungsbewußtsein und der Fortschrittsglaube
dieser Künstler und der utopische Charakter ihrer Vorstellungen werden
deutlich, wenn Mondrian schreibt: "In Zukunft wird die Verwirklichung
des reinen Gestaltungsausdrucks in der greifbaren Realität unserer
Umwelt das Kunstwerk ersetzen. Aber um das zu erreichen, ist eine Orientierung
zu universeller Vorstellung und Lösung vom Druck der Natur notwendig.
Dann werden wir keine Bilder und Skulpturen mehr nötig haben, weil
wir in verwirklichter Kunst leben."33
Trotz ihrer idealistischen Tendenz spiegelt sich in diesen Vorstellungen
eine Grundhaltung der Moderne; ihr wandelt sich die christliche Verheißung
des Paradieses zur Utopie einer vollkommenen, durch den menschlichen Geist,
durch Vernunft und Wissenschaft zu schaffenden Welt. Mit seiner Kunst
verleiht Mondrian diesem modernen Mythos seine klassische Gestalt. Zusammen
mit der Gruppe de Stijl und verwandten Bewegungen wie die des Bauhauses
hat er die rational begründbaren ästhetischen Maßstäbe
gesetzt, die einen wesentlichen Teil des Erscheinungsbildes der technisch-
industriellen Zivilisation im 20. Jahrhunderts bestimmen sollten.
3. Das Universale als Energie: vom Fauvismus zum ungegenständlichen Expressionismus
Henri Matisse (1869-1954) und das Primat der Farbe
Die Hinwendung zum Universalen bildet den verbindenden Grundzug aller
vier Richtungen der klassischen Moderne. Wie jede klassische Kunst, bleibt
auch die der Moderne ihrem Wesen nach insofern einer realistischen Grundhaltung
verhaftet, als sie nur die Realität authentischer individueller Erfahrung
und integrierter, d.h. eigener idealisierter Strukturen gelten läßt.
Das Wesen dieser Erfahrung, d.h. der Inbegriff ihrer Eigenschaften, das
Bleibende, Beharrliche derselben im Unterschied zu ihren wechselnden Inhalten,
Zuständen und Ausgestaltungen, wird als eine universale Struktur
und Dynamik verstanden. Diese Auffassung erlaubt es dem Künstler,
die eigene Erfahrung als ein kontinuierliches Ganzes vorzustellen und
mit seinem Werk ihrer Essenz die Würde der Dauer zu verleihen.
Bezeichnenderweise regt sich dieser Wunsch mit besonderer Dringlichkeit
zu Beginn eines Zeitalters, das sich durch den rasanten Wandel aller Lebensbedingungen
auszeichnet.
Noch nie war eine kulturelle Epoche derart vom Bewußtsein der Relativität
und Veränderlichkeit, also der Fragwürdigkeit aller Werte und
Erscheinungen geprägt. Die bisherigen Repräsentanzen des Bleibenden
und Unveränderlichen, die Mythen der christlichen Offenbarung, der
kirchlichen und weltlichen Macht, des Menschengottes und des Gottmenschen,
hatten ihre Glaubwürdigkeit verloren. An ihre Stelle tritt der Glaube
an elementare, einer universalen Gesetzmäßigkeit unterworfene
Naturkräfte. Diese Vorstellung wird zum leitenden Paradigma der Moderne
und der modernen Kunst, die sich damit zwangsläufig durch einen anonymen,
d.h. abstrakten oder ungegenständlichen Charakter auszeichnet.
Die Tendenz zum Universalen bestimmt auch die Bewegung der Fauves, die
sich in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts um Henri Matisse bildet.
Während einer kurzen pointillistischen Phase befolgen Matisse und
seine Freunde (zu denen André Derain, Maurice Vlaminck und Albert
Marquet gehören) die Lehren Seurats und Signacs; doch wenden sie
diese völlig undogmatisch und mit größter Freiheit und
Spontaneität an; ab 1905 beginnen sie sich an Gauguin und van Gogh
zu orientieren. Vom ersten übernehmen sie die homogene Flächigkeit
der Farbe, vom zweiten die Spontaneität der Pinselführung und
den deckenden, pastosen Auftrag. Doch nutzen sie diese Mittel nicht im
Sinn ihrer expressionistischen Vorgänger, um individuelle Sehnsüchte
oder individuelles Liebesverlangen auszudrücken, sondern um eine
bildnerische Welt zu schaffen, deren umfassende Harmonie jedes Sehnen
und jedes Verlangen auffängt. Nicht von ungefähr nennt Matisse
seine große Komposition, die zum eigentlichen Programmbild des Fauvismus
werden sollte, Le bonheur de vivre (Abb. 206).
Obwohl Matisse viel von Gauguin übernimmt, distanziert er sich mit
dieser Abkehr vom Psychisch-Expressiven zugunsten einer bildnerischen
Auffassung der Malerei ganz bewußt von seinem großen Vorbild:
"Pour que Gauguin puisse être mis avec les Fauves", schreibt
er, "il lui manque une construction de l'espace par la couleur, qu'il
emploie comme expression de sentiment."34
Die Ablehnung des Sentimentalen und das Streben nach der entsprechenden
Reinheit seiner bildnerischen Mittel rücken Matisse in
die Nähe Mondrians. So sagt er z.B.: "Farben und Linien sind
Kräfte, und im Spiel dieser Kräfte, in ihrer Ausgewogenheit,
liegt das Geheimnis der Schöpfung."35 Doch ist ihm die puritanisch-calvinistische
Geisteshaltung Mondrians fremd. Er sucht keine abstrakte Wahrheit, sondern
den Einklang mit Leben und Welt. Er gibt den Gegenstand und die Natur
(die Mondrian so verhaßt war) nicht völlig auf, sondern sucht
zu dieser ein neues Verhältnis. Er nähert sich ihr nicht von
außen, wie die Impressionisten, versucht sie nicht analytisch zu
erfassen wie Seurat oder ihre Struktur aufzuzeigen wie Cézanne,
sondern will sie sich zu eigen machen. Nach ihm soll sich der Künstler
die Außenwelt soweit aneignen, "bis das Objekt, das er zeichnet,
so etwas wie ein Teil seiner selbst geworden ist, bis er es so in sich
aufgenommen hat, daß er es als seine eigene Schöpfung auf die
Leinwand projizieren kann."36
Matisse sucht das Universale im menschlichen Geist und in den Kräften
der Natur, das Allgemeine in seiner einmaligen Erscheinung, das Ewige
im Hier und Jetzt. Es kommt ihm in erster Linie auf den schöpferischen
Moment, auf die kontrollierte Spontaneität des Ausdrucks an. In der
Unmittelbarkeit und der abgeklärten Selbstverständlichkeit seiner
Bilder, in der heiteren Ruhe, die sie ausstrahlen, erfüllt sich das
Einswerden mit dem Ganzen. Linie und Farbe sind immer einmalig, individuell
gesetzt; in ursprünglicher Frische bewahren sie den Moment ihrer
Entstehung, doch zeugen sie gleichzeitig von dem, was schon immer so war
(Abb. 208-213). In diesem Sinn verbinden sich auch bei Matisse exhibitorische
Ambitionen und idealisierte Strukturen zu einem autonomen bildnerischen
Ganzen. Seine Stilleben, Intérieurs und Odalisken, vor allem aber
sein großartiges Alterswerk der Découpages, mit dem er seinem
Traum "von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit und der Ruhe"
eine unvergeßliche Gestalt gibt, bilden den dritten Höhepunkt
der modernen Klassik.
