I. Einführung
Bei den gegenwärtigen Diskussionen über
die Kunst der Postmoderne kommen deren Gegner und Befürworter nicht
darum herum, auch deren Gegenpol - die Kunst der Moderne - zu beschreiben
und zu bestimmen. Dabei wird deutlich, daß kein Konsens darüber
besteht, was deren Eigenart ausmacht, welches die gemeinsamen, verbindenden
Merkmale ihrer vielfältigen Ausgestaltungen sind und welche Bedeutung
diesen zukommt.>
Anspruchsvolle Versuche, die künstlerische Entwicklung der Moderne
als ein Ganzes zu begreifen und darzustellen, sind äußerst
selten, wohl deshalb, weil sich eine umfassende Sicht derselben nur rückblickend,
also frühestens dann gewinnen läßt, wenn sich diese Entwicklung
ihrem Ende zuneigt.
Dies ist mittlerweile eingetreten. Ich beabsichtige deshalb, die bisherige
Lücke zu schließen und die künstlerische Entwicklung der
Moderne von ihren impressionistischen Anfängen bis zur pluralistischen
Kunstszene der Gegenwart als einen zusammenhängenden, einheitlichen
und sinnvollen Vorgang darzustellen und verständlich zu machen. Dabei
werde ich sie einerseits aus ihren kultur-und sozialgeschichtlichen Bedingungen,
andererseits aus der psychischen Struktur und der psychischen Dynamik
erklären, die dem schöpferischen Prozeß zugrunde liegen.
Trotz der geschichtlichen Darstellungsform meiner Untersuchung will ich keine Kunstgeschichte der Moderne schreiben, sondern lediglich versuchen, deren grosse Entwicklungslinien und Zusammenhänge aufzuzeigen. In gedrängter Form verfolge ich auch parallele Entwicklungen in Wissenschaft, Philosophie, Politik und Sozialgeschichte. Diese in sich abgeschlossenen Kapitel sind durch ihr Erscheinungsbild (Text auf grauem Grund) gekennzeichnet. Sie fassen im Sinn einer "Materialiensammlung" die wichtigsten Etappen der historischen Entwicklung zusammen, auf die ich mich in meinen kunstgeschichtlichen Ausführungen beziehe. Im letzteren beschränke ich mich auf die bildende Kunst und insbesondere auf die Malerei. Nur wenige Maler werden - stellvertretend für ganze Gruppen oder Richtungen - ausführlich behandelt. Im Fall der großen, den meisten Lesern vertrauten Pioniere (wie Cézanne, van Gogh, Matisse etc.) begnüge ich mich dabei mit wenigen Seiten, während problematische und schwerer zugängliche Künstler wie z.B. Duchamp oder Beuys ausführlicher behandelt werden. Es ist klar, daß mit einer solchen Auszeichnung keinerlei Werturteil verbunden ist.
Ich veranschauliche die künstlerische Entwicklung am Werk weniger
etablierter Künstler. Diese Auswahl spiegelt nicht nur die künstlerische
Produktion unseres Zeitalters, sondern auch deren Rezeption durch das
Publikum. Diese bildet nämlich einen ebenso entscheidenden Faktor
der künstlerischen Entwicklung; sowohl Erfolg und öffentliche
Anerkennung als auch deren Fehlen wirken sich in vielfältiger und
weitreichender Weise positiv oder aber negativ auf jedes künstlerische
Schaffen aus. Wir können nur darüber spekulieren, wie sich das
Werk von Cézanne oder van Gogh entwickelt hätte, wenn diese
Künstler zu Lebzeiten öffentliche Anerkennung gefunden hätten;
es ist auch müssig, zu fragen, wie Picasso wohl weitergemalt hätte,
wenn, wie im Fall von Cézanne und van Gogh, praktisch niemand davon
Notiz genommen hätte. Es ist klar, daß das Werk dieser Künstler
von dessen Rezeption nicht zu trennen ist.
Der Erfolg eines Künstlers weist darauf hin, daß sich das Publikum
in irgendeiner Weise in seinem Werk (oder seiner Person) erkennt oder
zu erkennen vermeint und sich damit identifiziert. Nur das "erfolgreiche"
Werk spiegelt das Bewußtsein "seiner" Zeit; das gilt auch
dann, wenn dieses Bewußtsein - und damit der Erfolg - wie im Fall
mancher Pioniere, der Entstehung des Werkes zeitlich nachhinkt.
In diesem Sinn will meine Darstellung die vielfältige künstlerische
Produktion der Moderne nicht etwa in all ihren Verzweigungen verfolgen,
sondern sie zeichnet in erster Linie die Geschichte ihrer Erfolge und
damit die Entwicklung des künstlerischen Bewußtseins im 20.
Jahrhundert nach.
Ein Wort noch zu meinen Hinweisen auf die Entsprechungen zwischen wissenschaftlichen,
politischen und sozialgeschichtlichen Entwicklungen und den gleichzeitigen
Verlauf der bildenden Kunst. Diese Entsprechungen sind sehr bedeutungsvoll,
weisen sie doch darauf hin, daß sich in der künstlerischen
Produktion einer Kultur dieselben Auffassungen, Einstellungen und geistigen
Kräfte äußern, die deren Entwicklung auf anderen Gebieten
vorantreiben. Dessen ungeachtet besteht meiner Auffassung nach zwischen
diesen parallelen und synchronen Vorgängen kein Kausalitätsverhältnis
im Sinn der Beziehung von Ursache und Wirkung; die Künstler der beginnenden
Moderne standen den bahnbrechenden Entdeckungen der zeitgenössischen
Wissenschaft ebenso verständnislos gegenüber wie die damaligen
Wissenschafter den Errungenschaften der modernen Malerei.
Die Uebereinstimmungen lassen sich viel eher darauf zurückführen,
daß die beiden synchronen Prozesse in einer gemeinsamen kulturellen
Vergangenheit gründen, die sich im kollektiven Bewußtsein und
im kollektiven Unbewußten niedergeschlagen hat; mit anderen Worten:
daß sie dieselbe Ausgangslage miteinander gemein haben. Damit soll
nicht gesagt sein, daß dieselbe Ausgangslage zwangsläufig zu
ähnlichen Entwicklungen führen müsse. So lassen sich um
die Jahrhundertwende in allen kulturellen Bereichen die unterschiedlichsten
Abläufe (und Entwürfe) beobachten. Jede Wendezeit zeichnet sich
dadurch aus, daß neu anfallende Probleme durch die bisherigen Entwürfe
nicht mehr zu lösen sind, daß also das bisherige Bewußtsein
und die bisherigen Auffassungen der neuen Situation nicht mehr gerecht
werden. Anders gesagt: Eine kulturelle und soziale Ausgangslage fällt
mit einer geistigen Krise zusammen und verlangt nach deren Lösung.
Dabei determiniert sie die Lösungsversuche, die unternommen werden,
nur indirekt: Diese sind vielfältig und ganz unterschiedlicher Art;
doch bestimmt sie durch die Probleme, die sie stellt, und durch die Fragen,
die sie aufwirft, die jeweiligen Bedingungen und Voraussetzungen, unter
denen ein solcher Entwurf erfolgreich sein kann. Die Ausgangslage einer
kulturellen Entwicklung legt somit die Kriterien fest, nach denen unter
konkurrierenden Vorschl_gen die besten als Sieger bestimmt werden.
Die Probleme einer Wendezeit sind grundsätzlicher Art. Sie verlangen
zu ihrer Lösung nach einem neuen Paradigma, das den gestellten Forderungen,
d.h. der besagten, alle Bereiche betreffenden Ausgangslage genügt:
Aus diesem gemeinsamen Paradigma ergibt sich die sinngemäße
Uebereinstimmung zwischen der wissenschaftlichen, politischen, sozialen,
philosophischen und künstlerischen Entwicklung eines neu anbrechenden
Zeitalters (und innerhalb dieses Zeitalters einer neuen Epoche).
