IX. Der Verlust der Wirklichkeit: das Ende der Moderne
1. Ein geschichtlicher Überblick
Die künstlerische Entwicklung der achtziger Jahre - die sogenannte Postmoderne - spiegelt die zunehmende und immer rascher fortschreitende Auflösung der bisherigen künstlerischen Werte und Kriterien. Bevor wir uns dieser Kunst zuwenden, will ich versuchen, Struktur und Dynamik der sozialen Krise aufzuzeigen, die ihren Hintergrund bildet. Dazu ein kurzer Rückblick auf die wirtschaftliche, politische und kulturelle Entwicklung der Nachkriegszeit,1 in deren Folge Ende der sechziger Jahre die gesellschaftlichen Leitbilder der Moderne ihre Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft einzubüßen begannen.
Auf dem Weg zur offenen Gesellschaft: von der Stunde Null bis zu den sechziger
Jahren
In Europa, Japan und der Sowjetunion schien mit dem Kriegsende jede
Entwicklung zum Stillstand gekommen zu sein. Der Krieg hatte 50 Millionen
Menschenleben gekostet und gewaltige materielle Verwüstungen zurückgelassen.
Transportsysteme waren zusammengebrochen, das Land lag brach, es gab keine
Wohnungen, überall herrschten Hunger und Not. Nur die USA hatten
den Zweiten Weltkrieg annähernd unbeschadet überstanden und
waren während der ersten Nachkriegsjahre zur reichsten und mächtigsten
Nation der Welt geworden. Dank ihrer Hilfe erlebten auch Westeuropa und
Japan trotz ihrer Verwüstung einen erstaunlich raschen wirtschaftlichen
Aufschwung.
Billige Energie, der Überfluß industrieller Rohstoffe, die
Nutzung der kriegsbedingten technischen Innovationen, ein enormer Nachholbedarf
an Konsumgütern jeder Art, der nötige Wohnungsbau und die Erstellung
einer neuen Infrastruktur steigerten die Wachstumsraten der europäischen
Wirtschaft in nie gekannten Maßen. Mit der Entwicklung des modernen
Sozialstaates und der zunehmenden Beteiligung der Arbeiter und Angestellten
am wirtschaftlichen Aufschwung verbreitete sich in den westlichen Industrieländern
ein wachsender Optimismus und Zukunftsglaube, der nur durch die politische
Lage, d.h. durch die Spannungen zwischen den beiden Machtblöcken
und durch die Angst vor einem Atomkrieg gedämpft wurden.
Die unüberwindlichen Gegensätze zwischen dem kommunistischen
und dem kapitalistischen Wirtschafts- und Herrschaftssystem hatten schon
kurz nach Beendigung des Krieges zum Zerfall des russisch-amerikanischen
Bündnisses und zur Spaltung der Welt in zwei feindliche Machtblöcke
geführt. 1946 prägte der ehemalige englische Premierminister
Winston Churchill in seiner berühmten Rede in Fulton, Missouri den
Begriff des Eisernen Vorhangs, der auf einer Linie von Stettin
an der Ostsee bis nach Triest an der Adria niedergegangen sei und hinter
dem der Kommunismus nach totalitärer Kontrolle der unterworfenen
Völker strebe. Kurz darauf erklärte der amerikanische Präsident
Harry S. Truman die Eindämmung des Kommunismus zum obersten Ziel
der amerikanischen Außenpolitik. Dem amerikanischen Freiheitsideal
war ein neuer Feind erwachsen: an Stelle des Faschismus war der Weltkommunismus
unter der Führung der Sowjetunion getreten.
Die kommunistische Gefahr nahm für den Westen bedrohliche Ausmaße
an, als die Sowjetunion 1949 ihre erste Atombombe zündete und damit
das Atommonopol der Amerikaner brach. Im selben Jahr erklärte Mao
Tse Tung nach seinem Sieg über die von den Amerikanern unterstützten
Truppen Chang Kai-sheks China zur kommunistischen Volksrepublik. Die damit
verbundene Schwächung der westlichen Front in Asien manifestierte
sich unter anderem darin, daß am 25. Juni 1950 nordkoreanische Truppen
in Südkorea einmarschierten. Die von den Sowjets mit modernsten Waffen
ausgerüsteten Angreifer konnten von amerikanischen Einheiten und
ihren Verbündeten nur unter schwersten Verlusten zurückgedrängt,
doch nicht besiegt werden. So beschränkte sich der nach dreijährigen
erbitterten Kämpfen unterschriebene Waffenstillstand darauf, die
einstige Demarkationslinie des 38. Breitengrades erneut als Grenze zwischen
Nord- und Südkorea festzulegen und damit den status ante bellum wieder
herzustellen. Der Koreakrieg hatte nicht nur die Grenzen der amerikanischen
Militärmacht aufgezeigt, sondern auch die letzten Hoffnungen auf
einen dauernden Weltfrieden zerstört. Die USA begannen, in allen
Erdteilen rund um den Ostblock Militärstützpunkte zu errichten
und Verteidigungsbündnisse zu schließen. Infolge des gleichzeitig
einsetzenden Rüstungswettlaufs verfügten die beiden Supermächte
schon Ende der fünfziger Jahre über soviele atomare Sprengköpfe,
daß diese, sollten sie je eingesetzt werden, alles Leben auf der
Erde vernichten könnten.
Neben dem Aufstieg der Sowjetunion und der Verbreitung des Kommunismus
stellte der Untergang der europäischen Kolonialreiche in Asien, dem
Vorderen Orient und Afrika in mancher Hinsicht eine der schwerwiegendsten
Folgen des Zweiten Weltkriegs dar. Während England sowohl Indien
als auch einen großen Teil seiner übrigen Kolonien mehr oder
weniger freiwillig in die Unabhängigkeit entließ, fehlte es
den meisten anderen europäischen Kolonialmächten an der nötigen
Weitsicht, um den Forderungen nationalistischer Unabhängigkeitsbewegungen
konstruktiv zu begegnen; so kam es in fast allen Kolonialländern
zu bewaffneten Aufständen, die sich in Indonesien, Indochina, Malaysia,
Algerien, Kenia, Angola, Südrhodesien und im Belgischen Kongo zu
eigentlichen Befreiungskriegen ausweiteten. Sie dauerten meist mehrere
Jahre und wurden von beiden Seiten mit äußerster Grausamkeit
geführt.
Der Sowjetunion erwuchs aus dieser Entwicklung ein enormer propagandistischer
Vorteil. Sie stellte sich demonstrativ auf die Seite der unterdrückten
und ausgebeuteten Völker der Dritten Welt, vertrat deren Anliegen
vor der UNO und unterstützte die jeweiligen nationalistischen Unabhängigkeitsbewegungen
mit Geld, Waffen und Militärberatern. Der Kommunismus sprach mit
seiner leicht verständlichen Ausbeutungstheorie die ungebildete Bevölkerung
und mit seiner autoritären Regierungsform die machthungrigen Eliten
der einstigen Kolonialländer an; so entwickelte er sich zur leitenden
Befreiungsideologie der Dritten Welt, während die mit den europäischen
Mächten verbündeten USA in die Rolle der Verteidiger des Kolonialismus
gedrängt wurden.
Mit ihrem Vorgehen in Südamerika, das sie abschätzend als our
backyard - unseren Hinterhof - bezeichneten, trugen die Amerikaner
nicht wenig dazu bei, dieses Feindbild zu bestätigen. Ihre Politik
war durch eine an Hysterie grenzende Angst vor dem Kommunismus beherrscht
und nahm dabei immer deutlicher reaktionäre und imperialistische
Züge an. So unterhielten Truman und Eisenhower die allerbesten Beziehungen
zu diktatorischen und korrupten Militärregimes, die sie bedenkenlos
unterstützten, solange sie sich antikommunistisch gebärdeten
und jede Art sozialer oder wirtschaftlicher Reformversuche unterbanden.
Daran waren in erster Linie amerikanische Wirtschaftsunternehmen wie die
United Fruit Company interessiert, die in vielen südamerikanischen
Ländern mit dem Anbau von Bananen und Getreide riesige Gewinne erwirtschafteten
und dementsprechend in diesen sogenannten Bananenrepubliken
einen bestimmenden politischen Einfluß ausübten. Um die Verstaatlichung
amerikanischer Firmen abzuwehren oder rückgängig zu machen,
scheuten die Amerikaner nicht davor zurück, auch demokratisch gewählte
Linksregierungen mit Hilfe der CIA durch offene oder heimliche militärische
Interventionen zu stürzen. Entsprechende Unternehmen auf den Philippinen
(1950), im Iran (1953) und in Guatemala (1953) sowie die antikommunistische
Hexenjagd, die der republikanische Senator Joseph R. McCarthy Anfangs
der fünfziger Jahre in den USA in Gang setzte, bestätigte die
Warnung von George Kennan. Der weitblickende amerikanische Botschafter
in Moskau hatte bereits 1946 in einem umfassenden Bericht zur Politik
der Sowjetunion zu bedenken gegeben: "Die größte Gefahr,
die uns bei der Auseinandersetzung mit dem Sowjetkommunismus droht, besteht
darin, daß wir es zulassen, so zu werden wie jene, die wir bekämpfen."2
Ende der fünfziger Jahre kamen die erstarrten Fronten des Kalten
Krieges in Bewegung. In der Sowjetunion leitete Nikita Chrustschow mit
seiner Kritik an den Herrschaftsmethoden und dem Personenkult Stalins
eine innenpolitische Liberalisierung ein; außenpolitisch setzte
er mit seiner These der friedlichen Koexistenz eine weitgehende
Entspannungspolitik gegenüber den USA durch, die zum Bruch mit der
Volksrepublik China und damit zur Spaltung des kommunistischen Blocks
führte.
In den USA gelang es John Fitzgerald Kennedy, dem jüngsten amerikanischen
Präsidenten der Geschichte, den schon brüchig gewordenen Idealen
von Freiheit und Demokratie neue Glaubwürdigkeit zu verleihen und
die amerikanische Politik von ihrer ausschließlichen Fixierung auf
den Ost-West Konflikt zu befreien. Sein Aufruf zur politischen Neubesinnung
und seine Vision der New Frontier, an der es vorzurücken
galt, nahm die Vorstellungskraft seiner Generation gefangen und mobilisierte
den latenten Idealismus der Amerikaner. Während seiner kurzen, nur
drei Jahre dauernden Amtszeit setzte er Programme zur Verbesserung des
Bildungswesens, der Sozialversicherung und Krankenfürsorge in Gang;
er trieb die Integration der Farbigen in die weiße Gesellschaft
voran und erklärte den Kampf gegen die Armut zur nationalen Priorität;
mit der Gründung des Peace Corps, einer Organisation,
die junge Amerikaner als freiwillige Helfer in die Länder der Dritten
Welt entsandte, wies er der Entwicklungshilfe neue Wege; schließlich
startete er das Apollo Projekt, das neun Jahre später, am 20. Juli
1969, mit der ersten bemannten Mondlandung sein Ziel erreichen sollte.
Außenpolitisch setzte er sich erfolgreich gegen sowjetische Übergriffe
in Berlin und Kuba zur Wehr, gleichzeitig bemühte er sich aber auch
um die Überwindung des Kalten Kriegs, indem er mit den Russen den
ersten atomaren Teststopp-Vertrag aushandelte. Kennedy verkörperte
wie kaum ein anderer amerikanischer Präsident vor ihm die Hoffnungen
der Menschheit auf eine bessere, gerechtere Welt. Als er am 22. November
1963 einem bis heute nicht restlos geklärten Attentat zum Opfer fiel,
wurde er auf der ganzen Welt betrauert.
Nach Kennedys Ermordung setzte sein Nachfolger Lyndon B. Johnson, dessen
Reformpolitik fort. Die Verwirklichung seiner ehrgeizigen Pläne,
aus denen ein neues Amerika, die sogenannte Great Society,
hervorgehen sollte, setzte eine florierende Wirtschaft mit Vollbeschäftigung,
hohen Wachstumsraten und einem weitverbreiteten Konsens über die
Aufgaben und Ziele der Nation voraus; sie scheiterte daran, daß
diese Voraussetzungen durch den inzwischen ausgebrochenen und eskalierenden
Vietnamkrieg untergraben wurden.
Das amerikanische Engagement in Vietnam ging auf die französische
Niederlage im Indochinakrieg zurück. Auf der Genfer Friedenskonferenz
von 1954 war die provisorische Teilung Vietnams in eine nördliche,
durch die kommunistischen Vietminh beherrschte und in eine südliche,
prowestlich orientierte Hälfte vereinbart worden. Freie Wahlen, die
für das Jahr 1956 vorgesehen waren, sollten über die zukünftige
Regierung eines vereinten Vietnams entscheiden. Der Rückzug der Franzosen,
die nicht bereit waren, weitere Mittel in ihre einstige Kolonie zu investieren,
hinterließ in Südvietnam ein Machtvakuum, das die Amerikaner
mit der Einsetzung einer Marionettenregierung unter dem Katholiken Ngo
Dinh Diem, mit dem Aufbau einer schlagkräftigen, modernen Armee und
mit massiver Wirtschaftshilfe zu füllen versuchten. Da zu erwarten
war, daß der nordvietnamesische Präsident Ho Chi Minh bei den
angekündigten Wahlen einen überwältigenden Sieg davontragen
würde, wurden diese von den Amerikanern unterbunden. Dieser Vertragsbruch,
die Korruption der Regierung Diem sowie die Brutalität und Rücksichtslosigkeit,
mit der die Armee gegen die eigene Bevölkerung vorging, führten
zum Ausbruch vereinzelter Aufstände, die sich 1960 zur bewaffneten,
von Nordvietnam unterstützten Revolte der Viet Cong Guerillas gegen
das Diem-Regime ausweiteten.
Als Johnson 1963 sein Amt als Präsident antrat, unterhielten die
USA bereits 17 000 Militärberater in Vietnam, die sich bemühten,
den Widerstand gegen den kommunistischen Umsturzversuch zu koordinieren.
Angesichts der Ineffizienz der südvietnamesischen Streitkräfte
und der zunehmenden Erfolge der Kommunisten ordnete Johnson 1965 die Landung
amerikanischer Truppen (in Südvietnam) und die Bombardierung feindlicher
Stellungen und Nachschublinien im Norden an. Obwohl das amerikanische
Expeditionskorps bereits 1966 eine Stärke von 460 000 Mann erreicht
hatte, durch massive Einsätze der Luftwaffe und durch 670 000 südvietnamesische
Soldaten unterstützt wurde, war diese gewaltige Streitmacht nicht
in der Lage, den Kampfwillen ihres Gegners zu brechen.
