III. Die Wirklichkeit des Bildes und der Beginn der Moderne
In der bildenden Kunst ereignete sich der geistige Umbruch, mit dem
die Moderne ihren Anfang nahm, in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.
Der entscheidende Schritt, den die großen Pioniere der Moderne,
Monet, Cézanne und Van Gogh, dabei vollzogen, bestand in der radikalen
Erneuerung der bildnerischen Mittel und der veränderten Bedeutung,
die sie diesen im gestalterisch-schöpferischen Prozeß beimaßen.
Um die Kühnheit und Einmaligkeit ihrer Leistung zu ermessen, muß
man sich das kulturelle Klima jener Zeit vergegenwärtigen. Zahlenmäßig
übertraf die Kunstproduktion des Zweiten Kaiserreichs die aller früheren
Epochen. Die Ausstellungen des von 1864 an jährlich stattfindenden
Salons vereinten jeweils zwischen vier- und sechstausend Gemälde
und Plastiken und zogen jedes Jahr um die 300 000 Besucher an. Die enorme
Popularität und der finanzielle Erfolg dieser Veranstaltung standen
in keinem Verhältnis zur künstlerischen Qualität der gezeigten
Werke; abgesehen von wenigen Ausnahmen war deren ästhetisches und
geistiges Niveau kaum zu unterbieten.
Die überwiegende Mehrzahl der Künstler, die zwischen 1850 und
1890 Ruhm und Ansehen genossen, werden in den heutigen Geschichtsbüchern
kaum mehr erwähnt (Abb. 54-58). Nach Hauser war das Zweite Kaiserreich
die Geburtsstunde des Kitsches: "Es gab natürlich auch früher
schon schlechte Maler und talentlose Dichter, roh und flüchtig gearbeitete
Werke, verwässerte und verhaute künstlerische Ideen; das Minderwertige
war aber unverkennbar minderwertig, war gemein und geschmacklos, anspruchlos
und belanglos - den gepflegten Schmarren, den mit Routine und Raffinement
gemachten Kitsch, gab es nicht, oder höchstens als Nebenprodukt.
Jetzt wird jedoch dieser Schmarren zur Norm und der Ersatz der Qualität
durch den bloßen Schein der Qualität zur Regel. Das Ziel ist,
den Kunstgenuß möglichst anstrengungslos und angenehm zu machen;
ihm jede Schwierigkeit und Komplikation, alles Problematische und Quälende
zu nehmen, kurz, das Künstlerische auf das Gefällige und Schmeichelnde
zu reduzieren."1
Die scheinbare Qualität dieser Machwerke wurde in erster
Linie durch einen auf die Spitze getriebenen Naturalismus erzielt. Dieses
Darstellungsmittel - die Fertigkeit, die Natur realitätsgerecht darzustellen
- hat im Verlauf der künstlerischen Entwicklung einen wiederholten
Bedeutungswandel erfahren. Die byzantinische und romanische Kunst ist
nicht naturalistisch, sondern symbolisch-expressiv. Eine frühe, archaische
Form des Naturalismus tritt im christlichen Europa erst im 14. Jahrhundert
auf (Giotto). Die nun einsetzende Verbreitung des wissenschaftlichen,
auf Naturbeherrschung und rationale Erkenntnis ausgerichteten Denkens
und die damit einhergehende Säkularisierung, d.h. Verweltlichung
des christlichen Glaubens, finden ihre künstlerische Parallele in
der fortschreitenden Beherrschung und Vervollkomnung der wirklichkeitstreuen
Naturdarstellung, und in der sukszessiven Verschiebung des künstlerischen
Interesses vom Sakralen zum Profanen, vom Symbolischen zum Konkreten.
Beide Prozesse - sowohl die Entwicklung naturalistischer Darstellungsmittel
als auch die Ausbildung einer vom Christentum losgelösten, natürlichen
Welt- und Lebensanschauung - werden von einer realistischen Geisteshaltung
getragen und durch Ich-gerechte Ambitionen vorangetrieben; und beide orientieren
sich an einer idealisierten Struktur, die real faßbare, überprüfbare
Werte vertritt, nämlich das Wirkliche, das Wahre und das Richtige.2
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erreicht diese zweispurige Entwicklung
im Werk Leonardos ihren ersten Höhepunkt; die Forderung nach dem
Wirklichen, dem Wahren und dem Richtigen ist in vorbildlicher Weise erfüllt;
die künstlerische Entwicklung ist in ihre klassische Phase getreten.
Doch wird die Beherrschung der Naturdarstellung, sobald sie einmal erreicht
ist, zu einer erlernbaren gestalterischen Technik. Nach der kurzen Übergangsphase
des Manierismus, während der die jeweilige Machart des Werkes, die
sogenannte Maniera, in den Vordergrund tritt, verschiebt sich
das Schwergewicht der künstlerischen Aussage von der Darstellung
selbst auf das Dargestellte. Die bildnerischen Mittel werden jeder ideellen
Bedeutung entkleidet und übernehmen eine rein dienende Funktion -
sie werden Mittel zum Zweck. Damit beginnt sich in der europäischen
Kunst der Kitsch auszubreiten, und zwar in dem Maß, als sich exhibitorische
Ambition und naturalistische Fertigkeit von ihrer ursprünglichen
Bindung an eine idealisierte Struktur lösen und damit ihre geistige
Orientierung verlieren. In diesem Sinn sagt Georg Schmidt: "Kitsch
ist äußere Richtigkeit bei innerer Unwahrheit."3
Im 17. und 18. Jahrhundert steht die Malerei im Dienst des politischen
oder religiösen Absolutismus. Sie wird von Kirche und Staat als Herrschaftsinstrument
eingesetzt und hat die vielfältigen Repräsentationsbedürfnisse
des Adels, der Mächtigen und Reichen dieser Welt zu befriedigen.
Mit der Demokratisierung des Kunstbetriebs und der Bildung eines freien
Kunstmarktes werden im 19. Jahrhundert die bisherigen Auftraggeber durch
die in ästhetischen Belangen unerfahrene Käuferschicht des aufstrebenden
Bürgertums in den Hintergrund gedrängt. Die neuen Herren suchen
Stimulierung, Abwechslung und Unterhaltung. Die Kunst soll aufwühlen,
erheben oder erschrecken. Sie hat Rührseliges und Pikantes zu bieten,
gefahrlose Abenteuer, heroische Leidenschaften, moralische Überzeugungen,
bewunderungswürdige Vorbilder, patriotische Tugenden und jede Art
von Nervenkitzel - vor allem jedoch hat sie die Auffassungen und Vorurteile
des damaligen Bürgertums zu bestätigen und die Zweifel, Ängste
und Schuldgefühle abzuwehren, die dessen Selbstbild und narzißtisches
Gleichgewicht bedrohen.
Die Salonkunst des Zweiten Kaiserreichs ersetzt innere und äußere
Wirklichkeit durch ein Wunschbild, durch eine Illusion, wobei dem Naturalismus
die Aufgabe zufällt, dem Dargestellten Glaubwürdigkeit zu verleihen.
Das aus dem Streben nach objektiver Erkenntnis hervorgegangene Stilmittel
tritt nun in den Dienst einer opportunistisch idealisierenden Gesinnung
und verleugnet damit seine geistige Grundlage - die Kunst verkommt zum
Kitsch.4
Bezeichnenderweise lehnen die schöpferischen und wegweisenden Künstler
jener Zeit den illusionistischen Naturalismus der Salonmaler ab. Die fotografisch
genaue Naturwiedergabe läßt sich weder mit dem freien Pinselduktus
von Delacroix, noch mit der realistischen Gesinnung von Künstlern
vereinbaren, die wie Daumier, Courbet oder Manet dem Entstehungsprozeß
des Bildes eine ausschlaggebende Bedeutung beimessen.
Die Impressionisten und ihre Nachfolger heben den Widerspruch zwischen
künstlerischer Intention und Darstellungsmittel schließlich
vollends auf, indem sie von jeder literarischen Bedeutung
des Sujets absehen und nur noch die sinnlich-optische Dimension des Sichtbaren
berücksichtigen. Dabei entdecken sie die Macht der Farbe und eine
neue Form der Wirklichkeit: die Wirklichkeit des Bildnerischen.
Schon in der ersten Phase der Moderne erfährt diese die vier grundsätzlichen
Interpretationen, welche die weitere Entwicklung bestimmen werden; sie
entsprechen den vier Geisteshaltungen, welche bereits in den Kunstrichtungen
des 19. Jahrhunderts - Klassizismus, Romantik, Realismus und Symbolismus
- zum Ausdruck kamen, doch gelten sie einer gewandelten Welt und gründen
in einer neuen, ganzheitlichen Wirklichkeitserfahrung.
1. Die Wirklichkeit der Wahrnehmung
Edouard Manet (1832-1883) und das Primat der Gegenwart
Seit den Skandalerfolgen des Déjeuner und der Olympia gilt Manet
als der wichtigste Vertreter der damaligen Avantgarde. Während er
bei der offiziellen Kunstkritik weiterhin auf Ablehnung stößt,
übt er auf die ihm folgende Künstlergeneration einen um so größeren
und ständig wachsenden Einfluß aus. Um 1869 ist er der Mittelpunkt
einer Gruppe junger Kritiker, Schriftsteller und Maler, die sich regelmäßig
in einem in der Nähe seines Ateliers gelegenen Kaffeehaus - dem berühmten
Café Guerbois - treffen. Die Maler dieses Kreises - Monet, Renoir,
Sisley, Pissarro, Degas, Cézanne und Berthe Morisot - werden in
den folgenden Jahren sowohl die Kunstauffassung ihrer Zeit als auch den
Kunstbetrieb der französischen Hauptstadt auf neue Grundlagen stellen.
Ihr erster gemeinsamer Auftritt richtet sich gegen das Ausstellungsmonopol
des offiziellen Salon des Artistes Français. In Ermangelung
anderer nennenswerter Ausstellungsmöglichkeiten war der jährlich
stattfindende Salon für die meisten Künstler die einzige Möglichkeit,
an die Öffentlichkeit zu treten. Erfolg und Lebensunterhalt eines
Malers hingen von der Aufnahme und der guten Plazierung seiner Werke im
Salon ab. Unkonventionelle Bilder hatten dabei kaum eine Chance, denn
die Auswahlkriterien der Jury orientierten sich an akademischen Maßstäben.
Die entsprechenden Erfahrungen ihres bewunderten Vorbildes Manet und das
wiederholte Scheitern eigener Versuche, mit kompromißlosen Werken
aufgenommen zu werden, überzeugten die Maler des Café Guerbois
von der Notwendigkeit, gemeinsam eine alternative Ausstellungsmöglichkeit
zu schaffen. Sie beschlossen die Gründung einer klar geregelten,
durch Mitgliederbeiträge finanzierten Künstlervereinigung, die
es ihnen ermöglichen sollte, die nötigen Räume zu mieten,
um unabhängig vom offiziellen Salon mit größeren Werkgruppen
an die Öffentlichkeit zu treten. Der Ausbruch des deutsch-französischen
Krieges im Jahr 1870 und der anschließende Aufstand der Kommune
vereitelten vorerst die Ausführung dieser Pläne, doch nahmen
die Künstler des Café Guerbois ihr Projekt nach dem Krieg
wieder auf: am 27. Dezember 1873 unterschrieben sie die Gründungsurkunde
der Société Anonyme des Artistes peintres, sculpteurs
et graveurs und eröffneten am 15. April 1874, zusammen mit
einer Reihe befreundeter Kollegen, die erste der acht legendären
Gruppenausstellungen, die unter der (an sich unzutreffenden) Bezeichnung
Impressionisten-Ausstellungen in die Geschichte eingegangen
sind.5
Die summarische Zusammenfassung der Mitglieder der Société
unter dem Etikett Impressionismus erweckt den irrtümlichen
Eindruck einer stilistisch homogenen Künstlergruppe. Die beteiligten
Künstler, deren Zusammenstellung von Ausstellung zu Ausstellung wechselte,
standen wohl alle in Opposition zur Akademie und zählten sich dementsprechend
zur Avantgarde, doch waren sie durch keinen gemeinsamen Stil miteinander
verbunden. Dies gilt sogar für die Maler des Café Guerbois,
die den geistigen Kern der Gruppe bildeten. Sie begeisterten sich zwar
alle für Manets spontane, unmittelbare Malweise und teilten seine
freudige, vorbehaltlose Bejahung der modernen Welt, nur gingen sie deren
Darstellung in unterschiedlicher Weise an.
Das damalige Paris war eine geschäftige, pulsierende, von breiten,
baumbestandenen Boulevards durchzogene Weltstadt, die mit ihren Warenhäusern
(den noch heute existierenden Grands Magasins), der Oper,
unzähligen Theatern und Café-Concerts, den berühmten
Folies Bergères und einem unerschöpflichen Angebot
an sonstigen Vergnügungen, an Promenaden, Pferderennen und Bootsfahrten,
Konzerten, Bällen und Ausstellungen ein völlig neues Lebensgefühl
vermittelte.
Im Gegensatz zu den Symbolisten, die nach Höherem und Bedeutungsvollerem
strebten, begrüßten Manet und seine Anhänger in diesem
erregenden, doch trivialen Schauspiel den Ausdruck einer neuen Zeit. Mit
kurzen, rasch hingesetzten Pinselstrichen und unter Verzicht auf klar
erkennbare Details malten sie die großen Boulevards und die Seinepromenaden,
die neuen Bahnhöfe und stählernen Brücken, das Leben in
den Kaffeehäusern, Restaurants und Bars, die Welt des Theaters, die
Sänger, Tänzer und Artisten der Cabarets. Mit diesen Darstellungen
der Stadt und des urbanen Alltags bekannte sich die Malerei des 19. Jahrhunderts
erstmals zur Gegenwart (Abb. 59-66).
Claude Monet (1840-1926) und das Primat des Lichts
Trotz ihrer thematischen Übereinstimmung lassen sich unter den
Künstlern des Café Guerbois streng genommen nur Monet, Renoir,
Sisley und Pissarro als Impressionisten bezeichnen.
Während Manet und Degas (weiterhin) ihren figürlichen und städtischen
Motiven treu bleiben, wenden sich Monet und seine Freunde Anfang der siebziger
Jahre auch der Landschaft zu; doch statt sie wie Corot und die Maler von
Barbizon romantisch zu verklären, malen sie die nähere Umgebung
von Paris aus der Sicht des Großstädters, der die Natur in
erster Linie als Erholungsgebiet auffaßt.
Auf der rastlosen Suche nach Freizeitvergnügen und Abwechslung haben
die damaligen Pariser auch die Seine entdeckt: der Fluß wird zum
Rudern, Segeln und Schwimmen, die Ufer für Ausflüge und Picknicks
genutzt. Eines der beliebtesten Ausflugsziele dieser Art ist Argenteuil.