Ich bin mir der Grenzen meines Unterfangens wohl bewußt. In seiner
1954 erstmals in Buchform erschienenen Untersuchung Das Elend des Historizismus
unterstreicht Karl R. Popper den Unterschied zwischen historischen und
theoretischen Wissenschaften: während letztere alle ihre Beobachtungen
auf allgemeine Gesetze beziehen, die ihrerseits die Standpunkte liefern,
von denen aus Beobachtungen gemacht werden können, fehlt den historischen
Wissenschaften eine entsprechende, derart verbindliche Struktur. Deren
Funktion muß von etwas anderem übernommen werden, denn ohne
Standpunkt kann es keine Geschichte geben; auch die Geschichtsforschung
muß selektiv sein, will sie nicht in einer Flut von wertlosem und
unzusammenhängendem Material ertrinken. Der einzige Ausweg aus dieser
Schwierigkeit ist nach Poppers Auffassung "die bewußte Einführung
eines vorgefaßten selektiven Standpunktes in die historische Forschung,
d.h. wir schreiben die Geschichte, die uns interessiert. Das bedeutet
nicht, daß wir die Fakten verdrehen dürfen, bis sie in ein
System vorgefaßter Ideen hineinpassen, oder Tatsachen, die nicht
hineinpassen, vernachlässigen können. Im Gegenteil, alles erreichbare
Tatsachenmaterial, das für unseren Standpunkt von Bedeutung ist,
soll sorgfältig und objektiv [...] berücksichtigt werden. Aber
um alle jene Fakten und Aspekte, die mit unserem Standpunkt nichts zu
tun haben und uns nicht interessieren, brauchen wir uns nicht zu kümmern."1
Solche selektiven Standpunkte erfüllen in der Geschichtswissenschaft
ähnliche Funktionen wie die Theorien in der theoretischen Wissenschaft,
nur lassen sich solche historischen Standpunkte oder Einstellungen
nicht prüfen - sie können nicht widerlegt werden; somit gengen
sie auch nicht den Kriterien der Wissenschaftlichkeit. Kann ein solcher
selektiver Standpunkt nicht als prüfbare wissenschaftliche Hypothese
formuliert werden, so ist er als eine historische Interpretation
zu bezeichnen.
Der Historizismus2 verwechselt diese Interpretation mit Theorie. Dies
ist nach Popper sein Kardinalfehler: "Es ist beispielsweise möglich,
die Geschichte als Geschichte des Klassenkampfes oder des
Ringens der Rassen um die Weltherrschaft oder als Geschichte der religiösen
Ideen oder als Geschichte des Kampfes zwischen der offenen
und der geschlossenen Gesellschaft oder als Geschichte des
wissenschaftlichen und industriellen Fortschritts zu interpretieren. All
dies sind mehr oder weniger interessante Standpunkte, gegen die als Standpunkte
nichts einzuwenden ist. Aber die Historizisten stellen sie nicht als solche
dar und sehen nicht ein, daß es zwangsläufig eine Vielfalt
von Interpretationen gibt, die im Grunde alle gleich geistreich und gleich
willkürlich sind (wenn auch manche sich durch Fruchtbarkeit auszeichnen,
was von einiger Bedeutung ist). Anstatt dessen präsentieren die Historizisten
sie als Theorien und behaupten, daß 'alle Geschichte die Geschichte
von Klassenkämpfen ist' usw. [...] Andererseits verfallen die klassischen
Historiker, die sich diesem Verfahren mit Recht entgegenstellen, leicht
in einen anderen Fehler. Da sie nach Objektivität streben, fühlen
sie sich gezwungen, jedem selektiven Standpunkt aus dem Wege zu gehen.
[...]
Diesem Dilemma kann man natürlich dadurch entgehen, daß man
sich über die Notwendigkeit, einen Standpunkt einzunehmen, im klaren
ist, daß man diesen Standpunkt offen darlegt und nie vergißt,
daß er nur ein Standpunkt unter vielen ist und - selbst wenn er
einer Theorie gleichkommt - vielleicht nicht geprüft werden kann.3
Zu einem ähnlichen Schluß kommt auch der deutsche Historiker
Sebastian Haffner: "Eine Geschichtswissenschaft, die mit der Naturwissenschaft
vergleichbar wäre, gibt es nicht und kann es nicht geben, aus einem
sehr einfachen Grunde: Die Natur ist Gegenwart, die Geschichte aber befaßt
sich mit Vergangenheit. Gegenwart ist real, konkret, erforschlich. Vergangenheit
aber ist eben nicht mehr real, sie ist irreal geworden. Die Zeit hat sie
uns entrückt, es gibt sie nicht mehr, daher kann man sie auch nicht
mehr erforschen. Im Grunde beruht alle Geschichtswissenschaft auf einer
simplen Begriffsverwechslung, einer Verwechslung der Begriffe Vergangenheit
und Geschichte. [...]
Mit einem Wort: Geschichte ist nichts Vorgegebenes wie Natur, Geschichte
ist selbst schon ein Kunstprodukt. Nicht alles, was je geschehen ist,
wird Geschichte, sondern nur das, was Geschichtsschreiber irgendwo und
irgendwann einmal der Erzählung für wert erachtet haben. Erst
Geschichtsschreibung schafft Geschichte. Geschichte - um es ganz scharf
zu sagen - ist keine Realität, sie ist ein Zweig der Literatur.4
In voller Übereinstimmung mit diesen Auffassungen stellt meine Darstellung
eine rational begründete historische Interpretation dar und erlaubt
als solche keine sicheren Voraussagen auf zukünftige künstlerische
Entwicklungen.
Jeder derartige Versuch setzt stillschweigend oder explizit die Annahme eines oder mehrerer gemeinsamen Nenner voraus, die es erlauben, die unterschiedlichen Ausgestaltungen und die vielfältigen Aspekte einer umfangreichen künstlerischen Produktion gegeneinander abzugrenzen, miteinander zu vergleichen und zueinander in Beziehung zu setzen. Keine vergleichende Kunstbetrachtung kommt ohne derartige Parameter aus; diese bestimmen letztlich den Charakter und die Systematik der jeweiligen Untersuchung, denn die Art der Fragestellung determiniert die Antwort. Die Parameter meiner eigenen Darstellung basieren auf drei Hauptthesen, die unter verschiedenen Gesichtspunkten erläutert und begründet werden.
1. Hauptthesen
These I: Die zwei Prinzipien der künstlerischen Gestaltung
"Your speculation that great art involves both poles of the self
is fascinating and should be pursued."
Heinz Kohut, 1980
in einem Brief an den Autor.
Meine erste These betrifft zwei gegensätzliche Prinzipien, die eine
konstante Bedingung des künstlerischen Schaffens bilden und in jeder
Kunsterfahrung ihre Wirksamkeit entfalten.
Ihr universaler Charakter manifestiert sich unter anderem im breiten Spektrum
der sie betreffenden Aussagen und Umschreibungen. Eine der klarsten und
einfachsten findet sich in Piet Mondrians Aufsatz Plastic Art and
Pure Plastic Art (London 1937): "Obwohl Kunst grundsätzlich
überall und immer gleich ist, so erscheinen doch zwei einander diametral
entgegengesetzte menschliche Neigungen in ihren vielen und unterschiedlichsten
Äußerungen. Die eine richtet sich auf die Schaffung universaler
Schönheit, die andere auf den ästhetischen Ausdruck des eigenen
Selbst, mit anderen Worten, dessen, was man denkt und erlebt. Die erste
strebt danach, die Wirklichkeit objektiv darzustellen, die zweite subjektiv.