Wassily Kandinsky (1866-1944) und das Primat des Triebes
Entwicklungsgeschichtlich verhält sich der Fauvismus zum deutschen Expressionismus und zur Ungegenständlichkeit Kandinskys wie der Kubismus zur konstruktiven Kunst Mondrians, der Bewegung de Stijl und der Gruppe um den Russen Malewitsch. In beiden Fällen werden die bahnbrechenden Errungenschaften südlich-mediterraner, heidnischer Künstler durch den nördlichen Protestantismus (Deutscher Expressionismus, Mondrian, de Stijl) und den russischen Mystizismus (Kandinsky, Jawlensky, Malewitsch) assimiliert und in den Dienst einer mystisch bestimmten Geisteshaltung gestellt.
Mit der Künstlergruppe Brücke, die sich 1904 um Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) zusammenschließt, entsteht in Dresden eine deutsche Variante des Fauvismus. Diese Künstler übernehmen ebenfalls die reine Farbe Gauguins und den impulsiven Duktus van Goghs, doch setzen sie diese Mittel ungezügelter und gewaltsamer ein als die französischen Fauves. Ihr ideelles Vorbild ist Eduard Munch - das Expressive überwiegt das Bildnerische. Ihre Kunst ist polemisch und idealistisch: sie wollen nicht nur die Malerei, sondern auch die Gesellschaft von ihren tradierten Gesetzen befreien und von Grund auf erneuern. Ihre künstlerischen Manifeste lesen sich wie politische Kampfschriften: "Alle revolutionären und fortschrittlichen Elemente zu verbinden, das ist die Absicht, die sich in dem Namen Brücke ausdrückt!" schreibt Schmidt-Rottluff, ein führendes Mitglied der Gruppe. Wo es Matisse um eine Atmosphäre entspannten Wohlbehagens und reiner Lust geht, wollen die Brücke- Maler, die Begründer des deutschen Expressionismus, provozieren und schockieren.
Gemäßigter tritt der Kreis auf, der sich in München
um den russischen Maler Wassily Kandinsky bildet und sich 1909 zur Neue
Künstler Vereinigung München, [NKVM] zusammenschließt.
Ihr gehören unter anderen Alfred Kubin, Marianne von Werefkin, Alexej
von Jawlensky und Kandinskys Gefährtin Gabriele Münter an; im
Februar 1911 tritt auch Franz Marc der Gruppe bei. Die meisten dieser
Maler lassen sich ebenfalls dem deutschen Fauvismus zuordnen; die polemische
Haltung und das soziale Engagement der Brücke sind ihnen
jedoch fremd. Ihre Malerei ist vielschichtiger, farbig differenzierter
und von der Alltagserfahrung viel unabhängiger als die ihrer Dresdener
Kollegen.
Dies gilt insbesondere für die Arbeiten des 1866 in Moskau geborenen
Kandinsky, dem wir uns im Folgenden zuwenden wollen. Kandinsky ist bereits
dreißig, als er 1896 seinen juristischen Beruf aufgibt und nach
München zieht, um sich dort (unter anderem bei Franz von Stuck) als
Maler auszubilden. Von 1903-1908 führen ihn ausgedehnte Reisen durch
ganz Europa und für sechs Monate nach Tunesien. 1906/07 hält
er sich für ein Jahr in Paris auf, wo er den Fauvismus und die Malerei
von Henri Matisse kennenlernt. Sein eigenes Werk bleibt davon vorerst
unberührt und bewegt sich weiterhin im Rahmen einer durch Impressionismus
und Jugendstil definierten Ästhetik.
Den Weg zu einer eigenen Bildsprache findet der Künstler erst 1908,
als er zusammen mit seiner Gefährtin Gabriele Münter nach München
zurückkehrt. Das Paar mietet eine Stadtwohnung an der Ainmillerstrasse
36, arbeitet jedoch, zusammen mit Kandinskys Landsleuten Jawlensky und
Werefkin, größtenteils im nahegelegenen, von einer unberührten
Voralpenlandschaft umgebenen Murnau, wo die Münter 1909 ein Landhaus
erwirbt, das noch heute in seiner ursprünglichen Ausstattung besichtigt
werden kann.
Hier setzt die Entwicklung ein, mit der Kandinsky innert weniger Jahre
zur ungegenständlichen Malerei finden sollte. Er verbindet Elemente
der volkstümlichen Hinterglasmalerei, die in der Umgebung noch äußerst
lebendig ist, mit den in Paris von den Fauves und von Matisse empfangenen
Eindrücken zu aggressiven, farbintensiven Bildern, die sich mit ihren
extremen Gegenstandsverzerrungen über jede naturalistische Konvention
hinwegsetzen. Obwohl sie an Werke der Fauves oder der Brücke-Maler
erinnern, behaupten sie diesen gegenüber einen unverkennbar eigenen
Charakter (Abb. 215).
Landschaftliche, historische oder religiöse Themen lösen sich
unterschiedslos in ein rhythmisches Gefüge leuchtender Farbflächen
auf, die das jeweilige Sujet kaum mehr erkennen lassen. In Rückblicke
(1913) berichtet Kandinsky über das Schlüsselerlebnis, das ihn
von der Unausweichlichkeit des letzten entscheidenden Schrittes - des
Schrittes zur Ungegenständlichkeit - überzeugt hat: "Viel
später, schon in München, wurde ich einmal durch einen unerwarteten
Anblick in meinem Atelier bezaubert. Es war die Stunde der einziehenden
Dämmerung. Ich kam mit meinem Malkasten nach einer Studie heim, noch
verträumt und in die erledigte Arbeit vertieft, als ich plötzlich
ein unbeschreiblich schönes, von einem inneren Glühen durchtränktes
Bild sah. Ich stutzte erst, dann ging ich schnell auf dieses rätselhafte
Bild zu, auf dem ich nichts als Formen und Farben sah und das inhaltlich
unverständlich war. Ich fand sofort den Schlüssel zu dem Rätsel:
es war ein von mir gemaltes Bild, das an die Wand angelehnt auf der Seite
stand. Ich versuchte den nächsten Tag bei Tageslicht den gestrigen
Eindruck von diesem Bild zu bekommen. Es gelang mir aber nur halb: auch
auf der Seite erkannte ich fortwährend die Gegenstände und die
feine Lasur der Dämmerung fehlte. Ich wusste jetzt genau, daß
der Gegenstand meinen Bildern schadet".37 Wahrscheinlich 191238 zieht
Kandinsky aus dieser Einsicht die letzte Konsequenz, indem er im berühmten
Aquarell, das den Beginn der ungegenständlichen Kunst markiert, Linie
und Farbe zum alleinigen Gegenstand seiner Darstellung macht (Abb. 216).
Die scheinbar schrankenlose malerische Freiheit, die er damit gewinnt,
betrifft jedoch bloß die bisherige Bindung an den Gegenstand; denn
nun geht es darum, den grandiosen Exhibitionismus der befreiten Geste
mit einer allgemeingültigen idealisierten Struktur in Übereinstimmung
zu bringen, um ihm so Wert, Dauer und allgemeine Gültigkeit zu verleihen.