Die vielen, am Ufer gelegenen Restaurants, die unzähligen Boote mit
ihren farbigen Segeln, die gestreiften Trikots der Ruderer, die hellen
Kleider der Frauen, die bunten Sonnenschirme und die ständig wechselnden
Lichtreflexe des Wassers bieten an den Wochenenden das beglückende
und heitere Schauspiel eines Lebens, aus dem jede Mühsal und jede
Sorge verbannt scheinen.
Hier finden die jungen Maler eine Fülle neuer Motive und eine Umgebung,
die ihren künstlerischen Absichten in jeder Beziehung entgegenkommt.
Sie sind es gewohnt, ihre Staffelei im Freien aufzustellen, um so den
unmittelbaren Eindruck des Motivs besser einfangen zu können. Argenteuil
ist dafür der richtige Ort. Die ständig wechselnde Szenerie
zwingt zu einem raschen Arbeiten, bei dem es darum geht, sowohl den flüchtigen
Moment als auch die allgemeine Stimmung, die ganze Fülle von Formen
und Farben mit schnellen, spontan hingesetzten Pinselstrichen festzuhalten.
Die Oberfläche des bewegten Wassers zerlegt sich in eine Unendlichkeit
von Lichtreflexen, die Sonne löst alles Feste auf, verwischt die
Umrisse, färbt die Schatten, enthebt die Dinge ihrer körperlichen
Schwere und nimmt dem Raum jede Tiefe. Die Natur verliert ihre Objekthaftigkeit
und verwandelt sich in eine Flut sinnlicher Eindrücke. Mit der künstlerischen
Umsetzung dieser Erfahrung beginnt der eigentliche Impressionismus (Abb.
67, 68).
Die sichtbare Wirklichkeit, die bei Manet bereits ihre symbolische Bedeutung
verloren hat, verliert in den Bildern seiner Nachfolger auch ihre Körperlichkeit
und reduziert sich auf den Eindruck, den sie auf der Netzhaut hinterläßt.
Sie geht ihrer materiellen Qualität verlustig und wird in diesem
radikalen Sinn zur bloßen Erscheinung, zur Impression.
Monet und seine Freunde zeigen ihr Motiv nicht mehr so, wie es ist, sondern
so, wie sie es sehen. Der Wahrnehmungsprozeß kommt zur Darstellung,
nicht mehr das Wahrgenommene. Das Medium dieses Vorgangs ist das Licht,
oder, was für die Impressionisten dasselbe ist, die reine Farbe.
Statt der taktil faßbaren Wirklichkeit der Realisten wird nun dieses
Medium zur Repräsentanz des Wahren, zum Sinnbild eines neuen Ideals.
Diese Maler, die eigentlichen Impressionisten, unterscheiden sich deshalb
vor allem durch ihre Verwendung der Farbe sowohl von ihren Vorgängern
als auch von ihren Kollegen innerhalb der Société,
die anderen Malweisen verpflichtet bleiben.
Sie haben erkannt, daß weder das dezent tonige Helldunkel Courbets,
noch Manets starke Kontraste zwischen farbig-hellen und tiefdunkeln Flächen
dem Licht der Natur gerecht werden. Nach ersten Versuchen, sich diesem
durch die Aufhellung ihrer Schatten und durch die konsequente Vermeidung
des reinen Schwarz anzunähern, entwickeln Monet, Renoir, Sisley und
Pissarro eine neue Malerei in weitgehend ungebrochenen Farben, bei der
sie auf Delacroix' Lehre des Komplementärkontrastes zurückgreifen.6
Derzufolge besteht das weiße Sonnenlicht aus der Mischung der sechs
Spektralfarben, die im Regenbogen sichtbar werden. Ordnet man die sechs
Farben des Sonnenspektrums in der Reihenfolge, in der sie im Regenbogen
erscheinen, kreisförmig an, so erhält man den sogenannten Farbkreis:
Rot/Orange/Gelb/Grün/Blau/Violett (Abb. 69). Rot, Gelb und Blau sind
dabei die drei primären Grundfarben, die drei anderen die sekundären
Grundfarben, die durch Mischung der primären Farben entstehen: Rot
und Gelb ergeben Orange, Gelb und Blau ergeben Grün, Blau und Rot
ergeben Violett. Im Farbkreis liegen sich jeweils eine primäre und
eine sekundäre Farbe gegenüber. Diese einander gegenüberliegenden
Farben ergeben insofern ein komplementäres Paar, als sie sich gegenseitig
auf der Netzhaut erzeugen. Ein solcher Simultaneffekt läßt
sich experimentell nachprüfen. Fixiert man z.B. während etwa
einer Minute eine rein rote Fläche und schließt danach die
Augen, so erscheint im Dunkeln wie von selbst die Komplementärfarbe
zu Rot, also Grün. Entsprechendes erfolgt bei der Betrachtung jeder
reinen Spektralfarbe (sowie bei Schwarz und Weiß, die ein unbuntes
Komplementärpaar bilden).
Auf Grund dieser Farbenlehre entwickeln die Impressionisten eine Reihe
gestalterischer Prinzipien, die ihren Bildern eine größere
Leuchtkraft und eine intensivere Farbigkeit vermitteln sollen. Sie beginnen,
soweit als möglich in den ungemischten, reinen Farben des Spektrums
zu malen und verzichten auf alle grauen und braunen Töne. Um die
Intensität ihrer Bilder noch zu steigern, setzen sie mit Vorliebe
komplementäre Farben dicht nebeneinander, oder durchsetzen größere
Flächen einer bestimmten Farbe mit kleinen Partikeln der entsprechenden
Komplementärfarbe. Schließlich tragen sie die ungemischte Farbe
deckend (statt lasierend) in vielen gleichartigen, kurzen Pinselstrichen
auf, so daß jeder Pinselstrich eine farbige Einheit bildet; die
Wechselwirkung dieser unzähligen, gleich großen reinfarbigen
Elemente versetzt das Bild in vibrierende Schwingungen und schafft den
für die Impressionisten typischen, farberfüllten Lichtraum.
Diese gestalterischen Prinzipien - die Verwendung reiner Spektralfarben,
die Nutzung des Komplementärkontrastes und die Anwendung der impressionistischen
Kommatechnik - haben für den Naturalismus der entsprechenden
Darstellungen weitreichende Konsequenzen.
Diese sind nun im Vordergrund gleich hell und gleich unscharf wie im Hintergrund;
durch das Malen in Kontrastfarben kommen warme und kühle Farben sowohl
vorn wie hinten im Bild zu stehen. Damit opfern die Impressionisten die
naturalistische Luftperspektive (vorn dunkel und scharf, hinten hell und
unscharf) und die naturalistische Farbperspektive (vorn warme, hinten
kühle Farbtöne). Die fast schattenlose Helligkeit ihrer Bilder,
sowie die alle Konturen auflösende Kommatechnik schwächt
notwendigerweise auch die Körperlichkeit des Dargestellten. Gleichzeitig
hebt die lockere, pastose Pinselführung auch jede Stofflichkeitsillusion
auf. Erde, Gras und Bäume, Mauern und Dächer, Wasser und Luft
werden allesamt zu reiner Farbmaterie und lassen sich stofflich nicht
mehr voneinander unterscheiden. Die Eigengesetzlichkeit ihrer Farbgebung
tritt schließlich auch zur naturalistischen Gegenstandsfarbe in
Widerspruch: Häuserwände werden grün oder rosa, Bäume
violett oder blau, der Himmel vielleicht gelb.
Wie wir heute wissen, hat diese Schwächung des vordergründig
Faßbaren und des rational Wahrnehmbaren nicht bloß einen Verlust
dargestellt, sondern zu einer unerwarteten Bereicherung geführt.
Die Verwendung reiner Spektralfarben bringt die Farbe der Impressionisten
in einer bisher unbekannten Weise zum Klingen. Treffend vergleicht Georg
Schmidt, dem ich die vorstehende Analyse der impressionistischen Stilmerkmale
verdanke, die tonige, gegenstandsbezogene Malerei der Pleinairisten mit
unserer Sprechstimme, das Malen mit ungemischten Farben dagegen mit unserer
Singstimme. Der Impressionismus habe die Malerei singen gelehrt, den Maler
zum Musiker gemacht7. Zweiffellos stellt die Einführung der musikalischen
Dimension in die Malerei, die sogenannte Befreiung der Farbe,
die größte gestalterische Leistung der Impressionisten dar.
Aus diesem Grund kann man Manet nicht zu den Impressionisten zählen.
Er war wohl ihr großer Anreger und Mentor, doch machte er die Farbrevolution
seiner jüngeren Kollegen nicht mit. Dasselbe gilt für Degas,
auf den ich im Rahmen dieser Ausführungen leider nicht näher
eingehen kann. Auch er ist kein Impressionist; sein Interesse für
die Farbe ist zweitrangig, seine künstlerischen Anliegen sind formaler
Art: "Si j'avais à refaire ma vie", vertraut der alternde
Künstler 1906 einem Freund an, "je ne ferais que du noir et
blanc".8
Seine reinste und vollendetste Gestalt finden der Impressionismus und
seine Entdeckung des ungegenständlichen Wirkungspotentials der Farbe
im lichtdurchfluteten Spätwerk Monets. 1890 beginnt der Fünfzigjährige
seine Serien, Variationen über ein einziges Motiv, das er zu unterschiedlichen
Tageszeiten malt, um den Wandel aufzuzeigen, dem alles Sichtbare durch
den kontinuierlich sich verändernden Lichteinfall unterworfen ist.
Als erstes die Heuhaufen, die zwanzig berühmten Meules. 1894 folgen
die siebzehn Kathedralen, die Monet nur noch im Sinn eines Klanggefüges,
als Harmonie rose, Harmonie verte usw. bezeichnet, 1903 die Londoner Bilder,
dann die Pappeln, schließlich die Nymphéas (Abb. 70), die
Effets d'eau und die um 1912 entstandene Venedig- Serie, in denen Bild
und Spiegelbild vertauschbar werden.
Monet hat die künstlerische Aussage vom dargestellten Gegenstand
gelöst und auf den malerischen Vorgang selbst verschoben. Damit findet
das Ideelle in einem bisher unerreichten Maß direkten sinnlichen
Ausdruck. Die Qualität des konkret Realen wird der sichtbaren Wirklichkeit,
dem Darzustellenden entzogen und kommt nun in einer bisher unbekannten
Ausschließlichkeit der Darstellung selbst, dem gemalten Bild zu.
Das Schwergewicht der künstlerischen Aussage hat sich vom Inhaltlichen
auf das Bildnerische, von der objekthaften auf die dynamische Wirkungsebene,
vom Intellektuellen auf das Sinnliche verschoben. Die gestalterischen
Mittel werden aus ihrer bisherigen, rein dienenden Funktion entlassen
und treten als Sinnträger in den Vordergrund. Das Ideal verliert
seine gegenständliche Repräsentanz und wird zu einem dynamischen
Prinzip. Dargestelltes und Darstellungsweise werden eins.
Diese neue künstlerische Auffassung stellt das entscheidende Merkmal
der nun einsetzenden Entwicklung dar. Die knappste Formulierung dieses
grundsätzlichen Wandels, der schließlich zur ungegenständlichen
Kunst führen sollte, stammt von Matisse. Als ihm ein Betrachter vorwirft,
er habe Frauen, wie Matisse sie male, noch nie gesehen, erwidert der Meister:
"Ich male keine Frauen, ich male Bilder".
Die Leistung der Impressionisten erschöpft sich jedoch nicht in der
neuen ideellen Bedeutung, die sie den künstlerischen Gestaltungsmitteln
verleihen. Indem sie die bisherige Auffassung der sichtbaren Wirklichkeit
in Frage stellen, setzten sie der Malerei ein neues Ziel: die dem manifest
Sichtbaren zugrundeliegende Struktur wird zur neuen, unsichtbaren Wirklichkeit,
die es aufzuzeigen gilt.
2. Die Wirklichkeit der Ordnung
Georges Seurat (1859-1891) und das Primat der Analyse
Georges Seurat versucht als erster, in der durch ihn begründeten
Stilrichtung des Pointillismus, die Struktur des Sichtbaren analytisch
zu erfassen und systematisch darzustellen.
Zunächst vertieft er den wissenschaftlichen Ansatz der impressionistischen
Farblehre und baut ihn theoretisch aus. Er studiert die wichtigsten wissenschaftlichen
Werke der modernen Farbenlehren, um das, was die Impressionisten in empirischer
Freiheit gehandhabt haben, systematisch anzuwenden. Aus all diesen Einsichten
entwickelt er, wie er selbst sagt, als "notwendige und logische Folge
des Impressionismus", einen neuen Malstil und eine neue künstlerische
Doktrin.
In seinen Bildern tritt die Farbe in den Dienst eines sozusagen wissenschaftlichen
Ideals. Mit der Nüchternheit und konsequenten Objektivität eines
Physikers geht er daran, nicht nur die farbigen, sondern auch die formalen
Gesetzmäßigkeiten der sichtbaren Erscheinung aufzuzeigen und
auf ihre elementaren Bestandteile zurückzuführen.
Von den Impressionisten übernimmt Seurat die Beschränkung auf
die Primärfarben des Spektrums; er nutzt wie sie den Komplementärkontrast
zur Steigerung der Leuchtkraft seiner Farben. Doch entstehen seine Bilder
nicht aus der unmittelbaren Anschauung und unter freiem Himmel, sondern
in einem langwierigen, mühsamen Arbeitsprozeß in der Abgeschirmtheit
des Ateliers; dieses wird zu einem eigentlichen Laboratorium. Seurat trägt
seine Farbe in unzähligen, rautenförmigen und dicht aneinandergedrängten
Punkten auf, methodisch-exakt wie ein technischer Zeichner. Einer heutigen
Farblithographie entsprechend formt er sein Sujet zu einem regelmäßigen
farbigen Punktraster um, der seinen Bildern ihren unverwechselbaren, mechanisch-unpersönlichen
Charakter verleiht (Abb. 72). Obwohl dieser Raster ein eigentümliches
Vibrieren des ganzen Farbkörpers erzeugt, geht es Seurat weniger
darum, die Farbe zum Klingen zu bringen, als die Gültigkeit und Wirksamkeit
eines physikalischen Prinzips, einer Theorie darzulegen: das Sichtbare
besteht aus Partikeln; und es läßt sich synthetisch herstellen.
Auch der formale Aufbau seiner Bilder folgt klar definierten Regeln. So
basieren die meisten Kompositionen Seurats auf dem bewußt angewandten
Prinzip des goldenen Schnittes. Der schöpferische Prozeß wird
unter das Primat der Vernunft gestellt und damit einer lückenlosen
Ich-Kontrolle unterworfen.
