II. Das Ende der Neuzeit
1. Ein geschichtlicher Überblick
Die Geschichte ist ein Kontinuum. Selbst so einschneidende Ereignisse wie die Französische Revolution oder der Erste Weltkrieg stellen keinen Abbruch der Entwicklung dar; die Übergänge von einem Zeitalter zum nächsten sind fließend. So ist auch die Kunst der Moderne nicht plötzlich aus dem Nichts entstanden, sondern hat sich lange vor der ersten Ausstellung der Impressionisten angekündigt. Um die Moderne in einen größeren Zusammenhang zu stellen und aus ihren geistigen Voraussetzungen zu verstehen, will ich einleitend die sozialen und politischen Verhältnisse sowie die künstlerische Entwicklung des ihr vorangegangenen Zeitalters, der sogenannten Neuzeit skizzieren. Vor diesem kontrastierenden Hintergrund werden sich die Wesenszüge der Moderne besser herausarbeiten lassen.
Die Vergöttlichung des Menschen
Der Ausbruch der schwarzen Pest, der weltliche Herrschaftsanspruch
der Renaissancepäpste und die zunehmende Verbreitung des humanistischen
Gedankenguts stürzten das christliche Mittelalter und die Römische
Kirche in eine schwere Krise, in deren Folge sich im 14. und 15. Jahrhundert
der geistige Umbruch vollzog, der zur Reformation führte. Diese
religiöse Bewegung sprengte zu Beginn des 16. Jahrhunderts die
Einheit der abendländischen Glaubensgemeinschaft und leitete
das Zeitalter der Neuzeit ein.
Die Neuzeit zeichnete sich durch eine zunehmende Individualisierung
des Bewußtseins aus, die im Norden und Süden Europas unterschiedliche
Formen annahm. Während sich im protestantischen Norden eine Verinnerlichung
des Glaubens und der christlichen Moralvorschriften, also eine Hinwendung
zum idealisierten Pol des kollektiven Selbst vollzog, stand die kulturelle
Entwicklung Italiens im Zeichen des exhibitorischen Pols des Selbst.
Die italienische Renaissance zeichnete sich durch einen wachen Sinn
für Fakten und Vorgänge, ein objektbezogenes Weltverständnis
und eine Lebensauffassung aus, deren Mittelpunkt der die Welt erforschende,
anerkennende und ordnende Mensch war. Die Welt wurde zum Objekt, ihre
Beherrschung zum Sinn menschlicher Existenz.
Die Auswirkungen dieser Geisteshaltung sollten Europa von Grund auf
verändern. Die allmählich wachsende Einsicht in die Natur
der Dinge schlug sich in einer stetig zunehmenden Zahl von Erfindungen
nieder. Deren folgenreichsten waren das gedruckte Buch, das den Unterricht,
die Belehrung der Allgemeinheit, die öffentliche Meinung und
die politischen Institutionen umgestaltete, dann das seetüchtige,
mit Hilfe des Kompasses die Ozeane befahrende Segelschiff, durch das
alle Teile und Gebiete der Welt erreichbar wurden, und schließlich
die Entwicklung moderner Feuerwaffen. Diese verliehen den europäischen
Eroberern die militärische Überlegenheit, die es ihnen ermöglichte,
fremde Völker zu unterwerfen und sich weite Teile der Erde untertan
zu machen.1
Ihre künstlerische Entsprechung fand diese Entwicklung in der
Malerei und Plastik der Renaissance, das heißt in der Bedeutung,
die nun der Natur, dem menschlichen Körper, der sichtbaren
Wirklichkeit und ihrer erkenntnismäßig richtigen Wiedergabe
zukam. Das Irrationale trat zurück; die Darstellungen der Kunst
verloren ihren ausschließlich sakralen Symbolcharakter und erhielten
ihren Sinn und Wert auch als bloße Wiedergabe der diesseitigen
Welt. Der Aufstieg der exakten Wissenschaften schlug sich in der künstlerischen
Entdeckung der Perspektive und der menschlichen Anatomie nieder. Das
Schöne war das richtig Erkannte.
Im durchgängigen Realismus der italienischen Kunst spiegelte
sich ein neues und unbedingtes Vertrauen des Menschen auf sich und
seine natürlichen Hilfskräfte. Diese anthropozentrische
Auffassung fand mit der Zentralperspektive bildnerischen Ausdruck:
so wie der Mensch das wesentliche Thema der neuen Kunst darstellte,
so bildete das Auge deren schöpferischen Brennpunkt. Die Fluchtlinien,
die das Bild gliedern und ihm seine vollendet geschlossene Form geben,
gehen vom Auge aus: die bildnerische Ordnung gründet im Menschen.
Mit dieser metaphorischen Verkündung seiner schöpferischen
Macht stellte sich der Künstler ebenbürtig neben Gott.2
Der deutsche Psychoanalytiker Horst Eberhardt Richter deutet diese
Vergöttlichung des Menschen, die das Selbstbild der
damaligen Elite prägte, als eine narzißtische Identifizierung
mit Gott. Die Loslösung aus der göttlichen Vormundschaft
hatte gleichzeitig zu einem Gefühl der Verlorenheit und Hilflosigkeit
geführt, aus der sich das Individuum dadurch rettete, daß
es sich durch einen unbewußten Gleichsetzungsprozeß illusionär
die göttliche Vollkommenheit und Allmacht selbst aneignete. "So
wurde gewissermaßen jeder sein eigener Gott. Die monotheistische
Glaubenstradition setzte sich in der Selbstvergottung des einzelnen
Ich fort".3 In der Idee des Gottmenschen, des Genies, verdichtet
sich das leitende Paradigma der Neuzeit.
Der politische Absolutismus
Auf der politischen Ebene führten die Zerstörung der kirchlichen
Einheit und die sich wandelnden Lebensbedingungen zur Ausbildung des
absolutistischen Fürstenstaates.
Das Mittelalter hatte den Staat noch als notwendiges Mittel verstanden,
um dem Bösen zu wehren und so das oberste Ziel des menschlichen
Lebens, den Frieden in Gott, die ewige Glückseligkeit
zu erreichen. Dieser Staat war auf überirdische Ziele ausgerichtet
und durch seine Bindung an die göttliche Ordnung in seiner Macht
beschränkt; er war übernational und dezentralisiert. Die
europäischen Staaten der Neuzeit grenzten sich stattdessen feindselig
gegeneinander ab. Ihre Herrscher hatten sich von der geistlichen Autorität
des Papsttums weitgehend unabhängig gemacht; sie verwarfen jede
tiefere Bindung an ihresgleichen oder an eine übergeordnete Gemeinschaft
und waren ausschließlich darum bemüht, ihre Herrschaftsansprüche
nach außen und nach innen durchzusetzen. Sie führten einen
ständigen Kampf um die Macht, sei es, daß sie diese gegen
stärkere Nachbarn verteidigen oder auf schwächere ausdehnen
wollten, sei es, daß sie die ständig wachsenden Machtansprüche
des aufstrebenden Bürgertums abwehren mußten.
In der Zeit von der Renaissance bis zur Französischen Revolution
bestimmte der staatliche Absolutionismus - die Zusammenfassung aller
Gewalt in der Hand des Fürsten, später der Krone - die politische
Wirklichkeit Europas. Zwar wurde diese Doktrin seit dem 17. Jahrhundert
durch die Philosophie der Aufklärung, die den Staat vom einzelnen
Bürger her konzipierte und dessen Recht auf Freiheit, Eigentum
und politische Mitbestimmung vertrat, immer stärker in Frage
gestellt; doch drang dieses neue Denken (die Staatslehren von Locke,
Montesquieu und Rousseau) vorerst kaum über einen recht engen
Kreis gebildeter Menschen hinaus.
Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg und die Französische
Revolution
Mit Ausnahme einiger fortschrittlichen Geister besaß das Europa
des zu Ende gehenden 18. Jahrhunderts keinerlei einigende politische
oder religiöse Idee mehr. Trotzdem war es dank seiner technischen
Errungenschaften in der Lage, alle Küsten der Welt zu beherrschen
und den nur schwach bevölkerten Kontinent Amerika zu besiedeln.
Wir können hier auf die Entwicklung dieser kolonisatorischen
Unternehmungen nicht näher eingehen. Die völlige Mißachtung
politischer und wirtschaftlicher Realitäten, der Eigensinn und
die Gewinnsucht der britischen Krone führten 1775 zum Ausbruch
des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, der 1783 mit dem Frieden
von Versailles dem britischen Atlantik-Empire ein Ende setzte. Als
ob damit ein Damm gebrochen wäre, begannen sich nun die Ereignisse
zu überstürzen. 1787 verabschiedete der amerikanische Konvent
die erste moderne demokratische Verfassung. 1789 begann die Französische
Revolution, 1792 wurde in Frankreich die Republik ausgerufen. 1799
wurde Napoleon erster Konsul, eroberte zwischen 1804 und 1812 fast
ganz Europa und wurde nach seiner Niederlage bei Waterloo 1815 endgültig
nach St. Helena verbannt. 1811-21 ging mit der Unabhängigkeit
Venezuelas, Paraguays, Argentiniens, Perus, Mexikos, Brasiliens und
Uruguays das spanisch-portugiesische Kolonialreich zu Ende. Bedeutende
Erfindungen veränderten in wenigen Jahrzehnten die bisherigen
Maßstäbe von Raum, Zeit und menschlicher Arbeit. Alles
war in Bewegung geraten, und diese Bewegung beschleunigte sich immer
mehr. Im 19. Jahrhunderts wurde der Geist der Revolution zur bestimmenden
Konstante im politischen, wirtschaftlichen, sozialen und geistigen
Leben des Abendlandes.
Nach der Niederlage und der endgültigen Verbannung Napoleons
traten die siegreichen Verbündeten zum berühmten Wiener
Kongreß zusammen und versuchten soweit als möglich jenen
Zustand wiederherzustellen, der vor dem großen Sturm geherrscht
hatte. Diese Bemühungen waren zwangsläufig zum Scheitern
verurteilt. Es gelang ihnen zwar, ein neues internationales Kräftegleichgewicht
zu schaffen und Europa damit einen mehrere Jahrzehnte dauernden Frieden
zu sichern; die sozialgeschichtlichen Auswirkungen der Revolution
ließen sich jedoch nicht rückgängig machen. Dies galt
insbesondere für Frankreich. Die Institutionen und Gesetze des
Ancien régime konnten dort nicht wieder eingeführt werden.
Die Vorrechte des Adels waren hinweggefegt worden, das alte Verwaltungssystem
war durch eine neue, funktionstüchtige und zentralisierte Administration
ersetzt worden; das alte Rechtssprechungssystem war einer einheitlichen,
für alle Landesteile geltenden Rechtsordnung gewichen.4 Der kulturelle
Zyklus der Neuzeit war damit in seine Endphase getreten; im weiteren
Verlauf des 19. Jahrhunderts vollzog sich nun Schritt für Schritt
politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und ästhetisch der
Übergang von der Neuzeit zur Moderne.
Der Kampf um eine neue Gesellschaftsordnung
An Stelle kriegerischer Konflikte mit anderen Staaten trat nun das
innenpolitische Ringen um eine neue Verfassungs- und Gesellschaftsordnung.
In allen Staaten Europas führte der Liberalismus, getragen vom
aufstrebenden Bürgertum (der gebildeten Schicht von Akademikern
und Kaufleuten), den Kampf gegen die monarchische Ordnung und die
mit dieser verbundenen gesellschaftlichen und politischen Privilegien
des Adels und des Klerus.
Durch die Sicherung politischer Grundrechte (wie z.B. der Rede- und
Versammlungsfreiheit), durch die Schaffung eines konstitutionellen
Verfassungssystems, durch die Freisetzung individueller Aktivität
in Wirtschaft und Gesellschaft und durch die Beschränkung entsprechender
staatlicher Interventionen hoffte der Liberalismus, Europa in eine
neue, bessere Zukunft zu führen. Diese politische Ideologie war
von einem ungeheuren Fortschrittsglauben erfüllt; trotz des Widerstandes
der herrschenden Schichten sollte sich ihr Siegeszug als unaufhaltsam
erweisen. Die bisherigen Machthaber setzten den liberalen Bestrebungen
erbitterten Widerstand entgegen. Die Befürchtung, mit den bestehenden
Zuständen auch ihre Privilegien zu verlieren, die panische Angst
vor einer Terrorherrschaft der Massen und eine eingefleischte Abneigung
gegen jede Veränderung brachten die konservativen Kräfte
dazu, selbst gemäßigte Reformvorschläge mit allen
verfügbaren Mitteln zu bekämpfen und zu hintertreiben. So
kam es in den Jahren 1820, 1830, 1840 und 1848 in vielen europäischen
Hauptstädten zu revolutionären Aufständen, durch die
der staatliche Absolutismus zusehends in die Defensive gedrängt
wurde.
Trotz anfänglicher Erfolge scheiterten jedoch alle diese Erhebungen
an der Uneinigkeit ihrer Träger. Innert kürzester Zeit etablierten
sich in ganz Europa erneut autoritäre Regimes. Um 1850 hatte
der politische Idealismus ausgespielt - die revolutionäre Flamme
war erloschen.
Der wissenschaftlich-technische Fortschritt
Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts stand im Zeichen des
wissenschaftlich-technischen Fortschritts, der innert weniger Jahrzehnte
die gesellschaftlichen Strukturen Europas in grundlegender Weise veränderte.
Die neue Generation knüpfte ihre Hoffnungen nicht mehr an politische
Veränderungen, sondern an die nun einsetzende wirtschaftliche
Expansion, die initiativen und ideenreichen Individuen bisher ungeahnte
Aufstiegsmöglichkeiten eröffnete.
Die neuen wissenschaftlichen Theorien, insbesondere Darwins Lehre
vom Ursprung der Arten und der natürlichen Auslese der Stärkeren
und Anpassungsfähigeren, übten auf die gebildeten Schichten
großen Einfluß aus. Sie untergruben die bereits geschwächte
Autorität der Kirche und förderten eine zunehmend materialistische
Geisteshaltung, die alle Entscheidungskriterien monopolisierte; das
Leben im allgemeinen und Politik und Wirtschaft im besonderen wurden
als ein unablässiger Kampf aufgefaßt, in dem nur Machtfaktoren
zählen. Das Denken der breiten Masse blieb dagegen von der wissenschaftlichen
Entwicklung so lange unberührt, bis eine Reihe spektakulärer
Erfindungen die allgemeinen Lebensbedingungen zu verändern begannen.
Als erstes wurden die Zeitdistanzen verkürzt. Nach der Eröffnung
der ersten Eisenbahn zwischen Stockton und Darlington im Jahre 1825
hatten sich die Bahnlinien rasch vermehrt, und um die Mitte des Jahrhunderts
war bereits ganz Europa von einem Eisenbahnnetz überzogen. Die
durchschnittliche Reisezeit hatte sich damit auf etwa einen Zehntel
reduziert. Entsprechendes geschah zur See. Die Reise in die neue Welt,
bis dahin ein Unterfangen von mehreren Wochen, konnte durch den Einsatz
des Schraubendampfers gegen Ende des 19. Jahrhunderts in wenigen Tagen
zurückgelegt werden. Durch die Erfindung des Explosionsmotors
erfuhr diese Entwicklung eine weitere Steigerung. 1886 ließ
Benz seinen ersten (dreirädrigen) Kraftwagen patentieren, 1903
unternahmen die Gebrüder Wright den ersten Flug mit einem Motorflugzeug
und bereits 1909 überflog Blériot den Ärmelkanal
in nur 27 Minuten.
Diese verblüffende Verringerung der Distanzen war nur eine Seite
der technischen Revolution, welche die westliche Welt damals veränderte.
Neue Verarbeitungsprozesse, durch welche Stahl und jede Art von Eisen
geschmolzen, gereinigt und in einer bisher unbekannten Art und Vielfältigkeit
geformt werden konnten, erlaubten die Herstellung riesiger Schiffe
und sonstiger Maschinen und führten zu einer neuen Bauweise,
die 1851 mit dem Cristal Palace in London, 1870 mit der Brooklyn-Bridge
in New York und 1889 mit dem Eiffelturm, dem Wahrzeichen der Weltausstellung
in Paris, internationales Aufsehen erregte.
Große Fortschritte wurden auch in der medizinischen Wissenschaft
erreicht, wodurch die durchschnittliche Lebensdauer erheblich verlängert
wurde. Entscheidende Bedeutung kam dabei der Entdeckung der mikroskopisch
kleinen Erreger der Infektionskrankheiten und der Entwicklung von
Schutzimpfungen und Sterilisationsmaßnahmen zu.
Die Erforschung der elektrischen Phänomene durch Volta, Galvani
und Faraday führte zur Entdeckung und Nutzung einer neuen, für
das breite Volk unbegreiflichen Energieform, welche bisher ungeahnte
Perspektiven eröffnete. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
war das Telegraphensystem über die ganze zivilisierte Welt verbreitet.
Nachrichten erschienen nun fast gleichzeitig auf der ganzen Erde.
Schritt für Schritt führten das Telefon (1876), die Dauerstraßenbeleuchtung
durch elektrische Bogenlampen (1877), die elektrische Straßenbahn
(1881), der Grammophon und die Schallplatte (1887) einer staunenden
Menschheit das ungeheure Potential der neuen Energie vor Augen.
Unter den vielen technischen Neuerungen des 19. Jahrhunderts war die
Transmutation der Kräfte, d.h. die Möglichkeit, Energie
nach Belieben in mechanische Bewegung, Licht oder Wärme umzuwandeln,
indem man elektrischen Strom durch einen Kupferdraht sendet, nicht
nur die revolutionärste und folgenschwerste, sondern auch die
unfaßbarste. Im Phänomen der Elektrizität manifestierten
sich unsichtbare Kräfte erstmals rein materiell; im Bereich des
Unsichtbaren waren Gott, Geist und Seele nicht mehr allein.
Die wissenschaftliche und technologische Entwicklung eröffnete
dem kollektiven Bewußtsein immer neue Bereiche des bis anhin
Unbekannten und Unmöglichen, womit sie die allgemein geltenden
Maßstäbe fortlaufend entwertete. Dies wirkte sich auch
auf die Kunst aus. Eine ganz besondere Rolle kam dabei der Photographie
zu, die um die Jahrhundertwende begonnen hatte, ihren Siegeszug anzutreten.
Sie hatte die enorme Erfahrung, Fertigkeit und Mühe, die bisher
erforderlich waren, um ein naturgetreues Abbild der Wirklichkeit zu
schaffen, auf wenige technische Handgriffe reduziert. Damit schien
die abbildende Funktion der künstlerischen Leistung jede Bedeutung
verloren zu haben.
Die industrielle Revolution
Der technische Wandel, von dem die damalige Welt betroffen wurde,
läßt sich in seinem Ausmaß nur mit demjenigen vergleichen,
der mit der Erfindung des Ackerbaus oder der Entdeckung der Metalle
vor sich gegangen war. Fälschlicherweise wird er oft mit der
finanziellen und sozialen Entwicklung gleichgesetzt, die man als die
industrielle Revolution bezeichnet. Obwohl beide Prozesse gleichzeitig
erfolgten und sich in vielfältiger Weise gegenseitig beeinflußten,
bestehen zwischen ihnen wesentliche Unterschiede.5
Fabriken sind nicht das Produkt von Maschinen, sondern eine Folge
der Arbeitsteilung. Die industrielle Warenproduktion war bereits den
Römern bekannt. Während aber die Arbeitskraft der Alten
Welt die der menschlichen oder tierischen Muskelkraft war, wurde die
industrielle Produktion der ausgehenden Neuzeit durch Dampf oder Elektrizität
angetrieben. Die neuen Energiequellen führten zu einer weitreichenden
Veränderung der Arbeitsweise, von der auch die Beziehung zwischen
Arbeitgeber und Arbeitnehmer betroffen wurde; die Fabriken, in denen
oft hunderte oder gar tausende von Arbeitern beschäftigt waren,
lieferten mit ihren großen Belegschaften die Voraussetzungen
für die Solidarisierung und die politische Organisation der Arbeiterschaft.
In der ersten Phase der Industrialisierung waren der Eisenbahnbau
und die Textilindustrie die Schrittmacher des wirtschaftlichen Fortschritts.
Durch den Bau von Eisenbahnen wurde einerseits das flache Land den
neuen wirtschaftlichen Kräften erschlossen, andererseits ermöglichte
dieses vergleichsweise billige Transportmittel den Zustrom großer
Arbeitermassen in die entstehenden Ballungszentren und schuf damit
die großräumigen Märkte, deren die industrielle Massenproduktion
bedarf. Nachdem in West- und Mitteleuropa das Eisenbahnnetz um 1890
im wesentlichen vollendet war, übernahmen die Chemie- und die
Elektroindustrie sowie der Maschinenbau die Führung der europäischen
Wirtschaft, die dabei ihre zweite gigantische Wachstumsphase erfuhr.
Die zunehmende Überlagerung der traditionellen Produktionsformen
durch die des industriellen Kapitalismus führte zu einer deutlichen
Verschiebung des bisherigen Verhältnisses von Landwirtschaft
und Industrie. Der Anteil der direkt oder indirekt von der Landwirtschaft
lebenden Bevölkerung ging immer weiter zurück, was zum beschleunigten
Wachstum der europäischen, insbesondere der deutschen Städte
führte. Diese Entwicklung hatte tiefgreifende Auswirkungen auf
das Lebensgefühl und das Selbst- und Weltverständnis des
damaligen Menschen. Die Stadt schuf eine völlig neue, künstliche
Umwelt und drängte damit auch die Kunstschaffenden zu einer neuen
Art des Sehens.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde es auch der herrschenden Klasse
immer klarer, daß das Proletariat gebildet und geschult werden
müsse, wenn auch nur, um für die Industriearbeit qualifiziert
zu sein. Diese Einsicht führte in der ganzen westlichen Welt
zu einem raschen Fortschritt der Volkserziehung. Da die Erziehung
der oberen Klassen nicht im selben Maße voranschritt, begann
sich - wenn auch nur langsam - die gewaltige Kluft zu verringern,
die bis dahin die menschliche Gemeinschaft in wenige Gebildete und
eine Masse von Analphabeten geteilt hatte.6
Um die Jahrhundertwende konnten die meisten Leute schreiben, lesen
und sachlich miteinander diskutieren und waren so in der Lage, die
großen Veränderungen, von denen sie betroffen wurden, als
Folge des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts zu begreifen.
Die Massenmedien begannen, ihren Siegeszug anzutreten. Sie beeinflußten
und strukturierten die öffentliche Meinung, deren Bedeutung ständig
zunahm, und wurden damit zu einem politischen Machtfaktor.
Dies zeigte sich insbesondere in Frankreich, das in der Zeit von 1850-1870
unter Napoleon III. einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung
erlebte, mit dem ein tiefgreifender politischer Wandel einherging.
Napoleon III. war ein weitblickender und ideenreicher Herrscher, dem
es innerhalb von zwei Jahrzehnten gelang, durch die Förderung
von Industrie und Landwirtschaft, durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes,
die Ausweitung des Handels und durch ein umfassendes Programm für
öffentliche Arbeiten (darunter die städtebaulich tiefgreifende
Veränderung von Paris) aus Frankreich ein wirtschaftlich blühendes
Land zu machen.