So sehen wir in jedem Werk der bildenden Kunst das Streben, Schönheit
objektiv, lediglich durch die gegenseitig ausgewogenen Beziehungen von
Form und Farbe auszudrücken, und gleichzeitig den Versuch, das auszudrücken,
was diese Formen, Farben und Beziehungen in uns bewegen. Dieser letztere
Versuch muß notgedrungen zu einem individuellen Ausdruck führen,
der die reine Darbietung der Schönheit trübt. Trotzdem sind
beide der zwei einander entgegengesetzten Elemente (universell-individuell)
unentbehrlich, soll das Werk Gefühl erwecken. Die Kunst mußte
die richtige Lösung finden. Trotz der zweifachen Natur der schöpferischen
Neigungen hat die bildende Kunst durch eine bestimmte Art der Koordination
zwischen objektivem und subjektivem Ausdruck eine Harmonie erzeugt. Doch
für den Betrachter, der nach einer reinen Darstellung der Schönheit
verlangt, überwiegt der individuelle Ausdruck zu sehr. Die Suche
nach einem geeinten Ausdruck durch das Gleichgewicht der beiden Gegensätze
ist für den Künstler ein dauernder Kampf gewesen und wird es
immer sein... Das einzige Problem der Kunst besteht darin, ein Gleichgewicht
zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven zu finden. Es ist dabei von
der größten Bedeutung, daß dieses Problem im Bereich
der bildenden Kunst - d.h. technisch - und nicht im Bereich des Denkens
gelöst wird."5
In seiner Siebdruckfolge Jazz beschreibt Henri Matisse unter dem Titel
Mes courbes ne sont pas folles eine derartig technische Lösung:
"Die Vertikale ist in meinen Geist eingezeichnet, sie hilft mir,
die Richtung meiner Linien genau zu bestimmen, und auch in meinen rasch
hingeworfenen Zeichnungen ist keine Linie, wie etwa die eines Zweiges
in einer Landschaft, ohne Beziehung zur Vertikalen entstanden. - Meine
Linien sind nicht verrückt.6
Eine andere Auffassung der beiden Prinzipien tritt uns im Gegensatz apollinisch-dionysisch
entgegen. Dieses von Schelling eingeführte Begriffspaar bezeichnet
den im Wesen des Gottes Apoll zutage tretenden klaren, auf Form und Ordnung
gerichteten, bewußten Willen im Gegensatz zu dem sich in Dionysos
offenbarenden rauschhaften, unbewußten und unklaren Schöpfungsdrang:
"Im Menschen finden wir eine blinde, ihrer Natur nach schrankenlose
Produktionskraft, der eine besonnene, sich beschränkende und bildende,
eigentlich also negierende Kraft in demselben Subjekt entgegensteht...
Nicht in verschiedenen Augenblicken, sondern in demselben Augenblick zugleich
trunken und nüchtern zu sein, dies ist das Geheimnis der wahren Poesie.7
In diesem Sinn äußert sich auch Friedrich Nietzsche: "Wir
werden viel für die ästhetische Wissenschaft gewonnen haben,
wenn wir nicht nur zur logischen Einsicht, sondern zur unmittelbaren Sicherheit
der Anschauung gekommen sind, daß die Fortentwicklung der Kunst
an die Duplizität des Apollinischen und des Dionysischen gebunden
ist: in ähnlicher Weise, wie die Generation von der Zweiheit der
Geschlechter, bei fortwährendem Kampfe und nur periodisch eintretender
Versöhnung, abhängt. Diese Namen entlehnen wir von den Griechen,
welche die tiefsinnigen Geheimlehren ihrer Kunstanschauung zwar nicht
in Begriffen, aber in den eindringlich deutlichen Gestalten ihrer Götterwelt
dem Einsichtigen vernehmbar machen. An ihre beiden Kunstgottheiten, Apollo
und Dionysos, knüpft sich unsere Erkenntnis, daß in der griechischen
Welt ein ungeheurer Gegensatz, nach Ursprung und Zielen, zwischen der
Kunst des Bildners, der apollinischen, und der unbildlichen Kunst der
Musik als der des Dionysos besteht: beide so verschiedene Triebe gehen
nebeneinander her, zumeist im offenen Zwiespalt miteinander und sich gegenseitig
zu immer neuen kräftigeren Geburten reizend, um in ihnen den Kampf
jenes Gegensatzes zu perpetuieren, den das gemeinsame Wort "Kunst"
nur scheinbar überbrückt; bis sie endlich, durch einen metaphysischen
Wunderakt des hellenischen "Willens", miteinander gepaart erscheinen
und in dieser Paarung zuletzt das ebenso dionysische als apollinische
Kunstwerk der attischen Tragödie erzeugen.8
Schon die Gegenüberstellung dieser wenigen Zitate zeigt die weite
Bedeutungsspanne, innerhalb der sich unsere beiden künstlerischen
Prinzipien verstehen lassen. Trotz ihrer unterschiedlichen Auffassungen
sehen jedoch alle diese Autoren in der gestalthaften Verbindung beider
Grundtendenzen die entscheidende Bedingung jeder großen Kunst.
Worauf gründet diese universale Struktur der künstlerischen
Schöpfung? Nietzsche bezeichnet die beiden Prinzipien als Triebe,
Schelling als Kraft oder Drang und Mondrian als menschliche Neigungen.
Offensichtlich verstehen sie alle drei als elementare, konstitutionell
bedingte Gegensätze menschlichen Strebens überhaupt. Die Forderung
nach ihrer innigen Verbindung überschreitet damit den Rahmen der
künstlerischen Gestaltung und betrifft ein allgemeines menschliches
Verhalten.
Der psychologische Aspekt
Wenden wir uns somit der Psychologie zu, so stoßen wir dort auf
eine erste grobe Entsprechung unserer beiden Kräfte oder Neigungen
in dem durch die Psychoanalyse untersuchten Antagonismus von Es und Über-Ich.
Das von Freud in den 30er Jahren entwickelte Konzept des "psychischen
Apparates",9 umfaßt drei psychische Instanzen mit unterschiedlichen
Funktionen: "Die Macht des Es drückt die eigentliche Lebensabsicht
des Einzelwesens aus. Sie besteht darin, seine mitgebrachten Bedürfnisse
zu befriedigen. Eine Absicht, sich am Leben zu erhalten und sich durch
die Angst vor Gefahren zu schützen, kann dem Es nicht zugeschrieben
werden. Dies ist die Aufgabe des Ichs, das auch die günstigste und
gefahrloseste Art der Befriedigung mit Rücksicht auf die Außenwelt
herauszufinden hat. Das Über-Ich mag neue Bedürfnisse geltend
machen, seine Hauptleistung bleibt aber die Einschränkung der Befriedigungen."10
Auf den ersten Blick scheint es naheliegend, in der Neigung zum "Ausdruck
des eigenen Selbst", in der "dionysischen, ihrer Natur nach
schrankenlosen Produktionskraft" des Menschen die Macht des Es zu
erkennen und die "Neigung zur Schaffung universaler Schönheit",
das apollinische Prinzip einer "besonnenen, beschränkenden,
also eigentlich negierenden Kraft" als Ausdruck des Über-Ich
zu verstehen. Doch sind weder das Es noch das Über-Ich für sich
allein genommen irgendeiner Äußerung fähig. Nur über
das Ich können Regungen des Es oder Forderungen des Über-Ich
Ausdruck und Gestalt finden; diese treten also nie "rein" auf,
sondern immer nur in Verbindung und Konkurrenz mit den jeweils sie begleitenden
Forderungen und Ansprüchen des Ich. Dieses hat damit nicht nur Anteil
an jeder Äußerung der beiden anderen Instanzen, sondern bedingt
darüber hinaus auch jede Möglichkeit ihrer Verbindung zu einer
intelligiblen Gestalt.