Nicht nur die Natur, auch die Menschengestalt muß sich der neuen
Disziplin unterwerfen. Streng im Profil oder ganz frontal, auf ihre zylindrische
Grundform reduziert und zur Skulptur, zur gedrechselten Holzpuppe erstarrt,
wird sie zum Element einer monumentalen Architektur. Die geometrische
Stilisierung und mechanische Perfektion dieser Körper ist zweifellos
das Auffallendste und vielleicht auch das Modernste an Seurats Kunst (Abb.
71).
Trotz dieser Modernität lassen sich in seinen Bildern gewisse Tendenzen
des Klassizismus erkennen. Wie die Klassizisten versteht auch Seurat seine
Kunst als Reaktion auf die Sinnlichkeit und Frivolität seiner Vorgänger;
auch in seinem Werk herrscht die Idee, auch ihm geht die Gesinnung über
alles; auch er befolgt widerspruchslos die Forderungen eines bewunderten
Vorbildes, nur handelt es sich bei diesem um keine künstlerische,
sondern um eine wissenschaftliche Autorität, um das Prinzip der physikalischen
Analyse und um die Technik der mechanischen Herstellung. Cézanne
bezeichnete seine eigenen Bilder als Konstruktionen nach der Natur;
Seurats Konstruktionen orientieren sich dagegen an einem wissenschaftlichten
Prinzip. Der Impressionismus ist damit bereits überschritten; der
Wahrnehmungsprozeß wird nicht bloß dargestellt, sondern analysiert;
die dabei gewonnene intellektuelle Einsicht wird zum neuen idealisierten
Wert. Die individuelle Exhibition tritt zurück, das Ideal wird exhibiert.
Mit dem Klassizismus teilt Seurat auch die theoretische ideologisierende
Ausrichtung seiner Kunst. Nach seinem frühen Tod wird einer seiner
Anhänger, der um wenige Jahre jüngere Paul Signac (1863-1935)
zum wichtigsten Vertreter des Pointillismus und zum eigentlichen Propagandisten
der neuen Theorie. 1899 faßt er sie unter dem Titel Von Delacroix
zum Neoimpressionismus zu einem Buch zusammen, in dem Seurats Technik
als der natürliche Kulminationspunkt eines Prozesses dargestellt
wird, der sich durch das ganze 19. Jahrhundert zieht. Signac widmet es
all denen, "die sich nicht damit zufrieden geben, noch einmal zu
tun, was bereits getan wurde, sondern die gefahrvolle Ehre erringen, eine
neue Form der Malerei zu schaffen, und einem Ideal Ausdruck zu verleihen,
das ganz und gar ihr eigen ist." Dem in diesen Zeilen spürbaren
optimistischen Fortschrittsglauben, dem ungebrochenen Vertrauen in die
Zukunft, werden wir später auch bei den Futuristen, den russischen
Suprematisten und den Mitgliedern der Gruppe de Stijl, den
ideellen Erben des Pointillismus, begegnen.
Signacs Buch, das unter den damaligen Künstlern und Kunstinteressenten
viel diskutiert wird und auf die weitere Entwicklung großen Einfluß
ausübte, schließt mit den prophetischen Zeilen: "Der große
Kolorist braucht nur noch in Erscheinung zu treten: Wir haben die Palette
für ihn bereit."
Georges Seurat überwindet den Impressionismus durch die wegweisende Erfindung eines rein bildnerischen Konzepts. Paul Cézanne überschreitet ebenfalls den Bereich der reinen Wahrnehmung, doch genügt es ihm nicht, die Struktur des Sichtbaren bloß aufzuzeigen; er will sie zu seiner eigenen inneren Ordnung, zu seinem eigenen Selbst in Beziehung setzen; er will sie geistig deuten und mit Sinn erfüllen. Er findet diesen Sinn im gestalterischen Vorgang, in der Réalisation, und setzt damit ein neues Primat.
Paul Cézanne (1839-1906) und das Primat der Synthese
Im Gegensatz zu Seurat, dessen Malerei in erster Linie der Analyse des
Sichtbaren gilt, steht Cézannes Kunst im Zeichen der Synthese.
Mit seiner Vision bildnerischer Einheit hat er die Kunstauffassung der
Moderne aufs Nachhaltigste bestimmt. Und doch läßt nichts im
Frühwerk des Malers aus Aix die Entwicklung ahnen, mit der er der
bildenden Kunst einen neuen Weg eröffnen sollte. Mit Ausnahme weniger
Porträts und Stilleben sind Cézannes frühe Bilder von
erotischen Phantasien, von Gewalt und Leidenschaft beherrscht. Ihre Titel
- Die Orgie, Die Vergewaltigung, Die Entführung (Abb. 74), Die Versuchung
des heiligen Antonius, Die Kurtisanen, Die erdrosselte Frau - lassen ahnen,
wie sehr der junge Maler um diese Zeit durch den Ansturm seiner Triebhaftigkeit
bedrängt worden ist. Als deren deutliches Ventil sind diese frühen
Bilder noch ganz aus der inneren Vorstellung, aus Sehnsucht, Begierde
und Not geschaffen.
Die künstlerische Entwicklung, aus der das Werk hervorgeht, das wir
heute mit dem Namen Cézanne verbinden, beginnt 1869, als der nun
dreißigjährige Künstler mit der neunzehnjährigen
Marie Hortense Fiquet (seiner späteren Frau) seine erste und einzige
Liebesbeziehung eingeht. In diesem Jahr malt er die ersten Bilder, in
denen sich die ideelle Grundhaltung seiner späteren Werke abzuzeichnen
beginnt: die Landschaft Der Bahndurchstich (Abb. 75) und das Stilleben
Die schwarze Marmoruhr. Hier gilt das Interesse des Künstlers nicht
mehr der thematisch-psychologischen Bedeutung seiner Darstellung, sondern
nur noch dem farbigen und formalen Aufbau des Bildes, seiner malerischen
Gestaltung. Erotik, Ungestüm und leidenschaftliche Exhibition sind
bewußter Reflexion und künstlerischer Zucht gewichen. Trotzdem
bleiben Cézannes gestalterische Mittel zu dieser Zeit immer noch
der realistischen Tradition verhaftet.
1873 lädt ihn Pissarro, mit dem er seit Jahren befreundet ist, zu
sich nach Pontoise ein. Die beiden Freunde malen nach der freien Natur,
oft Seite an Seite dasselbe Sujet. Pissarro macht Cézanne mit der
Farblehre und der Malweise der Impressionisten vertraut und vermittelt
ihm damit das gestalterische Instrumentarium, aus dem dieser in den folgenden
Jahren Schritt um Schritt einen Malstil schafft, in dem er seiner neuen
geistigen Haltung einen rein bildnerischen Ausdruck zu geben vermag. Cézanne
beginnt das Alphabet der malerischen Sprache zu entwickeln, die zur eigentlichen
Aussage seiner Kunst wird. Ideell übernimmt er von den Impressionisten
die Auffassung, daß Malerei in erster Linie Anschauung sei und daß
ihre Aussage im Gebrauch der malerischen Mittel liege. Gestalterisch übernimmt
er die reine Farbigkeit und den kurzen Pinselstrich; in allem anderen
geht er seinen eigenen Weg. Er weiß, was er will: "aus dem
Impressionismus [...] etwas machen, das so solide und dauerhaft wäre
wie die Kunst der Museen".9 So wird ihm die Eigengesetzlichkeit des
Bildes zum wichtigsten Anliegen.
Um größere bildhafte Flächigkeit zu gewinnen, verzichtet
er auf den einheitlichen Fluchtpunkt der klassischen Linearperspektive
und schafft die räumliche Tiefe seiner Bilder durch die Überschneidungen
hintereinander gestaffelter Ebenen. Statt wie die Impressionisten jede
Fläche in komplementäre Farbpartikel, jede Linie in einzelne
Pinselstriche aufzulösen, zieht Cézanne seine Gegenstände
zu größeren, farbig einheitlichen Flächen zusammen, und
begrenzt diese entweder durch deutliche Konturen, oder indem er hellere
und dunklere Flächen übergangslos nebeneinander setzt. Damit
unterstreicht er (im Gegensatz zu den Impressionisten) die materielle
Dichte und Körperlichkeit der sichtbaren Wirklichkeit und läßt
die kubische Grundstruktur ihrer Bestandteile hervortreten.
Schließlich wird der kurze, kommaartige Pinselstrich der Impressionisten
flächig verbreitert und in seiner Richtung - vertikal, horizontal
oder diagonal - deutlich betont. Durch parallele Staffelung, Wiederholung
und Aneinanderreihung fügen sich diese Pinselstriche zu formalen
Mustern oder Kraftfeldern und verbinden sich in dieser gebündelten
Form zu einem Ganzen aus Farbstufungen und Kontrasten, die sich gegenseitig
festigen, verspannen, verflechten und überlagern10.
Diese Neuerungen bilden die Grundlage seiner Malerei. Sein Bildraum ist
kein ruhender Behälter, in den er Objekte oder frei sich bewegende
Figuren hineinkomponiert, sondern ein dichtes Gefüge unverrückbar
aneinandergebundener Körper. Diese erstehen ihrerseits aus der lückenlosen
Struktur kleiner Farbflecken - seiner Pinselstriche - welche die gesamte
Bildfläche linear, flächig und kubisch rhythmisieren und durch
die Hell-Dunkel- und Warm-Kalt-Kontraste der Farbgebung in melodische
Schwingungen versetzen (Abb. 76-79).
Parallel zum Motiv entsteht so, als unwandelbar gefügter Zusammenhang,
eine ganz in sich ruhende, vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters völlig
unabhängige bildnerische Wirklichkeit. Bei Cézanne ist kein
einziger Farbfleck bloß auf die Qualitäten darzustellender
Gegenstände bezogen; zwar geht jeder zurück auf eine Sinnesempfindung
vor der Natur, vor dem Motiv, doch wandelt sich diese sofort zum bildnerischen
Element, zum Farbton, der in erster Linie durch seine Funktion im eigengesetzlichen
Medium der bildnerischen und farbigen Komposition bestimmt wird. Die Berge,
Felsen und Bäume seiner Landschaften; die Äpfel, Gläser
und Tücher seiner Stilleben interessieren Cézanne nicht mehr
in gegenständlichem Sinn: sie werden zu formalen und farbigen Elementen
einer bildnerischen Ordnung, in der die Gesetzmäßigkeit allen
Seins zutage tritt: "Es gibt nur noch Farben und in ihnen Klarheit,
das Sein, welches sie denkt".11
Das Wirkliche, das Wahre und das Richtige - die Werte jeder klassischen
Kunst - beziehen sich bei Cézanne weder auf die unmittelbaren Wünsche
und Objekte seiner Triebnatur, noch auf die äußere Erscheinung
der sichtbaren Wirklichkeit, sondern auf die geistige Struktur, die er
hinter dieser und durch diese wahrnimmt und die er in seiner Malerei aufzuzeigen
und zu realisieren versucht. Alles ist Form, Maß und Proportion,
alles ist Spannung und Gleichgewicht.
Obwohl auch Cézannes Werk durch den idealisierten Pol des Selbst
beherrscht wird, kann man bei ihm nicht wie im Fall von Seurat von einer
Exhibition des Ideals sprechen. In Cézannes Malerei wird die idealisierte
Struktur weder dargestellt noch veranschaulicht oder um ihrer selbst willen
verherrlicht, sondern übernimmt eine gestalterische Funktion: sie
vermittelt dem Ausdrucks- und Gestaltungswillen des Künstlers (seinen
exhibitorischen Ambitionen) die notwendige Orientierung. An Stelle der
unpersönlichen, rational einsehbaren und mit der nötigen Gesinnungstreue
leicht einzuhaltenden Disziplin des pointillistischen Punktrasters setzt
Cézanne den individuellen Rhythmus seines Pinselstrichs. In diesem
ist die Leidenschaft seiner frühen Bilder noch deutlich spürbar;
doch statt sich ungezügelt und amorph in ihrem bloßen Ausdruck
zu erschöpfen, tritt sie nun in eine dialektische Beziehung zur unsichtbaren
Ordnung eines künstlerischen Kanons. Der exhibitorische Drang des
Künstlers strukturiert und objektiviert sich an den Forderungen dieses
Kanons und findet, indem er ihnen Rechnung trägt, nicht bloß
Ausdruck, sondern auch bildnerische Gestalt. Mit dieser verleiht Cézanne
dem, was ihn innerlich bewegt, "das Erhabene der Dauer".
Am deutlichsten manifestiert sich Cézannes Haltung in seinen Menschendarstellungen.
Obwohl sie wie Stilleben gemalt sind, wirken sie nicht tot, sondern strahlen
eine intensive geistige Präsenz und Lebendigkeit aus. Seine Porträts
wahren die individuelle Eigenart des jeweils Dargestellten, doch wird
diese nicht psychologisch vertieft, sondern erschöpft sich in ihrer
Erscheinung. Die Bedeutung, die Cézanne dem Besonderen zumißt,
gründet in der Einsicht, daß das Individuelle und Einmalige
die einzig mögliche Form darstellt, in der das Überpersönliche
und Allgemeine erscheint und in der es sich verwirklichen und darstellen
läßt (Abb. 80).
Parallel zu dieser ideellen Synthese zwischen dem Einmaligen und dem Allgemeinen
strebt er die bildnerische Synthese zwischen dem Teil und dem Ganzen an.
Auf keiner Stufe des schöpferischen Prozesses verliert er die gestalthafte
Einheit seines Bildes aus den Augen. In diesem Sinn läßt ihn
auch Joachim Gasquet in seinen Erinnerungen zu Wort kommen: "Ein
Motiv, sehen Sie, das ist so... (er wiederholt seine Bewegung, breitet
die Hände aus mit gespreizten Fingern, nähert sie ganz langsam
einander, verbindet sie, verschränkt sie fest ineinander) das ist
es, was man erreichen muß. Wenn ich zu hoch oder zu tief greife,
ist alles verpfuscht. Es darf keine einzige lockere Masche geben, kein
Loch, durch das die Wahrheit entschlüpft. Ich lenke den Realisationsprozeß
auf meiner Leinwand in allen Teilen gleichzeitig. Ich bringe im gleichen
Antrieb, im gleichen Glauben alles miteinander in Beziehung, was auseinanderstrebt.