In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts führte der Kaiser
eine weitgehende Liberalisierung seines Regimes durch, die - erstmals
in der Geschichte Frankreichs - nicht durch einen Volksaufstand, sondern
durch den Druck der öffentlichen Meinung erzwungen worden war.
Dabei legalisierte er auch Gewerkschaften und Streiks und leitete
eine umfassende, wenn auch nicht ganz verwirklichte Erziehungsreform
ein, die eine allgemeine, unentgeltliche Grundschulung und einen Lehrplan
für weiterführende Schulen vorsah. Der Deutsch-Französischen
Krieg von 1870-71 setzte mit der Niederlage von Sedan seinem Regime
ein Ende. In Paris wurde eine republikanische Regierung errichtet;
sie begründete die "Dritte Republik", die bis zum Zweiten
Weltkrieg Bestand haben sollte.
Der europäische Imperialismus
In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts waren die wesentlichen
Forderungen der Liberalen, zumindest in West- und Mitteleuropa, weitgehend
durchgesetzt. Die befreiende Funktion des Liberalismus war damit erfüllt,
seine Stoßkraft begann zu erlahmen. Gleichzeitig kündigte
sich im Aufstieg der Arbeiterschaft eine neue politische Kraft an,
welche die "natürliche" Führungsrolle des Bürgertums
in Staat und Gesellschaft in Frage stellte und seine Privilegien als
unrechtmäßig angriff.7
Der historische Gegenspieler des Liberalismus, der Konservatismus,
war um 1890 vollends in die Defensive geraten. Da es den Konservativen
trotz der Unterstützung beider christlichen Kirchen und eines
großen Teils der Bauernschaft nicht gelang, den Ansturm demokratischer
Kräfte abzuwehren, warfen sie sich rückkhaltslos dem aggressiven
Nationalismus in die Arme, welcher die europäischen Völker
seit Anfang der 80er Jahre zu erfassen begann. Durch ihr Eintreten
für eine kraftvolle nationale Machtpolitik hofften sie, das Schwinden
ihres Einflusses auf die breiten Massen aufzuhalten.
Bald war ihnen bloß nationale Geltung im Rahmen des europäischen
Staatensystems nicht mehr genug; man wollte auch in Übersee eine
Macht werden. Die politische und wirtschaftliche Eroberung und Durchdringung
der noch unentwickelten Gebiete des Erdballs galt nun als die große
nationale Aufgabe des Zeitalters. Dabei ging es nicht mehr wie früher
um eine Kolonisierung zum bloßen Zweck wirtschaftlicher Nutzung
und Besiedlung, sondern um die Absicht, den Status einer Weltmacht
zu erringen und die Kolonien, gegebenenfalls auch deren Menschenmaterial,
zur Steigerung der eigenen nationalen Macht und Bedeutung zu nutzen.
Der europäische Imperialismus von 1885-1914 verband sich dabei
mit der Vorstellung, daß die weiße Rasse kraft ihrer größeren
Vitalität und ihrer höheren Kulturleistung dazu berufen
sei, über die farbigen Völker zu herrschen. Auftretenden
Zweifeln an der moralischen Berechtigung zur Unterwerfung dieser Völker
und zur Eroberung ihrer Territorien begegnete man mit der Berufung
auf die missionarische Aufgabe, den Völkern Afrikas und Asiens
das Christentum zu bringen. Daß sich eine geistige und kulturelle
Befruchtung auch in umgekehrter Richtung vollziehen könnte, wurde
damals von niemandem ernsthaft in Betracht gezogen.
Materiell wurde die imperialistische Politik durch das Argument gerechtfertigt,
daß gerade der Lebensstandard der breiten Massen mit dem Erfolg
oder Mißerfolg einer expansiven Politik in Übersee verknüpft
sei, daß nur neue Absatzgebiete und neue Rohstoffquellen der
eigenen Arbeiterschaft auf die Dauer ein wirtschaftlich gesichertes
Dasein zu schaffen vermöge. So gelang es, das breite Volk für
diese z.T. kostspieligen Expansionsbestrebungen zu gewinnen. Unter
dem Druck des Zeitgeistes bekannten sich schließlich auch die
Liberalen zur imperialistischen Idee, obwohl sie sich dieser gegenüber
ursprünglich ablehnend verhalten hatten. Der innere Widerspruch
zwischen einer expansiven Machtpolitik und den freiheitlichen Idealen
des älteren Liberalismus ließ sich jedoch nie aufheben.
Dergestalt geriet der Liberalismus in eine schwere Krise, aus der
er sich nie mehr ganz erholen sollte; er trat die Führung der
progressiven Kräfte in Politik und Wirtschaft an die gegen Ende
des 19. Jahrhunderts immer mehr an Einfluß gewinnende Ideologie
des Sozialismus ab.
Um die Jahrhundertwende nahm die politische und geistige Haltung Europas
einen zunehmend irrationalen Charakter an. Auf der rechten Seite bildeten
sich Bewegungen aus, die wie die Action Française
oder der Alldeutsche Verband zu Kristallisationspunkten
all jener politischen Kräfte wurden, welche sich gegen die Menschenrechte,
den Individualismus, den Pazifismus und die materialistischen Ideale
der Zeit auflehnten und stattdessen die Macht und Herrlichkeit der
eigenen Nation zum höchsten Wert erhoben.8 Obwohl sich die europäischen
Intellektuellen dem politischen Leben, das sie als schmutzig und erniedrigend
empfanden, zunehmend entfremdeten, traten entsprechende Ideen, wenngleich
in unpolitischem Gewande, auch in ihren Kreisen auf. Nietzsches extrem
aristokratischer Individualismus, dem die Selbstverwirklichung der
großen Persönlichkeit - des Übermenschen - wichtiger
war als die Hebung des materiellen und geistigen Lebens der Masse,
stieß auf immer breitere Zustimmung; ihre künstlerische
Ausgestaltung fand diese elitäre Geisteshaltung vor allem in
der künstlerischen und literarischen Strömung des Symbolismus.
Während sich also auf der Rechten die ideologischen Tendenzen
herausbildeten, die sich nach dem Ersten Weltkrieg am vehementesten
gegen Liberalismus und Demokratie stellen sollten, formierte sich
auf der Linken eine neue politische Kraft.
Die sozialistischen Ideologien
Im Verlauf der beschriebenen Entwicklung hatte sich auch die Arbeiterschaft
von ihrer bisherigen liberalen Bevormundung gelöst. Innerhalb
der Arbeiterbewegung, die sich anschickte, den Kampf mit ihren bürgerlichen
Gegenspielern aufzunehmen, begannen sich verschiedene ideologische
Richtungen auszubilden. Anarchismus und Sozialismus, Syndikalismus
und Sozialreformismus stritten untereinander erbittert um den richtigen
Weg zur Befreiung der Arbeiterklasse vom Joch der bürgerlich-kapitalistischen
Herrschaft.
Auf der einen Seite standen die Befürworter einer aktiven Reformpolitik
im Rahmen der bestehenden Gesellschaftsordnung, also einer Politik
der schrittweisen Erringung der Macht mit den Methoden des parlamentarischen
Kampfes; auf der anderen Seite die Befürworter der Ziele, die
Lenin 1902 in seiner Programmschrift "Was tun" zum erstenmal
formuliert hatte. Er verlangte - auf Rußland bezogen - daß
sich die sozialistische Bewegung in eine autoritär geführte
Organisation von Berufsrevolutionären umbilde; nur so könne
die Partei der zaristischen Polizei erfolgreich die Stirn bieten.
Als Parteiziel erklärte er die Errichtung der Diktatur des Proletariats,
und dieses Ziel - die völlige Zertrümmerung des überkommenen
Staatsapparates _ war nur mit Waffengewalt zu erreichen.
Zwischen diesen beiden Richtungen standen die Befürworter des
politischen Streiks, die erhofften, mit Hilfe der Gewerkschaften
auf diesem Wege die politischen Rechte zu erkämpfen. Diese Bewegung,
die man als Syndikalismus bezeichnet, gründete nicht in einer
sorgfältig ausgearbeiteten politischen Theorie, sondern in einer
Kampfdoktrin, die sich direkt gegen den Klassenfeind richtete, wie
ihn der Arbeiter im Alltag erlebte.
So zeichnete sich das politische Bewußtsein der anbrechenden
Moderne durch den Niedergang des Konservatismus und des Liberalismus
und durch die Ausbildung vielfältiger, meist radikaler politischer
Richtungen auf der Rechten und der Linken aus.
Diese Radikalisierung bisheriger Entwicklungstendenzen griff auf alle Lebensbereiche über. Die technische und industrielle Revolution, die Ideologisierung der Politik und die allmähliche Verbreitung der durch die Wissenschaft gewonnenen Einsichten in die Struktur der unsichtbaren Wirklichkeit schufen zusammen eine neue gesellschaftliche Realität, die tiefgreifende Auswirkungen auf das damalige Selbst- und Weltbild hatte.
2. Das Welt- und Menschenbild des 19. Jahrhunderts
Die gewaltigen gesellschaftlichen, sozialen und geistigen Umwälzungen
in der zweiten Jahrhunderthälfte untergruben das letzte noch
verbliebene Vertrauen in die institutionalisierte Religion und deren
Weltauslegung und zerstörten damit die prekäre Einheit des
bisherigen Welt- und Menschenbildes.
Die Suche nach einer neuen Deutung der Welt und der Stellung des Menschen
im Kosmos entwickelte sich in zwei gegensätzlichen Richtungen.
Auf der einen Seite standen die Vertreter eines rationalen Weltverständnisses,
das vom Glauben an die durchgängige Determiniertheit und die
grundsätzliche Erklärbarkeit allen Seins getragen wurde;
für sie führte der Weg zur Erkenntnis über die wissenschaftliche
Forschung und über eine an dieser sich orientierenden Philosophie.
Auf der anderen Seite standen die Vertreter esoterischer Lehren und
die Anhänger parareligiöser Bewegungen, die ein höheres
Wissen und die Einsicht in die letzten Wirklichkeiten durch
Meditation, mystische Versenkung oder okkulte Praktiken zu gewinnen
hofften. Aus dieser zweifachen Suche ergaben sich die entscheidenden
Welt- und Menschenbilder, die mit ihren Gegensätzen und Überschneidungen
das Geistesleben des zu Ende gehenden Jahrhunderts bestimmten.
Das wissenschaftlich-philosophische Welt- und Menschenbild
Das wissenschaftliche Weltbild des 19. Jahrhunderts gründete
im wesentlichen auf den Entdeckungen, Erkenntnissen und Berechnungen,
die der englische Physiker Isaac Newton (1643-1727) in seinem bahnbrechenden
Werk "Philosophiae naturalis principia mathematica" ("Die
mathematischen Grundlagen der Naturwissenschaften") 1687 dargelegt
hatte.
Newton war vom tiefen Glauben an die umfassende Einheit und durchgehende
Gesetzmäßigkeit der Natur erfüllt. Durch die methodische
Verbindung von empirischer Untersuchung und mathematischer Naturbeschreibung
gelang es ihm, die Erkenntnisse und Entdeckungen seiner großen
Vorläufer Kepler, Galilei, Bacon und Descartes zu einer umfassenden
Synthese zu vereinen und eine geschlossene mathematische Theorie der
Welt zu schaffen, die während zweihundert Jahren, also bis zum
Beginn der Moderne, die Grundlage wissenschaftlichen Denkens bilden
sollte.
Alle physikalischen Erscheinungen, d.h. alle Materie, die sich in
der absoluten Zeit und im absoluten Raum bewegte, bestand nach Newton
aus verschwindend kleinen, festen und unzerstörbaren Objekten,
den sogenannten Masseteilchen, deren Bewegung durch ihre gegenseitige
Anziehung, d.h. durch die Schwerkraft verursacht wurde. Die Gleichungen,
die es erlaubten, die Wirkung dieser Kraft mathematisch zu beschreiben,
schienen damit alle in der physikalischen Welt beobachteten Veränderungen
erklären zu können.
So bildeten Newtons Entdeckungen die Grundlage eines mechanischen
Weltbildes von Kräften, Druck und Gegendruck, Spannungen, Schwingungen
und Wellen, das durch die wissenschaftlichen Fortschritte der folgenden
zwei Jahrhunderte eine immer komplexere und subtilere Struktur erhielt.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts schien es keinen Naturprozeß
zu geben, der nicht mit den Begriffen der Alltagserfahrungen beschrieben,
durch ein konkretes Modell veranschaulicht und durch die erstaunlich
genauen Gesetze der Newtonschen Mechanik vorausbestimmt werden konnte.9
Erst gegen Ende des Jahrhunderts stieß man auf gewisse Abweichungen
von diesen Gesetzen, die sich trotz ihrer Geringfügigkeit als
so grundlegend erwiesen, daß das ganze Gebäude der Newtonschen
Mechanik ins Wanken geriet.
Diese Entwicklung begann mit der Entdeckung und Erforschung elektrischer
und magnetischer Phänomene, die auf einer bisher unbekannten
Art von Kraft beruhten und durch das mechanistische Modell nicht beschrieben
werden konnten.
Michael Faraday und Clark Maxwell, die Entdecker dieser Kräfte,
ersetzten den Begriff der Kraft durch den viel subtileren Begriff
eines Kraftfeldes und wiesen nach, daß diese Kraftfelder ohne
Bezugnahme auf materielle Körper untersucht werden konnten. Ihre
Elektrodynamik genannte Theorie gipfelte in der Erkenntnis, da§
das Licht ein schnell alternierendes elektromagnetisches Feld ist,
das sich in Form von Wellen durch den Raum ausbreitet. Die Entdeckung
der Röntgenstrahlen (1895 durch W.C. Röntgen) und der Radioaktivität
(1898 durch Marie und Pierre Curie) leitete schließlich den
Durchbruch zur Mikrophysik ein, die mit der Quantenmechanik und der
Relativitätstheorie ein neues Kapitel in der Geschichte der Wissenschaft
eröffnen sollte.
Infolge ihrer spektakulären Erfolge wurde die Physik im Laufe
des 18. Jahrhunderts zum Modell für alle Naturwissenschaften.
Ihre Methoden und Kriterien wurden nicht nur von der Chemie, der Biologie
und der Medizin übernommen, sondern beeinflußten auch die
Philosophie.
John Locke (1632-1704), ein Zeitgenosse Newtons, unternahm als erster
den Versuch, das individuelle und soziale Verhalten des Menschen unter
naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten zu betrachten. In seinem Hauptwerk
"An Essay concerning Human Understanding" verwirft er die
damals verbreitete Lehre von den "angeborenen Ideen" und
erklärt stattdessen das Bewußtsein als eine ursprünglich
"leere Tafel" (tabula rasa), die sich im Laufe der Zeit
mit Erfahrung anreichert und damit ihre jeweilige individuelle Ausprägung
erfährt. Als einzige Erfahrungsquelle läßt Locke die
äußere Sinneswahrnehmung (sensation) und die innere Selbstbeobachtung
(reflection) gelten. So lehnt er die Idee einer übernatürlichen
Offenbarung ab und versteht Gott als den außerhalb der Welt
stehenden Schöpfer, der die Welt nach ihrer Entstehung den von
ihm geschaffenen Naturkräften überläßt, ohne
in ihre Entwicklung weiter einzugreifen.
Damit begründete Locke die Philosophie und Geisteshaltung der
Aufklärung, die sich im 18. Jahrhundert über ganz Europa
verbreitete und mit ihrem Menschenbild und ihrer Weltanschauung bis
zum Ende des 19. Jahrhunderts bestimmend blieb.
Die Vertreter der Aufklärung sahen in der Vernunft diejenige
Fähigkeit, die den Menschen zum Menschen mache und die ihn sowohl
zum logisch richtigen Denken wie auch zum sittlich guten Handeln befähige;
sie glaubten an die Möglichkeit eines beständigen Fortschritts
sowohl des Einzelnen wie der Gesellschaft zum Besseren und Vollkommenen.
Die Gesellschaftsformen wurden als Ergebnis von Vereinbarungen verstanden,
die zum individuellen und allgemeinen Nutzen geschlossen worden seien.
So wurden insbesondere die Rechte des Einzelnen und die sich aus ihnen
ergebenden Grenzen der Staatsgewalt, sowie der Gedanke der politischen
Gewaltenteilung betont. Im weiteren forderte das aufgeklärte
Denken Toleranz, Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz, Freiheit
des Einzelnen in Bezug auf Meinungsäußerung, Volkssouveränität
und Volksvertretung. Die Unabhängigkeitserklärung der USA,
die Französische Revolution und der Liberalismus des 19. Jahrhunderts
waren in entscheidender Weise durch das Gedankengut der Aufklärung
bestimmt.
"Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"
ist nach Kant der Wahlspruch dieser geistigen Bewegung und ihres Anliegens,
den Menschen mit Hilfe der Vernunft zum "Ausgang aus seiner selbstverschuldeten
Unmündigkeit" zu verhelfen.10
Aus diesen Postulaten folgte eine am Modell naturwissenschaftlicher
Erkenntnis orientierte Kritik an allen autoritätsbezogenen, irrational
bestimmten Denkweisen, also auch am Weltbild des christlichen Offenbarungsglaubens,
an jeder Metaphysik und an allem Aberglauben. Diese Haltung führte
letztlich zu einem praktischen Atheismus, der darin bestand, daß
Gott zwar als (vielleicht) existierend gedacht wurde, daß man
sich jedoch um seine (angeblichen) Anforderungen an den Menschen nicht
mehr kümmerte.
Mit der Freiheit und Autonomie des Denkens schien die Herrschaft
der Vernunft endgültig gesichert, doch wurde diese selbstherrliche
Vorstellung noch während der Hochblüte der Aufklärung
aus zwei unterschiedlichen Lagern in Frage gestellt. 1750 veröffentlichte
der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778)
seinen Discours sur la science et les arts, worin er den
glücklichen, naturhaften Urzustand der Menschheit preist, den
diese durch Vergesellschaftung und Wissenschaft verloren habe. Nach
dem ebenfalls kulturkritischen Discours sur l'origine et les
fondements de l'inégalité parmi les hommes, in
dem er die "natürliche Rechtsgleichheit" aller fordert,
erschienen 1762 seine beiden Hauptwerke, Le contrat social
und Emile. Im ersten setzt Rousseau an die Stelle des
einst gepriesenen freien Naturmenschen den politisch mündigen
Bürger, der die Ausübung seiner natürlichen Freiheit
den Interessen des Gemeinwohls unterordnet und so zur Schaffung eines
idealen Staates beiträgt; in Emile, einem erzählerisch
angelegten pädagogischen Lehrbuch, geht er in einer für
die damalige Zeit ungewohnten Weise auf die Eigenart des Kindes ein:
er lehnt jede Art gewaltsamer erzieherischer Eingriffe ab und fordert
stattdessen das behutsame Wachsenlassen und Lenken natürlicher
und damit guter Eigenschaften und Fähigkeiten.
Rousseaus politische Auffassungen und seine These eines "natürlichen
Gutseins des Menschen" trugen wesentlich zur Ausbildung der revolutionären
Ideen seiner Zeit bei und entsprachen, zumindest in diesem Sinn, dem
Geist der Aufklärung. Doch verwarf er deren wichtigsten Glaubenssatz;
indem er das "Recht der fühlenden Seele" vertrat und
"Herz und Gefühl" über die "Vernunft"
stellte, nahm er die Forderungen der französischen Romantik und
des deutschen Sturm und Drang vorweg.
Die zweite Erschütterung erfuhr das Credo der Aufklärung
paradoxerweise durch einen ihrer überzeugtesten Vertreter - durch
den deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724-1804). Begnügte
sich Rousseau damit, die ideelle Rangordnung von Vernunft und Affekt
umzukehren, so unternahm es Kant, durch eine kritische aufgeklärte
Prüfung der menschlichen Verstandeskräfte die Quellen und
Grenzen unserer Erkenntnis zu bestimmen.
Sein bahnbrechendes, 1787 erschienenes Hauptwerk Die Kritik
der reinen Vernunft untersucht unter anderem die Art und Weise,
in der sinnliche Empfindungen durch den Verstand zu Wahrnehmungen
verarbeitet, in größere Zusammenhänge gestellt und
schließlich miteinander zu Einsichten verbunden werden. Unsere
Sinnesorgane registrieren bloß sinnliche Reize. Die Düfte
und Geräusche, die Tast-, Geschmacks- und Lichtempfindungen,
die aus ihnen ins Gehirn strömen, werden erst dort zur Wahrnehmung
einer äußeren Wirklichkeit verarbeitet.11 Der Verstand
benutzt dazu seinen Raum- und Zeitsinn; er führt die anfallenden
Empfindungen gemäß dem ihm innewohnenden Prinzip der Kausalität
auf außenstehende Ursachen zurück und weist diesen ihren
jeweiligen Platz in Raum und Zeit an, d.h. er schreibt sie diesem
oder jenem Ort und Gegenstand, der Gegenwart oder der Vergangenheit
zu.
Der Sinn für Raum und Zeit und das Prinzip der Kausalität,
die der Verstand dabei einsetzt, sind diesem jedoch (als integrale
Elemente seiner Organisation) angeboren. Diese Funktionsformen sind
somit nicht aus der Erfahrung abgeleitet, sondern sind a priori
(das heißt: vor jeder Erfahrung) gegeben.
Die Welt, wie wir sie kennen, stellt demnach eine Art Konstruktion
dar - sie ist unser eigenes Produkt. Der Gegenstand, den wir "wahrnehmen",
ist eine "Erscheinung", zu der die Empfindungen unserer
Sinnesorgane und die Funktionsformen unseres Verstandes ebensoviel
beitragen wie das ursprünglich dieser Wahrnehmung zugrundeliegende
Ding. Wie dieses Ding "an sich", d.h. unabhängig von
unserer Wahrnehmung desselben, beschaffen sei, das können wir
nicht wissen. Damit leugnet Kant keineswegs die Existenz einer von
unserer Wahrnehmung unabhängigen Welt, doch bestreitet er, daß
wir sie als solche erkennen können; wir kennen nur, so schreibt
er, "ihre Erscheinungen, d.h. die Vorstellungen, die diese in
uns bewirken, indem sie unsere Sinne affizieren. Unsere Erfahrung
ist bestimmt durch die Formen unseres Erkenntnisvermögens".
Und an anderer Stelle: "Was es für eine Bewandtnis mit den
Gegenständen an sich und abgesondert von aller dieser Rezeptivität
unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt uns gänzlich unbekannt.
Wir kennen nichts als unsere Art, sie wahrzunehmen, die uns eigentümlich
ist, die auch nicht notwendig jedem Wesen, obzwar jedem Menschen zukommen
muß"12 Kants (von ihm selbst so genannte) "kopernikanische
Wendung zum Subjekt" besteht darin, daß er nicht das Bewußtsein
von den Gegenständen, sondern die Gegenstände von der apriorischen
Struktur des Bewußtseins abhängig macht.
Diese rational begründete Relativierung allen Wissens stellt
die wohl bedeutendste Leistung aufgeklärten Denkens dar; trotzdem
erschütterte Kant mit seiner Kritik das Selbstverständnis
der Aufklärung in noch stärkerem Maß als Rousseau.
Die gesamte Philosophie des 19. Jahrhunderts drehte sich um seine
Gedanken. Der erste, der diesen wesentlich Neues hinzufügte,
war Arthur Schopenhauer13 (1788-1860). Mit der Deutung des unerkennbaren
Ding an sich gelang es dem meiner Meinung nach bedeutendsten
Philosophen des 19. Jahrhunderts, die wesentlichen Erkenntnisse (und
philosophischen Einsichten) seiner Zeit zu einer großen Synthese
zusammenzufassen und mit dieser die leitenden Vorstellungen und Einsichten
der Moderne vorwegzunehmen.