In ihren Anfängen konzentrierte sich die Psychoanalyse auf die Erforschung
des Unbewußten und auf den Konflikt, der sich aus den gegensätzlichen
Strebungen von Es und Über-Ich ergab und der den wundersamen Gebilden
des Traumes zugrunde liegt. Die psychoanalytische Traumdeutung diente
denn auch als Modell für die ersten Versuche der neuen Wissenschaft,
das Phänomen der Kunst zu begreifen. Die spezifischen Verbindungen,
die Es und Über-Ich sowohl im alltäglichen Verhalten als auch
im künstlerischen Schaffen mit der integrierenden Kontroll- und Führungsinstanz
des Ich eingehen, sowie die psychischen Strukturen, deren sich das Ich
zur Erfüllung seiner Aufgaben bedient, wurden in dieser ersten Phase
der Psychoanalyse weitgehend außer acht gelassen. Das Interesse
Freuds und der damaligen Analytiker galt in erster Linie den Faktoren,
die dem innerpsychischen Konflikt zugrunde liegen und weniger denjenigen,
die seine überwindung bedingen. Die für den künstlerischen
Prozeß so bedeutsame integrierende Funktion des Ich wurde erst in
einer späteren Phase der psychoanalytischen Entwicklung durch die
Ich-Psychologie (Anna Freud, Heinz Hartmann, Ernst Kris u.a.) erforscht.
In den 50er und 60er Jahren entwickelte schließlich der 1981 verstorbene
amerikanische Psychoanalytiker Heinz Kohut auf der Grundlage der Ich-Psychologie
mit seinen Untersuchungen zur Psychologie des Narzißmus einen neuen
theoretischen und begrifflichen Rahmen, der ein tieferes Verständnis
der Voraussetzungen und Bedingungen unserer beiden Prinzipien oder Strebungen
ermöglicht.
Die Selbstliebe - der Narzißmus - stellt nach Kohut eine entscheidende
Bedingung unserer psychischen Gesundheit und Ganzheit dar. Kohut analysiert
die Struktur und Dynamik des Selbst, d.h. die Bedingungen, auf Grund derer
wir uns als ein Zentrum eigener Ambitionen, Interessen und Wertvorstellungen,
kurz, als ein eigenes Wesen empfinden, und auf Grund derer wir in der
Lage sind, uns selbst anzunehmen und zu lieben; er untersucht die Ausbildung
und Entwicklung unserer Selbstliebe und die psychischen Inhalte
oder Konfigurationen, auf die sie sich richtet.
Die ersten Lebenserfahrungen des Säuglings unterscheiden nicht zwischen
Innen- und Außenwelt, zwischen Ich und Nicht-Ich, sondern blo§
zwischen der Empfindung von Lust oder Unlust. Die Mutter (oder sonstige
Beziehungsperson), deren pflegerische Interventionen die jeweiligen Bedürfnisspannungen
des Säuglings aufheben, wird noch nicht als getrenntes und eigenständiges
Wesen erlebt, sondern verschmilzt mit der Einheitswirklichkeit
des Säuglings. Für diesen besteht der wesentliche und alleinige
Inhalt der Wirklichkeit in der sich wiederholenden Erfahrung, daß
seine Bedürfnisse jeweils "wie von selbst" befriedigt werden.
Diese Erfahrungsreihe bildet die Grundlage des archaischen Allmachtsgefühls,
das zu einem der ersten Bestandteile oder Inhalte seiner Psyche wird.11
Erst allmählich lernt der Säugling die Schwankungen seines Wohlbefindens
mit dem Auftreten der Mutter in Bezug zu setzen und diese als etwas von
ihm Getrenntes zu erleben. Nun wird sie zur überlebensgroßen,
allmächtigen Figur. Kind und Mutter sind jedoch noch immer nicht
klar voneinander getrennt, die kindliche Selbstwahrnehmung schwankt zwischen
den beiden Polen dieser symbiotischen Zwei- Einigkeit: diese wird entweder
durch das Kind "repräsentiert", indem es nach dem Vorbild
der Mutter versucht, sich selbst in seiner Einheit und Ganzheit zu erfahren;
es empfindet dabei die Mutter als Teil seiner selbst und übernimmt
damit in seiner Phantasie auch deren Größe und Macht; oder
aber es ist die Mutter, in der die Zwei-Einigkeit Gestalt annimmt, und
das Kind empfindet nun sich als Teil, als Teil ihrer Größe
und Macht. In rudimentärer Form haben sich beim Kind damit die beiden
Pole etabliert, zwischen denen seine Selbsterfahrung und sein Selbstgefühl
oszillieren, nämlich
a) das Gefühl der eigenen Größe und Allmacht, das die
Grundlage des "grandiosen Selbst" bildet und das nach Äußerung
und Zurschaustellung drängt, und
b) die archaisch-allmächtige Elternfigur, die Grundlage der späteren
"idealisierten Strukturen", die dem Kind mit der Forderung entgegentritt,
ihr zu entsprechen, um so zu einem Teil ihrer Größe und Macht
zu werden.
Die weitere Entwicklung dieses Kern-Selbst wird durch die Beziehungen
des heranwachsenden Kindes zu seiner nächsten Umgebung bestimmt.
Das Kind erfährt sich - im Sinn einer Spiegelung - durch die Augen
seiner Eltern. Sowohl deren positive als auch deren graduell und realitätsgerecht
korrigierenden Reaktionen auf seine Äußerungen werden von ihm
verinnerlicht und ermöglichen ihm im günstigen Fall die schrittweise
Umwandlung seiner archaischen Größen- und Allmachtsphantasien
in ein gesundes Selbstvertrauen, in realitätsgerichtete Ambitionen
und in die exhibitorische Freude an der eigenen Aktivität, d.h. an
deren Zurschaustellung. Auch die idealisierten Elternfiguren werden zunehmend
realistischer gesehen und die mit diesen verbundenen Vorstellungen als
Grundlage seiner leitenden Ideale durch den Heranwachsenden verinnerlicht.
In diesem zweispurigen Prozeß entwickeln sich aus dem Kern-Selbst
die entscheidenden psychischen Inhalte oder Gestaltungen,
auf die sich unsere Selbstliebe richtet, die beiden wesentlichen Bestandteile
oder "Pole" unseres Selbst:
a) der exhibitorische Pol des Selbst (das grandiose Selbst), der das Gefühl
und die Überzeugung der eigenen Einmaligkeit, die damit verbundenen
Vorstellungen und Erfahrungen und die Freude an deren Zurschaustellung
umfaßt, und
b) der idealisierte Pol des Selbst (die idealisierten Strukturen), der
in den eigenen leitenden Idealen besteht und im Erfolg der Bemühungen,
im eigenen Wollen und Handeln diesen zu entsprechen.
Diese beiden Pole bilden fortan den inneren Kern des Individuums und fallen
mit dessen tiefster und innigster Wahrnehmung seiner selbst zusammen.
Sie bilden die Grundlage der inneren Erfahrung, von der wir sagen "das
bin ich".12
Das Selbstgefühl des Menschen ist umso runder und einheitlicher,
und seine Selbstliebe richtet sich umso vollständiger auf seine ganze
Person, je stabiler und autonomer die beiden Pole seines Selbst ausgebildet
sind, je mehr die Strebungen des exhibitorischen Pols und die Forderungen
des idealisierten Pols aufeinander bezogen und ihrem Inhalt nach kompatibel
sind und je besser es dem Ich gelingt, ihren oft gegenläufigen Ansprüchen
gleichzeitig Rechnung zu tragen und sie so gemeinsam zu erfüllen.