Das Fernsehen brachte das Leid, die Schmerzen und das Unrecht, die beide
Parteien einer hilflosen Bevölkerung zufügten, in jeden amerikanischen
Haushalt. Die Bilder entlaubter Wälder, zerstörter Dörfer
und verkohlter Leichen, das sprachlose Entsetzen in den Augen von Kindern,
die einen Napalm Angriff überlebt hatten, die täglich aufgereihten
Särge gefallener Amerikaner und die wachsende Einsicht, daß
der Krieg nicht zu gewinnen sei, ließen Sinn und Rechtfertigung
des amerikanischen Engagements immer fragwürdiger erscheinen. Mary
McCarthys Tatsachenbericht Vietnam Report, in dem die Autorin
den verheerenden Einfluß der amerikanischen Präsenz auf die
soziale Struktur des Landes aufgezeigt, die Korruption der südvietnamesischen
Eliten angeprangert und die Fehler und Mißgriffe der amerikanischen
Politik bloßgelegt hat, wurde über Nacht zu einem internationalen
Bestseller.
In Europa stieß die amerikanische Kriegsführung auf immer
heftigere Kritik, in den USA nahm die Zahl der meist jugendlichen Kriegsgegner
täglich zu. Durch die zunehmende ideelle Übereinstimmung ihrer
Postulate mit denen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung wandelte sich
schließlich ihr Protest gegen den Vietnam Krieg zum Protest einer
ganzen Generation gegen die Welt ihrer Eltern. Der Ruf Make love,
not war! weitete sich zu einer globalen Revolte aus, die 1968 von
Kalifornien und New York auf West- und Mitteleuropa übersprang. Charismatische
Führer wie Herbert Marcuse in den USA, Daniel Cohn-Bendit in Frankreich
und Rudi Dutschke in Deutschland riefen die Studenten der amerikanischen
und europäischen Universitäten zur grundlegenden Erneuerung
der westlichen Gesellschaft auf. Diese Neue Linke berief sich
auf Marx und Lenin, Sartre und Camus und suchte Psychoanalyse und Marxismus
zu einer neuen Gesellschaftstheorie zu verbinden. Ihre militanten Anhänger
besetzten Universitäten und Akademien, erzwangen Änderungen
der Lehrpläne und Zulassungsbestimmungen, organisierten Demonstrationen,
errichteten Barrikaden in den Städten und lieferten der Polizei wahre
Straßenschlachten.
Sie waren jedoch nicht die einzigen Gegner der alten Ordnung; die Geltung
bisheriger Werte und Auffassungen wurde gleichzeitig auch durch die wachsende
Zahl gesellschaftlicher Aussteiger (den sogenannten Hippies) in Frage
gestellt. Mit ihrem Aufruf zur sexuellen Befreiung, der Propagierung bewußtseinserweiternder
Drogen wie Marihuana, Haschisch und LSD und der Verbreitung östlicher
Weisheitslehren drohten sie, das bisherige Selbstverständnis der
noch angepaßten Jugend zu untergraben. Den besten Beweis für
das Ausmaß dieser Gefahr lieferten in den Augen der älteren
Generation die über 500 000 jungen Menschen, die sich im August 1969
zum berühmten Woodstock Festival auf einer Farm in Bethel, New York
einfanden. Diese Jugend gab sich während mehreren Tagen und Nächten
unter freiem Himmel zur Musik von Janis Joplin, Jimmy Hendrix und den
Jefferson Airplane der Liebe, dem Hanf und dem Gefühl schrankenloser
Freiheit hin.3
Die zweispurige Jugendrevolte (der Neuen Linken einerseits und der Aussteiger
andererseits), die zeitlich mit dem Durchbruch der Pop Art, der Minimal
Art und den Auftritten von Joseph Beuys zusammenfiel, schien einen tiefgreifenden
gesellschaftlichen Wandel einzuleiten. Eine flammende Begeisterung für
die alten revolutionären Maximen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
hatte sich entzündet; unter dem Motto L'imagination au pouvoir
wurden überall Autoritäten hinterfragt, Einschränkungen
aufgehoben, Regeln gebrochen und Machtmißbräuche bekämpft
(siehe S. 612 in diesem Buch). Die fortschreitende politische Entspannung
und die anhaltende Hochkonjunktur trugen das ihre dazu bei, um eine euphorische
Aufbruchstimmung zu verbreiten, die Ende der sechziger Jahre von der militanten
Jugend auch auf die gesamte Bevölkerung übergriff.
Die Wende der siebziger Jahre
Diese neue Zuversicht sollte von kurzer Dauer sein; nach dem Rückzug der Amerikaner aus Vietnam4 wurden der Optimismus und das Selbstgefühl des Westens durch eine Verknüpfung von Ereignissen erschüttert, die das bisherige politische und wirtschaftliche Gleichgewicht der Welt von Grund auf veränderten.
1972 stellte der Bericht einer internationalen Gruppe von Wissenschaftern unter dem vielsagenden Titel Die Grenzen des Wachstums wesentliche Aspekte der Entwicklung in Frage, die den westlichen Industrieländern ihren beispiellosen Wohlstand gebracht hatte. Gestützt auf ein umfassendes Tatsachenmaterial und entsprechende statistische Daten warnten die Autoren vor den verheerenden Auswirkungen des unkontrollierten wirtschaftlichen Wachstums - der zunehmenden Umweltverschmutzung, der weltweiten Erzeugung und Verbreitung von Schadstoffen und der rücksichtslosen Ausbeutung sich nicht regenerierender Rohstoffe - sowie vor der ungebremsten Zunahme der Weltbevölkerung. Ihr Bericht erregte weltweites Aufsehen, indem er den Optimismus einer wachstumsorientierten Wirtschaft erheblich einschränkte; er schloß mit der Forderung an die Regierungen der entwickelten Länder, sich zu einem zukunftsgerichteten, gemeinsamen Handeln zu verbinden, um diese Gefahren abzuwenden und das bedrohte kologische Gleichgewicht unseres Planeten zu retten.
Die mögliche Auswirkung der Krisen, vor denen der Club of
Rome gewarnt hatte, wurde den westlichen Industrienationen schlagartig
bewußt, als die arabischen Ölproduzenten nach Ausbruch des
arabisch-israelischen Jom Kippur-Krieges im Jahr 1973 die Erdölproduktion
drosselten und die bisherigen Preisbindungen aufkündigten. Dieser
Versuch, auf die proisraelischen Regierungen des Westens politischen Druck
auszuüben, löste einen weltweiten Notstand aus. Lange Warteschlangen
an den Tankstellen, Sparmaßnahmen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen
und Sonntagsfahrverbote für Automobile demonstrierten jedem Einzelnen
die enorme Abhängigkeit des Westens von den erdölproduzierenden
Staaten. Im Verlauf weniger Monate stieg der Preis des Erdöls um
das Zehnfache, die jährlichen Energiekosten der westlichen Welt von
bisher 15 Milliarden Dollar auf 150 Milliarden.
Das erste Ergebnis dieser sprunghaften Verteuerung war eine erhöhte
Inflation in den USA, in Europa und in den meisten Ländern der Dritten
Welt. Die riesigen Gewinne der Ölproduzenten, (die 1980 jährlich
über 500 Milliarden Dollar erreichten), überschwemmten die internationalen
Geld- und Kapitalmärkte und drohten, deren Stabilität zu unterminieren.
Ein Teil dieser Petrodollars floß in Form von Darlehen
in die Länder Asiens, Lateinamerikas und Afrikas, deren Verschuldung
von 100 Milliarden im Jahr 1971 auf 400 Milliarden im Jahr 1979 stieg,
um 1990 die unglaubliche Summe von 1 200 Milliarden zu erreichen. Hunderte
von Milliarden wurden von den Ölproduzenten in Europa sowie in den
USA investiert, wo sie wesentlich zur Finanzierung des wachsenden amerikanischen
Staatsdefizits beitrugen.
Den größten Teil ihres neuen Reichtums setzten die Erdölländer
des Vorderen Orients für aufwendige Prestigeprojekte sowie für
den Ausbau ihrer Infrastruktur, die Entwicklung einer eigenen Industrie
und die Modernisierung ihrer Streitkräfte ein. Iran und die arabischen
Golfstaaten entwickelten dabei einen unersättlichen Appetit für
modernste Düsenjäger, Kampfbomber und hochentwickelte Waffensysteme,
der von den großen amerikanischen und europäischen Rüstungsunternehmen
bereitwilligst befriedigt wurde.5
Die weltweite Verflechtung militärischer und wirtschaftlicher Interessen
- die Macht des militärisch-industriellen Komplexes,
vor der bereits Eisenhower gewarnt hatte - und der Versuch der beiden
feindlichen Großmächte, die einstigen Kolonialländer durch
umfangreiche Waffenlieferungen an sich zu binden, trugen ebenfalls wesentlich
zur Eskalation des internationalen Rüstungswettlaufs bei. Das militärische
Machtpotential industriell unterentwickelter und diktatorisch regierter
Staaten nahm dabei trotz des technologischen Rückstandes dieser Länder
bedrohliche Ausmaße an. Die langfristigen Auswirkungen dieser verhängnisvollen
Realpolitik sind heute noch gar nicht abzusehen. Die Militärausgaben,
welche Ende der achtziger Jahre auf der ganzen Welt den Betrag von jährlich
900 Milliarden Dollars erreichten,verschlangen die Mittel, welche die
Erfüllung der vom Club of Rome aufgestellten Forderungen
ermöglicht hätten.
Mit den riesigen Provisionen, die bei diesen Geschäften den jeweiligen
Agenten und Zwischenhändlern ausbezahlt wurden, begann sich im Waffenhandel
eine zunehmende Korruption auszubreiten, die bald auf andere Wirtschaftszweige
übergriff. Presse und Fernsehen berichteten immer häufiger von
Schmiergeldaffären und Skandalen, in welche auch die größten
und renommiertesten amerikanische Unternehmen verwickelt waren. Der wohl
berühmteste Fall dieser Art betraf den Flugzeughersteller Lockheed
Corporation, der in Japan, Italien und der Türkei in einer Reihe
aufsehender Gerichtsverfahren der Bestechung höchster Regierungsbeamter
schuldig befunden wurde. Es dauerte nicht lange, bis diese unlauteren
Geschäftsmethoden, die von der amerikanischen Industrie als eine
im Ausland übliche Praxis verteidigt und zu einer notwendigen Bedingung
ihrer internationalen Konkurrenzfähigkeit erklärt wurden, auch
im eigenen Land zur Anwendung kamen. Schritt um Schritt wurden damit sowohl
die Geschäftsmoral der großen Wirtschaftsunternehmen als auch
die Integrität jeweiliger Regierungsämter untergraben. Die Auswirkungen
dieser mit der Geldschwemme der siebziger Jahre einsetzenden Entwicklung
sollten erst im folgenden Jahrzehnt zutage treten, als unzählige
Korruptionsskandale die Regierungen fast aller westlichen Demokratien
erschütterten und das Vertrauen der Bevölkerung in den demokratischen
Prozeß weitgehend zerstörten.
Doch vorerst erfreute sich die westliche Welt weiterhin ihres ständig
wachsenden Wohlstands. Die spektakulären Resultate der modernen Wissenschaft
und Technologie, das unübersehbare Angebot an Konsumgütern jeder
Art, die Entwicklung der Verkehrsmittel und des Wohnungsbaus, die Fortschritte
in der Medizin, die Verbesserung der öffentlichen Dienste und des
Bildungswesens, großzügige Sozialgesetze und die weitgehende
Respektierung der bürgerlichen Rechte und Freiheiten vermittelten
der großen Mehrheit das Gefühl, in der besten aller Welten
zu leben. Der Philosoph Karl Raimund Popper sprach eine weitverbreitete
Überzeugung aus, als er 1981 erklärte: "Ich glaube, daß
unsere abendländische Zivilisation, trotz allem, was man mit Recht
an ihr aussetzen kann, die freieste, die gerechteste, die menschlichste,
die beste ist, von der wir aus der Geschichte der Menschheit Kenntnis
haben. Sie ist die beste, weil sie die verbesserungsfähigste ist."6
Die materiellen Grundlagen dieses Selbstverständnisses begannen
einzubrechen, als mit der Entwicklung eines offenen, vielschichtig vernetzten
Weltmarktes die wirtschaftliche Vormachtstellung des Westens durch die
wachsende Konkurrenz Japans und der neuen Industrienationen Asiens in
Frage gestellt wurde. Unter dem Druck dieser Konkurrenz verlegten immer
zahlreichere westliche, beziehungsweise multinationale Unternehmen Ihre
Produktion in Länder mit niedrigen Steuern, Löhnen und Sozialleistungen,
was in Europa und den USA ganz wesentlich zur Verschärfung der inzwischen
ausgebrochenen Arbeitslosigkeit führte.7
In den Vereinigten Staaten machten sich gleichzeitig auch die Folgen der
bisherigen Mißwirtschaft, überhöhter, unproduktiver Rüstungsausgaben
und gigantischer Schulden bemerkbar. Das Haushaltsdefizit der USA und
die Überbewertung des Dollars führten am 19. Oktober 1987 an
der New Yorker Börse zu einem dramatischen Einsturz der Aktienkurse,
der sich dank elektronischer Übermittlungssysteme sofort international
auswirkte. Der schwarze Montag der New Yorker Börse,
bei dem die Aktionäre an einem einzigen Tag über 500 Milliarden
Dollar verloren, löste eine bis heute anhaltende Wirtschaftskrise
aus, die auch den Kunstmarkt in Mitleidenschaft ziehen sollte.
Die Zukunftserwartungen der neu antretenden Generation wurden darüber hinaus durch eine zunehmende Verschlechterung der allgemeinen Lebensqualität getrübt. Die täglichen Berichte über verseuchte Flüsse und Meere, Luftverschmutzung und Waldsterben, Ozonloch und Treibhauseffekt, atomaren Sondermüll, verbaute Landschaften, abgeholzte Wälder und aussterbende Tierarten ließen die Versäumnisse der von den westlichen Regierungen betriebenen Umweltpolitik immer deutlicher hervortreten. Obwohl sich in allen westlichen Ländern auch Bürgerinitiativen, politische Umweltparteien und international tätige Umweltorganisationen für die Eindämmung dieser Belastungen einsetzten, erschien eine Korrektur des globalen kosystems Ende der achtziger Jahre weiterhin als unlösbare Aufgabe.