Alles, was wir sehen, nicht wahr, verstreut sich, entschwindet. Die Natur
ist immer dieselbe, aber von ihrer sichtbaren Erscheinung bleibt nichts
bestehen. Unsere Kunst muß ihr das Erhabene der Dauer geben... Was
ist hinter der Natur? Nichts vielleicht. Vielleicht alles. Also verschränke
ich diese umherirrenden Hände. Ich nehme rechts, links, hier, dort,
überall diese Farbtöne, diese Abstufungen, ich mache sie fest,
ich bringe sie zusammen. Sie bilden Linien, werden Gegenstände, Felsen,
Bäume, ohne daß ich daran denke. Sie nehmen ein Volumen an...
meine Leinwand verschränkt die Hände. Sie schwankt nicht. Sie
ist wahr, sie ist dicht, sie ist voll."12
Idealisierte Strukturen und exhibitorische Ambitionen sind für Cézanne
nur noch bildnerisch von Bedeutung. Wie vielleicht kein Maler vor ihm
lebt er mit zunehmendem Alter nur noch für und durch seine Kunst.
Er kennt keine Wirklichkeit außer der, die zu schaffen er sich zur
Aufgabe gestellt hat: Die Wirklichkeit des Bildes, die Réalisation,
die ihm seiner Meinung nach nie gelingt. Noch kurz vor seinem Tod beklagt
er in einem Gespräch mit Emile Bernard sein künstlerisches Ungenügen:
"Was mir fehlt, ist die Realisation. Ich bin zu alt, ich habe nicht
realisiert, und ich werde auch jetzt nicht realisieren." Doch war
sich Cézanne, der große Lehrmeister der Form, über die
Einmaligkeit und über die wegweisende Bedeutung seines Werkes sehr
wohl im klaren, denn er fügt hinzu: "Ich bleibe der Eröffner
des Weges, den ich entdeckt habe."13
3. Die Wirklichkeit des Gefühls
Monet, Seurat und Cézanne sind die großen Pioniere einer
neuen Bildwirklichkeit und einer ihrem Wesen nach objektiven
Kunst. Ihre Erneuerung der bildnerischen Mittel und die neue Bedeutung,
die sie diesen für den schöpferischen Prozeß zuwiesen,
schaffen nicht nur die Voraussetzung für die Entwicklung der Malerei
zur ungegenständlichen Kunst, sondern bilden auch die gestalterischen
Grundlagen einer neuen expressiven Malerei, in der die romantische Geisteshaltung
des 19. Jahrhunderts einen unmittelbar sinnlichen Ausdruck finden und
damit zu neuem Leben erweckt werden sollte.
Die Sehnsüchte und Ambitionen der Romantik verlieren durch die Eigengesetzlichkeit
und Autonomie der bildnerischen Wertstruktur, der sie nun Rechnung tragen
und mit der sie sich zu einer Einheit verbinden, ihren bisherigen illusionären
Charakter und gewinnen eine objektive Qualität: sie stellen keine
Phantasie mehr dar, sondern werden zu einer psychischen Realität,
zu einer Tatsache. Indem sie bildnerische Gestalt finden, werden sie nicht
mehr bloß geistig, sondern auch sinnlich erfahren und werden damit
zu einer unbezweifelbaren, diesseitigen Wirklichkeit. Die beiden wichtigsten
Vertreter dieser neuen Malerei sind Vincent van Gogh und Paul Gauguin.
Vincent van Gogh (1853-1890) und das Primat der Liebe
Die Lebensgeschichte dieses zur Legende gewordenen Künstlers ist
zwar bekannt, doch ist sie so eng mit seinem Werk verknüpft, daß
sie zumindest in groben Zügen nachgezeichnet werden soll. Bis zu
seiner Selbstfindung in Arles kennt van Gogh nichts als Rückschläge
und Niederlagen. Er ist ein tiefreligiöser Mensch. Die Sehnsucht
nach einer besseren, reineren Welt, nach menschlicher Gemeinschaft und
Liebe, nach mystischer Verschmelzung mit dem All, die sich sowohl bei
den Nazarenern und Präraffaeliten als auch bei dem von ihm bewunderten
Millet in schwärmerischen Bekenntnissen erschöpft hat, drängt
bei van Gogh bedingungslos nach Verwirklichung.
Seine ganze Jugend bewegt sich zwischen den beiden Polen Religion und
Kunst. Sechzehnjährig tritt er in die Kunsthandlung seines Onkels
ein und wird nach sechs Jahren wegen mangelnder Verkaufsbegabung entlassen.
Anschließend geht er für zwei Jahre als Lehrer und Hilfsprediger
nach London; auch dafür wird er als ungeeignet befunden. Als er in
Amsterdam ein Theologiestudium beginnt, wird ihm nach kurzer Zeit nahegelegt,
dieses aufzugeben, da er aufgrund mangelnder Fähigkeiten keine Aussicht
habe, dieses abzuschließen. Nach einer entsprechenden Ausbildung
arbeitet er als Laienprediger in der Borinage, später als Krankenpfleger,
doch wird ihm auch dazu die Erlaubnis entzogen, weil er angesichts des
Elends, dem er in den belgischen Grubengebieten begegnet, die Gebote der
Nächstenliebe zu wörtlich nimmt. 1879 beginnt er schließlich
zu zeichnen, 1881 malt er als 28jähriger sein erstes Bild. Obwohl
ihm wiederum mangelndes Talent und ungenügendes Können vorgeworfen
wird, hält er an diesem letzten Versuch, seiner Liebe Gestalt und
Ausdruck zu verleihen, bis zum Ende seines kurzen Lebens fest.
1886 kommt der junge Holländer nach Paris wo sein Bruder Theo, der
fortan für seinen Lebensunterhalt aufkommen sollte, die Filiale einer
renommierten Kunsthandlung leitet. Hier lernt er den Kreis der Impressionisten
kennen. Unter deren Einfluß (insbesondere dem von Georges Seurat,
dessen Theorien ihn stark beeindrucken) gibt er die brauntonig-düstere,
expressive Malerei seiner Frühzeit (Abb. 82) zugunsten der reinen
Farbe und des Komplementärkontrastes auf. Doch vermag ihn der unverbindliche
Hedonismus des neuen Malstils auf die Dauer nicht zu befriedigen. 1888
zieht van Gogh von Paris nach Arles; erst hier, unter der glühenden
Sonne des Midi, findet er seine eigene Sprache, in der sich die expressive
Leidenschaft seiner Anfänge mit der neugewonnenen Leuchtkraft der
Farbe verbindet.
Seine Bilder verlieren ihre impressionistische Unbestimmtheit, werden
formal gestrafft, die reine Farbe wird zu größeren Flächen
zusammengezogen, die expressive Linie gewinnt ihre vorherrschende Bedeutung.
Er setzt sie nicht bloß als Kontur ein, um die Körperlichkeit
seiner Gegenstände zu betonen, sondern macht aus ihr das bestimmende
Formelement seines pastosen Farbauftrags: "Eine Arbeit ohne Pointillierung,
nichts als wechselnde Pinselstriche", schreibt er an den Bruder.14
Jede monochrome Fläche wird mit linearem Leben erfüllt und erfährt
dadurch eine gewaltige rhythmisch-expressive Steigerung. Doch dient diese
nicht wie bei Cézanne der Sichtbarmachung einer formalen oder geistigen
Struktur, sondern dem Ausdruck einer inneren Befindlichkeit.
Van Gogh arbeitet mit wahrer Besessenheit, als ob er spüren würde,
daß ihm nur noch zwei Jahre bleiben, um sein Werk zu vollenden.
Der Damm ist gebrochen. Die quälenden Selbstzweifel seiner Anfänge
sind wie weggespült, ertränkt im gewaltigen Strom seiner ekstatischen
Hingabe an das Licht des Südens. "Ach, die Leute, die nicht
an die Sonne hier glauben, sind fast gottlos," schreibt er an den
Bruder, "ich liebe eine Natur, die fast brennt."15
In Arles entsteht die Mehrzahl der großartigen Landschaften, Porträts,
Blumenbilder, Stilleben und Intérieurs, in denen die christliche
Botschaft der Liebe ihren unmittelbarsten, stärksten und eigenwilligsten
künstlerischen Ausdruck gefunden hat: die weiten, leuchtenden Kornfelder
und die knorrigen Olivenbäume der Provence, die vom Leben gezeichneten
Gesichter der Nachbarn, des Postmeisters Roulin und der Berceuse,
das bedrohliche Nachtcafé, in dem van Gogh seine Abende verbrachte,
sein Schlafzimmer, sein Stuhl, seine abgetragenen Schuhe und die Selbstbildnisse,
in denen der Künstler die Tragik seines Schicksals schonungslos,
doch ohne jede Spur von Selbstmitleid enthüllt (Abb. 83-86).
Van Goghs psychische Störung war in erster Linie narzißtischer
Art; sie äußerte sich in seinen zwischenmenschlichen Beziehungen
und trieb ihn schließlich in den Freitod, doch seine Malerei blieb
von ihr verschont. Sie diente nicht dem unmittelbaren Ausdruck seiner
Störung, sondern deren Kompensation: van Gogh hatte die Ideale und
die exhibitorischen Ambitionen, die er in der sozialen Wirklichkeit weder
erfüllen noch befriedigen konnte, in eine Domäne verschoben,
in der sie sich in einer von den Eingriffen und Reaktionen seiner Mitmenschen
unabhängigen Art und Weise verwirklichen ließen.
Er träumt von einer großen brüderlichen Gemeinschaft,
er sucht den Mitmenschen, die verwandte Seele, doch nicht wie Gauguin
in zeitloser, entrückter Ferne, sondern in seiner unmittelbaren Umwelt.
Alle seine Bilder sprechen vom Menschen. Seine Landschaften sind bebaute
Felder, die Gegenstände seiner Stilleben zeugen von menschlichem
Gebrauch, von Mühe, Leid und Freude. In jeder Landschaft, jedem Stilleben
und jedem Bildnis ist er immer voll und ganz auch selbst gegenwärtig.
Wie kein anderer Maler außer Rembrandt, seinem großen Landsmann,
erkennt er sich selbst in allem Lebendigen, schwingt mit seinem ganzen
Wesen mit in jedem Pinselstrich, den er setzt. In einer großen,
leidenschaftlichen Umarmung zieht er die Welt an sich, will mit ihr eins
werden und jede Grenze niederreißen, die ihn vom anderen trennt.
Seine Bilder sind geboren aus Glaube und Hoffnung. Jedes schreit nach
Liebe, jedes drängt nach mystischer Verschmelzung. Der leidenschaftliche
Duktus seines Pinselstriches und die emotionale Intensität seiner
Farbe gelten nicht der Abfuhr pathogener Affekte, sondern zeugen vom leidenschaftlichen
Drang, der elementaren Übereinstimmung alles Seienden Gestalt und
Ausdruck zu verleihen. Im schöpferischen Akt wird van Gogh eins mit
der Welt, in ihm überwindet er die tragische Entfremdung, an der
er sonst so schmerzlich leidet.
Seine Meisterwerke bezeugen, daß er trotz seiner rauschartigen Hingabe
an seine Arbeit deren gestalterische Kontrolle nicht verliert. Die Lehren
Seurats haben ihre Frucht getragen: "Glaube nicht, daß ich
ein künstliches Fieber in mir unterhalte," schreibt er an den
Bruder, "wisse, ich bin mitten im kompliziertesten Rechnen drinnen.
Daraus geht eine Leinwand nach der anderen hervor, ganz rasch gearbeitet,
aber all das ist schon lange vorherberechnet. [...] Man muß in einer
einzigen halben Stunde an tausend Dinge denken, als ein Logiker, fähig,
die verzwicktesten Rechnungen über die Aufteilung der Farben zu verfolgen
und auszugleichen; ein trunkenes Arbeiten und Rechnen, da ist der Geist
zum Zerreißen gespannt, wie bei einem Schauspieler, der eine schwere
Rolle spielt."16 Van Gogh gelingt es, seine Empfindungen und Affekte
mit einer bisher unbekannten Unmittelbarkeit ohne jeden Umweg direkt in
Farbe und Form umzusetzen. Das Unverwechselbare seiner Handschrift ist
noch im kleinsten Detail zu erkennen; und doch gleitet diese Malerei nie
ins rein Subjektive ab. Ihre Einmaligkeit und ihre emotionale Intensität
bleiben immer in eine umfassende, allgemeingültige und objektive
Wertstruktur eingebettet. Diese einzigartige Verbindung heftigster Leidenschaft
und umfassender Ordnung zu einem bildnerischen Ganzen verleiht van Goghs
Werken die innere Kraft und die universale Geltung, die ihren Rang ausmachen.
Sie steht im schmerzlichen Widerspruch zum tragischen Schicksal dieses
Künstlers, dem die Selbstfindung nur in der Malerei gelingt.
Die Zeit in Arles ist wohl die glücklichste und erfüllteste
seines schwierigen Lebens. Doch ist sie nur von kurzer Dauer. Am 20. Oktober
1888 erfüllt Gauguin einen Wunsch van Goghs und zieht zu diesem nach
Arles, um dort mit seinem Kollegen die Keimzelle einer Künstlergemeinschaft
zu bilden, die van Gogh - auch darin den Nazarenern verwandt - schon seit
langem vorschwebt. Doch sind Charakter und Temperament der beiden Künstler
zu unterschiedlich, die Gegensätzlichkeit ihrer Einstellungen tritt
offen zutage und läßt sich nicht überbrücken.
Gauguin haßt die wilde religiöse Inbrunst, mit der sich van
Gogh auf das Leben und die Kunst stürzt, er verabscheut das Konturlose,
Schwärmerische seines holländischen Freundes, dessen fehlende
Abgrenzung dem andern gegenüber. Auch im künstlerischen Temperament
stellen die beiden den größtmöglichen Gegensatz dar: van
Gogh drückt seine Bilder direkt aus der Tube - seine Bäume sollen
"stehen, wurzeln und wachsen mit Kraft" - und verkündet
dem Bruder: "Wenn man wachsen will, muß man sich in die Erde
senken"; Gauguin dagegen sagt von sich: "Instinktiv, ohne Reflexion
liebe ich die Vornehmheit, den delikaten Geschmack und jene Devise von
ehemals: Noblesse oblige! Ich bin also, ohne zu wissen warum, als Künstler
Aristokrat."17
Am 23. Dezember kommt es zwischen den beiden zum Bruch. Nach einem heftigen
Streit, bei dem er den Freund mit einem Rasiermesser bedroht, schneidet
sich van Gogh einen Teil seines Ohrs ab. Er wird in ein Spital eingeliefert,
während Gauguin Arles fluchtartig verläßt. Wenige Wochen
nach seiner Entlassung aus dem Spital tritt van Gogh aus eigenem Entschluß
in die Heilanstalt von Saint Rémy ein. Er belegt zwei Zimmer, wovon
er eines als Atelier benützt. In einem neuen Ausbruch schöpferischer
Kraft hält er seine Umgebung, das Haus, den Garten, die Landschaft,
die sich vor seinen Fenstern ausbreitet, oder den Intendanten der Klinik
in einer Reihe unvergeßlicher Bilder fest (Abb. 87-89).