Kandinsky gerät dabei in den Konflikt zwischen seinem Anspruch auf
unbeschränkte Freiheit und seiner Forderung nach verbindlichen künstlerischen
Maßstäben, d.h. nach einem allgemeinen, objektiven Wert, der
das wahre und bedeutende Kunstwerk vom belanglosen oder unechten
abgrenzt. Ähnlich wie Piet Mondrian, dem zweiten großen Wegbereiter
der ungegenständlichen Malerei, schickt er sich an, die damit aufgeworfenen
Grundfragen nicht nur in der Praxis, durch sein eigenes Werk, sondern
auch theoretisch zu beantworten. Die entsprechenden, 1911-1919 verfaßten
Schriften (Über das Geistige in der Kunst, 1911, Rückblicke,
1913 und Mein Werdegang, 1914) zählen zu den wichtigsten
Dokumenten der frühen Moderne.
Diese Texte sind nicht leicht zu lesen; Unklarheiten der Terminologie
und eine Neigung zur Mystifikation deuten darauf hin, daß sich Kandinsky
über das, was er sagen wollte, nicht immer im klaren war. Sie vermitteln
jedoch Einblick in die intensive geistige Auseinandersetzung, die den
schöpferischen Durchbruch des Künstlers begleitet und lassen
trotz mancher Ungereimtheiten seine Anliegen soweit erkennen, daß
wir sie zu unseren eigenen Überlegungen in Beziehung setzen können.
Kandinskys künstlerisches Credo gründet in einer weitgefächerten
kulturkritischen Haltung, die sich nicht nur gegen die Wissenschaftsgläubigkeit,
den Materialismus und Agnostizismus seiner Zeit, sondern auch gegen die
"offizielle Kunst" richtet, in deren "seelenlosem Naturalismus"
der Maler den deutlichsten Ausdruck einer sinnentleerten, zerfallenden
Kultur zu erkennen vermeint. Vor diesem polemischen Hintergrund entwirft
er seine Vorstellungen der zukünftigen, "wahren" Kunst,
mit der "nach der langen materialistischen Periode" ein neues
geistiges Zeitalter anbrechen wird, denn, so meint Kandinsky, "wenn
Religion, Wissenschaft und Moral (die letzte durch die starke Hand Nietzsches)
gerüttelt werden, und wenn die äußeren Stützen zu
fallen drohen, wendet der Mensch seinen Blick von der Äußerlichkeit
ab und sich selbst zu. Die Literatur, Musik und Kunst sind die ersten
empfindlichsten Gebiete, wo sich diese geistige Wendung bemerkbar macht."39
Es versteht sich von selbst, daß der Autor dieser Zeilen in erster
Linie seine eigene Malerei und deren Hinwendung zur Ungegenständlichkeit
meint. Um diese zu rechtfertigen, erhebt er die Authentizität der
Triebkräfte, die den Künstler zur Arbeit drängen, zum alleinigen
Wertmaßstab jeder künstlerischen Äußerung. "Ich
fühlte immer mehr und deutlicher", schreibt er 1913, "daß
es in der Kunst nicht auf das Formelle ankommt, sondern auf
einen inneren Wunsch (= Inhalt), der das Formelle gebieterisch bestimmt.
Ein Schritt vorwärts hierin - für den ich aber beschämend
lange Zeit gebraucht habe - war, die Kunstfrage ausschließlich auf
der Basis der inneren Notwendigkeit zu lösen, welche die sämtlichen
bekannten Regeln und Grenzen in jedem Augenblick umzuwerfen imstande war."40
In diesem Sinn entwickelt Kandinsky die These einer unbekannten, im Innern
des Künstlers wirksamen Kraft, die den entscheidenden Antrieb und
die eigentliche Instanz des schöpferischen Prozesses darstellt. Sie
ist nicht der Willkür unterworfen, sondern tritt gleichsam autonom
auf: "Nicht der Mensch leitet diese Kraft, sondern diese Kraft leitet
den Menschen. [...] Auf eine geheimnisvolle, rätselhafte, mystische
Weise entsteht das wahre Kunstwerk aus dem Künstler.
Von ihm losgelöst bekommt es ein selbstständiges Leben, wird
zur Persönlichkeit, zu einem selbstständigen, geistig atmenden
Subjekt, welches auch ein materiall reales Leben führt, welches ein
Wesen ist. [...] wie jedes Wesen besitzt es weiterschaffende, aktive Kräfte."
Der Künstler wird so zum Sprachrohr kosmischer Mächte. Die Aufgabe,
einen Ausgleich zwischen Freiheit und Ordnung, zwischen Spontaneität
und Konvention zu finden und die Frage zu beantworten, "was denn
den fehlenden Gegenstand ersetzen solle", wird der mythischen Instanz
des "schaffenden Geistes" übertragen: "Die Entstehung
des Werkes ist kosmischen Charakters. Der Urheber des Werkes ist also
der Geist. Das Werk existiert also abstrakt vor seiner Verkörperung,
die den menschlichen Sinnen das Werk zugänglich macht. Für diese
also notwendige Verkörperung ist jedes Mittel recht. Also die Logik
ebenso wie die Intuition. Beide Faktoren werden vom schaffenden Geist
geprüft, und das Falsche in beiden wird von ihm verworfen. So darf
die Logik nicht verworfen werden nur darum, weil sie einer der Intuition
fremden Natur ist. Aus demselben Grunde darf die Intuition nicht verworfen
werden. Beide Faktoren sind aber ohne die Kontrolle des Geistes an und
für sich fruchtlos und tot."41
Die angeführten Zitate und die weitere Lektüre machen deutlich,
wie schwer es Kandinsky fällt, die Tiefenschicht des schöpferischen
Prozesses und die diesen letztlich bestimmenden Werte, Kräfte und
Empfindungen in klarer und unmißverständlicher Weise zu formulieren.
Die Annahme einer abstrakten Existenz des Werkes vor seiner Materialisierung
und dessen Rückführung auf einen kosmischen Ursprung werden
nicht weiter erläutert. Kandinsky vermag die Größen Geist,
Seele und innere Notwendigkeit nicht faßbar
zu machen.
Offenbar ist er sich bewußt, daß das Kunstwerk aus der dialiektischen
Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Kräften hervorgeht;
nur hat er Mühe, deren Wesen und Funktionen klar zu definieren und
voneinander abzugrenzen. Er spricht abwechslungsweise von Geist, Inhalt,
Emotion, Gefühl, innerer Notwendigkeit, Werk und Form, doch bleibt
es vielfach offen, worauf sich diese Begriffe eigentlich beziehen, ob
einzelnen unter ihnen eine synonyme Bedeutung zukommt und vor allem, wie
sie strukturell zusammenhängen.
Er empfindet alle diese Kräfte und Größen als Ausdruck
und Inhalt des eigenen Innern, in dem er sie als Seelenvibrationen
wahrnimmt. Darüber hinaus erkennt er in seinem Innern auch seinen
bewußten künstlerischen Gestaltungswillen, dem (im Sinn einer
neutralen Instanz) die Aufgabe zufällt, zwischen all diesen heterogenen
und einander zum Teil entgegengesetzten Kräften zu vermitteln, um
sie schließlich miteinander zu einer bildnerischen Einheit zu verbinden.