Das entsprechende narzißtische Gleichgewicht wird somit, auch im
Fall einer optimalen Kindheitsentwicklung, nicht etwa ein für alle
Male etabliert; auch das erwachsene Individuum braucht zu seiner Aufrechterhaltung
weiterhin Möglichkeiten zur Spiegelung eigener Äußerungen
und zur Bestätigung des eigenen Wertes.
Kohuts theoretische Konzepte gehen (im Gegensatz zu denen der frühen
Psychoanalyse) davon aus, daß das Wirken des Menschen nicht bloß
auf Ziele direkter, verschobener oder sublimierter Triebbefriedigung ausgerichtet
ist, sondern in gleichem Maß auch die Erfüllung und den Ausdruck
des eigenen Selbst - d.h. seiner beiden Pole - anstrebt. Erlaubt es die
psychoanalytische Triebtheorie, die künstlerische Schöpfung
als Ausdruck sublimierter Triebbefriedigung zu deuten, so läßt
sich das Kunstwerk unter dem Gesichtspunkt der Narzißmustheorie
Kohuts als Gestalt und Ausdruck des Selbst, d.h. der Ambitionen und Ideale
eines Künstlers und seiner Zeit verstehen.
Wir werden später noch ausführlicher auf Kohuts Theorie zurückkommen,
vor allem auf seine Untersuchung der Bedingungen, unter denen die Entwicklung
eines stabilen Selbstgefühls gelingt oder scheitert und auf seine
Analyse der Reaktionen, mit denen ein entsprechend Geschädigter versucht,
dem Verlust seines Selbstgefühls und seines narzißtischen Gleichgewichtes
entgegenzuwirken; auch diese Bedingungen und Reaktionen wollen wir nämlich
zur künstlerischen Entwicklung, vor allem zu der unserer Gegenwart,
in Beziehung setzen. Vorerst begnügen wir uns jedoch damit, in Kohuts
Konzept der zweipoligen Struktur und Dynamik des Selbst die psychologische
Entsprechung unserer beiden künstlerischen Prinzipien zu erkennen.
Wir übernehmen dieses als eine der theoretischen Grundlagen unserer
weiteren Untersuchungen und stellen damit fest: Jedes Kunstwerk lebt aus
der Spannung zwischen den Ansprüchen exhibitorischer Strebungen und
den Forderungen idealisierter Strukturen, die in ihm zur Geltung kommen.
Die elementare Herausforderung künstlerischen Schaffens besteht in
der Verbindung dieser beiden Prinzipien zu einer homogenen Gestalt.
Der kulturelle Aspekt
Eine deutliche Entsprechung zu unseren beiden Prinzipien ergibt sich aus
der sozialen und kulturellen Bedingtheit unserer Existenz und aus dem
Wesen der menschlichen Sprache, das diese Bedingungen spiegelt. Jeder
Mensch ist sowohl ein unverwechselbares und einmaliges Individuum, als
auch Mitglied einer Gesellschaft, die er in seiner Person vertritt. So
gegensätzlich ihre jeweiligen Ansprüche auch scheinen mögen,
so sind doch Gesellschaft und Individuum untrennbar miteinander verbunden.
Sie sind nicht nur aufeinander angewiesen, sondern bilden letzten Endes
zwei Aspekte ein und derselben Erscheinung. Jedes menschliche Verhalten
hat sowohl individuellen als auch gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht
zu werden, doch durchdringen sich diese in einer so vielfältigen
und verwickelten Art und Weise, daß sich ihre gegenseitige Beziehung
in Form eines einfachen Gegensatzes nicht erschöpfend ausdrücken
läßt. So sieht Kant in "der ungeselligen Geselligkeit
der Menschen", d.h. "im Hang derselben, in Gesellschaft zu treten,
der doch mit einem durchgängigen Widerstande verbunden ist... das
Mittel, dessen sich die Natur bedient, die Entwicklung aller ihrer Anlagen
zustande zu bringen."13
Dadurch, daß jeder Mensch seine leitenden Ideale als objektive,
d.h. auch unabhängig von ihm gültige Werte erlebt, können
verschiedene Menschen dieselben Ideale vertreten. Gemeinsame Ideale verbinden
diejenigen, die sie miteinander teilen, zu einer Gemeinschaft und bilden
damit eine der Grundlagen jeder Kultur. Sie repräsentieren gewissermaßen
den sozialen und integrierenden Aspekt unserer psychischen Struktur. Demgegenüber
ermöglicht es das Erlebnis eigener subjektiver Strebungen und Ambitionen
dem Einzelnen, sich als Zentrum eigener Initiative und Aktivität
zu erfahren und sich als Individuum von seinen Mitmenschen abzugrenzen,
aber auch auf sie einzuwirken.
Obwohl diese beiden gegensätzlichen Tendenzen unserer Psyche oft
zueinander in Widerspruch treten, sind an jedem Verhalten immer beide
beteiligt. Der Gegensatz zwischen dem Individuellen und dem Allgemeinen
entspricht damit nicht der Gegenüberstellung von Individuum und Gesellschaft;
wie Arnold Hauser so schön sagt, verläuft die Grenze, an der
das soziale und das individuelle Prinzip, das Allgemeine und das Einmalige
aufeinanderstoßen, mitten durch jedes einzelne Individuum. In diesem
Sinn erlaubt die gesellschaftliche Entsprechung unserer beiden künstlerischen
Prinzipien interessante Einblicke in die Art ihrer gegenseitigen Bedingtheit.
Jede Gemeinschaft gründet auf einer Reihe von Übereinkünften
und Maximen, die das Verhalten ihrer einzelnen Mitglieder im Hinblick
auf kollektiv angestrebte Ziele regeln. Diese Konventionen und Gesetze
strukturieren das Verhalten aller Mitglieder der jeweiligen Gemeinschaft
und machen damit für jeden Einzelnen das Verhalten der anderen relativ
verständlich, voraussehbar und - im Rahmen der bestehenden Ordnung
und der eigenen Möglichkeiten - auch beeinflußbar. Diese Konventionen
bilden die Voraussetzung jeder gesellschaftlichen Kommunikation und jeder
Kooperation. Sie können jedoch ihre Funktion nur dann erfüllen,
wenn sie für alle verbindlich sind, d.h. eingehalten werden. Zu diesem
Zweck werden sie idealisiert und ihre Nichtbeachtung wird mit Sanktionen
belegt, die von Spott oder Verachtung bis zu eigentlichen Strafen reichen
können.
Nicht nur Modeströmungen, Anstandsregeln, Brauchtum und Gesetze,
ethische und ästhetische Prinzipien, Moral und guter Geschmack
- auch das Wissen und die Technik, über die eine Gesellschaft verfügt,
setzen sich aus einer Vielfalt solcher Ordnungen zusammen. Deren Geltung
wird in den meisten Fällen sowohl durch rationale als auch durch
irrationale Werte und Argumentationen legitimiert. Damit unterscheiden
sie sich voneinander nicht nur nach der Art ihrer Funktion, sondern auch
nach dem emotionalen Wert, die sie für den Einzelnen und die Gesellschaft
besitzen.
Jeder Einzelne nimmt mehr oder weniger bewußt zur Vielfalt bestehender
Konventionen und Maximen Stellung, wobei er sich im Interesse der eigenen
Integrität darum bemüht, ihre gegenseitige Kohärenz und
Übereinstimmung zu stärken, um sie miteinander zu einer umfassenden,
übergeordneten Struktur zu verbinden. Zu diesem Zweck ordnet er sie
entsprechend der Bedeutung, die er ihnen zumißt: einzelne verwirft
er, andere nutzt er pragmatisch, wieder andere verinnerlicht er und macht
sie damit im wahren Sinne des Wortes zu seinen eigenen. Doch konfrontiert
die Gesellschaft den Einzelnen nicht nur mit Gesetzen und Konventionen;
sie bietet ihm innerhalb dieses Rahmens auch eine bestimmte Anzahl von
Möglichkeiten, seine Triebansprüche und seine exhibitorischen
Strebungen und Ambitionen zu befriedigen. Auch unter diesen hat er diejenigen
zu wählen, die er sich zu eigen macht.