Weite Bevölkerungskreise begannen sowohl das Vertrauen in die moralische Integrität ihrer führenden Schichten und Vorbilder als auch den Glauben an Sinn und Geltung ihrer Ideale und Wertmaßstäbe zu verlieren. Der Zerfall kollektiver Ideale und das Fehlen gemeinsamer Ziele reduzierte die Gesellschaft zu einer Masse egoistischer Gruppen, die unter völliger Mißachtung des Gemeinwohls nur ihre eigenen Interessen verfolgten. Die wachsende Korruption politischer und wirtschaftlicher Kreise sowie die Unfähigkeit von Regierungen und Parteien, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme zu meistern, untergruben das Vertrauen in die Demokratie und führten zu einer allgemeinen Desillusioniertheit. Die Leitbilder der Moderne waren nicht mehr in der Lage, ihren Anhängern überzeugende und inspirierende Zukunftsvorstellungen zu vermitteln.
Der Zusammenbruch der Sowjetunion
Die Sowjetunion durchlief eine ähnliche Entwicklung. Während
sich die Zeit zwischen 1954 und 1974 durch eine fortschreitende Verbesserung
der allgemeinen Lebensbedingungen auszeichnete, begannen sich Mitte der
siebziger Jahre die Probleme zu häufen. Gesundheitswesen, Erziehung,
Wohnverhältnisse und die Versorgung mit Konsumgütern und Lebensmitteln
ließen immer mehr zu wünschen übrig, Kriminalität
und Alkoholismus nahmen zu.8 Im Lauf eines knappen Jahrzehnts trieben
Korruption, Bürokratie, Inkompetenz, überhöhte Rüstungsausgaben
und eine repressive, jede Eigeninitiative erstickende Innenpolitik die
Sowjetunion und die ihr angeschlossenen Staaten in eine gesellschaftliche
und wirtschaftliche Krise größten Ausmaßes.
Angesichts dieser Mißstände setzte Michail Gorbatschow, der
am 11. März 1985 zum neuen Generalsekretär der KPdSU ernannt
wurde, unter den Schlagworten Perestroika (für Umgestaltung) und
Glasnost (für Transparenz und Offenheit) einen in der Geschichte
der Sowjetunion beispiellosen Reformprozeß in Gang, der jedoch auf
Grund seiner inneren Widersprüche zum Scheitern verurteilt war.
Mit einer Reihe liberaler Maßnahmen wie der Lockerung der Zensur
und der Entlassung politischer Häftlinge, mit der zaghaften Zulassung
privatwirtschaftlich organisierter Kommunen und mit einem Umbau des Staatsapparates,
der Bildung eines Kongresses der Volksdeputierten, dessen
Mitglieder zu zwei Dritteln durch das Volk gewählt wurden, hoffte
Gorbatschow, das sowjetische System erneuern zu können, ohne dessen
Grundfesten - die Ideologie des Marxismus-Leninismus, das Machtmonopol
der Kommunistischen Partei und die sozialistische Planwirtschaft - anzutasten.
Glasnost und Perestroika - Offenheit und Umgestaltung - entwickelten jedoch
eine Eigendynamik, mit der er nicht gerechnet hatte.
Die Sitzungen des neugewählten Kongreßes wurden durch das Fernsehen
landesweit direkt übertragen. Der Anblick der Debatten, in deren
Verlauf einzelne Deputierte die Regierung und das KGB (den sowjetischen
Geheimdienst) kritisierten, Nationalitätenfragen erörterten
und gegen Nepotismus, Ineffizienz und die Privilegien der Parteielite
ins Feld zogen, deckte den Bruch zwischen progressiven und konservativen
Kräften innerhalb der Partei auf und setzte eine öffentliche
politische Diskussion in Gang, die alles und jedes in Frage stellte.
Mit der Kontrolle über die Medien hatte die Partei auch ihren Anspruch
auf Unfehlbarkeit, ihre politische und geistige Autorität verloren.
Der Zusammenbruch der offiziellen Wahrheit und das Fehlen
einer geeinten Opposition schufen ein geistiges und politisches Vakuum,
in dem Religion und Nationalismus als Orientierungshilfen einen neuen
Aufschwung erlebten.
1988 brachen im Kaukasus und in Litauen die ersten nationalen Unruhen
aus. Im folgenden Jahr wurde die Führungsrolle Moskaus auch in den
Satellitenstaaten der Sowjetunion untergraben. Ungarn öffnete die
Grenzen zum Westen und ermöglichte damit zehntausenden von DDR-Bürgern,
über Österreich in die Bundesrepublik zu fliehen. Die folgenden
Massendemonstrationen in den Großstädten der DDR, die zum Rücktritt
der Regierung Honeckers und im folgenden Jahr zur Wiedervereinigung Deutschlands
führen sollten, lösten eine Kettenreaktion aus, von der auch
diejenigen Blockstaaten ergriffen wurden, die bisher noch Ruhe bewahrt
hatten. Unter dem Druck des Volkes mußten die jeweiligen kommunistischen
Parteien eine Machtposition nach der anderen räumen, bis sie sich
schließlich auflösten oder sich unter neuem Namen und mit neuem
Programm dem Volk zur Wahl stellten. Innerhalb weniger Monate hatte sich
in allen Staaten des Ostblocks der Übergang von der Diktatur zur
Demokratie vollzogen.
Auch in den Republiken der Union nahm der Widerstand gegen die wirtschaftliche
und politische Kontrolle durch Moskau ständig zu. Im März 1990
brachten die Wahlen zu den republikanischen Parlamenten in Litauen, Lettland,
Estland, Moldavien, Ukraine, Armenien und sogar in Rußland Mehrheiten
an die Macht, die für die politische Unabhängigkeit eintraten.
Im Juni erklärte der zum Parlamentspräsidenten der Russischen
Föderation gewählte Boris Jelzin die Souverenität der größten
Teilrepublik der Sowjetunion.
Als sich 1991 in den Republiken die Stimmen mehrten, die eigene republikanische
Armeen forderten, unternahm eine Gruppe konservativer Minister einen Putschversuch,
der jedoch durch das entschlossene Eingreifen Jelzins abgewehrt werden
konnte. Jelzin wurde im ganzen Land als Volksheld gefeiert - seine Stunde
war gekommen: Nach der Rückkehr Gorbatschows nutzte er dessen ersten
Auftritt vor dem russischen Parlament, um ihn vor Millionen von Fernsehzuschauern
öffentlich bloßzustellen. Anschließend unterschrieb er
das berühmte Dekret, mit dem die kommunistische Partei in Rußland
verboten wurde.
Am 24. August 1991 trat Gorbatschow als Generalsekretär zurück,
die Partei wurde aufgelöst und ihr Vermögen eingezogen. Mit
dem Zusammenschluß von elf ehemaligen Sowjetrepubliken zur Gemeinschaft
unabhängiger Staaten (GUS) wurde die UdSSR zu Grabe getragen.
Das 1917 begonnene Experiment der klassenlosen Gesellschaft war endgültig
gescheitert.
Das Ende des Kalten Krieges ließ die geistige Krise, in der sich
die westlichen Demokratien befanden, umso deutlicher in Erscheinung treten.
Mit dem Wegfallen der kommunistischen Bedrohung verloren deren Regierungen
ihre bisherige politische Orientierung und damit auch den letzten Rest
einer gemeinsamen ideellen Ausrichtung. Der Jahrzehnte lange Kampf gegen
den gemeinsamen Feind hatte allzu lang die Politik der freien Welt
bestimmt (pervertiert) und die geistigen, moralischen und wirtschaftlichen
Kräfte aufgezehrt, die zur Lösung ihrer gesellschaftlichen Probleme
und zur Schaffung einer neuen Weltordnung nötig gewesen wären.
Die Medienrevolution
Gleichzeitig mit dem politischen Umbruch, der zum Zerfall der Sowjetunion
führte und dem Kalten Krieg ein Ende setzte, vollzog sich (im Westen)
die in gesellschaftlicher Hinsicht wohl folgenschwerste Entwicklung der
ausgehenden Moderne. Sie bestand im spektakulären Fortschritt der
modernen Kommunikationsmittel und der Massenmedien. Die weltweiten gesellschaftlichen
Auswirkungen dieser technologischen Revolution, mit der sich der Anbruch
eines neuen Zeitalters ankündigt, können hier nicht eingehend
erörtert werden. Im vorliegenden Zusammenhang genügt der Hinweis,
daß das gesellschaftliche Selbstverständnis der westlichen
Industrienationen nicht nur durch die beschriebenen politischen und wirtschaftlichen
Mißstände, sondern auch durch die ständig wachsende Informationsflut
untergraben wurde, die sich durch Presse, Rundfunk und Fernsehen tagtäglich
über eine unvorbereitete Bevölkerung ergoß.
Die größte Bedeutung kam dabei dem Fernsehen zu. Die zersetzende
Wirkung dieses Mediums ergab sich nicht sosehr aus der Verbreitung bestimmter
Nachrichten, sondern beruhte in erster Linie auf der Vermittlung einer
völlig neuartigen, von den zeitlichen und räumlichen Bedingungen
bisherigen Erlebens unabhängigen Erfahrungswirklichkeit, in der die
Grenzen zwischen Fiktion und Realität dauernd verschoben und verwischt
wurden. Das permanente Nebeneinander von Berichterstattung, Unterhaltung
und Werbung sowie der ständige Wechsel der Schauplätze und Wirklichkeitsebenen
- vom Krimi in die Nachrichtensendung, von dort in die Sportreportage
oder in eine Kunstausstellung - untergrub jede mögliche Betroffenheit,
raubte den Ereignissen ihre Relevanz und trug zu einer fortschreitenden
Fragmentierung des kollektiven Erfahrungsraumes bei.
2. Die narzißtische Krise
In materieller Hinsicht ist es dem Menschen der westlichen Welt noch
nie so gut ergangen wie in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts;
in geistiger Hinsicht steckt er jedoch in einer eigentlichen Notlage.
Als Freud 1930 in seiner berühmten Studie Das Unbehagen in
der Kultur versuchte, gesellschaftliche Erscheinungen auf ihre psychologischen
Bedingungen zurückzuführen, verstand er dieses Unbehagen als
Folge des Triebverzichts, den das menschliche Zusammenleben von jedem
einzelnen erfordert. Die psychische Not der siebziger und achtziger Jahre
ist anderer Art. Der zeitgenössische Mensch leidet weniger unter
einem Verzicht auf Triebbefriedigung als vielmehr unter dem Erlebnis seiner
Entfremdung, die sich in einer inneren Leere und im Gefühl der Sinn-
und Ziellosigkeit seines Daseins äußert.
Dieselbe Entwicklung, die dem Westen seinen beispiellosen Wohlstand gebracht
hat, untergrub auch die gesellschaftlichen Voraussetzungen zur Erhaltung
eines stabilen Selbstwertgefühls. Das Zusammenspiel von Wissenschaft,
Technik und Industrie eröffnet dem kollektiven Bewußtsein täglich
neue Bereiche des bis anhin Unbekannten und Unmöglichen. Alle bisherigen
Maßstäbe werden entwertet. Alles scheint technisch möglich
und machbar. Diese dauernde Grenzverschiebung des Möglichen hebt
nicht nur Einschränkungen auf, sondern raubt dem Menschen auch die
Orientierung, die ihm jene bisher geboten haben.
Trotz ihrer bahnbrechenden Fortschritte führt die wissenschaftliche
Forschung aufgrund ihrer extremen Spezialisierung zu einem wachsenden
Bewußtsein intellektueller Ohnmacht. Mit zunehmendem Wissen wird
sich der moderne Mensch immer deutlicher der unermeßlichen Weite
des ihn umgebenden Unbekannten bewußt. Vom möglichen Wissbaren
weiß er nur wenig, und sogar dieses wenige erscheint ihm ungesichert.
In gleicher Weise verhält es sich mit seinen Werten. Gerade durch
sein Wissen um die vielfältigen Möglichkeiten menschlicher Werte
und Ordnungen und um deren Vergänglichkeit und Relativität fällt
es ihm schwer, sie als gegeben und bindend zu akzeptieren und als solche
zu vertreten.
Damit tritt auch ein wesentliches Ungenügen rationalwissenschaftlichen
Denkens zutage. Einer der Vorzüge des auf Beobachtung, Berechnung
und dem Experiment basierenden Denkens besteht in seiner konsensusschaffenden
Objektivität. Wissenschaftliche Einsichten und Konzepte werden dank
ihrer objektiven Überprüfbarkeit zu Tatsachen, zum Bestand des
Wirklichen. Doch in dem Masse, in dem die wissenschaftliche Denkweise
alle Entscheidungskriterien monopolisiert, tritt auch ihr wesentliches
Ungenügen zutage. Ihre nüchtern-sachliche, objektive Sicht führt
zur völligen Ausklammerung jeder Wert- und Sinnfrage. Die Wissenschaft
untersucht die Regeln, denen das Universum und das menschliche Leben gehorchen:
Den Sinn ihrer Existenz vermag sie jedoch nicht zu setzen. Auch die neueste
und zentralste Wissenschaft vom Menschen, die Psychoanalyse, beschreibt
die menschliche Seele als das Schlachtfeld, auf dem sich die Triebe, die
verschiedenen psychischen Instanzen und die Forderungen der Außenwelt
ihren Kampf liefern, doch ohne in diesem Drama einen Sinn zu entdecken.9
Obwohl sich Staat und Gesellschaft offiziell weiterhin zum Christentum
bekennen, haben die christlichen Maximen, wie dies die Geschichte und
die alltäglichen Erfahrungen jedes Einzelnen demonstrieren, ihre
bindende Kraft längst verloren. Das rational-wissenschaftliche Denken
versucht, die einst durch Mythos und Religion beantworteten Fragen nach
Sinn und Wert objektiv, das heißt allgemein-verbindlich, zu beantworten.
Diese Antworten müßten konsequenterweise aus dem Gegebenen
stammen, dem Leben und seinen Gesetzmäßigkeiten immanent sein.
Damit erhebt sich unabweisbar die Forderung nach einem auf rationaler
Erkenntnis gründenden, doch auch irrationale Lebensbereiche umfassenden
Menschenbild. Wissenschaft und rationales Denken sind jedoch dieser Aufgabe
noch nicht gewachsen; den Wert des Guten vermögen sie
nicht zu setzen.