Schopenhauer ist als der Philosoph des Pessimismus, als der Künder
einer zutiefst negativen Weltanschauung in die Geschichte eingegangen.
Menschliches Begehren ist nach ihm unendlich, die Erfüllung beschränkt;
sie "gleicht immer dem Almosen, das, dem Bettler zugeworfen,
sein Leben heute fristet, um seine Qual auf morgen zu verlängern".14
Alle Befriedigung, oder was man gemeinhin Glück nennt, ist seiner
Meinung nach im wesentlichen immer negativ bestimmt, besteht sie in
der Regel doch darin, Mangel, Entbehrungen oder Leiden abzuwehren.
Sobald jedoch "Not und Leiden dem Mensch eine Rast vergönnen",
stellt sich die Langeweile ein, die ihn zu neuen Unternehmungen, zu
neuem Leiden treibt. Die höchste Weisheit besteht also darin,
die eigenen Bedürfnisse und Begierden, das eigene Wollen auf
ein Mindestmaß zu reduzieren, denn "je weniger Erregung
des Willens, desto weniger Leiden".15
Diese pessimistische Sicht der menschlichen Existenz, die Schopenhauer
mit scharfsinnigen Argumenten, unzähligen Beispielen, mit beißendem
Spott und sarkastischem Humor in einer höchst ansprechenden und
überzeugenden Art und Weise darlegt, hat zwar ma§geblich
zu seiner späten Popularität beigetragen, stellt jedoch
eine letztlich unwesentliche Beigabe zur wegweisenden philosophischen
Vision dar, die er mit dem Titel seines 1818 erschienenen Hauptwerkes
auf die knappste Formel gebracht hat: Die Welt als Wille und
Vorstellung.
Bei der Lektüre dieses Werkes fällt als erstes der Stil
auf. An Stelle der metaphysischen Ausschweifungen und der verwirrenden
Abstraktionen, mit denen Fichte, Schelling und Hegel versuchten, die
von Kant der philosophischen Spekulation gesetzten Grenzen zu verwischen
oder zu umgehen, setzt Schopenhauer unmißverständliche
Formulierungen, gedankliche Klarheit und eine bewunderungswürdige
Ordnung.
Er schließt sich der Kantischen Lehre an, daß uns die
Außenwelt nur durch die Vermittlung unserer Sinnesempfindungen
und der eigengesetzlichen Funktionen unseres Verstandes bekannt sei,
und bekennt sich zur prinzipiellen Unerkennbarkeit des "Dinges
an sich", doch glaubt er, einen Weg gefunden zu haben, um der
Lösung dieses metaphysischen Rätsels näherzukommen.
Sein Werk beginnt mit dem Satz: "Die Welt ist meine Vorstellung".
Diese Wahrheit gilt für jedes lebende und erkennende Wesen: dieses
"kennt keine Sonne und keine Erde, sondern immer nur ein Auge,
das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt"16.
Alles, was für die Erkenntnis da ist, also diese ganze Welt,
ist ein Objekt für ein Subjekt, ist Anschauung des Anschauenden,
mit einem Wort: Vorstellung. "Wir sehen schon hier,", meint
Schopenhauer, "daß von außen dem Wesen der Dinge
nimmermehr beizukommen ist: wie immer man auch forschen mag, so gewinnt
man nichts als Bilder und Namen. Man gleicht einem, der um ein Schloß
herumgeht, vergeblich einen Eingang suchend und einstweilen die Fassaden
skizzieren.17.
Es gibt nur einen Punkt, von dem aus wir ins Innere der Welt einzudringen
vermögen. Dieser Punkt ist das erkennende Subjekt. "Dem
Subjekt des Erkennens, welches durch seine Identität mit dem
Leibe als Individuum auftritt, ist dieser Leib auf ganz verschiedene
Weisen gegeben: einmal als Vorstellung, [...] als Objekt unter Objekten,
und den Gesetzen dieser unterworfen; sodann aber zugleich auf eine
ganz andere Weise, nämlich als jenes jedem als unmittelbar Bekannte,
welches das Wort Wille bezeichnet. [...] Die Aktion des Leibes ist
nichts anderes als der objektivierte, d.h. in die Anschauung getretene
Akt des Willens. [...] Der Wille ist das An-sich des Leibes".18
Die doppelte Erkenntnis, die wir vom eigenen Leib haben, gibt uns
über das, was dieser nicht als Vorstellung, sondern "an
sich" ist, denjenigen Aufschluß, der uns in Bezug zum Wesen
und Wirken aller anderen realen Objekte fehlt. Sie liefert den Schlüssel
zum Wesen jeder Erscheinung in der Natur, indem wir annehmen, daß
alle Objekte ihrem inneren Wesen nach dasselbe sein müssen, was
wir an uns selbst als Wille erkennen. Aus den unwillkürlichen
Funktionen unseres Leibes oder aus den Instinkten der Tiere läßt
sich im übrigen ersehen, daß der Wille auch blind wirkt,
d.h. auch dann, wenn keine Erkenntnis ihn leitet. "Nicht nur
das Wollen und Beschließen, im engsten Sinn, sondern auch alles
Streben, Wünschen, Fliehen, Hoffen, Fürchten, Lieben, Hassen,
kurz, alles was das eigene Wohl und Wehe, Lust und Unlust, unmittelbar
ausmacht, ist offenbar nur Affektion des Willens, ist Regung, Modifikation
des Wollens und Nichtwollens, ist eben Das, was, wenn es nach au§en
wirkt, sich als eigentlicher Willensakt darstellt." Und schließlich
führt uns die fortgesetzte Reflexion dazu, "auch die Kraft,
welche in der Pflanze treibt und vegetiert, ja, die Kraft, durch welche
der Kristall anschließt, die, welche den Magneten zum Nordpol
wendet, [...] ja, zuletzt sogar die Schwere, welche in aller Materie
so gewaltig strebt, den Stein zur Erde und die Erde zur Sonne zieht,
[...] diese alle nur in der Erscheinung für verschieden, ihrem
innersten Wesen aber als dasselbe zu erkennen, als jenes [...] so
unmittelbar und intim und besser als alles andere Bekannte, was da,
wo es am deutlichsten hervortritt, Wille heißt."19
"Der Wille als Ding an sich ist von seiner Erscheinung völlig
verschieden und völlig frei von allen Formen derselben, in welche
er eben erst eingeht, indem er erscheint [...] er ist ferner frei
von aller Vielheit, obwohl seine Erscheinungen in Raum und Zeit unzählig
sind: er selbst ist einer; jedoch nicht wie ein Objekt eines ist,
dessen Einheit nur erkannt wird im Gegensatz zu einer möglichen
Vielheit; ... sondern er ist eines als das, was außer Zeit und
Raum dem principio individuationis, d.h. der Möglichkeit der
Vielheit liegt."20
Mit dem Willen als Ding an sich nimmt Schopenhauer sowohl Einsteins
Gleichsetzung von Materie und Energie als auch Freuds Begriffe des
Triebes und des Unbewußten inhaltlich vorweg. Während alle
bisherigen Philosophen das Wesen des Menschen in dessen Bewußtsein
erblickten, erklärt Schopenhauer, achtzig Jahre vor dem Begründer
der Psychoanalyse: "Das Bewußtsein ist die bloße
Oberfläche unseres Geistes, von welchem, wie vom Erdkörper,
wir nicht das Innere, sondern nur die Schale kennen. [...] Daher kommt
es, daß wir oft vom Entstehen unserer tiefsten Gedanken keine
Rechenschaft geben können: sie sind die Ausgeburt unseres geheimnisvollen
Innern. Urteile, Einfälle, Beschlüsse steigen unerwartet
und zu unserer eigenen Verwunderung aus jener Tiefe auf." Es
ist der Wille, "welcher alle Gedanken und Vorstellungen, als
Mittel zu seinen Zwecken, zusammenhält, [...] die Aufmerksamkeit
beherrscht und den Faden der Motive [...] in der Hand hält: von
ihm ist im Grunde die Rede, sooft Ich in einem Urteil
vorkommt. Er also ist der wahre, letzte Einheitspunkt des Bewußtseins
und das Band aller Funktionen und Akte desselben: er gehört aber
nicht selbst zum Intellekt, sondern ist nur dessen Wurzel, Ursprung
und Beherrscher.21
Freud war sich der Pionierleistung seines Vorläufers wohl bewußt
und hat sie auch gebührend anerkannt. "Die wenigsten Menschen
dürften sich klar gemacht haben", schreibt er 1917, "einen
wie folgenschweren Schritt die Annahme unbewußter seelischer
Vorgänge für Wissenschaft und Leben bedeuten würde.
Beeilen wir uns aber hinzuzufügen, daß nicht die Psychoanalyse
diesen Schritt zuerst gemacht hat. Es sind namhafte Philosophen als
Vorgänger anzuführen, vor allem der große Denker Schopenhauer,
dessen unbewußter "Wille" den seelischen Trieben der
Psychoanalyse gleichzusetzen ist. Derselbe Denker übrigens, der
in Worten von unvergeßlichem Nachdruck die Menschen an die immer
noch unterschätzte Bedeutung ihres Sexualstrebens gemahnt hat."22
Schopenhauers Werk wurde lange Zeit kaum beachtet. Erst in seinen
letzten Lebensjahren waren ihm Anerkennung und ein später Ruhm
vergönnt. Wie eingangs erwähnt, galt dieser aber in erster
Linie der pessimistischen Weltsicht, d.h. der wertenden, ideellen
Ausrichtung seines Werkes, und nicht seiner tiefgrndigen Deutung
des Dinges an sich.
Auf ein weit größeres Interesse stießen die spektakulären
Entdeckungen und Schlußfolgerungen des englischen Biologen Charles
Darwin (1809-1882), der 1859 (ein Jahr vor Schopenhauers Tod) mit
seiner Untersuchung "Über die Auswahl der Arten" in
einen Erkenntnisbereich drang, der bisher ausschließlich der
Theologie vorbehalten war.
Die Idee der Entwicklungslehre war nicht neu und lag in den fünfziger
Jahren des 19. Jahrhunderts in der Luft. Seit Jean Lamarck 1809 seine
Theorie aufgestellt hatte, nach der sich die höheren Lebewesen
(den Menschen nahm er dabei noch aus) durch Vererbung der Wirkungen
von Übung und Vernachlässigung aus niederen Formen entwickelt
hätten, war das Gespräch über das Thema nicht mehr
verstummt; 1852 führte ihm Herbert Spencer mit seiner Entwicklungshypothese
neue Nahrung zu. Darwins Arbeit war jedoch anderer Art. Im Gegensatz
zu den unbestimmten Vorstellungen und nicht näher erläuterten
Hypothesen seiner Vorgänger legte er eine ausführliche,
reich belegte Theorie vor, die den Verlauf der Entwicklung auf Grund
der "natürlichen Zuchtwahl und der Erhaltung begabter Gattungen
im Kampf ums Dasein" erklärte und anhand konkreter Beispiele
veranschaulichte.
1871 folgte Die Abstammung des Menschen. Diesem Werk kommt
eine ebenso epochale Bedeutung zu wie seinerzeit der Lehre des Kopernikus.
Es brachte zwei wichtige Grundpfeiler zum Einsturz, auf denen das
bisherige Menschenbild ruhte. Darwin wagte es, die Frage nach der
Erschaffung des Menschen wissenschaftlich statt religiös anzugehen;
darüber hinaus stellte er wie Kopernikus auch eine zentrale idealisierte
Selbstvorstellung des damaligen Menschen in Frage: der Mensch ist
nicht von Gott geschaffen, sondern stammt vom Affen ab.
Darwins Theorie erwies sich allen Entwertungsversuchen und Kritiken
zum Trotz als rational unwiderlegbar und setzte damit dem religiösen
Schöpfungsmythos ein Ende. Gleichzeitig geriet auch die Vorstellung
des gottähnlich autonomen Menschen ins Wanken. Der Mensch wurde
in seiner natürlichen Bedingtheit, als Glied einer langen Kette
von Lebewesen erkannt; er wurde nun selbst als Funktion anonymer,
überindividueller Kräfte verstanden und damit endgültig
um seine Sonderstellung im Kosmos gebracht.
Die von Darwin begonnene Entmystifizierung des Menschen wurde durch
die Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie von Karl Marx (1818-1883)
fortgesetzt. Auch diese basierte auf evolutionären Vorstellungen.
Zerstörte Darwin die Illusion der göttlichen Herkunft des
Menschen, so versuchte Marx in seinem Hauptwerk Das Kapital
nachzuweisen, daß die Selbstbestimmung des Geistes und der göttliche
Ursprung moralischer Gesetze und gesellschaftlicher Strukturen Fiktionen
seien, und daß der Mensch geistig und materiell von den jeweils
herrschenden ökonomischen Verhältnisse bestimmt werde.
Die Arbeitsteilung und die Verknüpfung der Produktionsverhältnisse
mit bestimmten Eigentumsformen bilden nach Marx einen objektiven Strukturzusammenhang,
der bewirkt, daß Erzeugung und Genuß des gesellschaftlichen
Reichtums den verschiedenen Individuen ungleich verteilt zufallen.
So entstehen unterschiedliche Klassen mit unterschiedlichen sozialen
Interessen. In der kapitalistischen Gesellschaft sind das (neben dem
Mittelstand und den Bauern, die weniger ins Gewicht fallen) in erster
Linie die Bourgeoisie (industrielle Kapitalisten und Grundbesitzer)
und das Proletariat (die Lohnarbeiter). Deren soziale Differenz besteht
darin, daß die Bourgeoisie über die Produktionsmittel verfügt;
das Proletariat hingegen besitzt nur seine Arbeitskraft. Es ist dadurch
gezwungen, diese Arbeitskraft als Ware anzubieten und wird dabei von
der Bourgeoisie, welche diese Ware unter ihrem eigentlichen Wert kauft,
ausgebeutet. Struktur und Dynamik dieser ökonomischen Verhältnisse
und die damit verbundene Ausbeutung der Arbeiterklasse wird durch
einen "ideologischen Überbau" (Religion, Sitte und
Gesetz) weltanschaulich begründet, gerechtfertigt und legalisiert.
Dieser Überbau versperrt nach Marx den Blick auf die wirklichen
Voraussetzungen und Bedingungen des wirtschaftlichen Prozesses, verschleiert
die Ursachen der ungleichen Verteilung von Macht und Besitz und erzeugt
das "falsche Bewußtsein", welches das Proletariat
daran hindert, sich gegen die besitzende Klasse zu erheben.
Marx versteht die kapitalistische Wirtschaft- und Lebensform als vorübergehende
Phase einer folgerichtigen Entwicklung, die notgedrungen zur klassenlosen
Gesellschaft führen wird. Er fordert die Aufklärung und
Politisierung der Massen, denn diese bildet die entscheidende Voraussetzung
für die Änderung der herrschenden Verhältnisse: "Mögen
die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern.
Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten.
Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt
euch!23
Darwin und Marx übten auf das religiöse und gesellschaftliche
Selbstverständnis ihrer Zeitgenossen eine nachhaltige Wirkung
aus. Mit der wissenschaftlichen Analyse der biologischen und sozialen
Bedingtheit der menschlichen Existenz schufen ihre Thesen die Voraussetzungen
zu einer geschlossenen und rational vertretbaren Weltanschauung. So
bildeten sich - erstmals in der Geschichte der Menschheit - wissenschaftlich
begründete Ideologien, mit denen sich das ideelle Vakuum der
Jahrhundertwende füllen ließ. Mit messianischem Eifer machten
sich Sozialdarwinisten und Marxisten daran, die Welt von der Richtigkeit
ihrer jeweiligen Deutungen zu überzeugen.
Die Aufklärung hatte scheinbar gesiegt: Gott war tot. Mit ihm
drohte scheinbar auch der Gottmensch von der Bildfläche zu verschwinden.
Den letzten Versuch, diesen vor dem Untergang zu retten, unternahm
Friedrich Nietzsche (1844-1900).
Er schrieb anders, als man es bisher von Philosophen gewohnt war.
Also sprach Zarathustra (1883-85), das Werk, das um die
Jahrhundertwende seinen Ruhm begründete, vertritt keine logisch-
rationale, aus Schlußfolgerungen abgeleitete These und argumentiert
nicht mit beweisbaren Tatsachen, sondern verkündet in Form eines
langen Prosagedichts ein neues Evangelium, das den Leser nicht nur
durch seinen Inhalt, sondern auch durch die Brillanz, suggestive Kraft
und hypnotische Wirkung seiner Sprache gefangen nimmt. Nietzsche beschreibt
den schöpferischen Rausch, aus dem das Werk hervorgegangen war,
als "... Offenbarung, in dem Sinn, daß plötzlich,
mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, etwas sichtbar, hörbar
wird, etwas, das einen im Tiefsten erschüttert und umwirft [...]
Man härt, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da
gibt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Notwendigkeit, in
der Form ohne zögern, - ich habe nie eine Wahl gehabt [...] Alles
geschieht im höchsten Grad unfreiwillig, aber wie in einem Sturme
von Freiheitsgefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit..."24
Nietzsche lehnt sowohl den naturwissenschaftlichen Determinismus der
Darwinisten als auch die Gleichheitslehren ab, die von Demokratie,
Sozialismus und Christentum vertreten werden und setzt an ihrer Stelle
die Lehre vom Übermenschen, von der ewigen Wiederkehr und vom
Willen zur Macht.
Das Lied des Zarathustra gilt der "Umwertung aller Werte":
die christliche Sklavenmoral weicht einer Herrenmoral,
welche Willen, Macht und (biologische) Gesundheit als das Gute,
Demut, Altruismus und Schwäche als das "Schlechte"
setzt; der Jenseitsglaube wandelt sich zum amor fati,
zur vorbehaltslosen Bejahung des Diesseits; statt auf Erden Gott zu
dienen, soll der Mensch den Übermenschen verwirklichen:
"Was groß ist am Menschen, das ist, daß er eine Brücke
und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist,
daß er ein Übergang und ein Untergang ist. Ich liebe die,
welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn es
sind die Hinbergehenden.
Ich liebe die großen Verachtenden, weil sie die gro§en
Verehrenden sind und Pfeile der Sehnsucht nach dem anderen Ufer.
Ich liebe die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen,
unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern,
daß die Erde einst des Übermenschen werde."25
Nietzsche selbst betrachtete den Zarathustra als sein
Meisterwerk: "Man rechne den Geist und die Güte aller großen
Seelen in eins: alle zusammen wären nicht im Stande, eine Rede
Zarathustras hervorzubringen."26. Vorerst stand er mit dieser
prahlerischen Selbstüberschätzung allein: erst die Nachwelt
sollte das lange Prosagedicht als eines der gro§en literarischen
Werke des 19. Jahrhunderts feiern. Im "Zarathustra" hatte
das zu Ende gehende Zeitalter den Spiegel gefunden, der ihm das ersehnte
Selbstbild zurückwarf; der ungeheure Erfolg, den das Werk um
die Jahrhundertwende erlebte, gründete nicht zuletzt darin, daß
es Tausenden die Möglichkeit bot, diesen "Sturm von Freiheitsgefühl,
von Unbedingtsein, von Macht und Göttlichkeit" mitzuempfinden
und sich selbst für den Übermenschen zu halten. In diesem
Sinn sollte es später auch durch die Nationalsozialisten mißbraucht
werden.
Dem Zarathustra folgten 1886 Jenseits von Gut und
Böse, 1887 Die Genealogie der Moral und 1888
Götzendämmerung; Der Antichrist,
Ecce Homo und Der Wille zur Macht erschienen
posthum. In diesen Werken, mit denen Nietzsche sein Evangelium sachlich
zu begründen und als Folge einer zwangsläufigen historischen
Entwicklung darzustellen versucht - "Warum ich ein Schicksal
bin!" - verbinden sich tiefe psychologische Einsichten, brillante
Deutungen und subtile Beobachtungen mit dogmatischen Behauptungen,
uneingeschränkten Verallgemeinerungen, provozierenden Übertreibungen
und einer globalen Verdammung des Christentums zu einer hymnischen
Beschwörung der eigenen Einmaligkeit und Grandiosität.
Diese ekstatische Selbstüberhöhung verdeckt dabei nur mit
Mühe die innere Not eines zarten und empfindsamen, von einer
unstillbaren Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung erfüllten, von
sich selbst, seinem Glauben und seinen Idealen enttäuschten und
in seinem Narzißmus zutiefst gekränkten Individuums: die
Einsamkeit und Verzweiflung eines auseinanderbrechenden Selbst. Die
grenzenlose Verachtung für Schwäche und Ohnmacht, für
die Ängste und Nöte des in den Stricken eines sinnentleerten
Glaubens gefangenen Menschen, die Nietzsches ganzes Werk durchzieht,
gilt letztlich ihm selbst. Aus ihr spricht die Grausamkeit seines
eigenen, puritanischen Über-Ichs, dem Nietzsche die Figur des
Übermenschen entgegenstellt. "Was ich nicht bin, das ist
mir Gott und Tugend!"
Im Januar 1889 brach Nietzsche in Turin auf der Straße zusammen.
Durch die wirren Briefe alarmiert, auf denen der Schöpfer des
Zarathustra abwechslungsweise als Dionysos
und Der Gekreuzigte unterschrieben hatte, eilte sein Freund
Overbeck herbei und brachte ihn nach Basel. Von dort wurde Nietzsche
in die psychiatrischen Klinik der Universität Jena überführt
und, nachdem sich sein Zustand beruhigt hatte, von der Mutter, nach
deren Tod von der Schwester in Pflege genommen. Er starb, immer noch
geistig umnachtet, am 25. April 1900.
Inzwischen hatte die Breitenwirkung seines Werkes eingesetzt. Nietzsche
wurde zum Idol zahlloser Künstler und Intellektueller, die in
seinem tragischen Schicksal das Gleichnis der eigenen Größe
und Ohnmacht zu erkennen vermeinten. Sein aristokratischer Individualismus
wurde zum Leitbild der zutiefst verunsicherten geistigen Elite Europas;
in mancher Hinsicht inspirierte er auch eine Bewegung, die sich anschickte,
die verwaiste Rolle der Kirche zu übernehmen: im Spannungsfeld
von Wissenschaft, Philosophie, Religion und politisch-sozialer Utopie
hatte sich ein kulturkritischer, militanter Mystizismus ausgebildet,
dessen Verkünder den Anspruch erhoben, die Antwort auf alle Fragen
gefunden zu haben.
Das esoterische Welt- und Menschenbild
Die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und wissenschaftlichen
Umwälzungen des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts hatten dem
damaligen Menschen jede umfassende Orientierung geraubt.
Im Augenblick, da er vermeinte, das Wirkliche - die Welt - in Vorstellung
und Praxis in Besitz zu nehmen, eröffnete sich dem Menschen der
Jahrhundertwende die gähnende Weite einer unbekannten Unterwelt;
im Augenblick stolzer Gewissheit wurde er mit der Unzulänglichkeit
seiner bisherigen Erkenntnisse und den Grenzen seiner Vernunft, mit
der Fragwürdigkeit seiner religiösen Annahmen und seiner
gesellschaftlichen Institutionen konfrontiert. Er erfuhr sich als
Teil einer Welt, deren Ordnung sich ihm entzog: diese offenbarte sich
nicht in der sichtbaren Wirklichkeit, sondern war hinter dieser verborgen.