Die zweifache Auswahl, die er damit trifft, bestimmt nicht nur den Freiraum,
den er seinen Triebansprüchen und seinen exhibitorischen Strebungen
gewährt und die besondere Form ihrer jeweiligen Ausgestaltung, sondern
sie bildet auch die Grundlage seines sozialen und individuellen Selbstverständnisses.
Wir wissen alle aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, diese Auswahl
kohärent zu gestalten und sowohl mit dem idealisierten und dem exhibitorischen
Pol unseres Selbst, als auch mit unserem sozialen Umfeld in Übereinstimmung
zu bringen.
In gleicher Weise versucht auch jede Gesellschaft, ihre Interessen und
Ambitionen - genau genommen die ihrer Mitglieder - mit der mehr oder weniger
kohärenten Ordnung ihrer vielfältigen idealisierten Strukturen
in Übereinstimmung zu bringen und sowohl ihre Strebungen als auch
ihre Werte einem leitenden Paradigma zu unterstellen. Dies führt
zu einem dialektischen Prozeß, in dem der individuelle Freiraum
und die Rechte ihrer Mitglieder dauernd den Forderungen der gesellschaftlichen
Strukturen angepaßt werden. Der Wandel, dem die beiden Pole des
kollektiven Selbst einer Gesellschaft dabei unterzogen werden, spiegelt
sich in der jeweiligen kulturellen Entwicklung.
Der größte Teil geltender gesellschaftlicher Konventionen sind
älter als die Individuen, deren Verhalten sie regeln. Der Heranwachsende
findet sie bereits vor. Er wird nicht nur von außen, sondern auch
von innen her durch sie bedingt, denn im Verlauf der langen Kindheitsperiode,
während der er in Abh_ngigkeit von seinen Eltern lebt, hat er das
grundlegende Prinzip jeder gesellschaftlichen Konvention - "handle
stets in Übereinstimmung mit der Gesellschaft" - weitgehend
verinnerlicht. Eben deshalb ist jede gesellschaftliche Konvention immer
auch individuell geprägt. Schließlich erfüllt sich ihre
Wirklichkeit immer im Bewu§tsein und im Verhalten einzelner Individuen
und findet nur durch diese ihre kollektive Gestalt.
Das läßt sich schön am Beispiel der Sprache veranschaulichen.
Sie ist das Resultat der Verschmelzung ihrer überlieferten Regeln
und Konventionen mit den zwar subtilen und minimalen, jedoch unablässigen
Neuerungen der Individuen, die sie gebrauchen. Der Beitrag des Einzelnen
beschränkt sich also nicht nur darauf, durch Befolgung und Nutzung
bestehender Konventionen eigene Ziele zu erreichen - im Falle der Sprache
also etwas auszusagen oder zu verstehen, mit anderen zu kommunizieren
- sondern trägt immer auch entweder zur Bestätigung und Stabilisierung
oder aber zur Modifizierung dieser Konventionen und Strukturen bei. Wenn
solche Modifizierungen von bestimmten Gruppen innerhalb einer Gemeinschaft
übernommen werden, bilden sich kollektive Varianten einer Struktur,
die Idiome der allgemeinen Sprache aus. So liegt auch der Sprache (wie
jeder gesellschaftlichen Konvention) eine zweipolige Dynamik zugrunde,
lebt sie doch aus der Spannung zwischen einem allgemeinen und einem individuellen
Prinzip, aus der Spannung zwischen Ordnung und Spontaneität.
Jede Kunstgattung verfügt auf Grund der im Verlauf ihrer Geschichte
gebildeten Konventionen über eine durch ihr jeweiliges Medium bedingte
Sprache. Diese stellt die vorgefundene kollektiv bedingte Struktur dar,
derer sich der Künstler bedient und deren Entwicklung er dabei mitbestimmt.
Auch wenn er später eine "eigene" Sprache findet, so definiert
der Künstler dabei lediglich einige der bisherigen Regeln neu und
drückt sich immer noch in der allgemeinen Sprache, wenn auch in einer
Variante derselben, aus. Auch jede neue künstlerische Sprache ist
nur in dem Maße verständlich und damit brauchbar, als sie Gesetzmäßigkeiten
befolgt, deren Kohärenz und innere Logik die Grundlage neuer Konventionen
bilden könnte.
Diese Regeln sind - wie die jeder gesellschaftlichen Konvention - sowohl
funktionell als auch ideell bestimmt. Sie dienen nicht nur der Funktion
der Verständigung - der Äußerung des Künstlers, also
der Erfüllung seiner exhibitorischen Strebungen - sondern verkörpern
auch davon unabhängige rationale und irrationale Werte. Damit erlauben
sie dem Künstler, seine Äußerungen zu diesen Werten in
Beziehung zu setzen und gleichzeitig mit seiner Exhibition auch idealisierten
Forderungen zu genügen.
Die Sprache jedes künstlerischen Mediums hat einen wesentlichen Aspekt
mit unserer Lautsprache gemein. In dieser verbinden sich Laut und Bedeutung.
Diese Verbindung zwischen Sinnlichem und Geistigem ist gleichsam der Schöpfungsakt
jeder menschlichen Sprache. Erst sie erlaubt es dem Geistigen, in eine
sinnliche Dimension zu treten, und bildet damit die mediale Voraussetzung
der künstlerischen Erfahrung, in der das Geistige sinnliche Gestalt
annimmt und mit dieser eins wird.
Auf Grund dieser Äquivalenz und Interaktion von Sinnlichem und Geistigem
können im Rahmen einer künstlerischen Gestaltung ästhetische,
ethische oder logische Regeln stellvertretend und abwechslungsweise füreinander
eintreten und damit zu Trägern derselben Bedeutung werden. In diesem
Sinn wird z.B. der emotionale Platz der Moralvorschriften in der Kunst
(unter anderem) durch einen ästhetischen Kanon übernommen. Auch
Kohut weist darauf hin, daß der Künstler aus der Unterwerfung
seiner individuellen Äußerungen unter eine Reihe ästhetischer
Regeln ein Gefühl der Befriedigung und Sicherheit schöpft, das
der moralischen Befriedigung verwandt ist, recht gehandelt zu haben.14
Er folgt dabei seinen inneren Maßstäben von Schönheit
- dem ästhetischen Äquivalent des idealisierten Pols seines
Selbst. Damit rechtfertigt er seine Exhibition, erhöht
sie gewissermaßen und verbindet in seinem Werk die Strebungen seiner
beiden Pole zu einer einheitlichen Gestalt.
Dem wirklich schöpferischen Künstler gelingt es dabei, sowohl
den Bereich des Schönen, der idealisierungswürdigen Vorstellungen
und Inhalte, als auch den der gesellschaftlich akzeptierten individuellen
Ansprüche und Freiheiten über die bisher bekannten Grenzen hinaus
zu erweitern. Da in der Kunst Aussage und Form eine untrennbare Einheit
bilden, schafft er damit gleichzeitig immer auch neue sprachliche
Strukturen, die selbst zur Aussage werden. "The medium is the message"
- auf seinen eigentlichen Wahrheitsgehalt zurückgestutzt, nämlich
auf "The medium is a message", findet McLuhans Aphorismus eine
überzeugende Bestätigung in den Werken der Kunst.
These II: Der zyklische Verlauf der künstlerischen Entwicklung
Ich faße die Moderne als ein eigenes kulturelles Zeitalter auf,
das sich als solches mit der griechisch-römischen Antike (5. Jh.
v. Chr. - 4. Jh.), dem Mittelalter (4. - 13. Jh.) oder der Neuzeit (14.