Ein derartiges Vakuum - das Fehlen einer integrierten idealisierten Struktur
- stellt sowohl für den Einzelnen als auch für das Kollektiv
einen inneren Realitätsverlust dar.
Die im Kollektiv gebotenen Möglichkeiten, die narzißtischen
Bedürfnisse des exhibitorischen oder des idealisierten Pols zu befriedigen,
nehmen dauernd ab: die durchgängige Organisation der Arbeit und die
Verwaltung fast aller gesellschaftlichen Bezüge durch einen riesigen
bürokratischen Apparat läßt kaum mehr Raum für subjektive
Entfaltung und persönliche Initiative, und erlaubt es dem Einzelnen
immer seltener, sich in seiner Einmaligkeit als Individuum zu erleben
und sich in den Reaktionen seiner Umwelt zu spiegeln. Die wichtigsten
gesellschaftlichen Werte werden durch Institutionen repräsentiert,
deren Anonymität und Kälte jede Identifikation und jede Verinnerlichung
verunmöglichen. Die Praxis der doppelten Moral in Wirtschaft und
Politik (zwei Bereiche, in denen, wie Christopher Lasch sagt,10 die öffentliche
Lüge zur Gewohnheit geworden ist), führt zu einem tiefsitzenden
Mißtrauen gegenüber den Verwaltern der Macht und den Vertretern
moralischer Autorität; dies macht es dem einzelnen immer schwieriger,
Idealisierungen auszubilden und aufrechtzuerhalten.
Diese Art von Entfremdung manifestiert sich in der zunehmenden Verbreitung
narzißtischer Persönlichkeitsstörungen. Die Mehrzahl der
Patienten, die heute psychotherapeutische Hilfe suchen, leiden unter einem
allgemeinen, schwer zu lokalisierenden Gefühl des Ungenügens
und der Unzufriedenheit, unter einer tiefsitzenden Schwierigkeit, dauernde
und sinnvolle zwischenmenschliche Beziehungen zu unterhalten, unter einem
intensiven Gefühl innerer Leere und unter dem Eindruck nicht im vollen
Sinn wirklich und ganz zu sein. Das grandiose Selbst dieser
Menschen zerfällt in eine Unzahl schwacher, nur lose miteinander
verbundener Strebungen und Ambitionen, die ihnen imgrunde fremd sind und
die zu keinem zentralen Interesse in Beziehung stehen. Analog dazu zerfallen
auch die idealisierten Strukturen dieser Menschen - deren
Gewißheiten - in eine Unzahl von Anschauungen und Prinzipien, in
lauter Teilwahrheiten, die zu keiner zentralen Wahrheit mehr in Bezug
stehen.
Dieser psychischen Störung vieler einzelner entspricht die Beziehungslosigkeit
der verschiedenen Lebensbereiche, Interessen, Zielsetzungen, Werte und
Vorstellungen, die das Leben des gesellschaftlichen Organismus' ausmachen.
Auf diese extreme Verunsicherung sowohl des eigenen als auch des gesellschaftlichen
Selbstwertgefühls reagiert der Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts
sowohl durch Heilungsversuche, als auch durch Abwehr, d.h. durch die Bestrebung,
die bedrohliche Störung im Selbst zu überdecken oder zu verleugnen.
Wie in der Kunst, so bestehen auch im Leben die meisten narzißtischen
Heilungsversuche darin, einen der beiden Pole des gestörten Selbst
zu stärken, um dadurch die Schwäche im anderen Pol auszugleichen.
Derartige Unterfangen führen jedoch nur dann zu einer stabilen Heilung,
wenn sich die Inhalte des so gestärkten Pols in das eigene Selbst
integrieren lassen; sie scheitern dann, wenn diese Inhalte abgespalten,
entfremdet bleiben. Am Beispiel von zwei typischen und äußerst
verbreiteten Versuchen dieser Art soll kurz auf die Möglichkeiten
und Grenzen der angestrebten Heilung hingewiesen werden.
Das erste Beispiel betrifft das generelle, an keine persönlichen
Ambitionen gebundene Streben nach materiellem Erfolg, nach Macht, Ruhm
und Ehre, dem man heute in unzähligen Ausgestaltungen begegnet; dieses
für die sogenannten Yuppies der achtziger Jahre typische Verhalten
stellt meist den Versuch dar, durch Stärkung des exhibitorischen
Pols die Schwäche des idealisierten Pols auszugleichen. Obwohl es
dem narzißtisch Gestörten auf diesem Weg oft gelingt, seine
Not etwas zu lindern, scheitert dieser Versuch in der Regel an der Einseitigkeit
seiner Orientierung.
Das zweite Beispiel betrifft die Teilnahme an politischen oder ideologisch
bestimmten religiösen Bewegungen, deren Ziel in der Verbesserung
unserer Welt besteht; dieses Verhalten stellt oft den umgekehrten
Versuch dar, durch Stärkung des idealisierten Pols die Schwäche
des exhibitorischen Pols auszugleichen. Allzu viele dieser Bemühungen
erschöpfen sich jedoch darin, die eigenen Ideale lediglich
dadurch zu vertreten und zum Ausdruck zu bringen, daß bestimmte
Individuen oder Gruppen angeklagt werden, die mit ihrer Verhaltensweise
diese Ideale mißachten.
Trotz möglicher selbstbetrügerischer Tendenzen gelingt es
diesen kompensatorischen Heilungsversuchen,11 doch viel besser, ein geschwächtes
Selbstgefühl zumindest teilweise zu stärken, als den vielen
rein abwehrenden Versuchen, diese Schwäche durch übermäßige
Stimulation oder durch die künstlich hervorgerufene und rasch abklingende
Illusion der eigenen Allmacht und Vollkommenheit zu überdecken.
Neben hektischer Aktivität, sexuellen Exzessen, dem Hang zur Gewalt
und zur Provokation von Gefahren stellt die Sucht in all ihren Ausgestaltungen
eine der verbreitesten Abwehrformen der Gegenwart dar. Kohut schreibt
sie dem Bedürfnis zu, durch Körperstimulation oder Konsum ein
Bewußtsein eigener Realität und inneren Lebendigseins zu erlangen.
Neben der eigentlichen Drogensucht lassen sich auch die gesellschaftlich
integrierten Formen der Sucht auf das Bedürfnis zurückführen,
entweder - wie im Fall der Arbeitssucht - durch exzessive Aktivität
und körperliche und geistige Stimulierung das fehlende Gefühl
eigener Ganzheit und Grandiosität zu erlangen oder - wie im Falle
der Kauf-, Eß- oder Fernsehsucht - durch Konsum die innere Leere,
das Fehlen bestätigender verinnerlichter Ideale zu überdecken.
Das doppelte Bedürfnis nach Identitätsfindung und Stimulierung
wird von der großen Mehrzahl der Bevölkerung durch Konsum befriedigt.
In den hochentwickelten Industrieländern lockt ein unübersehbares
Angebot materieller und kultureller Güter den potentiellen Kunden
mit den beiden wichtigsten Kaufargumenten einer Überflußgesellschaft:
einmal mit der Aussicht, sich durch den Besitz des Exklusiven von der
grauen, anonymen Menge abzuheben und zu profilieren, dann aber auch mit
dem Versprechen ungewohnter Erfahrungen, heftiger Empfindungen und überraschender
Genüsse. Die Produkte, die solches verheißen, werden immer
kurzlebiger, ihr Erfolg hängt immer mehr von ihrem Neuigkeitswert,
ihren modischen Attributen und ihrem durch eine allgegenwärtige Werbung
aufgebauten Image ab.
Von dieser Entwicklung bleibt auch die Kunst nicht verschont. Sie wird
in zunehmendem Maß und in vielfältiger Weise als ein Konsumgut
besonderer Art in die Wirtschaft integriert, wird immer deutlicher Teil
der Unterhaltungsindustrie und verliert dadurch ihren bisherigen Stellenwert.
3. Die Kunst der Postmoderne
Die Kunstszene der achtziger Jahre
Im kulturellen Bereich spiegelt sich die eben beschriebene Entwicklung
in der beispiellosen Popularität moderner und zeitgenössischer
Kunst. In Europa, Japan und den USA entstehen überall neue Museen
und Kunsthallen, deren Ausstellungen immer größere Besuchermassen
anziehen. Der Kunsthandel blüht. Jahr für Jahr werden Dutzende
von internationalen Kunstmessen abgehalten, deren Umsätze ständig
wachsen. Die großen Auktionshäuser melden in jeder Saison neue
Preisrekorde. 1987 ersteigerte ein japanisches Unternehmen van Goghs Sonnenblumen
für 26 Millionen Dollar; wenige Monate später wurde ein weiteres
Gemälde des Künstlers, der zu seinen Lebzeiten nur ein einziges
Bild verkaufen konnte, für 55 Millionen zugeschlagen. Werke noch
lebender Berühmtheiten wie zum Beispiel Jasper Johns, Robert Rauschenberg,
Cy Twombly oder Frank Stella erzielen Millionenbeträge, während
die Gemälde der jungen, bis vor wenigen Jahren noch völlig unbekannten
Stars der italienischen Transavanguardia fünfstellige Dollarpreise
erreichen.
Diese manische Kaufwut erfaßt nicht nur die Superreichen. Auch Menschen
der mittleren Einkommensklassen erwerben immer öfter neben neuen
Autos, Foto- und Videokameras, Stereoanlagen, Designer-Möbeln, kostspieligen
Kleidern und exotischen Ferienarrangements auch Gemälde und Skulpturen,
denn Kunst stellt nicht nur eine gute Kapitalanlage dar, sondern verleiht
auch soziales Prestige.
Erfolgreiche Künstler können schon in jungen Jahren mit einem
beachtlichen Einkommen rechnen, und werden fast so berühmt wie die
Stars des Showbusiness. Damit wandelt sich außer der materiellen
Situation auch das Selbstverständnis des zeitgenössischen Künstlers.
Er fühlt sich nicht mehr als Außenseiter der Gesellschaft,
sondern ist in diese weitgehend integriert. Das Leitbild des hungernden,
trotz fehlendem Erfolg seinen Idealen und Ideen treu ergebenen Genies
ist endgültig passé. Übertrieben gesagt, sieht sich fast
jeder angehende Künstler als potentieller Millionär.
Der Weg zu diesem Ziel führt über die Kunstvermittlung. Eine
entscheidende Rolle kommt dabei einem neuen Typus literarischer Kunstsachverständiger
zu; diese Fachleute entdecken Begabungen, vermitteln ihre Entdeckungen
befreundeten Galerien, beraten wichtige Sammler und Museen, stellen Beziehungen
her, organisieren Ausstellungen, sitzen in Jurys, schreiben Bücher
und Artikel und fördern dabei so gut wie möglich diejenigen
Künstler, die am ehesten ihren eigen Kunstauffassungen entsprechen
und mit denen sie sich selbst am besten identifizieren können. Sie
werden in dem Maß immer unentbehrlicher, als die Kunstproduktion
zahlenmäßig immer umfangreicher, das einzelne Kunstwerk immer
offener, d.h. unbestimmter wird und nach immer mehr Interpretation
verlangt. Der übliche Konsument ist dadurch nicht mehr in der Lage,
das Dargebotene zur eigenen Lebenserfahrung in Beziehung zu setzen, zu
deuten und mit Sinn zu erfüllen. So ist es Aufgabe des Kunstvermittlers,
aus der unübersehbaren Flut der künstlerischen Produktion das
ihm wesentlich und bemerkenswert Erscheinende auszuwählen, die jeweiligen
Werke zu deuten und einem verwirrten und desorientierten Publikum, das
inzwischen jedes Vertrauen in das eigene Urteil verloren hat, zu erklären
und schmackhaft zu machen.
Der Sachverständige wird damit zum Schöpfer zweiten Grades.
Er benutzt, wie Catherine Krahmer sagt, "die Intuition eines Künstlers,
den neuen Blick, den dieser auf die Welt wirft, um daraus
Fäden zu spinnen für ein Netz, in dem der eigene Ruhm ebenso
gefangen wird wie der Erfolg des Künstlers, den er fördert".12
Die aus Künstlern, Kritikern, Kunsthändlern, Galeristen, Museumsdirektoren
und Sammlern gebildete Kunstszene produziert so jährlich
neue Superstars, die als Trendsetter einer vielfältigen
und ständig wechselnden Kunstproduktion ihren Stempel aufdrücken.
In ihrer großen Mehrheit kündet diese von der grundsätzlichen
Entwertung des bisherigen Paradigmas und damit vom Ende der Moderne.
Innovationsverzicht und Opportunismus: das Primat der Respektlosigkeit
Es fehlt uns heute noch die nötige Distanz, um die jüngsten
künstlerischen Entwicklungen in zutreffender Weise zu deuten und
kunstgeschichtlich einzuordnen, d.h. zu ihrer Vergangenheit und zu einer
möglichen Zukunft in eine einleuchtende Beziehung zu setzen. Ich
will trotzdem versuchen, entsprechende Spekulationen anzustellen.
Der magische Symbolismus der Arte Povera und der Land Art stellen die
letzten bedeutenden und im eigentlichen Sinn des Wortes innovativen Kunstrichtungen
der Moderne dar. Dessen ungeachtet wird das internationale Kunstpublikum
während der achtziger Jahre durch eine ganze Reihe neuer Künstler
und künstlerischer Gruppierungen in Atem gehalten, die trotz einer
betonten nationalen Eigenständigkeit in wesentlichen Aspekten ihrer
geistig-künstlerischen Grundhaltung miteinander übereinstimmen.
Ich fasse diese neuen Richtungen und Tendenzen - die italienische Transavanguardia,
die Neuen Wilden, Neo Expressionismus und Neue Figuration, Pattern und
Decoration, Graffiti Art, Neo Geo und alle weiteren, zur Zeit noch unbenannten
Ausformungen dieser Kunst - unter der Bezeichnung Postmoderne Malerei
zusammen.13
Das Schlagwort Postmoderne, auf das ich später ausführlich zurückkommen
werde, weist auf das wesentliche Merkmal einer Kunst, die sich zwar nicht
mehr der Moderne zurechnen läßt, da sie deren leitende Maximen
ablehnt, die jedoch auch keinen neuen Anfang darstellt, da sie keine neuen
Werte setzt, keinem neuen Paradigma Gestalt und Ausdruck verleiht. Sie
läßt sich deshalb nur in Bezug zum Bisherigen definieren und
bezeichnen, als ein Intermezzo zwischen der bereits vergangenen, letzten
Phase der Moderne und der noch gestaltlosen, ersten Phase eines neuen
Zeitalters, in der sich ein neues künstlerisches Bewußtsein
ausbilden wird. Dieser Begriff trifft den Kern einer Malerei, welche ihr
gesamtes gestalterisches Instrumentarium von der Moderne übernimmt,
obwohl sie deren Ambitionen und Ideale in jeder Beziehung verleugnet und
mißachtet.