Kandinsky ist in erster Linie Maler; seine zentrale und authentische Erfahrung
ist der schöpferische Akt, den er erst nachträglich zu deuten
und theoretisch zu rechtfertigen versucht. Die entsprechende Analyse fällt
ihm deshalb so schwer, weil er diesen Akt als integral und unteilbar erlebt.
Seine Schwierigkeiten mit der Theorie ergeben sich aus dem Umstand, daß
er sich über die Art und Komplexität der psychischen Struktur
des Menschen nicht im klaren ist. Er fühlt sich einerseits gedrängt,
einzelne der im eigenen Innern auftretenden Kräfte auf Grund ihrer
Autonomie und Unkontrollierbarkeit außerhalb seiner selbst zu verlegen,
empfindet sie jedoch trotzdem als Teil des eigenen Selbst und ist deshalb
nicht willens, sich von ihnen völlig abzugrenzen. So schafft er die
mythischen Größen des Geistes und des Gefühls,
die, obwohl kosmischen Ursprungs, im Künstler als innere Notwendigkeit
nach Gestalt und Ausdruck drängen. Der Künstler wird damit zum
Seher, das ungegenständliche Werk zum Ausdruck einer
inneren Vision.
Wäre Kandinsky mit der Psychoanalyse vertraut gewesen, so hätte
er den kosmischen Ursprung des schöpferischen Prozesses in das Unbewußte
verlegt, also in denjenigen Bereich der Seele, der sich nach der psychoanalytischen
Theorie jedem Zugriff objektiver Erkenntnis entzieht. Das Unbewußte
ist ja per Definitionem das schlechthin Unbekannte; was wir erkennen,
sind immer nur dessen Auswirkungen auf das Bewußtsein. In vorliegendem
Fall sind dies die schöpferischen Visionen des Künstlers, die
sich oft ohne sein Zutun und ohne seinen bewußten Willen in seinem
Innern kundgeben und nach Verwirklichung drängen.
Während Freud seine Untersuchungen auf die Abkömmlinge des persönlichen
Unbewußten beschränkt, nimmt Carl Gustav Jung neben diesem
ein weit umfassenderes, kollektives Unbewußtes an, das innerhalb
der individuellen Psyche gewissermaßen das psychische Erbe der Menschheit
vertritt. Dieser Tiefenschicht entstammen die sogenannten Archetypen,
eine Art Urbilder menschlicher Erfahrung, die sich in der Regel im Traum,
in Ausnahmefällen aber auch in Form innerer Visionen, irrationaler
Entschlüsse oder dunkler, oft zutreffender Vorahnungen zu Wort melden.
Dazu schreibt Jung in seinen Erinnerungen (1954): "In der richtigen
Erkenntnis, daß die Kräfte nicht seiner bewußten Persönlichkeit
entspringen, bezeichnet der Mensch sie als Mana (das Wirkende), Dämon
oder Gott. Die wissenschaftliche Erkenntnis bedient sich des Terminus,
das Unbewußte und gibt damit zu, daß sie darüber
nichts weiß, [...] Darum kann man die Gültigkeit der Bezeichnung
als Mana, Dämon oder Gott weder bestreiten noch bejahen, wohl aber
kann man feststellen, daß das mit der Erfahrung eines Objektiven
verbundene Fremdheitsgefühl authentisch ist. [...] Ich ziehe daher
den Terminus das Unbewusste vor, wohl wissend, daß ich
ebensogut von Gott und Dämon reden könnte,
wenn ich mich mythisch ausdrücken wollte."42
Entsprechendes meint wohl Kandinsky, wenn er sagt: "Alle Formen,
die ich je brauchte, kamen von selbst, sie stellten sich fertig
vor meine Augen und es blieb mir nur, sie zu kopieren, oder sie bildeten
sich schon während der Arbeit oft für mich selbst überraschend."43
Die scheinbare Absichtlichkeit und Autonomie, mit der die Archetypen ihre
Wirksamkeit entfalten, wohnt auch Kandinskys Visionen inne und verleiht
ihnen den Charakter des Numinosen, der in seinen Formulierungen so deutlich
spürbar wird.
Die These des kollektiven Unbewußten - Jungs wichtigster Beitrag
zur psychoanalytischen Theorie - erlaubt es zwar, Kandinskys mythische
Interpretation seiner eigenen Kunsterfahrung zu deuten, doch vermittelt
sie keine Einsicht in die Dynamik und Struktur des schöpferischen
Prozesses. Demgegenüber gestattet es das Kohutsche Modell des bipolaren
Selbst, diesen Prozeß strukturell und dynamisch zu veranschaulichen
und dabei Kandinskys Darlegungen und sein Prinzip der inneren Notwendigkeit
in die Begriffe wissenschaftlicher Psychologie zu übersetzen. Dies
soll anhand des entscheidenden Abschnitts aufgezeigt werden, in dem der
Künstler seinen zentralen Begriff auf dessen psychische und ideelle
Grundlagen zurückzuführen versucht.
"Die innere Notwendigkeit", schreibt Kandinsky in Über
das Geistige in der Kunst, "entsteht aus drei mystischen Gründen.
Sie wird von drei mystischen Notwendigkeiten gebildet:
1. hat jeder Künstler, als Schöpfer, das ihm Eigene zum Ausdruck
zu bringen (Element der Persönlichkeit),
2. hat jeder Künstler, als Kind seiner Epoche, das dieser Epoche
Eigene zum Ausdruck zu bringen (Element des Stiles im inneren Werte, zusammengesetzt
aus der Sprache der Epoche und der Sprache der Nation, solange die Nation
als solche existieren wird),
3. hat jeder Künstler, als Diener der Kunst, das der Kunst im allgemeinen
Eigene zu bringen (Element des Rein- und Ewig-Künstlerischen, welches
durch alle Menschen, Völker und Zeiten geht, im Kunstwerke jedes
Künstlers, jeder Nation und jeder Epoche zu sehen ist und als Hauptelement
der Kunst keinen Raum und keine Zeit kennt)[...]
Die beiden ersten Elemente sind subjektiver Natur. Die ganze Epoche will
sich abspiegeln, ihr Leben künstlerisch äußern. Ebenso
will der Künstler sich äußern und wählt nur die ihm
seelisch verwandten Formen. Allmählich und schließlich bildet
sich der Stil der Epoche, d.h. eine gewiße äußere und
subjektive Form. Das Rein- und Ewig-Künstlerische ist dagegen das
objektive Element, welches mit Hilfe des subjektiven verständlich
wird. [...] Nur das dritte Element des Rein- und Ewig-Künstlerischen
bleibt ewig lebendig. [...]
Kurz gesagt, ist die Wirkung der inneren Notwendigkeit und also die Entwicklung
der Kunst eine fortschreitende Äußerung des Ewig-Objektiven
im Zeitlich-Subjektiven."44
In ihren Grundzügen scheint sich Kandinskys These mit meiner eigenen
Auffassung des schöpferischen Prozesses zu decken, vorausgesetzt,
daß man die Widersprüche und begrifflichen Unklarheiten der
eben zitierten Stelle bereinigt.