- 19. Jh.) vergleichen läßt. Ein Blick auf diese Jahreszahlen
macht deutlich, daß die Dauer dieser Zeitalter sukzessive abnimmt.
Die Moderne, deren Beginn ich um 1870 ansetze,15 scheint sich bereits
jetzt ihrem Ende zuzuneigen und wird das 21. Jahrhundert wohl kaum überleben.
Diese schwindende Lebensdauer ergibt sich aus der zunehmenden Beschleunigung
der kulturellen Entwicklung. Daß die Moderne kurz ist, stellt ihren
Status als Zeitalter nicht in Frage.
Nach Brockhaus ist ein Zeitalter der größte, durch die Aus-
und Nachwirkungen eines bestimmten Ereignisses, einer Persönlichkeit
oder einer Idee bezeichnete historische Zeit-Raum. In diesem Sinn ist
ein kulturelles Zeitalter sowohl zeitlich als auch geographisch begrenzt.
In Anlehnung an die Kohut'sche Theorie könnte man sagen: Jedes kulturelle
Zeitalter steht im Zeichen einer umfassenden idealisierten Vorstellung,
die mit ihren Werten und Maßstäben jeweils nicht nur für
den Menschen, sondern direkt oder indirekt für das ganze Universum
Geltung beansprucht; diese bildet nicht nur die Grundlage für das
soziale Zusammenleben der Menschen innerhalb einer gegebenen Gesellschaft,
sondern fällt auch mit der religiösen Vision zusammen,
welche die Kluft zwischen Mensch und Welt überbrückt und beide
zu einem größeren Ganzen verbindet.
Die griechische und römische Antike wurde durch die Idee des Unteilbaren,
des Individuums und des Atoms bestimmt; das christliche Mittelalter durch
den Glauben an die Ewigkeit, an Menschengott und Jenseits; die Neuzeit
durch die Idee des Genies, des allmächtigen Gottmenschen und der
vollständigen Beherrschung der Naturkräfte; die Moderne schließlich
durch den Glauben an die Wissenschaft, d.h. an die rational faßbare,
durchgehende Determiniertheit und Einheit allen Seins. Wie man sieht,
übernimmt jedes Zeitalter wesentliche Aspekte der ihm vorangegangenen
Ideen, unterwirft sie jedoch einer grundlegenden Wandlung.
Die jeweiligen Paradigmata prägen das Selbst- und Weltbild ihrer
Zeitgenossen und vermitteln individuellen und kollektiven Ambitionen Sinn,
Maß und Orientierung; sie bilden die geistige Grundlage jeweiliger
Kulturen und finden in deren Kunst in repräsentativer Weise Gestalt
und Ausdruck.
Dabei vollzieht sich ein dialektischer Prozeß. Einerseits wird das
jeweilige Paradigma durch die Folge seiner künstlerischen Ausgestaltungen
Veränderungen unterworfen; andererseits wirken die davon unabhängigen
Veränderungen des Paradigmas auf die künstlerischen Ausgestaltungen
zurück. Dieses Wechselspiel zwischen einem Welt- und Selbstbild und
seiner gestalthaften Verdichtung im Kunstwerk treibt die künstlerische
Entwicklung voran.
Diese läßt sich mit der eines menschlichen Lebenslaufes vergleichen
und kann wie ein solcher unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet
und gedeutet werden. Die leitende Idee eines Zeitalters ist begrenzt durch
Geburt und Tod. Keimhaft ist sie schon im geistigen Erbe des vorherigen,
zu Ende gehenden Zeitalters enthalten. Mit der Setzung eines neuen Ideals
tritt sie in die Geschichte ein: Sie eröffnet ihre eigene Ära.
Sie durchläuft Kindheit und Jugend (ihre archaische Epoche) und erreicht
mit der Volljährigkeit die klassische Stufe ihrer Entwicklung: Alle
Zweifel werden abgestreift; ihre Ausgestaltungen sind klar, eigenwillig
und unmißverständlich. Die neue Idee hat ihre eigene Sprache,
ihre eigene Gemeinschaft und ihre eigenen Konventionen gefunden. Diese
werden von den nachfolgenden Generationen auf ihre Brauchbarkeit geprüft,
den eigenen Ausdrucksbedürfnissen angepaßt und auf vielfältige
Art und Weise angewandt und abgewandelt. Die gestalterischen und expressiven
Möglichkeiten des neuen, einst unbekannten Paradigmas sind schließlich
ausgeschöpft. Trotz wiederholter Regenerierungsversuche verliert
dieses mit der Zeit immer mehr an Glaubwürdigkeit und Anziehungskraft,
bis es schließlich durch eine neue Vision, durch ein neues Paradigma
ersetzt wird.
Damit vollzieht sich ein vertrauter Ablauf. Seit je ist der Mensch mit
"der erschreckenden Weite, Ungewißheit und Rätselhaftigkeit
der Natur und des Kosmos"16 konfrontiert; seit je versucht er, das
Geheimnis seiner Existenz zu lüften, eine Brücke zum Unfaßbaren,
zur Vielfalt und zur Grenzenlosigkeit des Universums zu schlagen; seit
je versucht er, das Wesen des Seins deutend zu erfassen.
Die Entdeckung eines dafür grundsätzlich neuen Ansatzes, eines
neuen Paradigmas, weckt die unerhörte Hoffnung, zu guter Letzt doch
noch hinter das ewige Geheimnis zu kommen, und setzt damit eine neue Entwicklung
in Gang. Im Verlauf ihrer ersten Phase scheint diese Entwicklung die in
sie gesetzten Hoffnungen auch zu erfüllen; das neue Paradigma erweist
sich als ein fruchtbares und überzeugendes Prinzip und eröffnet
bisher ungeahnte Möglichkeiten, dem Herz der Dinge näher
zu kommen. Doch in dem Maß, in dem diese Möglichkeiten in all
ihren Aspekten und unter jedem erdenklichen Gesichtspunkt Zug um Zug genutzt
werden, stellt sich vorerst die Ahnung, dann die Gewißheit ein,
daß sich die Distanz zum letzten Seinsgrund dabei nicht verringert
hat, daß das Geheimnis unangetastet geblieben ist.
"Es ist, als ob sich die Wirklichkeit immer hinter den Vorhängen
befinde, die man wegreisst...Ç, schreibt Giacometti, "...
es ist noch eine andere da... immer noch eine andere. Doch habe ich den
Eindruck, oder die Illusion, daß ich täglich Fortschritte mache.
Dies treibt mich an, als ob es wahrhaftig gelingen sollte, den Kern des
Lebens zu begreifen. So fährt man fort, wohl wissend: je näher
man der "Sache" kommt, umso weiter rückt sie weg. Die Distanz
zwischen mir und dem Modell nimmt ständig zu; je mehr man sich nähert,
um so weiter entfernt sich die "Sache". Es ist ein Suchen ohne
Ende.17
Schwindet im Kollektiv diese Illusion, täglich Fortschritte zu machen,
so neigt sich der Zyklus seinem Ende zu. Das Paradigma des Zeitalters
hat sich offenbart und ist im kollektiven Bewußtsein integriert,
ist Teil des kulturellen Erbes einer Gemeinschaft geworden. Der menschliche
Geist hält Ausschau nach neuen Dimensionen, nach neuen Versprechen.
Die kulturelle Entwicklung wird von einer allgemeinen Erwartungshaltung
und einer fast manischen Experimentierfreudigkeit geprägt. Die Zeit
ist reif für ein neues Paradigma.