Robert Hughes, der luzide Kunstkritiker des amerikanischen Nachrichtenmagazins
Time, deutet diese Erscheinung folgendermaßen:
"Wenn man vom Ende der Moderne spricht - und das läßt
sich nicht länger umgehen, denn die Feststellung, daß wir in
einer nach- modernen Kultur leben, wurde seit der Mitte der
70er Jahre zu einem Gemeinplatz -, so bedeutet das natürlich nicht,
daß plötzlich ein historischer Endpunkt erreicht wurde. Die
Geschichte kennt keine glasklaren Brüche; sie zerfasert allmählich,
dehnt sich und reißt wie ein Seil. Die Renaissance endet nicht in
einem bestimmten Jahr; und doch ist sie vorbei und vergangen - trotz aller
bis heute lebendigen Überbleibsel von Renaissanceideen in unserer
Kultur. So ist es auch mit der Moderne, und das um so mehr, als wir ihr
noch viel näher sind. Ihre Reflexe funktionieren noch, ihre abgetrennten
Glieder verursachen noch Schmerzen, die Teile sind noch vorhanden; aber
sie sind nicht mehr verbunden und funktionieren nicht mehr als lebendiges
Ganzes. Die Errungenschaften der Moderne werden sicher noch ein Jahrhundert
lang die Kultur beeinflussen, weil sie soweit reichen, so imposant und
so unwiderlegbar überzeugend sind. Aber die Dynamik ist dahin, und
unsere Beziehung zur Moderne wird langsam zu einem archäologischen
Interesse. Picasso ist kein Zeitgenosse mehr, nicht einmal eine Vaterfigur;
er ist ein Urahn, der wohl Bewunderung, aber keinen Widerspruch mehr erregt.
Das Zeitalter der Moderne ist Geschichte geworden wie das des Perikles."14
Die vielfältigen, zum Teil äußerst unterschiedlichen Stilrichtungen,
die in der Postmoderne den Anspruch erheben, die künstlerische Gegenwart
zu vertreten, zeichnen sich unter anderem dadurch aus, daß ihre
Repräsentanten nicht mehr willens sind, sich den Forderungen irgendeiner
idealisierten Struktur zu unterwerfen. Sowohl ideell als auch gestalterisch
stößt diese Kunst nicht nur die letzten noch verbliebenen Tabus
um, sondern gibt auch die meisten der bisher idealisierten Ziele auf.
Die exhibitorischen Ambitionen dieser Künstler verzichten auf jede
objektive Orientierung. Die eigene Einmaligkeit und Grandiosität
wird als gegeben angenommen; sie steht nicht zur Debatte und muß
auch nicht in einer strukturierten, der Beurteilung zugänglichen
und nachempfindbaren Art und Weise begründet werden. Damit stellt
diese Kunst gegenüber den bisherigen Richtungen der Moderne zwar
eine Neuheit, aber noch keine Erneuerung dar, denn: Statt eine eigene
künstlerische Sprache zu entwickeln, übernehmen die Vertreter
der Postmoderne Stilformen, Themen und Bildmaterial ihrer Kunst aus dem
unerschöpflichen und in unserem Informationszeitalter überall
greifbaren Fundus der Kulturgeschichte.
Diese Anlehnung an bereits Gestaltetes und Ausformuliertes läuft
Hand in Hand mit einer totalen Respektlosigkeit gegenüber dem Übernommenen.
Der Grundton dieser postmodernen Kunst besteht in einer Mischung aus Ironie,
Zynismus und Persiflage, die der Zurschaustellung eines beispiellosen
Überlegenheitsgefühls und einer grandiosen Selbstsicherheit
dient. So gesehen entsprechen auch diese Künstler, wie schon Beuys
und Klein, dem psychologischen Typus der charismatischen Persönlichkeit
(siehe deren Umschreibung S. _-_).
Ihre Haltung ist jedoch nicht nur individualpsychologisch, sondern auch
historisch bestimmt. Sie blicken auf einen kulturellen Entwicklungszyklus
zurück, der weitgehend abgeschlossen ist. Die wesentliche Grundidee
der Moderne - die Vorstellung der unsichtbaren Wirklichkeit und der grundsätzlichen
Einheit allen Seins, der umfassenden und universalen Ordnung physikalischer,
biologischer, psychischer und geistiger Kräfte - ist im Verlauf ihrer
Entwicklung in vielen aufeinander folgenden Schüben sowohl unter
rationalen (nämlich realistischen und strukturellen) als auch unter
irrationalen (nämlich romantischen und symbolistischen) Gesichtspunkten
durchleuchtet, variiert, vertieft und mit der Wirklichkeit konfrontiert
worden. Die Ambition, dieser Grundidee in einer sowohl einmaligen als
auch umfassenden Art und Weise künstlerischen Ausdruck zu verleihen,
hat zu konzeptionell immer eindeutigeren, klareren, zugespitzteren und
reineren Ausgestaltungen geführt, die, was Innovation, Überzeugungskraft
und Prägnanz betrifft, nicht mehr zu übertreffen und zu steigern
sind; die äußersten Extreme und letzten Konsequenzen der vor
hundert Jahren von Seurat, Cézanne, van Gogh und Gauguin eingeleiteten
Entwicklung sind erreicht.
Die Kunst der Moderne strebte in all ihren Ausgestaltungen nach einer
universalen Wahrheit; sie wollte das Sein in seinem vermeintlichen Kern
erfassen. Jede Generation wollte diese Wahrheit - oder zumindest einen
besonderen Aspekt derselben - neu entdecken, um sie als die eigene Wahrheit,
als den eigenen Maßstab zu erfahren und als Kern der idealisierten
Struktur in das eigene Selbst integrieren zu können. Dieser Wunsch
war ein wesentlicher Motor der künstlerischen Entwicklung. Dessen
Erfüllung scheint der neuen Künstlergeneration jedoch verwehrt
- die Wahrheit der Moderne hat ihrer Meinung nach bereits
in all ihren möglichen Aspekten Gestalt und Ausdruck gefunden.
Künstler, die sich in erster Linie an den hochbesetzten Ambitionen
ihres grandiosen Selbst orientieren, denen es also vor allem darum geht,
die eigene Einmaligkeit zur Schau zu stellen, sehen sich deshalb mit der
Frage konfrontiert, die Mario Merz in mehreren seiner Installationen an
die Wand geschrieben oder bei einzelnen Objekten als Neonschrift in den
Raum gestellt hat: "Che fare?" - Was tun? Sie antworten darauf
- ähnlich wie die Manieristen des 16. und des 20. Jahrhunderts auf
den Triumph der klassischen Kunst - mit Verweigerung oder Übersteigerung;
sie verweigern sich den nicht mehr erfüllbaren Forderungen nach Innovation,
Stil und Integrität, die der künstlerischen Entwicklung der
Moderne bisher ihren Stempel aufgedrückt haben, und steigern sich
dabei gleichzeitig in ein grandioses Selbstgefühl künstlerischer
Allmacht.
Die Aufgabe bisheriger ideeller Zielsetzungen erlaubt es diesen Künstlern,
die vielen unterschiedlichen und zum Teil einander widersprüchlichen
Bewußtseinsinhalte, Gestaltungsmittel und Stilformen vergangener
Entwicklungsphasen (also mehrere linguistische Modelle) gleichzeitig zu
verarbeiten und zueinander in Beziehung zu setzen, ohne die mit diesen
Modellen verbundenen Auflagen, d.h. deren idealisierte Forderungen, berücksichtigen
zu müssen. Das Wegfallen dieser Forderungen erlaubt ein unbeschwertes,
spielerisches Schaffen und wirkt sich damit als Stimulans aus: Die vom
bisherigen Innovationszwang und der Forderung nach Qualität und Wertsetzung
befreiten Kräfte strömen in eine hektisch anmutende Produktivität.
Die ideellen und stilistischen Fragmente früherer künstlerischer
Gestaltungen werden nicht in ihrer ursprünglichen Reinheit genutzt
und zitiert, sondern derart mit anderen, oft widersprüchlichen vermengt,
daß sie ihren bisherigen, bekenntnishaften Charakter verlieren.
Oft schafft derselbe Künstler sowohl gegenständliche als auch
ungegenständliche Werke, oder er vermischt die unterschiedlichsten
Disziplinen (Malerei, Fotografie, Skulptur, Performance, Architektur und
Design) zu einem multimedialen Gesamtkunstwerk. Aus dieser wertfreien
Vermischung unverbundener Fragmente und aus der vorurteilslosen Aneignung
ihres stimulierenden Ausdruckspotentials entsteht eine barocke, eskapistische
Unterhaltungskunst, deren Gestalt und Ausdruck in erster Linie durch das
Streben nach Befriedigung eines latenten Reizhungers, also durch modische
Erwägungen bestimmt wird.
Wohl evozieren die meisten dieser Werke auch tiefere Bedeutungszusammenhänge
und lassen sich somit als eine Fortsetzung des modernen Symbolismus verstehen;
doch fehlt ihnen der mit dem Stellen der Sinnfrage notwendigerweise verbundene
Ernst. Da sich ihre Gestaltung keiner idealisierten Struktur, keinem verbindlichen
Kanon unterwirft, vermag sie im übrigen nicht, der jeweiligen Botschaft
die Würde der Dauer zu verleihen.
Den so entstehenden Werken haftet nichts Vorbildliches mehr an; sie übermitteln
keine bestimmte Idee, verkörpern keinen tieferen Sinn, sondern bilden
zusammen einen verwirrenden Jahrmarkt, auf dessen Bühnen die unterschiedlichsten,
ihrer einstigen Bedeutung beraubten Errungenschaften der Moderne vorgeführt
und in allen möglichen Kombinationen mit Stilelementen und Bewußtseinsinhalten
der populären Medien, der Werbung, des Fernsehens und der Comics
vermischt werden. Diese Kunst hat jeden Anspruch auf universale Geltung
aufgegeben. Es geht ihr einzig um das Hier und Jetzt einer unmittelbaren,
augenblicklichen und möglichst intensiven Stimulierung.
Der verwirrende Pluralismus dieser Produktion läßt sich am
ehesten nach den jeweiligen Entstehungsländern gliedern, wobei ich
mich auf die drei wichtigsten beschränke: Italien, Deutschland und
die USA.
Unter dem Titel La Transavanguardia Italiana stellt Achille
Bonito Oliva 1979 in der Zeitschrift Flash Art15 die Künstler
Sandro Chia, Francesco Clemente, Enzo Cucchi, Mimmo Paladino, Nicola de
Maria und Remo Salvadori als die Vertreter einer neuen künstlerischen
Vision vor: Mit ihnen befreie sich die Kunst von den moralistischen und
masochistischen Zwängen der Minimal Art und der Arte Povera, um zu
ihren inneren Gründen, zu ihrer eigentlichen Wirkungsweise und ihrem
eigentlichen Ort zurückzukehren - zum Labyrinth als dem Sinnbild
eines ständigen, doch dauernd die Richtung ändernden Orientierungsversuchs.
Olivas Text, der im Stil eines avantgardistischen Manifests gehalten ist,
propagiert eine "restlos befreite Kunst", eine Kunst, die ihren
Weg findet, ohne auf ein Ziel gerichtet zu sein. Diese Forderung wird
von den einzelnen Künstlern der Transavanguardia auf unterschiedliche
Weise eingelöst, doch greifen sie alle auf die traditionellen Medien
von Malerei und Zeichnung, auf eine gegenständliche Darstellungsweise
und auf die expressive Kraft des freien Pinselduktus zurück.
Sandro Chia läßt in schwelgerischen und oft schwülstig
prunkenden Bildern eine barocke, theatralische Welt erstehen, in der die
Themen der abendländischen Kunst von der Antike bis zum Neoklassizismus
des 19. Jahrhunderts als Versatzstücke ihre bunten Auftritte feiern.
In diesen Bildern verbinden sich eine naive Unbeholfenheit mit dem Anspruch
auf überwältigende und grandiose Wirkung. Chia soll selbst geäußert
haben, daß er nach den malerischen Qualitäten eines Rubens
oder Tintoretto strebe.16 Dieses Versprechen wird von seinen Bildern zwar
nie eingelöst; der Abstand, der sie von ihrem hochgesteckten Ziel
trennt, verleiht ihnen jedoch den Reiz der Unschuld und Naivität
und macht einen wesentlichen Aspekt ihres Charmes aus (Abb. 476).
Die Diskrepanz zwischen grandiosem Anspruch und bescheidenem Ergebnis
stellt eines der auffallendsten Merkmale der transavangardistischen und
ganz allgemein aller postmodernen Kunst dar. So scheint auch Clemente
(insbesondere in seinen großen, gegenständlichen Bildern) kaum
in der Lage zu sein, die gestalterischen Probleme zu lösen, die sich
aus seinen darstellerischen Absichten ergeben. Diese Unfähigkeit
wird in einen gewollten, bewußt zur Schau gestellten Dilettantismus
umfunktioniert. Die Mehrzahl seiner Werke gilt stark erotisierten, symbolistisch
angereicherten Selbstdarstellungen, in denen ein übersteigerter Narzißmus,
eine extreme Überbesetzung des eigenen grandiosen Selbst zum Ausdruck
kommt. Die faszinierende Wirkung dieser Selbstverliebtheit vermag in einzelnen
Fällen über die unübersehbaren Unzulänglichkeiten
seiner Gestaltungen hinwegzutäuschen (Abb. 477).
Dasselbe gilt für den 1950 geborenen Enzo Cucchi. Auch sein Selbstbild
verschmilzt nahtlos mit den Ambitionen seines exhibitorischen Pols, mit
seinem eigenen grandiosen Selbst. In Cucchis Kunst wird dieses in stärkerem
Maß als bei seinen Kollegen durch die archetypischen Bilder und
irrationalen Eingebungen des kollektiven Unbewußten repräsentiert.