Nach einer erneuten Krise verläßt er St. Rémy und begibt
sich nach Auvers-sur-Oise in die Obhut des Dr. Gachet, wobei er in einem
nahegelegenen Gasthof logiert. van Gogh reagiert auf diesen Arzt und Kunstfreund,
der übrigens auch selbst malt, mit gemischten Gefühlen. Kurz
nach seiner Ankunft schreibt er an Theo: "Ich glaube, auf Dr. Gachet
darf man in keiner Weise zählen. Erstens ist er meiner Meinung nach
kränker als ich oder sagen wir ebenso krank wie ich. Wenn ein Blinder
einen anderen Blinden führt, fallen da nicht alle beide in den Graben?"18
Doch wenig später, in einem Brief an die Schwester Willemien, scheint
er dem Arzt näher gekommen zu sein: "... ich habe in ihm einen
richtigen Freund gefunden, etwas wie einen neuen Bruder, so sehr ähneln
wir uns körperlich und seelisch."19
Van Goghs seelischer Zustand ist auch weiterhin häufigen Schwankungen
unterworfen, doch scheint er neuen Mut zu fassen. Er geht regelmäßig
früh zu Bett, steht meistens um fünf Uhr auf und arbeitet mit
größter Intensität. In seinen letzten zweieinhalb Monaten
sollte er noch nahezu siebzig Bilder malen, darunter einige seiner Meisterwerke
(Abb. 90, 91).
Über die Ursachen für van Goghs letzte und folgenschwerste Krise
lassen sich bloß Vermutungen anstellen. Theo, dessen Frau vor einigen
Monaten einen Sohn geboren hat, teilt Vincent Mitte Juni die Absicht mit,
seine Stellung aufzugeben und eine eigene Kunsthandlung zu eröffnen;
dabei läßt er durchblicken, daß dies mit gewissen Risiken
und unter Umständen mit finanziellen Einschränkungen verbunden
sei. Nach einer gemeinsamen Lagebesprechung in Paris schreibt Vincent
an seinen Bruder: "Es ist nichts Geringes, wenn wir alle unser tägliches
Brot gefährdet fühlen, nichts Geringes, wenn wir auch noch aus
anderen Gründen die Unsicherheit unserer Existenz spüren. Nach
meiner Rückkehr hierher bin ich noch sehr traurig gewesen und habe
auch auf mir das Unwetter lasten fühlen, das Euch bedroht. Was tun
- seht Ihr, meistens versuche ich ja, meine gute Laune zu erhalten, aber
auch mein Leben ist an der Wurzel angegriffen, auch mein Schritt ist unfest
und schwankend. Ich habe gefürchtet - nicht ganz und gar, aber doch
ein wenig - daß ich Euch beängstige, weil ich Euch zur Last
bin, doch Jo's Brief beweist mir deutlich, daß Ihr fühlt, daß
auch ich voll Unruhe und Sorge bin wie Ihr. Sobald ich hier war, habe
ich mich wieder an die Arbeit gemacht, - der Pinsel ist mir freilich fast
aus der Hand gefallen; aber da ich genau wußte, was ich wollte,
habe ich trotzdem seither drei große Bilder gemalt. Es sind endlose
Kornfelder unter trübem Himmeln, und ich habe den Versuch nicht gescheut,
Traurigkeit und äußerste Einsamkeit auszudrücken."20
Am 27. Juli nimmt van Gogh den Revolver seines Gastwirtes an sich, und
schießt sich in die Brust. Er stirbt zwei Tage später, am 29.
Juli, im Beisein seines aus Paris herbeigeeilten Bruders.
Diesem tragischen Ende zum Trotz war es van Gogh vergönnt, sich und
seine Liebe im neutralen Medium der Malerei in einer umfassenden und vollständigen
Weise zu verwirklichen. Es war ihm gelungen, die exhibitorischen Ambitionen
seines grandiosen Selbst mit den überindividuellen Werten
seiner idealisierten Struktur zu einer Einheit zu verbinden und dem Umfassenden
und Allgemeinen eine eigene, einmalige und individuelle Gestalt zu geben.
Sein Freitod war ein Akt der Treue. Mit ihm hat er die Integrität
seiner Leistung, seines beispiellosen Werkes, vor der Verzerrung und Verfälschung
durch die Krankheit bewahrt.
Obwohl ihm Zeit seines Lebens nicht der geringste Erfolg beschieden war,
hat van Gogh der künstlerischen Entwicklung der Moderne nicht nur
stilistisch, als Maler, sondern auch ideell, als Mensch, seinen Stempel
aufgedrückt. Sein "exemplarisches Leben" (so Picasso) hat
wie kein anderes das Selbstbild des modernen Künstlers geprägt.
Paul Gauguin (1848-1903) und das Primat der Sehnsucht
Obwohl sich das Werk Gauguins in vielen Aspekten von dem Van Goghs unterscheidet,
teilt es mit diesem einen der entscheidenden Grundzüge der sich anbahnenden
Moderne: die Tendenz, psychische Empfindungen und Vorstellungsinhalte
in erster Linie mit rein gestalterischen Mitteln wiederzugeben und auszudrücken.
Auch Gauguins künstlerische Entwicklung wird durch den Impressionismus
in Gang gesetzt. 1879 macht ihn der "bescheidene und kolossale Pissarro"
(so Cézanne) mit der neuen Malweise vertraut. Doch machen sich
schon früh auch andere Einflüsse geltend. Unter dem Eindruck
der nachimpressionistischen Malerei Cézannes beginnt Gauguin ab
1882 die Körperlichkeit seiner Figuren zu betonen, seine Pinselstriche
parallel zu staffeln, zu rhythmischen Kraftfeldern zusammenzuziehen und
seine Gegenstände linear zu begrenzen.
Im japanischen Farbholzschnitt, der an der Pariser Weltausstellung von
1867 seinen ersten europäischen Auftritt erlebte, begegnet er erstmals
den gestalterischen Prinzipien, die seine späteren Werke prägen
sollten: er begeistert sich für das Zweidimensionale, die reine Farbe
ohne Modellierung, die Freiheit der Linie und die dekorative Kraft der
fremden Drucke. 1882 wird in Paris das Musée d'Ethnographie
du Trocadéro eröffnet, das spätere Musée
de l'Homme. Angeregt durch die dort ausgestellte orientalische und
peruanische Keramik schafft Gauguin Ende der achziger Jahre eine Reihe
von Schalen, Krügen und sonstigen Gefässen, in denen sich erstmals
in der europäischen Plastik der unmittelbare Einfluß exotischer
Bildnerei nachweisen läßt (Abb. 93, 94). Der erste Aufenthalt
in den Tropen (1887 in La Martinique) bildet den Höhepunkt dieser
Frühzeit. Gauguins Ambitionen und Ideale legen sich fest; mit der
Ausdruckskraft der Primitiven will er dem Ursprünglichen und Bedeutungsvollen
künstlerische Gestalt verleihen.
Die Suche nach dem Ursprünglichen führt Gauguin 1888 nach Pont
Aven in der Bretagne, "einem Land archaischer Sitten, von einer Atmosphäre,
die sich sehr von unserer zivilisierten Welt unterscheidet" (so schreibt
er an einen Freund), wo er einen Kreis gleichgesinnter junger Künstler
um sich schart. Hier verbindet Gauguin die Farbigkeit der Impressionisten
und die Formauffassung Cézannes mit der plakativen Flächigkeit
der Japaner und entwickelt daraus, zusammen mit dem um zwanzig Jahre jüngeren
Emile Bernard, den Malstil des Cloisonnismus. Mit diesem heben
die beiden Künstler die naturalistische Perspektive in noch höherem
Maße auf, als Cézanne. Der Boden wird als farbiger Hintergrund
senkrecht gestellt; Menschen, Tiere, Pflanzen sind fast ohne Modellierung
gemalt. In Anlehnung an die Technik des émail cloisonné
umgrenzen die beiden Maler plan aufgetragene Flächen ungebrochener
Farbe mit kraftvollen dunklen Konturen, was ihren Bildern eine gesteigerte
Leuchtkraft verleiht.
In Pont Aven hat Gauguin seine künstlerische Sprache gefunden. Im
März 1891 schifft er sich nach Tahiti ein. 1893 ist er noch einmal
in Paris, Le Pouldu und Pont Aven und kehrt 1895 für immer in die
Südsee zurück. Hier erfüllt sich seine Sehnsucht, hier
verwirklicht er seine künstlerische Vision: "Hier, in völliger
Stille, träume ich von gewaltsamen Harmonien inmitten natürlicher
Wohlgerüche, die mich berauschen. - Tierische Figuren von statuarischer
Starrheit: etwas undefinierbar Altes, Erhabenes, Religiöses im Rhythmus
ihrer Bewegung, ihrer seltsamen Unbewegtheit. In Augen, die träumen,
das verschleierte Bild eines unergründlichen Rätsels. Und nun
ist es Nacht, und alles ruht. Meine Augen schließen sich, um den
Traum in dem unendlichen Raum, der sich vor mir ausdehnt, zu sehen, ohne
ihn zu verstehen. - Mein Traum läßt sich nicht fassen, läßt
keinerlei Allegorie zu: ein musikalisches Gedicht, verzichtet er auf ein
Libretto."21
Trotz ihrer teppichartig-dekorativen Wirkung vermitteln die Bilder, die
Gauguin in Tahiti malt, eine ideelle Aussage. Im Ausdruck ihrer exotischen
Gestalten, die uns aus rätselhafter Distanz anblicken, im melodischen
Klang der Farbe und in den sinnlichen Rundungen der Konturen wird Gauguins
Sehnsucht nach dem Ursprünglichen, nach der Versöhnung mit dem
Schicksal, nach dem verlorenen Paradies tiefer, ewiger Lust spürbar
(Abb. 95).
Wohl entspricht diese Sehnsucht der Stadt- und Kulturmüdigkeit des
ausgehenden 19. Jahrhunderts und bildet damit einen Grundzug der damaligen
Zeit; doch findet sie in Gauguins Bildern eine völlig neuartige künstlerische
Ausgestaltung. Während Romantiker und Orientalisten das Objekt ihrer
Sehnsucht als Wunschtraum, als literarische Vorstellung verstanden und
sie in Form exotischer Szenerien und abenteuerlicher Phantasien in erster
Linie naturalistisch-beschreibend dargestellt haben, strebt Gauguin nach
dem bildnerischen Äquivalent seiner Sehnsucht; es geht ihm darum,
deren seelischen Akkord wiederzugeben. Auf der Suche nach den dafür
geeigneten Mitteln entdeckt er die psychische Ausdruckskraft der Farbe.
So schreibt er an einen Freund: "Warum sollten wir nicht dazu gelangen,
verschiedene Harmonien zu schaffen, die unserem seelischen Zustand entsprechen.
Schlimm genug für die, welche sie nicht erfassen können. Je
älter ich werde, desto mehr beharre ich auf der Übermittlung
des Gedankens durch etwas anderes als das Literarische." Und in einem
anderen Brief: "Die Farbe als solche ist rätselhaft in den Empfindungen,
die sie in uns erregt. So muß man sie auch auf rätselhafte
Weise gebrauchen, wenn man sich ihrer bedient, nicht zum Zeichnen, sondern
um der musikalischen Wirkungen willen, die von ihr ausgehen, von ihrer
eigenen Natur, von ihrer inneren, mysteriösen, rätselhaften
Kraft."22
Wie Cézanne verliert auch Gauguin bei der Entstehung seiner Bilder
deren gestalthafte Einheit nie aus den Augen; nur schafft er diese nicht
bloß aus reinen Farb- und Formwerten, sondern orchestriert darüber
hinaus auch die durch Farbe, Form und Gegenstand ausgelösten Vorstellungen
und Emotionen. "Ich beginne mit dem liegenden Akt eines Kanakenmädchens,
ohne eine andere Absicht, als einen Akt zu machen, wobei aber ein gewisser
Ausdruck des Schreckens an dem Mädchen mich fesselt und ich an den
kanakischen Geist und Charakter denken muß. Das suggeriert mir eine
Farbgebung, die düster, traurig und erschreckend ist, die einen trifft
wie Totengeläut. In dem Tuch des Lagers gewinnt das Gelb einen eigentümlichen
Charakter, es suggeriert die Vorstellung von künstlichem Licht in
der Nacht und ersetzt dadurch das Licht einer Lampe, das zu banal wäre
(die Kanaken lassen stets die ganze Nacht eine Lampe brennen, aus Angst
vor Geistern). Das Gelb bildet auch einen Übergang zwischen zwei
anderen Farben und vervollständigt den musikalischen Akkord des Bildes.
Der dekorative Sinn führt mich dazu, den Hintergrund mit Blumen zu
besäen. Diese bekommen Farben wie Phosphoreszenzen in der Nacht,
denn nun verdichtet sich der literarische Teil des Bildes:
Nächtliche Phosphoreszenzen bedeuten für den Eingeborenen, daß
der Geist von Toten anwesend ist. Das Erschrecken des Mädchens ist
jetzt inhaltlich erklärt. Der musikalische Teil, horizontale ondulierende
Linien, Akkorde von Orange und Gelb, Blau und Violett und deren Ableitungen,
erhellt durch grünliche Funken, wird Äquivalent des literarischen
Teils: der Geist eines Lebenden verbunden mit dem Geist eines Toten".23
In dieser suggestiven Beschreibung der Entstehung des berühmten Bildes
Der Geist der Toten wacht (Abb. 96) wird deutlich, wie sehr Gauguin in
seiner Arbeit die Synthese unterschiedlicher Erfahrungs- und Wahrnehmungsebenen
anstrebt und in welchem Maß er seine innere und äußere
Erfahrung in sein gestalterisches Tun einfließen läßt.
Seine Welt wird nicht beschrieben, sondern ersteht aus der evokativen
Macht seiner farbigen Zeichen als künstlerische Gestalt. Gauguins
Sehnsucht wird bildnerische Wirklichkeit.
Wenngleich in Gauguins Malerei der exhibitorische Aspekt überwiegt,
so unterwirft auch er seine individuellen Ambitionen einer übergeordneten
und autonomen idealisierten Struktur und verbindet damit beide Pole zum
bildnerischen Ausdruck eines umfassenden, d.h. integrierten Selbst.
4. Die Wirklichkeit des Irrationalen
Im Werk der bisher besprochenen Künstler zeichnet sich die grundsätzliche
Wende ab, mit der das Zeitalter der Moderne beginnt. In ihren Bildern
findet ein neues Selbst- und Weltbild Ausdruck und Gestalt. Die Stellung
des Künstlers zu seinen Idealen hat sich radikal verändert.