Kandinsky übersieht, daß die Trennungslinie zwischen dem Subjektiven
und dem Objektiven mitten durch das einzelne Individuum verläuft;
dieses vertritt sowohl das "ihm Eigene" als auch, als "Kind
seiner Epoche", das "dieser Epoche Eigene". Letzteres ist
jedoch nicht, wie Kandinsky meint, "subjektiver Natur", denn
der Stil und die Sprache der Epoche sind keine subjektiven Formen. Für
den Künstler, der diesen Stil und diese Sprache vorfindet und sie
durch seine eventuellen Beiträge verändert und mitgestaltet,
stellen sie die objektiven Größen eines künstlerischen
Kanons dar: sie repräsentieren eine idealisierte Struktur.
Wohl ist es klar, daß jede idealisierte Struktur auch dann, wenn
ihr der einzelne oder die Gesellschaft eine allgemeine, objektive Geltung
zubilligen, durch individuelle und sozialgeschichtliche Faktoren bedingt
und damit relativ ist. Innerhalb der menschlichen Psyche, die den Rahmen
unserer Betrachtung bildet, kommt ihr jedoch trotzdem eine allgemeine,
eben objektive Bedeutung zu, auf Grund derer sie zu den ihrem Wesen nach
subjektiven exhibitorischen Ambitionen in eine dialektische Beziehung
tritt. Diese dialektische Beziehung spiegelt sich auch im Kunstwerk, das
Objektives und Subjektives zu einer gestalthaften Einheit verbindet.
Kandinsky fällt es offensichtlich schwer, die Größen objektiv
und subjektiv in überzeugender Weise gegeneinander abzugrenzen
und in seine Kunsttheorie einzubauen. Er erkennt nicht, daß sich
das objektive Element des Kunstwerks immer aus den kommunikativen,
verbindenden Funktionen seiner Gestaltung, also aus allgemeinen Werten
ergibt: aus ideellen und sprachlichen Konventionen. Eben deshalb ist dieses
objektive Element dem Eigenen der Epoche zuzuordnen
oder gleichzusetzen. Kandinsky erklärt stattdessen das Abstraktum
eines Rein- und Ewig-Künstlerischen zum objektiven
Element, womit er diesen Unbekannten bloß einen anderen Namen
gibt; die entscheidende Frage, worin dieses objektive Rein- und
Ewig-Künstlerische eigentlich bestehe, läßt er unbeantwortet.
Meiner eigenen Auffassung nach besteht das, was Kandinsky als zeitlosen
Wert den beiden anderen Elementen, dem Element der Persönlichkeit
(das Eigene des Künstlers) und dem Element des
Stils (das Eigene der Epoche) entgegenstellt, in der
gestalthaften Verbindung der beiden Pole des Selbst, d.h. in der Synthese
von Subjektivem und Objektivem, von Einmaligem und Allgemeinem.
Die einzige Konstante, welche (wie Kandinsky sagt) "durch alle Menschen,
Völker und Zeiten geht, im Kunstwerke jedes Künstlers, jeder
Epoche und jeder Nation zu sehen ist und als Hauptelement der Kunst keinen
Raum und keine Zeit hat", ist die dialektische Auseinandersetzung
zwischen Exhibition und Ideal, zwischen Subjektivem und Objektivem, zwischen
Individuellem und Allgemeinem. Die Intensität der geistigen und psychischen
Spannung zwischen diesen beiden Polen und die Überzeugungskraft ihrer
bildnerischen Synthese machen die Größe und das
Ewigkünstlerische des jeweiligen Werkes aus. Kandinskys
Satz, "die Wirkung der inneren Notwendigkeit und also die Entwicklung
der Kunst" sei "eine fortschreitende Äußerung des
Ewig-Objektiven im Zeitlich- Subjektiven", läßt sich meiner
Meinung nach nur so verstehen und nur so in sinnvoller Weise interpretieren.
Die wegweisende Bedeutung der vor über siebzig Jahren geschriebenen
Texte Kandinskys wird durch meine klärenden Einwände keineswegs
geschmälert. Es wäre, wie Peter Anselm Riedl richtig bemerkt,
"falsch und ungerecht, den Theoretiker Kandinsky mit der Elle messen
zu wollen, die für einen geschulten Philosophen gilt".45 In
Ermangelung wissenschaftlich fundierter psychologischer Kenntnisse und
einer entsprechenden Terminologie stützt Kandinsky seine Thesen und
Spekulationen auf die unbestimmten und mehrdeutigen Konzepte der Theosophie
ab und übernimmt auch deren mystifizierende Rhetorik.
Die theosophischen Lehren kommen mit ihrer Kritik am Materialismus und
Positivismus, mit ihrem Glauben an die Macht des Übersinnlichen und
mit ihrem Aufruf zu einer geistigen Erneuerung dem Denken und Fühlen
Kandinskys entgegen. Doch ist er kein kritikloser Anhänger der Helena
Petrovna Blavatsky und Rudolf Steiners. Er lobt zwar die Theosophen als
"Menschen, welche keine Hoffnung setzen auf die Methoden der materialistischen
Wissenschaft in Fragen, die mit Nichtmaterie oder einer Materie
zu tun haben, die unseren Sinnen nicht zugänglich sind," doch
schränkt er wenige Zeilen später ihre Bedeutung auf die der
bloßen ideellen Unterstützung ein.46
Im Gegensatz zu Sixten Ringbom, der mehrmals (1966, 1970) versucht hat,
die Entwicklung zur ungegenständlichen Malerei bei Mondrian und Kandinsky
auf die theosophischen Überzeugungen dieser Künstler zurückzuführen,
bin ich der Meinung, daß deren schöpferische Leistung - ihr
Durchbruch zur Ungegenständlichkeit - im Grunde einer Emanzipation
von der christlich-theosophischen Weltsicht gleichkommt. Im Fall Kandinskys
beschränkt sich der Einfluß der Theosophie ohnehin auf die
nachträgliche Theoriebildung, mit der er seine revolutionären
Schritte zu rechtfertigen versucht. Der rauschhafte Mystizismus der großen
Erleuchteten liefert ihm ein ideelles und intellektuelles Alibi;
er übernimmt deren vage Konzepte, ihr Pathos und ihren mystifizierenden,
alle Konturen verwischenden Sprachstil immer dann, wenn es darum geht,
Unstimmigkeiten oder gedankliche Leerstellen innerhalb seiner Argumentation
rhetorisch zu überbrücken. Bezeichnenderweise greift Kandinsky
vor allem dann zu sprachlichen Klischees und zur mystifizierenden Rhetorik
der Theosophen, wenn er versucht, die den schöpferischen Prozeß
bestimmenden Werte und Ideale zu umschreiben.
Kandinskys Malerei ist Ausdruck einer sublimierten Triebhaftigkeit und
macht den Anschein, eher durch den exhitiborischen als durch den idealisierten
Pol des Selbst bestimmt zu sein. Die innere Notwendigkeit,
die in ihm zum Ausdruck drängt, schöpft ihre Kraft aus Empfindungen
und triebhaften Impulsen, aus spontan sich einstellenden Visionen und
wird - zumindest in seinen Texten - dazu ermächtigt, "sämtliche
bekannten Regeln und Grenzen in jedem Augenblick umzuwerfen".