Nach Cucchi ist sein Werk in einer jahrtausendealten Tradition verwurzelt,
die wir in uns tragen; er setzt seine Hoffnung auf "das Zeichen,
das Geschichte in sich trägt, das Zeichen, das markiert, getragen
von der Unermeßlichkeit der Dinge [ ..]. von den Völkern".17
Im Sinn des surrealistischen Automatismus versucht er sich einer archaischen
Erfahrungsebene zu öffnen und deren Bilder und Vorstellungen möglichst
unmittelbar und unverfälscht auf Papier und Leinwand zu übertragen.
In seinen vielen, meist kleinformatigen Zeichnungen18 gelingen Cucchi
dichte und eindrückliche Blätter, in denen seine inneren
Gesichte einen so überzeugenden Ausdruck finden, daß
man diese Arbeiten für Gestaltungen echter Geisteskranker
halten könnte (Abb. 480, 481). Diese Authentizität des Ausdrucks
geht bei den großen, bis zu 6 Metern breiten Formaten jedoch verloren.
Die unmittelbare Fixierung eines spontanen Einfalls sowie die Ausdruckskraft
und Unverwechselbarkeit des Handschriftlichen sind an den Aktionsradius
der Handbewegung gebunden; sie lassen sich kaum auf größere
Maßstäbe übertragen.
Cucchis Bilder mißachten diese einschränkende Bedingung; die
Poesie der präverbalen Vorstellungsinhalte, die seinen Zeichnungen
ihre faszinierende Wirkung verleiht, schlägt bei den großen
Gemälden in das lächerliche Pathos schwülstiger Horrorvisionen
um - die Eingebungen des Unbewußten werden zu Kitsch verarbeitet
(Abb. 478).
Mimmo Paladino huldigt ebenfalls einem unbestimmten Symbolismus; mit seinen
Rückgriffen auf Chagall, Picasso, die italienische Romantik und die
afrikanische Stammeskunst schafft er dekorativ wirkende, doch gleichzeitig
irritierende und verwirrende Kombinationen dieser längst vertrauten
Bildsprachen (Abb. 479).
Während es den Italienern trotz ihrer Unzulänglichkeiten gelingt,
in ihre Bilder das kulturelle Erbe einer glorreichen Vergangenheit sowie
ein gewisses Maß geistiger und ästhetischer Differenziertheit
einfließen zu lassen, stößt man bei den Künstlern
der deutschen Postmoderne (mit wenigen Ausnahmen) auf den brutalen Primitivismus
und das pathetische Sendungsbewußtsein, die seit Kirchner und den
Brückemalern die künstlerische Produktion ihres Landes auszeichnen.
Der laute und oft anmaßend wirkende Auftritt dieser Maler verfolgt
jedoch nicht den Zweck, über die mangelnden bildnerischen Qualitäten
ihrer Werke hinwegzutäuschen. Der offen zur Schau gestellte Dilettantismus
scheint weit eher der Absicht zu dienen, diese Mängel zu unterstreichen
- er ist als eine Art Selbstbehauptung, als Bekenntnis zum eigenen Unvermögen,
als trotzige Bejahung dieser gestalterischen Unzulänglichkeiten zu
verstehen. So wird das mit dieser Malerei aufgekommene Schlagwort bad
painting - schlechte Malerei - auch von der Kunstkritik durchwegs
in einem affirmativen und lobenden Sinn verwendet.
"Die offene Gewalttätigkeit der Bilder, ihre scheinbare oder
tatsächliche Kunstlosigkeit, die unverhüllte Sexualität
treten für die materielle Seite des Daseins ein, spucken gegen den
idealistischen Wind der hohen Kunst", schreibt Klaus Honneff, ein
engagierter Fürsprecher der neuen deutschen Malerei;19 und an anderer
Stelle: "In den Gemälden wird kopuliert, onaniert, geschissen
und gekotzt, gewürgt und geschlagen, gequält und guillotiniert.
Indem sie das Universum der Malerei mit deformierten, verzerrten, fragmentierten,
zerbeulten, skelettierten und meist grimassierenden Gestalten bevölkerten,
erstatteten sie ihr die physische Konkretheit zurück. Dahn und Dokoupil
spalteten die Schädel von Roboterfiguren oder des gemalten Selbstporträts.
Aber egal, ob es ein Roboter oder eine menschliche Figur ist, die derart
malträtiert wird, der Schmerz überträgt sich unmittelbar
auf den Betrachter. Die bildnerischen Szenerien sind grell ausgeleuchtet,
das Dargestellte ist ruppig gemalt, Karikatur und Groteske regieren, der
schrille Sound der Rockmusik klingt herüber, und in die Schöne
Welt des coolen Designs der Minimal und Concept Art platzen diese Bilder
wie die sprichwörtliche Bombe."20
Dahn und Dokoupil (Abb. 482, 483) zählen zusammen mit Georg Baselitz,
Salomé, Rainer Fetting, Karl Host Hödicke, Elvira Bach, Albert
Öhlen und vielen anderen zu jener Gruppe deutscher Maler, die auf
Grund ihrer Affinitäten zum Fauvismus als Die neuen Wilden
bezeichnet werden (Abb. 421-423).
Die großen, international beachteten Stars der deutschen Kunstszene
wie Jörg Immendorf, Markus Lüpertz, Anselm Kiefer und A.R. Penck
vertreten im Gegensatz zu den leichtgewichtigeren Wilden eine
symbolistisch-bedeutungsschwere, die politische Vergangenheit und das
nationale Schicksal thematisierende Tendenz der deutschen Postmoderne
(Abb. 485-488).
Penck eignet sich dazu die wichtigsten stilistischen Merkmale des geisteskranken
Künstlers Louis Soutter an, indem er dessen zeichenhaften Figuren
ins Riesenhafte vergrößert (vergleiche die Abb. 488 und 489).
Dabei stößt er an dieselben Grenzen wie Cucchi: In der neuen
Dimension verlieren die Strichmännchen ihre Authentizität.
Soutters Figuren verdanken die expressive Kraft und den lapidaren Charakter
ihrer Erscheinung der inneren Not des Künstlers, die gebieterisch,
ungeduldig und kompromißlos zum Ausdruck drängt. Bei Penck
wird diese Motivation durch ein pragmatisches Kalkül ersetzt; geschickt
beutet er die bildnerischen Errungenschaften seines berühmten Kollegen
für die eigenen Absichten aus: mit der archaischen Bildsprache suggeriert
er zwar tiefere Bedeutungszusammenhänge, letztlich macht er jedoch
aus der existentiellen Aussage seines Vorläufers bloß das leicht
erkennbare und wirkungsvolle Markenzeichen seiner spektakulären und
gut verkäuflichen Wanddekorationen.
Raffinierter und erfindungsreicher sind die Bilder von Sigmar Polke. Dieser
einstige Beuys-Schüler treibt das Prinzip der Stillosigkeit auf die
Spitze. Er malt sowohl gegenständlich wie ungegenständlich,
experimentiert mit immer neuen Materialien, Techniken und Medien, und
schafft komplexe, an den Picabia der späten zwanziger und frühen
dreißiger Jahre erinnernde Bildmontagen, in denen sich die unterschiedlichsten
Gestaltungs- und Bedeutungsebenen durchdringen und überschneiden
(Abb. 490, 491).
In der Zeitschrift Art berichtet Katharina Hegewisch, daß
Polke seine auf dem Boden liegenden Leinwände oft wochen- oder monatelang
mit den verschiedensten Lösungen tränke, um die Bilder "aus
sich heraus" entstehen zu lassen; "Wie die Chemikalien aufeinander
reagieren, wie sie sich verändern, vielleicht auch zerstören,
weiß Polke meist nicht vorauszusagen. Jeder Malgrund ist eine Experimentierbühne,
der Zufall spielt darauf eine Hauptrolle und führt zu Ergebnissen,
die kaum je wiederholbar sind."21 Polke ist sich der mit diesem Vorgehen
verbundenen Problematik wohl bewußt. 1976 stellt er im Text eines
Ausstellungskatalogs die entscheidende Frage: "Stiftet der Sinn die
Beziehungen, oder stiften die Beziehungen den Sinn?"22
Die rätselhafte Vieldeutigkeit seiner Werke zahlt sich jedenfalls
aus - die führenden Kunstvermittler sind restlos begeistert. So schreibt
Harald Szeemann: "Polke ist universell: revolutionär, zartfühlend
und unbarmherzig, visionär und sehr menschlich, Museums- und Galeriemaler
und gleichzeitig Verächter der Museen und Galerien, er malt religiöse
Szenen, Traumbilder der schwarzen Magie mit gleicher Ausdruckskraft. Typisch
undeutsch in seiner Widerspenstigkeit, in seiner Leidenschaftlichkeit,
vereinigt er - wie alle großen Genies - allumfassende Erfahrungen:
die Eleganz der englischen Porträtmaler, die leuchtenden Farben,
die Anmut und die Genremalerei der Venezianer, die Dichte und die Volkstümlichkeit
der Flamen, das geheimnisvolle und unerwartete Hell-Dunkel östlicher
Drucke."23
Man mag über die unkritische Schwärmerei dieses prominenten
Deuters den Kopf schütteln, doch entspricht sie der Art, in der sich
die internationale Kunstkritik mit der Produktion ihrer Schützlinge
auseinandersetzt. So wie die Künstler sich weigern, ihre Gestaltungen
den verbindlichen Maßstäben einer idealisierten Struktur zu
unterwerfen, so verzichtet auch die postmoderne Kunstkritik darauf, die
Kriterien zu formulieren und zu begründen, nach denen sie ihre Werturteile
fällt und nach denen sie aus der unübersehbaren Flut der gegenwärtigen
Kunstproduktion ihre Stars auswählt.
In den USA ist die künstlerische Produktion der Postmoderne ebenfalls
breit gefächert.
Die Pattern and Decoration Art, zu der unter anderen Julian Schnabel und
Robert Kushner zählen, bildet das amerikanische Gegenstück zur
italienischen Transavanguardia und verrät ganz allgemein den deutlichen
Einfluß europäischer Vorbilder (Abb. 492, 493). Weit eigenständiger
und amerikanischer wirken demgegenüber die Arbeiten der
beiden inzwischen verstorbenen Graffiti-Künstler Jean Michel Basquiat
und Keith Haring (Abb. 494, 495).
Basquiat, der als Samo schon unter den Sprayern der New Yorker
Subways Starruhm genoß, ist meiner Meinung nach der begabteste unter
den neuen amerikanischen Künstlern. Mit großem Geschick und
sicherem Gespür für bildnerische Wirkungen verbindet er den
ästhetischen Reiz anonymer Wandkritzeleien - er erinnert darin an
Twombly und Dubuffet - mit Stilelementen des Abstrakten Expressionismus
und der Pop Art zu großen, aggressiven, doch äußerst
dekorativen Gemälden, die ihm einen Spitzenplatz in der amerikanischen
Kunstszene der achtziger Jahre sichern. Haring (gest. 1990) hat im Gegensatz
zu Basquiat eine traditionelle künstlerische Ausbildung genossen;
auf Grund seiner Science-Fiction-Ikonographie und des provozierend primitiven
Schematismus seiner Darstellungen wird er jedoch ebenfalls den Graffiti-Künstlern
zugezählt.
David Salle und Erick Fischl vertreten mit ihren meist explizit sexuellen
Darstellungen den erotischen Flügel der amerikanischen Postmoderne.
(Abb. 496, 497).
Neben diesen gegenständlichen Zeugnissen der postmodernen Geisteshaltung treten unter dem Schlagwort Neo-Geo in allen westlichen Ländern auch ungegenständliche Künstler auf, die mit demselben Opportunismus die Bildsprache, d.h. den Look der Post Painterly Abstraction und der Minimal Art übernehmen (Abb. 498).
Die bisher aufgezählten Richtungen und Tendenzen sind bloß
die auffallendsten und bekanntesten Beispiele für eine verwirrend
pluralistische Produktion riesigen Ausmaßes, in der offenbar jede
nur denkbare Kombination von Stil- und Bildelementen der Moderne, früherer
Epochen und fremder Kulturen ausprobiert wird.
Pluralismus, Unverbindlichkeit und eine manipulatorische Einstellung zum
Publikum bestimmen nicht nur die internationale Szene der bildenden Kunst;
für die achtziger Jahre lassen sich entsprechende Tendenzen in fast
allen kulturellen Bereichen nachweisen.
Mit dem 1975 erschienenen Artikel des amerikanischen Architekten Charles
Jencks The Rise of Post-Modern Architecture beginnt sich der
schon früher verwendete Begriff Postmoderne vorerst in der Architekturkritik,
später auch in anderen Disziplinen zur Bezeichnung der von mir beschriebenen
kulturellen Strömung durchzusetzen.
Dies geht nicht ohne heftige Kontroversen ab. Die Schwierigkeit, das Wesen
der Postmoderne zu umschreiben und von der eigentlichen Moderne abzugrenzen,
ist unter anderem dadurch bedingt, daß auch von letzterer unterschiedliche
und oft widersprüchliche Auffassungen und Vorstellungen bestehen.
Entsprechende Unklarheiten und Unstimmigkeiten herrschen in Bezug auf
die Geisteshaltung, die in der Kultur unseres Zeitalters Gestalt und Ausdruck
findet oder gefunden hat. Für die einen tendiert die Moderne zur
Vereinheitlichung und Nivellierung, die andern verstehen sie als Ausdruck
einer zunehmenden Ausdifferenzierung, die zur schließlichen Fragmentierung
und zum kulturellen Chaos führen muß. Die Postmoderne, deren
radikaler Pluralismus außer Frage steht, erscheint entsprechend
der jeweiligen Deutung der Moderne entweder als grundsätzliche Wende,
als Keim eines Neubeginns oder aber als letzte Konsequenz und schließliche
Verwirklichung der pluralistischen Prinzipien, die seit jeher das Wesen
der Moderne ausmachten.24
Beide Auffassungen gehen von einem falschen, weil einseitigen und statischen
Bild der Moderne aus. Ein tieferes Verständnis ihrer kulturellen
Entwicklung setzt die Einsicht in die jeweilige Wechselwirkung zwischen
ihren konstanten und ihren variablen Faktoren oder Größen voraus.
Wie jedes Zeitalter steht auch die Moderne unter einem beherrschenden,
historisch einmaligen Paradigma. Dieses bildet zwar den konstanten philosophischen
Kern ihres kollektiven Bewußtseins und findet in all ihren kulturellen
Äußerungen, insbesondere in ihrer Kunst, Gestalt und Ausdruck;
doch ist jede dieser künstlerischen Äußerungen gleichzeitig
auch durch die Variablen der spezifischen Grundhaltung und der psychischen
Bedingungen des jeweiligen Künstlers geprägt. Die Kunst der
Moderne läßt sich nicht in das Schema Einheit versus Vielfalt
zwingen - sie ist beides zugleich, sowohl einheitlich als auch vielfältig.