Die neuen Wissenschaften untersuchten die Entwicklung der Arten, die
biologischen Grundlagen des Lebens, den Aufbau der Materie, das Wesen
der Energie, die Bedingung der menschlichen Erkenntnis und die Strukturen
der Gesellschaftsordnung; doch blieben ihre Ergebnisse dem Laien weitgehend
verschlossen. Im kollektiven Bewußtsein schlugen sie sich lediglich
als die Ahnung einer umfassenden, unsichtbaren Wirklichkeit nieder,
die der Welt der Erscheinungen zugrundeliegt.
So entstanden parallel zu den neuen Wissenschaften eine Vielfalt antimaterialistischer
Philosophien, esoterischer Lehren und parareligiöser Bewegungen,
die dem Eingeweihten ein umfassendes Sein und die Einsicht in die
letzten Wirklichkeiten in Aussicht stellten. Trotz vielfältiger,
im Grunde jedoch unwesentlicher Unterschiede stimmten alle diese Lehren
in entscheidenden Punkten miteinander überein: Geist und Materie
sind eins; das Universum wird als einheitliche, lebende Substanz aufgefaßt,
wobei sich diese Urkraft oder dieses Seinsprinzip in Raum und Zeit
in Form polarer Gegensätze offenbart: männlich-weiblich,
hell-dunkel, waagrecht-senkrecht, positiv-negativ, usw.; materielle
Werte und Zielsetzungen sind ebenso verpönt wie rational-wissenschaftliches
Denken; der Sinn menschlicher Existenz erfüllt sich in einer
fortschreitenden Vergeistigung, die zur Erleuchtung und zu einem Zustand
führt, in dem der Einzelne mit der letzten Wahrheit, mit dem
Ewigen verschmilzt. Schließlich sind alle diese Lehren und alles
Wissen, das sie vermitteln, ursprünglich "geheim",
d.h. sorgfältig ausgewählten Adepten vorbehalten, die ihrerseits
die Quelle ihres Wissens nicht verraten dürfen.
Die einflußreichste dieser Bewegungen war die 1875 durch Helena
Petrovna Blavatsky in New York begründete Theosophische Gesellschaft.
Blavatskys 1888 erschienenes, tausendfünfhundert Seiten umfassendes
Hauptwerk The secret doctrine (Die Geheimlehre)
vermischt jede Form von Okkultismus, Elemente der indischen, persischen,
kabbalistischen und gnostischen Mystik, der Alchemie und des Spiritismus
zu einer Lehre, die den Anspruch erhebt, den gemeinsamen
Kern der großen Weltreligionen und der philosophischen Systeme
aller Zeiten in sich zu vereinigen.27
Die Autorin entwickelt eine phantastische Kosmologie (Stichworte:
Ursprüngliche Substanz und göttlicher Gedanke; Das Weltenei;
Die sieben schöpferischen Hierarchien des neuen kosmischen Tages;
Der Ursprung der niederen Rassen der Natur und der Untergang der alten
Kontinente), schildert anschließend die Entwicklung der ersten
fünf menschlichen Rassen (darunter, nach einer einäugigen
Rasse, diejenige der dreiäugigen Zyklopen), die Entstehung der
Tiere, "die jener der Menschen folgt, anstatt ihr voranzugehen",
das Auftreten mehrerer Zwischenrassen von Ungeheuern,
"halb Tier, halb Mensch" wie die Kentauren, die "vierarmigen
menschlichen Geschöpfe in den frühen Tagen der Mannweiblichen",
oder gar die Doppelköpfigen.28
All dies wird mit unerschütterlicher Gewissheit vorgetragen,
denn, so schreibt Blavatsky: "... wir haben das angehäufte
Zeugnis der Zeitalter, mit seinem unwandelbaren Beweis für jeden
wesentlichen Punkt, um uns darin zu unterstützen; die Weisheit
der Alten und die universelle Überlieferung. [...] Daher glauben
wir an Rassen von Wesen, in weit entfernten geologischen Zeitaltern,
die anders waren als die unsere, an Rassen von ätherischen Menschen,
die auf die unkörperlichen (Arupa) folgten, mit Form, aber ohne
feste Substanz, Riesen, die uns Zwergen vorangingen; an Dynastien
von göttlichen Wesen, an jene Könige und Unterweiser der
dritten Rasse in Künsten und Wissenschaften, mit der es unsere
kleine moderne Wissenschaft weniger auf einen Vergleich ankommen lassen
kann, als die elementare Arithmetik mit der Geometrie.29
Das Werk schließt mit einem vehementen Angriff auf die damalige
Wissenschaft, denn "mit Ausnahme einiger weniger Probleme aus
dem Bereiche der rein physikalischen Wissenschaften sind sowohl die
Prämissen als auch die Schlußfolgerungen der Männer
der Wissenschaft ebenso hypothetisch, als sie fast ausnahmslos irrtümlich
sind... was täglich durch die änderungen und Wiederänderungen
wissenschaftlicher Theorien und Spekulationen bewiesen wird.
Die Geheimlehre stellte für die Theosophische Gesellschaft,
die sich innert weniger Jahre mit zahlreichen Zweigstellen über
die ganze Welt verbreitete, eine Art Bibel dar und wurde als solche
insbesondere durch Annie Besant, die von 1907-1933 die Leitung der
mehrmals sich spaltenden Gesellschaft innehatte, weiter ausgebaut.
Eine weitere wegweisende Führergestalt fand die Bewegung in
Rudolf Steiner, der ab 1902 die deutsche Sektion der Theosophischen
Gesellschaft leitete, bis er sich mit ihr wegen der Ausrufung Krishnamurtis
zum neuen Weltlehrer überwarf und 1913 die Anthroposophische
Gesellschaft begrndete.
Obwohl Steiner dem theosophischen Gedankengut weiterhin verpflichtet
bleibt, verläßt er sich zur Erlangung seines "höheren
Wissens" in erster Linie auf "Imagination, Inspiration und
Intuition", d.h. auf seine "innere Schau". So wird
auch sein Wissen um "die letzten Dinge", um die "Wesenheit
des Menschen", um die Reiche der Natur und die "übersinnlich-geistigen
Welten" nicht aus empirischen Untersuchungen und logischen Überlegungen
abgeleitet. Steiner verzichtet darauf, seine Ausführungen und
Behauptungen in irgendeiner Weise zu belegen, denn "für
denjenigen, dem das innere Werkzeug erwachsen ist, durch
das er das den äußeren Sinnen verborgene wahre Wesen des
Menschen zu erkennen vermag, [...] bedarf diese "verborgene Weisheit"
keines Beweises". Und doch, so Steiner, muß der so Erleuchtete
"seine Worte an alle Menschen richten, denn er hat über
Dinge zu berichten, die alle Menschen angehen; ja, er weiß,
daß niemand ohne eine Kenntnis dieser Dinge im wahren Sinne
des Wortes Mensch sein kann."30 Dieser Grundgedanke
durchzieht das ganze Werk des neuen Messias: wirklicher
Mensch ist nur der Erleuchtete oder derjenige, der sich
der neuen Heilsbotschaft öffnet.
Die im Rudolf Steiner Verlag erschienene Gesamtausgabe (Werke, Briefe
und die Abschrift von fast 6.000 Vorträgen) umfaßt über
dreihundert Bände. Trotz seinem eindrücklichen Umfang und
der bedeutungsschwangeren Thematik ist dieses schriftliche Vermächtnis
gedanklich äußerst mager. Immer wieder werden dieselben
Grundvorstellungen der wesensmäßigen Einheit und der geistigen
Durchdringung allen Seins beschworen. Steiners Ausführungen bleiben
dabei so allgemein und unbestimmt, daß sie sich beliebig interpretieren
lassen und jede kritische Analyse ausschließen.
Ein so banales Konzept wie die Gliederung des "ganzen Menschen"
in einen physischen, einen seelischen und einen geistigen Bereich
(deren jeder wiederum in drei Teilbereiche zerfällt), findet
zum Beispiel folgende Darstellung: "Will man den ganzen Menschen
erfassen, so muß man ihn aus folgenden Bestandteilen zusammengesetzt
denken. Der Leib baut sich aus der physischen Stoffwelt auf, so daß
dieser Bau auf das denkende Ich hingeordnet ist. Er ist von Lebenskraft
durchdrungen und wird dadurch zum Ätherleib oder Lebensleib.
Als solcher schließt er sich in den Sinnesorganen nach außen
auf und wird zum Seelenleib. Diesen durchdringt die Empfindungsseele
und wird eine Einheit mit ihm. Die Empfindungsseele empfängt
nicht bloß die Eindrücke der Außenwelt als Empfindungen;
sie hat ihr eigenes Leben, das sich durch das Denken auf der andern
Seite ebenso befruchtet wie durch die Empfindungen auf der einen.
So wird sie zur Verstandesseele. Sie kann das dadurch, daß sie
sich nach oben hin den Intuitionen erschließt wie nach unten
hin den Empfindungen. Dadurch ist sie Bewußtseinsseele. Das
ist ihr deshalb möglich, weil ihr die Geisteswelt das Intuitionsorgan
hineinbildet, wie ihr der physische Leib die Sinnesorgane bildet.
Wie die Sinne durch den Seelenleib die Empfindungen, so vermittelt
ihr der Geist durch das Intuitionsorgan die Intuitionen. Der Geistmensch
ist dadurch mit der Bewu§tseinsseele in einer Einheit verbunden
wie der physische Körper mit der Empfindungsseele im Seelenleib.
Bewußtseinsseele und Geistselbst bilden eine Einheit. In dieser
Einheit lebt der Geistesmensch als Lebensgeist, wie der Ätherleib
für den Seelenleib die leibliche Lebensgrundlage bildet. Und
wie der physische Körper in der physischen Haut sich abschließt,
so der Geistmensch in der Geisteshülle. Es ergibt sich die Gliederung
des ganzen Menschen in folgender Art: Physischer Körper - Ätherleib
oder Lebensleib - Seelenleib - Empfindungsseele - Verstandesseele
- Bewu§tseinsseele - Geistselbst - Lebensgeist - Geistesmensch.31
Es bleibt völlig offen, wie das Gesagte zu verstehen sei. Steiners
Sehertum beruhte letztlich darauf, daß er die in
seinem Innern aufsteigenden Gedanken, Vorstellungen und Tagträume
weder einer Realitätsprüfung, noch, im Sinne
der Psychoanalyse, einer "Deutung" unterzog, sondern sie
unbefragt als faktische, d.h. allgemeingültige, objektive und
autonome Realität auffaßte.
In Anlehnung an indische Vorstellungen und in Übereinstimmung
mit der Theosophie verkündete er schließlich auch eine
Form der "Seelenwanderung", derzufolge die Seele nach dem
"Tod" in einem anderen menschlichen Leib wieder erscheine,
und zwar so oft, bis sie sich durch die verschiedenen "Inkarnationen"
genügend geläutert und vergeistigt habe, um vom Rad
der Geburten erlöst zu werden. Dazu beschreitet der Suchende
den "Pfad der Erkenntnis". Nachdem er gelernt hat, "wie
die Wahrheiten über diese Welt gemeint sind", wird ihm "durch
die großen geistigen Führermächte des Menschengeschlechts
die sogenannte Einweihung zuteil. [...] Der Quell geistiger Einsicht
strömt ihm nunmehr aus einem höheren Ort zu [...] In ihm
erhalten die Rätsel, welche die Welt aufgibt, ein neues Licht.
Er redet fortan nicht mehr mit den Dingen, die durch den Geist gestaltet
sind, sondern mit dem gestaltenden Geiste selbst. Das Eigenleben der
Persönlichkeit ist dann in den Augenblicken der Geistererkenntnis
nur noch da, um bewußtes Gleichnis zu sein des Ewigen."32
Als Erleuchteter meinte Steiner über alles Bescheid
zu wissen und hielt dementsprechend Vorträge über jedes
erdenkliche Thema: unter anderem über die verschiedenen Evangelien,
die Apokalypse und die Wiederkunft Christi, über "okkulte"
Physiologie, über Licht, Wärme, Astronomie, Mathematik,
Medizin, Ton- und Heileurythmie, über Ökonomie, Recht und
Landwirtschaft. Dabei geißelte er ohne Unterbruch den Agnostizismus
seiner Zeit und insbesondere die materialistische Wissenschaft,
die es verschmähe, die letzten Dinge anzugehen und
den Urgrund des Seins zu erforschen. Dem sinnentleerten, geistig verarmten
Leben seiner Zeitgenossen stellte er das umfassende, weil die übersinnliche
Wirklichkeit miteinbeziehende Selbst- und Welterlebnis des Erleuchteten
und Eingeweihten gegenüber, wobei seine suggestiven, beschw_renden
Beschreibungen dieser Erfahrungen äußerst unbestimmt blieben
und auf jede konkrete, überprüfbare und faßbare Angabe
verzichteten. Dementsprechend gingen auch Steiners Empfehlungen, d.h.
seine Maximen menschlichen Verhaltens kaum je über die allgemeinsten
und banalsten Grundsatzerklärungen hinaus.
Trotz der fehlenden Konsistenz seines Denkens und seinem Hang zum
Irrationalen, Phantastischen und Mystifizierenden gewann Steiner viele
Anhänger und übte mit seinem Ansatz, alle Lebensbereiche
ganzheitlich, d.h. im Sinne des von ihm entwickelten Welt- und Menschenbildes
zu deuten, einen weitreichenden Einfluß auf das damalige Geistesleben
aus.33
Theosophie und Anthroposophie sind bloß die bekanntesten und
verbreitetsten einer großen Zahl ähnlicher parareligiöser
Bewegungen, die Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in
der ganzen westlichen Welt in Erscheinung traten. Zusammen stellten
sie den Versuch dar, eine Alternative zu den revolutionären,
dem Laien jedoch schwer verständlichen Entdeckungen der modernen
Wissenschaft anzubieten; sie wollten einerseits das Neue, Unbekannte
in den Bereich der eigenen Vorstellungs- und Erklärungsmöglichkeiten
bringen und dem drohenden Umbruch mit einem altbewährten Bewältigungsmodus
- dem der gläubigen Unterwerfung - begegnen, und wollten andererseits
die unsichtbare Wirklichkeit dem versachlichenden Zugriff
der Ratio entziehen, um sie erneut in ein idealistisches, anthropozentrisches
Weltbild einzubinden.
Die beiden entscheidenden Aspekte, durch die all diese esoterischen
und pseudowissenschaftlichen Lehren zum gleichzeitig sich bildenden
wissenschaftlichen Menschenbild in Widerspruch traten, war einerseits
ihre fehlende Transparenz, andererseits ihre kategorische Ausklammerung
der vitalen Dimensionen menschlicher Existenz. Der Kampf ums Überleben,
das Streben nach Macht und Reichtum, Sexualität und Narzißmus,
d.h. die Triebkräfte, die Schopenhauer, Darwin, Marx und Freud
der biologischen, gesellschaftlichen und individuellen Entwicklung
des Menschen zugrunde legen, stellten für Theosophen und Antroposophen
zwar die Wurzel allen Übels dar; doch ansonst wurden sie ignoriert.
Ihre Liebe galt ausschlie§lich dem Geist, dem sogenannt "Übersinnlichen".
Ihren Texten, Bildern und Visionen fehlte die Erfahrungsebene des
Sinnlichen, die Kraft und Fruchtbarkeit des Triebhaften. Die verdrängte
Triebhaftigkeit und der verleugnete Narzißmus äußerten
sich nur noch als Symptom, in der Redundanz und der schwülstigen
Gestelztheit der Sprache, die all diese Lehren auszeichnete. Hinter
der Botschaft der übersinnlichen Wirklichkeit und
des ganzheitlichen Menschen stand trotz allem das gespaltene
Welt- und Menschenbild des 19. Jahrhunderts, in dem Körper und
Geist, Energie und Materie als unvereinbare Gegensätze aufgefaßt
wurden.
3. Die Kunst des 19. Jahrhunderts
Die Stellung des Künstlers im Paris des 19. Jahrhunderts
In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts hatten viele Künstler
ihre Bindung an die bisherigen Auftraggeber verloren und arbeiteten
nur noch für den freien Markt. In Paris, London und anderen europäischen
Hauptstädten veranstalteten die königlichen Akademien, die
den künstlerischen Nachwuchs ausbildeten, große Jahresausstellungen,
die sich zu gesellschaftlichen Ereignissen auswuchsen und für
den Erfolg oder Mißerfolg eines Künstlers von entscheidender
Bedeutung wurden. Durch die Salons, wie diese Ausstellungen
in Anlehnung an den Pariser Salon des peintres français
genannt wurden, war die Kunst auf eine neue Art öffentlich geworden;
das Ausstellungsrecht blieb jedoch auf die Mitglieder der Akademie
beschränkt.
Mit dem Sieg der Revolution setzte in Paris eine fortschreitende Demokratisierung
der künstlerischen Ausbildung und des allgemeinen Kunstbetriebs
ein. 1791 hob die Gesetzgebende Versammlung viele Privilegien der
Akademie auf und erteilte allen Künstlern das Recht, im Salon
auszustellen. Diese extrem liberale Ordnung war jedoch nur von kurzer
Dauer. Mit der Konsolidierung der politischen Strukturen wurde das
Autoritätsprinzip auch im künstlerischen Bereich wieder
hergestellt: die Académie des Beaux-Arts wurde
als eine Abteilung des neugegründeten Institut National
des Sciences et des Arts zu neuem Leben erweckt; sie ernannte
die Professoren der Ecole des Beaux-Arts, vergab den begehrten
Prix de Rome, der zu einem Studienaufenthalt im Römer-Atelier
der Akademie berechtigte, und organisierte die Ausstellungen des Salons.
Nach den neuen Bestimmungen konnten zwar weiterhin alle Künstler
ihre Bilder zum Salon einsenden, zugelassen wurden jedoch nur jene,
die vor der strengen, vom Institut eingesetzten und nach akademischen
Kriterien urteilenden Jury Gnade fanden.
Das Verschwinden des Auftraggebers und der Konkurrenzkampf um die
Aufmerksamkeit und die Gunst eines anonymen Publikums führten
sowohl konservative als auch progressive Künstler dazu, sich
von ihrer Bindung an die bisher überlieferten Bildthemen zu befreien.
Dies entsprach der revolutionären Grundstimmung der Zeit und
den unterschwelligen Erwartungen, die das neue Publikum in die Kunst
setzte. Deren gesellschaftliche Aufgabe bestand in erster Linie darin,
die mit dem sozialgeschichtlichen Wandel verbundenen Ängste zu
bannen und den Entwurf eines Selbst- und Weltbildes vorzulegen, das
den narzißtischen Bedürfnissen des damaligen Bürgertums
entsprach.
Dieses bildete eine neue, zahlenmäßig ständig zunehmende,
doch in ästhetischen Belangen noch unerfahrene Käuferschicht.
So begann sich eine Kluft abzuzeichnen zwischen dem, was man die offizielle
Kunst nannte, die sich an der Tradition der Akademien orientierte,
und den fortschrittlichen Künstlern, die neue Ideale errichteten,
neue künstlerische Themen entdeckten und neue Gestaltungsmittel
entwickelten. Deren Arbeiten wurden zu Beginn oft verkannt,
von den Salons abgewiesen und nur von einer kleinen Minderheit geschätzt
und gekauft. Damit begann Ende des 19. Jahrhunderts ein Grundzug der
Moderne spürbar zu werden - das persönliche Bekenntnis und
die geistige und soziale Stellungnahme des Künstlers, der damit
die Rolle und Funktion des Deuters übernahm, die der Priester
nicht mehr zu erfüllen vermochte.
Um seine Aufgabe zu erfüllen, verfügte der damalige Künstler
über einen Bewußtseinshorizont und ein gestalterisches
Können bisher unbekannten Ausmaßes. Im ausgehenden 18.
und dem beginnenden 19. Jahrhundert wurden umfassende Geschichtswerke
zur Kunst, Musik, Literatur, Philosophie und Religion geschrieben,
die einen verhältnismäßig breiten Leserkreis fanden.
Eine distanzierte historische Betrachtungsweise erlaubte es erstmals,
künstlerische Schöpfungen der unterschiedlichsten Formen
und Epochen zu würdigen und auch unabhängig ihrer ideellen
Ausrichtung zu schätzen.
Eine weitere Förderung erfuhr diese Betrachtungsweise durch den
Beschluß der Revolutionsregierung, ein öffentliches Museum,
das Musée de la République zu schaffen.
1793 wurde die ehemalige Kunstsammlung des Königs in den Louvre
übergeführt und dem Publikum zugänglich gemacht. Nun
konnten junge Künstler die Werke der großen Meister aus
eigener Anschauung kennenlernen, ohne dazu wie bisher nach Italien
reisen zu müssen. Der Besuch im Louvre und das regelmäßige
Kopieren wurden zu einem festen Bestandteil der künstlerischen
Ausbildung. Durch die neuen Verkehrsmittel, die Reproduktion, die
Museen und die akademische Ausbildung waren die gestalterischen Errungenschaften,
die Zielsetzungen und Ideale der bisherigen Kunstentwicklung allgemein
zugänglich geworden und stellten den Malern des 19. Jahrhunderts
ein geistiges und künstlerisches Instrumentarium zur Verfügung,
dessen Reichtum sich einerseits in der Vielfalt und technischen Gekonntheit,
andererseits im epigonalen Charakter ihrer Produktion niederschlagen
sollte.
Mit der Einführung und Perfektionierung neuer Reproduktionstechniken
wurde es im weiteren üblich, von erfolgreichen Gemälden
kleinformatige Drucke herstellen zu lassen, deren Verkauf den Künstlern
und Händlern beachtliche Einnahmen brachte. Die Galerie Goupil
bezahlte zum Beispiel Dominique Ingres 24'000 Franken für die
Reproduktionsrechte seiner berühmten Odalisque, ein Gemälde,
das im Original bloß 1'200 Franken gekostet hatte.
Die prägende und alle diese Künstler miteinander verbindende
Grunderfahrung war die der immer rascher voranschreitenden Veränderung
aller Lebensbereiche. Der geschichtliche Umbruch wurde von der damaligen
Gesellschaft sowohl als Chance als auch als Bedrohung empfunden, sowohl
begrüßt als auch bekämpft. Die Auseinandersetzung
zwischen progressiven und konservativen Kräften schlug sich in
der Malerei nicht nur im Widerstreit zwischen Klassizisten und Romantikern,
zwischen Realisten und Symbolisten nieder, sondern auch im Gegensatz
zwischen fortschrittlicheren und traditionsgebundeneren Tendenzen
innerhalb dieser Kunstrichtungen. Die ambivalente Haltung der damaligen
Künstler manifestierte sich auch häufig innerhalb der einzelnen
Werke, und zwar im ideellen Widerspruch zwischen der Thematik, dem
eigentlichen Inhalt ihrer Aussage und dem Stil der künstlerischen
Umsetzung dieser Aussage. Nur wenige Künstler vermieden diesen
Widerspruch, und auch diese zum Teil erst in ihrem Alterswerk; es
waren die wirklichen Erneuerer wie Goya, Ingres, Delacroix, Daumier,
Courbet oder Manet, die man eben deshalb zu den Vorläufern der
Moderne zählt.34
Entsprechend der unterschiedlichen ideellen Haltungen, mit der die
damaligen Maler der gemeinsamen Grunderfahrung des geschichtlichen
Wandels begegneten, lassen sich in der künstlerischen Entwicklung
des 19. Jahrhunderts vier Hauptströmungen erkennen, die sich
in den vier wichtigsten Kunstrichtungen jener Zeit, Klassizismus,
Romantik, Symbolismus und Realismus niederschlugen.