Diese werden nicht mehr als literarische Vorstellungen durch Allegorien,
Metaphern und Symbole repräsentiert, stehen also nicht mehr außerhalb,
sondern sind in das Selbst des Künstlers integriert. Dieser erfährt
seine Ideale als eine geistige Struktur, die sowohl der Natur, der sichtbaren
Wirklichkeit zugrunde liegt, als auch im eigenen Innern zur Wirkung kommt.
Als dynamisches Prinzip bestimmen diese Ideale nicht mehr in erster Linie
die Thematik des Werkes, sondern den gestalterischen Vorgang. Dem entsprechend
verwirklichen die ersten Maler der Moderne auch ihre exhibitorischen Ambitionen
in der Handhabung der Syntax ihrer künstlerischen Sprache. Innen
und Außen, Gefühl und Verstand, Exhibition und Ideal verbinden
sich in ihren Bildern zu einer gestalthaften Einheit, die von einem Selbstbewußtsein
zeugt, das sich, wie zur Zeit der Renaissance, mit Gott und der Welt wieder
einig weiß.
Diese neue künstlerische Auffassung übte auf die Zeitgenossen,
insbesondere auf die gleichzeitige Bewegung des Symbolismus, eine große
Anziehungskraft aus. Die verloren geglaubten Werte, nach denen das 19.
Jahrhundert bisher vergeblich gesucht hatte - Glaube, Form, Gefühl
und Sinn - schienen wieder in greifbare Nähe gerückt. Das Ausmaß,
in dem sie sich dabei gewandelt hatten, wurde von den Symbolisten jedoch
übersehen.
Die Symbolisten standen dem geistigen Umbruch, der sich mit der technischen
und industriellen Revolution und der Entwicklung der Naturwissenschaften
vollzog, ablehnend gegenüber. Ihre Kunst galt dem Irrealen und Übersinnlichen
und versuchte nur das auszudrücken, was hinter oder jenseits der
sichtbaren Wirklichkeit lag. Sie litten, wie Hofstätter treffend
sagt, "an der schmerzlichen Sehnsucht, für die Gefühle,
die ihr altes Objekt verloren haben, ein neues zu finden";24 letztlich
ging es ihnen darum, die Idee des Gottmenschen zu neuem Leben zu erwecken.
Nur verloren sie dabei den Bezug zur Wirklichkeit. In diesem Sinne schrieb
Gustave Moreau: "Gott ist das Unermeßliche, und ich fühle
ihn in mir. Nur an ihn glaube ich. Ich glaube weder an das, was ich berühre,
noch an das, was ich sehe. Ich glaube nur an das, was ich nicht sehe,
und einzig an das, was ich fühle. Mein Gehirn, meine Vernunft scheinen
nur kurzlebig und von zweifelhafter Wirklichkeit; nur mein inneres Gefühl
halte ich für ewig und für unanfechtbar gewiß."25
Ein ähnliches künstlerisches Selbstverständnis spricht
aus dem Manifest der Rosenkreuzer, mit dem Sâr Péladan den
Katalog zur ersten Ausstellung des Salon de la Rose-Croix 1892 bei Durand-Ruel,
Paris, einleitet: "Künstler, du bist Priester: die Kunst ist
das große Mysterium, und wenn dein Bemühen zu einem Meisterwerk
führt, so steigt ein Strahl des Göttlichen wie auf einen Altar
herab. [...] Künstler, du bist König: die Kunst ist das große
Wunder und beweist Unsterblichkeit. [...] O unsagbare, hochheitere Erhabenheit,
immer leuchtender heiliger Gral, Monstranz und Reliquie, unbesiegtes Banner,
allmächtige Kunst, Kunst-Gott, ich verehre dich auf den Knien, du
letzter Strahl von oben, der auf unsere Fäulnis fällt."26
Der Künstler wurde zum Seher, zum Sprachrohr übersinnlicher
Kräfte, die das Leben und die Welt auf geheimnisvolle Weise durchdrangen
und beeinflußten. Doch ließen sich die grundsätzlichen
Zweifel an allem, was bisher verehrt und geglaubt worden war, weder ausräumen
noch durch eine neue Gewißheit ersetzen; auch den überzeugtesten
Symbolisten blieb bestenfalls eine Ahnung, was hinter der real anschaubaren
Wirklichkeit liegt, und diese Ahnung erschöpfte sich meist in einem
ungewissen Jenseits. So wurde das Unbestimmte, Vieldeutige
und Schwerverständliche zum entscheidenden Merkmal ihrer Kunst. Nach
Jean Moréas, dem Verfasser des Symbolistischen Manifests,
besteht "die wesentliche Eigenschaft der symbolistischen Kunst darin,
die Idee niemals begrifflich zu fixieren oder direkt auszudrücken.
Und deshalb müssen sich die Bilder der Natur, die Taten der Menschen,
alle konkreten Erscheinungen in dieser Kunst nicht selbst sichtbar machen,
sondern sie werden durch sensitiv wahrnehmbare Spuren, durch geheime Affinitäten
mit den ursprünglichen Ideen versinnbildlicht."27
Doch blieben die Symbolisten trotz der Unbestimmtheit ihrer Aussage und
obwohl sie die Gestalten und Erscheinungen, die in ihren Bildern auftreten,
in Bezug auf Licht und Farbe, Raum, Distanz und Proportion verfremdeten,
um sie in neue, übersinnliche Bedeutungszusammenhänge
zu stellen, grundsätzlich einer illustrativen und damit abbildhaften
Darstellungsweise verpflichtet.
Trotzdem waren sie von der neuen Malerei äußerst
beeindruckt. Der Verzicht auf die realistische Naturwiedergabe, die gewalttätige
Formensprache und die ungewohnten, leuchtenden Farbklänge der großen
Pioniere kündeten von einem neuen Aufbruch, von einer neuen Vision,
in der die Symbolisten die Erfüllung ihrer eigenen Sehnsüchte
zu erkennen vermeinten. Sie selbst blieben jedoch literarisch orientiert:
sie drückten ihre inneren Gesichte durch eine entsprechende
Thematik aus. Sie schufen keine neue Form, sondern bauten ihre auf ein
Jenseitiges gerichteten Sehnsüchte in die Tradition der bisherigen
Figurenmalerei ein. Zwar trachteten auch sie danach, den Widerspruch zwischen
der sinnlichen und der geistigen Welt zu überwinden; ihr Idealismus
hatte sie jedoch daran gehindert, die Lehren Courbets und der Impressionisten
ernst zu nehmen, d.h. sie hatten die notwendige Auseinandersetzung mit
dem Sichtbaren verfehlt, durch die allein sich "Form als Wirklichwerden
von Welt" (Haftmann) hätte ausweisen können: Sie übersahen,
daß in der neuen Malerei nicht das Thema, sondern das Bildgefüge
die Ergriffenheit vermittelte, nach der sie vergeblich suchten. Sie vermochten
nicht, die bildnerische Disziplin zu erkennen, die das Wesen der neuen
Malerei ausmachte, sondern interpretierten diese idealistisch (oder richtiger:
symbolistisch), als Bestätigung ihrer romantischen Vision einer künstlerischen
Freiheit, für die das eigene Empfinden zum Maß aller Dinge
wird. Zu Recht bezeichnet der Kunsthistoriker Robert Jones ihre Haltung
als Irrealismus.
Obwohl die Begeisterung der Symbolisten dazu führte, daß Seurat,
Cézanne, Gauguin und van Gogh unter Künstlern und Kunstinteressierten
immer bekannter wurden, hatten die meisten symbolistischen Künstler,
die sich für die großen Erneuerer einsetzten und sich mit ihnen
identifizierten, deren epochale Leistung - die Verbindung von Exhibition
und Ideal in der bildnerischen Gestalt - weitgehend mißverstanden.
Doch treten noch während des 19. Jahrhunderts zwei Künstler
auf, die mit ihrem Werk die symbolistische Geisteshaltung von ihren literarischen
Bindungen befreien und ihr bildnerische Gestalt geben; es sind Edvard
Munch und James Ensor. In ihrer Malerei orientiert sich das Bildnerische
jedoch nicht mehr wie im Fall von Monet, Seurat, Cézanne, Gauguin
oder van Gogh an seinen eigenen Bedingungen und Voraussetzungen, an einem
autonomen bildnerischen Kanon, sondern es tritt in den fast ausschließlichen
Dienst der psychischen Exhibition. Diese wird zum höchsten Wert erklärt,
womit das Bildnerische, das mit seinem Kanon die idealisierte Ordnung
vertritt, seine Autonomie verliert. Die idealisierten Strukturen werden
in ihrer Bedeutung relativiert, verlieren ihre bisherige Verbindlichkeit
und können den exhibitorischen Ambitionen nicht mehr als gleichwertige
Kraft gegenübertreten.
Ohne die dialektische Auseinandersetzung mit objektiven, allgemeinverbindlichen
idealisierten Strukturen lassen sich diese Ambitionen nicht mehr als Teil
in ein umfassendes Ganzes integrieren und werden statt dessen selbst zum
Ganzen, zum Maß aller Dinge erklärt. Der exhibitorische Pol
maßt sich damit die Repräsentanz des ganzen Selbst an. Munch
und Ensor identifizieren sich mit ihren exhibitorischen Ambitionen, mit
ihrem grandiosen Selbst. Damit bleibt ihre Kunst (im Gegensatz
zu derjenigen Gauguins und van Goghs) trotz ihrer suggestiven, charismatischen
Wirkung und der unleugbaren Kraft und Intensität ihres Ausdrucks
fragmentarisch. Sie reflektiert nicht mehr die psychische Ganzheit des
Menschen; indem sie das Fragment als das Ganze ausgibt, verzerrt sie die
Wirklichkeit.
Diese ihrem Wesen nach illusionäre Haltung unterstellte ich bereits
der manieristischen, der romantischen und der symbolistischen Kunst des
abendländischen Entwicklungszyklus; bei Munch und Ensor findet sie
jedoch erstmals bildnerische Ausgestaltung. Die verzerrte psychische Wirklichkeit
gewinnt dadurch eine bisher unbekannte, typisch moderne sinnliche
Präsenz und Unmittelbarkeit und wird als unbezweifelbar, diesseitig
erfahren. Darin gründet die entwicklungsgeschichtliche Bedeutung
der beiden Nordländer. Mit ihnen beginnt sich der Irrealismus des
19. Jahrhunderts zum Surrealismus zu wandeln.
Edvard Munch (1863-1944) und das Primat der Angst
1889, 1890 und 1891 kommt der Norweger Edvard Munch, der mit seiner
tonigen, realistisch orientierten Pleinair-Malerei bereits zur künstlerischen
Avantgarde seines Landes zählt, dank einem Staatsstipendium nach
Paris, wo er nebst der Malerei der Impressionisten auch Bilder von Lautrec,
Gauguin und van Gogh kennenlernt. Vorerst verarbeitet er diese Einflüsse
in einer Reihe typisch impressionistischer Landschafts- und Stadtbilder;
die unbeschwerte Unverbindlichkeit des Impressionismus vermag jedoch den
Norweger nicht lange zu fesseln. Spätestens 1890 entdeckt er sein
ihn bestimmendes Vorbild, als Gauguin im Foyer des Théâtre
de Vaudeville, das nur wenige Schritte von Munchs Pariser Wohnung entfernt
liegt, eine größere Werkgruppe ausstellt. Der Besuch dieser
Ausstellung und die französische symbolistische Dichtung, die in
Paris ihre ersten Erfolge feiert, bilden den unmittelbaren geistigen Hintergrund,
vor dem Munch mit dem Bild Melancholie (das auch unter dem Titel Eifersucht
bekannt ist) sein erstes symbolistisches Werk schafft, das bereits alle
Elemente seiner späteren Entwicklung in sich vereinigt (Abb. 98).
Eine Dreiecksaffäre, in die Munchs Freund Jappe Nielsson damals verwikkelt
war, und derentwegen dieser unter heftiger Eifersucht litt, bildet den
äußeren Anlaß und das literarische Thema der Darstellung:
die in sinnlichen Wellen verlaufende Küstenlinie eines einsamen Strandes
verbindet eine groß nach vorn gerückte, stumm vor sich hinbrütende
männliche Gestalt mit den Silhouetten eines fernen Liebespaares.
Dunkel schiebt sich die übermächtige, durch den Bildrand angeschnittene
Figur zwischen den Betrachter und das Geschehen in der Tiefe des Bildes
und schafft den Bedeutungszusammenhang, durch den die fernen, mit zwei
kurzen Pinselstrichen kaum angetönten Gestalten zur peinigenden Vision,
zum Echo qualvoller Eifersucht werden. Mit diesem Werk hat Munch seine
bildnerischen Ausdrucksmittel gefunden.
In rascher Folge entstehen nun die bekannten, von Munch später mehrmals
wiederholten und variierten Bilder, in denen Einsamkeit und Angst, Geschlecht,
Sünde und Tod die suggestive und unverwechselbare Ausgestaltung finden,
die wir mit dem Namen des Norwegers verbinden: 1892 Abend auf der Karl
Johans Gate, Verzweiflung, Der Kuß, 1893 Mondschein, Der Sturm,
Sternennacht, Tod im Krankenzimmer, Hände, Die Stimme, Der Schrei,
1894 Madonna, Vampir, Der Tag danach, Trennung und Angst (Abb. 99-101).
Diese Werke zeugen nicht nur von der schweren Entfremdung, die das Selbst-
und Weltbewußtsein ihres Autors prägt, sondern auch von seiner
Selbstfindung. Ihretwegen wurde Munchs Malerei oft mit derjenigen van
Goghs gleichgesetzt, doch zu unrecht; die beiden Künstler unterscheiden
sich nicht nur durch die Art ihrer jeweiligen psychischen Störung,
sondern auch durch die Funktion und Bedeutung, die dieser in ihrer Kunst
zukommt.
Van Goghs Störung ist narzißtischer Art; seine Malerei dient
nicht dem unmittelbaren Ausdruck seiner Konflikte, sondern ihrer Kompensation.
Anders bei Munch; die expressive Kraft seiner Kunst ist unaufhebbar mit
der neurotischen Symptomatik verbunden, die sich in ihr äußert.
Begreift man Munchs Malerei als Heilungsversuch, so besteht dieser nicht
in einer Kompensation, sondern in einer Katharsis28, einer adäquaten
Abfuhr pathogener Affekte.
Munchs wichtigste Themen - die Frau als verwandte Seele und als Objekt
sexueller Begierde, Sünde und Eifersucht, Einsamkeit, Angst und Tod
- spiegeln persönliches Erleben und die neurotischen Konflikte seiner
Kindheit und Jugend.