Im Verlauf ihrer zyklischen, aus meiner Sicht durch vier Grundhaltungen
strukturierten Entwicklung hat ihr leitendes Paradigma eine Vielfalt unterschiedlicher
Interpretationen und Ausgestaltungen erfahren; in diesem Sinn verbindet
sie konstante und variable Faktoren, Einheit und Vielfalt zu einer komplexen
Beziehungsstruktur.
Wolfgang Welsch vertritt in seiner ausführlichen Untersuchung Unsere
postmoderne Moderne (1988) eine andere Auffassung der Moderne. Diese
ist bei ihm in zwei gegensätzliche Phasen unterteilt; Welsch unterscheidet
zwischen Neuzeit (17. bis 19. Jahrhundert), neuzeitlicher Moderne (1850
bis zur Jahrhundertwende), Moderne des 20. Jahrhunderts (Jahrhundertwende
bis zu den sechziger Jahren) und Postmoderne (1970 bis zur Gegenwart).
Der Neuzeit und der neuzeitlichen Moderne unterstellt er dabei eine vereinheitlichende,
der Moderne des 20. Jahrhunderts und der Postmoderne eine pluralistische
Grundhaltung. Die Postmoderne sieht er als die eigentliche Erfüllung
der von der Moderne des 20. Jahrhunderts erhobenen Postulate und charakterisiert
sie in einem apodiktischen, doch vieldeutigen Satz: "Die Postmoderne
beginnt dort, wo das Ganze aufhört."25
Leider wird in Welschs Ausführungen nie ganz klar, auf welche Realität,
auf welche spezifischen Erscheinungen und Ausgestaltungen sie sich beziehen.
Er unterscheidet beispielsweise zwischen der "oberflächlichen
Beliebigkeit" eines "diffusen Postmodernismus", und einem
"präzisen Postmodernismus" der für "wirkliche"
Pluralität eintritt, diese wahrt und entwickelt; doch verzichtet
er darauf, seine Auffassungen an konkreten Beispielen zu entwickeln und
überläßt es so dem Leser, diese Begriffe mit Inhalt zu
füllen. Seine letztlich abstrakten und ideologischen Ausführungen
beschränken sich darauf, die allgemeine und von ihm offensichtlich
idealisierte Geisteshaltung, die er den ungenannten Vertretern der Postmoderne
zuschreibt, zu erläutern und als die einzig sinnvolle darzustellen.
Dabei stützt sich Welsch über weite Strecken auf die Thesen
von Jean-François Lyotard, einem der wichtigsten Vertreter der
sogenannten postmodernen Philosophie. Auch dieser unterscheidet
zwischen einer minderwertigen Postmoderne, die sich durch den zynischen
Eklektizismus des "alles ist erlaubt" auszeichne, und einer
"achtenswerten Postmoderne", die eine "reale Konfrontation"
anstrebe. In Abhebung von einem "simplen Epochenverständnis
oder Periodisierungsbegriff" charakterisiert Lyotard diesen Postmodernismus
als "Gemüts- oder vielmehr Geisteszustand".26
"Postmodern ist," so präzisiert Welsch, "wer sich
jenseits von Einheitsobsessionen der irreduziblen Vielfalt der Sprach-,
Denk- und Lebensformen bewußt ist und damit umzugehen weiß.
Und dazu muß man keineswegs im zu Ende gehenden 20. Jahrhundert
leben, sondern kann schon Wittgenstein oder Kant, kann Diderot, Pascal
oder Aristoteles geheissen haben."27 Anders gesagt: Postmodern ist,
wer die elementaren Voraussetzungen zur geistigen Bewältigung der
Gegenwart mitbringt. Der militante Ton dieser unkritischen Verallgemeinerungen
läßt sich wohl aus dem Umstand erklären, daß sich
Welsch wie die meisten Theoretiker der Postmoderne mit der von ihm untersuchten
Entwicklung identifiziert, d.h. daß er sich selbst als ein Postmoderner
versteht. Seine Untersuchung liest sich über weite Strecken wie eine
Kampfschrift. Er ist selbst Partei; es geht ihm weniger darum, das Wesen
der neuesten kulturellen Entwicklung zu verstehen, d.h. deren Bedingungen
und Voraussetzungen zu erkennen, als vielmehr darum, diese Entwicklung
zu rechtfertigen und die intellektuellen Voraussetzungen zu ihrer Idealisierung
zu schaffen.
Aus seiner Sicht bezeichnet das Wort Postmoderne nicht ein konkretes kulturelles
Phänomen, das noch zu interpretieren wäre, sondern steht ausschließlich
für eine spezifische Deutung dieses Phänomens, nämlich
für die Ideologie, die Welsch diesem zugrunde legt. Dabei werden
die Konturen unseres Untersuchungsobjekts auch zeitlich verwischt. Welschs
Überlegungen gelten nicht mehr der kulturellen Entwicklung der letzten
zehn oder fünfzehn Jahre, sondern dem Wesen der eigentlichen Moderne
(d.h. der Moderne des 20. Jahrhunderts) und der endgültigen Verabschiedung
der Neuzeit. Die immanente Bedeutung des Wortes Postmoderne wird dabei
völlig mißachtet, und man fragt sich, was das Präfix Post
dann eigentlich noch soll, d.h. warum es Welsch nicht einfach streicht.
Dazu meint er: "Die Postmoderne ist keineswegs, was ihr Name suggeriert
und ihr geläufigstes Mißverständnis unterstellt: eine
Trans- und Anti-Moderne. Ihr Grundinhalt - Pluralität - ist von der
Moderne des 20. Jahrhunderts selbst schon propagiert worden, gerade von
Leitinstanzen wie Wissenschaft und Kunst. In der Postmoderne wird dieses
Desiderat der Moderne nun in der Breite der Wirklichkeit eingelöst.
Daher ist die Postmoderne im Gehalt keineswegs anti-modern und in der
Form nicht einfach trans-modern, sondern ist als die exoterische Einlösungsform
der einst esoterischen Moderne des 20. Jahrhunderts zu begreifen. Wofür
man auch sagen kann: Sie ist eigentlich radikal-modern, nicht post-modern.
[...]
In einem strikten Sinn post-modern ist diese unsere postmoderne Moderne
nur gegenüber einer anderen Moderne; nicht gegenüber der letzten
und weiterhin verbindlichen des 20. Jahrhunderts, sondern gegenüber
Moderne im ältesten und wirklich antiquierten Sinn, gegenüber
Moderne im Sinn der Neuzeit. Die Postmoderne verabschiedet deren Grundobsession:
die Einheitsträume, die vom Konzept der Mathesis universalis über
die Projekte der Weltgeschichtsphilosophien bis zu den Globalentwürfen
der Sozialutopien reichten. Die radikale postmoderne Pluralität bricht
mit diesen Einheitsklammern, die auf eine Totalität hoffen, die doch
nie anders als totalitär eingelöst werden kann. [...]
In einem wichtigen Punkt freilich unterscheidet sie sich noch von radikalen
Tendenzen der Moderne dieses Jahrhunderts. Sie führt die Moderne
fort, aber sie verabschiedet den Modernismus. Sie läßt die
Ideologie der Potenzierung, der Innovation, der Überholung und Überwindung,
sie läßt die Dynamik der Ismen und ihrer Akzeleration hinter
sich. Daher zählt auch die Ansicht, daß die Postmoderne die
Moderne einfach ablösen oder überwinden wolle, allenfalls zu
ihren (Selbst-)Mißverständnissen."28
Man sieht, in welchem Maße Welschs Auffassung von der meinen abweicht.
Er stellt wie die meisten Apologeten der neuen Tendenz sowohl den Pluralismus
der Postmoderne als auch ihre Ablehnung der modernistischen Innovationsideologie
als Ergebnis affirmativer Zielsetzungen und entsprechender Entscheidungen
dar.
Ich deute stattdessen den Pluralismus und den Innovationsverzicht der
Postmoderne nicht als Aktion, sondern als Re-Aktion - als Ausdruck eines
nicht gewollten, sondern passiv erlittenen Verlustes, und als Versuche,
die mit diesem Verlust verbundene Bedrohung abzuwehren. Die postmoderne
Vielfalt drückt keine innere Fülle, sondern Not und innere Leere
aus; der Innovationsverzicht postmoderner Künstler erfolgt nicht
freiwillig, sondern notgedrungen.
Die Ursachen dieser schöpferischen Impotenz lassen sich aus dem Wechselspiel
der beiden Pole des Selbst und aus der unterschiedlichen Bedeutung erklären,
die diesen für den schöpferischen Prozeß (und insbesondere
für dessen innovativen Aspekte) zukommt. In seinem Aufsatz Kreativität,
Charisma, Gruppenpsychologie unterstreicht Kohut die unterschiedliche
Funktion der beiden Pole: "Natürlich hängt jegliche schöpferisch-produktive
Leistung vom Einsatz beider, der grandiosen und der idealisierenden narzißtischen
Energie ab, aber ich meine, daß das wirklich originelle Denken,
d.h. die eigentliche Kreativität, vorwiegend vom Größenselbst
gespeist wird, während die traditionsgebundene wissenschaftliche
und künstlerische Leistung, die Produktivität, mit Hilfe idealisierender
Besetzungen erbracht wird."29
In seinem Streben, die eigene Einmaligkeit zur Schau zu stellen, drängt
das grandiose Selbst dazu, Neues, noch nie Dagewesenes zu schaffen. Sind
die entsprechenden Möglichkeiten im Rahmen einer bestehenden, kollektiv
akzeptierten idealisierten Struktur erschöpft, so muß sich
der Künstler von dieser emanzipieren, d.h. er muß deren leitende
Prinzipien entweder neu interpretieren und damit verändern, oder
aber ganz über Bord werfen.
Im ersten Fall wird er den Rahmen der gegebenen Wertstruktur erweitern,
indem er diejenigen, bisher unbeachtet gebliebenen Aspekte ihrer Forderungen
und Ideale entdeckt und ins Blickfeld rückt, die sich so erfüllen
lassen, daß er dabei die eigene Einmaligkeit zur Schau stellen kann.
Von Van Gogh und Matisse, Cézanne und Braque bis zu Johns und Newman
haben alle innovativen Künstler der Moderne deren idealisierte Struktur
in diesem Sinn erweitert. Die Folge unzähliger, größerer
oder kleinerer Schritte dieser Art ergibt den jeweiligen Verlauf eines
kulturellen Zyklus. Ein solcher kommt jeweils dann zu seinem Abschluß,
wenn die Möglichkeiten zur Variierung und Erweiterung seiner Wertstruktur
erschöpft sind, d.h. wenn deren leitendes Paradigma nicht mehr neu
gesehen werden kann, wenn sich deren Ideale nicht mehr in einer neuen,
bisher unbekannten Weise erfüllen lassen. Dann nämlich kann
der durch sein Größenselbst motivierte Künstler die eigene
Einmaligkeit nicht mehr innerhalb des bestehenden Rahmens zur Schau stellen;
ist er nicht bereit, auf seine exhibitorischen Ansprüche zu verzichten,
bleibt ihm nur noch ein Ausweg: aus diesem Rahmen auszutreten, das leitende
Paradigma seines Zeitalters aufzugeben und sich von dessen Bindungen zu
befreien.
Diesen Schritt hat die Postmoderne vollzogen - dadurch, und nicht durch
ihren ständig beschworenen und nie klar definierten Pluralismus,
unterscheidet sie sich von der bisherigen Moderne. Sie hat dabei ihre
Einheit nicht im Sinn der Gleichartigkeit ihrer unterschiedlichen Ausgestaltungen
verloren, (denn diese sind, wie ihre Apologeten betonen, durch ihren Verzicht
auf verbindliche Maximen, durch ihren sogenannten Pluralismus geeint),
sondern sie hat ihre Einheit im Sinn der psychisch-geistigen Vollständigkeit
verloren, die das Wesen einer lebendigen und fruchtbaren Kultur ausmacht.
Der exhibitorische Pol und der idealisierte Pol bilden zusammen die beiden
konstituierenden und unverzichtbaren Komponenten eines individuellen Selbst.
Wird den Strebungen des einen der beiden Pole - sei es durch Verdrängung,
Abspaltung oder Verleugnung - der Zugang zum Bewußtsein und die
Möglichkeit zu ihrer Verwirklichung verwehrt, hat dies in den entsprechenden
Ausgestaltungen einen offensichtlichen Substanzverlust zur Folge. Anders
gesagt: Die Strebungen der beiden Pole können nur im Rahmen ihrer
gegenseitigen dialektischen Auseinandersetzung verwirklicht werden. So
läßt sich beispielsweise die Wertstruktur des idealisierten
Pols rein für sich genommen zwar symbolisch darstellen - als geistige
Wirklichkeit läßt sie sich jedoch nur auf Grund der Äußerungen
exhibitorischer Ambitionen erfahren, die entsprechenden idealisierten
Forderungen Rechnung tragen. Umgekehrt ist auch die Einmaligkeit und Grandiosität
dieser Äußerungen nur in Bezug zu einer allgemeinen Wertstruktur
erkennbar, denn nur eine solche liefert, im Sinn einer festen Größe,
die dazu nötige Vergleichsgrundlage.
Müssen die Ansprüche des einen Pols nicht mehr den Forderungen
ihres jeweiligen Gegenpols Rechnung tragen, so verlieren deren Äußerungen
ihre geistige Relevanz, d.h. ihren Bezug zu einer inneren Wirklichkeit
und damit auch jede im eigentlichen Sinn des Wortes individuelle, nämlich
unteilbare Bedeutung. Sie werden beliebig und fragmentarisch. In diesem,
und nur in diesem Sinn ist der postmoderne Verzicht auf Einheit
zu verstehen. Mit ihrem Pluralismus entzieht sich die Postmoderne nicht,
wie das ihre Anhänger immer wieder behaupten, den Ansprüchen
einer totalitären Ordnung (denn der Kanon der Moderne
kann schwerlich als solche bezeichnet werden), sondern sie entzieht sich
der Konfrontation mit ihrer eigenen psychischen Realität, mit ihrem
anderen Selbst, oder anders gesagt: Sie entzieht sich der
Auseinandersetzung zwischen den beiden Polen eines ganzen Selbst.