Bevor ich auf diese eingehe, will ich in großen Zügen das
Werk und die Gestalt jenes Künstlers umreißen, der sich
insofern in keine derselben einordnen läßt, als er die
wesentlichen Aspekte all dieser Richtungen zeitlich vorweggenommen
und zu einer umfassenden Einheit miteinander verbunden hat: Francisco
José de Goya y Lucientes, der wichtigste Vorläufer der
Moderne und einer der größten Maler überhaupt.
Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828)
Obwohl noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts geboren,
darf man Goya dem 19. Jahrhundert zuzählen, denn das Werk, das
wir mit seinem Namen verbinden, begann erst nach der schweren Krankheit
Gestalt anzunehmen, die ihn 1792 mit Taubheit schlug. Bis dahin war
Goya für die königliche Teppichmanufaktur in Madrid tätig,
für die er Entwürfe im Stil des späten Rokoko anfertigte;
1786 wurde er von König Karl IV. zum Hofmaler ernannt. Wäre
er seiner Krankheit erlegen, so würden wir ihn heute wohl kaum
mehr kennen, denn seine frühen Werke unterscheiden sich nicht
wesentlich von denen seiner unbedeutenden Zeitgenossen.
Der Wandel setzte unmittelbar nach seiner Krankheit ein. Ohne jeden
Auftrag, ganz aus eigenem Antrieb, malte Goya eine Reihe kleinformatiger
Bilder (ca. 45 x 32 cm) die er im Januar 1794 seinem Freund und Gönner
Bernardo de Iriarte zukommen ließ, damit sie dieser der Akademie
vorlege. "Um die durch die Betrachtung meiner Leiden gedemütigte
Phantasie zu beschäftigen", schrieb Goya in einem Begleitbrief,
"[...] habe ich eine kleine Serie von Kabinett-Bildern gemalt,
in denen mir Beobachtungen gelungen sind, für die in den üblichen
Auftragsarbeiten, in denen sich Laune und Erfindung35 nicht entfalten
können, kein Raum ist".36
Drei Tage später kündigte Goya in einem zweiten Brief ein
weiteres, eben begonnenes Bild an: "... es stellt einen Hof mit
Irren dar, darin zwei, die völlig nackt miteinander kämpfen,
den Wärter, der sie schlägt und andere mit ihren Säcken
(es ist ein Szene, der ich in Zaragoza beiwohnte). Ich werde es Ihnen
senden, damit das Werk vollständig sei."37
Dieses Bild - das einzige der Sendung, das sich dank des zitierten
Briefes zweifelsfrei identifizieren läßt38 - konfrontiert
uns erstmals mit den dunklen Mächten, die fortan das Werk des
großen Spaniers bestimmen sollten (Abb. 9a). Der jetzt taube
Goya hat sich von der Rolle des Hofmalers emanzipiert und beginnt,
seine eigenen Bilder zu malen.
Doch fällt die Wende in seinem Schaffen nicht nur mit seiner
Krankheit zusammen. Wenige Monate, bevor er das Gehör verlor,
wurde mit dem Sieg der Revolution die französische Republik ausgerufen.
Damit breitete sich auch in Spanien der Geist der Aufklärung
aus. Die Liberalen - los ilustrados - unter denen Goya viele Freunde
zählte, gewannen zusehends an Macht und nahmen 1797 einige wichtige
Ministerposten ein. Sie träumten von einem neuen, offenen und
kosmopolitischen Spanien und wollten alles reformieren: Erziehung
und Religion, Handel, Industrie und Landwirtschaft, doch stießen
sie überall auf Widerstand, auf Unwissenheit und Aberglaube,
auf eine ablehnende Priesterschaft und auf die immer noch machtvolle
Inquisition. So konnten sie ihre Stellung nur für kurze Zeit
behaupten.
Um diese Zeit wandte sich die Kunst des bald Fünfzigjährigen
vom galanten Rokoko ab. Nach den Kabinett-Bildern entstanden 1794
und 1795 die großartigen Bildnisse La Tirana und La Marquesa
de la Solana (Abb. 10) und 1796 - nach Abbruch seiner Liebesbeziehungen
zur Gräfin von Alba - die Zeichnungen des Album de Madrid. Gleichzeitig
begann Goya, in seinen Porträts der königlichen Familie
deren Schwächen, Bosheiten und Laster mit schonungsloser Offenheit
bloßzulegen. Den Höhepunkt dieser Entwicklung bildet die
Radierfolge Los Caprichos, die Goya selbst verlegte und am 6. Februar
1799 in einer Annonce des Diario de Madrid zum Verkauf anbot.
In diesen Blättern hat sich Goya von den Zwängen und Konventionen
seiner Auftragsarbeit völlig gelöst; neben den Hofmaler
tritt der große Visionär und Realist. Er kritisiert mit
bitterem Spott menschliche Schwächen und die sozialen, kirchlichen
und politischen Mißstände seiner Zeit: Zweckheirat und
Prostitution, Habgier, Bestechung und politische Intrige, religiöse
Intoleranz, Aberglaube und Fanatismus. Die bekannte Radierung El sueno
de la razòn produce monstruos (Der Schlaf der Vernunft gebiert
Ungeheuer), die ursprünglich als Titelblatt der Sammlung gedacht
war, wirkt wie eine düstere Vorahnung der kommenden Ereignisse
(Abb. 11).
Karl IV. war mit Frankreich ein Bündnis gegen England eingegangen,
doch führte der damit begonnene Krieg zur Vernichtung der spanischen
Flotte bei Trafalgar und gab Napoleon Gelegenheit, in die Politik
und die Intrigen des spanischen Hofes einzugreifen. 1807 dringen französische
Truppen in Spanien ein. Eine Erhebung des Volkes zwingt 1808 den verhaßten
König zur Abdankung und hebt seinen Sohn, Ferdinand VII, auf
den Thron. Seine Regierung dauert keine zwei Wochen. Napoleon setzt
ihn kurzerhand ab und läßt seinen eigenen Bruder, Joseph
Bonaparte, zum König von Spanien und von Indien krönen.
Es kommt zum Volksaufstand, zum schrecklichen Gemetzel des 2. Mai
an der Puerta del Sol und zur Erschießung der Aufständischen
am 3. Mai vor dem Moncloa Palast. Diese Szenen hat Goya sechs Jahre
später in seinen beiden berühmten Gemälde Der 2. Mai
und Der 3. Mai in Madrid festgehalten (Abb. 12). Napoleon besetzt
Spanien mit einer Armee von 200 000 Mann. Der Spanische Befreiungskrieg,
der damit beginnt, dauert fast fünf Jahre und erreicht sein Ziel
- die Wiedereinsetzung Ferdinands - erst mit der Abdankung Napoleons.
Es ist der erste Guerillakrieg der Geschichte. Das ganze Volk erhebt
sich gegen die französischen Besatzungstruppen. Die Kirche, die
in den Franzosen lauter Atheisten und in Napoleon den Antichrist sieht,
kämpft an der Seite der Aufständischen. Priester und Mönche
rufen im Namen des Glaubens zu Mord und Totschlag auf und nehmen oft
auch selbst aktiv daran teil.
Der von Napoleon eingesetzte Joseph I. war ohne Zweifel der fortschrittlichste
König, der das Land je regiert hatte. Doch vergeblich, die Spanier
wollen ihren Ferdinand zurück. Welcher Hohn! Dieser schwache,
charakterlose und Napoleon völlig ergebene junge Mann, der sich
in seinem fürstlichen Exil voller Gleichgültigkeit gegenüber
dem Schicksal seines Landes den Freuden eines luxuriösen Lebens
hingibt, wird für das aufständische Volk zum deseado,
zum Ersehnten! Für die Liberalen ist die Situation voll innerer
Widersprüche. In wenigen Tagen dekretiert Napoleon eine ganze
Reihe von fortschrittlichen Gesetzen, um welche die ilustrados
jahrelang erfolglos gekämpft haben: das Inquisitionstribunal
wird abgeschafft, die Rechte und Privilegien des Adels werden aufgehoben
und der größte Teil der Klöster wird geschlossen.
Viele Freunde Goyas zählen zu den afranciscados,
die zu den Franzosen halten; einige sind gar Mitglieder der Regierung.
Andere seiner Freunde stehen hingegen auf Seiten der Aufständischen.
Goya arbeitet weiterhin für den Hof - wenn auch weniger als früher
und nicht mehr als Erster Maler - doch ergreift er nicht Partei. Er
ist zerrissen im Zwiespalt zwischen den Ideen der Revolution, der
geistigen Freiheit, die sie bringt und dem verzweifelten Kampf des
Volkes, das in tragischem Unwissen und Mißverständnis eine
gestrige, ihm feindliche Sache mit heldenhaftem Mut gegen die französische
Militärmacht verteidigt. Er kann nicht abseits stehen, kann sich
aber in diesem widersinnigen Geschehen auch mit keiner der beiden
Seiten identifizieren. Er nimmt Stellung, doch als Künstler:
zum Geschehen als einem Ganzen. Ohne Auftrag und ausschließlich
für sich selbst und seinen engsten Kreis hält er Gewalt
und Schrecken, die sein Land verwüsten, in einer Reihe erschütternder
Bilder fest, die sich heute zum größten Teil in Madrider
Privatsammlungen befinden. Er holt das Werkzeug hervor, das er während
zehn Jahren - seit den Caprichos - nicht mehr benutzt hat und beginnt
die Radierfolge Los desastres de la guerra, das eindringlichste Zeugnis
des Krieges in der Geschichte der Kunst: keine Ausschmückung
von Heldentaten zum Ruhm von Königen und Feldherrn, kein Lob
der Mächtigen wie Velasquez' Übergabe von Breda oder Davids
Verherrlichungen Napoleonischer Feldzüge, sondern die Darstellung
des Menschen als Opfer von Fanatismus und Brutalität, von Wahnwitz
und Raserei, von Glauben und Verblendung - als Opfer seiner selbst.
Nichts entgeht ihm, nichts beschönigt er, nichts wird idealisiert.
Er stellt fest und klagt an: Mord und Totschlag, Brand, Erschießungen,
Vergewaltigungen, Gehenkte, Geköpfte, Aufgespießte und
Verhungerte, Berge von Leichen, Gefängnisse, Irrenhäuser,
verzweifelte, entsetzte, flüchtende und sterbende Menschen, Grauen,
Not und Pein. Es sind die erschütterndsten und entsetzlichsten
Darstellungen dessen, was Menschen einander zufügen können
- Goyas Stellungnahme zum Irrsinn der Geschichte39 (Abb. 13-16).
Goya hatte ohne Zweifel im Sinn, seine Radierungen zu veröffentlichen,
sobald sich dazu die Gelegenheit bot. Die entsprechenden Bedingungen
schienen erfüllt, als der Graf von Wellington an der Spitze seines
Heeres in Madrid einmarschierte und damit Spanien vom französischen
Joch befreite. Mit der anschließenden Rückkehr Ferdinands,
des deseado, kamen jedoch in Spanien wieder reaktionäre Kräfte
an die Macht und errichteten eine neue Schreckensherrschaft, unter
der auch die Inquisition zu neuem Leben erwachte. An eine Veröffentlichung
der Desastres war nicht mehr zu denken.
Während Goya offiziell an Aufträgen für den neuen Hof
und an Gemälden und Radierungen zum Thema des Stierkampfs arbeitete,
entstanden im geheimen die letzten Blätter der Desastres, die
sich nun in erster Linie gegen die Dummheit und die repressiven Machenschaften
der Kirche richteten. Der Künstler hat die Veröffentlichungen
seiner Desastres ebensowenig erlebt wie die des etwas später
entstandenen Zyklus der Proverbios, seiner wohl stärksten Radierfolge
(auch Disparates genannt, also Verrücktheiten oder Absurditäten).
Sie erfolgen erst 1863 und 1864, fünfunddreißig Jahre nach
seinem Tode (Abb. 17, 18).
Nach einer schweren Krankheit, die ihn 1819 an den Rand des Todes
brachte, entstehen die sogenannten schwarzen Bilder, die er von 1820-23
in zwei großen Sälen seines Landhauses, der Quinta
del Sordo, direkt an die Wand malte. In diesen phantastischen
Visionen, in denen die Schrecken der Desastres und der Proverbios
monumentale Ausmaße erreichen, überschreitet Goyas Anklage
auch den Rahmen des sozialen Protests. Sie dringt tief ins eigene
Innere und richtet sich gegen die dunklen Mächte, die von dort
her die Einheit seiner Seele bedrohen. Dieser Gang ins Inferno bildet
zweifellos den Höhepunkt seines Schaffens (Abb. 19, 19a).
1824 gelang es Goya, der unter der Inquisition um seine Sicherheit
fürchten mußte, von Ferdinand einen Urlaub zu erwirken.
Nach einem zweimonatigen Besuch in Paris, wo er zwar im Salon erstmals
Bilder von Ingres und Delacroix sah, doch keinem der dortigen Maler
persönlich begegnete, ließ sich der Achtzigjährige
zusammen mit seiner bedeutend jüngeren Lebensgefährtin und
ihren beiden Kindern in Bordeaux nieder, wo er unter den vielen Exilspaniern
manche Freunde zählte. Seine Arbeitskraft ist ungebrochen. Er
widmet sich der eben aufkommenden Lithographie, malt in einer selbst
entdeckten Technik eine Reihe erstaunlicher Miniaturen auf Elfenbein,
in denen Themen der schwarzen Bilder wiederkehren und
schafft mit dem Porträt Marianos, seines ältesten Sohnes,
und dem Bildnis der Milchverkäuferin von Bordeaux seine letzten
Meisterwerke. Er starb 1828, im Alter von vierundachtzig Jahren.
Obwohl Goya von den Symbolisten als Vorläufer in Anspruch genommen
und in der Regel entweder ihnen oder den Romantikern zugeordnet wird,
unterscheidet sich der große Spanier in ganz grundsätzlicher
Weise von denen, die sich auf ihn berufen.
Goya tritt seiner Zeit nicht mit nostalgischen Wünschen, sondern
als Realist entgegen. Statt das Verlorene illusorisch heraufzubeschwören,
wird die Wirklichkeit konfrontiert. Nicht die Illusion findet bei
ihm Gestalt und Ausdruck, sondern deren Verlust. Goya unternimmt es
nie, verlorenen oder neugefundenen Illusionen eine scheinbare Wirklichkeit
zu verleihen. Kein einziges Mal erliegt er der Versuchung, einer idealisierten
Vorstellung in affirmativer Weise konkrete Gestalt zu geben. Und doch
ist sein Werk von einer leidenschaftlichen Anteilnahme durchdrungen;
er unterläßt es keinen Moment, Stellung zu beziehen und
seine leitenden Werte und Ideale zu vertreten.
Sein illusionsloser Realismus weist das Ideale in seine Schranken.
Er vertritt und bezeugt es in einer völlig neuen, gewissermaßen
negativen Form: nicht als Wirklichkeit, sondern - seinem
eigentlichen Wesen gemäß - als Forderung, und zwar als
unerfüllte Forderung. Diese Auffassung des Idealen, der man bisher
nur in den Selbstbildnissen Rembrandts, seines großen Vorbildes,
begegnet war, verbietet Goya jede Form der Idealisierung. Im Gegensatz
zur irrealistischen Haltung der meisten Künstler des 19. Jahrhunderts
zeugt seine Malerei trotz ihrer vielzitierten Phantastik von einem
erbarmungslosen Realismus. Dabei gilt die Unbestechlichkeit seines
Blicks nicht nur der äußeren, sondern auch der inneren,
seelischen Wirklichkeit des Menschen. Zu dieser findet er "intimste
Nähe und kritischste Distanz".40 In den seelischen Abgründen,
die sich ihm dabei eröffnen, erkennt er das Ideale nur als ein
Geschändetes. "No se puede mirar!" (Man kann es nicht
ansehen!) lautet die Legende zu einem seiner Desastres, auf dem eine
Gruppe von Aufständischen vor die Läufe eines Erschießungskommandos
getrieben wird (Abb. 14). In diesem Satz verdichtet sich Goyas ideelle
Aussage. Das Ideale läßt sich nur noch als das darstellen,
was mit Füßen getreten wird. Gerade dadurch ersteht es
aber im Betrachter als leidenschaftlicher Protest gegen das Unannehmbare.
Diese Wirkung unterstreicht Goya durch die prägnanten Legenden,
die er seinen Radierungen hinzufügt. In seiner Kunst findet das
Ideal keine andere Metapher oder Repräsentanz mehr als die einzig
noch glaubwürdige - die negative. Damit führt Goya als erster
ein entscheidendes Stil- und Gestaltungsmittel des 20. Jahrhunderts
ein - das der negativen Präsenz.41
Trotzdem bleibt seine Malerei nicht im Negativismus befangen. Findet
in ihr das Ideal auch keine äußere Repräsentanz, so
wird es doch im gestalterischen Prozeß verwirklicht. Die Bedeutung
der Bilder und Radierungen Goyas erschöpft sich nicht in ihrer
leidenschaftlichen Anklage. So entsetzlich und aufwühlend die
dargestellten Szenen auch sind, so erfüllt ihre souveräne
Ausgestaltung trotzdem alle Forderungen unserer Ich-Struktur und unseres
Selbst: sie sind wahr, schön, lebendig und von einem tiefen und
unbeirrbaren Glauben an die Werte des eigenen Selbst erfüllt.
Dieser Glaube manifestiert sich in seiner gestalterischen Kühnheit,
in der Unbestechlichkeit seines künstlerischen Gewissens und
in der Treue zu einem geistigen Kanon, der jede Faszette seiner Darstellungskunst
und alle progressiven Tendenzen der ausgehenden Neuzeit zu einer umfassenden
und integralen künstlerischen Gestalt verbindet - zu einem umfassenden
und integralen Zeugnis menschlicher Existenz.
Die edle Gesinnung und der große Mensch: Klassizismus und Historienbild
Der Klassizismus stellt in der Kunst des 19. Jahrhunderts den offensichtlichsten,
wenn auch nicht einzigen Versuch dar, der sich verändernden Gegenwart
durch eine Rückbesinnung auf die Werte und Traditionen der Vergangenheit
zu begegnen.
Schon im 17. Jahrhundert hatten Nicolas Poussin und Claude Lorrain
der Versuch unternommen, mit ihrer Kunst die "Einfalt" und
"Grösse" der Antike zu neuem Leben zu erwecken. In
der Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde ihre Haltung duch die Kunsttheorien
des deutschen Archäologen Johann Winckenmann zur künstlerischen
Doktrin erhoben; sein Glaube, dass allein die Rückkehr zur Schönheit
und formalen Strengen der griechischen Kunst der verdorbenen Welt
Heilung bringen könne, breitete sich über ganz Europa aus.
Winckelmanns Jünger, die in Rom lebenden Maler Anton Raffael
Mengs (Abb. 19a), Joseph Maria Vien (Abb. 20), Angelica Kauffmann
und Jacques Louis David, gestalteten mythologische und historische
Themen der griechisch-römischen Antike und orientierten sich
an der klassischen Forderung nach Maß und Gleichgewicht; doch
blieb das Vollkommenheitsstreben dieser Künstler, die sich paradoxerweise
als fortschrittlich empfanden, unschöpferisch und epigonenhaft.
Im Zentrum ihres Werks stand die Idee. Das Ideal, das diese Künstler
vertraten, entsprach keiner integrierten psychischen Struktur, die
vitalen Triebregungen und individuellen exhibitorischen Ambitionen
fordernd entgegentritt. Die historisierenden Szenen, die sie in ihren
Bildern mit unübersehbar erzieherischen Absicht als leuchtendes
Vorbild vorführten, spiegelten keine innere Wirklichkeit, sondern
eine abgespaltene Phantasie; den narzisstischen Traum der eigenen
Reinheit, Vollkommenheit und zeitlosen Größe. Was sich
in dieser Kunst als Ideal vorstellte, war das Wunschbild des Bürgertums,
das sich anschickte, den Staat, die Gesellschaft, die Kultur auf neue
Grundlagen zu stellen, ohne zu wissen, wie es der neuen Realität
begegnen, wie es mit der eigenen Macht umgehen sollte.
Der begriffliche Unterschied zwischen Klassik und Klassizismus entspricht
im wesentlich demjenigen zwischen Ideal und Idealismus. Die Künstler
der griechischen Klassik orientierten ihre exhibitorischen Ambitionen
in erster Linie an idealisierten Masstabe, die mit den Forderungen
ihrer Ich-Strukturen übereinstimmten und sich somi als "Ich-gerecht"
in das eigene Selbst integrieren liessen. Das Wirkliche, das Wahre
und das Richtige wurden aus einem inneren Bedürfnis heraus angestrebt.
Dagegen orientierten sich die Klassizisten nicht in erster Linie an
ihrem inneren Gesetz, sondern an der Kunst der Klassiker, also an
einem Resultat soch innerer Orientierung. Ihre Werte traten ihnen
nicht als Forderung aus dem eigenen Inneren, sondern als Vorbild -
als bereits Ausgestaltetes - von aussen entgegen. Sowohl die exhibitorischen
Ambitionen als auch die idealisierten Werte ihrer Kunst stammten aus
zweiter Hand. Sie liessen sich eben deshalb nicht mehr verwiklichen,
sondern bloss noch nachvollziehen und verkünden. Das einst integrierte
Ideal beeinflusst die Idee die Darstellung nicht im dialektischen
Wechselspiel mit anderen Kräften, sonder wird selbst zu deren
alleinigem Gegenstand. Sie fordert keine Verwirklichung, sondern das
Bekenntnis.
1875 erfhur dieser frühe Klassizismus durch Davids berühmtes
Gemälde Der Schwur der Horatier einen ersten Bedeutungswandel.
Das Bild zeigt den Moment, in dem Horatio, das Haupt eines altrömischen
Patriziergeschlechts, gemäss der Überlieferung die Schwerter
hochhebt, auf die seine Söhne ihren Schwur ablegen: sie beloben,
gegen die feindlichen Curati-Brüder zu kämpfen und dabei
wenn nötig für ihr Vaterland ihr Leben zu opfern. Der mit
der Sage vertraute Betrachter weiss, dass sie im anschliessenden Kampf
auch den Geliebten ihrer eigenen Schwester töten werden, denn
diese ist mit einem der Curati verlobt. Wohl deshalb bildet der Männerbund
mit seiner martialischen Härte und seinem Pahtos einen so aufdringlichen
Gegensatz zur zusammengesunken, in Trauer ergeben Frauengruppe im
rechten Bildteil.
Es fält uns heute schwer, den Erfolg dieses Werkes zu verstehen.