Es würde einer entsprechenden Untersuchung kaum schwer fallen, in
den familiären und sozialen Umständen, unter denen Munch aufgewachsen
ist, die Quelle seiner psychischen Störungen freizulegen; doch ist
deren Ursache für mein Anliegen von untergeordneter Bedeutung. Munchs
inzestuöse Bindung an Mutter und Schwester, das Erlebnis ihres frühen
Todes, der berufliche Mißerfolg und der religiöse Wahn des
Vaters mögen wohl den Kern seiner Neurose bilden und damit die Thematik
seiner Bilder bestimmt haben, zum Verständnis seiner künstlerischen
Bedeutung tragen sie jedoch kaum etwas bei. Diese gründet nicht im
Wesen seines inneren Konflikts, und auch nicht darin, daß dieser,
wie bei vielen anderen Symbolisten, seine Kunst bestimmt; Munchs Bedeutung
gründet in der geistigen Haltung, mit der er seinem Konflikt begegnet
und in der bildnerischen Gestalt, die er diesem verleiht.
Diese für die damalige Zeit so ungewöhnliche Haltung manifestiert
sich im schonungslosen Realismus, mit dem er seine verborgensten Begierden
und seine tiefsten Ängste offenlegt. Bekenntnishaft zerreißt
er den Schleier der gesellschaftlichen Konvention und gibt dem zentralen,
doch verborgenen Drama der männlichen Psyche - dem von Freud zur
selben Zeit aufgedeckten Ödipuskomplex - mit unmißverständlicher
Deutlichkeit bildnerische Gestalt. Dabei wird auch ihm die Frau zum Weib,
zum Sinnbild für Geschlecht, Sünde und Tod. Doch statt das Geschlechtliche
wie Moreau idealistisch zu verklären oder wie Beardsley karikierend
zu verzerren, läßt es Munch im Spannungsfeld zwischen Begierde
und Angst, zwischen Es und Überich in seiner ganzen konfliktreichen
Ambivalenz als psychische Wirklichkeit erstehen.
Ebenso ungewöhnlich war zur damaligen Zeit die sinnliche Unmittelbarkeit,
mit der Munch in seinen Bildern diesen elementaren Erfahrungen des Menschen
Gestalt und Ausdruck verlieh. Obwohl all seine Darstellungen thematisch
bedingt sind, wird die Thematik nicht illustriert. Das Geschlechtliche
manifestiert sich kaum je durch eine entsprechende Episode, sondern in
der Sinnlichkeit linearer Arabesken; die Sünde erscheint nicht als
symbolische Schlange, sondern tritt uns im Entsetzen, in der Angst und
der Einsamkeit entgegen, die sie nach sich zieht; der Tod ist kein Skelett,
sondern die endgültige Leere und Absenz, vor der alles Lebendige
in Schreck und Ehrfurcht erstarrt. Zwar bleiben Munchs Bilder trotzdem
durch die literarische Bedeutung ihrer Darstellungen bedingt, doch findet
diese Bedeutung durch eine Vielfalt gestalterischer Mittel eine bildnerisch-psychologische
Umsetzung. Sie wird sinnlich erfahren: durch die Dramaturgie des Bildaufbaus,
durch die räumliche Inszenierung des Geschehens, durch Stellung und
Blickrichtung der Figuren, durch die expressive Kraft der Linie, durch
die beängstigende Wirkung einsaugender Perspektiven und durch die
Leere der sich entziehenden Horizonte.
Die Farbe wird nicht erscheinungsbedingt oder dekorativ, sondern expressiv
eingesetzt. Phosphoreszierend, nächtlich, vertraut und zugleich fremd,
ist sie immer einmalig. Sie beschränkt sich nie darauf, mit ihrem
Klang den allgemeinen Sinn der dargestellten Szene bloß stimmungsmäßig
zu untermalen. Das fahle Gelb eines leeren Himmels, das aggressive Rot
des entflammten Weibes - diese Farben liegen immer ganz wenig neben dem
Erwarteten, werden nie zum Klischee, bleiben immer individuelles Erlebnis.
In Munchs Bildern werden Farbe und Form, wie bei Gauguin, zu bildnerischen
Äquivalenten psychischer Regungen. Im tragischen Selbst- und Weltbild,
das uns in den bewegungslos dastehenden, zu Säulen erstarrten Gestalten
im Abend auf der Karl Johans Gate, in der Stimme oder im Totenzimmer entgegentritt,
mag man wohl die schwarze Romantik der Symbolisten wiedererkennen,
in Munchs Bildern ist diese jedoch von allem literarischen Ballast befreit.
Sie wird nicht bloß durch ein Sinnbild, sondern durch eine bildnerische
Gestalt, also sinnlich und damit als wirklich erfahren.
Die expressive Intensität dieser Bilder wird jedoch mit dem Verlust
ihres narzißtischen Gleichgewichts erkauft. Dadurch daß diese
Kunst in erster Linie der Abfuhr pathogener Affekte dient und das Bildnerische
in den ausschließlichen Dienst individueller Exhibition stellt (mit
anderen Worten: daß sich in ihr das Bildnerische an den exhibitorischen
Ambitionen orientiert, statt umgekehrt), finden die idealisierenden Tendenzen
dieser Kunst kein anderes Objekt als den Maler selbst. Indem sein ganzes
Können der Selbstdarstellung dient, verliert Munchs Malerei ihre
Verankerung in einem übergeordneten bildnerischen Kanon. Sie zieht
ihre ganze Kraft aus der narzißtischen Selbstbezogenheit des Künstlers
und verliert jene in dem Moment, da sich Munch vom eigenen Selbst ab und
der Außenwelt zuwendet.
Munchs bedeutendste Werke sind zwischen 1891 und 1894, in einer Zeitspanne
von knapp vier Jahren entstanden. Was folgt, ist zuerst Wiederholung,
dann Verflachung. Dieser Tatbestand wird dadurch verwischt, daß
Munch die meisten seiner frühen Meisterwerke - zum Teil Jahrzehnte
nach ihrer Entstehung - mehrmals und praktisch unverändert wiederholt
hat (Abb. 102, 103). Der Vollständigkeit halber sei trotzdem kurz
auf die weitere Entwicklung des Künstlers eingegangen.
Mit dem äußeren Erfolg, der sich ab 1895 einzustellen beginnt,
wendet sich Munch einer versöhnlicheren Thematik zu; sie gilt nicht
mehr den existenziellen Nöten des Individuums, sondern den "großen,
lebenserhaltenden Kräften" (Arne Eggum, 1984). Neben großen,
poetisch-dekorativen Landschaften entstehen allegorische, von symbolistischem
Pathos durchtränkte Darstellungen - z.B. Fruchtbarkeit, Metabolismus
(Abb. 104), Tanz des Lebens, Golgatha - deren vordergründiger Idealismus
keine bildnerische Umsetzung mehr erfährt und damit auch jeden Realitätsgehalt
verliert. In Munchs Schaffen ist eine deutliche Wendung eingetreten; in
ihr manifestiert sich die neurotische Bedingtheit seines künstlerischen
Ausdrucksbedürfnisses unter einem neuen, völlig unerwarteten
Aspekt.
Mit seinem bedeutenden Frühwerk, in dem er sich mit provozierender
Offenheit zu seiner psychischen Not, zu seinen Ängsten und Begierden
bekennt, trat Munch in Opposition zur herrschenden Ordnung und Sexualmoral.
Statt sich ihren Maßstäben zu beugen, wurde er zu ihrem Ankläger.
Seine Bilder wurden zum Spiegel, in dem ein erschrockenes und schockiertes
Bürgertum die eigene Lebenslüge entdeckte. Der frühe Erfolg,
der Munch beschert war, kam einem Sieg über seine Gegner gleich und
untergrub damit die psychologischen Grundlagen seiner Auflehnung und seines
Protests; diese hatten jedoch eine wesentliche Triebkraft seiner schöpferischen
Tätigkeit gebildet. Mit der breiten Anerkennung seiner Kunst begann
sich deren Stellenwert in seinem psychischen Haushalt zu verändern:
Sie diente ihm nicht mehr in erster Linie zur Abfuhr seiner pathogenen
Affekte, sondern zur Bestätigung seiner scheinbaren - in Wirklichkeit
nur äußerlich erreichten - Versöhnung mit seiner Umwelt
und seiner Integrierung in die bürgerliche Gesellschaft. Damit hatte
er jedoch das Feindbild verloren, auf das er bisher den verleugneten Teil
seines Selbst projizieren konnte. Die ihres bisherigen Ventils beraubten
Affekte und Strebungen begannen nun, in Munchs Privatleben
einzudringen.
Die Liebesbeziehung, die der Vierunddreißigjährige mit Tulla
Larsson, einer emanzipierten Frau aus dem norwegischen Großbürgertum,
1899 anknüpft, gerät nach wenigen Monaten in eine schwere Krise.
Zwei Jahre später kommt es zum endgültigen Bruch und zu jenem
Unfall, bei dem sich Munch mit einer Pistole einen Finger der linken Hand
abschießt. Mehrmals provoziert der inzwischen berühmte Künstler
tätliche Auseinandersetzungen mit Malerkollegen, die in der Presse
sensationell aufgezogen werden. Sein Alkoholismus wird zusehens zum Problem.
Trotz längerer Aufenthalte in verschiedenen Sanatorien (1906/7) verschlechtert
sich sein Zustand immer mehr. In Restaurants läßt er sich mit
Zufallsbekanntschaften in Streit und Schlägereien ein und schreibt
an alle möglichen Freunde Briefe, in denen er sie beschuldigt, ihn
zu verfolgen. Aus Angst, in eine Heilanstalt gesperrt zu werden, flieht
er nach Dänemark. Dort leidet er jedoch weiterhin unter Verfolgungswahn
und unter immer häufiger auftretenden Halluzinationen. Als er schließlich
noch von einer Beinlähmung befallen wird, läßt er sich
von Freunden dazu überreden, in die Nervenklinik des Psychiaters
Dr. Daniel Jacobson in Kopenhagen einzutreten, die er nach einem Jahr
wieder verläßt.
Obwohl seine Kunst immer belangloser wird, hat sie einen ständig
wachsenden Erfolg. 1909 kauft er sich an der Südküste Norwegens
ein zweites Haus, 1910 ein weiteres Besitztum am Oslo-Fjord und 1916 das
Gut Ekely bei Sköjen in der Nähe von Kristiana. Große
Retrospektiven, Ehrungen und Publikationen häufen sich, und unzählige
Reisen führen den nunmehr weltberühmten Künstler kreuz
und quer durch Europa.
Trotz mehreren Versuchen, seiner Malerei aus den unterschiedlichsten Quellen
neue Impulse zuzuführen, gelingt es Munch nicht mehr, die verlorene
Kraft zurückzugewinnen. Er stirbt am 23. Januar 1944 in seinem Haus
in Ekely. In der langen Reihe seiner Selbstporträts, die bis ins
hohe Alter das bevorzugte Medium seiner Selbstbespiegelung gebildet haben,
tritt uns ein eitler, doch schwacher, unsicherer und von Selbstmitleid
erfüllter Mann entgegen, der - auch darin Freuds Diktum bestätigend
- am Erfolg gescheitert ist.(Abb. 105).
James Ensor (1860-1949) und das Primat des Wahns
James Ensor, der rätselhafteste unter den Malern, die am Ende des
19. Jahrhunderts mit ihrem Werk der Wirklichkeit ein neues Gesicht verliehen
haben, wird 1860 als Sohn einer flämischen Mutter und eines englischen
Vaters in Ostende geboren. Mit siebzehn Jahren geht er nach Brüssel
an die Akademie und kehrt als Neunzehnjähriger voller Verachtung
für seine Lehrer in seine Heimatstadt zurück, die er außer
wenigen kurzen Reisen nie mehr verlassen sollte. In den ersten Jahren
nach seiner Rückkehr entstehen neben tonig gehaltenen, intimen Porträts,
Stilleben und Intérieurs, in denen sich der junge Künstler
mit einer fast wehmütigen Zärtlichkeit seiner kleinbürgerlichen
Umwelt zuwendet, mehrere schwermütige, leere, von geheimnisvollem
Licht erfüllte Landschaften und Meeresbilder. In ihrer grenzenlosen
Weite wird bereits der Hang zum Grandiosen und Absoluten spürbar,
der, krankhaft verzerrt, das spätere Werk des Malers prägen
sollte.
1883 wird die verhaltene Ruhe dieser frühen Entwicklung jäh
durch den schrillen Klang eines Bildes unterbrochen, in dem sich erstmals
Menschen in Masken verwandeln: eine alte Frau mit bebrillter Maske dringt
drohend in das Versteck eines ebenfalls maskierten Trinkers ein (Abb.
108).
Ensors phantasmagorische Thematik wird immer wieder mit dem Souvenirgeschäft
in Beziehung gebracht, das seine Eltern im Erdgeschoß ihres Hauses
geführt haben. In diesem haben sie allerlei Kram angeboten: Muscheln,
Korallen, ausgestopfte Tiere, Exotisches aus fernen Ländern, Kuriositäten
jeder Art, darunter auch viele Masken und Kostüme. Diese bunte Sammlung
machte einen nachhaltigen Eindruck auf den jungen Ensor und stellte für
ihn zweifellos eine wichtige Inspirationsquelle dar. Sein erstes Maskenbild
läßt sich jedoch nicht nur auf das elterliche Geschäft
zurückführen. In seinem Aufsatz Ensor als Exorzist interpretiert
es Gert Schiff in einem viel tieferen Sinne autobiographisch, indem er
die Alte als Ensors Großmutter und den Mann mit der Schnabelmaske,
den sie ausschimpft, als Ensors Vater indentifiziert.29
Dieser hatte sich als Exil-Engländer in Ostende nur schlecht anpassen
können, und so war es ihm nie gelungen, sich eine eigene Existenz
zu schaffen. Völlig abhängig von seiner Frau, die ihn, wie später
auch ihren Sohn, tief verachtete, wurde er zum Trinker. Der junge Ensor
hatte in ihm einen wohlgesinnten Mentor gefunden, der ihn in die Welt
der Kunst und Literatur einführte,
ihn von der Plackerei der Schule erlöste und seine künstlerischen
Neigungen unterstützte; als Projektionsträger für seine
Ambitionen und Ideale mußte ihm der Vater jedoch schwere Enttäuschungen
bereitet und ihn in seiner Selbstliebe zutiefst verletzt haben.
War es Ensor bisher gelungen, diese narzißtischen Kränkungen
und die damit verbundene Störung seines Selbstwertgefühls in
seiner Malerei durch die Verfolgung idealisierter Ziele zu kompensieren,
so bricht deren kompensatorische Funktion im Bild der Verärgerten
Masken, in dem die familiären Konflikte - wenn auch verhüllt
- deutlich zum Ausdruck kommen, erstmals zusammen. Die idealisierte Struktur
weicht der Exhibition.