Dies nimmt den Ausgestaltungen der Postmoderne ihren Ernst - den sogenannten
Ernst des Lebens - und verleiht ihnen ihren schillernden,
hedonistischen und eskapistischen Charakter. Daher auch der Eindruck des
Fiktiven, Irrealen und Künstlichen, den sie vermitteln.
Als letztes gilt es, die entscheidende Frage nach dem Sinn und Wert
dieser Kunst zu beantworten. Trivial formuliert: Worin gründet der
beispiellose Erfolg von Künstlern wie Chia, Clemente, Kiefer, Polke,
Schnabel oder Basquiat? Auf Grund welcher Maßstäbe zählen
diese Künstler, die selbst jede hierarchische Ordnung verwerfen,
zu den Besten ihrer Art? Bezeichnenderweise weichen die Anhänger
der Postmoderne dieser Frage aus. Liegt die Antwort zu sehr auf der Hand?
Obwohl sich die Kunst der Postmoderne nicht mehr dem Kanon der Moderne
unterwirft, läßt sie sich weiterhin nur in Bezug zu diesem
verstehen und bewerten. Durch die Erfüllung entsprechender Forderungen
lassen sich Einmaligkeit und Grandiosität zwar nicht mehr zur Schau
stellen - dazu sind diese Forderungen schon allzu häufig, in zu vielfältiger
und zu großartiger Weise erfüllt worden - doch läßt
sich diese Wertstruktur auch umgekehrt nutzen: nicht im Sinn eines zu
erfüllenden Ziels, als Maß der Vollkommenheit, sondern im Sinn
einer Forderung, die es zu mißachten, einer Grenze, die es zu durchbrechen
gilt, also als Maß einer imaginären, ostentativ zur Schau gestellten
Freiheit.
Die Künstler der bisherigen Moderne strebten danach, die Forderungen
ihrer idealisierten Struktur in möglichst vollkommener und möglichst
einmaliger Art und Weise zu erfüllen. Diese Möglichkeit ist
den Künslern der Postmoderne verwehrt. Weder können sie die
bisherigen Forderungen akzeptieren, noch fühlen sie sich in der Lage,
neue Maßstäbe zu setzen und neue Forderungen zu stellen. So
richtet sich ihr Ehrgeiz darauf, einzelne oder gar alle Forderungen des
bisherigen Kanons in möglichst spektakulärer Art und Weise zu
mißachten - nur so scheint es ihnen möglich zu sein, der eigenen
Einmaligkeit und Großartigkeit Gestalt und Ausdruck zu verleihen.
Diese negative Profilierung (die Profilierung durch das Prinzip der Respektlosigkeit)
erfordert zweierlei: eine an Größenwahn grenzende Selbstsicherheit
und künstlerische Phantasie. Das sind denn auch die beiden entscheidenden
Qualitäten, denen die Stars der gegenwärtigen Kunstszene ihre
unbestrittene Spitzenstellung verdanken: in ihrem vermeintlich kühnen
Sichhinwegsetzen über die bestehende Ordnung kann der
geneigte Betrachter die stellvertretende Verwirklichung der eigenen unausgelebten
Allmachtsphantasien genießen; im eventuellen Erfindungsreichtum,
mit dem diese Manifestationen grandioser Respektlosigkeit abgewandelt
und variiert werden, kann er die schöpferische Potenz bewundern,
die eine solche Mißachtung traditioneller Erwartungen zu rechtfertigen
scheint, und kann identifikatorisch an ihr teilhaben.
Der Gehalt dieser Kunst besteht aus Wunschvorstellungen. Ihre Kühnheit
ist insofern fiktiv, als diese Maler weder innere noch äußere
Zensuren zu durchbrechen haben. Im kulturellen Rahmen des ausgehenden
20. Jahrhunderts ist sowieso längst alles erlaubt - everything goes!
- und im eigenen Innern haben diese Künstler mit den Ansprüchen
ihres gegensätzlichen Selbst-Pols auch jede Zensur und jede mögliche
Opposition beseitigt. Wie Kohut sagt, hat es die messianische Führergestalt
nicht nötig, sich an den Idealen ihres Über-Ichs zu messen -
ihr Selbst und die idealisierte Struktur sind ihr eins geworden.
Ganz offensichtlich befindet sich die gegenwärtige Künstlergeneration
in der ausweglosen Situation einer strukturell bedingten Unerfüllbarkeit
ihrer etwaigen ganzheitlichen Ansprüche - deshalb deren Verleugnung
und Verdrängung. Im Rahmen der bisherigen Strukturen fehlt dem künstlerischen
Drang zu neuen Entdeckungen und zur Eroberung neuer Gebiete der Horizont
des noch Unbekannten. Alles Land ist bereits vermessen, die letzten weißen
Flecken sind von der Landkarte verschwunden. Außerhalb dieses Rahmens
fehlt dagegen die Wertstruktur, an der sich der Künstler der Postmoderne
orientieren und an deren Maßstäben er die eigene Einmaligkeit
und Großartigkeit überprüfen könnte. Dies signalisiert
natürlich nicht, wie vielfach behauptet wird, das Ende der Kunst,
sondern bloß das Ende eines Zeitalters - das Ende unserer
Moderne.
Welcher Art das leitende Paradigma des kommenden, vor unserer Tür
stehenden Zeitalters sein wird, läßt sich nicht mit Sicherheit
voraussagen - doch kann man Spekulationen darüber anstellen. Diesen
gelten die letzten Kapitel dieses Bandes.
Ausblick
Der Zerfall bisheriger Werte und Ordnungsstrukturen, der in der Kunst
der Postmoderne zum Ausdruck kommt, stellt keine isolierte, nur die Kunst
betreffende Entwicklung dar, sondern ist Teil eines epochalen Wandels,
von dem im ausgehenden 20. Jahrhundert die ganze Welt betroffen wird.
"Es gibt gute Gründe für die Annahme, daß das Zeitalter
der Moderne zu Ende sei. Vieles weist darauf hin, daß wir durch
eine Übergangszeit gehen; es scheint, daß etwas abstirbt, während
etwas anderes in Schmerzen geboren wird. Es ist, als ob etwas zugrunde
geht, zerfällt und sich erschöpft, während etwas anderes,
noch unbestimmtes, aus dem Schutt sich erhebt." Mit diesen Sätzen
sprach Vaclav Havel, der Präsident der Tschechischen Republik, am
4. Juli 19941 eine weitverbreitete Auffassung aus: Über das Zuendegehen
der Moderne scheinen sich nicht nur Kunstvermittler und Philosophen, sondern
auch Politiker, Soziologen und Wirtschaftsfachleute einig zu sein. Uneinigkeit
besteht lediglich darüber, was mit der Moderne tatsächlich zu
Ende geht und was an ihre Stelle treten wird.
Einige wenige Tatsachen lassen sich zweifelsfrei festhalten. In den westlichen
Demokratien werden mit der zunehmenden Korrumpierung des demokratischen
Prozeßes, mit der Unterwanderung von Politik und Wirtschaft durch
das organisierte Verbrechen und mit Arbeitslosigkeit, Kriminalität
und Drogensucht die Fragmentierung und der Zerfall der idealisierten Strukturen
ihres Paradigmas sichtbar. Gleichzeitig breiten sich die zivilisatorischen
Errungenschaften der Moderne - die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung,
moderne Technologien und die Prinzipien der freien Marktwirtschaft - mit
der fortschreitenden Verwestlichung der Welt über den ganzen Erdball
aus und führen fast notwendig zu einer globalen, alle nationalen
und kulturellen Grenzen überschreitenden technologischen Zivilisation.
Die Völker dieser weltumspannenden Zivilisation bilden eine Agglomeration
von Subkulturen, denen ein überwölbender geistiger Konsens fehlt.
Sie werden durch kein kulturelles Paradigma miteinander verbunden, sondern
durch drei funktionale Beziehungsnetze miteinander verknüpft: durch
einen gemeinsamen, alle Länder und Regionen der Welt umfaßenden
freien Markt, durch das immer dichter werdende Netz der elektronischen
Kommunikationsmittel und durch die weltweite Verbreitung des Satellitenfernsehens.
Diese politische, wirtschaftliche und kulturelle Situation bildet das
Thema einer ganzen Reihe anfangs der neunziger Jahre erschienenen Bücher
und Artikel, deren jeweilige These bereits ihre Titel bestimmt: Das
Ende der Geschichte (Francis Fukuyama), Der Zusammenstoß
der Zivilisationen (Samuel P. Huntington), Die tosende Menge
(Michael J. O'Neill), Die kommende Anarchie (Robert D. Kaplan),
Das Ende der Demokratie (Jean-Marie Guéhenno), Die
Verwestlichung der Welt (Serge Latouche) und Endzeit?
(Alexander Demandt).2
Alle diese Autoren sind sich darin einig, daß sich das Zeitalter
der Nationalstaaten und der liberalen Demokratie seinem Ende zuneigt.
Mit zunehmender Mobilität, mit der Ausbreitung multinationaler Industrieunternehmen
und der elektronischen Vernetzung aller Lebensbereiche nimmt die Möglichkeit,
politische und wirtschaftliche Macht von territorialen Gegebenheiten her
zu definieren, zusehends ab. Die zukünftige Gesellschaft wird weniger
durch politisch-nationale als vielmehr durch wirtschaftliche Ordnungsstrukturen
reguliert werden. An Stelle grundsätzlicher Entscheidungen tritt
das Ausmarchen partikulärer Interessen. Das Recht verkommt dabei
zur bloßen Verfahrensweise, mit der die Tätigkeit der Menschen
nach rein funktionalen Gesichtspunkten geregelt wird. Der Politik wird
damit ihre bisherige moralische und philosophische Grundlage entzogen.
"Die Frage nach der Legitimität wird allmählich ebenso
unpassend wie das Nachdenken über die Rechtmäßigkeit
oder Unrechtmäßigkeit eines Computerprogramms",3
erklärt Guéhenno. Dabei entstehe "nicht ein universales
politisches Gemeinwesen, sondern ein Gewebe ohne erkennbare Nähte,
ein unendliches Aneinanderwachsen voneinander abhängiger Elemente."4
Während die entwickelten Industrienationen das von Fukuyama als posthistorisch
bezeichnete Zeitalter betreten, bleiben weite Teile der Dritten Welt weiterhin
in der Geschichte gefangen. Die staatliche Ordnung dieser Länder
ist im Begriff, unter dem Druck von Armut, Hunger, Krankheit, Kriminalität,
Bürgerkriegen, Flüchtlingsströmen und Bevölkerungswachstum
auseinanderzubrechen. In diesen anarchischen Zuständen sieht Kaplan
die Vorboten einer Welt, in der Krieg und Verbrechen nahtlos ineinander
übergehen, so wie es heute im Libanon, in El Salvador, Peru, Columbien
oder Ruanda der Fall ist.
Angesichts dieser Prognosen muß die Frage nach dem, was der Kunst
der Postmoderne folgen wird, solange aufgeschoben werden, bis sich am
Horizont zumindest die Umriße eines neuen kulturellen Paradigmas
abzeichnen werden. Heute lassen sich darüber nur Spekulationen anstellen
- was den Rahmen dieses Buches sprengen würde und seiner Konzeption
nicht angemessen wäre.
_____________________________________________________________________________
Text Ende der zweiten Auflage:
Diese ideelle Fragmentierung findet ihre Entsprechung in der gegenwärtigen Kunstproduktion, die mit ihrem Eklektizismus und ihrer weitgehenden Missachtung überindividueller geistiger Wertstrukturen auch in mancher Hinsicht an die Salonkunst der letzten Jahrhundertwende erinnert. Es fällt schwer, in diesenWerken den Keim einer neuen Vision, einer neuen ästhetischen Ordnung zu erkennen, was jedoch nicht heißt, daß die künstlerische Entwicklung deshalb stillsteht. Es ist vielmehr zu erwarten, daß sie in den unterschiedlichsten Richtungen fortschreiten wird. Etablierte Größen und neueTalente, Künstler der DrittenWelt, die Bildnerei von Randgruppen sowie die fortschreitende Aufarbeitung des künstlerischen Erbes der Menschheit werden weiterhin für neue Konzepte und ästhetische Uberraschungen sorgen. Doch für sich allein genommen genügt dies nicht, um eine grundlegende künstlerische Neuorientierung, eine Wende herbeizuführen, die sich mit der Geburt der Moderne, mit den Auftritten von Seurat, Cezanne, Van Gogh und Gauguin vergleichen ließe. Solange diese Kunstproduktion keinen geistigen Kanon, keine umfassende Wert- und Ordnungsstruktur spiegelt, steht sie nämlich weder für einen neuen Anfang, noch für die bisherige Moderne, sondern lediglich für die ideelle Leere, die sich in dieser End- und Ubergangszeit zwischen zwei Zeitaltern ausbreitet. Solche Werke müßten unbesehen ihrer etwaigen, vordergründigen Originalität und Nenartigkeit weiterhin als postmodern bezeichnet werden.
Entsprechendes gilt für die künstlerisch noch kaum erprobten und längst nicht ausgeschöpften Mittel der elektronischen Datenverarbeitung. Auch sie eröffnen eine Vielfalt neuer gestalterischer Möglichkeiten, von denen man annehmen muß, daß sie - wie seinerzeit Fotografie und Film - die weitere künstlerische Entwicklung beeinflussen und möglicherweise auch zur Ausbildung neuer, bisher unbekannter Kunstarten führen werden. Doch auch in diesem Falle bleibt es ungewiß, ob die ästhetische Erschliessung der neuen Medien die Postmoderne fortsetzen, eine Renaissance der Moderne einleiten oder aber das Fundament der künstlerischen Sprache legen wird, in der das Selbst- und Weltverständnis, die Ideale und Ambitionen zukünftiger Generationen Gestalt und Ausdruck finden werden.
Uber Art und Zeitpunkt eines wirklich grundlegenden künstlerischen Wandels lassen sich eben keine Prognosen stellen. Kulturen entwickeln sich, wie andere lebende Systeme, ohne jeden präexistenten Plan - die Zukunft der menschlichen Gesellschaft ist nicht voraussagbar. Dasselbe gilt für die Entwicklung ihrer Kunst. So muß die Frage nach dem, was der Postmoderne folgen wird, so lange aufgeschoben werden, bis sich am Horizont zumindest die Umrisse eines neuen kulturellen Paradigmas abzuzeichnen beginnen.
Fussnote zu: IX. Der Verlust der Wirklichkeit: das Ende der Moderne