Eine eingehendere Betrachtung seiner Bilder erweist jedoch bald, daß
die Spontaneität des malerischen Gestus den Forderungen eines bildnerischen
Kanons, d.h. einer idealisierten Struktur Rechnung trägt. Im Gegensatz
zu derjenigen von Piet Mondrian ist diese jedoch nur undeutlich artikuliert;
sie läßt sich kaum durchschauen und ist rational nur schwer
zu fassen.
Obwohl Kandinsky in seinen Schriften immer wieder auf die Notwendigkeit
eines bewußt kontrollierten gestalterischen Prozesses hinweist -
"ich habe mich trainieren müssen, mich nicht einfach gehen zu
lassen, sondern die in mir arbeitende Kraft zu zügeln, sie zu leiten",
schreibt er 191347 - ist er nicht willens oder nicht in der Lage, die
Prinzipien, die dabei zu beachten wären, zu umschreiben. Diese Unbestimmtheit
weist auf eine mangelhafte Integrierung des idealisierten Pols des Selbst
hin; dessen Inhalte bleiben eben deshalb unbewußt oder werden ausschließlich
negativ formuliert.
Der künstlerische Kanon, der in Kandinskys Malerei Gestalt und Ausdruck
findet, läßt sich nur unmittelbar, sinnlich und intuitiv erfassen,
denn er gründet im biologischen Prinzip der Homöostase. Dieses
Prinzip bildet einen wesentlichen Aspekt der ästhetischen Lust und
soll kurz skizziert werden. Die Psychoanalyse versteht Lust als das Ergebnis
eines Triebvorganges. Die Triebe, "die körperlichen Anforderungen
an das Seelenleben" und "letzte Ursachen jeder Aktivität",
werden nach Freud durch das Lust-Unlust-Prinzip reguliert. Dieses gründet
darin, daß die Bedingungen für das Wohlbefinden jedes höheren
Organismus unter anderem in einem optimalen Gleichgewicht innerer und
äußerer Prozesse besteht und daß der Organismus danach
strebt, dieses Gleichgewicht zu erhalten und im Fall von Abweichungen
wieder herzustellen. Nach Freud, der sich auf dieses homöostatische
Motivationsmodell bezieht, wird die Erhöhung innerer und äußerer
Reizspannungen als Unlust, deren Herabsetzung als Lust empfunden, wobei
Freud einschränkend bemerkt: "Wahrscheinlich sind es nicht die
absoluten Höhen dieser Reizspannungen, sondern etwas im Rhytmus ihrer
Veränderung, was als Lust und Unlust empfunden wird."48
Sosehr jede Reizspannung als Unlust empfunden wird, sowenig ist ohne jene
deren Aufhebung möglich. Lust scheint somit vorhergehende Unlust
vorauszusetzen. Innerhalb bestimmter Grenzen bildet ein dauernder Wechsel
des Anstiegs und der Abnahme innerer Reizspannungen eine der Bedingungen
unseres körperlichen und psychischen Wohlbefindens. Jede Störung
unseres körperlichen oder psychischen Gleichgewichts versetzt den
Organismus in einen aktiven Zustand der Energiemobilisierung - der Spannung
- mit dem Ziel, mittels dieser Energie den ursprünglichen Gleichgewichtszustand
wieder herzustellen. Das Fehlen eines Mindestmaßes solcher Stimulierung
führt zu Langeweile und Apathie. Der damit verbundenen Unlust wird
im Normalfall durch die Provozierung neuer Reizspannungen begegnet.
Die Isolierung und sublimatorische Verschiebung dieser psychischen Vorgänge
auf den Bereich der visuellen künstlerischen Wahrnehmung und Gestaltung
bildet eine der Grundlagen ästhetischer Lust. So erzeugen bildnerische
Kontraste, die Gegenüberstellungen von Flächen, Punkten und
Linien, von Waagrechten, Senkrechten und Diagonalen, von Rundem und Eckigem,
von Weichem und Hartem, von rhythmischen Wiederholungen und einmaligen
Auftritten, von Großem und Kleinem, von Konkavem und Konvexem, usw...
eine dauernde Folge visueller Spannungen, die nach ihrer Aufhebung verlangen.
Dazu müssen diese bildnerischen Elemente nebst ihren Gegensätzen
auch Gemeinsamkeiten aufweisen, dank derer sie sich zu homogenen, also
harmonischen Paaren oder Gruppen verbinden lassen. Die durch den Kontrast
zwischen einer eckigen und einer runden Form, einer glatten und einer
körnigen Struktur erzeugte Spannung kann zum Beispiel durch eine
gemeinsame, beide Formen oder Strukturen miteinander verbindende Farbe
wieder aufgehoben oder neutralisiert werden. Ein ästhetisch gelungenes
Kunstwerk bietet so dem Betrachter die Möglichkeit, aus der komplexen
Verschränkung und dem oszillierenden Rhythmus von Kontrasten und
Übereinstimmungen im schöpferischen Nachvollzug ein Gesamtbild
zu schaffen, in dem Getrenntes und Verbundenes, Spannung und Entspannung,
sich zum schließlichen Gleichgewicht einer bildnerischen Einheit
verbinden. Der Wahrnehmungsprozeß, in dessen Verlauf dies erreicht
wird, erzeugt ästhetische Lust. Die Wirksamkeit dieses homöostatischen
Prinzips läßt sich bereits an jedem Ornament nachweisen und
nimmt bei eigentlichen Kunstwerken lediglich komplexere und differenziertere
Formen an.
In seinen theoretischen Schriften ist Kandinsky nicht bereit, diese ideelle
Entleerung seiner idealisierten Struktur und deren Reduktion auf ein biologisches,
triebbestimmtes Prinzip hinzunehmen; er ist auch nicht in der Lage, die
philosophische Bedeutung dieser für die Moderne so paradigmatischen
Materialisierung zu erkennen, durch die das Ideal zu einer
immanenten, ichgerechten Größe wird. Die messianischen und
mystisch-prophetischen Tendenzen seines Denkens verunmöglichen es
Kandinsky, seine eigene künstlerische Erfahrung unvoreingenommen
zu analysieren und ihre Struktur und Dynamik rational zu erfassen. Deshalb
gelingt es ihm nicht, den bahnbrechenden Schritt, den er in seiner Malerei
vollzieht, auch in befriedigender Weise zu deuten.49
Statt sich wie in der Malerei auch in der Theorie zur triebhaften Dimension
des Gefühls zu bekennen, bleibt Kandinsky ideell der idealistischen,
triebfeindlichen Haltung der Theosophen verhaftet. Um die ideelle Ausblendung
- die Verdrängung - des Triebhaften aufrechtzuerhalten, betont er
im Sinn einer Abwehr oder Gegenbesetzung immer wieder den geistigen
Charakter seiner Kunst; daher auch seine paradoxe Gleichsetzung von Geist
und Gefühl.
Die mangelhafte Integrierung des idealisierten Pols führt bei Kandinsky
zu einer verstärkten narzißtischen Besetzung des exhibitorischen
Pols. Im Gegensatz zu Mondrian, der das Ideal exhibiert, neigt Kandinsky
dazu, die Exhibition zu idealisieren. Während Mondrian dem Geistigen
(d.h. der idealisierten Vorstellung eines abstrakten Prinzips) eine sinnliche,
auf der Triebebene wirksame Gestalt verleiht, erhebt Kandinsky das sinnlich
Triebhafte zur idealisierten Vorstellung eines geistigen Prinzips. Diesem
Zweck dienen auch einzelne Abschnitte sowie der Titel seiner Schrift Über
das Geistige in der Kunst.