Die sich anbahnende Krise wird durch die berufliche Entwicklung des Künstlers
beschleunigt. Im Entstehungsjahr des Bildes Die verärgerten Masken
ist Ensor dem Künstlerkreis Les Vingt beigetreten, dem
neben Malern auch Musiker und Literaten angehören. Er beteiligt sich
an den jährlichen Ausstellungen der Gruppe und wird dabei erstmals
mit den fortschrittlichen Kunstströmungen des Auslands konfrontiert.30
Auf diese erste Infragestellung folgen weitere berufliche Kränkungen.
Die Kritik steht ihm verständnislos und feindlich gegenüber,
und der Salon in Brüssel lehnt 1884 seine gesamte Einsendung ab.
In immer rascher sich folgenden Schüben brechen nun in Ensors Malerei
die bisher abgespaltenen, archaischen Phantasien der eigenen Grandiosität
offen durch und beginnen das Bewußtsein des Künstlers und den
Inhalt seiner Bilder zu überschwemmen.
1885-86 entsteht der von Rembrandt inspirierte Zeichnungszyklus Visions
- les auréoles du Christ et la sensibilité de la lumière,
das erste von zahlreichen Werken, in denen Ensor Szenen aus dem Leben
Christi darstellt, wobei er diesem seine eigenen Gesichtszüge verleiht
(Abb. 109). In vielen dieser Blätter ist Christus-Ensor von einer
dichten Menge grotesker Ungeheuer, von Wahnsinnigen und Narren, von Fratzen,
Masken und Skeletten umgeben, die den Gekreuzigten hämisch anstarren,
peinigen und verhöhnen (Abb. 107). Das Blatt Ecce Homo oder Christus
und die Kritiker (Abb. 114) weist mit der größten Deutlichkeit
darauf hin, daß mit dieser Ansammlung monströser Gestalten
die Kritiker, die Literaten und die Freunde gemeint sind,
die Ensors Werk nicht anerkennen. Ihnen gilt der Haß und die narzißtische
Wut des Gekränkten, die in unzähligen Variationen dieser makabren
Thematik zum Ausdruck kommt.
Der Reigen grotesker Figuren, die sich Larven, Schnäbel oder falsche
Nasen umgebunden haben und abenteuerliche Kappen, Vogelfedern, Dreimaster,
Husarenmützen oder Zylinder auf dem Kopf tragen, schleicht sich schließlich
auch in die stillen, tonigen Bilder seiner Frühzeit ein, die Ensor
zu diesem Zweck nachträglich übermalt.
Von diesen spukhaften Erscheinungen, bei denen sich die Grenze zwischen
Totem und Lebendigem auf bedrohliche Weise verwischt, geht eine unheimliche
Faszination aus, die zweifellos für das zunehmende Interesse verantwortlich
ist, das dem Künstler ab 1900 aus dem Kreis der Symbolisten entgegengebracht
wird (Abb. 110, 111). Die mystifizierende Mehrdeutigkeit, das Phantastische
und Dämonische, das diese Bilder mit Goya und Füssli verbindet,
kommt den esoterischen Tendenzen, die das Geistesleben der ersten Jahrzehnte
des 20. Jahrhunderts beherrschen, sehr entgegen. So beginnt auch Ensors
Kunst in zunehmendem Maße Anerkennung zu finden. 1903 wird er zum
Ritter des Leopoldsordens geschlagen; 1908 erscheint die erste Monographie,
1913 der erste Graphik-Katalog; 1920 wird die erste große Retrospektive
in der Galerie Giroux, Brüssel, eröffnet; 1926 stellt er im
belgischen Pavillon der Biennale von Venedig aus; 1929 wird er von König
Albert zum Baron erklärt, und 1932 bestätigt eine große
Ausstellung im Jeu de Paume Paris den schließlich erreichten Weltruhm.
Im Zug dieses wachsenden Erfolges nimmt Ensors Produktion zusehends ab;
die Ungeheuer, Masken und Skelette werden spärlicher und beginnen
gleichzeitig ihre Bedrohlichkeit zu verlieren. Ab 1915 nimmt das Verfassen
von emphathischen Reden, sarkastischen Kritiken und von Pamphleten gegen
die Umweltzerstörung in Ensors Leben immer breiteren Raum ein. Die
Palette des alternden Malers wird sanfter und harmonischer, und neben
Stilleben, Blumenbildern und Landschaften entstehen (bezeichnenderweise
erst nach dem Tode der Mutter) die arkadischen Landschaften und Liebesgärten,
in die schließlich auch der weibliche Akt, "wunschbildhaft
und verspätet"31, seinen Einzug hält. Ensor stirbt am 19.
November 1949. Hunderttausende begleiten den Leichenzug. Die Vision des
großen Bildes Der Einzug Christi in Brüssel (Abb. 111, 112)
hat ihre makabre Verwirklichung gefunden.
Ensors Werk umfaßt neben eindringlichen und großartigen Bildern
auch eine erstaunlich große Anzahl schwacher, einfältiger und
völlig bedeutungsloser Elaborate, denen jede bildnerische oder expressive
Qualität abgeht. Diese Diskrepanz verlangt nach einer Erklärung.
Der wahnhafte Charakter, der Ensors Kunst auszeichnet, und die extreme
Labilität seiner Ich-Strukturen, die in seiner Malerei und in seinen
Schriften zum Ausdruck kommt, verweisen sein Werk an den äußersten
Rand der bisher untersuchten Entwicklungstendenzen der Moderne. Für
unser Verständnis der psychologischen Bedingungen, die den schöpferischen
Prozeß bestimmen, kommt ihm jedoch eben deshalb größte
Bedeutung zu.
In modellhafter Weise läßt sich an Ensors Lebensgeschichte
die grundlegende Struktur und Dynamik der narzißtischen Persönlichkeitsstörung
ablesen, wie sie Heinz Kohut in seinen Arbeiten zur Psychologie
des Selbst untersucht und erläutert hat.
Ensors frühe Kindheit wird durch das herrische Auftreten und die
fehlende Empathie der Mutter, sowie durch die idealistische, in ihrer
Ineffizienz jedoch enttäuschende Haltung des Vaters geprägt.
Das in seinen phallischen Exhibitionsbedürfnissen frustrierte Kind
spaltet seine Größenphantasien (das Größen-Selbst)
ab und wendet sich kompensatorisch den durch den Vater vertretenen und
idealisierten Werten der Musik, der Literatur und der Kunst zu. So schafft
Ensor sein stilles Frühwerk, in dem das Licht - das diesen Bildern
ihren seltsamen Zauber verleiht - zur Repräsentanz des Ideals und
damit des eigenen Selbst wird.
Mit zunehmendem Alter und wachsender Selbstsicherheit wird das Versagen
des Vaters wohl immer deutlicher erkannt und die kompensatorische Überbesetzung
idealisierter Strukturen dadurch geschwächt. 1883 brechen jedenfalls
im Bild Verärgerte Masken erstmals aggressive Impulse durch und drängen
die idealisierten Zielsetzungen in den Hintergrund. Erstmals tritt hier
auch die Farbe ungebrochen auf, doch steht sie nicht wie bei den Impressionisten
und Nachimpressionisten im Dienst eines bildnerischen Konzepts, sondern
wird von allem Anfang an ausschließlich - und in meisterhafter Weise
- als psychisches Ausdrucksmittel eingesetzt.
Der völlige Verzicht, diese intensive Farbigkeit einer objektiven
chromatischen Ordnung zu unterwerfen, verleiht ihr jenen unverwechselbar
schrillen Klang, der Ensors stärkste Bilder auszeichnet, und steigert
gleichzeitig in suggestiver Weise ihre expressive Kraft. Das Fehlen einer
verbindlichen rationalen Ordnung unterstreicht die Präsenz und Wirksamkeit
einer irrationalen, psychischen Ordnung: Ensors Farbe läßt
keine objektive chromatische Struktur, sondern eine subjektive Bedeutungsstruktur
erstehen. Diese entzieht sich jeder rationalen Erfassung und kann nur
empathisch nachempfunden werden. Damit aktiviert sie um so stärker
unsere unterschwelligen, unbewußten Reaktionen und findet ihre Resonanz
im irrationalen Bereich unserer Seele.
Ähnlich verhält es sich mit der literarischen Thematik der Darstellung.
In den stärksten Werken bleibt auch diese rätselhaft; die auftretenden
Figuren bewegen sich gleichzeitig auf mehreren Wirklichkeitsebenen und
widersetzen sich damit den synthetischen Bemühungen unseres Verstandes,
Ordnung zu schaffen. Die gegenseitige Relation dieser Wirklichkeitsebenen
ist uns verschlossen, die Bedeutungsstruktur des Bildes bleibt ein Rätsel.
Sie wird zur verborgenen, unbekannten psychischen Realität, deren
Sinnzusammenhang zwar nicht verstanden, doch erahnt wird.
Der schöpferische Prozeß wird bei Ensor durch keine Rücksichten
auf Geschmack und Auffassungsvermögen des Betrachters bestimmt, sondern
vollzieht sich unter dem Druck einer dunklen, irrationalen, aus dem Inneren
des Künstlers nach Licht und Ausdruck drängenden Vorstellung.
Ensors Leistung besteht in seiner Bereitschaft und Fähigkeit, sich
diesem Drängen vorbehaltlos zu öffnen32 und den auftauchenden
Vorstellungsinhalten eine kohärente, doch gleichwohl ihrem Wesen
entsprechende Gestalt zu geben. Seine gestalterische Arbeit orientiert
sich dabei an keinem objektiven, d.h. autonomen Kanon, an keinem überindividuellen
Ideal, sondern ausschließlich an seinen Emotionen und seinem inneren
Gesicht. Im Gegensatz zum Geisteskranken, der von seinem Wahn beherrscht
wird, gelingt es Ensor, mit seinen Visionen Ich-gerecht umzugehen. Er
verleiht ihnen Gestalt und Ausdruck und läßt sie - außerhalb
seiner selbst - als bildnerische Wirklichkeit neu erstehen. Damit nimmt
er Abstand: Ensor befreit sich von seinem Wahn, indem er diesen auf die
Leinwand bannt. Doch in dem Maß, als solche Visionen ausbleiben
und der entsprechende innere Druck nachläßt, macht sich in
seiner Kunst die fehlende Bindung an eine übergeordnete geistige
Struktur bemerkbar. Mit dem einsetzenden Erfolg werden Ensors Meisterwerke
immer seltener. In selbstgefälliger Kritiklosigkeit läßt
sich der Künstler von der wachsenden Anerkennung betören und
beginnt sich immer stärker mit seinem Wahn, den er für die Quelle
seines Erfolges hält, zu identifizieren. Größenphantasien
und narzißtische Wut, Hohn und Spott reißen nun die Herrschaft
über das Ich an sich und dringen in dessen eigentliche Domäne
ein - in die Domäne der bildnerischen Gestaltung. Der Wahn wird nicht
mehr als fremd und bedrohlich erfahren, sondern idealisiert: Ensors Kunst
tritt in den Dienst einer kritiklosen Selbstüberhöhung. Seine
Werke verlieren ihre expressive Kraft und werden illustrativ. Mit ihnen
produziert der Künstler offensichtlichen Kitsch (Abb. 114, 115).
In Ensors Bildern begegnen wir entweder dem Künstler, der seine wirklichen
Ängste und Visionen objektiviert, oder dem wütenden, gekränkten,
selbstgefälligen Menschen, der mit unzulänglichen Mitteln versucht,
einem wahnhaften Selbst- und Weltbild eine illusorische Wirklichkeit zu
verleihen. Insofern er auf dem frühen Höhepunkt seiner Entwicklung
seinen Wahn in überzeugender Weise bildnerisch umzusetzen vermag,
zählt Ensor zu den Pionieren der Moderne und zu den Vorläufern
des Surrealismus.
Zusammenfassung
Rückblickend läßt sich erkennen, in welchem Maß
die großen Pioniere die weitere Entwicklung der Moderne bestimmt
haben.
Nachdem Courbet die Malerei entmystifiziert und von ihrem idealistischen
Überbau befreit hatte, begründeten sie die vier Grundrichtungen,
in denen sich das neue Bewußtsein entwickeln und künstlerisch
Gestalt und Ausdruck finden sollte.
Die erste zielt auf die Erfassung der sichtbaren Wirklichkeit, d.h. des
tatsächlich Gegebenen. Manet, Monet und die Impressionisten entdecken
im Leben der Großstadt eine neue künstlerische Thematik und
zeigen dabei gleichzeitig die subjektive Bedingtheit unserer visuellen
Erfahrung auf: die Wahl des zeitgenössischen Sujets (Manet) und die
Bedingungen des Wahrnehmungsprozeßes (Monet) bilden ihre wesentlichsten
Anliegen. Damit schaffen sie nicht nur die ideellen und bildnerischen
Voraussetzungen für die Ausbildung der weiteren drei Entwicklungslinien
der Moderne; ihre vorbehaltlose Annahme der alltäglichen Wirklichkeit
setzt sich auch in der realistischen Grundhaltung fort, die in den künstlerischen
Ausgestaltungen von Léger bis zu denen der Pop Art erkennbar wird.
Die zweite Richtung zielt auf das autonome Bild: Seurat und
Cézanne begreifen ihre Malerei als ein Ordnungsgefüge von
Formen und Farben und lassen die sichtbare Wirklichkeit als eine in sich
schlüssige, rein bildnerische Struktur neu erstehen. In ihrem Gefolge
entsteht mit dem Kubismus, der Bewegung de Stijl, den russischen Konstruktivisten
und dem Bauhaus eine formal-konstruktive Kunst.
Die dritte Richtung zielt darauf, seelische Befindlichkeit durch das Ausdruckspotential
bildnerischer Mittel sichtbar zu machen: Gauguin und van Gogh entdecken
das psychische Sprachvermögen von Farbe und Form und lassen die sichtbare
Wirklichkeit, ähnlich einer musikalischen Komposition, als unmittelbares
emotionales Echo ihrer inneren Regungen und Empfindungen neu erstehen.
In ihrem Gefolge bildet sich die Bewegung der Fauves, die zur malerischen
Ungegenständlichkeit Kandinskys, zum zeichenhaften Surrealismus und
zum späten Matisse der Découpages, führt.
Die vierte Richtung zielt darauf, seelische Befindlichkeit durch das assoziative
Potential äußerer Erscheinungen und deren Beziehungen zu inneren
Vorstellungen sichtbar zu machen. Munch und Ensor vereinigen verschiedene
Erfahrungsebenen in einem Bildraum und fassen die sichtbare Wirklichkeit
als Gestalt und Ausdruck irrationaler innerer Vorstellungen und Visionen
auf. In ihrem Gefolge bildet sich der deutsche Expressionismus aus und
der figurative Surrealismus, wie er durch de Chirico, Magritte und Dalì
vertreten wird.3
Fussnote zu: III. Die Wirklichkeit des Bildes und der Beginn der Moderne