Die Darstellungen wirkt starr und gezwungen, die lebengrosse Figuren
sind wie aus Stein gehauen, der Säulengang, vor der sich das
Geschehen abspielt, gleicht einer Theaterkulisse -und doch entfachte
das Bild vier Jahre vor Ausbruch der Revolution im Pariser Salon Stürme
der Begeisterung. Sie galten nicht nur der Form und den stilistischen
Mitteln, sondern vor allem dem Inhalt und der Idee des Werkes. David
hatte den "Nerv der Zeit" getroffen. In der dargestellten
Szene sah man ein Gleichnis: Der Schwur der Horatier stand für
die römischen Bürgertugenden, für Freiheits- und Vaterlandsliebe,
Heldenmut und Opferbereitschaft, Härte und Selbstüberwindung;
die asketische Strenge der Darstellung und der Verzicht auf jedes
schmückenden Beiwerk wurden als Protest gegen die Sinnlichkeit
unf Frivolität des höfischen Rokoko verstanden. Das Werk
vermittelte ein moralische Botschaft, in der das damaligen Publikum
eine Antwort auf die eigenen Hoffnungen und Erwartungen zu erkennen
vermeinte. Es erschien den Zeitgenossen als das Neuartigste und Gewagsteste,
das man sich vorstellen konnte und wurde als das "schönste
Bild des Jahrhunderts" bezeichnet.42
Mit dem Sieg der Revolution wurde der Klassizismus zum offiziellen
Stil der neuen Regierung erklärt und David, ihr wichtigster Vertrauensmann
in allen Kunstfragen ernannt. Kein französicher Künsler
hatte je so grossen Eifluss ausgeübt, keiner einen solchen Wirkungskreis
gehabt. Er war der "Kunstdiktator der Revolution" die Autorität,
der die ganze künstlerische Propaganda unterstellt war: die Veranstaltung
aller grossen Feste und Feierlichkeiten.43 Die von ihm gegründete
Kunstschule entwickelte sich rasch zum führenden "Atelier"
von Paris und bestimmte von hier aus die Richtlinien der Kunstausbildung
in ganz Europa.
Die künstlerische Produktion stand jedoch bereits unter neuen
Vorzeichen. Während der Revolutionszeit hatten die antiken Bildthemen
ihrer Voherrschaft verloren, die Malerei wandte sich in zunehmendem
Masse der Darstellung aktueller Ereignisse zu. Das war an sich nichts
neues. Die Schilderung des Zeitgeschehen finden sich schon in früheren
Jahrhunderten, man denke nur an die Trajanssäaule, an Paolo Uccellos
Darstellung der Schlacht von San Romano oder and die der Übergabe
von Breda durch Diego Velazquez. Die Historienbilder des 19. Jahrhunderts
unterschieden sich jedoch von diesen Gemälden durch ihren fast
journalistischen Charakter.
Die ersten Beispiele dieser Art stammen von dem seit 1774 in London
lebenden Amerikaner John Singleton Copley. 1779-80 malte er den Tod
von William Pitt im Parlament, ein drei Meter breites Gemälde,
auf dem er das aufsehenerregende, im Vorjahr erfolgte Ereignis im
Sinn einer nüchternen Berichterstattung festhielt. Um den Realismus
seiner Darstellung zu steigern und die darin figurierenden Parlamentsmitglieder
einzeln kenntlich zu machen, scheute Copley nicht davor zurück,
über 50 derselben für sein Bild zu porträtieren.
Copley Geschichtrealismus leitete eine neue Phase der Repräsentationskunst
ein. Mythologie und antike Geschichte wichen der historischen Reportage.
Diese Kunstgattung kam sowohl den demagogischen Absichten der Herrschenden
als auch der Sensationslust des Publikums und der Popularitätssucht
der Künstler entgegen und legitimierte alle drei duch die (scheinbare)
Wahrhaftigkeit der Darstellung. Die geschichtlichen Entwicklung gefriert
zum historischen Moment, der durch einen extremen, illusionäre
Naturalismus den Betrachter so nahegebracht wird, dass er vermeint,
mit dabei zu sein. Verbindet sich ein solcher Verismus mit den Normen
und Gestaltungsprinzipien des Klassizismus, so wir aus dem "grossen
Ereignis" ein geordnetes, überblickbares und damit fassbares
Ganzes. Der Betrachter nimmt es gewissermassen in Besitz. Gechichte
wird einverleibt, wird zu einem Teil des eigenen Selbst, das damit
an ihrer erhabenen Grösse teilhat. So kam diesen Historienbilder
eine bisher unbekannte politishce Bedeutung zu.
Es sollte nicht lange dauern, bis sich den Vertretern der neuen Ordnung
die Gelegenheit bot, dieses künstlerische Potential zu nutzen.
Als die junge Fanatikerin Charlotte Cordaz 1793 Jean-Paul Marat, einen
der Führer der Französischen Revolutions, im Bad erstach,
sandte die Regierung sofort nach David, damit er den Ermoderten an
Ort und Stelle sehen und in einer Zeichung festhalten konnte. Diese
bildete dann die Grundlage für das berühmte Gemälde,
auf dem er Marat als Märtyrer darstellt. Es is Davids sparsamtes
und zugleich vielchichtigstes Werk: unter Wahrung der klassizistischen
Gestaltungsprinzipien (Kompositionsprinzipien) gehen Berichterstattung,
realistiches Porträt und politisches Manifest eine einzigartige
Verbindung ein.
Davids spätere Produktion ist deutlich schwächer; doch ist
sie insofern von Interesse, als sich an ihr der gesellschaftlich-politische
Wandel des damaligen Frankreichs ablesen lässt. Die asketisch
strenge Darstellung von Marats Tod vertrat sowohl thematish wie gestalterich
die Ideale der Revolution. Nach der Errichtung des Kosulats malte
David - jetzt der offizielle Maler Napoleons - ein schon königlich
anmutendes Retiterbildnis des Ersten Konsuls und sieben Jahre später
das riesige Repräsentationsgemälde Die Krönnung Napoleons.
Mit dem Sturz des Kaisers erfuhr Davids Malerei einen nochmaligen
Wandel; während der Restaurationszeit, als in allen europäischenStaaten
versucht wurde, die vorrevolutionären Verhältnisse wiederherzustellen,
wandte sich der Künstler vom Zeitgeschehen ab und widmete sich
in seinem Brüsseler Exil neben seinen Porträtaufträgen
nur noch der illusionären Welt einer süsslichen und konventionelle
Antike. Trotz ihrer gestalterischen und gesinnungsmässigen Unterschiede
stimmen alle dieser Werke in einen Punkt miteinander überein:
sie stellen sich vorbehaltlos in den Dienst der jeweils herrschenden
Macht. Darin kommt ein grundlegender Charakterzug vieler klassizistischer
Künstler zum Ausdruck - die fehlende Verinnerlichund der jeweils
proklamierten Ideale. Im Sinn einer innerpsychischen Abwehr wird dieser
Mangel durch seine "Umkehr ins Gegenteil" verleugnet. Dies
schlägt sich in einem auffallenden Merkmal aller klassizistischen
Kunst nieder - in der sklavischen Beachtung äusserlicher Regeln
und in der doktrinäre Verfechtung normativer Prinzipien. Eben
deshalb ist der Klassizismus die Repräsentationskunst par excellence.
Die entwicklungsgeschichtliche Bedeutung des Klassizismus gründet
letztlich in eben dieser Haltung. Diese ganz Europa beherrschende
Kunstrichtung bot sich als übergeordnetes, alle fortschrittlichen
Zeitströmungen miteinander verbindendes Feindbild an. Ihr idealistischer
Konservativismus bildet für alle Zukunftsgerichteten Künstler
das Sprungbrett, von dem sie sich abstoßen, den Gegenpol, an
dem sie sich selbst erkennen. Alle progressiven Entwicklungen in der
Kunst des 19. Jahrhunderts lassen sich als Auflehnung gegen den künstlerischen
Absolutismus und die einengenden konservativen Maximen verstehen,
die in der klassizistischen Doktrin zum Ausdruck kommen.
Aus diesem vollendeten Mittelmaß ragt als einziger bedeutender
Künstler der Franzose Jean-Auguste-Dominique Ingres. Nur ihm
gelang es, sich die antiken Normen - zumindest in einigen seiner Werke
- zu eigen zu machen, indem er ihnen den Stempel seiner Person und
seines Talents aufdrückte. Seihe vollendeten Porträts und
Aktgemälde, seine grossen Badeszenen und seine meisterhaften
Zeichnungen (die insbesondere Picasso inspirieren sollten) stellen
den Höhepunk der ansonsten wenig fruchtbaren klassizistichen
Malerei dar. Sein formaler Purismus nahm entsprechende Tendenzen der
Moderne vorweg und übte einen entscheidenden Einfluß auf
Dégas, Seurat und Cézanne aus.
Sehnsucht und Leidenschaft: vom Historienbild zur Romantik
Die Französische Revolution, der Aufstieg und Sturz Napoleons
hatten deutlich gemacht, wie vergänglich politische Einrichtungen,
wie kurzlebig die ewigen Werte sind. Während die
unbelehrbaren europäischen Monarchien daran gingen, ihre alten
Privilegien wieder herzustellen und zur Festigung ihrer wiedergefundenen
Macht das prekäre politische Gleichgewicht zu schaffen, dem die
Revolutionen des Jahres 1848 erneut ein Ende bereiten sollten, setzte
der wissenschaftliche und technische Fortschritt ein, der die Wirtschaft,
die Politik und das Geistesleben Europas und Amerikas auf neue Grundlagen
stellen sollte. Um die Mitte des Jahrhunderts waren alle Formen des
geistigen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens in Fluß
geraten: Technik und Industrie hatten ihren Eroberungszug begonnen.
Der Mensch des 19. Jahrhunderts war überzeugt, in einer großen
Zeit zu leben. Doch waren die wissenschaftlichen, technischen
und ökonomischen Grundlagen der neuen Wirklichkeit, die sich
in groben Zügen abzuzeichnen begann, ihrem Wesen nach abstrakt
und deshalb den damaligen Zeitgenossen nicht interessant genug; sie
ließen sich zuwenig mit den bisherigen Vorstellungen von Heroismus
verbinden und vermochten das damalige Selbst- und Weltbild nur indirekt
zu bestimmen.45 Die bedrohliche Wirklichkeit der sich anbahnenden
gesellschaftlichen und geistigen Umbrüche wurde zwar von allen
verspürt, doch von niemandem begriffen. Dem heroischen Bewußtsein,
in einer Zeit der Umwertung aller Werte zu leben, fehlte jedes wirkliche
Verständnis der geschichtlichen Entwicklung, die seine Grundlage
bildete. Es blieb unstrukturiert und erschöpfte sich im Registrieren
seiner emotionalen Begleiterscheinungen: einer allgemein gesteigerten,
jedoch undifferenzierten, kollektiven Erregtheit und einer entweder
optimistisch zukunftsgerichteten oder sehnsüchtig rückwärtsgewandten,
doch in jedem Fall diffusen und objektlosen Erwartungshaltung. In
seiner Unbestimmtheit entzog sich dieses Bewußtsein auch jeder
bildnerischen Deutung.
Zur Zeit der Französischen Revolution und der Napoleonischen
Kriege war die Politik jedermann zum Schicksal geworden.46 Die politische
Entwicklung der folgenden drei Jahrzehnte hatte demgegenüber
nichts Aufregendes und Großartiges mehr zu bieten. War die Kunst
zur Zeit der großen politischen Erneuerungen eher konservativ
und darauf bedacht, ihnen den Anstrich des Ewiggültigen und Gottgewollten
zu geben, so wurde sie nun zum Sprachrohr der in ihren idealistischen
Erwartungen enttäuschten Generation und wendete sich wie diese
von der Politik und der konkreten Wirklichkeit ab. Die Künstler
der Romantik flüchteten sich in die innere Welt der Empfindung
und der Phantasie, in der sie unumschränkt herrschen konnten.
Diese Flucht fand im Norden Europas (Deutschland und England) und
in Frankreich unterschiedliche, ja gegensätzliche künstlerische
Ausgestaltungen.
Man kann die französische Romantik als expressionistisch, die
deutsche und englische als symbolistisch bezeichnen. Es ist üblich,
erstere mit fortschrittlichen, letztere mit konservativen Tendenzen
gleichzusetzen. Nach Hauser ist diese Unterscheidung für die
Begriffsbestimmung der Romantik wenig fruchtbar. Deren entscheidendes
Merkmal bestehe nicht in der politischen Anschauung ihrer Vertreter;
der revolutionäre Enthusiasmus der romantischen Künstler
sei ebenso weltfremd gewesen wie ihr Konservativismus, ihre Begeisterung
für Volksvertretung und Demokratie ebenso naiv und von der Erkenntnis
der wirklichen Triebkräfte der Entwicklung ebenso weit entfernt
wie ihre Schwärmerei für Kirche und Thron, Rittertum und
Feudalismus. Charakteristisch für diese Bewegung sei viel mehr,
daß diese Auffassungen und Stellungnahmen in jedem Fall einer
irrationalen, undialektischen Weltsicht entsprungen seien.47
Soweit kann ich Hausers brilliant formulierten Gedanken nur beipflichten.
Die Unterscheidung zwischen fortschrittlichen und konservativen Tendenzen
scheint mir jedoch trotzdem sinnvoll, nämlich dann, wenn man
nicht bloß die politische, sondern auch die künstlerisch-gestalterische
Haltung der betroffenen Künstler in Betracht zieht und beide
Haltungen zueinander in Beziehung setzt.
Dabei erkennt man, daß das Irrationale die gemeinsame Grundlage
zweier unterschiedlicher Geisteshaltungen bildet, die sich dementsprechend
in zwei unterschiedlichen Kunstauffassungen niederschlagen. Die französischen
Romantiker stehen politisch auf der Seite der Revolution; gestalterisch
neigen sie zu dramatisch bewegten Sujets und zu einer dynamischen,
sinnlichen Darstellungsweise, bei welcher der Gestaltungsprozess als
Bedeutungsträger zunehmend in den Vordergrund rückt. Das
Malerische löst die Zeichnung auf, der Pinselstrich wird pastos
und bewegt, die Farbe gewinnt eine neue Bedeutung - eine Tendenz,
die im Verlauf der Entwicklung von Goya über Géricault,
Delacroix, Courbet und Daumier bis zum Impressionismus ständig
zunimmt. In dem Maß, als sich in ihr die grossen Errungenschaften
der frühen Moderne ankündigen, stellt die französische
Romantik nicht nur politisch, sondern auch künstlerisch die progressive
Variante der Bewegung dar.
Demgegenüber stehen die deutschen und englischen Romantiker nicht
nur politisch auf der Seite der Reaktion, sondern bleiben auch künstlerisch
dem bildnerischen Kanon vergangener Epochen verpflichtet. Ihre Werke
zeichnen sich durch statische, still in sich ruhende Sujets und durch
eine symbolträchtige, literarisch-erzählerische Darstellungsart
aus. Die Zeichnung herrscht vor, der Pinselstrich ist unsichtbar,
die Farbe ist meist gedämpft und bestenfalls bunt, doch nie expressiv.
Auf Grund ihrer literarischen Ausrichtung und ihrer klassizistischen
Gestaltungsprinzipien bilden die deutsche und die englische Romantik,
die schließlich beide in den Symbolismus münden, auch künstlerisch
die konservative Variante der Bewegung.
Ich will diese Übereinstimmung zwischen künstlerischer und
politischer Haltung nicht überbewerten; doch legt sie nahe, die
beiden romantischen Strömungen trotz gewisser Gemeinsamkeiten
deutlich voneinander zu trennen. In der französischen Romantik
lässt sich eine Frühform des Expressionismus, in der deutschen
und englischen Romantik eine Frühform des Symbolismus erkennen.
a) Gewalt und Leidenschaft: die französische, expressionistische
Romantik
Die Anfänge dieser romantischen Richtung lassen sich in Westeuropa
bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts zurückverfolgen.
Das 1760 entstandene Gemälde Nächtlicher Seesturm (Abb.
21) ist ein typisches Beispiel für die neuartigen Darstellungen
von Schiffsuntergängen, Bränden oder sonstigen Schreckensszenen
auf stürmischem Meer, mit denen der Franzose Claude Joseph Vernet48
um jene Zeit das Sensationsbedürfnis des Londoner und Pariser
Salonpublikums befriedigte. In solchen Bildern kündigte sich
die Tendenz zur melodramatischen Übersteigerung an, die sich
nach dem Sturz Napoleons in ganz Europa durchsetzen sollte.
Während der Restaurationszeit verlor die Malerei zusehends ihren
Bezug zur geschichtlichen Realität und glitt ins Anekdotische
ab. Krieg, Frauenraub, Streit und Jagd waren Lieblingsstoffe, ebenso
Sturm, Feuer, Tod und Gewalt, Vernichtung und Untergang.49 Auch im
Fall der immer seltener werdenden Historienbilder wurde nicht mehr
die geschichtliche Bedeutung der dargestellten Ereignisse verherrlicht,
sondern Angst, Schrecken, Gewalt und Leidenschaft. Ihren finanziellen
Rückhalt fand diese Kunst im aufkommenden Bürgertum, das
an der Kultur teilhaben wollte, ohne geistig und ästhetisch darauf
vorbereitet zu sein. Gefragt waren Bilder, die keine Ansprüche
an ein besonderes Kunstverständnis stellten und auf eine gestalterische
Umsetzung der sichtbaren Wirklichkeit weitgehend verzichteten.
Die erfolgreichen Künstler jener Zeit - William Collins, Paul
Delaroche, Alexandre Decamps, Léopold Robert, Horace Vernet,
Ary Scheffler, Thomas Couture, Louis Boulanger und wie sie alle hießen
- verstanden sich auf die wirkungsvolle Inszenierung und verfügten
auch über ein beachtliches handwerkliches Können, doch spielten
sie in erster Linie für die Galerie. Sie produzierten
eine geleckte, effekthascherische Malerei, die mit ihren suggestiven
Schilderungen von Rühr- und Schauerszenen diejenigen Bedürfnisse
befriedigte, die heute durch den populären Film abgedeckt werden.
Ihre Bilder hatten einen durchweg literarischen Gehalt, einen anekdotisch-erzählerischen
Charakter; ihre gestalterischen Qualitäten erschöpften sich
im illusionistischen Naturalismus der Darstellung und in der melodramatischen
Übersteigerung der geschilderten Ereignisse (Abb. 22, 23).
Die Prinzipien des Klassizismus wurden dabei in ihr Gegenteil verkehrt.
Die Klassizisten hatten das Ideal, das sie vertraten, nicht integriert;
es bildete bei ihnen keine innere, psychische Struktur, sondern blieb
außen - eine abgespaltene Vorstellung entrückter
Größe; es wurde künstlerisch nicht verwirklicht, sondern
dargestellt. Die Salonromantiker hatten dagegen ihre exhibitorischen
Ambitionen und ihre Emotionalität nicht integriert. Ihre Bilder
drückten kein wirkliches, d.h. eigenes Empfinden, keine innere
Erfahrung aus. Die rührseligen, schrecklichen oder abenteuerlichen
Szenen, die sie schilderten, hatten Alibifunktion: sie dienten dazu,
eine schmerzlich empfundene Gefühlskälte, eine bedrohliche
innere Leere zu überdecken und die Empfindungen zu glorifizieren,
das Mitleid, den Mut und die Leidenschaft vorzutäuschen, zu denen
das damalige Bürgertum jeden realen Bezug verloren hatte.
Die romantischen Künstler hatten das, was sie wirklich bewegte
- die durch den gesellschaftlichen Wandel ausgelösten Ängste
und das allgegenwärtige Gefühl der Entfremdung - weder erkannt
noch verstanden; ihre eigentliche innere Bewegtheit blieb objektlos
und unartikuliert. Es fehlten gestalterische Ambitionen und idealisierte
Strukturen, die sie hätten binden und kanalisieren können;
es fehlte vor allem die bildnerische Sprache, um eigene Empfindungen
und innere Erfahrungen künstlerisch auszudrücken. So blieben
diese Künstler auf eine exotische, sensationelle
und bedeutungsvolle Thematik und eine erzählerische Darstellungsweise
angewiesen. Nichts schien ihnen unheimlich, abenteuerlich und dramatisch
genug, um die Tiefe, Einmaligkeit und Großartigkeit ihrer Gefühle
zum Ausdruck zu bringen. Diese fanden keinen unmittelbaren Ausdruck,
sondern wurden illustriert. Die Romantiker exhibierten nicht ihr Ideal,
wie die Klassizisten, sondern idealisierten ihre Exhibition. Es gelang
nur wenigen bedeutenden Vertretern dieser Richtung (insbesondere Géricault
und Delacroix), die Widersprüchlichkeit dieser geistigen Haltung
durch die gestalterische Integrität ihres Werkes zu kompensieren
oder gar aufzuheben.
Der jung verstorbene Théodore Géricault (1791-1824)
hat ein äußerst kleines uvre hinterlassen. Das Werk,
dem er seinen Weltruhm verdankt, stellt eine wahre Begebenheit dar.
Im Juli 1817 war eine französische Fregatte, die Siedler und
Soldaten nach Senegal brachte, vor der afrikanischen Küste gestrandet.
Offiziere und Besatzung brachten sich in den wenigen verfügbaren
Rettungsbooten in Sicherheit und überließen den größten
Teil der Passagiere ihrem Schicksal. Die Schiffbrüchigen zimmerten
ein Floß, auf dem sich 150 Menschen aufs offene Meer hinauswagten.
Nach Tagen voller Verzweiflung und Entbehrungen wurden noch 15 Überlebende
von einem vorbeifahrenden Schiff entdeckt und aufgenommen. Dieses
Ereignis, das in Frankreich unerhörtes Aufsehen erregte, lieferte
Géricault das Motiv seines riesigen Gemäldes, für
das er im Sinn eines modernen Journalismus ausführliche Recherchen
unternahm und alle Überlebenden interviewte. Es zeigt die Schiffbrüchigen
(am dreizehnten Tag) in dem Moment, als sie verzweifelt und mit letzter
Kraft dem rettenden Schiff zuwinken, das sie eben am Horizont wahrgenommen
haben.
Das Floß der Medusa (Abb. 24) war schon thematisch ein ungewöhnliches
Bild; es stellte keinen antiken Mythos, kein bedeutendes historisches
Ereignis, keine literarische Schöpfung und auch keine freie Erfindung
dar, sondern eine aktuelle und politisch brisante, wahre
Begebenheit, deren Protagonisten keine Ausnahmemenschen, sondern Vertreter
des gemeinen Volkes waren. Ebenso ungewöhnlich war die Art und
Weise, in der Géricault den dokumentarischen Charakter seiner
Schilderung überschritt; statt das Geschehen, wie es damals üblich
war, bloß melodramatisch zu illustrieren, fand er für die
Not, die Verzweiflung und die neu aufkommende Hoffnung der Schiffbrüchigen
bildnerische Äquivalente und hob damit das fait divers
auf eine allgemeine, gleichnishafte Ebene.
Die bedrohliche Diagonale, die quer durchs Bild von unten rechts nach
oben links verläuft und dort endet, wo das dunkle Segel mit den
schweren, schwarzen, gewitterträchtigen Wolken verschmilzt, wird
durch die kämpferischen Rhythmen der aufstrebenden Körperpyramide
durchbrochen, die in der Figur des tuchschwingenden Negers gipfelt.
Diese Gestalt steht stellvertretend für das geschundene, ohnmächtige,
in seinen Erwartungen immer wieder enttäuschte Volk. Sie ragt
kühn über die Waagrechte des Horizonts und lenkt den Blick
auf das ferne, kaum sichtbare Segel, das zum Brennpunkt aller Hoffnungen,
zum Ziel der letzten Anstrengung wird.