Soweit Kandinsky als Theoretiker. Während es diesem nicht gelingt,
"über den eigenen Schatten zu springen", räumt der
Maler Kandinsky dem Sinnlich-Triebhaften eine bisher unbekannte Entfaltungsfreiheit
ein. Gleichzeitig strebt er nach einem komplexen bildnerischen Gleichgewicht,
das auf mehreren sich gegenseitig durchdringenden Ebenen zustande kommt
und nicht immer leicht nachzuvollziehen ist. Statt der klaren Architektonik
des Kubismus und des Neoplastizismus oder der rationalen Transparenz und
Abgeklärtheit des großen Matisse finden wir in Kandinskys frühen
ungegenständlichen Arbeiten den dionysischen Rausch entfesselter
Triebhaftigkeit (Abb. 217, 218). Trotzdem entgleitet diese nie völlig
der gestalterischen Kontrolle des Künstlers. Fast alle großen
Kompositionen und Improvisationen (1910-20) werden durch Skizzen und Entwürfe
sorgfältig vorbereitet. "Unter Konstruktion", schreibt
Kandinsky 1912 an Arnold Schönberg, "verstand man bisher eine
aufdringliche Geometrie (Hodler, die Kubisten, etc.). Ich will jedoch
zeigen, daß die Komposition auch - und vielleicht noch besser -
durch das Prinzip der Dissonanz erreicht werden kann." Unter dem
Prinzip der Dissonanz versteht Kandinsky dabei den Konflikt,
das Aufeinanderprallen heterogener Kräfte, während er mit Konstruktion/Komposition
den bildnerischen Aufbau des Werkes und das sinnlich-geistige Gleichgewicht
der darin wirkenden Kräfte meint.
Kandinskys Bilder erfüllen in konsequenter Weise Gauguins Forderung,
die Farbe "auf rätselhafte Weise" zu gebrauchen, nämlich
"nicht zum Zeichnen, sondern um der musikalischen Wirkungen willen,
die von ihr ausgehen, von ihrer eigenen Natur, von ihrer inneren, mysteriösen,
rätselhaften Kraft."50 Ebenso rätselhaft ist auch die formale
Struktur, der diese Bilder ihre gestalthafte Einheit verdanken. Die innere
Abgeklärtheit eines Matisse ist Kandinsky fremd. Sein Gleichgewicht
ist anderer Art: "... aus der Tatsache, daß wir zu einer Zeit
leben, die voll von Fragen, Ahnungen, Deutungen ist und deswegen voll
von Widersprüchen, können wir leicht die Folge ziehen, daß
gerade unserer Zeit ein Harmonisieren [...] am wenigsten passend ist.
Vielleicht neidisch, mit trauriger Sympathie können wir die Mozartschen
Werke empfangen. Sie sind uns eine willkommene Pause im Brausen unseres
inneren Lebens, ein Trostbild und eine Hoffnung, aber wir hören sie
doch wie Klänge aus anderer, vergangener, im Grunde uns fremder Zeit.
Kampf der Töne, das verlorene Gleichgewicht, fallende Prinzipien,
unerwartete Trommelschläge, große Fragen, scheinbar zielloses
Streben, scheinbar zerissener Drang und Sehnsucht, zerschlagene Ketten
und Bänder, die mehrere zu einem machen, Gegensätze und Widersprüche
- das ist unsere Harmonie."51
Mit dem Wegfallen gegenständlicher Assoziationen und einsehbarer
geometrischer Beziehungen wird der Betrachter jeder rationalen und literarischen
Interpretationshilfe beraubt und auf seine rein emotionale Antwort zurückgeworfen:
auf die psychische Sensibilität, auf das sinnliche Maß und
das geistige Gesetz seines eigenen Innern.
Damit öffnet Kandinsky das Tor zum Irrationalen, jedoch nur, um diesem
dunkeln Bereich der Seele Einsicht und Erkenntnis abzugewinnen. Durch
die Auseinandersetzung mit der Bildorganisation des späten Kubismus
findet Kandinsky zu einer eigenen Form der Orchestrierung und zu einer
Ordnung, in der sich die Vielfalt seiner chromatischen Klänge und
formalen Rhythmen, seine Farbströme und seine weiten, zuckenden Bogenschwünge
zu einer komplexen und umfassenden bildnerischen Einheit verbinden. (Abb.
219, 220). Seine theoretischen Schriften, die Lehrtätigkeit am Bauhaus
und die Weiterentwicklung seiner Malerei zeugen vom beharrlichen Versuch,
die geheimnisvolle Beziehung zwischen bildnerischen Mitteln und psychischem
Ausdruck zu ergründen, um so die Exhibition des inneren Klanges
mit den Gesetzen, die sowohl den Kosmos als auch die menschliche Seele
regieren, in Übereinstimmung zu bringen.
Auch Kandinsky verwirklicht seine exhibitorischen Ambitionen und idealisierten
Strukturen auf einer universalen Ebene; nur sucht er das Universale nicht
wie Mondrian in den Regeln des menschlichen Verstandes, sondern in der
Dynamik und Gesetzmäßigkeit der menschlichen Triebe, im Es.
So markieren die beiden großen Pioniere die beiden konzeptionellen
Pole der ungegenständlichen Kunst und ihrer weiteren Entwicklung.
Dieser konzeptionelle Gegensatz äußert sich nicht nur in
ihrer künstlerischen Arbeit, sondern auch in ihrem öffentlichen
Auftreten und in den jeweiligen Vereinigungen, Bewegungen und Organisationen,
mit denen sie auf das Kunstleben ihrer Zeit Einfluß zu nehmen versuchen.
Während Mondrians Haltung dabei so (extrem) dogmatisch ist, daß
er seine Beziehungen zur Gruppe de Stijl und zu Theo van Doesburg abbricht,
als dieser in seinen Bildern neben waagrechten und senkrechten Linien
auch Diagonalen einsetzt, ist Kandinsky, dessen künstlerisches Credo
nicht derart kodifiziert ist, jeder Kunst gegenüber offen, solange
er annehmen kann, daß sie einer inneren Notwendigkeit
entspringt. "Die Fähigkeit, fremde Werke zu erleben (was natürlich
auf eigene Art geschieht und geschehen muß)", schreibt er in
Rückblicke, "macht die Seele empfindlicher, vibrationsfähiger,
wodurch sie sie bereichert, erweitert, verfeinert und zu eigenen Zwecken
immer geeigneter macht".52
Diese Haltung prägt auch das Programm des legendären Blauen
Reiter, den Kandinsky zusammen mit Franz Marc ins Leben ruft. Im
Sommer 1911 beschließen die beiden Künstler die Herausgabe
einer programmatischen Kunstschrift in Form eines Almanachs. "In
diesem Buch muß sich das ganze Jahr spiegeln", schreibt Kandinsky
im Brief, in dem er seinen Plan entwirft, "und eine Kette zur Vergangenheit
und ein Strahl in die Zukunft müssen diesem Spiegel das volle Leben
geben. [...] Da bringen wir einen Ägypter neben einem kleinen Zeh,
einen Chinesen neben Rousseau, ein Volksblatt neben Picasso und dergl.
noch viel mehr! Allmählich kriegen wir Literaten und Musiker."53
Nachdem die ersten Mitarbeiter gefunden sind, einigen sich die beiden
auf den Titel Der Blaue Reiter. Unerwarteterweise sollte dieser
noch vor Erscheinen des Almanachs aktuell werden: Meinungsverschiedenheiten
bei der Vorbereitung der dritten Ausstellung der Neuen Künstlervereinigung
München zwingen Kandinsky und Marc zum Austritt; Als Gegenmanifestation
organisieren sie kurz entschlossen die Erste Ausstellung der Redaktion
des Blauen Reiter, die im Dezember 1911 in München eröffnet
wird und anschließend nach mehreren deutschen Städten weiterreist.