Es ist klar, daß dieser zyklische Verlauf in jeder Kultur eine jeweils
besondere Ausgestaltung erfährt. Die künstlerische Produktion
eines Zeitalters stellt ein aufschlußreiches Zeugnis der jeweiligen
Entwicklung dar. In seinem Aufsatz Kreativität, Charisma, Gruppenpsychologie
spricht Kohut im Zusammenhang mit der psychologischen Deutung geschichtlicher
Prozesse die Vermutung aus, daß die Erforschung von Individuen,
die auf den Verlauf der Geschichte entscheidenden Einfluß hatten,
nur in Grenzen zu einer wissenschaftlich gültigen Erklärung
der Geschichte im Rahmen der Tiefenpsychologie beitragen könne. Er
meint, daß die Psychoanalyse neue Zugangswege finden müsse,
wenn sie umfassendere Erklärungen geschichtlicher Abläufe liefern
wolle. "Ich schlage vor," schreibt er in Bezug zum historischen
Prozeß, "die Existenz einer zentralen psychischen Konfiguration
von Gruppen - nennen wir sie das Gruppen- Selbst - anzunehmen,
analog zum Selbst des Individuums. Wir können dann beschreiben, wie
das Gruppen-Selbst sich bildet, wie es zusammengehalten wird, wie es zwischen
Zerfall und neuer Festigung schwankt, wie es auf dem Weg zum Zerfall sich
regressiv verhält usw. -- alles in Analogie zu Erscheinungen der
Psychologie des Individuums, die wir in der psychoanalytischen Behandlungssituation
ja verhältnismässig leicht beobachten können."18
Kohut ist sich der Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens bewußt
und fragt, ob es überhaupt möglich sei, verläßliche
Daten dieser Art - d.h. Daten, die eine Gruppe über sich selbst erhebt
- zu erhalten. Die künstlerische Produktion einer kulturellen Gemeinschaft
und die Art und Weise ihrer Rezeption scheint mir mit ihrer kontinuierlichen
und einsehbaren Entwicklung derartige Daten zu liefern.
Die Periodizität dieser Entwicklung, die Konstante ihres zyklischen
Ablaufs, der mit der Archaik beginnt, zur Klassik führt und nach
dem Barock seinen Abschluß findet, ist von verschiedenen Kunsthistorikern
sowohl im Werk individueller Künstler als auch in der Geschichte
kollektiver Bewegungen oder ganzer Kulturepochen aufgezeigt worden.19
Obwohl sich meine Auffassung dieses zyklischen Verlaufs in wesentlichen
Punkten von der meiner Vorgänger unterscheidet (unter anderem auch
darin, daß ich diesen aus psychischen Voraussetzungen und Bedingungen
erkläre), bin ich wie sie überzeugt, daß sich eine derartige
Periodizität sowohl in der knstlerischen Entwicklung der griechisch-römischen
Antike als auch in der des Mittelalters und der Neuzeit nachweisen läßt
und daß diese Rückschlüsse auf das sich wandelnde Selbst-
und Weltverständnis der jeweiligen Kulturen erlaubt; darüber
hinaus nehme ich an, daß die kulturelle Entwicklung, in der wir
selbst stehen, einem ähnlichen Muster folgt.
Diese Annahme und die damit verbundene Überzeugung, daß die
Moderne mit ihrem grundsätzlich neuen Paradigma als ein eigenes Zeitalter
zu betrachten sei, bildet meine zweite These.
These III: Die vier künstlerischen Grundhaltungen
Kunst ist eine Form geistiger Wirklichkeitsbewältigung; mit seinen
Gestaltungen beantwortet der Künstler in metaphorischer Form vier
elementare Fragen:
- Was ist wirklich?
- Wie hängt alles zusammen?
- Wie gehöre ich selbst dazu?
- Was hat das Ganze für einen Sinn?
Diese Fragen sind aufs engste miteinander verknüpft. Sie selbst
bilden das eigentliche Thema, ihre Beantwortung den Inhalt
der künstlerischen Aussage. So verfolgt der Künstler vier Ziele,
denen vier künstlerische Grundhaltungen oder Einstellungen entsprechen.
Mit einer Ausnahme lassen sich diese nach den Stilrichtungen benennen,
in denen sie im 19. Jahrhundert ihren ausgeprägtesten künstlerischen
Ausdruck gefunden haben.
- Die empirische oder realistische Haltung zielt darauf, die äußere,
sichtbare Wirklichkeit wahrzunehmen, ihre wesentlichen Aspekte zu erkennen
und in Besitz zu nehmen, d.h. sie in der Vorstellung neu erstehen
zu lassen.
- Die bildnerische oder strukturelle Haltung zielt darauf, die äußere,
sichtbare Wirklichkeit zu verstehen und zu ordnen, d.h. die Prinzipien
zu erkennen und aufzuzeigen, nach der die einzelnen Erscheinungen miteinander
verbunden und aufeinander abgestimmt sind, und auf Grund derer sie sich
als Teile eines zusammenhängenden und umfassenden Ganzen erfahren
lassen.20
- Die expressive oder romantische Haltung zielt darauf, die innere, unsichtbare
Wirklichkeit wahrzunehmen und auszudrücken, d.h. sichtbar zu machen.
- Die idealistische oder symbolistische Haltung zielt darauf, die innere,
unsichtbare Wirklichkeit zu deuten und zu bewerten, d.h. zu einem allgemeinen
und umfassenden Sinn in Beziehung zu setzen.
In der künstlerischen Praxis treten diese Haltungen nie isoliert
auf, sondern gehen untereinander vielfältige Verbindungen ein; dabei
übernimmt jeweils eine dieser Haltungen die führende Rolle.
Sie dominiert dann die jeweiligen Werke oder Richtungen und bestimmt deren
Ausdruck und Charakter. Üblicherweise bleiben die Künstler der
einmal gewählten Grundhaltung treu; doch kommt es vor, daß
sie diese im Lauf ihrer individuellen Entwicklung zu Gunsten einer anderen
Grundhaltung aufgeben. In diesem Sinn wechselte z.B. Picasso von der idealistisch-symbolistischen
Haltung seiner blauen Periode zur strukturellen Haltung des
von ihm gemeinsam mit Braque entwickelten Kubismus.
Trotz derartiger Gesinnungswechsel prägen die vier Grundhaltungen
die künstlerische Entwicklung der Moderne in Form von vier unterschiedlichen,
parallel verlaufenden Entwicklungslinien. Der künstlerische Zyklus
eines Zeitalters läßt sich somit nicht nur in seine aufeinanderfolgenden
Phasen (Archaik, Klassik, Barock, usw.), sondern auch in die Entwicklungslinien
der vier unterschiedlichen Tendenzen gliedern.
Das Koordinatensystem
Die beiden letzten Thesen - die Annahme eines zyklischen Entwicklungsverlaufs
und die Annahme der vier unterschiedlichen künstlerischen Grundhaltungen
- bilden in Form von zwei kreuzweise übereinander gelagerten Strukturen
ein Koordinatennetz. Dieses erlaubt, das Werk einzelner Künstler
innerhalb der Entwicklung der Moderne psychologisch und stilistisch einzuordnen
und zu dem anderer Künstler in eine überblickbare Beziehung
zu setzen.
Der Verlauf eines kulturellen Entwicklungszyklus kann durch äußere
Einflüsse (durch Kriege, Naturkatastrophen oder durch den Zusammenstoß
mit fremden Kulturen) verändert, gestört oder gar zum Stillstand
gebracht werden. Aus diesem Grund läßt sich mein zyklisches
Modell trotz seiner inneren Logik und Regelhaftigkeit nicht auf jedes
kulturelle Zeitalter anwenden; es erlaubt keine verbindlichen Aussagen
über die Zukunft. Doch in Bezug zur künstlerischen Entwicklung
der Moderne kann die Brauchbarkeit dieser ordnenden und erklärenden
Struktur erwiesen werden.