Die Bildregie, die zusammenfassende Modellierung des Helldunkels und
die bewegte Orchestrierung der Komposition vermitteln mit rein sinnlichen
Ausdrucks- und Gestaltungsmitteln und ganz unabhängig vom erzählerischen
Gehalt der Darstellung ein visuelles Drama, dessen Dynamik den Ablauf
des geschilderten Ereignisses wiederholt, die damit verbundenen Affekte
aufnimmt, sie synästhetisch ausdrückt und so die Anekdote
in eine bildnerische Sprache übersetzt. Mit seinem deutlichen
Rückgriff auf die gestalterischen Prinzipien des "Jüngsten
Gerichts" von Michelangelo grenzte sich Géricault nicht
nur von der damaligen Salonromantik ab, sondern stellte auch innerhalb
der Pariser Kunstszene des 19. Jahrhunderts als erster die Vormachtstellung
des klassizistischen Kanons in grundsätzlicher Weise in Frage.
Dieses Werk, das am Pariser Salon von 1819 vom Publikum und der Kritik
ablehnend empfangen wurde,50 übte auf Eugène Delacroix
(1798-1863) einen prägenden Einfluß aus, der bereits 1822
in seiner Dante Barke und im Massaker auf Chios (Abb. 25) spürbar
wird. Im Gegensatz zu Géricault ging es jedoch Delacroix ganz
offensichtlich nicht so sehr um das Ereignis selbst und den historischen
Realismus seiner Darstellung, sondern nur noch um die heftigen Emotionen,
um den Schrecken und die Gewalt, die er unter diesem thematischen
Vorwand in erotisierter Form zum Ausdruck bringen konnte. In seinen
späteren Bildern Die Freiheit führt das Volk - 28. Juli
1830 und im Tode des Sardanapal (Abb. 26-27) erhob Delacroix die romantische
Empfindungswelt auf eine höhere und weitere Bühne. Auf diesen
beiden Bildern transzendiert das Dargestellte das sichtbare aktuelle
Ereignis; es nimmt trotz seines sensationellen Anstrichs archetypische
Gültigkeit an, das Ereignis verliert seinen historisch definierten
Ort und wird zum Mythos.
1832 entdeckte Delacroix auf einer Reise nach Nordafrika die orientalische
Welt, deren Bildthemen sein ganzes späteres Werk und das vieler
Zeitgenossen (so auch Gustave Moreau und die Symbolisten) bestimmen
sollte. Der bereits in den biblischen Darstellungen Rembrandts heraufbeschworene
Orient bildete fortan für viele der neuen Maler eine Alternative
zum großen Ereignis und zur Welt der Antike. Doch
stellt auch der Orientalismus eine Flucht vor den Herausforderungen
der Zeit dar, auch er weicht der Forderung nach Stellungnahme und
Selbsterkenntnis aus. Diese gefühlsbetonten Bilder drücken
keine eigene Emotionalität aus, weil diese Zeit sich der eigenen
Emotionalität verschließt. Ihr Surrogat ist das Heidnische.
Ob im Gewand der Antike oder in dem des Orients bleibt es trotz aller
Idealisierung außen, fremd und unverstanden.
Im Gegensatz zur Mehrzahl der übrigen Orientalisten
hat Delacroix seine exhibitorischen Ambitionen und seine Ideale insofern
und in dem Maße integriert und sie sich zu eigen
gemacht, als er ihnen nicht nur illustrativ, sondern auch unmittelbar
in seiner malerischen Sprache Ausdruck verleiht. Mit der zweiten Fassung
(1847-49) seiner Femmes d'Alger setzt das großartige Spätwerk
ein, das mit seiner Farbigkeit und seiner malerischen Ausdruckskraft
die Künstler der anbrechenden Moderne begeistern und nachhaltig
beeinflussen sollte. Das literarische Moment tritt insbesondere in
den kleinformatigen Skizzen und Vorstudien in den Hintergrund. Licht
und Farbe lösen die Zeichnung auf und gewinnen eine bisher unbekannte
Autonomie - das Dargestellte wird zum integralen Bestandteil eines
gestalterischen Ganzen (Abb. 28).
Die Malerei William Turners (1775-1851) ist vom selben künstlerischen
Rang. Seine dramatisch bewegte Naturromantik bietet zwar das Schauspiel
entfesselter Gewalt und Leidenschaft, das die damaligen Herzen höher
schlagen ließ, und so könnte man sie als Flucht vor der
Wirklichkeit einstufen. Doch in dem Maße, als er diesem Schauspiel
in erster Linie durch die reinen malerischen Mittel, durch Rhythmus,
Licht und Farbe Gestalt verleiht, drückt Turner Gewalt und Leidenschaft
unmittelbar und mit seinen eigenen Mitteln aus, statt
sie bloß zu illustrieren. Seine Malerei vermittelt nicht die
Illusion eines Abenteuers, sondern ist eines. Sie verwirklicht ihre
Idee, statt sie bloß zu verkünden. Damit geht Turner weit
über die ideal istische Haltung seiner Zeitgenossen hinaus und
zählt wie Delacroix zu den großen Vorläufern der Moderne
(Abb. 29).
b) Weltflucht und Esotherik: die irrealistische Romantik
Wenn im Klassizismus die Sehnsucht nach der Größe und den
Werten der Antike, in der französischen Romantik die Sehnsucht
nach Leidenschaft und Abenteuer Ausdruck und Gestalt fanden, so manifestiert
sich bei gewissen nordeuropäischen Künstlern und künstlerischen
Bewegungen eine dritte Sehnsucht - die nach dem verlorenen Glauben,
nach der verlorenen Deutung des Lebens; es ist letzten Endes die Sehnsucht
nach einer neuen Offenbarung.
Diese Künstler lehnen sich entschieden gegen die materialistischen
und positivistischen Strömungen ihrer Zeit auf. Sie verachten
die neue Welt der Maschinen und der Industrie; sie streben zu Höherem,
zur grossen Kunst und zum Geistigen. Insofern als sie dabei den Boden
unter den Füßen, den Bezug zur Wirklichkeit verlieren,
können wir sie mit Philippe Roberts-Jones (1978), als die Maler
des Irrealismus bezeichnen.
Der früheste Vorläufer der Irrealisten, der englische Dichter, Maler und Mystiker William Blake (1757-1827) stellt einen psychologischen Grenzfall dar. Er war ein tief religiöser Mensch, doch gleichzeitig der Wirklichkeit und der Natur so sehr entfremdet, daß er den Ausgeburten seiner Phantasie willenlos ausgeliefert war. Heute würde man ihn wohl als latent schizophren bezeichnen. Seit frühester Jugend litt er an Halluzinationen (im Alter von vier Jahren sah er am Fenster seines Vaters das Antlitz Gottes erscheinen);51 im Erwachsenenalter wurde er von Engeln oder Gestalten der Vergangenheit bedrängt. Er war überzeugt, im Auftrag großer verstorbener Geister zu schreiben: "Ich bin der Sekretär, die Autoren sind in der Ewigkeit". Milton, Moses und die Propheten statteten ihm Besuche ab, und er schilderte sie als "majestätische Schatten, grau, doch leuchtend und größer als die gewöhnlichen Menschen".52 Seine Werke sind meist unbeholfene Umsetzungen himmlischer Visionen und versuchen (ohne großen Erfolg), zwischen dem Ewigen und dem Zeitlichen, zwischen Sünde und Reinheit, doch letztlich zwischen Wahn und Wirklichkeit zu vermitteln (Abb. 31). Dasselbe gilt für Blakes literarische Produktion, deren esoterische Ausrichtung in den Titeln seiner beiden Hauptwerke Die prophetischen Bücher und Hochzeit von Himmel und Hölle deutlich spürbar wird.
Ungleich bedeutender ist der deutsche Maler Caspar David Friedrich (1774 bis 1840), den man, zusammen mit Carl Gustav Carus und Philipp Otto Runge, wie Blake ebenfalls zu den Vorläufern des Symbolismus zählen kann (Abb. 30, 32, 33). Friedrich geht es in erster Linie um seine innere Bewegtheit, die er als weit realer empfindet denn jede äußere Wirklichkeit. Seine romantischen, mit allegorischen und symbolhaften Inhalten befrachteten Stimmungslandschaften drücken wehmütige Empfindungen der Vergänglichkeit und Unendlichkeit aus. Alles an ihnen ist unsagbare Sehnsucht. Das Ersehnte bleibt auch hier eine diffuse Phantasie, die keine Gestalt annimmt. Das Licht des Mondes oder der untergehenden Sonne, das aus der Tiefe seiner Bilder strahlt, bleibt so unbestimmt und unwirklich wie die einsam und dunkel davor sich abhebenden Menschenfiguren. Wirklich - d.h. wirkend - ist in diesen Bildern nur die schwermütige Verweigerung, die Bindung an ein Fernes und Unbekanntes, der sie Ausdruck verleihen, wirklich ist nur die eigene Sehnsucht. Sie allein nimmt Gestalt an, nur sie wird idealisiert - nicht ihr Objekt. Das Ideale ist bei Friedrich nicht mehr im eigenen Selbst integriert, ist nicht mehr selbstverständlicher Bestandteil seiner inneren Struktur, sondern steht außen, diffus, unfaßbar und irreal.
Eine weit fragwürdigere Ausgestaltung fand diese idealistische Sehnsucht in der Malerei der sogenannten Nazarener. Diese um 1810-1820 in Rom tätige, aus deutschen und österreichischen Malern bestehende Künstlergemeinschaft, strebte eine neudeutsch-religiös-patriotische Kunst an. Die Verpflichtung zu einer strengen sittlich-religiösen Lebensführung trug ihnen die ursprünglich spöttisch gemeinte Bezeichnung Nazarener ein, die sie dann selbst übernahmen. Ihr Blick war rückwärtsgewandt, ihre bevorzugten Themen stammten aus der biblischen Geschichte und den deutschen Heldensagen, ihre süßlich-heroischen Darstellungen inspirierten sich am frühen Raffael, ohne dessen gestalterische Qualitäten auch nur entfernt zu erreichen. In diesen bekenntnishaften Bildern begegnen wir neben der verzweifelten Suche nach dem abhandengekommenen Glauben und dem verlorenen Sinn auch einer deutlichen Tendenz zum Selbstbetrug und zum Kitsch.
Diese Tendenz ist auch ein prägendes Merkmal der 1848 in London begründeten Präraffaelitischen Bruderschaft. Die durch Dante Gabriele Rossetti (1828 -1882) und andere ins Leben gerufene Vereinigung englischer Künstler forderte eine "seelische Vertiefung der Kunst" und eine "kindliche Rückbesinnung des Künstlers auf die Ursprünge der Kunst". Die Engländer suchten ihre Vorbilder nicht mehr bei Raffael - der war ihnen bereits zu unrein - sondern unter seinen Vorläufern, den Malern der frühen Renaissance wie Perugino oder Botticelli. Diese Künstler standen zwischen einem historisierenden und kostümierten Klassizismus und einer blutleeren Gedankenromantik. Durch ihre Bilderwelt wandelt als übersinnliche Gestalt das fromme Mädchen mit dem Lilienstengel, das Gegenstück zum sündigen und lasziven Weib, das einige ihrer Nachfolger später verherrlichen sollten (Abb. 34, 35). Rein malerische Qualitäten galten ihnen wenig, sie suchten nach großen Stoffen, nach dem geistig Gewichtigen, dem Gehaltvollen und bedeutend Gleichnishaften. Sie wollten nicht nur Maler, sondern gleichzeitig auch Dichter, Philosophen und möglichst auch Propheten sein. Rückblickend läßt sich erkennen, daß sie keines dieser Ziele erreichten.
Ich halte abschließend fest: die erste Hälfte des 19.
Jahrhunderts war durch den Gegensatz zwischen Klassizismus und Romantik
bestimmt. Während sich die klassizistischen Künstler zu
Maß und Form, zu den Idealen der griechisch-römischen Antike
bekannten, stellten die Romantiker entweder (wie in Deutschland und
England) ihre Sehnsucht, oder (wie in Frankreich) ihre Leidenschaft
zur Schau. Trotz dieses Gegensatzes drückt sich sowohl in der
romantischen als auch in der klassizistischen Kunst dieselbe Grunderfahrung
des zu Ende gehenden Zeitalters aus: der Verlust des narzißtischen
Gleichgewichts, d.h. der Verlust verläßlicher Wertstrukturen
und ich-gerechter Ambitionen.
Die Klassizisten strebten danach, durch eine identifikatorische Rückbesinnung
auf den Kanon der Antike die verlorene Selbstsicherheit wiederzugewinnen,
während sich die Romantiker der wehmütigen Sehnsucht nach
dem Vergangenen überließen oder aber ihre innere Leere
durch die rauschhafte Hingabe an Gewalt, Leidenschaft und Abenteuer
zu überspielen versuchten.
Diese Kunst ist in allen Fällen weiterhin durch den Geist der
zu Ende gehenden Neuzeit geprägt: ihr Ausdruck ist leidenschaftlich
und pathetisch, der Mensch steht - tragisch überhöht - immer
noch im Mittelpunkt der Welt.53 Das gilt auch für die Bewegung
des Symbolismus. Diese ganz Europa erfassende Kunstströmung bildet
den letzten Versuch, das auseinanderbrechende Selbst- und Weltbild
der Neuzeit - ihre Ambitionen, Hoffnungen und Ideale - künstlerisch
zu verherrlichen.
Die Suche nach dem Sinn: Von der Romantik zum Symbolismus
Die Bewegung des Symbolismus, in der die irrealistischen Tendenzen des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichen und deren Einflüsse bis weit ins 20. Jahrhundert wirksam bleiben, tritt ab 1870 in fast ganz Europa in Erscheinung. Sie umfaßt sowohl Musiker und Dichter als auch eine lange Reihe von Malern. Diese bilden zwei Gruppen, die sich zwar in thematischer Hinsicht deutlich voneinander unterscheiden, in ihrer geistigen Haltung jedoch weitgehend miteinander übereinstimmen. Die erste verherrlicht im Sinn der Präraffaeliten das Reine, Edle und Erhabene, die zweite Sünde und Geschlecht, Tod und Teufel.
a) Das Reine, Edle und Erhabene
Wie die Präraffaeliten sind auch die Symbolisten vom Bewußtsein
durchdrungen, am Ende einer geschichtlichen Epoche, vor der Auflösung
einer Zivilisation zu stehen. Doch statt das Schicksal, einer alternden
Kultur anzugehören, zu beklagen, verbinden sie mit dem Begriff
des Alt- und Müdeseins, der Überkultiviertheit und Degeneriertheit
die Idee eines Geistesadels.54
Eine exhibitorische Sehnsucht, die Zurschaustellung der eigenen Lebensangst
und Weltflucht, die Begeisterung für alte, müde und überfeinerte
Kulturen wie der Hellenismus oder die römische Spätzeit,
Lebensüberdruß und Todessehnsucht sind die verbindenden
Merkmale der deutschen und englischen Romantik und aller symbolistischen
Kunst.
Eine typisch germanische Ausgestaltung findet diese Geisteshaltung
in der geheimnisvoll-schicksalhaften Atmosphäre der berühmten
Toteninsel von Arnold Böcklin (1827-1910) (Abb. 36). Tief und
deutsch tritt sie uns aus den symbolistischen Bildern Ferdinand Hodlers
(1853-1918) entgegen, belangloser und leichter bei Puvis de Chavannes
(1824-1898), Giovanni Segantini (1858-1899) oder Paul Sérusier
(1864-1927) (Abb. 37-39). Überall ist sie gegenwärtig, in
allen Bildtiteln schwingt sie mit. In ihnen findet die gedanklich-literarische
Orientierung dieser Malerei beredtes Zeugnis. Sie künden alle
vom Ewigen und Letzten: Der Traum, Der Gedanke, Die Welle, Das Meer,
Der Hain, Die Nacht, Der Kuß, ebenso die unzähligen Hymnen
an die Freude, - an das Meer, - an die Liebe, dann Schweigender Christus,
Der ewige Abgott, Orpheus Klage, Ophelia, Antiker Abend oder gar Die
Liebe an den Quellen des Lebens.
Der symbolistische Künstler verstand sich als Priester. Er verkündete
asketische Ideale und suchte nach den Mysterien des Seins, nach den
Tiefen der Seele; er lehnte alles Konkrete, Natürliche und Vernünftige
ab und wollte das Unbekannte, Ubersinnliche erforschen oder richtiger:
erfühlen. Viele Symbolisten waren dementsprechend auch Anhänger
oder Sympathisanten der Theosophie. 54
Die reaktionäre Tendenz dieser pseudoreligiösen Haltung
kommt besonders deutlich in den Sätzen zum Ausdruck, mit denen
Sar Peladan, der Begründer der Rosenkreuzerbewegung, das Vorwort
zum Katalog der ersten umfassenden Symbolisten-Ausstellung bei Durand-Ruel
in Paris (I89') abschließt: "Die Menschheit, oh Heiland,
wird immer zu deiner Messe gehen, wenn die Pnester Bach, Beethoven,
Palestrina sind. Elende Moderne, ihr werdet nie siegen, der heilige
Georg tötet immer von neuem das Ungetüm, und das Genie,
das Schöne, wird immer Gott sein. Brüder in der Kunst, ich
lasse den Kriegsruf erschallen, bilden wir eine heilige Schar zur
Rettung der Idealität. Wir sind wenige gegen alle, doch die Engel
kämpfen mit uns. Wir haben keinen Führer, aber die alten
Meister leiten uns dem
Paradies entgegen. " 55
Der Symbolismus betrachtet das Kunstwerk als Lebensersatz, als die
eigentliche Verwirklichung und Vollendung des an sich banalen, unvollkommenen
und letztlich enttäuschenden Daseins. Diese dezidierte Ablehnung
der konkreten Erfahrungswirklichkeit und alles Realen und Natürlichen
schlägt sich in der gestelzten Künstlichkeit, im affektierten
Charakter dieser esoterischen Kunst nieder. Es gelingt den wenigsten
Vertretern dieser Richtung, die Aussage ihrer Bilder von der literarisch-symbolischen
Ebene auf eine malerische zu heben.56 Selten verbinden sich Sinuliches
und Geistiges zu einer homogenen Gestalt, und kaum je tritt uns eine
geistige Realität entgegen. Das Ideal erscheint im Symbolismus
immer als das "ganz Andere". Seine entsprechenden Repräsentanzen
findet es stets in einer verklärten Natur - im Baum, der Blume,
dem Hain, dem Meer, der Sonne oder dem Mond, im Schlaf, im Traum oder
im Tod -, vor allem aber und immer wieder in der Figur der reinen,
ktuschen und von religiösen Gefühlen beseelten Frau, die
(meist in lange, weiße Gewänder gekleidet) reglos und schweigsam
in idyllischen Landschaften steht, versunken an Blumen riecht oder
zusammen mit Freundinnen in heiligen Hainen lustwandelt.
Nirgends wird versucht, der Realität dieser Erscheinungen gerecht
zu werden. Sie sind durchwegs symbolisch aufgefaft, stehen immer für
ein Anderes, Fernes, Unfassbares - für den verlorenen Sinn. Alles
in dieser Kunst atmet den Geist des Ewigen und Erhabenen; alles wirkt
erzwungen und gestellt. Vergeblich versucht ein alles durchdringendes
Pathos die innere Leere dieser Gestaltungen zu verdekken. Das Ideal,
das sich hinter diesen Symbolen verbergen soll, bleibt unbestimmt,
ohne innere Struktur. Trotz ihrer neuen Aufmachung haben das Göttliche
und Ewige ihre geistige Wirklichkeit und damit die Konturen ihrer
Gestalt unwiederbringlich verloren. "Die Kunde hör ich wohl,
allein mir fehlt der Glaul~e". So wenden sich wie Faust auch
viele symbolistische Maler in einem letzten Versuch, ihre Idee des
Absoluten, ihre Illusion zu retten, vom Göttlichen ab und dem
Satanischen zu.
2. Sünde und Geschlecht, Tod und Teufel
An Stelle des frommen Mädchens mit dem Lilienstengel und der reinen, entrückt in die Ferne blickenden Frauengestalt tritt nun das laszive, perverse und in Unzucht sich hingebende Weib, die personifizierte Sünde, die verführerische "Femme fatale", die dem Geistigen zum Verhängnis wird, indem sie den Mann in Tod und Verderben zieht. In dieser Wendung vom Heiligen zum Verworfenen wird ein zentraler Aspekt der geistigen Krise sichtbar, die das Selbstverständnis des I9. Jahrhunderts untergräbt: die gesellschaftlich institutionalisierte Verleugnung der triebhaften und sexuellen Dimension menschlicher Existenz. Die bürgerliche Lebenslüge, die um die Jahrhundertwende in Sigmund Freud ihren entschiedensten Gegner finden sollte, weist ihre ersten Risse auf.
Der Vorläufer dieser Entwicklung ist der in London lebende
Schweizer Maler Johann Heinrich Füssli (I74I-I815). Seine Bilder
bewegen sich wie die seinesFreundes William Blake in einer Welt der
Träume und des Ubernatürlichen; doch wird in ihnen das Religiöse
durch eine explizit erotische Komponente ersetzt. Schlafende Frauen
sind schreckenerregenden Visionen preisgegeben, in denen sie von allerlei
Ungeheuern, von Skeletten, Tieren oder Zwergen bedroht werden; Hexen
oder Feen treten als Sendboten einer phantastischen Zwischenwelt auf;
Insektenfrauen verschlingen in der Art der Gottesanbeterinnen ihre
Männchen. Diese symbolistischen Bilder orientieren sich in ihren
gestalterischen Mitteln sowohl am Klassizismus ihrer Zeit als auch
am Manierismus des I6. Jahrhunderts, doch rückt sie ihre visionäre
Phantastik in die Nähe der Surrealisten (Abb. 36).
Die eigentlichen Verherrlicher dieses Gegenideals, der morbiden Sinulichkeit
und satanischen Anziehungskraft des Weibes, sind die Maler Gustave
Moreau (I826- I898), Felicien Rops (I833 - I898), Fernand Khnopff
(I858- I92I), Franz von Stuck (I863 - I918), Gustav Klimt (I862 -
I9I8) und Aubrey Vincent Beardsley (I872-I898) (Abb. 37-4I). Doch
fehlt ihren Bildern die unterschwellige Zweideutigkeit, der die Inszenierungen
Johann Heinrich Füsslis ihre faszinierende Wirkung verdanken.
Ihre Phantasien sind so durchsichtig und eindimensional wie ihre Bildtitel:
Die Sünde, Die Stimme des Bösen, Der besiegte Dämon,
Der Tod auf dem Ball, Sinulichkeit, Die Hölle, Die Engel von
Sodom, Judith, Salome oder Galatea.
Weit davon entfernt, ihre Sexualität zu konfrontieren und in
das eigene Selbst zu integrieren, projizieren diese Künstler
- als typische Vertreter der bürgerlichen Gesellschaft des I9.
Jahrhunderts - ihre verdrängten Triebwünsche auf das Bild
des "sündigen Weibes". Moreau beschreibt seine weiblichen
Idole als "Wesen der Unbekümmertheit, vernarrt in das Unbekannte,
das Geheimnis, verliebt in das Schlechte, in Formen der perversen
und teuflischen Verführung. [. . .] Das sind Wesen, deren Seelen
versehrt sind, die am Wegrand auf den wollüstigen Ziegenbock
warten, der von Unzucht besessen ist 1 ] einsame Wesen, düster
in ihren Träumen des Neides, des unbefriedigten Stolzes . . .