Sie zeigt neben Arbeiten von Kandinsky, Marc, Münter, Kubin, Campendonk,
Delaunay, Epstein, Macke und Schönberg auch Bilder des Douanier Rousseau.
Drei Monate später folgt eine Grafik- Ausstellung, an der die französischen
Kubisten, die russische Avantgarde, die Maler der Brücke
und Paul Klee beteiligt sind. Im Mai 1912 erscheint schließlich
im Piper Verlag der geplante Almanach.
Diese für die damalige Zeit einzigartige Publikation enthält
neben 140 Reproduktionen, kleinen Vignetten, drei musikalischen Partituren,
Gedichten und Zitaten vierzehn längere Texte. Der russische Maler
David Burljuk schreibt über Die Wilden Rußlands,
Franz Marc berichtet über Die Wilden Deutschlands (gemeint
sind der russische und der deutsche Fauvismus) und vergleicht im Aufsatz
Zwei Bilder eine volkstümliche Märchenillustration
mit einem Gemälde Kandinskys; August Macke schreibt über afrikanische
Masken, der Kunsthistoriker Erwin von Busse über Die Kompositionsmittel
bei Robert Delaunay, Arnold Schönberg über Das Verhältnis
zum Text und Thomas von Hartmann über Die Anarchie in
der Musik. Kandinsky entwirft unter dem Titel Der gelbe Klang
eine Bühnenkomposition als Verbindung von tänzerischer Pantomime,
Farblichtspiel und Musik. Sein wichtigster Beitrag ist der Aufsatz Über
die Formfrage. In diesem versucht er, den Gegensatz von Abstraktion
und Realistik zu relativieren und nachzuweisen, "daß es [...]
im Prinzip gar keine Bedeutung hat, ob eine reale oder abstrakte Form
vom Künstler gebraucht wird", denn: "... das wichtigste
in der Formfrage ist das, ob die Form aus der inneren Notwendigkeit gewachsen
ist oder nicht."54 In diesem Sinn stellt er "die große
Realistik", wie sie durch Kinderzeichnungen, primitive Kunst oder
die Malerei Henri Rousseaus vertreten wird, gleichberechtigt neben "die
große Abstraktion", die in der Kunst der Moderne Gestalt und
Ausdruck findet.
Diese Auffassung, die von Kandinskys Mitarbeitern geteilt wird, manifestiert
sich auch in der Auswahl der Reproduktionen, die den Almanach illustrieren,
und im häufig angewandten Prinzip, Werke aus unterschiedlichen Bereichen
und Epochen auf einander gegenüberliegenden Seiten abzubilden. So
wird etwa ein Bild van Goghs einem japanischen Holzschnitt, oder Delaunays
kubistischer Eiffelturm einer religiösen Darstellung El Grecos gegenübergestellt.
Der so herbeigeführte Vergleich fordert den Betrachter auf, die innere
Verwandtschaft der äußerlich so verschiedenen Werke zu erkennen.
Die Illustrationen umfassen unter anderem afrikanische Skulpturen und
Werke der russischen Volkskunst, Bilder Rousseaus, Cézannes und
van Goghs, ein romanisches Mosaik aus San Marco in Venedig, bayrische
Votivbilder, eine religiöse Darstellung El Grecos, Kinderzeichnungen,
Werke Gauguins und Beispiele ostasiatischer Kunst; neben Arbeiten von
Kandinsky und Marc sind solche von Picasso, Matisse, Delaunay, Arp, Kubin,
Macke, Klee, Kirchner, Heckel, Kokoschka, Nolde und Gabriele Münter
vertreten.
Die thematische Vielfalt dieser Beiträge spiegelt den universalen
Anspruch der vom Blauen Reiter verbreiteten Botschaft. Dessen
Mitarbeiter fühlen sich als Wegbereiter einer neuen Epoche und einer
globalen, das geistige Erbe der Menschheit und die schöpferischen
Kräfte der Gegenwart miteinander verbindenden Kultur. Im Werk Paul
Klees55 sollte diese umfassende Vision ihre überzeugendste künstlerische
Gestalt finden.
Zusammenfassung
Matisse, Braque, Picasso, Mondrian und Kandinsky haben aus der bildnerischen
Revolution der Pioniere die letzten Konsequenzen gezogen. Mit ihrem Schritt
haben sie den Ausdruck und die Gestalt idealisierter Strukturen in einem
bisher unerreichten Maß von den objektiven Bedingungen der sichtbaren
Erfahrungswirklichkeit unabhängig gemacht. Gleichzeitig hat diese
Befreiung dem Idealen seine Verankerung im Faßbaren und Sichtbaren
geraubt. Diese Verankerung im Objektiven, ohne die keine idealisierte
Struktur denkbar ist, wird nun im eigenen Innern gesucht. Im inneren Sinn
für Proportion und Gleichgewicht, und in der Struktur und Dynamik
der eigenen Psyche erkennen diese Künstler die universalen und objektiven
Gesetzmäßigkeiten, denen sie sich verpflichtet fühlen;
die künstlerische Sensibilität bildet ihr einziges Maß.
Mit diesem Rückzug auf ihre inneren Empfindungen gewinnen sie eine
neue geistige und künstlerische Integrität.
Diesem Durchbruch zur unsichtbaren Wirklichkeit, zur durchgehenden Einheit
und zur verborgenen Gesetzmäßigkeit des Seins, der sich zur
selben Zeit sowohl in der Kunst als auch in der Wissenschaft vollzieht,
kommt die Bedeutung einer neuen Offenbarung zu. Ein neuer Glaube hat Gestalt
und Ausdruck gefunden. Wohl haben seine Anhänger gegen das Unverständnis
des Publikums und gegen die Ablehnung durch die offizielle Kunstwelt zu
kämpfen, doch führen sie ihren Kampf mit der Gewißheit,
im Besitz der Wahrheit zu sein. Sie beneiden keinen der erfolgreichen
Salonmaler jener Zeit, sondern bedauern, wie die ersten Christen, alle,
die der frohen Botschaft entbehren oder sich ihr verschließen. Das
neue Ideal - das Universale - verbindet Mensch und Welt zu einer neuen,
globalen Gemeinschaft. Die Kunst der Moderne hat ihre klassische Stufe
erreicht.
Wie jede klassische Epoche ist auch diese nur von kurzer Dauer. Der Weltkrieg
steht vor der Tür, und die Ahnung der herannahenden Katastrophe ist
allgegenwärtig. Im Schatten, den sie vorauswirft, bilden sich die
Stilformen des modernen Manierismus aus.
Fussnote zu: IV. Die unsichtbare Wirklichkeit und die Ästhetik des Universalen