" 57
Joris Karl Huysmans, der Autor des symbolistischen Schlüsselromans"A
rebours" ("Gegen den Strich"), sieht in der neuen Frauengestalt
" die verfluchte Schönheit, die symbolische Göttin
der unzerstörbaren Unsittlichkeit, die Göttin der unsterblichen
Hysterie" und " das monstruöse, gleichgültige,
verantwortungslose, gefühllose Tier, das wie die antike Helena
alles vergiftet, was ihr nahekommt, was sie erblickt, was sie berührt.
" 58
Trotz ihres ambivalenten Bekenntnisses zum Amoralischen und Perversen
ist auch diese Kunst von einer idealistischen Haltung getragen und
bleibt damit sowohl derjenigen der Nazarener und Präraffaeliten
als auch der >reinen< Variante des Symbolismus geistesverwandt.
Die Wirklichkeit des Geschlechtlichen wird in ihr nicht konfrontiert,
sondern durch die Karikatur eines Wunschbildes ersetzt.
Nach Hauser (der sich dabei in erster Linie auf die Literaten des
Symbolismus bezieht) waren die >decadents<, wie sich die Symbolisten
voller Stolz nannten, Hedonisten mit schlechtem Gewissen, Sünder,
deren Sexualität gänzlich von der Pubertätspsychologie
der Romantik beherrscht war, und die sich schließlich reumütig
der katholischen Kirche in die Arme warfen. 59 Die Liebe ist ihnen
das schlechthin Verbotene, der nie wieder gutzumachende Sündenfall,
doch verwandelt ein romantischer Satanismus diese Sündhaftigkeit
selbst in eine Quelle der Wollust: die Liebe ist nicht nur an und
für sich das Böse, ihr höchster Genuß besteht
gerade im Bewußtsein, das Böse zu tun. In der Sympathie
mit der Prostitnierten, der "femme fatale" und der "grossen
Hure", die in den Gestalten der Messalina, der Judith, Kleopatra
oder Salume auftritt, äußert sich nach Hauser die gleiche
gehemmte, mit dem Gefühl der Schuld belastete Beziehung zur Liebe:
"Die Prostitnierte ist die Entwurzelte und Ausgestoßene
schlechthin, die Rebellin, die sich nicht nur gegen die institutionelle
bürgerliche Form der Liebe, sondern auch gegen ihre >natürliche.
seelische Form empört. [...] Sie ist kalt inmitten der Stürme
der Leidenschaft, sie ist und bleibt die überlegene Zuschauerin
der Wollust, die sie erregt, sie fühlt sich einsam und teilnahmslos,
wo andere füblen und sich berauschen - sie ist, mit einem Wort,
die Doppelgängerin des Künstlers. Aus dieser Gefühls-
und Schicksalsgemeinschaft erwächst das Ver ständnis, das
die Künstler der Dekadenz ihr entgegenbringen. Sie wissen, wie
sie sich selber prosti tnieren, wie sie ihre heiligsten Gefüble
preisgeben und wie billig sie ihre Geheimnisse hergeben. 60
Doch kann man das symbolistische Schwelgen im Sündhaften und
Verruchten auch zur Narzissmuspsychologie Heinz Kohnts in Beziehung
setzen. Versteht man dabei die Haltung der Nazarener, der Präraffaeliten
und der "edlen" Symbolisten als Versuch, dem drohenden Selbstverlust
mit einer mißlungenen kompensatorischen Uberbesetzung des idealisierten
Pols des Selbst zu begegnen, so läft sich in der Kunst der "Dekadenten"
die gegenläufige Tendenz erkennen, sich des eigenen Selbst durch
die ExhiLition, die Zurschaustellung der eigenen Ängste und Triebwünsche
zu versichern. Durch intensive, erotisierte Stimulierungen jeder Art
- durch Empfindungen der Angst, des Grauens und der Wollust - versuchen
diese Künstler, sich ihrer inneren Leere zu erwehren und das
verlorene Gefühl innerer Spannung und inneren Lebendigseins wieder
zu gewinnen. Nach seinen künstlerischen Kriterien befragt, gesteht
Verlaine, einer der wichtigsten Dichter des Symbolismus, er habe sich
nur folgendes abringen können: "Alles ist schön und
gut, woher es auch kommen mag und durch welche Verfahrensweise man
es immer erzielt hat. Klassiker, Romantiker, Dekadenz, Symbolik, Stabreimer
oder, wie sag ich 's gleich, Extra-Unverständliche, wenn sie
mir nur ein Schaudern im Rücken verpassen, mich einfach nur entzÜcken,
selbst und vielleicht vor allem, wenn [. . .] ich nicht recht weiss
warum, - bei allen komme ich auf meine Kosten." 6I
In der Regel misslingt es auch den >dekadenten~ Symbolisten, ihren
erotischenVorstellungen und ihren sündhaften Gegenidealen eine
autonome malerische Gestalt zu verleihen. Ihre Triebhaftigkeit ist
nicht in das eigene Selbst integriert, sondern bleibt eine abgespaltene
Idee. Als solche vermag sie den schöpferischen Akt nur mittelbar
(durch eine entsprechende Thematik) zu bestimmen, statt in das malerische
Handwerk einzufließen und sich auch unmittelbar, in der rein
bildnerischen Gestaltung und im Pinselduktus auszudrücken. Ihre
Bilder bleiben im Illustrativen und Erzählerischen stecken; bezeichnenderweise
sind ihre besten Arbeiten kleine Skizzen, deren malerische Qualitäten
die Bedeutung der jeweiligen Sujets in den Hintergrund drängen.
So lassen insbesondere die kleinen, fast ungegenständlichen "Ebauches"
von Moreau das große Talent erkennen, das er seinen neurotischen
Fixierungen opfert und das in seinen repräsentativen Gemälden
im Dienst einer schwülstigen Gedankenromantik verkommt.
Die Würde des Alltäglichen: von der Romantik zum Realismus
Gleichzeitig mit der vielfältigen Glorifizierung der eigenen
Emotionalität und des Unwirklichen - des vermeintlich Geistigen
- durch Klassizisten, Romantiker, Präraffaeliten und Symbolisten,
verläuft eine diesen Strömungen diametral entgegengesetzte
Entwicklung. Sie führt von einer romantischen Landschaftsmalerei
zu einer völligen Abkehr von jeder Transzendenz und zur Wiederentdeckung
der sichtbaren Wirklichkeit.
Auf der Suche nach einer neuen Repräsentanz des Ewigen und Allgemeingültigen,
des Wahren und Lebendigen entdeckte der auf dem Land lebende englische
Maler John Constable ( I77 6 - I8 3 7) - wie ein Jahrhundert vor ihm
die Holländer - die Schönheit seiner natürlichen Umwelt.
Seine Kunst übte einen großen Einfluß auf Delacroix
aus und führte zur Entwicklung einer neuen Landschaftsromantik,
die in Camille Corot (I796- I875) und einem Kreis junger Maler, der
sich in den späten vierziger Jahren des I9. Jahrhunderts in Barbizon
bei Fontainebleau gebildet hatte, ihre wichtigsten Vertreter fand
(Abb. 40 - 44).
Die großen Vorläufer dieser Bewegung waren die holländischen
Landschaftsmaler des I7. Jahrhunderts. Doch betonten die Holländer
das Spezifische, Gegenständliche, Lokale ihrer Landschaften,
denn sie verstanden das Dargestellte in erster Linie als Besitz. Demgegenüber
suchten die Maler des neuen "paysage intime" das Allgemeingültige
und Universelle der Natur hervorzuheben. Ihr Grundempfinden war eine
Art Naturschwärmerei, ihr gestalterisches Anliegen das der Iyrischen
Stimmung. Ihr wichtigstes Gestaltungsmittel wurde der Farbton. Alle
diese Landschaften waren in ein atmosphärisches Hell-Dunkel voll
zarter Nuancen eingebettet. Corot sagte: " Es gibt keine feste
Linie in der Natur ", und weiter: " Die Natur schwebt und
schwimmt. Wir schweben und schwimmen, das Vage ist die Eigentümlichkeit
des Lebens. " 63
Trotz ihres Pantheismus waren diese Maler jedoch nur selten bereit,
die Natur so zu malen, wie sie ist, d. h. als ein aus sich und in
sich selbst Bestehendes. Statt durch mythologische oder biblische
Gestalten wurde sie nun durch eine ländliche Schöne, durch
Feldarbeiter, durch rastende Spaziergänger oder Zigeuner belebt;
sie war nicht um ihrer selbst willen da, sondern für den Menschen.
63 In dieser Verherrlichung der Natur und des einfachen ländlichen
Lebens schwang auch ein sozialkritischer Unterton mit, richtete sie
sich doch nicht zuletzt gegen die moderne industrielle Entwicklung
und das artifizielle, hektische Leben der Großstadt. Erst Gustave
Courbet (r8Ig- I877), ein Freund Corots, vollzog in den späten
sechziger Jahren den entscheidenden Schritt, auf jede romantische
oder polemische Interpretation der Natur zu verzichten und sich mit
der ausschließlichen Darstellung ihres So-Seins, ihrer sichtbaren
Erscheinung zu begnügen (Abb. 47, 48).
Courbet war ein Mann des Volkes, ein überzeugter Demokrat und
ein Künstler, dem jedes Gefühl für die bürgerliche
Respektabilität fehlte.64 Schon auf dem Salon von I850 hatte
er mit der monumentalen Darstellung eines Dorfbegräbnisses und
einem kleineren Gemälde, das zwei Arbeiter beim Steinklopfen
zeigt, heftige Kontroversen ausgelöst (Abb. 45 ). Die Darstellung
von Bauern und Arbeitern, Menschen aus dem Volke, war an sich nichts
neues. Entsprechende Genrebilder der holländischen Meister des
I7. Jahrhunderts erfreuten sich zu Courbets Zeiten auch in Frankreich
grösster Beliebtheit. Nur blieben diese Darstellungen ausnahmslos
auf kleine Formate beschränkt. Courbet dagegen malte seine Bauern
und Arbeiter in Lebensgröße und verlieh ihnen damit die
Würde und Bedeutung, die bisher nur dem außergewöhnlichen
Ereignis oder dem "großen Menschen" vorbehalten gewesen
war. Darnber hinaus verzichtete er auch auf jede sentimentale Verklärung,
auf jede romantische Idealisierung seines Gegenstandes. Zu Recht rühmte
sich Courbet, daß mit dem Begräbnis in Ornans die Romantik
zu Grabe getragen worden sei.65
Während sich eine kleine Minderheit von Künstlern und Kritikern
lobend zum Begräbnis äußerten, reagierten das breite
Publikom und der gröfte Teil der offiziellen Kritik mit entrüsteter
Ablehnung. Ein ähnliches Schicksal erfuhr I853 das Gemälde
Die Badenden, das eine Frau darstellt, deren nackter Körper dem
damaligen Schönheitsideal in krasser Weise widersprach (Abb.
46). "Seine Badende ist so monstruös ", schrieb der
Kritiker Delecluze, "daß sie einem Krokodil den Appetit
verderben würde!"
Zwei Jahre vor diesem Skandal hatte die Akademie Courbet eine Medaille
verliehen, die ihm die automatische Annahme seiner Werke an zukünftigen
Salons garantierte; so war er bis I87I, als er wegen regierungsfeindlicher
Aktivitäten verhaftet wurde,trotz der of fiziellen Ablehnung
seiner Kunst an fast jedem Salon mit mehreren Arbeiten vertreten.
Als die Jury I855, dem Jahr der Pariser Weltausstellung, elf Einsendungen
Courbets im Salon aufnahm, doch die beiden Gemälde Begräbnis
in Ornans und Das Atelier ausschloß, ließ der empörte
Künstler auf eigene Kosten in der Nähe des Ausstellungsgeländes
einen Pavillon errichten, in dem er neben anderen auch die abgelehnten
Werke zeigte. Uber dem Eingang befestigte er eine große Tafel
mit dem Titel: "Gustave Courbet - Le realisme". Mit dieser
Formulierung unterstrich er nicht nur seine Ablehnung der idealistischen
Tendenz, von der die Malerei seiner Zeit (Klassizismus und Romantik)
beherrscht war, sondern begründete damit auch eine neue Kunstrichtung.
66 Sein Credo formulierte er in den berühmten Sätzen: "Ich
bin der Ansicht, daßdieMalereiihrem Wesen nach eine konkrete
Kunst ist und in nichts anderem besteht, als in der Darstellung wirklicher
und existierender Dinge. Sie ist eine völlig materielle Sprache
und benutzt als Wörter alle sichtbaren Gegenstände. Ein
abstrakter Gegenstand, einer, der unsichtbar, nicht existent ist,
ist nicht die Domäne der Malerei. " 67
Jeder Stoff schien ihm der Darstellung würdig, wenn er nur als
wahr und wirklich angesprochen werden konnte. In dieser künstlerischen
Auffassung spiegelte sich auch ein politisches Bekenntnis. Courbet
und seine Anhänger waren überzeugt, Vorkämpfer der
Wahrheit und WegLereiter der Zukunft zu sein. " Ich bin nichtnur
Sozialist", schrieb er I85I in einem Brief, "sondern auch
Demokratund Republikaner, mit einem Wort, ein Parteigänger der
Revolution und vor allem ein Realist, das heißt der aufrichtige
Freund der wahren Wahrheit" 68 Die konservative Kritik war sich
dieser politischen Dimension der neuen Kunstrichtung wohl bewußt;
sie fühlte, daß Courbets Missachtung des bisherigen Schönheitsideals,
das sich trotz Revolution und gesellschaftlicher Umschichtung bis
I850 fast unverändert erhalten hatte, einem Protest gegen die
bestehende Gesellschaft gleichkam und daß er sich mit seinen
Bauern und Arbeitern, mit seinen vulgären und unförmigen
Bürgersfrauen für ein neues MenschenLild und eine neue Gesellschaftsordnung
einsetzte. Ihr Vorwurf, der Realismus entbehre jedes Idealismus und
jeder höheren Moral, schwelge im Häßlichen und Gemeinen
und stelle eine sklavische, wahllose Nachahmung der Natur dar, richtete
sich nicht zuletzt auch gegen das politische Glaubensbekenntnis, das
in dieser Malerei zum Ausdruck kam.69
Im Verlauf seiner späteren Entwicklung, mit der er seinen künstlerischen
Höhepunkt erreichte, widmet sich Courbet immer ausschließlicher
der Landschaft und dem Stilleben (Abb. 47). Keines seiner Sujets wurde
idealisierend überhöht; sie sind ohne jedes Pathos, ohne
Sentimentalität, gleichmütig und obiektiv gesehen. Die Seele
steckt nicht im Sujet, sondern im malerischen Handwerk. Dieses übernahm
Courbet von Caravaggio, Frans Hals oder Velazquez; im Stil dieser
Meister wollte er das Alltägliche festhalten. Gleichzeitig führte
er die von Corot eingeführte Tonigkeit zur Vollendung. Alle Erscheinungen
sind von einer leichten Patina überzogen, alle Farben gedämpft
und harmonisiert. Jede Dissonanz verschwindet, alles ist auf wenige
Farben und Grundtöne reduziert. Trotz ihrer oft belanglosen und
profanen Thematik wirken diese Bilder ernst, fast feierlich und strahlen
eine große innere Ruhe aus.
Dieser Künstler mißt dem jeweils Darzustellenden keine
ideolle Bedeutung mehr zu. Wichtig ist nur noch die Darstellung selbst.
Sie ist es, die idealisiert wird, nicht deren Objekt. Dieses kann
beliebig sein, wenn es nur redlich angegangen wird. Einer ähnlichen
geistigen Haltung begegnen wir auch in der Malerei Edouard Manets
( I832 - I883 ), doch während Courbet seinen Alltag in der Provinz
ansiedelte und seine landschaftlichen Motive in der freien Natur suchte,
galt Manets Interesse ausschließlich dem Leben der Großstadt.
Manet markiert nicht nur thematisch, sondern auch gestalterisch
den Ubergang von der Nenzeit zur Moderne. Diese Sattelstellung zwischen
den beiden Zeitaltern kommt erstmals in seinem berühmten, I863
entstandenen Dejeuner sur l'herbe zum Ausdruck. Das etwa 2 x 3 m große
Gemälde stellt eine zeitgenössische Gruppe von zwei Männern
und zwei Frauen dar, die in einer Waldlichtung am Ufer eines Gewässers
picknicken. Im Hintergrund des Bildes steigt eine der beiden Frauen
aus dem Wasser, die andere sitzt völlig nackt neben den beiden
von Kopf bis Fuß bekleideten Männern. Statt sich am Gespräch
ihrer Begleiterzu beteiligen, wendet sie sich von diesen ab und richtet
ihren Blick voller Gelassenheit auf den Betrachter des Bildes, der
damit zum ertappten Voyeur wird.
Manet hatte sein Werk rechtzeitig für den Salon von I863 fertiggestellt,
doch war die Jury in jenem Jahr besonders streng und konservativ;
von über 5000 Einsendungen wurden 2800 zurückgewiesen, darunter
auch die von Manet. Unerwarteterweise kam er trotzdem dazu, sein Werk
zu zeigen, denn unter dem Druck der empörten, in ihren Erwartungen
enttäuschten Künstler beschloß Napoleon III. einen
alternativen, juryfreien Salon einzurichten, in dem die Abgewiesenen
ihre Arbeiten ausstellen konnten.
Manets Frühstück hing im entlegendsten Raum dieses "Salon
des Refuses"; doch zog es sogleich alle Aufmerksamkeit, d. h.
eine Flut von Schmähungen und sarkastischen Bemerkungen auf sich.
Das allgemeine Publikum empfand das Bild als unanständig und
schockierend, die Kritiker warfen Manet vor, er habe bewußt
einen Skandal provozieren, den Bürger vor den Kopf stoßen
wollen. Dabei stellte Manets Dejeuner die moderne Paraphrase eines
bekannten und bewunderten Werkes aus dem I6. Jahrhundert dar, das
bisher noch nie irgendwelchen Anstoß erregt hatte. Es war Giorgiones
Ländliches Konzert, auf dem der venezianische Renaissancemeister
inmitten einer idyllischen Landschaft eine ähnliche Gruppe darstellt:
zwei bekleidete Junker in Begleitung von zwei nackten Frauen. Im Gewand
des I6. Jahrhunderts war diese Szene dem Pariser Bürgertum als
>irreal< und damit als legitim und harmlos erschienen. Die Versetzung
in die Gegenwart hatte ihr jedoch Wirklichkeitscharakter verliehen
und sie damit anstöfig gemacht; Manet hatte für sich und
seine Zeit die Privilegien in Anspruch genommen, die man bisher nur
der Kunst der Vergangenheit zugestanden hatte.
Am folgenden Salon war Manet wiederum mit einem weiblichen Akt vertreten.
Auch dieses Gemälde - seine inzwischen berühmt gewordene
Olympia - transponierte ein Sujet aus dem I6. Jahrhundert, nämlich
Tizians Venus von Urbino in die Gegenwart; Manet hatte die römische
Liebesgöttin in eine Pariser Halbweltdame verwandelt, womit er
noch größeren Unmut erregte als mit seinem Deleuner. Der
provokative Gegensatz zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem
erschöpfte sich jedoch nicht in der veränderten Kleidung
und der gewandelten sozialen Stellung der dargestellten Personen,
sondern drückte sich auch in der psychologischen Wirkung und
den gestalterischen Merkmalen des Werkes aus. Manet verzichtete konsequent
auf jede romantische Verklärung und jede Idealisierung seines
Gegenstandes. Die extreme Nüchternheit der Darstellung wird (in
noch stärkerem Maße als beim Dejeuner) durch die Direktheit
und die gelassene Ausdruckslosigkeit unterstrichen, mit der die nackte
Frau den nicht sichtbaren Betrachter (d.h. den damaligen Salonbesucher)
fixiert. Ihr Blick kommt der Weigerung gleich, irgendwie "bedeutsam"
zu sein71 und untergräbt damit das bisherige Selbstbild der Neuzeit.
Diese Kurtisane verzichtet auf ihre Sonderstellung als Mensch im Kosmos
und wird zu einem Ding unter Dingen.
Als ebenso befremdend empfand man damals auch Manets gestalterische
Erneuerungen, vor allem seinen völligen Verzicht auf Tiefenwirkung
und Modellierung. Während Tizians Meisterwerk mit seinen schmelzenden
Hell-DunkelVerläufen eine Sogwirkung ausübt, die den Betrachter
förmlich in die Tiefe des Zimmers zieht oder ihn dazu verführt,
den provokativ angebotenen Körper der göttlichen Hetäre
visuell abzutasten, jede ihrer schwellenden Rundungen zu umfassen,
konfrontiert uns Manet durchweg mit planen Flächen. Dem Raum
fehlt jede Tiefe, das Sofa hat keine Breite, die liegende Frau wirkt
wie ausgeschnitten. Das Ganze erinnerte die Zeitgenossen an Spielkartenbilder
oder an die volkstümlichen Darstellungen der Images d'Epinal;
man warf Manet Unfähigkeit, Vulgarität und Geschmacklosigkeit
vor. Sogar Courbet nannte die Olympia spöttisch " die Pikdame
nach ihrem Bad "; er hatte, wie die meisten seiner Zeitgenossen,
die wegweisende Bedeutung der neuen Malweise nicht erkannt.
Manet zwingt den Betrachter, auf sein Bild zu sehen, statt in dieses
hinein; er erlaubt ihm nicht, sich in einer vorgetäuschten Raumtiefe
zu verlieren, sondern nötigt ihn dazu, die Oberfläche der
Leinwand zu betrachten; er will nicht nur ein nacktes Mädchen
zeigen, sondern auch die aufgetragene Farbe. 72 Sein Realismus gilt
in erster Linie der Wirklichkeit des Bildes, und diese umfaft für
Manet auch den Entstehungsprozeß des Werkes: er soll einsehbar,
transparent gemacht werden. Die meisten seiner Kollegen waren bei
der Fertigstellung ihrer Bilder sorgsam darauf bedacht, jede Unregelmäßigkeit
des Pinselstriches zu glätten, jede Spur des Malaktes auszumerzen.
"Um ein Bild zu uollenden", klagte Delacroix, "muß
man es immer etwas verderben. Die letzten Striche, die die Harmonie
zwischen den einzelnen Teilen herzustellen bestimmt sind, mindern
die Frische. Um vor dem PubliFum zu erscheinen, muß man die
glücklichen Nachlässigkeiten ablegen, die die Leidenschaften
des Künstlers sind. "73
Manet war dazu nicht bereit. Statt sich weiterhin um die "vollendete
Ausführung" zu bemühen, auf der die Akademie und das
Publikum beharrten, entwickelte er eine rasche, skizzenhafte Malweise,
die es ihm erlaubte, den unmittelbaren Eindruck eines Sujets, den
flüchtigen Augenblick (die "Impression") festzuhalten.
Spontaneität, Rhythmus und Präzision des Pinselstrichs werden
zu seinem zentralen Anliegen. Dem Vorgang des Malens kam dieselbe
Bedeutung zu wie dem Sujet.
In dieser Haltung manifestiert sich zwischen I860 und I870 erstmals
das künstlerische Paradigma der Moderne. Das Bild und sein Entstehungsprozeß
bilden fortan das eigentliche Thema der Malerei.